Posts mit dem Label Alternative werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Alternative werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

14.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #162: White Zombie - Astro-Creep: 2000 (Songs Of Love, Destruction And Other Synthetic Delusions Of The Electric Head) (1995)



WHITE ZOMBIE - ASTRO-CREEP: 2000 (SONGS OF LOVE, DESTRUCTION AND OTHER SYNTHETIC DELUSIONS OF THE ELECTRIC HEAD)


„Der Wettbewerb um die Gunst der Konsumenten zwingt die privatwirtschaftlichen Medien, alles zu unterlassen, was die Instinkte und Vorurteile der Leser, Hörer und Seher stören könnte.“ 
(Hermann L. Gremliza)


Das ist vielleicht die erste und sehr wahrscheinlich einzige Rezension dieser Reihe, die Gefahr läuft, in einer Rechtfertigungsorgie zu implodieren. Wir wissen schließlich alle, wie tief sich Traumata aus unserer Kindheit und Jugend in Herz und Seele manifestieren können. Da hilft keine Leberspülung mit Klosterfrau Melissengeist, kein Salbeirauch und auch keine Schweinehaxe mit Knoblauchpudding bei rechtsdrehendem Mondschein - was sich auch immer vor dreißig, vierzig Jahren den Weg in die leerstehende Aussichtsplattform in meinem Kopf gebohrt hat, lebt dort auch Jahrzehnte später zumeist immer noch mietfrei und schmiert mir zum Dank die schöne Fensterfront mit AA voll. Mit anderen Worten: wäre ich vor zehn oder fünfzehn Jahren auf die Idee gekommen, mir eine Liste mit den 200 besten Platten der 1990er auszuschnapsen, dann wären White Zombie auch dann nicht darin aufgetaucht, hätte ich aus der 2 eine 5 gemacht. Es kann viel Arbeit machen, sich zu öffnen.

Und ich möchte dann folgerichtig offen sprechen, auch wenn man mir anschließend vorwerfen kann, ein bisschen zu tief ins Glas mit dem Schwachstrom geschaut zu haben: ich war Rockhard-Leser. Und kein Visons-Leser. Es zählt nicht zu den schönsten Momenten des Lebens, das zuzugeben, aber wenn das soziale Umfeld, sofern man eines hat, ansonsten nur die Pet Shop Boys hört (wir berichteten) oder sich von "Freund Speckbulette und seiner schielenden Klobürste" (Kalkofe über Klaus & Klaus) eine Coverversion von "Cotton Eye Joe" vorsingen lässt, um sich dabei vor Freude einen Magendurchbruch zu ertanzen, dann liest man sehr genau mit, wenn Götz Kühnemosh und Sexdög Albrecht ins knallige Metalmagazin aus Dortmund Sachen reinschreiben, von denen man denken könnte, sie seien irgendwie....richtig?! Ich habe genau damit mein kleines und großes Metal-Einmaleins gelernt, irgendeine dick angerührte Suppe aus 'ner Stange Authentizität, zwei Kannen Loyalität, eine Prise Opferpathos und 42 Blätter vom Ichhassediemoderneweltbusch - und selbst wenn die neue Grave Digger-LP von Chris Bolzenstahl-Kahlenbolz so klingt, als hätte ein betäubtes Faultier Flatulenz: IMMER NOCH BESSER ALS DIESE GEHYPTE PISSE VON WHITE ZOMBIE, DiE uNsEeEn MeTaL zErStÖrT. 

Nun ist's neben meiner eingeschränkten Medienkompetenz aber auch so, dass bei White Zombie ein paar Faktoren ins Spiel kamen, die mir vor dreißig Jahren einfach schwer im Magen lagen. Zum einen wusste ich, dass die Band Anfang der 90er Jahre sowohl ihren Sound als auch ihr Image deutlich veränderten - und schwupps!, wurde damit aus der jahrelang weitgehend unbekannten Noiserock-Undergroundband aus New York ein weltweit erfolgreiches Phänomen auf einem Majorlabel. Ich habe keinerlei Interesse an Missgunst, bitte: jeder Ruhm und alles Geld dieser Erde an Musiker. Aber ich habe durchaus ein Interesse daran, designte Industriehypes erkennen zu können, das gibt nämlich Abzüge in der Authentizitätswertung - ob es tatsächlich so zutrug. spielte dabei keine Rolle. Fakten waren unwichtig; das Gefühl, dass es so gewesen sein könnte, reichte damals aus, um Abstand zu halten. Zum anderen war ich mental meilenweit von dieser Szene entfernt; alles zu breitbeinig, zu laut, zu macho, zu exzentrisch, zu aufgesetzt, zu orchestriert - und gleichzeitig war es auch einfach Trash. White Trash. Ich dachte mal ein paar Jahre lang, White Zombie seien die Kid Rock-Version von Ministry. 

