Posts mit dem Label shoegaze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label shoegaze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

07.03.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #160: My Bloody Valentine - Loveless (1991)




MY BLOODY VALENTINE - LOVELESS


"Volume is an experiment, not a crutch." (Kevin Shields)


Wenn den Quatsch hier jemand ernst nehmen, oder zumindest lesen würde, dann könnte ich mich auf ein paar in meine Richtung abgefeuerte Giftpfeile gefasst machen, weil "Loveless" es nicht mal in die Top 100 geschafft hat. Ich möchte wirklich nicht in die wirklich hinterletzte Kloake hinabsteigen und über Gebühr die grundsätzliche Irrelevanz von "LiStEn" und "pLaTzIeRuNgEn" diskutieren; ich weiß freilich, dass Bestenlisten in Publikationen wie Pitchfork oder Rolling Stone in erster Linie Gefühle der Nostalgie und gleichzeitig des heiligen Zorns bei gleich ganzen Generationen von Musikfans treffen sollen, und das weiß ich, weil ich mich ebenfalls nur zu gerne davon treffen lasse. Das sind Reflexe. Und das ist ja auch ganz schön so. Wenn Pitchfork in einer ihrer 90er Bestenlisten Holes "Live Through This" über Nirvanas "Nevermind" setzen, dann ist das weniger eine mit Geodreieck, Elektronenmikroskop und Forensik fein justierte Einordnung, sondern vor allem ein Statement. Das kann man anerkennen - und trotzdem wie ein Rohrspatz darüber schimpfen. Macht Spaß. Und macht vielleicht auch nochmal ein paar neue Gedanken in der Denkmurmel. Ist mittlerweile sowieso völlig unterschätzt. 


Wie ich in meinem Eröffnungsposting bereits ausführte, sollte es im besten Fall wirklich niemanden jucken, ob "Loveless" auf Platz 160, 99 oder 11 steht. Ich selbst fühle mich von Zeit zu Zeit genötigt auszuführen, dass es mir selbst manchmal ziemlich egal ist. Ich sitze hier ja auch nicht in meinem Sossenheimer Kiez herum und füttere eine Exceltabelle mit Zahlen, Daten, Fakten, um später eine mit "chirurgischer Präzision" (Dabbelju) abgefeuerte Liste in den Blog zu rollen, denn alles ist Kontext. Ziehen wir die Tangente zum eben genannten "Statement", dann gilt das eben auch für Pitchfork, wenn sie "Loveless" in ihrer aktuellen 90er Liste aus dem Jahr 2023 auf Platz 1 setzen - für den Rahmen, in dem Pitchfork operiert, also Exklusivität, Intellektualität, Individualität, gibt es kaum eine bessere Nummer 1. 


Für den Rahmen, den die Redaktion von 3,40qm abgesteckt hat - Liberté, Egalité, Schwarzer Kaffé - reicht's dann eben leider nur für die 160, aber ich kann es erklären. Ich kam spät zu "Loveless", mein Erstkontakt kam erst zur Mitte der nuller Jahre zustande. Und mir fehlte der oben angesprochene Kontext, weil es eben einen Unterschied macht, ob man solche Alben als Bestandteil der Gegenwartskultur begreift oder sie sich mit dem Abstand einer späteren Generation durch einen Nebel aus neu formulierten Werten, Grenzen und Erfahrungen erarbeiten muss. Dabei ist "Loveless" aufgrund seines Status außergewöhnlich gut dokumentiert; so gut sogar, dass sich locker die Frage stellen lässt, wie spannend es im Jahr 2026 noch sein kann, dem bestehenden Kanon noch neue Gedanken hinzufügen zu wollen. Oder auch nur zu können. Denn was gesagt, geschrieben und gedacht werden musste, wurde gesagt, geschrieben und gedacht, und zwar tausende Male. Das Ding ist aber auch: die Faszination, die "Loveless" ausstrahlt, wird sich niemals kaputtreden lassen. Der Mythos überlebt uns alle. 


Über zwei Jahre verbrachte Gitarrist und Sänger Kevin Shields mit der Produktion von "Loveless", und er brachte damit nicht nur seine Plattenfirma Creation Records an den Rand des Ruins, sondern sich selbst gleich mit. Und streng genommen auch die ganze Band. Was der ganze Spaß am Ende wirklich gekostet hat unterscheidet sich je nach der genutzten Informationsquelle, aber man liegt vermutlich nicht ganz arg daneben, wirft man eine Größenordnung von 350.000 Pfund in den Ring - eine für die damalige Zeit, für eine Indieband und ein Indielabel zumal, unfassbare Summe. Alan McGee, Labelchef von Creation Records, verkaufte ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Loveless" sein Geschäft an Sony Records. Noch Fragen?


