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18.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #165: Cradle Of Filth - Dusk...And Her Embrace (1996)




CRADLE OF FILTH - DUSK...AND HER EMBRACE


„Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine.“ (Wiglaf Droste)


Ich habe von Black Metal keinen sitzen. Beziehungsweise, und diese Einschränkung sei mir erlaubt, habe ich von jenem Black Metal keinen sitzen, der unter dem Begriff der "zweiten Welle" zu Beginn der 1990er Jahre entstanden ist und anschließend so populär wurde, dass er bis heute die Grundlage für das komplette Genre darstellt. Wenn ich sehr kühn sein wollte, könnte ich mich zu der Einlassung hinreißen lassen, mit der ersten Welle in der ersten Hälfte der 1980er Jahre aufgewachsen und also vertrauter zu sein. Mein Bruder hatte sämtliche relevanten Alben im Plattenschrank: Venom, Celtic Frost, Hellhammer, Bathory; für den frühen amerikanischen Black Metal könnten NME und ihr Album "Unholy Death" (1986) als beinahe solitäre Randerscheinung genannt werden, und ganz vielleicht spielt Possesseds "Seven Churches" zumindest hinsichtlich des Auftretens und des Images noch eine Rolle.


Die Wirkung, die vor allem Venoms "Black Metal" und Celtic Frosts "To Mega Therion" auf den damals gerade mal zehnjährigen Florian hatten, spüre ich beim Anblick der Coverartworks und vor allem der Backcover mit den Fotos der Musiker bis heute. Die Einlassung, "tief beeindruckt" gewesen zu sein, ist geradeheraus ein Euphemismus. In Wirklichkeit hatte ich einfach Angst. Die Inszenierung mit schwarzem Leder, Schminke, Kerzen, umgedrehten Kreuzen (ich war Messdiener - nur falls sich jemand fragt, wo ein guter Teil meines Knacks seinen Ursprung hat), die Aura der mystischen, okkulten, unkontrollierbaren Outlaws und die zahlreich kolportierten Tabubrüche nebst sexuellen Innuendos verfehlten ihre Wirkung nicht. Ich erinnere mich an ein Interview mit Venom im Metal Hammer, in dem überliefert wurde, Sänger Cronos müsse sich nun absentieren und auf den bevorstehenden Auftritt vorbereiten, indem er noch schnell ein paar Leichenknochen kaut, damit's mit der Stimme auch so richtig hinhaut - und so lächerlich das fast vierzig Jahre später klingen mag, so groß war 1987 sowohl die Bestürzung als auch die Anziehungskraft. Zudem fehlten mir abseits dessen, was in den Musikmagazinen stand, jeglicher Kontext und der Austausch mit anderen zur Einordnung. Wer hat als zehnjähriger schon Freunde, die darüber diskutieren wollen, ob sich drei geschminkte Ledertypen aus England an Leichen vergehen und Pferdesex haben? Mein damaliger Freund Martin, den ich zunächst mit meiner Iron Maiden-Manie anstecken konnte, sagte mir eines Tages, er würde jetzt lieber die Pet Shop Boys hören. Hätte mir meine Mutter gesagt, sie sei in Wahrheit ein außerirdischer Goldhamster und müsse nun wieder auf ihren Heimatplaneten UX-9318 zurückkehren, hätte ich selbst dafür mehr Verständnis aufbringen können. Was ich sagen will: Martin kam als Ansprechpartner nicht mehr in Frage.  


In den folgenden Jahren entwickelten sich allerdings sogar in meinem Kopf ein paar Hirnzellen mehr, auch wenn es sicherlich ein paar Weggefährten gibt, die vehement Gegenteiliges behaupten würden. Das waren vermutlich in erster Linie jene, die sich der ab 1991/1992 in Norwegen aufbäumenden zweiten Welle des Black Metals verschrieben hatten und nicht so richtig erfreut darüber waren, dass ich im übertragenen Sinne lieber die Pet Shop Boys hören wollte. Mir fehlte wirklich JEDE Verbindung zu dieser Musik und dieser Szene. Es klang alles scheiße, es war scheiße gespielt, die Typen, und zwar ALLE!, waren offensichtlich scheiße - der braune Nazisumpf, in dem heute Teile der Black Metal-Szene recht feudal und widerspruchsfrei residieren, sowie die Kapitulation der übrigen Szene, inklusive Presse, Labels, Agenturen, Veranstalter, Clubbetreiber und Fans, hat genau dort seinen Ursprung - kurz: ich wollte damit absolut NICHTS zu tun haben. Black Metal war für mich Venom. Und zwar "Für Immer" (Doro). 


