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15.08.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #146: The Cardigans - Gran Turismo (1998)





THE CARDIGANS - GRAN TURISMO


"The reality is invented for you by people who choreograph it. There's gotta be an office in Washington at some place where a bunch of people you never heard of choreograph reality. It's not just what the next photo-op is gonna be. It's what is the interpretation of a given international event. And this has to be generally dispensed through the media. With no questions asked." (Frank Zappa)


Um der Wahrheit die Ehre zu geben, werde ich gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass der Einzug der Cardigans in beide meiner Herzkammern in erster Linie der Herzallerliebsten zu verdanken ist, die mir recht zügig nach unserem Kennenlernen nahelegte, mich mit der Option auseinanderzusetzen, mein Leben, auch das musikalische, künftig also nicht nur mit ihr, sondern auch mit der Musik fünf schwedischer Musiker*innen zu teilen. Es war das damals gerade aktuelle Album "Gran Turismo", das vor allem in der ersten Phase jenes Zusammenseins zu Beginn des Jahres 2000 in schwerer Rotation war und einen bleibenden Eindruck hinterließ. Es stehen berechtigte Zweifel im Raum, ob ich ein gutes Jahr früher und ohne Alinas Zuspruch schon bereit für diese Musik gewesen wäre, und ich bin zur Veranschaulichung schon wieder kurz davor, meine schlimmsten Verwirrtheitszustände jener Zeit in aller Öffentlichkeit auszubreiten. Lassen sie es mich so sagen: ich hielt es 1998 für eine gute Idee, eine Autogrammstunde von Manowar - die Band, nicht die Qualle - zu besuchen und den lendenbeschurzten Intelligenzdetonationen eine Bootleg-CD zum Unterschreiben auf den Tisch zu legen. Alles an diesem Satz macht intellektuell impotent. 


Andererseits hätte es selbst für den delirierenden Kuttel-, quatsch: Kutten-Flori der späten neunziger Jahre kein besseres Einstiegsalbum als "Gran Turismo" geben können. Das Quintett aus dem schwedischen Jönköping machte stilistisch für ihr viertes Werk einen großen Sprung. Der freundliche, etwas süßliche, gitarrenorientierte Indiepop ihrer Anfangszeit bekam auf "Gran Turismo" ein mutiges Elektronik-Upgrade verpasst, zusammen mit einem deutlich wahrnehmbaren Drang, das Licht zu dimmen. Schon der ungewöhnliche Einstieg "Paralyzed" überrascht nach balladeskem Beginn mit knarzigen Beats und Bässen, gründlicher Low-Fi-Ästhetik und schleifenden Gitarrenfeedbacks und klopft damit immerhin zaghaft an die Tür jener grüblerischen Trip-Hop-Buden, in denen Lamb oder Portishead schon seit ein paar Jahren Kette rauchen. Damit war nach den leichtfüßigen Alben wie "Life" oder "First Band On The Moon" nicht zu rechnen. Wohin die Reise mit "Gran Turismo" aber tatsächlich geht, bleibt mit "Paralyzed" noch offen. Dafür sorgt alleine Sängerin Nina Persson, die erstens ein exzellentes Melodiegespür mitbringt und zweitens, und das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint, weder eine Beth Gibbons ist noch sein will. Persson singt hier mit typischer reservierter 90er Coolness, beinahe beiläufig, formal, beobachtend - und versteht es dennoch keinerlei Distanz aufkommen zu lassen. Ich weiß nicht, welcher Teil meines Reptiliengehirns damit angesteuert wird, aber es bleibt ein bemerkenswerter Ansatz - der außerdem schon beim nächsten Song die anfängliche Irritation über die Ausrichtung auflöst. "Erase/Rewind" ist einer der beiden großen Hits von "Gran Turismo" und hisst unmissverständlich die in melancholisches Sepia getauchte Pop-Flagge - und wer möchte, findet unter der selbst unter heutigen Maßstäben noch erstaunlich knusprig wirkenden Produktion sogar ein paar Spurenelemente der großen wehmütigen Hits der 1980er Jahre in der Herznote. 


Die Cardigans bleiben auch im weiteren Verlauf von "Gran Turismo" bei dieser Strategie, mal etwas lebhafter wie in Hit Nummer 2 "My Favourite Game", textlich ein abgründiger Einblick in Abhängigkeitsverhältnisse toxischer Beziehungen, was immer noch zu einigen bemerkenswerten Dissonanzen mit dem beschwingten Upbeat-Charakter des Songs führen kann, mal zaubern sie ein elegisches Glow-Panorama wie in der Ballade "Higher", channeln in "Junk Of The Heart" Fleetwood Mac auf Ketamin und verlieren bei "Do You Believe", musikalisch ein kleiner Gruß aus Björks isländischer Walfettküche, jede Hoffnung: 


Do you really think
That love is gonna save the world?
Well, I don't think so
I just don't think so


"Gran Turismo" ist Sonnenuntergangs-Pop, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Wenn schon das Licht ausgeht, ist's wenigstens schön warm. 




Vinyl und so: Die Erstpressung war ums Jahr 2008 herum noch für 20 Euro zu haben und kostete nur vier Jahre später schon supersahnige 300 Schleifen. Es ist wirklich völlig balla-balla - genauso wie die mittlerweile aufgerufenen Preise für die in kleiner Auflage produzierten ersten Reissues aus den Jahren 2000 und 2001. Band und Label ließen sich anschließend bis 2019 Zeit, um dem gesamten Backkatalog auf Vinyl zu veröffentlichen. Die Nachpressung von "Gran Turismo" klingt gut und ist schön gemacht und ist immer noch für um die 30 Euro zu bekommen. Kann man machen. Obacht jedoch mit "Super Extra Gravity", von der ich zwei Exemplare im Besitz hatte, die beide einen signifikanten Seitenschlag hatten (das heißt, die Rillen wurden nicht mittig auf die Scheibe gepresst) und leider retourniert werden mussten. Ebenso Obacht mit "Long Gone Before Daylight" - die war schon 2019 aus mir völlig rätselhaften Gründen einfach scheißteuer - und ist es leider immer noch.  


Weiterhören: "Long Gone Before Daylight" (2003), "Super Extra Gravity" (2005)






Erschienen auf Stockholm Records, 1998.



08.08.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #147: Helmet - Betty (1994)




HELMET - BETTY


Now I'm not dead I'm breathing in
Now I'm not sad, imagine it
Now I'm not there I'm over here
Now you preach fear and I don't care
(Leatherface, "Nutcase")


Vielleicht ist die Wahl von "Betty" ein Poser-Pick. Wer mehr Punkte als Styler sammeln möchte, greift zum Vorgänger und Durchbruchsalbum "Meantime", und damit zu einem anerkannten Klassiker der 1990er Jahre. Echte Glaubwürdigkeit ist ja oft alles. Wer hingegen Spaß an einem Viertel Edgelord-Ruhm hat, wird das 1997er Werk "Aftertaste" als beste Option für eine Neunziger-Bestenliste nennen wollen. Und ich komme jetzt also mit "Betty" um die Ecke, ein auf den ersten Blick besonders sicheres Plätzchen, an dem ich praktisch keinen Gegenwind befürchten muss. Was indes jede dieser möglichen Alternativen vereint: sie wären irgendwie alle richtig. Helmet hatten mit ihren drei zwischen 1992 und 1997 veröffentlichten Alben einen echten Lauf. Günstiger hätte der Zeitgeist für diese Band gar nicht erwachen können. 


"Betty" war in meinem Sommer des Jahres 1994 überall. Wirklich: überall! Abseits der Musik hatte man mit der Covergestaltung, eine Fotografie von Dennis Hallinan aus dem Jahr 1965 mit dem überraschenden Titel “Young woman with basket of flowers” und dem Entschluss, das Album in farbigen Jewel Cases zu veröffentlichen - Neongelb in Europa und Blau in Amerika - einige ungewöhnliche, aber goldrichtige Entscheidungen getroffen, die dem Album umgehend zu mehr Aufmerksamkeit verhalfen. Biohazard machten mit ihrem Album "State Of The World Address" ein Jahr später etwas ähnliches, und egal, wie viele Jahre  all das nun schon zurückliegt: es ist mir nicht nur immer noch präsent, es ist bis heute absolut prägend für die damalige Zeit. "Betty" steht für Sommer, Aufbruch, Revolution, Zitroneneis, meine wöchentlichen Besuche im alten WOM im Frankfurter Hertie-Kaufhaus sowie in meinem zweiten Wohnzimmer, den Musikladen unweit der Zeil, wo die Werbematerialien, die Pappaufsteller und übergroßen Poster über den Release von "Betty" informierten. "Betty" steht fürs pausenlose Herumhüpfen beim "Idiot Ballroom" in der alten Batschkapp in unbeschwerten Sommernächten. Für's musikalische Fachsimpeln mit Schulfreunden bei Kaffee und Kippe in der Cafeteria. Für's kollektive Headbangen bei der Autofahrt zum Kneipenabend. Bon, das ist alles alter, sentimentaler Scheiß. Und wenn man sich vergegenwärtigt, was davon übrig geblieben ist, wird's dramatisch. Der WOM ist längst Geschichte, genauso wie der Musikladen, die Batschkapp ist mittlerweile in einer sterilen Allerweltshalle untergebracht, der Diskoabend "Idiot Ballroom" ist eingestellt und Zitroneneis mag ich auch nicht mehr. Von Aufbruch und Revolution fange ich erst gar nicht an. Von unserem Hitzschlagsommer besser auch nicht. 


"Betty" ist eines der charakteristischsten Alben der 90er Jahre. Page Hamiltons einzigartiges Präzisionsriffing und seine zwischen melodischem Klargesang und aggressiven Geschrei herumoszillierende Stimme in Verbindung mit John Staniers unerbittlich nach vorne marschierendem Groove am Schlagzeug machen den Großteil der Faszination Helmets aus, und ihre Lust an breitwandig inszenierten, disharmonischen Noiseflächen einerseits sowie den mit Hooklines voll beladenen Refrains andererseits, die stets clever das Dauerfeuer brechen und für mehr Dynamik sorgen sollten, sind die unwiderstehlichen Kirschen auf der Torte. Absolut niemand klang wie Helmet. Ein paar Jahre später jedoch ließen sich ihre Ideen im Zuge des Nu Metal-Booms plötzlich an jeder Straßenecke hören. Nicht, dass ich ihnen vorwerfen wollte, einer totalen Scheißband wie Limp Bizkit den Weg geebnet zu haben - ich nagel' ja auch nicht Mudhoney an die Wand, weil sie irgendwie und irgendwann mal Nickelback ermöglichten. Helmet hatten in ihrem durch strenge Disziplin geprägten Sound eine unkonventionelle Distinguiertheit, die es Hamilton außerdem erlaubte, sich in eine Art "No Bullshit"-Aura einzuhüllen. Keine Gimmicks, kein Gelaber, kein Lametta. "Muss ich etwa wie ein Penner rumlaufen, nur weil ich harte Musik mache?" fragte er mal einen Interviewer, nachdem jener Hamiltons vermeintlich konservative Klamottenwahl zur Disposition stellte. Nichts passte ins moderne Jahr 1994 besser als dieser Ansatz mit Entschlossenheit, Reduktion und schonungsloser Härte, notfalls auch gegen sich selbst. Nie war Auspeitschen schöner. Wir waren im Freudentaumel. 