Shields verschliss in diesen zwei Jahren Studiozeit eine Unmenge von Sound Engineers. Alan Moulder war einer von ihnen, und der sagte später in einem Interview, dass die Entstehung des Albums alles andere als eine Gemeinschaftsarbeit war. Obwohl Shields sich in seinem Kopf sehr klar darüber war, wie "Loveless" zu klingen hat, sah er sich außerstande, seine Vorstellungen in Richtung der übrigen Bandmitglieder zu artikulieren. Im Ergebnis spielte Shields nahezu alle Instrumente selbst ein. Für die finalen Schlagzeugspuren verwendete er Samples von Drummer Colm Ó Cíosóig, und obwohl Gitarristin/Sängerin Bilinda Butcher als auch Bassistin Debbie Googe in den Liner Notes des Albums mit ihren Instrumenten erwähnt werden, hatten sie mit seiner Entstehung fast nichts zu tun. Fürs gute Gefühl innerhalb der Band waren das offensichtlich keine guten Rahmenbedingungen, und auch dass Shields, ähnlich wie Brian Wilson von den Beach Boys nach dessen "Pet Sounds"-Martyrium, in den kommenden Jahren allmählich seinen Verstand verlor, war nicht hilfreich. Trotz der überschwänglichen Kritiken verkaufte sich das Album zunächst nur sehr schleppend. Gleichzeitig war Shields überzeugt davon, mit "Loveless" ein derart überragendes und unübertreffliches Werk erschaffen zu haben, dass es sich gar nicht mehr lohnen würde, jemals wieder ins Studio zu gehen. Nach einer Reihe von Liveshows, die Berichten zufolge zu den lautesten aller Zeiten zählten, zerfiel die Band zur Mitte der neunziger Jahre und löste sich 1997 offiziell auf. Shields zog sich komplett zurück und verschwand für Jahre von der Bildfläche. 


Zieht man die Berichte von Zeitzeugen in Betracht, ist es naheliegend anzunehmen, dass die Mehrheit derer, die mit "Loveless" im Jahr 1991 konfrontiert wurden, zu gleichen Teilen überwältigt wie überfordert waren. Smashing Pumpkins Sänger und Gitarrist Billy Corgan berichtet davon, das Album zum ersten Mal gemeinsam mit Butch Vig im Aufnahmestudio gehört zu haben. Beide waren der Vision von Kevin Shields nicht gewachsen, beide hatten einen solchen Sound bis dahin einfach noch nicht gehört. 

"What is he doing?" (Billy Corgan)

Corgan verweist darauf, dass Shields, der als Jugendlicher zehn Jahre in den USA lebte, die "Larger Than Life"-Ästhetik der US-amerikanischen Rockmusik in den von Punk und Wave dominierten Sound Englands überführte und damit diesen undurchdringlichen, zähen Smog von "Loveless" entwickeln konnte. Als die Pumpkins später mit Alan Moulder zusammenarbeiteten, erzählte dieser davon, wie Shields täglich über acht Stunden an einem einzigen Gitarrensound herumfummelte. Shields holte sich sogar einen Hund ins Studio, um an dessen Reaktion zu erkennen, wie er die Einstellungen des Equalizers anpassen und verändern musste - bevor er anschließend den Song in einem Take aufnahm. Und als wären Shields' individuelle Spieltechnik, die den fast durchgängigen Einsatz des Tremolos zwingend erforderlich machte sowie sein ausgeprägter Hang zum fettesten Reverb des Universums nicht schon genug, legte er im folgenden Mix Tonspur über Tonspur, Layer über Layer, verschob Sequenzen im Millisekundenbereich, ließ die sowieso schon diffusen Stimmen im musikalischen Treibsand versinken, versteckte Feedback und Loops wie Ostereier bis in den allerletzten Winkel des Songs, wo sie ein seltsam entrückt wirkendes Eigenleben aus angedeuteten Melodien und Harmonien entwickelten. "Loveless" bekommt damit einen unnachahmlichen Edge, ein scheuerndes, von metallischen Texturen gekennzeichnetes Element, das mindestens so wichtig ist wie dieser tongewordene LSD Trip und seine sich immer weiter ausdehnenden Nebelbänke. Es kann zu einer Herausforderung werden, "Loveless" laut zu hören. Es ist nicht lieblich, nicht cozy, nicht weich. Es ist auch 35 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer das ungezähmte Monster des Indierock. Und in dieser Gestalt bis heute, man muss das so klar sagen, unbesiegbar. 



