27.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #148: Sigur Rós - Ágætis Byrjun





SIGUR RÓS - ÁGÆTIS BYRJUN


"Thank God that we didn't die young" (Kevin Morby)



Ich höre "Ágætis Byrjun" heute zum ersten Mal seit über 24 Jahren. Und ich tu's mit großem Widerwillen. Denn eigentlich hatte ich "Ágætis Byrjun" aus meinem Leben verbannt und mit der Entscheidung auch irgendwann meinen Frieden gemacht. Ich habe nichts gegen Sigur Rós, gar nichts.  Ich bin für Sie sogar mal nach Hamburg gefahren, um sie live bewundern zu können, und bis zur Mitte der 2000er Jahre war es völlig selbstverständlich, ihre Platten nicht nur zu kaufen, sondern sie auch noch zu hören. Womit sich nun aber erst recht die Frage stellt: warum taucht eine Platte, die ich seit fast einem Vierteljahrhundert (uff!) nicht hören wollte, in meiner Bestenliste der Neunziger auf? Das klingt ja absurd. Als ob nicht noch locker 50 Alben Schlange stehen würden, um in meine Hall Of Fame zu rutschen - und dann schreibe ich stattdessen lieber über ein vermeintliches Album Non Grata? Zunächst mal: von "lieber" kann hier nicht die Rede sein. Tatsächlich würde ich lieber reich bebilderte Aufsätze über eitrige Geschlechtskrankheiten oder über die Vorzüge eines Atomkriegs schreiben, ganz ehrlich. 


Um sogleich den naheliegendsten Gedanken zur möglichen Begründung zu versenken, hier ginge es dann ja sicherlich um eine Art objektiver Chronistenpflicht, weil "Ágætis Byrjun" eben ein wichtiges und wegweisendes Album ist, das in derlei Kontexten einfach erwähnt werden müsse: Objektivität mein Arsch, wir sind hier schließlich nicht bei Springers Musikexpress. Tatsächlich liegt der Grund für diese sehr ungewöhnliche Situation auf der genau gegenüberliegenden Seite der Objektivität - es wird persönlich. Strenggenommen wird es gar zu persönlich.  


Das zweite Album Sigur Rós' erreichte die Welt der Herzallerliebsten und meiner Wenigkeit irgendwann im Herbst des Jahres 2000, und wir waren uns sicher, eine solche Musik bis dato noch nie gehört zu haben. Es verdrehte uns die Köpfe. "Ágætis Byrjun" klang wie aus einer anderen Welt. Buchstäblich außerirdisch und damit nicht zu decodieren. Ihre Musik wirkte märchenhaft und fremdartig auf uns. Die in der erfundenen Sprache "Hopelandic" gesungenen Töne, Laute, und im weiteren Sinne "Worte" spielten hinsichtlich jener Wahrnehmung sicherlich eine große Rolle, aber auch darüber hinaus hatte die Band eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt. Jayson Greene schrieb in seiner 2019er Besprechung auf Pitchfork.com, das Album sei in erster Linie ein Siegeszug durch die Arrangement- und Engineering-Fakultäten, bevor Greene anschließend ein wenig pseudowissenschaftlich wurde, als er die ornamentalen Sounds als "special effects" bezeichnete, die mit dem Gehirn ausschließlich über eine Dopamin-Flutung kommunizierten. Das ist immerhin mehr, als mir einfiele; ich würde es bis heute nicht mal auf ein unteres Level irgendeines "pseudos" bringen, sondern mich beim Versuch, den Mechanismus von "Ágætis Byrjun" nebst seiner Wirkungsweise auf die tiefer liegenden emotionalen Schichten zu beschreiben, im dunklen Esoterik-Märchenwald verlaufen. Offen gesagt bin ich damit auch schlicht überfordert. Ich habe eine vage Ahnung von der Verbindung, die "Ágætis Byrjun" ins Innere aufbaut, aber mir fehlen die Kapazitäten, dafür die angemessenen Worte zu finden - ein starkes Stück für jemanden, der seit dreißig Jahren über Musik schreibt. Aber weil ich der Überzeugung bin, die Kapitulation vor der eigenen Ahnungslosigkeit sollte öfter eine echte Alternative zu besinnungslosem Gequalle sein, lass ich den vorangegangenen Satz mal so stehen. 


Freilich ist es in solchen Fällen umso verlockender, sich den Allgemeinplätzen hinzugeben, aber kein Mensch will doch heute noch was über den Cellobogen lesen, mit dem Jón Þór Birgisson seine Gitarre spielt. Und niemand will 2026 noch das ubiquitäre Gefasel über Postrock, das unvermeidliche "Kopfkino" und den aufgepompten Kitsch, der manches Mal perfekt zur emotional anrührenden Schlusszene eines Walt Disney-Films passen würde - auch das eine Wahrheit dieses Albums - reingedrückt bekommen. "Ágætis Byrjun" ist wirklich das theatralische, wunderliche, immersive, visionäre Wunderwerk, für das es die Mehrheit derer halten, die selbst im Jahr 2026 noch ganz bei Trost sind, sowas soll's geben. Es ist dabei in seinen aufmunternden und erhebenden Grundtönen mehr Dur als Moll, eine fürs umklammernde Genre eher ungewöhnliche Charakteristik. Sigur Rós ließen kurz vor dem Release der Platte über einen Eintrag auf ihrer Website mitteilen, sie würden dann mal schnell die Musikwelt aus den Angeln heben: 


"We are simply gonna change music forever, and the way people think about music.” 


- und ich denke, sie hatten einen Punkt. Aber solche Geschichten haben wir in den letzten 27 Jahren nun schon wirklich tausendfach gesehen und gehört. Was über "Ágætis Byrjun" geschrieben werden musste, wurde geschrieben. Womit der Zeitpunkt gekommen ist, in den persönlichen Teil dieses Beitrags einzutreten. 


"Ágætis Byrjun" war im Januar 2002 der Auslöser für den wohl größten emotionalen Kollaps meines Lebens. Der Krebs war zurück, ich hatte zu jeder wachen Sekunde Schmerzen, seit Monaten nicht mehr als drei Stunden pro Nacht geschlafen und wegen anhaltender Blutarmut einen Teint wie Porzellan. Ich war also rundherum ein völliges Wrack - das sich zur vermeintlichen Linderung von all jenen Malheurs täglich für eine Stunde in die heiße Badewanne legte und dabei laute Musik hörte. Sich in derlei desolaten Verfassungen ausgerechnet mit Klängen zu konfrontieren, die ob ihrer Intensität und Dramatik schon bei optimistischeren Darstellungen der mentalen Wandbemalung eine Herausforderung fürs Gemüt sein können, ist aus heutiger Sicht eine durchaus zweifelhafte Entscheidung, aber damals hatte ich den Eindruck, es wäre vor allem die Musik von Sigur Rós, die mir, für was auch immer, helfen könne. Ich kann heute nicht mehr so recht einsortieren, was genau passierte, aber als eines Nachmittags in der Badewanne ihr Song "Viðrar Vel Til Loftárása" lief, bekam ich jeden Boden unter den Füßen weggezogen und durchlebte einen kapitalen Meltdown. Mit viel (verlogener) Zuversicht könnte ich mich im Abstand von 24 Jahren eventuell dazu hinreißen lassen, von einer Katharsis zu sprechen, aber eigentlich war alles rock bottom. Und das Gefühl, was bis heute beim Gedanken an diesen Tag vorherrscht ist ebenfalls rock bottom. Da gibt es absolut nichts darunter - und auch absolut nichts darüber. 


Das war also das letzte Mal, dass ich "Ágætis Byrjun" hörte. 

Bis heute. 

Dabei wird es bleiben.




Vinyl und so: Es herrscht weitgehend Konsens, dass die Pallas-Pressung aus dem Jahr 2021 über das bandeigene Label Krúnk mit dem originalen Coverartwork die ultimative Version dieses Albums ist. Klanglich stimme ich in den Chor der bewusstlos Begeisterten ein, "Ágætis Byrjun" klingt hier wirklich absolut fantastisch. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass wenigstens meine Kopie auf der ersten Hälfte der D-Seite einige größere Probleme mit Non-Fills aufweist, die nur schwer zu ignorieren sind. Das Album ist in allen noch erhältlichen Vinyl-Versionen teuer (das heißt: über 40 Euro), daher empfehle ich den Kauf bei einem Händler, der Retouren und Ersatzlieferungen unkompliziert über die Bühne bringt. Vor wenigen Tagen erschien zum 50.Geburtstag von Rough Trade ein ebenfalls von Pallas hergestelltes 4-LP Set, das neben dem regulären Album auch noch das in Reykjavík mitgeschnittene "Live at Íslenska Óperan"-Konzert aus dem Jahr 1999 beinhaltet. Für schlappe 85 Euro seid ihr dabei. ¯\_(ツ)_/¯



Weiterhören: "Takk" (2005), "()" (2002)





Erschienen auf Smekkleysa, 1999.