Vinyl und so: Unter 100 Euro ist weder die über Amphetamine Reptile erschienene 10" noch die deutsche 12" Fassung von 1994 zu bekommen. 2014 wurden über Back On Black/Let Them Eat Vinyl die ersten Represses auf farbigem Vinyl veröffentlicht, allerdings gebe ich zu bedenken, dass Back On Black zwischen 2008 und mindestens 2012 mit riesigen Problemen bei der Qualitätskontrolle zu kämpfen hatten. Wer sich auf charmantere Weise von seinem Geld trennen möchte, hält Ausschau nach der zum dreißigjährigen Jubiläum erschienenen Doppel-LP über Interscope Records auf hellblauem Vinyl. Nachteil 1: man hat's unnötig auf eine Doppel-LP aufgeblasen und auf der C-Seite fünf Bonustracks untergebracht. Ein Etching auf der D-Seite komplettiert den Quatsch. Ich bin da Purist, ich will die Originalfassungen. Nachteil 2: der Spaß kostet mittlerweile auch schon um die 70 Euro. Vorteil: die Pressung klingt hervorragend und ja, ich sag's jetzt: sieht halt auch arschgut aus. Isso. Als Gesamtpaket ist das schon wirklich schön gemacht. 
 

Weiterhören: "Meantime" (1992), "Aftertaste" (1997), "Size Matters" (2004; unterschätzt!)






Erschienen auf Interscope Records, 1994.



27.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #148: Sigur Rós - Ágætis Byrjun (1999)





SIGUR RÓS - ÁGÆTIS BYRJUN


"Thank God that we didn't die young" (Kevin Morby)



Ich höre "Ágætis Byrjun" heute zum ersten Mal seit über 24 Jahren. Und ich tu's mit großem Widerwillen. Denn eigentlich hatte ich "Ágætis Byrjun" aus meinem Leben verbannt und mit der Entscheidung auch irgendwann meinen Frieden gemacht. Ich habe nichts gegen Sigur Rós, gar nichts.  Ich bin für Sie sogar mal nach Hamburg gefahren, um sie live bewundern zu können, und bis zur Mitte der 2000er Jahre war es völlig selbstverständlich, ihre Platten nicht nur zu kaufen, sondern sie auch noch zu hören. Womit sich nun aber erst recht die Frage stellt: warum taucht eine Platte, die ich seit fast einem Vierteljahrhundert (uff!) nicht hören wollte, in meiner Bestenliste der Neunziger auf? Das klingt ja absurd. Als ob nicht noch locker 50 Alben Schlange stehen würden, um in meine Hall Of Fame zu rutschen - und dann schreibe ich stattdessen lieber über ein vermeintliches Album Non Grata? Zunächst mal: von "lieber" kann hier nicht die Rede sein. Tatsächlich würde ich lieber reich bebilderte Aufsätze über eitrige Geschlechtskrankheiten oder über die Vorzüge eines Atomkriegs schreiben, ganz ehrlich. 


Um sogleich den naheliegendsten Gedanken zur möglichen Begründung zu versenken, hier ginge es dann ja sicherlich um eine Art objektiver Chronistenpflicht, weil "Ágætis Byrjun" eben ein wichtiges und wegweisendes Album ist, das in derlei Kontexten einfach erwähnt werden müsse: Objektivität mein Arsch, wir sind hier schließlich nicht bei Springers Musikexpress. Tatsächlich liegt der Grund für diese sehr ungewöhnliche Situation auf der genau gegenüberliegenden Seite der Objektivität - es wird persönlich. Strenggenommen wird es gar zu persönlich.  


Das zweite Album Sigur Rós' erreichte die Welt der Herzallerliebsten und meiner Wenigkeit irgendwann im Herbst des Jahres 2000, und wir waren uns sicher, eine solche Musik bis dato noch nie gehört zu haben. Es verdrehte uns die Köpfe. "Ágætis Byrjun" klang wie aus einer anderen Welt. Buchstäblich außerirdisch und damit nicht zu decodieren. Ihre Musik wirkte märchenhaft und fremdartig auf uns. Die in der erfundenen Sprache "Hopelandic" gesungenen Töne, Laute, und im weiteren Sinne "Worte" spielten hinsichtlich jener Wahrnehmung sicherlich eine große Rolle, aber auch darüber hinaus hatte die Band eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt. Jayson Greene schrieb in seiner 2019er Besprechung auf Pitchfork.com, das Album sei in erster Linie ein Siegeszug durch die Arrangement- und Engineering-Fakultäten, bevor Greene anschließend ein wenig pseudowissenschaftlich wurde, als er die ornamentalen Sounds als "special effects" bezeichnete, die mit dem Gehirn ausschließlich über eine Dopamin-Flutung kommunizierten. Das ist immerhin mehr, als mir einfiele; ich würde es bis heute nicht mal auf ein unteres Level irgendeines "pseudos" bringen, sondern mich beim Versuch, den Mechanismus von "Ágætis Byrjun" nebst seiner Wirkungsweise auf die tiefer liegenden emotionalen Schichten zu beschreiben, im dunklen Esoterik-Märchenwald verlaufen. Offen gesagt bin ich damit auch schlicht überfordert. Ich habe eine vage Ahnung von der Verbindung, die "Ágætis Byrjun" ins Innere aufbaut, aber mir fehlen die Kapazitäten, dafür die angemessenen Worte zu finden - ein starkes Stück für jemanden, der seit dreißig Jahren über Musik schreibt. Aber weil ich der Überzeugung bin, die Kapitulation vor der eigenen Ahnungslosigkeit sollte öfter eine echte Alternative zu besinnungslosem Gequalle sein, lass ich den vorangegangenen Satz mal so stehen. 


Freilich ist es in solchen Fällen umso verlockender, sich den Allgemeinplätzen hinzugeben, aber kein Mensch will doch heute noch was über den Cellobogen lesen, mit dem Jón Þór Birgisson seine Gitarre spielt. Und niemand will 2026 noch das ubiquitäre Gefasel über Postrock, das unvermeidliche "Kopfkino" und den aufgepompten Kitsch, der manches Mal perfekt zur emotional anrührenden Schlusszene eines Walt Disney-Films passen würde - auch das eine Wahrheit dieses Albums - reingedrückt bekommen. "Ágætis Byrjun" ist wirklich das theatralische, wunderliche, immersive, visionäre Wunderwerk, für das es die Mehrheit derer halten, die selbst im Jahr 2026 noch ganz bei Trost sind, sowas soll's geben. Es ist dabei in seinen aufmunternden und erhebenden Grundtönen mehr Dur als Moll, eine fürs umklammernde Genre eher ungewöhnliche Charakteristik. Sigur Rós ließen kurz vor dem Release der Platte über einen Eintrag auf ihrer Website mitteilen, sie würden dann mal schnell die Musikwelt aus den Angeln heben: 


"We are simply gonna change music forever, and the way people think about music.” 


- und ich denke, sie hatten einen Punkt. Aber solche Geschichten haben wir in den letzten 27 Jahren nun schon wirklich tausendfach gesehen und gehört. Was über "Ágætis Byrjun" geschrieben werden musste, wurde geschrieben. Womit der Zeitpunkt gekommen ist, in den persönlichen Teil dieses Beitrags einzutreten. 


"Ágætis Byrjun" war im Januar 2002 der Auslöser für den wohl größten emotionalen Kollaps meines Lebens. Der Krebs war zurück, ich hatte zu jeder wachen Sekunde Schmerzen, seit Monaten nicht mehr als drei Stunden pro Nacht geschlafen und wegen anhaltender Blutarmut einen Teint wie Porzellan. Ich war also rundherum ein völliges Wrack - das sich zur vermeintlichen Linderung von all jenen Malheurs täglich für eine Stunde in die heiße Badewanne legte und dabei laute Musik hörte. Sich in derlei desolaten Verfassungen ausgerechnet mit Klängen zu konfrontieren, die ob ihrer Intensität und Dramatik schon bei optimistischeren Darstellungen der mentalen Wandbemalung eine Herausforderung fürs Gemüt sein können, ist aus heutiger Sicht eine durchaus zweifelhafte Entscheidung, aber damals hatte ich den Eindruck, es wäre vor allem die Musik von Sigur Rós, die mir, für was auch immer, helfen könne. Ich kann heute nicht mehr so recht einsortieren, was genau passierte, aber als eines Nachmittags in der Badewanne ihr Song "Viðrar Vel Til Loftárása" lief, bekam ich jeden Boden unter den Füßen weggezogen und durchlebte einen kapitalen Meltdown. Mit viel (verlogener) Zuversicht könnte ich mich im Abstand von 24 Jahren eventuell dazu hinreißen lassen, von einer Katharsis zu sprechen, aber eigentlich war alles rock bottom. Und das Gefühl, was bis heute beim Gedanken an diesen Tag vorherrscht ist ebenfalls rock bottom. Da gibt es absolut nichts darunter - und auch absolut nichts darüber. 


Das war also das letzte Mal, dass ich "Ágætis Byrjun" hörte. 

Bis heute. 

Dabei wird es bleiben.




Vinyl und so: Es herrscht weitgehend Konsens, dass die Pallas-Pressung aus dem Jahr 2021 über das bandeigene Label Krúnk mit dem originalen Coverartwork die ultimative Version dieses Albums ist. Klanglich stimme ich in den Chor der bewusstlos Begeisterten ein, "Ágætis Byrjun" klingt hier wirklich absolut fantastisch. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass wenigstens meine Kopie auf der ersten Hälfte der D-Seite einige größere Probleme mit Non-Fills aufweist, die nur schwer zu ignorieren sind. Das Album ist in allen noch erhältlichen Vinyl-Versionen teuer (das heißt: über 40 Euro), daher empfehle ich den Kauf bei einem Händler, der Retouren und Ersatzlieferungen unkompliziert über die Bühne bringt. Vor wenigen Tagen erschien zum 50.Geburtstag von Rough Trade ein ebenfalls von Pallas hergestelltes 4-LP Set, das neben dem regulären Album auch noch das in Reykjavík mitgeschnittene "Live at Íslenska Óperan"-Konzert aus dem Jahr 1999 beinhaltet. Für schlappe 85 Euro seid ihr dabei. ¯\_(ツ)_/¯



Weiterhören: "Takk" (2005), "()" (2002)





Erschienen auf Smekkleysa, 1999.



