TANKARD - FAT, UGLY & LIVE
"From Frankfurt to Frisco, we destroy every disco" (Tankard, "Disco Destroyer", 1999)
In Anlehnung an die sogenannten Big 4 des US-amerikanischen Thrash Metals, also die sowohl erfolgreichsten als auch einflussreichsten Acts Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax, hat auch der deutsche Thrash-Kosmos mit Kreator, Sodom, Destruction und Tankard seine vier großen Vertreter mittlerweile im Szenekanon etabliert - die sich hinsichtlich der Verkaufszahlen im Vergleich mit ihren Kollegen aus Übersee ganz bestimmt in einer völlig anderen Dimension bewegen, deren Einfluss, vor allem auf die skandinavische Death Metal- und Black Metal-Szene hingegen kaum zu unterschätzen ist. Egal, wer sich seit Beginn der neunziger Jahre in Schweden, Norwegen und Finnland in einem Proberaum traf und zu einer Band zusammenschloss, sie alle haben ihre DNA-Stränge mit dem primitiven Gebolze und der unberechenbaren Chaos-Ästhetik von "Pleasure To Kill" (Kreator), "Obsessed By Cruelty" (Sodom) und "Sentence Of Death" (Destruction) tapeziert. Im Vergleich mit einem Ruhrgebiet-Assi wie Tom Angelripper galten Typen wie James Hetfield oder Dave Ellefson als geleckte und durchgestylte Schönlinge, ganz zu Schweigen von den arschfidelen Anthrax in den berüchtigten bunten Bermudashorts und mit ihren musikalischen Ausflügen in den Hip Hop. Wer den frühen Black Metal in erster Linie als Gegenbewegung zur professionellen Vermarktung von Heavy Metal-Bands begreift, wird nur mäßig davon überrascht sein, dass die emotionale Verbindung zur als außer Rand und Band und "gefährlich" wahrgenommenen deutschen Thrashszene eine herausragende Bedeutung hatte.
Tankard fremdelten mit dieser Gesellschaft ein wenig - und sie tun es streng genommen bis heute. Einerseits entschied sich die Band trotz des überraschenden Erfolgs ihres vierten Studioalbums "The Meaning Of Life" (1990) schon früh dazu, keine professionelle Musikerkarriere zu verfolgen und es also geschäftlich insgesamt etwas gemächlicher angehen zu lassen, was eine grundsätzlich geringere Präsenz im Metalzirkus bedeutet. Sie MÜSSEN also nicht wie viele andere jeden Scheiß mitmachen, sie suchen sich aus, welchen Scheiß sie mitmachen WOLLEN. Und diese daraus resultierende Glaubwürdigkeit kann man hören. Zum anderen setzten die Frankfurter ab der Stunde Null auf ein komplett anderes Image als viele ihrer (nicht nur) deutschen Weggefährten. Keine Lederfummel und schwere Patronengurte, keine Kriegs- und Kampf-Ästhetik, keine Weltuntergangsszenarien - stattdessen: Saufen und gude Laune, oleee, oleee. Der Titel ihres zweiten Demotapes aus dem Jahr 1985 hieß "Alcoholic Metal", und damit war die eingeschlagene Richtung für die nächsten Jahrzehnte eigentlich erschöpfend auserzählt. Selbst wenn immer wieder mal ernste gesellschaftliche oder gar politische Themen in ihren Texten auftauchten, und ich will das auf keinen Fall unter den Tisch fallen lassen, blieben Tankard immer der eher heiteren, unbeschwerten Seite des Lebens zugeneigt. Unterstützung bekam das Bild von den stilprägenden Artworks von Sebastan Krüger, der in Tankards Blütezeit von 1987 bis 1994 für einige ihrer bis heute legendären Cover verantwortlich war.