Und dieses "Immer" hatte immerhin bis in den Oktober 1996 Bestand, als nämlich die vierte Ausgabe der CD-Beilage des Rock Hard-Magazins erschien. Cradle Of Filth präsentierten hier den Titeltrack ihres just erschienenen Albums "Dusk...And Her Embrace", und obwohl mir der Bandname bereits geläufig war, nicht zuletzt aufgrund der provokanten Cover-Artworks ihrer bisher erschienenen Alben "The Principle Of Evil Made Flesh" und "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" sowie ihrer teils respektlosen, teils frivolen T-Shirt-Motive, landete die Band bis dato im großen Eimer mit den schlechterdings unantastbaren Bands aus Skandinavien. Was dann allerdings geschah, zählt bis heute zu den größeren musikalischen Revolutionen meines Daseins. Nicht nachhaltig zwar, weil die Tür zum Rest des Genres nach wie vor fest verschlossen blieb, aber ich wurde für die nächsten drei Jahre zu einem beinharten Fan, mit allem Drum und Dran. Zunächst verdrehte mir der Titeltrack tüchtig den Kopf, später das in geradezu euphorischen Zuständen gekaufte Album. Das ist umso erstaunlicher, weil dafür einige ziemlich hohe Barrieren überwunden werden mussten: das typische Black Metal-Gekeife, die Blastbeats, der symphonische Klimbim waren bis dahin für einen, der immer viel Wert auf gute Stimmen und einen guten Groove legte und orchestrale Begleitungen im Metal für Kitsch und ein ärgerliches Missverständnis hielt, gleich eine ganze LKW-Ladung roter Tücher. "Dusk...And Her Embrace" machte mit all dem kurzen Prozess. Plötzlich konnte ich nicht genug davon bekommen. Was zur Hölle ist denn da passiert?


Eine genaue Erklärung dafür habe ich bis heute nicht parat, aber ich kann ein paar Indizien über den Zaun werfen. Erstens klingt "Dusk...And Her Embrace" unglaublich gut - und das bis heute. Ich finde nicht, dass der Platte ihr Alter anzuhören ist. Für damalige Verhältnisse, vor allem, wenn einem noch die unproduzierte Kloake aus Norwegen in der Erinnerung herumschwappt, ist die Produktion geradezu herausragend, weil es der Band und ihrem Produzenten Kit Woolven gelang, die Mehrdimensionalität der Kompositionen einzufangen und deren morbide Dramatik in den Mittelpunkt zu stellen. So wie Slayers "Seasons In The Abyss" exakt so klingt wie das Cover aussieht, nach staubiger Verwüstung, nach Erstickungstod und Agonie, macht "Dusk...And Her Embrace" aus dem Artwork gleich ein ganzes Theaterstück: ein mittelalterliches Schloss im kalten Nebel, Fackeln, Hexen, Dekadenz, Chaos, Syphilis - und mit 27 Jahren liegt man in der Kiste. Irre! Zweitens schlagen die überlangen, verschachtelten Songs unzählige Haken mit wilden Breaks und lassen zeitgleich viel Raum für lange Instrumentalpassagen, beides makellos und maßgeschneidert nachzuhören im achteinhalbminütigen "Funeral In Carpathia" und dessen berühmtem "Never Leave Me"-Break, das gleich mehrere mit unbarmherzigem Drive umgesetzte Speed Metal-Riffs mit eindrucksvoll hymnischer Orchestrierung verbindet. Derlei Komplexität kann ein Handicap sein, wenn entweder der melodische Rahmen bricht oder die atmosphärische Spannung aus den Fugen gerät. Cradle Of Filth halten beide Komponenten über die kompletten 53 Minuten hingebungsvoll auf höchster Intensität, und man kann förmlich hören, wie sie darum kämpfen, die ganze Zeit die Temperatur am Siedepunkt zu halten. Volle Kontrolle bis zur Selbstaufgabe. Drittens hat die Band kompositorisch auch darüber hinaus ein bisschen in die Trickkiste gegriffen und viele Elemente klassischen Heavy Metals in ihren Sound integriert, angefangen bei den von Iron Maiden und der New Wave Of British Heavy Metal beeinflussten Twin-Guitars bis hin zu elegischen Melodiebögen aus dem US- und Epic Metal - es ist in diesem Zusammenhang auch keine besondere Überraschung mehr, dass die Band Maidens "Hallowed Be Thy Name" als Bonustrack coverte. Cradle Of Filth waren im Jahr 1996 deutlich näher an Maiden als an Immortal - und mit Verlaub: das war ich auch. 