12.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #150: Tankard - Fat, Ugly & Live (1991)




TANKARD - FAT, UGLY & LIVE


"From Frankfurt to Frisco, we destroy every disco" (Tankard, "Disco Destroyer", 1999)



In Anlehnung an die sogenannten Big 4 des US-amerikanischen Thrash Metals, also die sowohl erfolgreichsten als auch einflussreichsten Acts Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax, hat auch der deutsche Thrash-Kosmos mit Kreator, Sodom, Destruction und Tankard seine vier großen Vertreter mittlerweile im Szenekanon etabliert - die sich hinsichtlich der Verkaufszahlen im Vergleich mit ihren Kollegen aus Übersee ganz bestimmt in einer völlig anderen Dimension bewegen, deren Einfluss, vor allem auf die skandinavische Death Metal- und Black Metal-Szene hingegen kaum zu unterschätzen ist. Egal, wer sich seit Beginn der neunziger Jahre in Schweden, Norwegen und Finnland in einem Proberaum traf und zu einer Band zusammenschloss, sie alle haben ihre DNA-Stränge mit dem primitiven Gebolze und der unberechenbaren Chaos-Ästhetik von "Pleasure To Kill" (Kreator), "Obsessed By Cruelty" (Sodom) und "Sentence Of Death" (Destruction) tapeziert. Im Vergleich mit einem Ruhrgebiet-Assi wie Tom Angelripper galten Typen wie James Hetfield oder Dave Ellefson als geleckte und durchgestylte Schönlinge, ganz zu Schweigen von den arschfidelen Anthrax in den berüchtigten bunten Bermudashorts und mit ihren musikalischen Ausflügen in den Hip Hop. Wer den frühen Black Metal in erster Linie als Gegenbewegung zur professionellen Vermarktung von Heavy Metal-Bands begreift, wird nur mäßig davon überrascht sein, dass die emotionale Verbindung zur als außer Rand und Band und "gefährlich" wahrgenommenen deutschen Thrashszene eine herausragende Bedeutung hatte.  


Tankard fremdelten mit dieser Gesellschaft ein wenig - und sie tun es streng genommen bis heute. Einerseits entschied sich die Band trotz des überraschenden Erfolgs ihres vierten Studioalbums "The Meaning Of Life" (1990) schon früh dazu, keine professionelle Musikerkarriere zu verfolgen und es also geschäftlich insgesamt etwas gemächlicher angehen zu lassen, was eine grundsätzlich geringere Präsenz im Metalzirkus bedeutet. Sie MÜSSEN also nicht wie viele andere jeden Scheiß mitmachen, sie suchen sich aus, welchen Scheiß sie mitmachen WOLLEN. Und diese daraus resultierende Glaubwürdigkeit kann man hören. Zum anderen setzten die Frankfurter ab der Stunde Null auf ein komplett anderes Image als viele ihrer (nicht nur) deutschen Weggefährten. Keine Lederfummel und schwere Patronengurte, keine Kriegs- und Kampf-Ästhetik, keine Weltuntergangsszenarien - stattdessen: Saufen und gude Laune, oleee, oleee. Der Titel ihres zweiten Demotapes aus dem Jahr 1985 hieß "Alcoholic Metal", und damit war die eingeschlagene Richtung für die nächsten Jahrzehnte eigentlich erschöpfend auserzählt. Selbst wenn immer wieder mal ernste gesellschaftliche oder gar politische Themen in ihren Texten auftauchten, und ich will das auf keinen Fall unter den Tisch fallen lassen, blieben Tankard immer der eher heiteren, unbeschwerten Seite des Lebens zugeneigt. Unterstützung bekam das Bild von den stilprägenden Artworks von Sebastan Krüger, der in Tankards Blütezeit von 1987 bis 1994 für einige ihrer bis heute legendären Cover verantwortlich war. 


All das fügt sich auf "Fat, Ugly & Live" zusammen, in meinem Buch eines der besten Livealben aller Zeiten. Und gleichzeitig ist die 1991 veröffentlichte LP eines der unterschätztesten Livealben aller Zeiten, denn das ist die Sache: mit einem solchen Image hat man es in Metalkreisen traditionell schwer, wirklich ernstgenommen zu werden, und es wird nicht einfacher, wenn sich die Protagonisten selbst alles andere als ernst nehmen. Tankard wurden wegen ihres Auftretens, ihrer Texte und ihrer Musik von der oftmals unfreiwillig komischen Szenepolizei belächelt, und ganz vielleicht war genau das der Band am Ende des Tages gar nicht so irre unangenehm, weil es ihnen die Freiheit gab, genau so zu sein, wie sie eben waren. Nur wenig bildet Tankards Attitüde einerseits und die Atmosphäre innerhalb der deutschen Metalszene zu Beginn der 1990er Jahre andererseits so gut ab wie "Fat, Ugly & Live". Das auf Konzerten in Bochum und Frankfurt mittgeschnittene Album fängt die bombastische Stimmung in den Clubs perfekt ein und spiegelt das sowohl rebellische als auch identitätsstiftende "Wir gegen die"-Gefühl ab dem ersten Ton. Symbolisch sei auf die Ansage Gerres zum Song "We Are Us" verwiesen:


"Ihr habt sicherlich alle mitbekommen, in den Medien findet im Moment eine unglaubliche Hetzkampagne gegen Heavy Metal und insbesondere Thrash Metal statt. Was haltet ihr davon?"

Publikum: "Scheiiiiße!"  

"Waaaaas?"

"Scheiiiiiße!"

"Okay. Wir können nur eins dazu sagen: Wir scheißen auf diese ganze scheiß Spießermoral. Wer sind diese Leute überhaupt? Wir wissen, wer sie sind: Who are you? We Are Us!"


Und derart agitiert möchte mein Reptiliengehirn selbst heute noch während des anschließenden Songs am liebsten die komplette Inneneinrichtung meines 3,40qm großen Kartoffelackers zu Püree verarbeiten, denn es gibt beinahe keinen besseren Soundtrack dazu. Tankards Musik war nie für Komplexität und technische Raffinesse angelegt, stattdessen bekam man mit mindestens 300bpm immer ordentlich den Arsch versohlt und wurde ansatzlos umgewichst. Lieb gemeint, natürlich. "Fat, Ugly & Live" ist rowdyhaft, außer Kontrolle - und voller Leben. Es macht einfach unglaublich großen Spaß, diese Platte zu hören. 


Zu Dokumentationszwecken und damit das mal gesagt ist. schreibe ich es jetzt hier und heute und für alle Ewigkeit mal so ganz nonchalant hin: Tankard sind Deutschlands beste Thrashband. 



Vinyl und so: Die Erstpressung von 1991 im Gatefold-Cover und mit einem erneut wunderbaren Artwork von Sebastian Krüger ist für um die 30 Euro zu bekommen. Ein Repress ist weit und breit nicht in Sicht. Dass Noise "Fat, Ugly & Live" für das im Jahr 2022 erschienene Boxset "For A Thousand Beers" mit der kompletten Werkschau vom Debut "Zombie Attacke" bis hin zu "The Tankard" (1995) komplett unter den Tisch fallen ließen, ist ein absoluter Skandal.


Weiterhören: "The Meaning Of Life" (1990), "Chemical Invasion" (1987), "Disco Destroyer" (1999) 



Trivia: Zwischen 1997 und 2005 spielte Herr Dreikommaviernull in einer Frankfurt Band namens Broken zusammen mit zwei Urgesteinen der Frankfurter Thrashszene, die ein paar Jahre zuvor mit ihrer Band Think Of Misery im Untergrund einigen Staub aufwirbeln konnten; das Album "Poverty Is No Disgrace" gilt heute in eingeweihten Kreisen als äußerst obskure Perle des deutschen Thrash Undergrounds. Wir probten im Frankfurter Marbachbunker, wo auch Tankard jahrelang ihren Proberaum hatten. Meine beiden Mitstreiter hatten freilich unzählige Geschichten aus den gemeinsamen Zeiten auf Lager. Eine ganz besonders schöne davon möchte ich hier aus der Perspektive des Ich-Erzählers dokumentieren. Ich nenne (fast) keine Namen. 

"Tankard haben mal im Frankfurter Volkbildungsheim gespielt, und ich war an dem Abend der Roadie für'n Arnulf (Tunn, damaliger Tankard-Schlagzeuger). Ich hab alles uffgebaut, alles war ferddich. Dann bin ich mit so 'ner Alten auf die Empore im Vobi und hab' mit der rumgemacht und dabei gar nicht mitbekommen, dass Tankard schon angefangen hatten zu Zocken. Nach so 'ner dreiviertel Stunde denk ich auf einmal so "SCHEISSE! DE' ARNULF!" und renne runter zu ihm. Der sah nicht gut aus. Der hackt da rum und schreit mich an: "WASSER! WASSER!" und ich war so aufgeregt, dass ich zwei Flaschen Sprudel genommen hab und einfach über ihm ausgekippt hab'. Und dann sehe ich nur, wie die beiden Drumsticks *flup*...*flup* durch die Gegend flogen. Fand er net so geil, der Arnulf."





Erschienen auf Noise Records, 1991.


28.06.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #151: Vicious Rumors - Word Of Mouth (1994)




VICIOUS RUMORS - WORD OF MOUTH


“My best advice to anyone who wants to raise a happy, mentally healthy child is: Keep him or her as far away from a church as you can.” (Frank Zappa)




Musik aus einer komplett anderen Welt. Ich bin eventuell ein ganz kleines bisschen pathologisch dazu veranlagt, meine Wahrnehmung über eine Band wie Vicious Rumors stets in epischer Breite und Penetranz darzulegen - und könnte dabei unmöglich darauf verzichten, die ganz großen Fässer "US Metal" und "Power Metal" ins historische Bild zu rollen. Ich weiß allerdings auch, dass es für meine geschätzten Leserinnen und Leser interessanter ist, Farbe beim Trocknen zuzuschauen, als sich die sowieso schon am Rande der Kapazitätsgrenze dampfende Festplatte mit all dem uralten Remmidemmi weiter vollnageln zu lassen. Aber wir kommen hier sonst nicht weiter, es muss einfach raus. 


Was vielleicht gleich zu Beginn mal raus muss: Vicious Rumors existieren auch heute noch und tingeln auf der kleinstmöglichen Sparflamme durch die Welt. In den letzten dreißig Jahren gab es eine unüberschaubare Anzahl von Besetzungswechseln, eine Sammlung weitgehend egaler Studioalben und zwischen fragwürdig und indiskutabel hin und her pendelnde Interviewaussagen von verschiedenen Bandmitgliedern. Zuletzt erregten Postings des Schlagzeugers Larry Howe auf Social Media Aufmerksamkeit, in denen er sich als rechtes MAGA-Arschloch outete. Nach einigem Gezerre und angedrohten Konzertabsagen seitens der Veranstalter wurde Howe schließlich aus der Band geworfen, aber man wird das Gefühl nicht los, es hier in erster Linie mit einer Businessentscheidung zu tun zu haben, als mit einer ehrlichen Abgrenzung von rassistischem Scheißdreck. Ich bin mir daher auch nach Monaten des Abwägens immer noch nicht sicher, ob es eine schlaue Entscheidung ist, Vicious Rumors in meinen Countdown aufzunehmen. Jetzt sind wir zwar hier, aber der Zweifel bleibt - story of my life. 


