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14.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #162: White Zombie - Astro-Creep: 2000 (Songs Of Love, Destruction And Other Synthetic Delusions Of The Electric Head) (1995)



WHITE ZOMBIE - ASTRO-CREEP: 2000 (SONGS OF LOVE, DESTRUCTION AND OTHER SYNTHETIC DELUSIONS OF THE ELECTRIC HEAD)


„Der Wettbewerb um die Gunst der Konsumenten zwingt die privatwirtschaftlichen Medien, alles zu unterlassen, was die Instinkte und Vorurteile der Leser, Hörer und Seher stören könnte.“ 
(Hermann L. Gremliza)


Das ist vielleicht die erste und sehr wahrscheinlich einzige Rezension dieser Reihe, die Gefahr läuft, in einer Rechtfertigungsorgie zu implodieren. Wir wissen schließlich alle, wie tief sich Traumata aus unserer Kindheit und Jugend in Herz und Seele manifestieren können. Da hilft keine Leberspülung mit Klosterfrau Melissengeist, kein Salbeirauch und auch keine Schweinehaxe mit Knoblauchpudding bei rechtsdrehendem Mondschein - was sich auch immer vor dreißig, vierzig Jahren den Weg in die leerstehende Aussichtsplattform in meinem Kopf gebohrt hat, lebt dort auch Jahrzehnte später zumeist immer noch mietfrei und schmiert mir zum Dank die schöne Fensterfront mit AA voll. Mit anderen Worten: wäre ich vor zehn oder fünfzehn Jahren auf die Idee gekommen, mir eine Liste mit den 200 besten Platten der 1990er auszuschnapsen, dann wären White Zombie auch dann nicht darin aufgetaucht, hätte ich aus der 2 eine 5 gemacht. Es kann viel Arbeit machen, sich zu öffnen.

Und ich möchte dann folgerichtig offen sprechen, auch wenn man mir anschließend vorwerfen kann, ein bisschen zu tief ins Glas mit dem Schwachstrom geschaut zu haben: ich war Rockhard-Leser. Und kein Visons-Leser. Es zählt nicht zu den schönsten Momenten des Lebens, das zuzugeben, aber wenn das soziale Umfeld, sofern man eines hat, ansonsten nur die Pet Shop Boys hört (wir berichteten) oder sich von "Freund Speckbulette und seiner schielenden Klobürste" (Kalkofe über Klaus & Klaus) eine Coverversion von "Cotton Eye Joe" vorsingen lässt, um sich dabei vor Freude einen Magendurchbruch zu ertanzen, dann liest man sehr genau mit, wenn Götz Kühnemosh und Sexdög Albrecht ins knallige Metalmagazin aus Dortmund Sachen reinschreiben, von denen man denken könnte, sie seien irgendwie....richtig?! Ich habe genau damit mein kleines und großes Metal-Einmaleins gelernt, irgendeine dick angerührte Suppe aus 'ner Stange Authentizität, zwei Kannen Loyalität, eine Prise Opferpathos und 42 Blätter vom Ichhassediemoderneweltbusch - und selbst wenn die neue Grave Digger-LP von Chris Bolzenstahl-Kahlenbolz so klingt, als hätte ein betäubtes Faultier Flatulenz: IMMER NOCH BESSER ALS DIESE GEHYPTE PISSE VON WHITE ZOMBIE, DiE uNsEeEn MeTaL zErStÖrT. 

Nun ist's neben meiner eingeschränkten Medienkompetenz aber auch so, dass bei White Zombie ein paar Faktoren ins Spiel kamen, die mir vor dreißig Jahren einfach schwer im Magen lagen. Zum einen wusste ich, dass die Band Anfang der 90er Jahre sowohl ihren Sound als auch ihr Image deutlich veränderten - und schwupps!, wurde damit aus der jahrelang weitgehend unbekannten Noiserock-Undergroundband aus New York ein weltweit erfolgreiches Phänomen auf einem Majorlabel. Ich habe keinerlei Interesse an Missgunst, bitte: jeder Ruhm und alles Geld dieser Erde an Musiker. Aber ich habe durchaus ein Interesse daran, designte Industriehypes erkennen zu können, das gibt nämlich Abzüge in der Authentizitätswertung - ob es tatsächlich so zutrug. spielte dabei keine Rolle. Fakten waren unwichtig; das Gefühl, dass es so gewesen sein könnte, reichte damals aus, um Abstand zu halten. Zum anderen war ich mental meilenweit von dieser Szene entfernt; alles zu breitbeinig, zu laut, zu macho, zu exzentrisch, zu aufgesetzt, zu orchestriert - und gleichzeitig war es auch einfach Trash. White Trash. Ich dachte mal ein paar Jahre lang, White Zombie seien die Kid Rock-Version von Ministry. 