19.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #149: Autopsy - Mental Funeral (1991)




AUTOPSY - MENTAL FUNERAL


"You ever hear voices in your head that tell you to do really horrible Things like...I dunno, maybe go and see a Limp Bizkit reunion concert or something...DON'T LISTEN TO THOSE!" (Chris Reifert)



Mein Verhältnis zu Death Metal, ich hatte es bereits mehrfach angesprochen, lässt sich am besten mit "ambivalent" beschreiben. Wenn ich großzügig bin, könnte ich möglicherweise maximal 40 Bands des Genres aufzählen, die mich nachhaltig beeindruckten - und über 80% davon zählen zur so einflussreichen wie erfolgreichen ersten Welle, die ab dem Ende der 1980er Jahre bis in die frühen Neunziger hinein wirkte. Wenigstens jener letztgenannte Aspekt überrascht nicht, denn das vollständige Eintauchen in meine Metal-Sozialisation via der monatlichen Lektüre von Szenemagazinen wie dem Rock Hard oder dem Metal Hammer fällt exakt in dieses Zeitfenster. So bekam ich früh von allem Wind, was der Untergrund gerade so ausbrütete und spätestens, als der legendäre Redakteur des Metal Hammers namens "Death Metal Norberto" in seiner Rezension zu "Spiritual Healing" von Death davon schrieb, Slayers "South Of Heaven" sei im direkten Vergleich ein lauwarmer Furz über dem Donnerbalken des Heavy Metal, eine Einschätzung, die ich auch 36 Jahre später immer noch uneingeschränkt teile, war klar: ich musste das hören. So stand also eines Tages der zwölfjährige Florian in der Musikabteilung des hiesigen Neckermanns und ließ sich von der Dame hinter dem Reinhörschalter eben "Spiritual Healing" zum Antesten auflegen. Und es kam, wie es kommen musste: diese erste faszinierende Begegnung mit Death Metal führte zu einem weiteren Taschengeldverlust von achtzehn Mark und außerdem zur weiterführenden Prüfung von Familientherapieangeboten meiner Eltern. Und irgendwie macht sowas ja etwas mit einem Menschen, einem sehr jungen zumal. In meinem direkten Umfeld gab es absolut niemanden, mit dem ich meine Gedanken dazu teilen konnte, aber dafür hatte ich Typen wie Frank Albrecht aus dem Rock Hard, der mir nicht nur jeden Monat von allen neuen Death Metal-Bands und ihren Platten berichtete, sondern fast noch wichtiger: einen Einblick in diese so junge und florierende Szene gab. Ich habe den Aufstieg des Genres praktisch ab der Stunde Null live miterlebt, und selbst wenn ich bei Weitem nicht alles davon hören oder lieben konnte und ohnehin noch viel zu jung für Konzerte war, war es für meine Selbstfindung und Orientierung wichtig. Ich gehörte dazu, ohne wirklich dazu zu gehören. 


"Meine Jungs. Das sind meine Jungs!" (Wayne's World) 


Dass ich eben noch Death erwähnte, öffnet in gewisser Weise auch das Türchen zu Autopsy. Deren Gründer, Schlagzeuger und Sänger Chris Reifert trommelte nämlich sowohl auf dem 1986er Death-Demo "Mutilation" als auch auf dem ein Jahr später erschienenen Debutalbum "Scream Bloody Gore", einem der ersten Werke aus der Death Metal-Ursuppe. Die Wege von Death und Reifert trennten sich, als die Band von Kalifornien zurück nach Florida zog und Reifert in San Francisco blieb um dort 1987 Autopsy zu gründen. 


Autopsy im Allgemeinen und Chris Reifert im Speziellen gehören in meinem Buch zu den großen Visionären des Death Metal. Es kommt nicht von ungefähr, dass Autopsy von einer Vielzahl damaliger Weggefährten wie beispielsweise Cannibal Corpse, Deicide, Pestilence oder Entombed als großer Einfluss auf die eigene Musik genannt werden, mit besonderem Fokus auf das 1991 erschienene zweite Album "Mental Funeral". Schon das zwei Jahre zuvor veröffentlichte Debut "Severed Survival" war im damaligen Klima und der Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden eine echte Ausnahmeerscheinung, weil es eben nicht Geschwindigkeit, sondern Atmosphäre in den Mittelpunkt rückte. Autopsy konnten zerstörerisch schnell und chaotisch sein, wenn sie wollten, aber ihr eigentlicher Shtick waren die zähen, fiesen, doomschlürfigen Ausflüge in abgründigste Sumpfgebiete mit ihren walzenden und disharmonischen Riffkaskaden, die die Stimmung auf ihren Alben so extrem unangenehm, morbide, trostlos und furchteinflößend machten. Obwohl die Band nach eigener Aussage keine Ahnung hatte, was sie im Nebel aus Alkohol und Marihuana bei den Aufnahmen zu "Mental Funeral" tatsächlich anstellte, gehört das Ergebnis zu den formvollendesten Beispielen des Gestörten-Metals. Möglicherweise haben wir hier sogar die Geburtsstunde von Sludge Metal und Death Doom. 


Ein Sound wie ein langsam im kalten Boden verrottender Sarg. Wie das berstende Holz eines verlassenen Piratenschiffs in der dunkelsten Nacht im Pazifik. Wie glühender Torf. Keine Kompromisse. Kein Licht. Keine Liebe. Stattdessen primitives Dachschadengeschepper, schleppendes Amöbengekrieche und verstörendes Kloakengeschrei über Nekrophilie. Selbst in der sich zwar damals noch entwickelnden, aber mit extremen Auswüchsen ja nun beileibe nicht unvertrauten Death Metal-Szene war "Mental Funeral" kurz nach Veröffentlichung alles andere als unumstritten. Wer sich vergegenwärtigt, wie im Vergleich die gerade erfolgreich werdenden Obituary zu jener Zeit klangen, wird davon kaum überrascht sein; im Vergleich mit "Mental Funeral" klingt Obituarys "The End Complete" wie ein pubertärer Messdienerpups. Als die Band auf den beiden Nachfolgern "Acts Of The Unspeakable" (1992) und dem berüchtigten "Shitfun" (1995) mit noch abstoßenderen Coverartworks und extremeren, von Punk, Hard- und Grindcore beeinflussten Sounds sogar noch weiter aufdrehte und sich im gleichen Maße von dem abgrenzte, was im Metal allmählich salonfähig wurde, wurde es nur noch offensichtlicher, was die echten Fans schon lange wussten: Autopsy sind the real deal. 



Vinyl und so: "Mental Funeral" wurde von Peaceville ab dem Jahr 2010 immer wieder mal neu aufgelegt. Der zuletzt erschienene Repress mit leicht verändertem Cover und einem Remastering von 2017 ist noch für um die 30 Euro zu haben. Wer die Originalpressung sucht, muss aktuell um die 100 Euro ausgeben. Ich weiß nicht, wie das Remaster klingt, aber wenn man mich fragt, sollte "Mental Funeral" grundsätzlich von derlei Eskapaden verschont bleiben. 


Weiterhören: "Severed Survival" (1989), "Acts Of The Unspeakable" (1992) 


P.S.: Die Band ist nach ihrer zwischenzeitlichen Auflösung im Jahr 1995 seit Ende der 2000er Jahre wieder aktiv, veröffentlicht neue Alben und tourt weltweit.


 



Erschienen auf Peaceville, 1991.


12.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #150: Tankard - Fat, Ugly & Live (1991)




TANKARD - FAT, UGLY & LIVE


"From Frankfurt to Frisco, we destroy every disco" (Tankard, "Disco Destroyer", 1999)



In Anlehnung an die sogenannten Big 4 des US-amerikanischen Thrash Metals, also die sowohl erfolgreichsten als auch einflussreichsten Acts Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax, hat auch der deutsche Thrash-Kosmos mit Kreator, Sodom, Destruction und Tankard seine vier großen Vertreter mittlerweile im Szenekanon etabliert - die sich hinsichtlich der Verkaufszahlen im Vergleich mit ihren Kollegen aus Übersee ganz bestimmt in einer völlig anderen Dimension bewegen, deren Einfluss, vor allem auf die skandinavische Death Metal- und Black Metal-Szene hingegen kaum zu unterschätzen ist. Egal, wer sich seit Beginn der neunziger Jahre in Schweden, Norwegen und Finnland in einem Proberaum traf und zu einer Band zusammenschloss, sie alle haben ihre DNA-Stränge mit dem primitiven Gebolze und der unberechenbaren Chaos-Ästhetik von "Pleasure To Kill" (Kreator), "Obsessed By Cruelty" (Sodom) und "Sentence Of Death" (Destruction) tapeziert. Im Vergleich mit einem Ruhrgebiet-Assi wie Tom Angelripper galten Typen wie James Hetfield oder Dave Ellefson als geleckte und durchgestylte Schönlinge, ganz zu Schweigen von den arschfidelen Anthrax in den berüchtigten bunten Bermudashorts und mit ihren musikalischen Ausflügen in den Hip Hop. Wer den frühen Black Metal in erster Linie als Gegenbewegung zur professionellen Vermarktung von Heavy Metal-Bands begreift, wird nur mäßig davon überrascht sein, dass die emotionale Verbindung zur als außer Rand und Band und "gefährlich" wahrgenommenen deutschen Thrashszene eine herausragende Bedeutung hatte.  