Then again: das ist nicht nur Musik aus einer anderen Welt, das war auch mal eine völlig andere Band. Im Rückblick erscheint es mir manchmal so, als wäre die ganze frühneunziger Zeitachse aus einem Bizarro-Paralleluniversum herausgeplumpst. Vicious Rumors gehörten zu einem sehr kleinen Kreis von Bands, die Genres wie US Metal und Power Metal zugeordnet wurden, und die über einen kurzen Zeitraum von maximal drei Jahren plötzlich Verträge mit Majorlabels an Land ziehen konnten. Betrachtet man den musikalischen Zeitgeist zum Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre, ist der Umstand mit "kurios" noch sehr zurückhaltend beschrieben, aber in den Chefetagen von Epic, Atlantic und Elektra gab es offensichtlich Menschen, die es Bands wie Metal Church und eben Vicious Rumors zutrauten, genau das Publikum abzuholen, das sich noch unbewusst eine Mischung aus Metallica und Bon Jovi wünscht. Und für jene bei Temu gekaufte Horror-Definition von Power Metal bekomme ich von nächstbesten Szenefossil garantiert den Arsch versohlt, aber wer weiß, vielleicht steh' ich ja drauf?! Ha!


Vicious Rumors waren mit ihrem 1985 erschienenen Debut "Soldiers Of The Night" und dessen Nachfolger "Digital Dictator" aus dem Jahr 1987 bereits eine Kultband: die Kritiker überschlugen sich, und eine kleine, aber überaus loyale Fanbase wich der Band fortan nicht mehr von der Seite. An einen Erfolg im Mainstream war indes nicht mal im Traum zu denken: ihre Musik war nicht nur zu gleichen Teilen (zu) heavy und (zu) verspielt, sie hatten zudem ab "Digital Dictator" mit Carl Albert einen zwar wirklich überragenden Sänger in ihren Reihen, dessen Stimme aber eher etwas für den fortgeschrittenen Kenner als für den klassischen Ottonormalrocker war. Und wie man eine von den immerhin offensichtlichsten Metal-Klischees befreite Musik vor allem in Amerika hätte vermarkten wollen, würde mich auch im Jahr 2026 noch immer sehr interessieren. 


Das selbstbetitelte dritte Album (1990) sowie das nur ein Jahr später veröffentliche "Welcome To The Ball" erschienen dann tatsächlich auf dem Majorlabel Atlantic Records. Qualitativ hatte die Band bis dahin eine makellose Diskografie zu bieten, die aber im Zuge des Triumphzugs von "Nevermind" praktisch über Nacht wertlos wurde. Wer auch immer dem Kreis von Unterstützern bei Atlantic zuzurechnen war, verlor den Job und wurde mit Managern ersetzt, die erstens den Auftrag erhielten, die nächsten Nirvana zu finden und die zweitens mit progressiv angehauchtem Power Metal mal so gar nichts an der Frisur hatten - und haben durften. Vicious Rumors waren in Rekordgeschwindigkeit zu ärgerlichem Ballast geworden - und Ballast muss entfernt werden. Was folgerichtig das Ende ihres kurzen Major-Intermezzos bedeutete. 


Die Band gab indes nicht auf, sondern kam für ihr nächstes Album "Word Of Mouth" beim kleinen deutschen Label Rising Sun Productions unter, das zu jener Zeit eine Art Auffangstation für die aufs Abstellgleis verfrachteten ehemaligen Majorbands wie Metal Church und Riot wurde. Aus geschäftlicher Sicht war das freilich eine Bruchlandung, und zusammen mit dem damaligen Zeitgeist, der alles, was sich auch nur entfernt nach Metal anfühlte als lächerliches Relikt eines untergegangenen Zeitalters in die nächstbeste Senkgrube ballern wollte, war die Band kommerziell mausetot. Künstlerisch betrachtet erschienen zu jener Zeit aber einige der besten Metalalben aller Zeiten, und "Word Of Mouth" hat sich seinen Platz in dieser Liste verdient. Es ist tragisch, wie wenige Metalfans das 1994 noch mitbekommen haben. 


"Word Of Mouth" ist trotz (oder gerade wegen) der widrigen Umstände ein sensationelles Album. Die Band hat den Härtegrad ihrer Musik nochmal deutlich nach oben geschraubt - ich bestaune auch nach über dreißig Jahren noch immer das dicke Brett, das das Riff von "All Rights Reserved" bohrt, Heilig's Blechle! - was gemeinsam mit den heruntergestimmten Gitarren, den ungewöhnlichen Gesangsharmonien und einem bemerkenswert aufgefrischten Melodieverständnis den Vibe der Aufnahmen zwar dezent, aber spürbar in modern wirkende Bereiche des Alternative Rocks verschiebt, ohne dabei weder den einzigartigen Stil der Band noch die Virtuosität ihrer Musiker auch nur im Ansatz zu beschädigen. Zwischen tiefergelegten Erdkern-Groovern wie eben "All Rights Reserved" und "Thinking Of You" platzieren sich ganz selbstverständlich melodische Diamanten wie "Thunder And Rain Part 2", das unnachahmliche "The Voice" und das stimmungsvolle und absolut brillant gesungene "Dreaming", womit es der Band gelingt, den so ubiquitär ins Feld geführte "Spagat zwischen Tradition und Moderne" mühelos zu vollführen. "Word Of Mouth" ist die Meisterklasse des Power Metals der neunziger Jahre - und sogar darüber hinaus. 


Sänger Carl Albert verstarb im Jahr 1995 im Alter von 32 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Ein Schock, von dem sich die Band, allen voran Geoff Thorpe, vermutlich bis heute nicht erholt hat. Dass Thorpe trotzdem niemals aufgab und kontinuierlich neue Alben veröffentlicht und Tourneen spielt, nötigt mir durchaus Respekt ab, denn der Absturz, den die Band nach Alberts Tod verkraften musste, war in seiner Tragweite absolut beispiellos. Wer sich das erste Album nach der Tragödie "Something Burning" (1996) angehört hat, oder die Artworks der nachfolgenden Alben kennt, weiß vermutlich, wovon ich spreche. Vielleicht ist es ein bisschen zu dicke, "Word Of Mouth" nicht nur hinsichtlich der Bandkarriere, sondern auch im größeren Kulturkontext als das Ende einer Ära zu bezeichnen. Andererseits: welches Power Metal Album - zur Klarstellung: ich rede von KLASSISCHEM Power Metal der späten 80er bis frühen 90er Jahre; kommt mir hier bloß keiner mit dieser Kinderliedscheiße, die seit den 2000ern unter Power Metal läuft, sonst kotz' ich mich voll! - hat seitdem eine ähnliche Klasse und einen vergleichbaren Impact gehabt? Eben. 


Vinyl und so: Das Spezialistenlabel The Night Of The Vinyl Dead veröffentliche 2019 eine auf 555 Stück limitierte Vinylfassung dieses Klassikers, die heute für etwa 75 Euro zu haben ist. Es ist davon auszugehen, dass hier schlicht die CD-Files auf das Vinyl gezogen wurden, aber immerhin hat man sich bei der Gestaltung des Gatefolds einiges einfallen lassen und einen "Fold-Out"-Mechanismus eingebastelt. Das ist ein nettes und schön gemachtes Gimmick. Nicht so schön: die originale Farbgebung des Artworks in lila und violett und das Bandlogo wurden verändert - und nicht zum Positiven, wie ich anfügen möchte. 


Weiterhören: "Vicious Rumors" (1990), "Digital Dictator" (1987), "Welcome To The Ball" (1991), "A Tribute To Carl Albert" (1996 - Bootleg-Liveaufnahmen der letzten Europatournee mit Carl aus dem Jahr 1994 plus drei bislang unveröffentlichte Bonustracks)


   




Erschienen auf Rising Sun Productions, 1994.


14.06.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #152: Chum - Dead To The World (1996)




CHUM - DEAD TO THE WORLD


"Loneliness isn't being alone, it's when someone loves you and you don't have it in you love them back." (Xiu Xiu)



"Dead To The World" ist ein weiterer Deep Cut aus den neunziger Jahren. Die Band aus Huntington, West Virginia brachte es nur auf ein einziges Album und verschwand zwei Jahre nach dessen Veröffentlichung wieder in der Versenkung. Betrachtet man die stilistische Ausrichtung ihrer Musik mag das nicht überraschen, und dennoch darf die Frage gestellt werden, warum ihnen im musikalischen Klima zur Mitte der Neunziger mit einen solchen Sound nicht mehr, oder etwas gewagter formuliert: alle Türen offen standen. Andererseits waren Chum beileibe nicht die einzige Band, die, obwohl es der Zeitgeist eigentlich gut mit ihnen meinen sollte, irgendwann aufgeben mussten, weil der Siegeszug des Chauvi-New Metals seinen Lauf nahm. 


Damit konnten Chum nicht konkurrieren. Ihr tiefergelegter Breitwandriffhausen-Mix mit Einflüssen von Helmet, Only Living Witness, Faith No More (mit Überhangmandat zur etwas weniger experimentellen Phase ab "King For a Day, Fool For A Lifetime"), Quicksand und Dearly Beheaded wurde mit verschachtelt-progressiven Elementen angereichert, was unter anderem dazu führte, dass offensichtliche Hits für das US-amerikanische Radio nicht mal ansatzweise eine Rolle spielten. Zudem brachte die in diesen überaus dick gewebten Grooveteppich eingehäkelte Komplexität ein hohes Intensitätsniveau mit sich. Es kann hier also auch mal ungemütlich, kratzbürstig, noisig und emotional, ich traue mich fast nicht, es hier hinzuschreiben: herausfordernd zugehen - und so eine Mischung führt bis heute nur in Ausnahmefällen zu einem Bestseller. 


"Dead To The World" ist in exakt richtig dosierten Momenten ultraheavy und wirkt durch die klare und ausdrucksstarke Stimme von John Lancaster - ich erlaube mir an dieser Stelle, eigentlich unzulässige Parallelen zum Timbre eines Mike Patton hervorzuheben - zugleich zerbrechlich. Sowas klickt immer mit mir, und zwar ab Sekunde Eins. Keine übertriebene Härte, keine Effekthascherei, kein affektiertes Muskelflexen, keine Klischees. In "Kindling Kind", einem der zahlreichen Höhepunkte des Albums und seit Jahrzehnten sicherer Stammgast auf sämtlichen Florian'schen Mixtapes und Playlists unter dem Rubrum "Rock with a capital R", walzt sich die Band durch alles, was mir lieb und teuer ist: am offenen Feuer geschmiedete Riffs und Grooves, von denen man sich wünscht, man hätte sie selbst geschrieben, gekonnt inszenierte Laut/Leise-Dynamik und ein Arrangement, das spielerisch und wie von Zauberhand die Auflösung aus dem Groove-Dickicht findet und gegen Ende eine unnachahmliche Wucht und Vehemenz entwickelt. 


It doesn't get much better than this, really. 