"Ein Mann wird kälter." (Stefan Gärtner)

….kälter und älter. Und wenigstens mit dem Alter erhalten ganz allmählich Bewusstsein, Reflektion und Anschauung Einzug in die Gemächer der Denkmurmel, und wenn's ganz gut läuft, lassen sich die schlimmsten geistigen Fehlhaltungen auf dem Weg ins Gerontenheim noch irgendwie korrigieren. Das bedeutet nicht, später auch noch wirklich der allerpeinlichsten Scheiße die Absolution zu erteilen - Limp Bizkit, lol - aber es kommt der Moment, an dem die in der Eisenzeit und unter Hormonschwankungen gemachten Einlassungen mit ein bisschen Ab- und Anstand immerhin überprüft werden können. 

White Zombie wurden von der Herzallerliebsten in zunächst meine und später unsere gemeinsamen vier Wände gebracht. Sie kam mit der Musik des Quartetts aus New York nicht nur früher, sondern auch an Orten in Kontakt, die wie dafür gemacht sind, einen Seelenabdruck zu hinterlassen: in der Disko. Als Frau P. also durch die Clubszene Nürnbergs, Fürths und Erlangens flipperte, liefen White Zombie in jeder Zappelbude am Anschlag, manchmal auch gleich mehrfach am Abend, weil der DJ wusste: wenn ich White Zombie spiele, ist die Tanzfläche voll. Das ist weder Zufall noch Überraschung. Die beiden erfolgreichen, großen White Zombie-Alben "La Sexorcisto: Devil Music Vol.1" (1992) und eben "Astrocreep 2000" (1995) MUSS man laut hören, das ist im Prinzip ihre komplette Raison d'être. Rob Zombie fand nach langen Jahren des Experimentierens endlich den Sweetspot für diese Band: Riffs, Riffs, Riffs und Groove, Groove, Groove. Egal, wie groß die imaginierte Abneigung auch sein mag: wenn Du Hits wie "Thunder Kiss 65" oder "More Human Than Human" mit 130dB im Club hörst, werden sich mindestens Dein Kopf und Dein Fuß im Takt bewegen, ob Du willst oder nicht. Dazu gab es für die Außenwirkung mittels ausgefallener Frisuren und Klamotten Charaktere in der Band, die einerseits aussahen, als seien sie einem Alien-Space-Western aus der Zukunft entsprungen und die andererseits über die Identifikation, und sei es nur jene mit dem damaligen Zeitgeist, den Fans eine emotionale Verbindung lieferten.

Obwohl sich freilich ein paar deutliche Industrial-Elemente in ihrem Sound zeigten, das Mechanische, Stampfende im Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Gitarre, ein paar ausgesuchte Sample-Spielereien und die praktisch in jeden Winkel ihrer Musik eingebaute Monotonie, klangen White Zombie nicht kalt und abweisend, es ließ sich im Gegenteil der Schweiß riechen. Im Rückblick liegt man vermutlich nicht meilenweit daneben, die Behauptung aufzustellen, dass White Zombie viel mehr Rock'n'Roll und Heavy Metal waren, als man ihnen damals zugestehen wollte. Oder besser: "durfte", denn wer eine Band in den neunziger Jahren als Metalband ohne den Zusatz "New-" vermarkten wollte, hätte sein Geld auch gleich in die nächste Müllverbrennungsanlage bringen können. Das abseits der einfach unglaublich gut funktionierenden Songs dickste Brett der Band im Allgemeinen und "Astro-Creep: 2000" im Besonderen ist ihr Sound, und das wird sogar noch ein bisschen eindrücklicher, wenn wir uns vergegenwärtigen, über eine Produktion aus dem Jahr 1995 zu sprechen. Terry Date, der für Bands wie Deftones, Metal Church, Overkill, Slayer, Mindfunk und Prong arbeitete und in diesem Rahmen für einige der herausragendsten Produktionen aller Zeiten verantwortlich ist, hat sich auf "Astro-Creep: 2000" selbst übertroffen und den Vibe der Songs sowie der ganzen Band auf den Punkt getroffen: intensiv, dicht, modern, ungemein drückend und heavy, dabei aber trotzdem, vor allem im Vergleich mit den mittlerweile leider etablierten Soundstandards, überraschend schlank und ungemein effizient. Eine echte Sensation. Jede Metalband, die in den letzten zwanzig Jahren mit ihrer hoffnungslos unterproduzierten und hohlen Pseudo-Metalrotze dachte, besonders fett, breit und hip zu klingen, würde sich nach einem solchen Sound die Finger lecken. Wann genau sind wir eigentlich so krass falsch abgebogen?