Meine heiße Affäre dauerte indes nur knappe drei Jahre. Der 1998er Nachfolger "Cruelty And The Beast" war zwar ebenfalls ein herausragendes Heavy Metal-Album, aber dann wurd's ganz allmählich kalt. Zum einen musste ich miterleben, wie Cradle Of Filth auf der 1999er Tour von ihrer Vorband Napalm Death nach Strich und Faden den Arsch versohlt bekamen, zum anderen nahm die Kapelle, die mehr und mehr zu einem Soloprojekt von Sänger/Texter Dani Filth mit angeheuerten Sessionmusikern avancierte, im neuen Jahrtausend ein paar sehr unglückliche Kurskorrekturen vor und wurde immer mehr zu einer stinknormalen Metalband, die sich offenkundig mehr um Vermarktung und Image kümmerte, als um die Musik. Die wurde in meiner Wahrnehmung immer melodischer, langsamer und damit bräsiger, mit optimalem Zuschnitt auf das, was das Ottonormalmetallerpärchen Heinz und Uschi in der Schrebergartenanlage hören wollen, wenn der Bauplan für den neuen Carport durchkalkuliert werden muss. Offen gesagt: Würde ich jene ungünstigen Entwicklungen der letzten 25 Jahre in Betracht ziehen, wäre hier und heute ein Text über eine andere Platte erschienen. Tatsächlich musste ich ein wenig mit mir ringen, ob ich wirklich nochmal so tief ins eigene fast 30 Jahre alte Badewasser steigen möchte. Der positive Bescheid wurde erst erlassen, nachdem im Sommer 2025 eine Re-Releasewelle durch meinen Sossenheimer Kiez schwappte, ich die 90er Alben nochmal Revue passieren ließ und hocherfreut feststellte: man bekommt den Florian (weitgehend) aus dem Metal, aber man bekommt den Metal nicht aus Florian. "Dusk...And Her Embrace" bringt mir immer noch Glücksgefühle. Trotz der vielen Vorbehalte aus praktisch allen denkbaren Richtungen: Unwithfuckable.



Vinyl und so: Aufgrund der höchstwahrscheinlich ausgesprochen verzwickten Rechtslage ist die 1996 erschienene Version von "Dusk...And Her Embrace" bis heute nicht auf Vinyl wiederveröffentlicht worden, was die Erstpressung womöglich zu einem der meistgesuchten Holy Grails des Heavy Metal macht. Die Preise sind so absurd wie indiskutabel. In eine immerhin gewisse Nähe kommt man heutzutage nur mit jener Version, die den Untertitel "The Original Sin" trägt (und die oben auch auf dem Foto zu sehen ist). Hierbei handelt es sich um eine Aufnahme, die die Band mit anderem Lineup als gedachtes zweites Album für ihr damaliges Label Cacophonous Records einspielte. Kurz darauf verklagte die Band allerdings das Label, zerfiel währenddessen in zwei Teile und hatte "Dusk...And Her Embrace" als rechtlichen Kollateralschaden eigentlich schon abgeschrieben. Erst nachdem im ersten Halbjahr 1996 "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" erschien, ein Kompromiss mit Cacophonous Records, um anschließend aus dem Vertrag rauszukommen, konnten Cradle Of Filth mit erneuertem Lineup die Platte erneut, nun unter der Aufsicht des oben erwähnten Kit Woolven, aufnehmen und über Music For Nations veröffentlichen. "Dusk...And Her Embrace - The Original Sin" ist also die ursprüngliche Fassung des Albums. Und das hört man. Ob jene Version einen ähnlichen Eindruck auf mich gemacht hätte wie die später erschienene, möchte ich bezweifeln, aber wer Bock auf ein bisschen Musik-Generde hat, könnte beim Philosophieren über die Dynamiken eines Bandgefüges, dem Einfluss eines Produzenten und ganz vielleicht auch ein bisschen der Größe des Aufnahmebudgets in Freudenschreie ausbrechen.  