Vinyl: 1996 erschien "Dead To The World" ausschließlich in der CD-Fassung. 2025 nahmen sich Outer Orbit Records ein Herz und veröffentlichten das Albums in zwei Farbvarianten (schwarz und gelb-schwarz-Galaxy) erstmals auf Vinyl. Das ist gut. Eher schlecht: der Vertrieb läuft exklusiv über Outer Orbits, beziehungsweise über den angeschlossenen Plattenladen Orbit's Recordshop in Barboursville, West Virginia. Die Platte ist mit 23 Dollar wirklich sehr moderat bepreist, aber die Versand- und Zollgebühren killen das freilich wieder. Es wird also nicht billig. Gut: der Inhaber des Ladens und des Labels ist mit einigen Mitgliedern von Chum befreundet und kann, sofern gewünscht, Sänger John Lancaster die Platte signieren lassen. Mittelgut: zum dreißigjährigen Jubiläum von "Dead To The World" erscheint im Sommer 2026 eine neue, auf ein Doppelalbum erweiterte Fassung des Albums, auf der vier bislang unveröffentlichte Songs aus den Aufnahmesessions auftauchen. Außerdem gibt es ein neues Coverartwork. 


Weiterhören: John Lancaster - A Panchent For Hell On Earth (2015), Hyatari - The Light Carriers (2005) 


Zusatzinformation: Die Band arbeitet nach fast dreißigjähriger Pause aktuell an einem neuen Album.


Shoutout an Freund und 90er-Alternative und Indie-Tausendsassa Andi, der mir "Dead To The World" zur Mitte der nuller Jahre ins Körbchen legte.  


 



Erschienen auf Century Media, 1996. 



30.05.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #153: The Cinematic Orchestra - Motion (1999)




THE CINEMATIC ORCHESTRA - MOTION


"In meinen
glücklichen
Augenblicken
fühle ich mich
vom Aussterben
bedroht."
(Wolf Wondratschek)


Das Debutalbum dieser Ende der 1990er Jahre von Jason Swinscoe gegründeten britischen Band ist nicht nur ihr bis dato bestes Werk, sondern in seiner Radikalität in der Verschmelzung von Jazz, Hip Hop und Electronica ein einzigartiger Höhepunkt eines Genres, das eigentlich gar nicht existieren dürfte. Swinscoes Idee, eine echte Band aus Jazzmusikern zusammenzustellen, ihnen zunächst einen riesigen Haufen Samples zum Einüben vor die Füße zu werfen und sie anschließend in stundenlangen Sessions darauf herumimprovisieren zu lassen, bevor er, Swinscoe, sich mit virtueller Schere und Tesafilm an die eigentliche Produktion setzte, indem er Teile jener Sessions auseinanderrupfte und zu einer komplett neuen Einheit zusammensetzte, nachdem er sie mit neuerlichen Samples bearbeitet hatte, war revolutionär - und zugleich so weit von meiner durch Rockmusik bestimmten Sozialisation entfernt, dass mir streng genommen jedes Verständnis dafür fehlt, wie sowas geht. 

Bon, das ist ein bisschen geflunkert; mit beinahe 49 Jahren hat sich der Tunnelblick glücklicherweise mittlerweile eher erweitert als verengt. Aber wenn mir der jahrzehntelange Konsum von Rockmusik nebst ihrer medialen Sprachrohre eines beigebracht hatten, dann war es das Dogma, dass nur im Rock 'n' Roll die "echten" Musiker zu finden seien, die unter Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen ihr Leben dafür opferten, echte, wahre, reine, handgemachte Musik spielen zu dürfen. Verglichen mit dem Musikverständnis eines Jason Swinscoe, seiner musikalischen Weitsicht und seiner Vision, seinem Gespür für Bewusstsein, Geschichte und Auftrag, für Schattierung, Reflexe und Ambiance, erscheint das Rambazamba von der anderen Seite fast wie Trump'sche Höhlenmalerei. 

Ich saß vor vielen Jahren mal mit dem freien Journalisten Jan Künemund in einem Berliner Kneipenboot beim Absacker; unsere Wege kreuzten sich in Frank Schindelbecks Jazzforum über unsere Begeisterung und Faszination für den Jazz - über den Jan übrigens so gut schreiben kann, wie sonst niemand in der Republik, es ist fast schon demütigend, uff. Jedenfalls, auf meine Einlassung hin, just im absoluten Hardcorefieber zu sein, weil mir mein MP3-Player auf der Zugfahrt in die Hauptstadt ein Album der US-amerikanischen HC-Band Since By Man reinshuffelte, hörte ich ein sich offensichtlich unter Schmerzen herausgequältes "aber das ist doch so stumpf?!" von der anderen Seite des Tischs an mein Ohr dringen. Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Stumpf is my house! Forever Stumpf und Stumpf Forever! 

Aber es sind jene Momente wie das bewusste Zuhören bei "Motion", die mich an diese Situation denken lassen. Weil hier jeder Pianoanschlag, jedes Beckenrascheln, jedes Schnarren einer Basssaite, jedes staubige Sample einer kratzenden, alten Schallplatte, jede davon ausgelöste Soundreflektion ein Universum ist. 


Als ich "Motion" nach langen Jahren der erfolglosen Suche nach einer bezahlbaren Vinylversion im Jahr 2020 endlich auf dem Plattenteller liegen hatte und dem Album im Rahmen meiner leider nur kurzlebigen "Die besten Second Hand-Funde"-Serie einen erneuten Besuch abstattete, schrieb ich:

"Mein erstes Zusammentreffen mit "Motion" muss wie bei "In Between" des Berliner Kollektivs Jazzanova etwa zur Mitte der nuller Jahre stattgefunden haben; einer sehr turbulenten Zeit, in der sich mein Leben praktisch alle zwei Wochen neu erfand - und neu erfinden musste. Ich entdeckte elektronische Musik, ich entdeckte Jazz und irgendwie entdeckte ich mich dabei selbst mehr und besser als in den vorangegangenen 28 Jahren. Die innere Befreiung, dass es mehr zu sehen, denken und fühlen gab, öffnete mich im Außen für Inspiration und Neugier. Es brauchte in diesem Zustand keine besondere Anstrengung, mich in einem Album wie "Motion" gleichermaßen zu spiegeln und zu verlieren. Die Atmosphäre aus verdichtetem cut-and-paste Jazz und grobkörniger Electronica entwickelt eine unnachahmliche Dringlichkeit und wirkt spätestens beim Höhepunkt "Night Of the Iguana" wie ein Film Noir-Soundtrack from outer space: fremdartige Bewegungen aus der Tiefe der Nacht, des Raums und der Zeit. Fanfaren, Drama, Kontemplation und Exzess."


Es wird niemals kein Erlebnis sein, diese Platte hören zu dürfen.



Vinyl und so: "Motion" wurde nach der 1999er Erstpressung in den Jahren 2013 und 2020 erneut auf Vinyl veröffentlicht. Die Aufmachung mag etwas minimalistisch sein (ich gönne so einer Platte gerne ein bisschen mehr Lametta), aber der Klang ist super. Für um die 30 Euro sind die Represses aktuell noch zu bekommen. 

Weiterhören: "Every Day" (2002), "Ma Fleur" (2007)





Erschienen auf Ninja Tune, 1999.


09.05.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #155: Lard - The Last Temptation Of Reid (1990)




LARD - THE LAST TEMPTATION OF REID


"If you love god, burn a church." (Jello Biafra)


Das eigentliche Problem bei derlei Listen-Akrobatik ist ja, praktisch rund um die Uhr das Gefühl zu haben, jede einzelne fucking Platte wäre viel zu tief einsortiert. Das ist doch alles locker Top 10 hier?! Wie kann ich eine solche Sensation wie "The Last Temptation Of Reid" in die 150er setzen, bin ich noch bei Trost? Sagen Sie es mir! Und um alles noch viel schlimmer zu machen: das Album ist über 35 Jahre alt und es steht zu befürchten, dass ein großer Teil der nachgewachsenen Generationen nicht mal mit dem Bandnamen vertraut ist. Dabei ist das eine der kompromisslosesten, gefährlichsten und energiegeladensten Aufnahmen aller Zeiten. 


Jello Biafra aus dem Hause Dead Kennedys und die Ministry-Amphetamin-Poolboys Al Jourgensen, Paul Barker, Jeff Ward und Bill Rieflin spielen auf ihrem Debut aus dem Jahr 1990 eine außer Kontrolle geratene Mischung aus den beiden Bands der beteiligten Protagonisten mit unbändiger Wucht und hemmungsloser "Fuck You All!"-Attitüde. Angriffslustig, provokant, politisch eindeutig positioniert und mit rasiermesserscharfen Kommentaren zur gesellschaftlichen und politischen Generalverblödung, die - wir vergessen den ganzen Irrsin stets viel zu schnell; sehr wahrscheinlich eine Schutzfunktion unserer Denkmurmel - bereits 1990 in voller Blüte stand. 


Im Prinzip muss "The Last Temptation Of Reid" mindestens ein Mal pro Monat, ach was: WOCHE! gehört werden; einerseits zur musikalischen Rekalibrierung, um sich Runkel und Rübe von all dem kompostierten Kernschrott des zeitgenössischen heiligen Rocks freiblasen zu lassen - und um sicher zu stellen, noch kein minderbemittelter Schmalspurliberaler mit Zeit-Abo geworden zu sein, dessen ehemals unverrückbare Vorstellungen von Moral und Miteinander, vom Kampf gegen Unterdrückung, Kapitalismus, Rassismus, Religion und Bigotterie mittlerweile im krustigen Arsch von Kapital, Eigenheim, der verschissenen Bundeswehr und dem ETF-Portfolio gelandet sind. Das geht auch heute noch problemlos, weil "The Last Temptation Of Reid" weder musikalisch noch inhaltlich einen einzigen Tag gealtert ist. Woran man einen Klassiker erkennt? Genau daran.  



Vinyl und so: das Original gibt's gebraucht zwischen 20 und 30 Euro. Einer jener Fälle, für die ein Reissue im Grunde überflüssig ist. Freilich gibt es trotzdem einen - und der ist mittlerweile deutlich teurer als das Original. Said it before, will say it again: Plattennerds must die.


Weiterhören: "Power Of Lard" (1989), "Pure Chewing Satisfaction" (1996)


          



Erschienen auf Alternative Tentacles, 1990.

19.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #157: Cynic - Focus (1993)




CYNIC - FOCUS


In Erinnerung an Sean Malone und Sean Reinert.


Als ich "Focus" im Jahre 2019 bereits auf diesem Blog unter der so beliebten wie völlig egalen "Die Heavy Metal-Ursuppe"-Reihe rezensierte, erschienen mir zwei Aspekte besonders wichtig. Erstens sollte deutlich werden, welchen Einfluss das 1993 erschienene Debut auf die weitere Entwicklung des Genres hatte, auch um dessen Entwicklungsstand im damaligen Zeitstrahl zu kontextualisieren. Zweitens wollte ich mit ein paar Metern Sicherheitsabstand im Rückspiegel auf "Focus" schauen und die in meiner Wahrnehmung etwas außer Kontrolle geratenen Narrative, das Album sei völlig abgedreht und abgehoben, ein kleines bisschen entmystifizieren. Einerseits fällt mir letzteres nicht gerade leicht, weil ich ziemlich auf Mystifizierung stehe - dieser Countdown wäre ohne ein gerüttelt Maß an Verklärung und Idealisierung praktisch unmöglich. Und außerdem: "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt" (Joseph von Eichendorff). Andererseits, pardon, scheißen sich weite Teile der Metalszene schon beim Gedanken an einen dissonanten Ton und der Idee eines hauchdünn krummen Takts vor Freude die Hosen voll, weil der hochkultürliche Distinktionsgewinn so unwiderstehlich attraktiv ist. Wenn der Metal-Fan eines möchte, dann ist es ernstgenommen zu werden. Das weiß ich, weil ich Metal-Fan bin. Benn there, done that.