"Ein Mann wird kälter." (Stefan Gärtner)

….kälter und älter. Und wenigstens mit dem Alter erhalten ganz allmählich Bewusstsein, Reflektion und Anschauung Einzug in die Gemächer der Denkmurmel, und wenn's ganz gut läuft, lassen sich die schlimmsten geistigen Fehlhaltungen auf dem Weg ins Gerontenheim noch irgendwie korrigieren. Das bedeutet nicht, später auch noch wirklich der allerpeinlichsten Scheiße die Absolution zu erteilen - Limp Bizkit, lol - aber es kommt der Moment, an dem die in der Eisenzeit und unter Hormonschwankungen gemachten Einlassungen mit ein bisschen Ab- und Anstand immerhin überprüft werden können. 

White Zombie wurden von der Herzallerliebsten in zunächst meine und später unsere gemeinsamen vier Wände gebracht. Sie kam mit der Musik des Quartetts aus New York nicht nur früher, sondern auch an Orten in Kontakt, die wie dafür gemacht sind, einen Seelenabdruck zu hinterlassen: in der Disko. Als Frau P. also durch die Clubszene Nürnbergs, Fürths und Erlangens flipperte, liefen White Zombie in jeder Zappelbude am Anschlag, manchmal auch gleich mehrfach am Abend, weil der DJ wusste: wenn ich White Zombie spiele, ist die Tanzfläche voll. Das ist weder Zufall noch Überraschung. Die beiden erfolgreichen, großen White Zombie-Alben "La Sexorcisto: Devil Music Vol.1" (1992) und eben "Astrocreep 2000" (1995) MUSS man laut hören, das ist im Prinzip ihre komplette Raison d'être. Rob Zombie fand nach langen Jahren des Experimentierens endlich den Sweetspot für diese Band: Riffs, Riffs, Riffs und Groove, Groove, Groove. Egal, wie groß die imaginierte Abneigung auch sein mag: wenn Du Hits wie "Thunder Kiss 65" oder "More Human Than Human" mit 130dB im Club hörst, werden sich mindestens Dein Kopf und Dein Fuß im Takt bewegen, ob Du willst oder nicht. Dazu gab es für die Außenwirkung mittels ausgefallener Frisuren und Klamotten Charaktere in der Band, die einerseits aussahen, als seien sie einem Alien-Space-Western aus der Zukunft entsprungen und die andererseits über die Identifikation, und sei es nur jene mit dem damaligen Zeitgeist, den Fans eine emotionale Verbindung lieferten.

Obwohl sich freilich ein paar deutliche Industrial-Elemente in ihrem Sound zeigten, das Mechanische, Stampfende im Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Gitarre, ein paar ausgesuchte Sample-Spielereien und die praktisch in jeden Winkel ihrer Musik eingebaute Monotonie, klangen White Zombie nicht kalt und abweisend, es ließ sich im Gegenteil der Schweiß riechen. Im Rückblick liegt man vermutlich nicht meilenweit daneben, die Behauptung aufzustellen, dass White Zombie viel mehr Rock'n'Roll und Heavy Metal waren, als man ihnen damals zugestehen wollte. Oder besser: "durfte", denn wer eine Band in den neunziger Jahren als Metalband ohne den Zusatz "New-" vermarkten wollte, hätte sein Geld auch gleich in die nächste Müllverbrennungsanlage bringen können. Das abseits der einfach unglaublich gut funktionierenden Songs dickste Brett der Band im Allgemeinen und "Astro-Creep: 2000" im Besonderen ist ihr Sound, und das wird sogar noch ein bisschen eindrücklicher, wenn wir uns vergegenwärtigen, über eine Produktion aus dem Jahr 1995 zu sprechen. Terry Date, der für Bands wie Deftones, Metal Church, Overkill, Slayer, Mindfunk und Prong arbeitete und in diesem Rahmen für einige der herausragendsten Produktionen aller Zeiten verantwortlich ist, hat sich auf "Astro-Creep: 2000" selbst übertroffen und den Vibe der Songs sowie der ganzen Band auf den Punkt getroffen: intensiv, dicht, modern, ungemein drückend und heavy, dabei aber trotzdem, vor allem im Vergleich mit den mittlerweile leider etablierten Soundstandards, überraschend schlank und ungemein effizient. Eine echte Sensation. Jede Metalband, die in den letzten zwanzig Jahren mit ihrer hoffnungslos unterproduzierten und hohlen Pseudo-Metalrotze dachte, besonders fett, breit und hip zu klingen, würde sich nach einem solchen Sound die Finger lecken. Wann genau sind wir eigentlich so krass falsch abgebogen?