Tankard fremdelten mit dieser Gesellschaft ein wenig - und sie tun es streng genommen bis heute. Einerseits entschied sich die Band trotz des überraschenden Erfolgs ihres vierten Studioalbums "The Meaning Of Life" (1990) schon früh dazu, keine professionelle Musikerkarriere zu verfolgen und es also geschäftlich insgesamt etwas gemächlicher angehen zu lassen, was eine grundsätzlich geringere Präsenz im Metalzirkus bedeutet. Sie MÜSSEN also nicht wie viele andere jeden Scheiß mitmachen, sie suchen sich aus, welchen Scheiß sie mitmachen WOLLEN. Und diese daraus resultierende Glaubwürdigkeit kann man hören. Zum anderen setzten die Frankfurter ab der Stunde Null auf ein komplett anderes Image als viele ihrer (nicht nur) deutschen Weggefährten. Keine Lederfummel und schwere Patronengurte, keine Kriegs- und Kampf-Ästhetik, keine Weltuntergangsszenarien - stattdessen: Saufen und gude Laune, oleee, oleee. Der Titel ihres zweiten Demotapes aus dem Jahr 1985 hieß "Alcoholic Metal", und damit war die eingeschlagene Richtung für die nächsten Jahrzehnte eigentlich erschöpfend auserzählt. Selbst wenn immer wieder mal ernste gesellschaftliche oder gar politische Themen in ihren Texten auftauchten, und ich will das auf keinen Fall unter den Tisch fallen lassen, blieben Tankard immer der eher heiteren, unbeschwerten Seite des Lebens zugeneigt. Unterstützung bekam das Bild von den stilprägenden Artworks von Sebastan Krüger, der in Tankards Blütezeit von 1987 bis 1994 für einige ihrer bis heute legendären Cover verantwortlich war. 


All das fügt sich auf "Fat, Ugly & Live" zusammen, in meinem Buch eines der besten Livealben aller Zeiten. Und gleichzeitig ist die 1991 veröffentlichte LP eines der unterschätztesten Livealben aller Zeiten, denn das ist die Sache: mit einem solchen Image hat man es in Metalkreisen traditionell schwer, wirklich ernstgenommen zu werden, und es wird nicht einfacher, wenn sich die Protagonisten selbst alles andere als ernst nehmen. Tankard wurden wegen ihres Auftretens, ihrer Texte und ihrer Musik von der oftmals unfreiwillig komischen Szenepolizei belächelt, und ganz vielleicht war genau das der Band am Ende des Tages gar nicht so irre unangenehm, weil es ihnen die Freiheit gab, genau so zu sein, wie sie eben waren. Nur wenig bildet Tankards Attitüde einerseits und die Atmosphäre innerhalb der deutschen Metalszene zu Beginn der 1990er Jahre andererseits so gut ab wie "Fat, Ugly & Live". Das auf Konzerten in Bochum und Frankfurt mittgeschnittene Album fängt die bombastische Stimmung in den Clubs perfekt ein und spiegelt das sowohl rebellische als auch identitätsstiftende "Wir gegen die"-Gefühl ab dem ersten Ton. Symbolisch sei auf die Ansage Gerres zum Song "We Are Us" verwiesen:


"Ihr habt sicherlich alle mitbekommen, in den Medien findet im Moment eine unglaubliche Hetzkampagne gegen Heavy Metal und insbesondere Thrash Metal statt. Was haltet ihr davon?"

Publikum: "Scheiiiiße!"  

"Waaaaas?"

"Scheiiiiiße!"

"Okay. Wir können nur eins dazu sagen: Wir scheißen auf diese ganze scheiß Spießermoral. Wer sind diese Leute überhaupt? Wir wissen, wer sie sind: Who are you? We Are Us!"


Und derart agitiert möchte mein Reptiliengehirn selbst heute noch während des anschließenden Songs am liebsten die komplette Inneneinrichtung meines 3,40qm großen Kartoffelackers zu Püree verarbeiten, denn es gibt beinahe keinen besseren Soundtrack dazu. Tankards Musik war nie für Komplexität und technische Raffinesse angelegt, stattdessen bekam man mit mindestens 300bpm immer ordentlich den Arsch versohlt und wurde ansatzlos umgewichst. Lieb gemeint, natürlich. "Fat, Ugly & Live" ist rowdyhaft, außer Kontrolle - und voller Leben. Es macht einfach unglaublich großen Spaß, diese Platte zu hören. 


Zu Dokumentationszwecken und damit das mal gesagt ist. schreibe ich es jetzt hier und heute und für alle Ewigkeit mal so ganz nonchalant hin: Tankard sind Deutschlands beste Thrashband. 



Vinyl und so: Die Erstpressung von 1991 im Gatefold-Cover und mit einem erneut wunderbaren Artwork von Sebastian Krüger ist für um die 30 Euro zu bekommen. Ein Repress ist weit und breit nicht in Sicht. Dass Noise "Fat, Ugly & Live" für das im Jahr 2022 erschienene Boxset "For A Thousand Beers" mit der kompletten Werkschau vom Debut "Zombie Attacke" bis hin zu "The Tankard" (1995) komplett unter den Tisch fallen ließen, ist ein absoluter Skandal.


Weiterhören: "The Meaning Of Life" (1990), "Chemical Invasion" (1987), "Disco Destroyer" (1999) 



Trivia: Zwischen 1997 und 2005 spielte Herr Dreikommaviernull in einer Frankfurt Band namens Broken zusammen mit zwei Urgesteinen der Frankfurter Thrashszene, die ein paar Jahre zuvor mit ihrer Band Think Of Misery im Untergrund einigen Staub aufwirbeln konnten; das Album "Poverty Is No Disgrace" gilt heute in eingeweihten Kreisen als äußerst obskure Perle des deutschen Thrash Undergrounds. Wir probten im Frankfurter Marbachbunker, wo auch Tankard jahrelang ihren Proberaum hatten. Meine beiden Mitstreiter hatten freilich unzählige Geschichten aus den gemeinsamen Zeiten auf Lager. Eine ganz besonders schöne davon möchte ich hier aus der Perspektive des Ich-Erzählers dokumentieren. Ich nenne (fast) keine Namen. 

"Tankard haben mal im Frankfurter Volkbildungsheim gespielt, und ich war an dem Abend der Roadie für'n Arnulf (Tunn, damaliger Tankard-Schlagzeuger). Ich hab alles uffgebaut, alles war ferddich. Dann bin ich mit so 'ner Alten auf die Empore im Vobi und hab' mit der rumgemacht und dabei gar nicht mitbekommen, dass Tankard schon angefangen hatten zu Zocken. Nach so 'ner dreiviertel Stunde denk ich auf einmal so "SCHEISSE! DE' ARNULF!" und renne runter zu ihm. Der sah nicht gut aus. Der hackt da rum und schreit mich an: "WASSER! WASSER!" und ich war so aufgeregt, dass ich zwei Flaschen Sprudel genommen hab und einfach über ihm ausgekippt hab'. Und dann sehe ich nur, wie die beiden Drumsticks *flup*...*flup* durch die Gegend flogen. Fand er net so geil, der Arnulf."





Erschienen auf Noise Records, 1991.


28.06.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #151: Vicious Rumors - Word Of Mouth (1994)




VICIOUS RUMORS - WORD OF MOUTH


“My best advice to anyone who wants to raise a happy, mentally healthy child is: Keep him or her as far away from a church as you can.” (Frank Zappa)




Musik aus einer komplett anderen Welt. Ich bin eventuell ein ganz kleines bisschen pathologisch dazu veranlagt, meine Wahrnehmung über eine Band wie Vicious Rumors stets in epischer Breite und Penetranz darzulegen - und könnte dabei unmöglich darauf verzichten, die ganz großen Fässer "US Metal" und "Power Metal" ins historische Bild zu rollen. Ich weiß allerdings auch, dass es für meine geschätzten Leserinnen und Leser interessanter ist, Farbe beim Trocknen zuzuschauen, als sich die sowieso schon am Rande der Kapazitätsgrenze dampfende Festplatte mit all dem uralten Remmidemmi weiter vollnageln zu lassen. Aber wir kommen hier sonst nicht weiter, es muss einfach raus. 


Was vielleicht gleich zu Beginn mal raus muss: Vicious Rumors existieren auch heute noch und tingeln auf der kleinstmöglichen Sparflamme durch die Welt. In den letzten dreißig Jahren gab es eine unüberschaubare Anzahl von Besetzungswechseln, eine Sammlung weitgehend egaler Studioalben und zwischen fragwürdig und indiskutabel hin und her pendelnde Interviewaussagen von verschiedenen Bandmitgliedern. Zuletzt erregten Postings des Schlagzeugers Larry Howe auf Social Media Aufmerksamkeit, in denen er sich als rechtes MAGA-Arschloch outete. Nach einigem Gezerre und angedrohten Konzertabsagen seitens der Veranstalter wurde Howe schließlich aus der Band geworfen, aber man wird das Gefühl nicht los, es hier in erster Linie mit einer Businessentscheidung zu tun zu haben, als mit einer ehrlichen Abgrenzung von rassistischem Scheißdreck. Ich bin mir daher auch nach Monaten des Abwägens immer noch nicht sicher, ob es eine schlaue Entscheidung ist, Vicious Rumors in meinen Countdown aufzunehmen. Jetzt sind wir zwar hier, aber der Zweifel bleibt - story of my life. 


Then again: das ist nicht nur Musik aus einer anderen Welt, das war auch mal eine völlig andere Band. Im Rückblick erscheint es mir manchmal so, als wäre die ganze frühneunziger Zeitachse aus einem Bizarro-Paralleluniversum herausgeplumpst. Vicious Rumors gehörten zu einem sehr kleinen Kreis von Bands, die Genres wie US Metal und Power Metal zugeordnet wurden, und die über einen kurzen Zeitraum von maximal drei Jahren plötzlich Verträge mit Majorlabels an Land ziehen konnten. Betrachtet man den musikalischen Zeitgeist zum Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre, ist der Umstand mit "kurios" noch sehr zurückhaltend beschrieben, aber in den Chefetagen von Epic, Atlantic und Elektra gab es offensichtlich Menschen, die es Bands wie Metal Church und eben Vicious Rumors zutrauten, genau das Publikum abzuholen, das sich noch unbewusst eine Mischung aus Metallica und Bon Jovi wünscht. Und für jene bei Temu gekaufte Horror-Definition von Power Metal bekomme ich von nächstbesten Szenefossil garantiert den Arsch versohlt, aber wer weiß, vielleicht steh' ich ja drauf?! Ha!