Wir blättern ein paar Jahre zurück:

"Focus" gilt heute weitläufig als Klassiker des Progressive Metals/Death Metals, und zieht man die Umstände der damaligen Zeit sowie der Szene in Betracht, hat es diesen Status als Zeitdokument einerseits, aber auch als Einfluss auf die spätere Entwicklung des Genres andererseits nicht zu Unrecht. 

Zwar war man selbst als Death Metal Fan im Jahr 1993 schon so einiges gewohnt, weil die "Anything Goes"-Mentalität der frühen neunziger Jahre den Zeitgeist bis in den Untergrund bestimmen sollte: Fear Factorys Debut "Soul Of A New Machine" zeigte bereits ein Jahr zuvor Experimente mit Klargesang zwischen dem gutturalen Geröchel, Atheist lösten die schon auf früheren Alben nur unzureichend gesicherten Bremsen mit "Elements" endlich komplett und verbanden die fast vollständig aufgelösten Restspuren ihrer Death Metal Vergangenheit mit Latin und Salsa-Beats, während Chuck Schuldiner von Death, dem Großteil der Szene stets mit Sieben-Meilen-Stiefeln voraus, mit "Human" nicht nur einen Meilenstein des technischen Death Metals vorgelegt hatte, sondern auch automatisch die Marschrichtung der kommenden Entwicklungen im extremen Metal vorgab. Maßgeblichen Einfluss daran hatte auch die Hälfte von Schuldiners damaligem Line-Up: Paul Masvidal an der Gitarre und Sean Reinert am Schlagzeug spielten auf "Human" förmlich um ihr Leben und beeinflussten damit Musiker wie einen Gene Hoglan (u.a.Dark Angel), der Reinerts gewebte Prog- und Fusion-Fäden auf "Human" als späterer Death-Schlagzeuger auf den Alben "Individual Thought Pattern" (1993) und "Symbolic" (1995) aufnahm und dabei selbst stetig weiterentwickelte. 


Ein paar Tage, nachdem der Artikel auf 3,40qm veröffentlicht wurde, erreichte mich ein Kommentar, der mich darauf hinwies, eine wichtige Facette in der Bewertung von "Focus" ignoriert zu haben: Die Demos von Cynic. Und ich bin schuldig im Sinne der Anklage. 


Dabei können wir die ersten beiden Aufnahmen, das Debut "Demo 88" und das ein Jahr später erschienene "Reflections Of A Dying World" für den Moment aus der Gleichung nehmen, da die Band hier noch eindeutig im Thrash Metal zu Hause ist, und die sich später zeigende technische Komplexität nur in  rudimentären Ansätzen erkennbar ist. Aber sowohl das Demo aus dem Jahr 1990, als auch ganz besonders die drei Songs, die sich auf dem 1991 erschienenen und letzten Demo befinden, sind für die erweiterte Einordnung von "Focus" durchaus relevant. Nicht zuletzt soll das 1991er Demo einen so großen Eindruck auf Chuck Schuldiner gemacht haben, dass er Cynic-Sänger und -Gitarrist Paul Masvidal und Schlagzeuger Sean Reinert zu seiner Band Death lotste, um mit ihnen und Steve Di Giorgio am Bass das Album "Human" aufzunehmen. "Human" sollte eines der wichtigsten und wegweisendsten Werke des Heavy Metal werden. Großen Anteil daran hatte vor allem die Schlagzeugarbeit des zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal zwanzig Jahre alte Reinert, die ein ganzes Genre auf den Kopf stellte und als Stunde Null für modernes Metal-Drumming gilt. Masvidal und Reinert verließen Death nach der Tour zum Album und veröffentlichten ihrerseits im September 1993 "Focus". Betrachtet man die über den Verlauf von vier Demos dokumentierten Entwicklungsstadien der Band, muss man "Focus" als die vorübergehend letzte Ausbaustufe ihres Sounds bezeichnen. Cynic nahmen sich nach dem Release von "Focus" eine Auszeit und kehrten erst 2008 mit dem Album "Traced In Air" zurück, das stilistisch erneut Grenzen verschieben und erweitern sollte, allerdings dieses Mal mit deutlich geringerem Einfluss auf die Szene. 


An dieser Stelle nochmals ein Rückblick auf meinen Text aus dem Jahr 2019:

In Zusammenhang mit dem "Focus"-Produzenten Scott Burns und dem Morrissound Studio in Florida, beides in der Kombination zur damaligen Zeit DER Maßstab schlechthin, wenn es um Death Metal Produktionen ging, wurden Cynic als "Next Level Death Metal" vermarktet - und dafür hatte der ungewöhnlich progressive Sound es durchaus in sich. Die Band wechselte von anspruchsvoll zu spielendem, technischem Death Metal in Bruchteilen von Sekunden in spirituell anmutende und ätherisch wirkende Traumwelten, in denen Akustikgitarren und die mittels Vocodereinsatz surreal verfremdete Stimme von Masvidal den Sound prägten - nicht zu vergessen das melodische Harmonien aufziehende Bassspiel von Sean Malone, der mit seinem Fretless Bass dem Bandsound zusätzliche Originalität verpasste. Im Ergebnis habe ich "Focus", trotz der recht eindeutigen Vorzeichen, nie als Death Metal wahrgenommen; tatsächlich habe ich mich nie darum bemüht, überhaupt irgendeine passende Schublade dafür zu finden. 

Ich habe mir vor wenigen Wochen den Vinyl-Reissue von "Focus" gegönnt und mich in diesem Zuge wieder intensiver mit dem Album befasst. Ich war zunächst über den Sound überrascht - und nicht unbedingt im positiven Sinne. In meiner Erinnerung war das Brett, das die Band mit Scott Burns bohrte, bedeutend dicker und druckvoller als ich es heute empfinde. Ein Gegencheck mit der CD und einem digitalen Format verschaffte Aufklärung: "Focus" klang auch schon 1993 nach heutigen Maßstäben nicht besonders gut, was vielleicht das eindrücklichste Zeichen dafür ist, dass der Zahn der Zeit auch in diesem Fall ein Stück der Faszination abnagen konnte. Interessant ist indes, dass sich im Vergleich zu Burns' Standardsound (Bass- und Schlagzeug-Regler auf 11, alle Mitten raus) auf "Focus" etwas mehr Transparenz und Differenzierung zeigt - das ist unter gegenwärtigen Gesichtspunkten zwar immer noch nicht viel, war aber für damalige Verhältnisse immerhin eine Varianz, eine Öffnung. 

Darüber hinaus erscheint "Focus" aus heutiger Sicht bei Weitem nicht mehr so abgedreht zu sein, wie es sich in der Erinnerung immer noch anfühlt - und wie Rezensenten und Kommentatoren es bis heute beteuern. Besonders ist das Album auch 25 Jahre später ganz sicher noch, technisch wie visionär herausragend - aber am Ende des Tages lediglich im traditionell sehr eng begrenzten Kosmos von Rockmusik und Heavy Metal als unkonventionell zu bezeichnen. Das ist aus diesem Blickwinkel auch im Jahr 2019 noch legitim, vielleicht angesichts der tatsächlich noch dramatischer in Erscheinung tretenden Mutlosigkeit der Szene noch mehr als das. Aber für die, die keinen Tellerrand kennen, weil sie nicht mal einen Teller haben, spielt sich dann eben doch zu viel im Rahmen dessen ab, was man so kennt: klassische Instrumentierung, klassisch-progressive Arrangements, klassischer Sound. Das stete Gerede über ein mit übergeschnappten Ideen vollgepacktes Avantgarde-Jazz-Experimental-Feuerwerk ist letzten Endes irreführend. 


In weiten Teilen stimme ich diesen Einschätzungen auch heute noch zu, vor allem die Einlassungen zum aus heutiger Sicht nicht gerade überwältigend klingenden Sound halte ich noch immer für richtig. Andererseits erscheint mir der vor sieben Jahren verfasste Text heute eine Spur zu kritisch. Und vielleicht beruht der letzte zitierte Absatz auch auf einer falschen Wahrnehmung meinerseits. Ich wüsste ehrlich gesagt heute auch gar nicht mehr, warum die Diskussion überhaupt relevant sein sollte, wie abgefahren "Focus" denn nun wirklich ist. Zumal: Easy Listening ist's nun ja wirklich nicht gerade. All das sagt am Ende wahrscheinlich mehr über mich aus, als über die Platte. Go figure. 


Im Frühjahr 2026 höre ich "Focus" als Erinnerungsstütze für diesen Beitrag und bin damals wie heute einfach nur beeindruckt von der Vision, der Kompromisslosigkeit und der Courage, die dieses Album ermöglichten.


Für die Ewigkeit. 



Vinyl und so: Die Preise für die Erstpressung aus dem Jahr 1993 sind mittlerweile jenseits von gut und böse und bewegen sich irgendwo zwischen 400 und 700 (!) Euro. Ab 2013 wurde "Focus" immer wieder mal neu aufgelegt und in verschiedenen Vinylfarben veröffentlicht. Meine schwarze Version aus dem Jahr 2013 offenbart wie im Text erwähnt die Schwächen der Produktion, klingt dafür natürlicher und, der Musik auch irgendwie angemessen, ätherischer als die Erstpressung der CD. Finanziell wird die Luft allerdings wie bei sämtlichen Represses mittlerweile ebenfalls sehr dünn: 80 bis 100 Euro müssen investiert werden. Darüber hinaus brachte Paul Masvidal zum 30.Geburtstag des Albums eine remixte und remasterte Version heraus. Die gibt es für um die 30 Euro, aber hier ist Vorsicht geboten: der Sound ist zwar im Bassbereich robuster als der Originalmix, aber dafür auch deutlich dumpfer und blutleerer. Ich besitze die Ausgabe auf Purple Vinyl, die wirklich toll aussieht, aber im direkten Vergleich mit der 2013er Version klar den kürzeren zieht. Ich bin mir insgesamt nicht sicher, was hier vorzuziehen ist, aber ich ertappe mich hier und da beim Gedanken daran, ob nicht die Original-CD des Albums die beste Option ist. 


Weiterhören: "Traced In Air" (2008), "Ascension Codes" (2021)





Erschienen auf Roadrunner Records, 1993.