Vinyl und so: Hallo! Kaufen Sie bitte sofort (SOFORT!) den Music On Vinyl Re-Release aus dem Jahr 2012 für um die 20 Euro und danken Sie mir später. Nicht fragen, einfach machen. Tschüss!


Weiterhören: "La Sexorcisto: Devil Music Vol. 1" (1992)




Erschienen auf Geffen Records, 1995. 


07.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #163: Seaweed - Weak (1992)




SEAWEED - WEAK


„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“ (Roger Willemsen)


Da will ich mit Schwung und Verve und veganem Heringssalat aus dem Tetra-Pack in den Rückblick auf Seaweeds Debutalbum "Weak" einsteigen, etwas vom "vergessenen Juwel", von "einer der besten Sub Pop-Platten aller Zeiten" und von "Also, dieser Endino - richtig schneidig!" schreiben und knall' stattdessen bei der Recherche frontal gegen die virtuell ausgestreckte Faust von Sänger Aaron Stauffer. Der findet "Weak" nämlich genau das: ziemlich schwach, außerdem zu schnell, zu gleichförmig und zu schlecht produziert. Sabotiert irgendwie den Punkt, den ich hier machen will; andererseits sind Musiker in Bezug auf ihre Arbeit, das weiß ich aus eigener Anschauung, nicht selten ein klitzekleines bisschen heikel. Um nicht zu sagen: komplett volldoof. Im Falle der Bewertung von "Weak" steht Stauffer immerhin recht alleine auf weiter Flur, denn für viele meiner Buddies aus der Generation X-Schicksalsgemeinde handelt es sich um Seaweeds bestes Album. 


Und gleichzeitig kann ich ein bisschen Verständnis für Stauffers Perspektive entwickeln. "Weak" ist vielleicht die punkigste Version von Grunge, die es jemals in den Katalog von Sub Pop (und darüber hinaus) schaffte, und in diesem Kontext ließe sich leicht die Frage stellen, ob das hier überhaupt noch Grunge ist, kurz nachdem wir mit Hilfe von einer Stange Zigaretten und achtzehn Liter schwarzen Kaffees darüber diskutierten, was GENAU Grunge denn überhaupt sein soll. Sowohl Geschichte als auch Rahmenbedingungen sind's jedenfalls schonmal: das Quintett aus Tacoma, Washington debutierte 1989 zunächst mit der "Inside"-Single auf Leopard Gecko, legte mit einer weiteren 7" "Deertrap" auf K nach und kam für die dritte Single "Just A Smirk" wieder zurück zu Leopard Gecko. Ihr Sound, der sich auf den Singles noch etwas langsamer und grundlegend garagiger zeigte, lockte das legendäre Label Tupelo Recordings an, das just unter anderem Nirvanas "Bleach" in Europa veröffentlicht hatte. Die dort erschienene Single-Zusammenstellung "Seaweed" ließ wiederum Sub Pop hellhörig werden, wo die Band im Jahr 1991 dann mit "Despised" debutierte. Weil sich Label und Band nicht auf das Format einigen konnten, Sub Pop wollten eine 7"-Single, Seaweed hingegen wollten ein Album aufnehmen, beschloss man kurzerhand, "Despised" offiziell als EP zu führen - bei einer Spielzeit von 28 Minuten scheint man sich hier allerdings an der Grenze zur Haarspalterei zu bewegen. "Despised", streng genommen auch eine Compilation, weil man u.a. Songs von Tupelo's "Seaweed" verwertete (was Tupelo wenig überraschend zum Ausflippen brachte), wurde von Jack Endino in dessen Studio Reciprocal Recording produziert und bietet Garagenrock, der sich in diesem besonderen Grunge-Sweetspot zwischen unprätentiösem Geschrammel und tighter Heaviness bewegt. Kennt und liebt jeder, wer sich mental eher im pre-"Nevermind"-Club mit Lederjacke, Bier und Marlboro zu Hause fühlt. 