Vinyl und so: Hallo! Kaufen Sie bitte sofort (SOFORT!) den Music On Vinyl Re-Release aus dem Jahr 2012 für um die 20 Euro und danken Sie mir später. Nicht fragen, einfach machen. Tschüss!


Weiterhören: "La Sexorcisto: Devil Music Vol. 1" (1992)




Erschienen auf Geffen Records, 1995. 


02.11.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #175: Coroner - Grin (1993)





CORONER - GRIN


"Don't you know you adore
An eagle with broken wings
Roses that never bloom
Wheels that never spin
Bells that never ring
Hands too far to reach"
 
(Coroner, "The Lethargic Age")


Coroner galten stets als europäisches Äquivalent zu einer Band wie Voivod. Beide Bands fanden ihre Wurzeln in der Ursuppe der aufkeimenden Speed und Thrash Metal-Bewegung der ersten Hälfte der 1980er Jahre, begannen aber sehr schnell damit, in progressive, technisch ambitionierte Bereiche auszuschlagen. Künstlerisch waren sie damit der Konkurrenz in ihren jeweiligen Kontinenten immer zwei, drei Schritte voraus, kommerziell hingegen kamen sowohl Voivod als auch Coroner nie so recht über ein "Nischendasein mit Kultstatus" hinaus. Es ließe sich zwar darüber reden, ob sich Coroner jemals so weit aus der Komfortzone herauslehnten wie das kanadische Quartett auf Alben wie "Nothingface" oder "Angel Rat", aber spätestens mit ihrem 1989er Album "No More Color" war immerhin klar, es hier nicht mit einer Thrashkapelle von der Stange zu tun zu haben. Der 1991er Nachfolger "Mental Vortex" vertiefte die eingeleitete Entwicklung nicht nur hinsichtlich immer komplexer werdenden Arrangements, die Band legte auch deutlich mehr Wert auf die im Thrash Metal oft brach liegenden atmosphärischen Zwischenebenen.

Mit "Grin" bekam jener Aspekt größeren Raum als jemals zuvor eingeräumt. Wurde ein Großteil der früheren Intensität vor allem durch die Mischung aus Geschwindigkeit und schierer Überforderung mittels diffiziler Kompositionen erzielt, verdichtet "Grin" den musikalischen Raum mit Monotonie und Groove. Und einer, man muss das so sagen, überaus strengen und dominanten Ansprache von Sänger Ron Royce. Wer sich früher demütigen lassen wollte, ging mal schnell aufs Straßenverkehrsamt, heute lässt man sich von Royce verbal auspeitschen - und zwar mit überzeugter Boshaftigkeit. Das ist zweifellos eine beeindruckende Performance, aber da muss man schon der Typ für sein. 

Es mag zunächst ein bisschen widersprüchlich erscheinen, aber indem das Trio ihren Songs mehr Platz lässt, verstärkt sich gleichzeitig das Gefühl der Enge; ein Stilmittel, das sich Coroner ganz eventuell bei einer Band wie Ministry abgeschaut haben könnten, deren damals gerade aktuelles Album "Psalm 69" sehr erfolgreich Industrial mit Metal vermischte und zu einem der Meilensteine des damaligen Zeitgeists wurde. Im Grunde durchliefen Coroner eine ähnliche Entwicklung wie beispielsweise Sepultura von "Arise" zu "Chaos AD" oder auch Morgoth von "Cursed" zu "Odium", indem sie einen Ausweg aus der kreativen Sackgasse des klassischen Thrash und Death Metals suchten und ihn im Groove fanden. Coroner machten in dieser Hinsicht mit "Grin" möglichweise den größten Sprung, aber sie waren auch besser vorbereitet: die mit "No More Color" und "Mental Vortex" eingeleitete Entwicklung ist vor allem im Rückblick völlig plausibel und folgerichtig. 