03.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #158: Saigon Kick - Saigon Kick (1991)




SAIGON KICK - SAIGON KICK


"Humour goes under the door where other emotions rattle the handle." (G.K. Chesterton)


Manche Erinnerungen nehme ich mit ins Grab. Mai 1991, ein sonniger, heller Frühlingstag. Florian ist 13 Jahre alt, hat gerade sein Rollkunstlauftraining (wir berichteten) im Frankfurter Stadtteil Rödelheim beendet und hat ein bisschen Taschengeld im Portemonnaie. Das Ziel: die Frankfurter Hauptwache. Genauer gesagt die kleine Einkaufspassage am alten Europa-Palast Kino. Dort hatte mit dem "Musikladen" der feinste Plattenladen der Stadt sein Hauptquartier bezogen, oder besser sein Hauptquartierchen, denn wenn fünf Menschen im Verkaufsraum standen, wurde der Sauerstoff knapp. Ich ging an diesem Tag mit zwei Schallplatten nach Hause: Heathens "Victims Of Deception" und, schlaue Füchse werden es bereits geahnt haben, dem Debut von Saigon Kick. Die "10x Dynamit"-Rubrik meines damaligen Lieblingsmagazins Rock Hard made me do it. Denn wo jeden Monat die zehn herausragenden Veröffentlichungen auf einer Doppelseite prominent rezensiert wurden, fanden sich in der Märzausgabe die euphorischen Reviews zu jenen zwei Alben. Ich hatte dabei großes Vertrauen in die Redaktion: ein feiges Reinhören vor dem Kauf, um sicher zu gehen, sich bloß nichts Falsches ins Haus zu holen? Nicht mit mir! Ich will die Experience, selbst wenn sie scheiße ist. 


Saigon Kick kamen aus dem Nichts, aber immerhin aus Florida, dem wirklich hinterletzten Deppenstaat eines Landes, das nicht gerade arm an Deppenstaaten ist. Dort konnte sich das Quartett seit der Gründung im Jahr 1988 ein derart großes Following erspielen, dass kurze Zeit später mit Atlantic Records sogar ein Majorlabel an die Tür klopfte, wo auf dem von Schauspieler Kirk Douglas gegründeten Sublabel Third Stone Records anschließend das von Starproduzent Michael Wagner klanglich betreute Debut erschien. In eingeweihten Kreisen gilt "Saigon Kick" bis heute als eines der besten Debutalben aller Zeiten und wie das üblicherweise mit jenen "eingeweihten Kreisen" so ist, sind deren Mitgliederzahlen meist sehr überschaubar. Gemessen an der Ambivalenz dieser Band und ihrer Musik ist das nicht überraschend, denn eigentlich passt hier hinsichtlich des Image, der Songs und dem Vibe nichts so wirklich zusammen. Derlei Gedanken brachten mein dreizehnjähriges Ich sicher nicht um den Schlaf, ich hörte "Saigon Kick" und war sofort schockverliebt. Soviel Spaß mir es heute bereitet, den ganzen Kladderadatsch irgendwie zu dechiffrieren und einzuordnen, so wenig interessierte mich 1991 eine Diskussion übers Genre. Ich hörte einen schlicht umwerfenden Gitarrensound, ich hörte absolute Hits wie "What You Say" und "Love Of God" mit ihren süchtig machenden Hooklines und Gesangsharmonien, ich hörte so unwiderstehliche Groove-Giganten wie "Coming Home" und "New World", Diabetes-Kitsch in der Ballade "Come Take Me Now", ich hörte das skurrile "My Life" mit seinem albernen und gleichzeitig mit voller Überzeugung reingeschmissenen Kazoo-Solo, das mich ab Tag 1 an die Soundtracks der Bud Spencer & Terrence Hill-Filme aus den 70er Jahren erinnert - und war einfach überglücklich. Es gab ab diesem Zeitpunkt schlicht kein einziges verdammtes Mixtape, auf dem nicht mindestens ein Song dieser Platte auftauchte. Und wo das gesagt ist, gab es künftig auch keine Saigon Kick Platte, die ich nicht kaufte. Einmal verliebt, immer verliebt. So will es das Gesetz. 


Saigon Kick hatten stets mit der Wahrnehmung zu kämpfen, ihre Musik sei nicht kategorisierbar. Alleine jene via sämtlicher Musikmedien immerzu verstärkte Meinung ist sowohl für die Außenwirkung als auch für die Karriere - schon wieder: es gibt Schnittmengen! - tödlich. Gitarrist und Sänger Jason Bieler sagte mal in einem Interview mit einiger Resignation, dass seine Band von Metalfans schon immer gehasst wurde, weil sie zu alternativ klang, und die Anhänger der Alternative-Bewegung hassten sie, weil sie zu sehr Metal war. Die neunziger Jahre waren randvoll mit Bands und Platten, die aus allen möglichen Beweggründen ein Lied über "zwischen den Stühlen sitzen" singen konnten und alleine deswegen scheiterten, weil....tja, warum eigentlich?! Weil es die Hörer unvorbereitet traf? Weil die Musik derart alien war und damit keine Verbindung zum bestehenden Erfahrungsschatz hergestellt werden konnte? Weil die Zeit einfach noch nicht reif war? Aber, Freunde: Reif für was? Und Zeit - haben wir noch was volatileres auf Lager? Ich möchte offen sprechen: ich selbst habe im Prinzip bis heute keine Ahnung, was das hier ist. Oder sein soll. Es gibt Aspekte ihres Sounds, die zweifelsfrei auf dem Sunset Strip 1986 funktioniert hätten, irgendein vom Sleaze- und Glamrock stibitztes hedonistisches, unbekümmertes, ausgelassenes Element. Und gleichzeitig bin ich mir sicher, dass es überhaupt nicht funktioniert hätte, weil der ganze Vibe im Gesamtbild nicht passt. Manchmal klingt's in den Obertönen nach Janes Addiction und gleichzeitig klingt's in der Basis überhaupt nicht nach Janes Addiction. Manchmal schießen mir King's X als mögliche Referenz ins Gedächtnis, bevor ich's mit einem Kopfschütteln sofort wieder verwerfen muss. Punkrock auf Lithium? Bon Jovi mit bipolarer Störung? Alice In Chains' "Facelift" komplett in Dur statt Moll? 


Und vom transportierten Image wollen wir erst gar nicht anfangen - das Cover hat eine abgedunkelte Gothic-Schlagseite und könnte auch in der engeren Auswahl für ein neues Album von Danzig gewesen sein, inklusive des Backcovers. Aber dann geht's schnurstracks in den Käsekeller mit Texten wie "Even if you walked across the skies / I'll be with you Tonight / Even if you told a thousand lies / I'd still believe you / All alone along the sea I dream of you / You know I need you here with me / The emptiness inside my heart / You're an angel well within my / You're an angel well within my sight" - jedenfalls: als ich mich im Frühjahr 1999 und damit viel, viel zu spät auf eine Ausbildungsstelle bei der Frankfurter Rundschau bewarb und zu meiner großen Überraschung tatsächlich noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, eröffnete mein späterer Ausbilder unsere Plauderei mit dem Satz "Die Tatsache, dass sie sich im Februar auf diese Stelle beworben haben, bedeutet für mich, dass sie entweder sehr mutig oder sehr dumm sind", und ich finde, diese kleine Anekdote spannt den Bogen zu Saigon Kick ganz gut. Einfach eine der aufregendsten Bands der neunziger Jahre. 



Vinyl und so: sowohl die 1991er Erstpressung als auch den Rerelease von Real Gone Records auf weißem Vinyl (2021) bekommt man aktuell für um die dreißig Euro. Letztere soll etwas leise gemastert sein, ich rate also zu einer gut erhaltenen Originalausgabe.


Weiterhören: "Devil In The Details" (1995, ebenfalls eine umwerfend gute Platte!), "Water" (1993), "The Lizard" (1992)




  
Erschienen auf Third Stone Records, 1991.


28.03.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #159: Flotsam And Jetsam - Cuatro (1992)




FLOTSAM AND JETSAM - CUATRO


"Du brauchst mehr Menschlichkeit, Du brauchst Tiere!" (Rudi Carrell zu Harald Schmidt)


Metal wäre noch töter als er sowieso schon ist, gäbe es nicht diese außerordentlich starke Verbindung zwischen Bands und Musikern auf der einen, und ihren Fans auf der anderen Seite. Vielleicht lässt es sich tatsächlich unter der Überschrift "Loyalität" einsortieren, aber ich glaube, selbst das ist nur eine Art Symptom?! Da passiert noch mehr in den tiefer liegenden Schichten, irgendwas psychologisches, irgendeine Schwachstelle im zwischen Hirn und Herz gespannten Verteidigungsnetz, durch die der Eros der Rebellion, die Selbstidentifikation als Außenseiter, die Verlustangst und der irgendwann mal erfahrene Liebesentzug eine Projektionsfläche finden. Egal, wie oft mich Metal und Metalfans in den letzten dreißig Jahren schon an den Rand des Wahnsinns trieben, das Konservative, das Besserwisserische, die Hybris, das Aggressive, Unbedachte, Oberflächliche, Ignorante, die niemals verreckenden Klischees und all das peinliche Szene-Klimbim - ich kam nie davon los. Und irgendwann war mir auch klar, warum nicht: das ist alles ein Teil von mir und es lässt sich nicht einfach so abtrennen, rausschneiden oder weglasern. 

Du bekommst den Florian aus dem Metal, aber Du bekommst den Metal nicht aus dem Florian. 

Egal, wie oft ich mich über die Jahre musikalisch umorientieren sollte, egal ob sich die Türen zum Jazz, Ambient, Hip Hop, Soul, Funk oder Techno öffneten, mindestens ein halbes Bein blieb immer im Metal. Um das Jahr 2008 herum stand ich beispielsweise knietief in Freejazz und experimenteller elektronischer Musik, durchsuchte Plattenläden nach obskuren Erstpressungen von französischem Jazz, aber als ich sah, dass es mit dem zu gleichen Teilen debil wie charmant betiteltem "Thrash, Speed, Burn" eine neue LP von Exciter gibt, musste ich die ganz selbstverständlich kaufen. So ähnlich lief die Sache auch schon in den stark polarisierenden neunziger Jahren, zumindest in den noch enger gesteckten Grenzen von zeitgenössischer Rockmusik. Ich war Grunge- und Alternative-Fan, war fasziniert von den neuen, frischen Vibes, der Aufbruchstimmung und der zumindest gefühlten neuen Freiheit, aber Stopp: Grave Digger haben ihr mit kalter, abgestandener Kotze randvoll gefülltes Comebackalbum "The Reaper" am Start?! Und sie leben in einem kleinen gallischen Dorf, das sich standhaft gegen die Major-Besatzungsmacht aus Seattle stellt? So echte Außenseiter? Mauerblümchen? Mit Überzeugung gegen den Hype? Irre! Shut Up And Take My Money! 