Vinyl und so: Ich lege wirklich jeder Leserin und jedem Leser das hier verlinkte Interview mit Kevin Shields über dessen Arbeit mit den Vinyl-Remasters ans Herz. Shields Ansinnen war es, ein komplett analoges Remaster von "Loveless" zu erstellen. Es erscheint mir zu ausufernd, das alles hier im Detail wiederzugeben, aber in aller Kürze darf ich mit folgendem Text teasern:

"To do a version of "Loveless" entirely in the analog domain is a tricky thing, because back in 1991, when the record was mastered for CD, LP, and cassette, digital methods were used in its final editing and mastering stages. "Loveless" is defined by its sequencing and flow, and the brief transitions and interludes between tracks are part of what makes the album special. Those transitions were created at least in part using computers, so to re-create them using purely analog technology meant going back to the original tapes and reconstructing them by hand using tape splices.

That was part of Shields’ task for the new vinyl reissue—to create an analog master that didn’t have a single digital stage. But it was only one part. From there, Shields had to find a disc-cutting apparatus that didn’t have a digital process, a rarity in the current landscape. Finding the right facility and making sure its sound was up to snuff turned out to be another expensive and time-consuming proposition."


Und ich meine das jetzt wirklich nicht böse, oder so - aber wenn Dich das nicht dazu bewegt, sofort dem obigen Link zu folgen, bist Du hier irgendwie falsch. 

 
Weiterhören: "Isn't Anything" (1988), "m b v" (2013)





Erschienen auf Creation Records, 1991.


26.12.2024

Best Of 2024 ° Platz 19: Cigarettes After Sex - X's




CIGARETTES AFTER SEX - X's


"I'm not sure if I'm depressed. I mean, I'm not exactly sad. But I'm not exactly happy either. I can laugh and joke and smile during the day, But sometimes when I'm alone at night I forget how to feel." 
(John Green)

Eigentlich war ja nach dem 2017 erschienenen Debutalbum dieses Quartetts aus Texas alles gesagt. Die Infusion mit dem Betäubungsmittel/Viagra-Mix tropfte stoisch in die Blutbahn, alles war warm und feucht, ich hinterfragte nochmal schnell meine Heterosexualität und kaufte mir gleich drei oder dreißig Stangen Kippen. Wer konnte schon wissen, was der Abend noch bringt? Und: "Non-smokers die every day" (Bill Hicks). 

Was mir hingegen völlig klar war: das Konzept mit diesem maximal vernebelten Morphin-Pop wird kaum länger als jene 46 Minuten vom Debut überleben. Das ist ein One-Trick-Pony, die werden noch eine Platte machen und dann wird's das gewesen sein. 

Was auch immer in den letzten Jahren passiert ist und unter welchem Stein meine Wenigkeit sein Dasein fristete: sowohl die Band als auch der Rest der Welt hatten offenbar eine andere Sicht auf die Dinge. Die Band spielt mittlerweile ausverkaufte Headlinershows in den großen Arenen dieser Welt, und ich muss zugeben, mich von diesem Schock immer noch nicht erholt zu haben. Deswegen hier nochmal in aller Deutlichkeit: WHAT THE FUCKING FUCK?! Ernsthaft und aufgeräumt Über "X's" zu schreiben lohnt sich im Prinzip nicht, denn wer die beiden Vorgänger kennt, kennt damit ziemlich sicher "X's"; dagegen sind selbst AC/DC experimentelle Avantgardisten. Soviel unerträgliche Redundanz kommt mir eigentlich nicht ins Regal, noch weniger auf den Blog und schon gar nicht in die Jahresbestenliste. Nun steht "X's" im Regal, auf dem Blog und auf meiner Jahresbestenliste. 

Mir hat es schlicht den Kopf verdreht. Verstörend betörend.


 


Erschienen auf Partisan Records, 2024.

28.07.2024

Sonst noch was, 2023?! - Gesammelte Werke




"Nobody's mad at you
Nobody's mad at you
You're having a private experience
Nobody's mad at you
Nobody's mad at you
Nobody really gives a fuck"
(Neal Brennan)


Ich schwör': ein allerletztes Mal gibt's den Blick zurück ins Jahr 2023. 