Vicious Rumors waren mit ihrem 1985 erschienenen Debut "Soldiers Of The Night" und dessen Nachfolger "Digital Dictator" aus dem Jahr 1987 bereits eine Kultband: die Kritiker überschlugen sich, und eine kleine, aber überaus loyale Fanbase wich der Band fortan nicht mehr von der Seite. An einen Erfolg im Mainstream war indes nicht mal im Traum zu denken: ihre Musik war nicht nur zu gleichen Teilen (zu) heavy und (zu) verspielt, sie hatten zudem ab "Digital Dictator" mit Carl Albert einen zwar wirklich überragenden Sänger in ihren Reihen, dessen Stimme aber eher etwas für den fortgeschrittenen Kenner als für den klassischen Ottonormalrocker war. Und wie man eine von den immerhin offensichtlichsten Metal-Klischees befreite Musik vor allem in Amerika hätte vermarkten wollen, würde mich auch im Jahr 2026 noch immer sehr interessieren. 


Das selbstbetitelte dritte Album (1990) sowie das nur ein Jahr später veröffentliche "Welcome To The Ball" erschienen dann tatsächlich auf dem Majorlabel Atlantic Records. Qualitativ hatte die Band bis dahin eine makellose Diskografie zu bieten, die aber im Zuge des Triumphzugs von "Nevermind" praktisch über Nacht wertlos wurde. Wer auch immer dem Kreis von Unterstützern bei Atlantic zuzurechnen war, verlor den Job und wurde mit Managern ersetzt, die erstens den Auftrag erhielten, die nächsten Nirvana zu finden und die zweitens mit progressiv angehauchtem Power Metal mal so gar nichts an der Frisur hatten - und haben durften. Vicious Rumors waren in Rekordgeschwindigkeit zu ärgerlichem Ballast geworden - und Ballast muss entfernt werden. Was folgerichtig das Ende ihres kurzen Major-Intermezzos bedeutete. 


Die Band gab indes nicht auf, sondern kam für ihr nächstes Album "Word Of Mouth" beim kleinen deutschen Label Rising Sun Productions unter, das zu jener Zeit eine Art Auffangstation für die aufs Abstellgleis verfrachteten ehemaligen Majorbands wie Metal Church und Riot wurde. Aus geschäftlicher Sicht war das freilich eine Bruchlandung, und zusammen mit dem damaligen Zeitgeist, der alles, was sich auch nur entfernt nach Metal anfühlte als lächerliches Relikt eines untergegangenen Zeitalters in die nächstbeste Senkgrube ballern wollte, war die Band kommerziell mausetot. Künstlerisch betrachtet erschienen zu jener Zeit aber einige der besten Metalalben aller Zeiten, und "Word Of Mouth" hat sich seinen Platz in dieser Liste verdient. Es ist tragisch, wie wenige Metalfans das 1994 noch mitbekommen haben. 


"Word Of Mouth" ist trotz (oder gerade wegen) der widrigen Umstände ein sensationelles Album. Die Band hat den Härtegrad ihrer Musik nochmal deutlich nach oben geschraubt - ich bestaune auch nach über dreißig Jahren noch immer das dicke Brett, das das Riff von "All Rights Reserved" bohrt, Heilig's Blechle! - was gemeinsam mit den heruntergestimmten Gitarren, den ungewöhnlichen Gesangsharmonien und einem bemerkenswert aufgefrischten Melodieverständnis den Vibe der Aufnahmen zwar dezent, aber spürbar in modern wirkende Bereiche des Alternative Rocks verschiebt, ohne dabei weder den einzigartigen Stil der Band noch die Virtuosität ihrer Musiker auch nur im Ansatz zu beschädigen. Zwischen tiefergelegten Erdkern-Groovern wie eben "All Rights Reserved" und "Thinking Of You" platzieren sich ganz selbstverständlich melodische Diamanten wie "Thunder And Rain Part 2", das unnachahmliche "The Voice" und das stimmungsvolle und absolut brillant gesungene "Dreaming", womit es der Band gelingt, den so ubiquitär ins Feld geführte "Spagat zwischen Tradition und Moderne" mühelos zu vollführen. "Word Of Mouth" ist die Meisterklasse des Power Metals der neunziger Jahre - und sogar darüber hinaus. 


Sänger Carl Albert verstarb im Jahr 1995 im Alter von 32 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Ein Schock, von dem sich die Band, allen voran Geoff Thorpe, vermutlich bis heute nicht erholt hat. Dass Thorpe trotzdem niemals aufgab und kontinuierlich neue Alben veröffentlicht und Tourneen spielt, nötigt mir durchaus Respekt ab, denn der Absturz, den die Band nach Alberts Tod verkraften musste, war in seiner Tragweite absolut beispiellos. Wer sich das erste Album nach der Tragödie "Something Burning" (1996) angehört hat, oder die Artworks der nachfolgenden Alben kennt, weiß vermutlich, wovon ich spreche. Vielleicht ist es ein bisschen zu dicke, "Word Of Mouth" nicht nur hinsichtlich der Bandkarriere, sondern auch im größeren Kulturkontext als das Ende einer Ära zu bezeichnen. Andererseits: welches Power Metal Album - zur Klarstellung: ich rede von KLASSISCHEM Power Metal der späten 80er bis frühen 90er Jahre; kommt mir hier bloß keiner mit dieser Kinderliedscheiße, die seit den 2000ern unter Power Metal läuft, sonst kotz' ich mich voll! - hat seitdem eine ähnliche Klasse und einen vergleichbaren Impact gehabt? Eben. 


Vinyl und so: Das Spezialistenlabel The Night Of The Vinyl Dead veröffentliche 2019 eine auf 555 Stück limitierte Vinylfassung dieses Klassikers, die heute für etwa 75 Euro zu haben ist. Es ist davon auszugehen, dass hier schlicht die CD-Files auf das Vinyl gezogen wurden, aber immerhin hat man sich bei der Gestaltung des Gatefolds einiges einfallen lassen und einen "Fold-Out"-Mechanismus eingebastelt. Das ist ein nettes und schön gemachtes Gimmick. Nicht so schön: die originale Farbgebung des Artworks in lila und violett und das Bandlogo wurden verändert - und nicht zum Positiven, wie ich anfügen möchte. 


Weiterhören: "Vicious Rumors" (1990), "Digital Dictator" (1987), "Welcome To The Ball" (1991), "A Tribute To Carl Albert" (1996 - Bootleg-Liveaufnahmen der letzten Europatournee mit Carl aus dem Jahr 1994 plus drei bislang unveröffentlichte Bonustracks)


   




Erschienen auf Rising Sun Productions, 1994.


14.06.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #152: Chum - Dead To The World (1996)




CHUM - DEAD TO THE WORLD


"Loneliness isn't being alone, it's when someone loves you and you don't have it in you love them back." (Xiu Xiu)



"Dead To The World" ist ein weiterer Deep Cut aus den neunziger Jahren. Die Band aus Huntington, West Virginia brachte es nur auf ein einziges Album und verschwand zwei Jahre nach dessen Veröffentlichung wieder in der Versenkung. Betrachtet man die stilistische Ausrichtung ihrer Musik mag das nicht überraschen, und dennoch darf die Frage gestellt werden, warum ihnen im musikalischen Klima zur Mitte der Neunziger mit einen solchen Sound nicht mehr, oder etwas gewagter formuliert: alle Türen offen standen. Andererseits waren Chum beileibe nicht die einzige Band, die, obwohl es der Zeitgeist eigentlich gut mit ihnen meinen sollte, irgendwann aufgeben mussten, weil der Siegeszug des Chauvi-New Metals seinen Lauf nahm. 


Damit konnten Chum nicht konkurrieren. Ihr tiefergelegter Breitwandriffhausen-Mix mit Einflüssen von Helmet, Only Living Witness, Faith No More (mit Überhangmandat zur etwas weniger experimentellen Phase ab "King For a Day, Fool For A Lifetime"), Quicksand und Dearly Beheaded wurde mit verschachtelt-progressiven Elementen angereichert, was unter anderem dazu führte, dass offensichtliche Hits für das US-amerikanische Radio nicht mal ansatzweise eine Rolle spielten. Zudem brachte die in diesen überaus dick gewebten Grooveteppich eingehäkelte Komplexität ein hohes Intensitätsniveau mit sich. Es kann hier also auch mal ungemütlich, kratzbürstig, noisig und emotional, ich traue mich fast nicht, es hier hinzuschreiben: herausfordernd zugehen - und so eine Mischung führt bis heute nur in Ausnahmefällen zu einem Bestseller. 


"Dead To The World" ist in exakt richtig dosierten Momenten ultraheavy und wirkt durch die klare und ausdrucksstarke Stimme von John Lancaster - ich erlaube mir an dieser Stelle, eigentlich unzulässige Parallelen zum Timbre eines Mike Patton hervorzuheben - zugleich zerbrechlich. Sowas klickt immer mit mir, und zwar ab Sekunde Eins. Keine übertriebene Härte, keine Effekthascherei, kein affektiertes Muskelflexen, keine Klischees. In "Kindling Kind", einem der zahlreichen Höhepunkte des Albums und seit Jahrzehnten sicherer Stammgast auf sämtlichen Florian'schen Mixtapes und Playlists unter dem Rubrum "Rock with a capital R", walzt sich die Band durch alles, was mir lieb und teuer ist: am offenen Feuer geschmiedete Riffs und Grooves, von denen man sich wünscht, man hätte sie selbst geschrieben, gekonnt inszenierte Laut/Leise-Dynamik und ein Arrangement, das spielerisch und wie von Zauberhand die Auflösung aus dem Groove-Dickicht findet und gegen Ende eine unnachahmliche Wucht und Vehemenz entwickelt. 