"Grin" ist tiefschwarz, kalt, abgründig, klaustrophobisch und unangenehm. Wer all das in seiner Essenz überprüfen möchte, ist eingeladen, sich dem am Ende des Albums platzierten Dreiklang aus "Paralized, Mesmerized", "Grin (Nails Hurt) und "Host" zu widmen. 

A lesson in punishment. 



Vinyl und so: Über die Erstpressung von 1993 darf man sprechen, wenn Aussicht auf eine schöne Erbschaft besteht, ansonsten versucht man es mit dem Reissue (Doppel-LP, grünes Vinyl) aus dem Jahr 2018 und ist mit schlappen 30 Euro dabei. Ich möchte hier allerdings darauf hinweisen, dass der Sound der letztgenannten Version signifikant angepasst wurde. Auf Discogs beschrieb ein Nutzer den Unterschied mit "komplett veränderter Ästhetik" und liegt damit ziemlich richtig. Die Bässe wurden deutlich reduziert, zeitgleich hat man die Mitten verstärkt. Das führt zu einem giftigeren Gitarrensound, einer heller klingenden Snare und einem dadurch insgesamt deutlich klareren, transparenteren Klangbild. Ob das dem Album nützt oder schadet, beantwortet das eigene Stilempfinden. Aber wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass es in erster Linie anders ist.


 


Erschienen auf Noise Records, 1993.


19.06.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #196: Killing Joke - Pandemonium (1994)




KILLING JOKE - PANDEMONIUM


"I think we’ve reached the stage where the only good thing that can happen is destruction on some level. Let’s give the cockroaches a go!" (Jaz Coleman)


Es ist ein bisschen peinlich, aber ich fühle mich dennoch verpflichtet, es öffentlich zu äußern: ich bin erschütternd spät zu Killing Joke gekommen. Und wenn ich's halbwegs genau nähme, hat es erst im Laufe der letzten zehn Jahre zwischen uns so richtig gefunkt. Für lange Zeit nahm ich der Band die stilistischen Anpassungen ihres Sounds, ganz besonders jene, die sie zu Beginn der neunziger Jahre vornahm, nicht ab und hielt besonders "Pandemonium" für eine unangenehm dem damaligen Zeitgeist folgende Angelegenheit, was stets Abzüge im Glaubwürdigkeitsranking mit sich brachte. "Pandemonium" war 1994 das bis dato mit einigem Abstand härteste Killing Joke-Projekt und wies darüber hinaus nur noch Spurenelemente ihres früheren Sounds auf, der allerdings - und auch das half der Credibility nicht so recht - auch schon in den 1980er Jahren ein paar deutliche Kurskorrekturen durchmachen musste. 

Das Trio mauerte 1994 eine meterdicke Wand aus sirupartig aufgetragenen Gitarren und robusten, gewaltig groovenden Beats, gegen die Sänger Jaz Coleman mit heiserem Gekreische anbrüllen konnte. Das zog auch hinsichtlich der als weiteres Stilmittel eingeführten Monotonie einige Parallelen zur "Psalm 69"-Phase von Ministry oder auch Trent Reznors Nine Inch Nails und passte insgesamt bestens in die florierende Alternative/Industrial-Szene. Killing Joke walzen auf "Pandemonium" nicht selten mit maximal drei Riffs durch fünf bis sieben Minuten dauernde Songs, und sie hören einfach nicht damit auf - ein Rezept, das auch auf ihren späteren Alben ab Mitte der 2000er öfter zur Anwendung kam. Das muss man aushalten können. Und wollen. Angesichts der Legion musikalischer Harmlosigkeiten, die die Rockszene in den letzten dreißig Jahren hervorbrachte, wirkt "Pandemonium" selbst im Jahr 2025 fast noch ein bisschen wahnsinniger und gefährlicher als 1994. Sowas lässt sich nicht oft über dreißig Jahre alte Platten sagen. 


