JUNE OF 44 - TROPICS AND MERIDIANS
"Nobody asked, America delivered" (Garron Noone)
Die sich ab der Mitte der neunziger Jahre entwickelnde Noise- und Postrockszene mit dem Epizentrum im US-amerikanischen Louisville, Kentucky hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, selbst wenn die Verbindung erst ein paar Jahre nach dem Urknall zustande kam und die meisten Pioniere zu jenem Zeitpunkt das Rampenlicht schon wieder verlassen hatten. Mein Einstiegspunkt hieß auch nicht Louisville, sondern Chicago: The Sea And Cake, Trans Am, Tortoise und das legendäre Label Thrill Jockey öffneten mir knapp zehn Jahre später die Tür für diesen Sound, und weil all das für mich so aufregend und kopfverdrehend war, erweiterte sich das frisch zu beackernde Feld schnell in Richtung Kanada (Band: Godspeed You! Black Emperor, Label: Constellation Records) und eben Kentucky mit Bands wie Rodan und Slint. Diesem Ökosystem entsprangen auch June Of 44, die sich 1994 mit Musikern von Lungfish, Hoover, Rex und eben Rodan neu formierten.
Ich schrieb im Rahmen der Vinyl-Reissues ihrer ersten beiden Alben "Engine Takes To The Water" (1995) und das ein Jahr später erschienene "Tropics And Meridians" schonmal davon, dass es ganz bestimmt kein schwaches June Of 44-Album gibt, aber vor allem jene zwei Werke von herausragender Qualität sind.
In meinem ersten Review zu "Tropics And Meridians" aus dem Jahr 2012 heißt es:
"Es ist wie fünfunddreißig Jahre altes Gebäck, wie von Würmern, Käfern und Raupen durchbohrtes Holz, wie frisch gefallener Schnee, wie naive Malerei in Grau. Wer die Schritte leise zelebriert und die Pinselstriche verfolgt, der hört das Knarzen und das Kratzen. Das tumbe Ächzen unter dem Druck der eigenen Existenz im Angesicht der öden Leere, zerfasert und spröde, brechend und spleißend. Ein Königreich für mehr Luft und mehr Raum."
Und June Of 44 lieferten Luft und Raum. Erstens muss hier die Produktion von Bob Weston erwähnt werden, diesem Underground-Heiligen, der nicht nur mit Steve Albini die Noiserockband Shellac gründete, sondern später auch mit ihm an der Produktion von Nirvanas "In Utero" zusammenarbeitete. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte "Tropics And Meridians" vor allem hinsichtlich des so unmittelbaren und räumlichen Schlagzeugsounds locker als eine Arbeit von Albini durchgehen. Zweitens sind es die expansiven Songs des Quartetts, die ihren Kosmos so weit aufziehen, bis es im letzten freien Atom dann plötzlich doch wieder klaustrophobisch wird:
"Es ist einerseits die Dringlichkeit, andererseits die Unschuld in dieser Musik, die durch zerklüftetes Emotionsgebirge gleiten kann wie ein heißes Messer durch Butter. Die Band zieht keinen Pathos aus der verschrobenen und manchmal etwas theatralisch wirkenden Ästhetik, stattdessen pendelt sie manisch zwischen Rückzug und Attacke, zwischen klarer Linie und porösem Zaudern - und alle Räume werden ohne Rücksicht auf Verluste eingenommen."
Was für mich mit dem Siegeszug des Grunge begann - und ich rede hier in erster Linie von jenem Stil, der unter dem Radar solcher Pop-Produktionen von "Nevermind", "Ten" und "Dirt" existierte, also dem ruppigen, assigen, verschwitzten Garagenrock, für den Authentizität und Wahrhaftigkeit so selbstverständlich wie alternativlos waren - setzte sich mit dieser Spielart des Postrocks fort. Es wird nicht viel echter, reiner, wahrer als "Spiderland", "Rusty", "Engine Takes To The Water" und eben "Tropics And Meridians". June Of 44 sind zügellos, grüblerisch, künstlerisch, wild, introspektiv, intellektuell. In dieser Kombination vielleicht das beste, was Rockmusik werden kann.
Vinyl und so: Nachdem die Erstpressung in den nuller und zehner Jahren zumindest in Europa rar und daher auch teuer war, hat der Repress aus dem Jahr 2020 offensichtlich zu einer Veränderung geführt: sowohl das Original als auch den Repress gibt's hierzulande mittlerweile für um die 25 bis 30 Euro. Aufgepasst bei der 1996er Version, der damals eine Sammlung von separat verpackten Briefmarken beilag: einige Second Hand-Anbieter schweigen sich darüber aus, ob die Briefmarken noch vollzählig (oder überhaupt) enthalten sind. Der 2020er Repress auf farbigem Vinyl kommt ohne Briefmarken aus, bekam als Ersatz allerdings ein Riesenposter als Beilage.
Weiterhören: "Engine Takes To The Water" (1995), "Four Great Points" (1998), "Live In Tokyo" (2026)
Erschienen auf Quarterstick Records, 1996.