Weiterhören: "The Principle Of Evil Made Flesh" (1993), "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" (1996), "Cruelty And The Beast" (1998)




Erschienen auf Music For Nations, 1996.


22.04.2021

Sonst noch was, 2020?! (6) - Korgüll The Exterminator - Sharpen Your Spikes




KORGÜLL THE EXTERMINATOR - SHARPEN YOUR SPIKES


Die Redaktion von 3,40qm freut sich ganz besonders, Ihnen heute eine Leseprobe des mittlerweile aus den Katalogen gestrichenen Zukunftsromans "2021 - Gedanken im Nachttopf" des Gelsenkirchener Autors Schlötz Kügelründ aus dem Jahr 1994 vorstellen zu dürfen. Das 116 Seiten starke Manifest ist das zentrale Werk im Schaffen des streitbaren Toast Hawaii-Liebhabers und frivolen Felgenbürsters und gilt unter Fachleuten als Klassiker im immer noch unterschätzen Genre der WC-Literatur. Weitere Bestseller des Kügelründ sind "Trendkacke. Braucht kein Schwein", eine einfühlsame Erzählung über Körperhygiene, Elektrizität und Brennessel-Knoblauch-Smoothies im urbanen Brennpunkt Olpe und "Hexenpisse", eine Biografie über die westdeutsche Ulknudelkapelle Rave Zigger mit einem Vorwort von Flips Bolzenkahl-Kahlenbolz. Und nun wünschen wir viel Spaß mit der folgenden Leseprobe aus dem Roman "2021 - Gedanken im Nachttopf".

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"Achtung, "Real-Talk": Es gibt keine schlechtere Musik als schlechten Heavy Metal. Schlechter Metal ist die furchtbarste, peinlichste, absurdeste, verschissenste Musik auf diesem Erdball. Ich würde mir lieber freiwillig eine Platte von Bob Marley anhören oder den Eurodance-Remix von "Ob-La-Di, Ob-La-Da" von den verdammten Beatles in Endlosschleife, als eine Minute schlechten Metal. Schlechter Metal ist unecht. Gespielt, aufgesetzt, künstlich, kommerziell endverwertet, aufgeblasen, over-confident, muskelbepackt. Er trieft vor Testosteron, riecht nach Reihenhausküche, er spricht "Mutti ist die Beste" und denkt "Frauen an den Herd", er fährt einen SUV von Volkswagen, in dem es jeden August auf "Wackööön" geht, abfeiern und danach wählt man die CDU. Eine Linie. Eine fucking Linie.  

Der US-amerikanische Produzent Mick Realo, der im Jahr 2021 als "You Tube Influencer" Bekanntheit erlangte, einer sich zur Mitte der 2010er Jahre entwickelnden und auf den Leichenbergen der postdekadenten Generation Z tanzenden Lebensform, stellte kürzlich die Top Ten der meistgestreamtengespielten Metal-Songs auf Shitify vor, und wenn es danach geht, muss man sich um den Herrn Heavy Metal wirklich so rein gar keine Sorgen mehr machen; der liegt nämlich schon mausetot in der Kiste - und wenn man diesen überproduzierten Kitschkackhaufen, diesen substanzlosen Einheitsbrei, diese leidenschaftslose und bis zum blanken Kotzen glattpolierte Fickpisse hören muss, kann man nur sagen: Glück gehabt! Aber es sind nicht nur die jungen Bausparer, die sich so schamlos an der Idee der einst so rebellischen Subkultur vergehen - die ließen sich in einem Paralleluniversum schließlich noch mit der unvermeidbaren Degenerierung im Zeichen von Weiterentwicklung und der damit verbundenen turbokapitalistischen Komplettverwertung von Kultur durchwinken und also  wegfloskeln. Bedeutend schwerer fallen jene ins Gewicht, die sich aus der schwermetallischen Ursuppe der späten 1970er und 1980er Jahre emporwürmelten, die mit unbekümmerter Naivität, echter Lebensfreude und authentischem Krach zu Vorreitern und Fixpunkten einer ganzen Generation junger Heavy Metal-Fans wurden - und sich 30 Jahre später von neureichen Businesskaspern als gut getarnte Zirkuskapelle am mittlerweile rostigen Nasenring durch die Manege schleifen lassen und ihre wie Gebirgsmassive zerklüfteten Hackfressen in Hochglanzvideos zeigen müssen, in denen sie ihre auf 340 Gigapascal hochgepeitschte leere Hülle einer ehemaligen Ahnung von Heavy Metal im Vollplayback vortanzen. Solche mausetot klingenden und bis zur Unkenntlichkeit durchgestylten Alben von Bands wie Onslaught oder, Gott steh' mir bei: den ehemaligen Alleskönnern von Heathen, die mittlerweile wohl nicht nur ihre Musikproduktionen, sondern gleich die ganze Bandbesetzung am vielzitierten Reißbrett entwerfen lassen, sind das eigentliche Ende des Heavy Metal, wie wir ihn mal kannten. Eine tieftraurige und gleichzeitig quietschfidel inszenierte Vollverarsche "von Behämmerten für Behämmerte" (Holger Stratmann) - das ist schon kein potemkinsches Dorf mehr, das ist ein ganzer verschissener potemkinscher Planet. 