It doesn't get much better than this, really. 



Vinyl: 1996 erschien "Dead To The World" ausschließlich in der CD-Fassung. 2025 nahmen sich Outer Orbit Records ein Herz und veröffentlichten das Albums in zwei Farbvarianten (schwarz und gelb-schwarz-Galaxy) erstmals auf Vinyl. Das ist gut. Eher schlecht: der Vertrieb läuft exklusiv über Outer Orbits, beziehungsweise über den angeschlossenen Plattenladen Orbit's Recordshop in Barboursville, West Virginia. Die Platte ist mit 23 Dollar wirklich sehr moderat bepreist, aber die Versand- und Zollgebühren killen das freilich wieder. Es wird also nicht billig. Gut: der Inhaber des Ladens und des Labels ist mit einigen Mitgliedern von Chum befreundet und kann, sofern gewünscht, Sänger John Lancaster die Platte signieren lassen. Mittelgut: zum dreißigjährigen Jubiläum von "Dead To The World" erscheint im Sommer 2026 eine neue, auf ein Doppelalbum erweiterte Fassung des Albums, auf der vier bislang unveröffentlichte Songs aus den Aufnahmesessions auftauchen. Außerdem gibt es ein neues Coverartwork. 


Weiterhören: John Lancaster - A Panchent For Hell On Earth (2015), Hyatari - The Light Carriers (2005) 


Zusatzinformation: Die Band arbeitet nach fast dreißigjähriger Pause aktuell an einem neuen Album.


Shoutout an Freund und 90er-Alternative und Indie-Tausendsassa Andi, der mir "Dead To The World" zur Mitte der nuller Jahre ins Körbchen legte.  


 



Erschienen auf Century Media, 1996. 



30.05.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #153: The Cinematic Orchestra - Motion (1999)




THE CINEMATIC ORCHESTRA - MOTION


"In meinen
glücklichen
Augenblicken
fühle ich mich
vom Aussterben
bedroht."
(Wolf Wondratschek)


Das Debutalbum dieser Ende der 1990er Jahre von Jason Swinscoe gegründeten britischen Band ist nicht nur ihr bis dato bestes Werk, sondern in seiner Radikalität in der Verschmelzung von Jazz, Hip Hop und Electronica ein einzigartiger Höhepunkt eines Genres, das eigentlich gar nicht existieren dürfte. Swinscoes Idee, eine echte Band aus Jazzmusikern zusammenzustellen, ihnen zunächst einen riesigen Haufen Samples zum Einüben vor die Füße zu werfen und sie anschließend in stundenlangen Sessions darauf herumimprovisieren zu lassen, bevor er, Swinscoe, sich mit virtueller Schere und Tesafilm an die eigentliche Produktion setzte, indem er Teile jener Sessions auseinanderrupfte und zu einer komplett neuen Einheit zusammensetzte, nachdem er sie mit neuerlichen Samples bearbeitet hatte, war revolutionär - und zugleich so weit von meiner durch Rockmusik bestimmten Sozialisation entfernt, dass mir streng genommen jedes Verständnis dafür fehlt, wie sowas geht. 

Bon, das ist ein bisschen geflunkert; mit beinahe 49 Jahren hat sich der Tunnelblick glücklicherweise mittlerweile eher erweitert als verengt. Aber wenn mir der jahrzehntelange Konsum von Rockmusik nebst ihrer medialen Sprachrohre eines beigebracht hatten, dann war es das Dogma, dass nur im Rock 'n' Roll die "echten" Musiker zu finden seien, die unter Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen ihr Leben dafür opferten, echte, wahre, reine, handgemachte Musik spielen zu dürfen. Verglichen mit dem Musikverständnis eines Jason Swinscoe, seiner musikalischen Weitsicht und seiner Vision, seinem Gespür für Bewusstsein, Geschichte und Auftrag, für Schattierung, Reflexe und Ambiance, erscheint das Rambazamba von der anderen Seite fast wie Trump'sche Höhlenmalerei. 

Ich saß vor vielen Jahren mal mit dem freien Journalisten Jan Künemund in einem Berliner Kneipenboot beim Absacker; unsere Wege kreuzten sich in Frank Schindelbecks Jazzforum über unsere Begeisterung und Faszination für den Jazz - über den Jan übrigens so gut schreiben kann, wie sonst niemand in der Republik, es ist fast schon demütigend, uff. Jedenfalls, auf meine Einlassung hin, just im absoluten Hardcorefieber zu sein, weil mir mein MP3-Player auf der Zugfahrt in die Hauptstadt ein Album der US-amerikanischen HC-Band Since By Man reinshuffelte, hörte ich ein sich offensichtlich unter Schmerzen herausgequältes "aber das ist doch so stumpf?!" von der anderen Seite des Tischs an mein Ohr dringen. Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Stumpf is my house! Forever Stumpf und Stumpf Forever! 

Aber es sind jene Momente wie das bewusste Zuhören bei "Motion", die mich an diese Situation denken lassen. Weil hier jeder Pianoanschlag, jedes Beckenrascheln, jedes Schnarren einer Basssaite, jedes staubige Sample einer kratzenden, alten Schallplatte, jede davon ausgelöste Soundreflektion ein Universum ist. 


Als ich "Motion" nach langen Jahren der erfolglosen Suche nach einer bezahlbaren Vinylversion im Jahr 2020 endlich auf dem Plattenteller liegen hatte und dem Album im Rahmen meiner leider nur kurzlebigen "Die besten Second Hand-Funde"-Serie einen erneuten Besuch abstattete, schrieb ich:

"Mein erstes Zusammentreffen mit "Motion" muss wie bei "In Between" des Berliner Kollektivs Jazzanova etwa zur Mitte der nuller Jahre stattgefunden haben; einer sehr turbulenten Zeit, in der sich mein Leben praktisch alle zwei Wochen neu erfand - und neu erfinden musste. Ich entdeckte elektronische Musik, ich entdeckte Jazz und irgendwie entdeckte ich mich dabei selbst mehr und besser als in den vorangegangenen 28 Jahren. Die innere Befreiung, dass es mehr zu sehen, denken und fühlen gab, öffnete mich im Außen für Inspiration und Neugier. Es brauchte in diesem Zustand keine besondere Anstrengung, mich in einem Album wie "Motion" gleichermaßen zu spiegeln und zu verlieren. Die Atmosphäre aus verdichtetem cut-and-paste Jazz und grobkörniger Electronica entwickelt eine unnachahmliche Dringlichkeit und wirkt spätestens beim Höhepunkt "Night Of the Iguana" wie ein Film Noir-Soundtrack from outer space: fremdartige Bewegungen aus der Tiefe der Nacht, des Raums und der Zeit. Fanfaren, Drama, Kontemplation und Exzess."


Es wird niemals kein Erlebnis sein, diese Platte hören zu dürfen.



Vinyl und so: "Motion" wurde nach der 1999er Erstpressung in den Jahren 2013 und 2020 erneut auf Vinyl veröffentlicht. Die Aufmachung mag etwas minimalistisch sein (ich gönne so einer Platte gerne ein bisschen mehr Lametta), aber der Klang ist super. Für um die 30 Euro sind die Represses aktuell noch zu bekommen. 

Weiterhören: "Every Day" (2002), "Ma Fleur" (2007)





Erschienen auf Ninja Tune, 1999.


17.05.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #154: I Mother Earth - Dig (1993)




I MOTHER EARTH - DIG


"Franz Beckenbauer, die Schlichtgestalt des deutschen Fußballs." (Volker Pispers)


Wer kennt sie nicht, die sehnsuchtsvollen Kommentare auf Youtube unter jenen Videos, die auch nur entfernt etwas mit dem Programm des ehemaligen Musiksenders MTV aus den 1980er und 1990er Jahren zu tun haben; irgendwas mit "Als das 'M' in MTV noch für Musik stand!" (nebenbei, für was steht's denn eigentlich heute?) oder, noch ein bisschen bescheuerter "Als das Fernsehen noch gut war!" - da pflügt die kognitive Dissonanz mal wieder mit einer Armee von Mähdreschern durch die Faszienplantage im Dachgeschoss. Nicht, dass ich den nostalgischen Reflex dahinter nicht verstehen könnte, ich bitte Sie, schauen Sie sich doch hier mal bitte um?! Dennoch war MTV für die besser informierten unter uns, oder passender: für die pessimistischen, überkritischen Armleuchter, für die selbst die rosaroteste Wolke des Universums nie den richtigen Farbton treffen konnte, der Klassenfeind. Industrie, Kommerz, Manipulation, Konsum, Verdrängung von Subkulturen und derer Schutzräume, mediale Gleichschaltung, ein von vorne bis hinten korruptes und verlogenes Investoren-Monstrum, das ein paar potemkinsche Dörfer aus Musikvideos vor die verwüsteten Landschaften aus Werbeblöcken setzt. Andererseits: wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten, und interessanterweise ist das in Sachen MTV damals wie heute eine Wahrheit. Damals gab es für viele von uns nun mal nicht viel anderes, heute gibt es hingegen irrsinnig viel, und irrsinnig viel Irres (i.S.v. absurd durchgedrehtes) obendrein. Dass man sich angesichts desolater Zustände heutiger Kulturräume an die vermeintlich "gute, alte Zeit" zurückerinnern möchte, weil's in den letzten 35 Jahren qua Kapitalismus, Rentenlücke, RTL 2 und zur schlechter Letzt auch noch Fotzenfritz, wir lassen auch echt nichts aus, intellektuell wie moralisch in den Keller ging, ist so verständlich wie erwartbar. But it's the system, stupid. 