Danach...ohjehmine und spoiler alert: geht er sogar noch ein paar Jahre weiter zurück. 


Machen wir also jetzt final den Deckel auf 2023, is' ja auch schon bald August. Grundgütiger.


---





EARTH HOUSE HOLD - HOW DEEP IS YOUR DEVOTION


Eigentlich war diese Werkschau von Brock van Wey's Earth House Hold-Projekt für lange Zeit meine Nummer 1 des Jahres 2023, bis ich mich schlussendlich dagegen entschied, eine Compilation in die Bestenliste zu wuchten, noch dazu auf die Spitzenposition. Dann ist es allerdings heute umso wichtiger, über "How Deep Is Your Devotion" zu sprechen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es 10 Uhr an einem Sonntag im Juli 2024. Es ist sonnig, aber glücklicherweise nicht zu warm. Das Fenster ist sperrangelweit offen und in Sossenheim herrscht eine Ruhe, wie ich sie als Kind von den sommerlichen Besuchen bei meinen Großeltern im pfälzischen Nirgendwo kenne. Man spürt das Nichts mehr, als dass man es hört. Es duftet nach schwarzem Kaffee mit einem Hauch Bergamotte. "How Deep Is Your Devotion" läuft, und ich wünsche mir, dass die Zeit stehenbleibt. Die Entwicklung zu verfolgen, die Brock über die vier EHH-Alben auf die muskalische Leinwand gezaubert hat, das Abdriften eines so oder so schon sehr speziellen Deep House-Ansatzes in eine immer weiter gedehnte, dekonstruierte, eigentlich sich in Auflösung befindliche Version mit solch skurriler Schönheit und mehr versteckten, vergrabenen, vernebelten Zwischentönen, als ich jemals hören könnte, ist das Eine. Das andere ist, dass man sich wünscht, diese Musik würde nie enden. Dieser Moment würde nie enden. 


 



Erschienen auf A Strangely Isolated Place, 2023.



---





FILM SCHOOL - FIELD


Shoegazing in LA. Das kalifornische Sextett um Bandgründer und Chef im Ring Greg Bertens fiel mir erstmals mit ihrem zweiten Album "Film School" im Jahr 2006 positiv auf, und ich bin hocherfreut, dass die Truppe über die ganzen Jahre durchgehalten hat - das gilt umso mehr, wenn noch so starke Platten wie "Field" in ihren Herzen und Köpfen schlummern. Wer vom aktuellen Slowdive-Album auch so enttäuscht wurde, darf schon mal entspannt das nächste Tütchen drehen: "Field" ist ultrakompakt komponiert, hat einen guten Drive und trotzdem soviel Tiefe, dass einem Songs wie "Up Spacecraft" oder "Don't You Ever" (mit einem 1995er Monster Magnet-Gedächtnisriff) sofort unter die Haut kriechen.


 



Erschienen auf Felte, 2023.



---





RAY ALDER - II


Soloalben sind immer so eine Sache. Eigentlich stehen sie schon ab dem Moment der Ankündigung ein paar Stufen unter dem Output der Hauptband. Das Solodebut von Fates Warning-Wundersänger Ray Alder "What The Water Wants" aus dem Jahr 2019 war im Rückblick und abgesehen von Alders gewohnt brillantem Gesang eine Enttäuschung. Zu zahm, zu oberflächlich, und irgendwie auch zu egal. Folglich waren meine an "II" geknüpften Erwartungen von leichter Unterkühlung geprägt, aber siehe da - "II" ist um Welten besser als das Debut, ist zu gleichen Teilen emotionaler als auch heavier. Insgesamt inszeniert Alder seine Musik natürlich gradliniger als im Kontext von Fates Warning, und sein immer noch vollkommen intaktes Gespür für einnehmende Gesangsmelodien im Zusammenspiel mit bisweilen satt tiefergelegtem Unterwasser-Riffing, erzeugen ein ums andere Mal echte Überraschungsmomente. Das gilt mittlerweile nicht mehr für Alders Gesangsleistung: man erwartet Übermenschliches - und das bekommt man dann auch. Weiß Gott keine Selbstverständlichkeit, aber das hat er nun davon, so fucking gut zu sein. SO FUCKING GUT!


 



Erschienen auf Inside Out, 2023. 