Es braucht ein Gegengift. Ein starkes Gegengift. Ein stark rumpelndes Gegengift."

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Wir beamen uns zurück in die Gegenwart. 

Wenn sich eine Band nach einem alten Song der Science Fiction-Metallegende Voivod benennt, ist das schonmal ein guter Anfang für eine möglicherweise sehr tiefe Freundschaft mit meinem Herzen, und wenn ihr hysterisch hackender Black/Thrash Metal dann auch noch so klingt, als würden Venom seit 30 Jahren die längste Treppe der Welt herunterfallen und dabei ununterbrochen von einer manischen Sabina Classen angebrüllt werden, dann ist das wenigstens charmant - und manchmal sogar ein bisschen mehr als das. Das katalanische Quartett kann modernen Metal genauso wenig ab wie unser eben zitierter Schlötz Kügelründ und spielt sehr kompromisslos nur das, auf was es Bock hat, als Hobby. Dahinter steckt kein großes Label, ehrlicherweise nicht mal ein mittelgroßes, dahinter steckt auch kein ausgeklügelter Marketingplan, der mit den Extremen protzen muss - Korgüll nehmen einfach seit 2008 stoisch ihre Musik auf, die fürs sanftgebettete Mainstream-Pack völlig unzugänglich, kaputt und derb klingen muss: "Sharpen The Spikes" steht auf Bandcamp bei nur 85 Menschen in der Sammlung, auf dem Plattensammlersupergiganerdportal Discogs sind's gerade mal 25 Besitzer. Aber man ahnt auch ohne ausgefeiltes Studium dieser Platte, dass ihr räudiger Mix aus 1980er Patronengurtgeballer und 1990er Black Metal-Mystik entweder etwas für den fortgeschrittenen Kenner oder aber für den zurückgebliebenen Kartoffelficker ist. Die "Meddal-Midde" (Birne) hält sich die Ohren zu.  

"Sharpen The Spikes" ist ein durch und durch echtes, rebellisches, in Teilen kakophonisches, irre (IRRE!) treibendes Lets-Fetz-Gehacke aus dem Bilderbuch, schwer behängt mit Nietenarmbändern und mariniert in billigem Bier, hinsichtlich der Intensität eventuell mit einer zugekoksten Version der Mitt/Endneunziger Blackthrash-Urgesteine von Defleshed vergleichbar, nur lässiger, wilder und noch roher. Das geht logischerweise nicht immer klar in meiner Realität, und die Herzallerliebste lässt nach dem ersten, auf selbstredend infernalischer Lautstärke abgespieltem Urschrei von Sängerin Lilith Infernal Punisher nur ein trocken-bedrohliches "Is' klar!" in den Raum gleiten, aber in manchen Momenten kalibriert mir dieser primitive Chaoshäcksler die hohle Denkmurmel so aufs Vortrefflichste wieder auf NormalNull, dass ich mich diesem Zauber des wahren, echten, reinen, unverfälschten und unkaputtbaren katalanischen Superstahls einfach nicht entziehen kann. 


Kills all fucking posers on fucking contact.


 



Erschienen auf Xtreem Music, 2020.