Und genau dieses System sagte mir und vielen anderen in den frühen neunziger Jahren, die Sendung "Headbangers Ball" auf MTV anzuschauen, es habe sich schließlich so viel Mühe gemacht, mir diesen fantastisch funkelnden Glitzerstaub in die Augen zu streuen, ich soll doch mal bitte nicht so undankbar sein. Die haben da immerhin Vanessa Warwick in ein mit Totenköpfen und schwarzen Kerzen verziertes Fernsehstudio oder eine matschige Festivalwiese hingestellt, die für die maximal analysierte und also vor allem männliche Fokusgruppe nicht nur attraktiv, sondern auch charmant - Schnittmengen, so wichtig! - für viele Jahre DAS Gesicht MTVs für die europäischen Metalfans wurde. Die Amerikaner bekamen stattdessen in der populärsten Phase der Show zwischen 1990 und 1995 den Dude Riki Rachtman, wegen Identifikation auf Augenhöhe oder sowas. 


Und eines schönen Sonntags, Florian war 16 und durfte immerhin noch die erste Stunde des erst spätabends ausgestrahlten Programms sehen, stellte Vanessa I Mother Earth vor, eine neue Band aus Kanada, die just ihr Debutalbum "Dig" veröffentlichte. Es gab ein kleines, vielleicht fünfzehnminütiges Feature (Capitol Records ließen sich bestimmt nicht lumpen) mit Interviews und Hintergründen, außerdem das Video zur ersten Single "Rain Will Fall". Ich will nicht übertreiben, das war kein "Smells Like Teen Spirit"-Moment, in dem mir gleich der ganze Sicherungskasten durchknallte, aber es marschierte deutlich in jene Richtung musikalischer Blattschüsse, die einen zunächst sprachlos vor der Glotze sitzen ließen und anschließend einen umgehenden Besuch im Frankfurter Musikladen nach sich zogen. Über das funkige Hauptriff, den entfesselten Drive, einen ikonischen Refrain und einen bemerkenswert talentierten Sänger kann man sprechen, worüber allerdings ganz sicher gesprochen werden muss ist das nach zwei Minuten gesetzte Break, das in einen mit perkussiven Latin-Elementen zugeballerten Mittelteil übergeht, der die Temperatur stetig in Richtung Saunaaufguss mit Grillanzünder eskalieren lässt, bis die Auflösung schließlich im erneut alles überstrahlenden Refrain endet. 


Von den krampfhaften Versuchen abgesehen, in solch euphorisierten Zuständen halbwegs die Contenance zu bewahren, kommen darüber hinaus, und nicht zuletzt wegen der enormen Dynamik des Songs, zwei Aspekte ins Sichtfeld. Erstens: I Mother Earth reihen sich nicht nur in die Liste jener technisch herausragend guter Bands der damaligen Zeit ein, sie setzen sich in meiner Rangliste locker in die Top 3. Sie spielen und singen wie die Teufel. Das immer noch gerne gesetzte Narrativ der Boomer-Musikerpolizei, das Gros der Alternative Bands der 90er Jahre hätte nicht richtig spielen können, war und ist einfach ein großer Irrtum. Zweitens: Das ist eine Referenzproduktion. Der Grund: Produzent Mike Clink, der 1993 nicht zuletzt durch seine Arbeiten mit Guns 'N Roses auf "Appetite For Destruction" und den beiden "Use Your Illusion"-Alben mittlerweile in die Champions League der Klangmagier aufgestiegen war. Und Clink hatte auf "Dig" eine ganze Menge zu sortieren, denn bei aller Modernität ihrer Musik sind I Mother Earth vor allem im Kontext der damaligen musikalischen Großwetterlage ungewöhnlich komplex und verspielt. Ich bin mir sicher, dass Clink einige schlaflose Nächte mit der Frage verbrachte, wie sich die Virtuosität dieser Band, die so selbstverständlich Funk, Latin, Metal und Psychedelia vermischte, halbwegs unter Kontrolle bekommt, ohne sie ihrer Energie zu berauben. "Alternative Progressive" hat sich als Genrebezeichnung offensichtlich nicht durchgesetzt, und zugegeben: so wahnsinnig viele passende Vertreter wären hier auch nicht einzusortieren gewesen. I Mother Earth hingegen schon - und das nicht nur auf "Dig". Auch ihre späteren Alben "Scenery And Fish" (1996, Doppel-Platin in Kanada), "Blue Green Orange" (1999, erstmals mit dem neuen Sänger Brian Byrne) und "The Quicksilver Meat Dream" (2003, ein komplexes und leider ziemlich untergegangenes Meisterwerk mit atmosphärischen Parallelen zu Tool - kein Wunder: als Produzent fungierte David Botrill) bekamen allesamt deutliche Elemente des Progressive Rock eingehäkelt. 


Das fanden wohl auch die Progressive Rock-Dinos von Rush, die sich bei den 1994 stattfindenden Juno Awards in der Kategorie "Best Hard Rock Album" ihren Landsmännern geschlagen geben mussten und die Band in der Folge gleich mehrfach als Support-Act für ihre Tourneen einlud. I Mother Earth-Sänger Edwin bekam außerdem von Rush-Gitarrist Alex Lifeson für sein Mittneunziger Projekt Viktor das Mikrofon in die Hand gedrückt, und Geddy Lee spielte auf dem Album "Blue Green Orange" seinen Bass für den Song "Good for Sule".


I Mother Earth lösten sich zur Mitte der 2000er auf, um sich 2012 für Liveshows und kurze Tourneen wieder zusammen zu finden. Neue Musik darf man von der Band abseits von zwei im Jahr 2015 erschienenen Singles wohl nicht mehr erwarten, ebenso wenig Hoffnung dürfte es für die handgezählten 17 Fans aus Europa geben, das Quartett mal live zu bestaunen. Wir müssen uns also mit ihren vier durchweg fantastischen Alben begnügen. Keines davon wurde in den letzten 25 Jahren langweilig, und ich denke, wir sind auch für die nächsten 25 Jahre ganz gut gewappnet. 



Vinyl und so: Alle Alben erschienen ausnahmslos auf CD und bislang gibt es leider keinerlei Anzeichen, dass sich dieser Umstand in absehbarer Zeit mal ändern könnte. Wer die Musik von I Mother Earth auf Vinyl genießen möchte, muss auf eine 10"-EP (1993) und eine 10"-Single (1996) ausweichen, aber aufgepasst: auf der US-Version der 1993 erschienenen EP stehen nur drei Songs, während die europäische Variante immerhin sechs Titel bietet, allerdings mit zwei Überschneidungen. Komplett bescheuert. Ich habe freilich beide Versionen im Schrank stehen, aber ich bin ja gleichfalls bescheuert. 



Weiterhören: "Scenery And Fish" (1996), "Blue Green Orange" (1999), "The Quicksilver Meat Dream" (2003)





Erschienen auf Capitol Records/EMI Canada, 1993. 


09.05.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #155: Lard - The Last Temptation Of Reid (1990)




LARD - THE LAST TEMPTATION OF REID


"If you love god, burn a church." (Jello Biafra)


Das eigentliche Problem bei derlei Listen-Akrobatik ist ja, praktisch rund um die Uhr das Gefühl zu haben, jede einzelne fucking Platte wäre viel zu tief einsortiert. Das ist doch alles locker Top 10 hier?! Wie kann ich eine solche Sensation wie "The Last Temptation Of Reid" in die 150er setzen, bin ich noch bei Trost? Sagen Sie es mir! Und um alles noch viel schlimmer zu machen: das Album ist über 35 Jahre alt und es steht zu befürchten, dass ein großer Teil der nachgewachsenen Generationen nicht mal mit dem Bandnamen vertraut ist. Dabei ist das eine der kompromisslosesten, gefährlichsten und energiegeladensten Aufnahmen aller Zeiten. 


Jello Biafra aus dem Hause Dead Kennedys und die Ministry-Amphetamin-Poolboys Al Jourgensen, Paul Barker, Jeff Ward und Bill Rieflin spielen auf ihrem Debut aus dem Jahr 1990 eine außer Kontrolle geratene Mischung aus den beiden Bands der beteiligten Protagonisten mit unbändiger Wucht und hemmungsloser "Fuck You All!"-Attitüde. Angriffslustig, provokant, politisch eindeutig positioniert und mit rasiermesserscharfen Kommentaren zur gesellschaftlichen und politischen Generalverblödung, die - wir vergessen den ganzen Irrsin stets viel zu schnell; sehr wahrscheinlich eine Schutzfunktion unserer Denkmurmel - bereits 1990 in voller Blüte stand. 