Vinyl und so: Es gibt LP-Reissues von "Pandemonium" von Let Them Eat Vinyl (2008) und Spinefarm Records (2020) und zumindest letztgenannte ist trotz der Herstellung bei GZ Media eine hervorragend klingende Pressung. Ich habe keinen Vergleich zum Original aus dem Jahr 1994, das allerdings in gutem Zustand auch deutlich teurer ist, wenngleich weit entfernt von den üblichen komplett absurden Preisen.


Rest In Power, Geordie. 



 



Erschienen auf Butterfly Records/Zoo Entertainment, 1994. 

27.01.2024

Best of 2023 ° Platz 17: IAMX - Fault Lines¹




IAMX - FAULT LINES¹


"Glückliche Menschen langweilen mich." (Wolf Wondratschek)


Wir haben miteinander gefeiert, sind gemeinsam zusammengebrochen, haben gelacht und geweint, getanzt, geschwitzt, uns angezogen und wieder abgestoßen. Haben die Theatralik bestaunt, das Drama bestanden, sind auf dem Boden des Atlantiks aufgeschlagen und haben die Sonne geküsst. Das Chaos umarmt, die Einsamkeit ausgehalten. Wir waren frei und entfesselt, haben dem Hedonismus ein "How ya doin'?" vor die Füße gerotzt und dem Tabu ein Grab geschaufelt. Haben in den Spiegel geschaut und die Risse in unserem Gesicht gesehen, die sich in die Breite verästelnden Zerwürfnisse nachgezeichnet, die Ketten mit Spucke poliert, die Zeit verflucht, den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren den Mittelfinger entgegengestreckt. Erlebten Agonie und haltlose Hysterie, waren ohne Orientierung und voller Pläne. Überwältigt von der Kälte, überfordert mit der Hitze. In Embryohaltung dem Staub beim Zerfallen zugeschaut und uns so schnell gedreht, dass wir uns selbst überholten. Blitze geschleudert, das Meer geteilt, den Sturm gesät und Zerstörung geerntet. Das Licht zum Explodieren gebracht, die Dunkelheit ausgelöscht. Die Liebe, das Leben, eine einzige Orgie.

"The fanatics are winning and I wanna go home."


 



 



Erschienen auf Unfall Productions, 2023.

17.01.2021

Die besten Vinyl-Nachzügler (3): Ministry - The Mind Is A Terrible Thing To Taste



MINISTRY - THE MIND IS A TERRIBLE THING TO TASTE


"Man muss die Erscheinung des hässlichen Echten grundsätzlich verteidigen", schrieb Roger Willemsen mal in Anlehnung an die lebensverändernde Begegnung mit der Ausnahmekünstlerin Sinéad O'Connor und ihren Kampf mit einer Unterhaltungsindustrie, die keine Liebe für sie hatte, denn: wenn kein Konsens herzustellen ist, ist es nicht attraktiv. Wenn Künstler sich selbst und ihrer Verwertungsmaschinerie Schaden zufügen können, wenn es Selbstzerstörerisch wird, peinlich, werden Existenzberechtigungen in der Öffentlichkeit entzogen. 

Mich erinnerte das an meinen im Jahr 2020 zweiten gefeierten Frühling mit Ministry und ihrer wohl prägendsten Phase von 1988 bis 1998. Weniger, weil man Ministry Existenzberechtigungen entziehen wollte, schließlich fand die erfolgreiche Selbstidentifikation mit der Band nicht zuletzt über den inszenierten Tabubruch statt, über Extreme und Enthemmung, sondern weil Ministry in ihrer Hochphase für totale Anarchie standen, für beidseitigen Kontrollverlust. Das war in der dargestellten Echtheit tatsächlich hässlich, peinlich, selbstzerstörerisch und damit auch gefährlich. Für jene, die außer Kontrolle waren, für jene, die sie kontrollieren wollten, wo nicht mussten, und für jene, die von Außen zuschauten. 

Ministry waren ein großer Zirkus, eine Attraktion, der Mann mit den zwei Köpfen und vier Pimmeln - aber sie waren es vor allem, weil sie echt waren, echt kaputt. Disturbed. Die Anziehungskraft einer Platte wie "The Mind Is A Terrible Thing To Taste" geht von einer wahren, realen Gefährlichkeit aus. 

Al Jourgensen und Paul Barker waren über knapp 15 Jahre außer Rand und Band. Ich kann mich von schäbigem Voyeurismus leider nicht durchgängig freisprechen.


         

Erschienen auf Sire, 1989.