1992 schlug dann die Stunde für das erste, wirklich offizielle Album "Weak" - mit einer genau 2 Minuten längeren Spielzeit als die EP "Despised", go figure! Tatsächlich präsentierten sich Seaweed mit einem neuen Soundbild: sie waren wirklich deutlich schneller als zuvor und erinnerten mich damit seit jeher ein bisschen an die ersten Alben der kanadischen Punkband Doughboys, vornehmlich weil eine neue Wurschtigkeit Einzug in ihr Spiel gefunden hatte, ein bisschen etwas außer Kontrolle geratenes, das man nicht aufhalten will. Besonders in diesem Zusammenhang ist eine neue Freiheit an den Gitarren wahrnehmbar, die hier schon die Weichen auf das zu stellen scheint, was auf ihren späteren Alben, vor allem auf den beiden direkten Nachfolgern "Four" und "Spanaway", als klare Post Hardcore-Merkmale erkennbar werden sollte, mit ungewöhnlichen Akkordfolgen, ein bisschen Dissonanz und dem Mut zum knarzigen Ausreißerton. Die erneut von Jack Endino, dieses Mal aber außerhalb dessen Komfortzone in den Bear Creek Studios in Woodinville geleitete Produktion, von Aaron Stauffer mit den Worten "really poor" ordentlich gedisst und außerdem mit dem Zusatz versehen, Endino hätte abseits seines eigenen Studios Probleme gehabt, seine Produktionsroutinen erfolgreich zur Anwendung zu bringen, hat gleichfalls großen Anteil am veränderten Klangbild der Band. Die Kritik am Sound von "Weak" ist immer wieder mal aufzuschnappen, aber ich teile sie nicht. Für mich hört es sich eher so an, als wäre Endinos Soundauswahl keine technische Limitierung, sondern vielmehr eine bewusste Entscheidung, eine Reaktion auf den neuen Vibe dieser Songs gewesen. Das dicke, sludgy Fundament, das seine frühen Produktionen in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren im Allgemeinen prägte, ist hier kaum auffindbar. Und mit Verlaub, das ist gut so. Dafür klingt "Weak" schlanker, schärfer, klarer - was den Songs damit genau den benötigten Raum zur Entfaltung gibt. It's not a bug, it's a feature!


An meiner Beurteilung von "Weak" zeigt sich darüber hinaus erneut meine ausgeprägte Schwäche für eine Musik, die ich in Ermangelung von ausreichender Kompetenz immer ein bisschen stumpf als "Bilderbuch-Indie" bezeichnet habe. Aufs erste Hör immer ein bisschen hingeschludert, offen und frei vibrierend, kompromisslos die blinden Flecken als Überzeugung ins Schaufenster stellend. Courage und Überzeugung stehen über dem Marketingplan. So hab' ich's gelernt, so wird's auf immer geliebt und umarmt. Don't you fuckin' dare calling it nostalgia. 

Viva Geschepper!




Vinyl und so: Sub Pop hat in den letzten Jahren viel Wert darauf gelegt, ihren Backkatalog nach und nach erneut auf Vinyl zu verfügbar zu machen, allerdings ging "Weak" bislang leer aus. Das US-Original auf grünem Vinyl gibt's aktuell ab 80 Euro aufwärts, die deutsche Version auf schwarzem Vinyl kostet um die 50 Euro.
 

Weiterhören: "Four" (1993), "Spanaway" (1995). Bonus: Seaweed-Sänger Aaron Stauffer ist seit 2020 bei Ghost Work aktiv, praktisch einer Indie All-Star Band mit ehemaligen Mitgliedern von Minus The Bear, Snapcase und Milemarker. Zu finden und hören --> HIER 





Erschienen auf Sub Pop, 1992.


25.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #164: Mazzy Star - So Tonight That I Might See (1993)




MAZZY STAR - SO TONIGHT THAT I MIGHT SEE


"Leichtes Leben, Schwermetall" (Tocotronic)


Inmitten der Teenage Angst der frühen 1990er Jahre, mitten in der lauten, breitbeinigen, männlich dominierten Hochphase des Grunge und Alternative Rocks, zündeten Hope Sandoval und David Roback der Vereinzelung eine Kerze an. Paisley-Tücher verdunkeln die seit 1971 nicht mehr geputzten Fenster, ein dicker, mit Staub vollgesogener Fransenteppich erzählt Geschichten von emotionalen Tiefdruckgebieten, von übervollen Aschenbechern und umgestoßenen Rotweinflaschen. Vom gemeinsamen Rückzug. Von Schutzräumen. Hier sind wir sicher. 