Im Prinzip muss "The Last Temptation Of Reid" mindestens ein Mal pro Monat, ach was: WOCHE! gehört werden; einerseits zur musikalischen Rekalibrierung, um sich Runkel und Rübe von all dem kompostierten Kernschrott des zeitgenössischen heiligen Rocks freiblasen zu lassen - und um sicher zu stellen, noch kein minderbemittelter Schmalspurliberaler mit Zeit-Abo geworden zu sein, dessen ehemals unverrückbare Vorstellungen von Moral und Miteinander, vom Kampf gegen Unterdrückung, Kapitalismus, Rassismus, Religion und Bigotterie mittlerweile im krustigen Arsch von Kapital, Eigenheim, der verschissenen Bundeswehr und dem ETF-Portfolio gelandet sind. Das geht auch heute noch problemlos, weil "The Last Temptation Of Reid" weder musikalisch noch inhaltlich einen einzigen Tag gealtert ist. Woran man einen Klassiker erkennt? Genau daran.  



Vinyl und so: das Original gibt's gebraucht zwischen 20 und 30 Euro. Einer jener Fälle, für die ein Reissue im Grunde überflüssig ist. Freilich gibt es trotzdem einen - und der ist mittlerweile deutlich teurer als das Original. Said it before, will say it again: Plattennerds must die.


Weiterhören: "Power Of Lard" (1989), "Pure Chewing Satisfaction" (1996)


          



Erschienen auf Alternative Tentacles, 1990.

26.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #156: Nudeswirl - Nudeswirl (1993)




NUDESWIRL - NUDESWIRL


"Der erste Eindruck, den das Walross auf den Betrachter macht, ist kein günstiger." (Brehms Tierleben)


Der eigenen kognitiven Dissonanz ein Trulala: Wenn ich mir vergegenwärtige, wie wenig mir professionelle Musikkritik seit über 20 Jahren bedeutet, und ich wegen meiner Ignoranz gegenüber ihrer entsprechenden Publikationen also fleißig am Untergang ganzer Redaktionen seit mindestens ebenso langer Zeit beteiligt war und bin, ist es erstens auf jeden Fall diskussionswürdig, seit 2007 einen Blog mit immerhin unprofessioneller Musikkritik am Kacken zu halten, und zweitens an der Grenze zum Schockmoment entlangtänzelnd, wie viele Platten ich in meiner Adoleszenz nur deswegen kaufen und hören konnte, weil es professionelle Musikkritik gab. Zugegeben keine, die über den Tellerrand von Rockmusik hinausblickte, aber dafür braucht's ja immer zwei: jemanden der darüber schreibt und jemanden, der es auch verarbeiten kann. Ersteres gab's in meiner Realität des Frankfurter Westens nicht, für zweiteres fehlten mir sowohl Kompetenz als auch Kapazität. Aber als Rock Hard-Redakteur Wolfgang Schäfer, in der Redaktion als Progressive Rock/Metal-Experte bekannt und zeitgenössischen Trends eher mit einiger Skepsis begegnend, das zweite Album von Nudeswirl mit 9,5 (von zehn) Punkten bewertete und als "ein echtes Muß für jeden, der Schlagwörter wie Seattle, Alternative und Noise selbst anno '93 noch einigermaßen aufgeschlossen gegenübersteht" adelte, war für den sechzehnjährigen Florian mit 3-Tage-Bart, Karohemd und Cobain-Frisur klar, was zu tun ist: ich muss unbedingt diese Platte hören. 


Hätte Wolle Schäfer also nicht außerhalb seiner stilistischen Komfortzone dieses Album bejubelt, wären wir alle heute nicht hier auf meinen 3,40qm. Ich schreibe nicht darüber, ihr lest nichts darüber. Es steht darüber hinaus zu befürchten, dass mir Nudeswirl auch später unbekannt geblieben wären, denn die Band verabschiedete sich von der Musikwelt sehr sang- und klanglos im Jahr 1995. Und da zeigt es sich wieder mal, wie wichtig Menschen sind, die Dir Musik näherbringen. Dummerweise gibt es gleichzeitig fast nichts Abgründigeres als Menschen, die Dir Musik näherbringen wollen. Diese Ambivalenzen machen einen fertig. 


Das Quartett aus New Jersey war für das, was der Weltgeschichte später als Grunge und Alternative-Explosion in die Annalen gekritzelt werden sollte, mit ihrem 1989 erschienenen und selbstbetitelten Debutalbum ein bisschen zu früh dran, um die mit etwas mehr Gravitas ausgestattete Musikindustrie auf sich aufmerksam zu machen, "The Real Thing" hin, "Louder Than Love" her. Aber nachdem "Nevermind" passierte und sämtliche A&Rs auf der Suche nach den neuen Nirvana waren, meldeten sich plötzlich Megaforce Records, das Label der mittlerweile verstorbenen Metallica-Entdecker Marsha und Jon Zazula und nahmen die Band unter Vertrag. Als schließlich 1993 das zweite und kurioserweise ebenfalls selbstbetitelte Album erschien, sahen sich Nudeswirl und Megaforce vermutlich eher mit dem Vorwurf konfrontiert, eine eilig gegründete und gesignte Retortenband ins Rennen zu schicken, um einen guten Sitzplatz am Tisch mit dem ganzen schönen Hype-Spielgeld zu erwischen. Was natürlich totaler Quatsch war, aber vieles war früher einfach totaler Quatsch. Die Band tourte unter anderem mit Danzig, Flotsam And Jetsam, Mindfunk und White Zombie und spielte sogar auf dem 1993er Dynamo Festival


"Nudeswirl" ist ein übersehenes Juwel der großen Alternative Rock-Bewegung der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Die Band spielt einen sehr intensiven, dynamischen und mit allerlei psychedelischen Elementen verzierten Gitarrenrock, stilistisch eher an Bands wie Janes Addiction und The God Machine orientiert als an den punkigen Vertretern wie Nirvana oder den Melvins. Dominierend ist die melancholische Strömung, die sich selbst in den betont krachigen Momenten durch das ganze Album zieht und sich in Songs wie "Disappear", "Buffalo" und "Now Nothing" voll entfalten kann; in meinem Buch mit dem kleinen Underground-Hit "F Sharp" und "Sooner Or Later" sowieso einige der besten Songs der kompletten Dekade. Ich bin freilich völlig voreingenommen, wenn es um Musik geht, die mir soviel bedeutet, und ich habe außerdem nur wenig Phantasie dafür, wie eine Platte wie "Nudeswirl" heute bei einem Erstkontakt eines Millennials oder ärger noch: eines Zoomers aufgenommen werden würde - aber ich sag's jetzt halt: "Nudeswirl" will einfach nicht altern. Es begleitet mich nun seit über dreißig Jahren durch dick und dünn und klingt immer noch frisch, mutig und sagenhaft lebendig. Quer durch's ganze große Feld der Emotionen nimmt die Band alles mit, was sie kriegen kann. Bebende Spannung. Vibrierende Atmosphäre. Die Lust am Leben, mit allem und scharf. 


Vinyl und so: Ein bisschen überraschend ist es schon, dass sich bislang niemand zu der Entscheidung aufraffen konnte, "Nudeswirl" eine Wiederveröffentlichung zu spendieren - so bleibt es bis auf Weiteres bei der 1993 erschienenen Erstpressung für aktuell um die 50 Euro. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass sich eine Anschaffung auch über die Musik hinaus nochmal extra wegen des außergewöhnlichen und stimmungsvollen Coverartworks lohnt.


Weiterhören: "Nudeswirl" (1989)






Erschienen auf Megaforce Records, 1993. 



19.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #157: Cynic - Focus (1993)




CYNIC - FOCUS


In Erinnerung an Sean Malone und Sean Reinert.


Als ich "Focus" im Jahre 2019 bereits auf diesem Blog unter der so beliebten wie völlig egalen "Die Heavy Metal-Ursuppe"-Reihe rezensierte, erschienen mir zwei Aspekte besonders wichtig. Erstens sollte deutlich werden, welchen Einfluss das 1993 erschienene Debut auf die weitere Entwicklung des Genres hatte, auch um dessen Entwicklungsstand im damaligen Zeitstrahl zu kontextualisieren. Zweitens wollte ich mit ein paar Metern Sicherheitsabstand im Rückspiegel auf "Focus" schauen und die in meiner Wahrnehmung etwas außer Kontrolle geratenen Narrative, das Album sei völlig abgedreht und abgehoben, ein kleines bisschen entmystifizieren. Einerseits fällt mir letzteres nicht gerade leicht, weil ich ziemlich auf Mystifizierung stehe - dieser Countdown wäre ohne ein gerüttelt Maß an Verklärung und Idealisierung praktisch unmöglich. Und außerdem: "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt" (Joseph von Eichendorff). Andererseits, pardon, scheißen sich weite Teile der Metalszene schon beim Gedanken an einen dissonanten Ton und der Idee eines hauchdünn krummen Takts vor Freude die Hosen voll, weil der hochkultürliche Distinktionsgewinn so unwiderstehlich attraktiv ist. Wenn der Metal-Fan eines möchte, dann ist es ernstgenommen zu werden. Das weiß ich, weil ich Metal-Fan bin. Benn there, done that.


Wir blättern ein paar Jahre zurück:

"Focus" gilt heute weitläufig als Klassiker des Progressive Metals/Death Metals, und zieht man die Umstände der damaligen Zeit sowie der Szene in Betracht, hat es diesen Status als Zeitdokument einerseits, aber auch als Einfluss auf die spätere Entwicklung des Genres andererseits nicht zu Unrecht. 