All das fügt sich auf "Fat, Ugly & Live" zusammen, in meinem Buch eines der besten Livealben aller Zeiten. Und gleichzeitig ist die 1991 veröffentlichte LP eines der unterschätztesten Livealben aller Zeiten, denn das ist die Sache: mit einem solchen Image hat man es in Metalkreisen traditionell schwer, wirklich ernstgenommen zu werden, und es wird nicht einfacher, wenn sich die Protagonisten selbst alles andere als ernst nehmen. Tankard wurden wegen ihres Auftretens, ihrer Texte und ihrer Musik von der oftmals unfreiwillig komischen Szenepolizei belächelt, und ganz vielleicht war genau das der Band am Ende des Tages gar nicht so irre unangenehm, weil es ihnen die Freiheit gab, genau so zu sein, wie sie eben waren. Nur wenig bildet Tankards Attitüde einerseits und die Atmosphäre innerhalb der deutschen Metalszene zu Beginn der 1990er Jahre andererseits so gut ab wie "Fat, Ugly & Live". Das auf Konzerten in Bochum und Frankfurt mittgeschnittene Album fängt die bombastische Stimmung in den Clubs perfekt ein und spiegelt das sowohl rebellische als auch identitätsstiftende "Wir gegen die"-Gefühl ab dem ersten Ton. Symbolisch sei auf die Ansage Gerres zum Song "We Are Us" verwiesen:
"Ihr habt sicherlich alle mitbekommen, in den Medien findet im Moment eine unglaubliche Hetzkampagne gegen Heavy Metal und insbesondere Thrash Metal statt. Was haltet ihr davon?"Publikum: "Scheiiiiße!""Waaaaas?""Scheiiiiiße!""Okay. Wir können nur eins dazu sagen: Wir scheißen auf diese ganze scheiß Spießermoral. Wer sind diese Leute überhaupt? Wir wissen, wer sie sind: Who are you? We Are Us!"
Und derart agitiert möchte mein Reptiliengehirn selbst heute noch während des anschließenden Songs am liebsten die komplette Inneneinrichtung meines 3,40qm großen Kartoffelackers zu Püree verarbeiten, denn es gibt beinahe keinen besseren Soundtrack dazu. Tankards Musik war nie für Komplexität und technische Raffinesse angelegt, stattdessen bekam man mit mindestens 300bpm immer ordentlich den Arsch versohlt und wurde ansatzlos umgewichst. Lieb gemeint, natürlich. "Fat, Ugly & Live" ist rowdyhaft, außer Kontrolle - und voller Leben. Es macht einfach unglaublich großen Spaß, diese Platte zu hören.
Zu Dokumentationszwecken und damit das mal gesagt ist. schreibe ich es jetzt hier und heute und für alle Ewigkeit mal so ganz nonchalant hin: Tankard sind Deutschlands beste Thrashband.
Vinyl und so: Die Erstpressung von 1991 im Gatefold-Cover und mit einem erneut wunderbaren Artwork von Sebastian Krüger ist für um die 30 Euro zu bekommen. Ein Repress ist weit und breit nicht in Sicht. Dass Noise "Fat, Ugly & Live" für das im Jahr 2022 erschienene Boxset "For A Thousand Beers" mit der kompletten Werkschau vom Debut "Zombie Attacke" bis hin zu "The Tankard" (1995) komplett unter den Tisch fallen ließen, ist ein absoluter Skandal.
Weiterhören: "The Meaning Of Life" (1990), "Chemical Invasion" (1987), "Disco Destroyer" (1999)
Trivia: Zwischen 1997 und 2005 spielte Herr Dreikommaviernull in einer Frankfurt Band namens Broken zusammen mit zwei Urgesteinen der Frankfurter Thrashszene, die ein paar Jahre zuvor mit ihrer Band Think Of Misery im Untergrund einigen Staub aufwirbeln konnten; das Album "Poverty Is No Disgrace" gilt heute in eingeweihten Kreisen als äußerst obskure Perle des deutschen Thrash Undergrounds. Wir probten im Frankfurter Marbachbunker, wo auch Tankard jahrelang ihren Proberaum hatten. Meine beiden Mitstreiter hatten freilich unzählige Geschichten aus den gemeinsamen Zeiten auf Lager. Eine ganz besonders schöne davon möchte ich hier aus der Perspektive des Ich-Erzählers dokumentieren. Ich nenne (fast) keine Namen.
"Tankard haben mal im Frankfurter Volkbildungsheim gespielt, und ich war an dem Abend der Roadie für'n Arnulf (Tunn, damaliger Tankard-Schlagzeuger). Ich hab alles uffgebaut, alles war ferddich. Dann bin ich mit so 'ner Alten auf die Empore im Vobi und hab' mit der rumgemacht und dabei gar nicht mitbekommen, dass Tankard schon angefangen hatten zu Zocken. Nach so 'ner dreiviertel Stunde denk ich auf einmal so "SCHEISSE! DE' ARNULF!" und renne runter zu ihm. Der sah nicht gut aus. Der hackt da rum und schreit mich an: "WASSER! WASSER!" und ich war so aufgeregt, dass ich zwei Flaschen Sprudel genommen hab und einfach über ihm ausgekippt hab'. Und dann sehe ich nur, wie die beiden Drumsticks *flup*...*flup* durch die Gegend flogen. Fand er net so geil, der Arnulf."
Erschienen auf Noise Records, 1991.