In Zeiten, in denen sich vermutlich das zeigte, was in anderen Lebenslinien Pubertät genannt wird, war dieser Rückzug für mich ein Ritual. Ich war nicht offensiv kratzbürstig, ich war nicht laut. Keine angezettelten Machtkämpfe, keine öffentliche Inszenierung. Meine Revolution spielte sich im Innern ab. Und ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wüsste ich nicht ganz genau, damit eine Art Notausgang entdeckt zu haben. Denn das Laute, das Öffentliche, das Extrovertierte war mir, ob bewusst oder unbewusst, abtrainiert worden. Ich konnte es freilich immer noch empfangen, wenn es von außen in meine Welt kam. Ich mochte Krach, ich mochte Aufruhr, ich liebte den Tumult, das Konfrontative - das war meine Verbindung auf die andere Seite jener künstlich gezogenen Grenze; zur verbotenen Seite, wo einerseits Chaos und Anarchie herrschten, andererseits aber auch eine Idee davon existierte, sich selbst zu kennen. Wie fühlt es sich eigentlich an, im eigenen Ich zu sein?! 


Wer das herausfinden will, müsste dieses fremde, gesetzlose Land betreten. Und wenn das nicht geht, macht man es sich im Land der Einzelgänger gemütlich und zelebriert das Abtauchen in die eigenen vier Wände, sowohl wortwörtlich, als auch im übertragenen Sinne. Mazzy Star lieferten dafür Inspiration und Identifikation, für die Momente, in denen ich glaubte, mir nahe zu sein - und die zeitgleich die Melancholie vom Kummer abtrennten. Für jene entrückten Momente, in denen das Herz vibriert. Ihre eingekapselte Folk/Blues/Goth-Kammermusik kam über Hochebenen auf das Feld, das wir Mauerblümchen unser Zuhause nannten. Wo wir existierten. Sowohl Sandoval als auch Roback waren Individualisten, die sich in Musik verlieren konnten, stundenlang, tagelang. World off, Music on. Beide hatten Verbindungen zur in den 1980er Jahren aufblühenden "Paisley Underground"-Bewegung in Los Angeles, eine Szene um Bands wie Rain Parade oder The Dream Syndicate, die den Psychedelic Pop aus den sechziger Jahren wiederbelebten. Roback als aktives Mitglied bei Rain Parade, während Sandoval sich nachts heimlich in die Konzerte in den angesagten Clubs schlich. Das Zusammentreffen dieser zwei Sonderlinge gerät zur Meisterklasse der Intuition, beide bewegen sich in einem gemeinsamen Mikrokosmos, beide spüren diese Musik, kennen ihr Fundament, ihre Geschichte - und ihre Richtung. Das wird paradoxerweise vor allem in jenen Momenten deutlich, die so zerfranst und schwebend sind, dass ihnen jeder Boden unter den Füßen zu fehlen scheint: "Mary Of Silence" ist eine pechschwarze Seance, reduziert auf zwei wie in Trance gespielten Bassläufe, einem mysteriös durch den Raum gleitenden Orgelakkord, zerschlissenem Gitarrenfeedback und Sandovals entrückt wirkenden, außerweltlichem Vortrag über verzehrende Sehnsucht nach Verbindung: Oh Mary of silence, You pick my heart with a smile / Oh sweet Mary, Come inside for a while / Help me get a hold on you, Or I look in the night / I thought of myself beside you, Take me into your Skin. 


Im über sieben Minuten dauernden Titelsong verfolgen Mazzy Star einen ähnlichen Ansatz und channeln über ein hypnotisierendes Riff nebst stimmungsvollen Schellen und schamanischem Trommeln eine Art 60's Folk Version von Dead Can Dance auf Psilocybin. Alles fiept, alles zwitschert, alles zischelt. Sandoval's Stimme klingt hier wie eine Heimsuchung, wie ein Geist aus einer anderen Dimension. Bei "Into Dust", dem am spärlichsten arrangierten Stück des Albums, singt Sandoval lediglich über eine gezupfte Akustikgitarre vom Untergang der Liebe, und eigentlich ist man hier in all der Dürre, all der Verwahrlosung final am Nullpunkt angekommen - und doch versucht die zerbrechliche Schönheit und Eleganz, sich den Weg durch dieses abgründige Zwielicht zu bahnen und die Oberhand zu gewinnen. Es ist Ergebenheit und Kapitulation in einem.  