---





DANNY PAUL GRODY - ARC OF DAY


Und nochmal Kalifornien, dieses Mal San Francisco. Sein Album "In Search Of Light" aus dem Jahr 2011 hatte ich seinerzeit als "Sorgenbrecher" bezeichnet, und seine Musik ist auch 13 Jahre später noch immer genau das. Ich hatte es leider versäumt, über sein 2021er Werk "Furniture Music II" zu berichten, das mir in der Pandemie Hoffnung und Licht ins Sossenheimer Outback brachte, aber das passiert mir nicht nochmal. Die Ruhe und die Kontemplation, die vom inneren Kern von "Arc Of Day" ausstrahlt, macht mein Leben besser. Ich schmecke die Luft an der US-amerikanischen Nordwestküste, spüre den Sand zwischen den Zehen, die Sonne auf der Haut. Eigentlich ist das Psychotherapie, nur ohne Reden. Zuhören sollte man aber. 





Erschienen auf Three Lobed Recordings, 2023.



---





AYAAVAAKI & PURL - ANCIENT SKIES


Purl sagte kürzlich über "Ancient Skies", es sei eine der einzigartigsten Platten, die er je aufgenommen hat - und wer sich darüber im Klaren ist, wie viele Alben dieser Kosmopolit schon veröffentlichte und wie bescheiden er für gewöhnlich auftritt, mag erahnen, wie wichtig ihm ausgerechnet dieses Werk ist. Gleichzeitig kann der Eindruck entstehen, "Ancient Skies" sei ein wenig vom Radar der Ambientfans gerutscht und damit also unterschätzt und/oder übersehen - und das muss ich für meine Wenigkeit leider bestätigen. Es gibt einfach viel zu viel Musik und das Leben raubt mir viel zu viel Zeit - und dann legt Purl eben noch immer ein atemberaubendes Veröffentlichungstempo vor. Hinzu kommt: "Ancient Skies" ist in der (digitalen) Orginalfassung fast zweieinhalb Stunden lang, und einfach zu hören ist das nicht unbedingt. "Ancient Skies" ist einerseits dramatisch und opulent, andererseits spielt sich so viel unter den hörbaren Schwingungen dieser Musik ab, ist subtil, manchmal mystisch. Wenn der halbe westliche Planet damit beschäftigt zu sein scheint, das durchs Social Media-Dauerfeuer schön herangezüchtete ADHS zu füttern, erscheint es lohnenswerter denn je, sich einfach mal für zwei Stunden auszuklinken. 

Hinweis: die Doppel-LP hat lediglich acht (statt vierzehn) Songs in zum Vergleich zur digitalen Version editierten Fassungen.


  



Erschienen auf LILA लीला, 2023 




13.04.2024

Best of 2023 ° Platz 6: Hysterical Love Project - Lashes




HYSTERICAL LOVE PROJECT - LASHES


"I'm free as a bee buzzing around the sky
And I'll drink all the nectar I can hope to buy
And fly 'til I find there's nowhere else to fly"
(Allen Epley)


Miniaturen aus dem Nichts. Sounds für Zigaretten und Kaffee im Schlafzimmer. Für eine einsam brennende Kerze in einem dunklen Raum. Für Umarmungen, die die Sehnsucht und tief empfundene Verbundenheit in eine gemeinsame Schwingung versetzen. Für das Dahindämmern. Für den leeren Blick gegen die Wand. Für Sonnenbrillen in der Nacht. 

Wer die spirituelle Verbindung kennt, die frühneunziger Shoegaze und mittneunziger Trip Hop ins interne Gefühlsdickicht einer ganzen Generation einzuhäkeln vermochte, wird "Lashes" mit seeligem Lächeln ins Herz schließen. Das faszinierende Spiel mit der gegenseitigen Anziehung und einer Intimität, die sich in jenen tieferen Schichten ablagert, in denen Worte nicht artikuliert werden, sondern sich in einer Übersinnlichkeit vereinen, beherrschen Brooklyn Mellar und Ike Zwanikken auf ihrem zweiten Album in beeindruckender Souveränität. 

Betörende Leuchtfeuer-Gitarren, bis in die Exosphäre eindringend und dort dem eigenen Untergang entgegensehen, langsam zerfallend bis nur noch einsame Gasmoleküle ums Überleben kämpfen, ein stoischer Beat für die eisgekühlten Kopfnicker, die Bowery Electrics "Beat" und die lebhaften, aufgeheizten Momente von Portishead in die eigene DNA eintätowiert haben, ein Lo-Fi-Lavasee für die Grundierung, der mehr Skills für das Wegdämmern, die Entzweiung, das Abdriften im Lebenslauf notiert hat als ein frisch aufgebrühtes Tässchen Ketamin - und die weltentrückte Stimme von Brooklyn Mellar, so eisgekühlt wie sinnlich in den Zwischenwelten schwebend, in denen der eigene Rückzug über geheime Kanäle infiltriert und die Kälte zurückgedrängt wird. Ich finde diese emotionale Serpentinenfahrt durch das eigene noch unerforschte Gelände überaus attraktiv.