Meine Loyalität zu einer Band wie Flotsam And Jetsam scheint seit fast vierzig Jahren ebenfalls keine Grenzen zu kennen, in guten wie in schlechten Zeiten. Die Band aus Phoenix, Arizona begleitet mich seit meiner Kindheit und gehört sicherlich zu den ersten Speed und Thrash Metal Bands, die ich jemals hörte. Mein Bruder war großer Fan, und die mittlerweile im Metal-Kanon als Klassiker fest verankerten ersten beiden Alben "Doomsday For The Deceiver" (1986) und "No Place For Disgrace" (1988) fanden immer öfter den Weg von seinem Plattenspieler zu meinem. Und als später in den neunziger Jahren wirklich niemand etwas von Metal wissen wollte, wurden Konzertreisen wie jene aus dem Jahr 1997 mit Flotsam And Jetsam, Exciter und Anvil fast schon zu verschwörerischen Treffen für drei Handvoll Eingeweihter, eine echte Schicksalsgemeinschaft. Die Gleichung war in Neunzigern jedenfalls ganz einfach für mich: es gibt ein neues Album von Flotsam And Jetsam, dann kaufe ich auch das neue Album von Flotsam And Jetsam. Da hat der Tag Struktur. Bis er das zu Beginn der nuller Jahre eben nicht mehr hatte, denn Flotsam And Jetsam wurden neben anderen Bands zum Kollateralschaden meiner Emanzipation vom Heavy Metal. Zwar war ich immer noch ganz gut über neue Alben und Tourneen informiert, aber ich nahm einen Sicherheitsabstand ein. Daran hat sich bis heute, zumindest hinsichtlich ihrer neuen Platten, wenig geändert, denn die sind mit ihrer Mischung aus synthetischem True Metal-Overdrive mit übermelodischen Kinderliedrefrains ohne einen Hauch von Dynamik durch die Bank unerträglich. Live hingegen hat ihr seit Ewigkeiten gesetzter Setlist-Fokus auf ihre beiden Klassiker aus den 1980er Jahren und dem damit verbundenen Kniefall vor den Ü50-Kuttenopas, die doch bitt'schön nicht in ihrer Nostalgie-Hypnose gestört werden wollen, etwas sehr unschön Verzweifeltes. Die Band betonte in den vergangenen Jahren immer wieder, wie sehr sie es endlich mal auf das Level von Bands wie Testament oder Death Angel schaffen wollen, aber leider nimmt ihnen der Einsatz der Kitsch-Brechstange jede Lockerheit und blöderweise auch ein gutes Stück ihrer Glaubwürdigkeit. 


Ich sage das in vollem Bewusstsein darüber, dass auch in den neunziger Jahren eine exzessiv geführte Glaubwürdigkeitsdebatte entbrannte. Eine durch und durch granatenbescheuerte zwar, aber immerhin wurde noch diskutiert, heute praktisch unvorstellbar. Denn wer damals in Verdacht geriet, sich der Trendreiterei schuldig zu machen, wurde ausgeschlossen. Wer in Verdacht geriet, sich mit fremden Federn zu schmücken, wurde ausgeschlossen. Wer sich dem Verdacht aussetzte, ein bisschen zu deutlich auf den Cashflow, den eigenen zumal, zu schielen, wurde ausgeschlossen. Rigoros und nachhaltig. Eine Rückkehr war zwar möglich, aber sie kostete viel Zeit, Geld und ein stets öffentlich geäußertes Bedauern über die vermeintlichen Fehlentscheidungen von früher. Man war halt "young, dumb and full of cum" (Maher), jetzt hat man aber glücklicherweise den Weg zurück in die Arme des wahren, echten, schönen Heavy Metals gefunden. Da wollen wir nochmal ein Auge zudrücken. 


Nun waren Metallica spätestens ab 1986 die strahlenden Vorbilder der gesamtem Metalszene, der Gold-Standard. Was in ihrem Camp passierte, entfachte stets eine immense Sogwirkung; ihre bahnbrechenden Entscheidungen hinsichtlich ihres Sounds, ihrer Attitüde, ihres Songwritings in Verbindung mit dem so überwältigenden wie überraschenden Erfolg wurden mit kleinem zeitlichen Versatz von tausenden Metalbands über Jahre hinweg kopiert. Als Metallica mit der Veröffentlichung des schwarzen Albums 1991 endgültig den Mainstream knackten und mit kompakten Rocksongs und emotionalen Balladen zum globalen Phänomen avancierten, machte sich die Konkurrenz aus ihrer Generation für den Windschatten bereit. Testament versuchten es mit "The Ritual", Megadeth, dank Dave Mustaines pathologischer Daddy-Issues zu James Hetfield so oder so schon vorbelastet, warfen "Countdown To Extinction" in den Ring, Anthrax zogen 1993 mit "Sound Of White Noise" nach, Annihilator schüttelten ein sehr fluffiges "Set The World On Fire" aus dem Ärmel, Xentrix wollten mit "Kin" mitspielen - und Nuclear Assault erlitten mit "Something Wicked" eine völlige Bruchlandung. Und wo wir schon beim Katastrophentourismus angekommen sind, darf ich der Vollständigkeit halber mit "Force Of Habit" von Exodus die vielleicht schlimmste Kernschmelze dieses Haufens erwähnen; eine Platte, die im Kontext stilistisch etwas aus dem Rahmen fallen mag, aber immerhin mit einen ähnlichen Motivationsvektor ins Rennen ging. Für die Zusammenfassung notieren wir uns, dass nicht jeder aus der alten Riege die Fähigkeiten und den Mut hatte, um die von Metallica gepflanzten Inspirationen auch umzusetzen. Für die Szene wär's ohnehin egal gewesen, denn absolut niemand überstand diese Karrierephase unbeschadet. Sie rutschten alle ab.   


Flotsam And Jetsam veröffentlichten 1992 mit "Cuatro" ihre Version des schwarzen Albums. Das ist nicht sonderlich originell, aber wie alle Labels waren auch MCA Records darauf aus, "ihre" Metallica zu finden, und ihre Investition von einer schlappen Million Dollar sollte sich gefälligst auszahlen. Also wurde nichts dem Zufall überlassen. Als Produzent wurde Neil Kernon ans Mischpult gerollt, ein Mann, der sich bis dahin in erster Linie mit Arbeiten für Hardrock/AOR Bands wie Dokken einen Namen machen konnte (eine weitere Parallele zu Metallicas Zusammenarbeit mit Bob Rock und dessen Beteiligung an Alben von Bon Jovi und Mötley Crue). Zusätzlich lagerten Flotsam And Jetsam das Schreiben der Texte an das "sechste Bandmitglied" Eric Braverman aus - und nicht nur das: MCA Records wollten außerdem mit einem Link zwischen "Cuatro" und einem Protagonisten des Seattle-Hypes protzen und ließen keinen geringeren als Chris Cornell den Text für "The Message" schreiben. Und bitte - "Guys! We need a single!" 

Für meinen Geschmack war "Cuatro" nicht nur besser als die Mehrheit der erwähnten Nachzügler, sondern auch besser als das große Vorbild. Bitte den Defibrillator wieder einpacken und die Herz-OP absagen: wir müssen nicht darüber sprechen, welche Band die Welt verändern sollte (Spoiler: es waren nicht Flotsam And Jetsam). Und wir müssen auch nicht darüber sprechen, warum es damals wie heute gute Gründe dafür gibt, warum "Metallica" zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Alben aller Zeit zählt, während "Cuatro" nie über den Status eines Geheimtipps hinauskam. Knappe 35 Jahre nach der Veröffentlichung reicht es vermutlich nicht mal mehr dafür, nicht zuletzt, weil die Band ihre rockigere neunziger Periode längst dem Mob aus Kuttenadolfs geopfert hat und mithin komplett ignoriert. Dabei wissen die Kennerin und der Kenner: 90er Flotsams sind die besten Flotsams! 


Die Speed- und Thrash Metal Anteile ihres früheren Sounds haben sich auf "Cuatro" bis auf einige wenige Passagen, beispielsweise im Opener "Natural Enemies" oder in "Hyperdermic Midnight Snack", nahezu vollständig in Luft aufgelöst, stattdessen fokussiert sich die Band vor allem auf einen guten Groove (sehr prominent im "Enter Sandman"-Klon "Swatting At Flies" zu hören) und facettenreiche Gitarren-Arrangements, die in der Lage waren, die melancholisch verschlungenen Melodien abzubilden. Die stärksten Momente von "Cuatro" sind folgerichtig auch jene, in denen sich das Quintett am weitesten von ihrer Vergangenheit absetzt. Wenn sich die Intensität ihres Vortrags nicht mehr eindimensional aus Geschwindigkeit und Aggression speist, sondern aus wehmütigen, eingetrübten Motiven wie in den Höhepunkten "The Message", "Cradle Me Now" und "Wading Through The Darkness", die zudem allesamt noch mit bemerkenswerten Gesangsharmonien angereichert wurden. Und natürlich müssen wir jetzt über Sänger Eric A.K. sprechen, der allerspätestens ab den frühen neunziger Jahren zu den großen Metalsängern gezählt werden muss - ich rede hier über Dio, Dickinson und Tate, zur Einordnung. Eric konnte damals ALLES am Mikrofon. Fast bin ich geneigt davon zu schreiben, dass er's selbst mit Anfang 60 noch so gut kann wie kein anderer in seiner Altersklasse, müsste dann allerdings die beim 2024er Konzert im Frankfurter Nachtleben gemachten Beobachtungen vom mutmaßlichen Einsatz technischer Hilfsmittel unter den Tisch fallen lassen. Ich kann wirklich nicht sagen, was da genau passierte, und möglicherweise irre ich mich auch, aber es erschien mir alles ein bisschen fishy. Jedenfalls: Eric war schon vor 40 Jahren ein echter Ausnahmesänger - und ganz vielleicht ist er es sogar heute noch. 


Ich bin mir darüber im Klaren, sich als Ultra-Edgelord auf ganz dünnem Eis zu bewegen, wenn die im Kontext eher unbekannteren Alben aus jener für die Metalszene durchaus wichtigen Zeit über die großen Klassiker einsortiert werden. Da landet man schnell im Umfeld von Sätzen wie "Nach dem ersten Demo ging's bergab!", noch schneller bei ritualisierter Abgrenzung und überheblicher Underground-Koketterie - und wie eingangs erwähnt, wird auch dieses Päckchen gratis in den Rucksack gestopft, mit dem man fortan als Metalfan durchs Leben geht. Ich selbst kann mich davon nicht komplett freisprechen. Für mich ist "Cuatro" eines der großen Metalalben der neunziger Jahre. Ich höre eine hungrige, brennende, hochkonzentrierte Band an der Schwelle zum nächsten Entwicklungsschritt, mit einem äußerst eigenständigen Sound, einem so originellen wie hochklassigen Songwriting und einem bemerkenswerten Gespür für Atmosphäre und Zusammenhänge. Flotsam And Jetsam haben auf "Cuatro" einfach alle richtigen Entscheidungen getroffen. 


Vinyl und so: "Cuatro" gibt es bislang nur in der sehr seltenen und sehr teuren Erstpressung. Das italienische Spezialistenlabel Night Of The Vinyl Dead hat kürzlich den Nachfolger "Drift" erstmals auf Vinyl veröffentlicht. Es besteht daher eventuell Hoffnung, dass im Zuge dessen auch "Cuatro" mit einem Reissue bedacht wird. 


Weiterhören: "Drift" (1995), "High" (1997), "Doomsday For The Deceiver" (1986), "No Place For Disgrace" (1988)





Erschienen auf MCA Records, 1992.