Zwar war man selbst als Death Metal Fan im Jahr 1993 schon so einiges gewohnt, weil die "Anything Goes"-Mentalität der frühen neunziger Jahre den Zeitgeist bis in den Untergrund bestimmen sollte: Fear Factorys Debut "Soul Of A New Machine" zeigte bereits ein Jahr zuvor Experimente mit Klargesang zwischen dem gutturalen Geröchel, Atheist lösten die schon auf früheren Alben nur unzureichend gesicherten Bremsen mit "Elements" endlich komplett und verbanden die fast vollständig aufgelösten Restspuren ihrer Death Metal Vergangenheit mit Latin und Salsa-Beats, während Chuck Schuldiner von Death, dem Großteil der Szene stets mit Sieben-Meilen-Stiefeln voraus, mit "Human" nicht nur einen Meilenstein des technischen Death Metals vorgelegt hatte, sondern auch automatisch die Marschrichtung der kommenden Entwicklungen im extremen Metal vorgab. Maßgeblichen Einfluss daran hatte auch die Hälfte von Schuldiners damaligem Line-Up: Paul Masvidal an der Gitarre und Sean Reinert am Schlagzeug spielten auf "Human" förmlich um ihr Leben und beeinflussten damit Musiker wie einen Gene Hoglan (u.a.Dark Angel), der Reinerts gewebte Prog- und Fusion-Fäden auf "Human" als späterer Death-Schlagzeuger auf den Alben "Individual Thought Pattern" (1993) und "Symbolic" (1995) aufnahm und dabei selbst stetig weiterentwickelte. 


Ein paar Tage, nachdem der Artikel auf 3,40qm veröffentlicht wurde, erreichte mich ein Kommentar, der mich darauf hinwies, eine wichtige Facette in der Bewertung von "Focus" ignoriert zu haben: Die Demos von Cynic. Und ich bin schuldig im Sinne der Anklage. 


Dabei können wir die ersten beiden Aufnahmen, das Debut "Demo 88" und das ein Jahr später erschienene "Reflections Of A Dying World" für den Moment aus der Gleichung nehmen, da die Band hier noch eindeutig im Thrash Metal zu Hause ist, und die sich später zeigende technische Komplexität nur in  rudimentären Ansätzen erkennbar ist. Aber sowohl das Demo aus dem Jahr 1990, als auch ganz besonders die drei Songs, die sich auf dem 1991 erschienenen und letzten Demo befinden, sind für die erweiterte Einordnung von "Focus" durchaus relevant. Nicht zuletzt soll das 1991er Demo einen so großen Eindruck auf Chuck Schuldiner gemacht haben, dass er Cynic-Sänger und -Gitarrist Paul Masvidal und Schlagzeuger Sean Reinert zu seiner Band Death lotste, um mit ihnen und Steve Di Giorgio am Bass das Album "Human" aufzunehmen. "Human" sollte eines der wichtigsten und wegweisendsten Werke des Heavy Metal werden. Großen Anteil daran hatte vor allem die Schlagzeugarbeit des zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal zwanzig Jahre alte Reinert, die ein ganzes Genre auf den Kopf stellte und als Stunde Null für modernes Metal-Drumming gilt. Masvidal und Reinert verließen Death nach der Tour zum Album und veröffentlichten ihrerseits im September 1993 "Focus". Betrachtet man die über den Verlauf von vier Demos dokumentierten Entwicklungsstadien der Band, muss man "Focus" als die vorübergehend letzte Ausbaustufe ihres Sounds bezeichnen. Cynic nahmen sich nach dem Release von "Focus" eine Auszeit und kehrten erst 2008 mit dem Album "Traced In Air" zurück, das stilistisch erneut Grenzen verschieben und erweitern sollte, allerdings dieses Mal mit deutlich geringerem Einfluss auf die Szene. 


An dieser Stelle nochmals ein Rückblick auf meinen Text aus dem Jahr 2019:

In Zusammenhang mit dem "Focus"-Produzenten Scott Burns und dem Morrissound Studio in Florida, beides in der Kombination zur damaligen Zeit DER Maßstab schlechthin, wenn es um Death Metal Produktionen ging, wurden Cynic als "Next Level Death Metal" vermarktet - und dafür hatte der ungewöhnlich progressive Sound es durchaus in sich. Die Band wechselte von anspruchsvoll zu spielendem, technischem Death Metal in Bruchteilen von Sekunden in spirituell anmutende und ätherisch wirkende Traumwelten, in denen Akustikgitarren und die mittels Vocodereinsatz surreal verfremdete Stimme von Masvidal den Sound prägten - nicht zu vergessen das melodische Harmonien aufziehende Bassspiel von Sean Malone, der mit seinem Fretless Bass dem Bandsound zusätzliche Originalität verpasste. Im Ergebnis habe ich "Focus", trotz der recht eindeutigen Vorzeichen, nie als Death Metal wahrgenommen; tatsächlich habe ich mich nie darum bemüht, überhaupt irgendeine passende Schublade dafür zu finden. 

Ich habe mir vor wenigen Wochen den Vinyl-Reissue von "Focus" gegönnt und mich in diesem Zuge wieder intensiver mit dem Album befasst. Ich war zunächst über den Sound überrascht - und nicht unbedingt im positiven Sinne. In meiner Erinnerung war das Brett, das die Band mit Scott Burns bohrte, bedeutend dicker und druckvoller als ich es heute empfinde. Ein Gegencheck mit der CD und einem digitalen Format verschaffte Aufklärung: "Focus" klang auch schon 1993 nach heutigen Maßstäben nicht besonders gut, was vielleicht das eindrücklichste Zeichen dafür ist, dass der Zahn der Zeit auch in diesem Fall ein Stück der Faszination abnagen konnte. Interessant ist indes, dass sich im Vergleich zu Burns' Standardsound (Bass- und Schlagzeug-Regler auf 11, alle Mitten raus) auf "Focus" etwas mehr Transparenz und Differenzierung zeigt - das ist unter gegenwärtigen Gesichtspunkten zwar immer noch nicht viel, war aber für damalige Verhältnisse immerhin eine Varianz, eine Öffnung. 

Darüber hinaus erscheint "Focus" aus heutiger Sicht bei Weitem nicht mehr so abgedreht zu sein, wie es sich in der Erinnerung immer noch anfühlt - und wie Rezensenten und Kommentatoren es bis heute beteuern. Besonders ist das Album auch 25 Jahre später ganz sicher noch, technisch wie visionär herausragend - aber am Ende des Tages lediglich im traditionell sehr eng begrenzten Kosmos von Rockmusik und Heavy Metal als unkonventionell zu bezeichnen. Das ist aus diesem Blickwinkel auch im Jahr 2019 noch legitim, vielleicht angesichts der tatsächlich noch dramatischer in Erscheinung tretenden Mutlosigkeit der Szene noch mehr als das. Aber für die, die keinen Tellerrand kennen, weil sie nicht mal einen Teller haben, spielt sich dann eben doch zu viel im Rahmen dessen ab, was man so kennt: klassische Instrumentierung, klassisch-progressive Arrangements, klassischer Sound. Das stete Gerede über ein mit übergeschnappten Ideen vollgepacktes Avantgarde-Jazz-Experimental-Feuerwerk ist letzten Endes irreführend. 


In weiten Teilen stimme ich diesen Einschätzungen auch heute noch zu, vor allem die Einlassungen zum aus heutiger Sicht nicht gerade überwältigend klingenden Sound halte ich noch immer für richtig. Andererseits erscheint mir der vor sieben Jahren verfasste Text heute eine Spur zu kritisch. Und vielleicht beruht der letzte zitierte Absatz auch auf einer falschen Wahrnehmung meinerseits. Ich wüsste ehrlich gesagt heute auch gar nicht mehr, warum die Diskussion überhaupt relevant sein sollte, wie abgefahren "Focus" denn nun wirklich ist. Zumal: Easy Listening ist's nun ja wirklich nicht gerade. All das sagt am Ende wahrscheinlich mehr über mich aus, als über die Platte. Go figure. 


Im Frühjahr 2026 höre ich "Focus" als Erinnerungsstütze für diesen Beitrag und bin damals wie heute einfach nur beeindruckt von der Vision, der Kompromisslosigkeit und der Courage, die dieses Album ermöglichten.


Für die Ewigkeit. 



Vinyl und so: Die Preise für die Erstpressung aus dem Jahr 1993 sind mittlerweile jenseits von gut und böse und bewegen sich irgendwo zwischen 400 und 700 (!) Euro. Ab 2013 wurde "Focus" immer wieder mal neu aufgelegt und in verschiedenen Vinylfarben veröffentlicht. Meine schwarze Version aus dem Jahr 2013 offenbart wie im Text erwähnt die Schwächen der Produktion, klingt dafür natürlicher und, der Musik auch irgendwie angemessen, ätherischer als die Erstpressung der CD. Finanziell wird die Luft allerdings wie bei sämtlichen Represses mittlerweile ebenfalls sehr dünn: 80 bis 100 Euro müssen investiert werden. Darüber hinaus brachte Paul Masvidal zum 30.Geburtstag des Albums eine remixte und remasterte Version heraus. Die gibt es für um die 30 Euro, aber hier ist Vorsicht geboten: der Sound ist zwar im Bassbereich robuster als der Originalmix, aber dafür auch deutlich dumpfer und blutleerer. Ich besitze die Ausgabe auf Purple Vinyl, die wirklich toll aussieht, aber im direkten Vergleich mit der 2013er Version klar den kürzeren zieht. Ich bin mir insgesamt nicht sicher, was hier vorzuziehen ist, aber ich ertappe mich hier und da beim Gedanken daran, ob nicht die Original-CD des Albums die beste Option ist. 


Weiterhören: "Traced In Air" (2008), "Ascension Codes" (2021)





Erschienen auf Roadrunner Records, 1993.