Immer wenn ich "Lashes" auflegte, hörte ich es mehrere Male hintereinander am Stück. Eine süchtig machende Musik.


 



Erschienen auf Motion Ward, 2023. 


P.S.: Die CD-Auflage war auf lediglich 100 Stück begrenzt und ist mittlerweile ausverkauft, aber es hallen Gerüchte durch die Plattensammlercommunity, dass Planungen für eine Vinylversion aufgenommen wurden - was absolut zu begrüßen wäre.

17.03.2021

Best of 2020 ° Platz 8 ° Hum - Inlet



HUM - INLET

All the dreamers have gone to the side of the road which we will lay on
Inundated by media, virtual mind fucks in streams
(D'Angelo And The Vanguards)


"The Summoning". Grundgütiger, "The Summoning". 

Diese sich wie zähflüssige Lava den Weg freiwalzenden Gitarren. Ich habe schon lange keine mehr so gut klingenden Gitarren gehört. Diese Melodie, die so lange nachhallt, bis die Venus acht Mal umrundet wurde und man sich wieder auf dem Rückweg zur Erde befindet. Das Break im letzten Viertel, das sich gegen Ende auftürmt wie ein Gebirgsmassiv vor Millionen Jahren. Die stoische Stimme, die kaum mehr braucht als Begleitung und Erinnerung. Ein Jahrhundertsong. Aber eben auch nur einer von insgesamt gleich vieren: es sind vor allem die jeweils über acht Minuten langen, episch inszenierten Songs, die mich komplett plattmachen, auseinanderreißen, zerschmettern und dann wieder zusammenkleben, mit Spucke und einer Riesenpackung Hubba Bubba: "Desert Rambler", "Folding", "Shapeshifter" und eben "The Summoning", allesamt Giganten aus dem Stoff, aus dem 90er-Shoegaze und Alternative Rock-Herrlichkeiten gestrickt waren, bis unters Dach vollgepackt mit Understatement, Emotionalität, Tiefgründigkeit und Weite - und mit mit einer ganz eigentümlichen, nach innen gerichteten Intensität. 

Das Quartett aus Illinois, spätestens ab Mitte der 1990er Jahre und dem zaghaft ins US-Mainstreamradio einbrechenden Hit "Stars" eine Untergundsensation, war zu jener Zeit sehr knapp vor dem Sprung in die erste Liga, bevor die Band Ende des Jahrzehnts zunächst vom Label gedroppt und anschließend intern auseinanderbrach. Jetzt kommen sie im unheiligen Jahr des Clusterfucks 2020 praktisch aus dem Nichts mit neuer Musik zurück - 23 Jahre nach dem letzten Album "Downward Is Heavenward". Und auch wenn ich die Band erst Mitte der nuller Jahre von Freund Andreas ans Herz geschweißt bekam und also wie so oft ein totaler Spätzünder war, fühlt sich "Inlet" so vertraut an wie jede Gedanken- und Gefühlsreise in meine Adoleszenz in den 1990er Jahren, zwischen Teenage Angst, Flanellhemd, Benson & Hedges und dem süßen Duft der Freiheit (Wunderbaum Vanille; Opel Corsa I), der mindestens soviel Hoffnung machte, wie er mir bis in jede Faser meines Hirns Panikattacken schickte. Es gibt einen gar nicht so kleinen Teil in mir, der sich wünscht, bis ans Ende meiner Zeit in diesem emotionalen Schwebezustand der eigenen Vergangenheit zu verbleiben, mit all der Verklärung, der Ignoranz, dem Gilb und Kitsch des Vertrauten, Eingefahrenen, Sicheren. Das Getöse des Unmittelbaren ersetzen mit der damals  so geliebten wie gehassten und doch so verinnerlichten Stille. Auszeit. 

Insofern ist "Inlet" die perfekte Spiegelung dieser Ambivalenz, auf jeder Ebene. Laut und leise, rustikal und subtil. Erinnerung und Gegenwart. Hoffnung und Enttäuschung. Verwegenheit und Furcht. 

Heavy Music for introverts. Für immer die Liebe.


   


Erschienen auf Earth Analog Records, 2020.