"So Tonight That I Might See" wurde zum melancholischen Resonanzraum für die Entdeckung der eigenen Identität - und damit zugleich eine Grenzerfahrung; im besten Fall vielleicht sogar eine Grenzerweiterung. Weil man erkannte, wie sehr sich das Leben selbst dann vertiefte, wenn es in der inneren Anschauung verschwand. 



Vinyl und so: Die Verfügbarkeit des Albums auf Schallplatte ist auch im Jahr 2026 gesichert, denn was sich verkauft, wird schließlich auch gepresst. Die Pressqualität scheint indes stark zu variieren. Meine Version von 2017 (180g, schwarz) klingt großartig und hat weder Probleme mit verbogenem Vinyl noch mit Hintergrundrauschen. Die zuletzt veröffentlichte Version im Rahmen des Record Store Day kommt auf wirklich wunderbar aussehenden Purple und Black Smoke Vinyl, soll aber immerhin vereinzelt die eben genannten Probleme haben. Für 25 bis 35 Euro hat man jedenfalls in jedem Fall eine neue Mitbewohnerin.



Weiterhören: "Among My Swan" (1996)





Erschienen auf Capitol Records, 1993.


20.12.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #169: Alanis Morissette - Jagged Little Pill (1995)




ALANIS MORISSETTE - JAGGED LITTLE PILL


"Heute ist nicht die Kriegsgegnerschaft, sondern die Kriegsbefürwortung tonangebend. Wer für den Frieden ist, kann nicht mehr für den Westen und für die Freiheit und was auch immer sein. In nahezu allen politischen Fragen heute gibt es im Großen und Ganzen nur Zustimmung. Und die geht bis zu dem Flügel der Linken oder der Regierung, der alles mitmacht, aber immer mit Bauchschmerzen. Abschiebung und Aufrüstung mit Bauchschmerzen." (Jakob Hayner)


Wenn von einer Platte über 33 Millionen Kopien verkauft werden, darf ruhigen Gewissens von Mainstream geredet werden. Und dem Mainstream gegenüber sollte man stets zumindest skeptisch sein. Der Mainstream ist immer gefährlich, zu groß, zu breit, zu laut, zu überall. Mainstream ist auch immer Propaganda. Immerhin erlaubt es die angewandte Skepsis, auch noch mit zeitlichem Versatz darauf reinfallen zu dürfen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Manchmal ist man vom beliebten Schauspiel-Duo "Dumm und Dümmer" eben der Zweitgenannte und gibt einfach langsam nach, beziehungsweise auf. Schmeißt das Handtuch, umarmt den Drachen. 

Denn das ist die Sache: mindestens (!) acht Songs auf "Jagged Little Pill" sind herausragende Hits und gehören in den Kanon der neunziger Jahre wie Parker Lewis, Calvin Kleins "cK One" Werbestrecke und Quarzen im Flugzeug. Und jetzt frage ich Sie: soll die Redaktion von Dreikommaviernull aus Gründen der CrEdIbIlItY etwa darauf verzichten, ein solch wegweisendes Album in die Bestenliste der 1990er Jahre aufzunehmen, weil ein Großteil der 33 Millionen Käufer*innen es zum gemütlichen Sonntagsbrunch mit der auf Sylt kennengelernten Deppenfamilie (Einfamilienhaus, Mercedes SUV, beiger Pullover über die Schultern gelegt) als sanft säuselnde Hintergrundmusik aufgelegt hat?! Oder weil Alanis im Allgemeinen und (der Erfolg von) "Jagged Little Pill" im Besonderen vielleicht dafür verantwortlich gemacht werden könnte, wenn nicht müsste, Sängerinnen wie Katy Perry oder die unvermeidbare Taylor Swift erst möglich gemacht zu haben?! Bevor mir die Fanpost mit den lieblichen Gewaltfantasien ins Haus bombt - ich würde den Teufel tun und letzteres als tatsächliches Argument ins Feld führen: gegen Ende der neunziger Jahre kamen ein paar echte Sackgesichter auf die Idee, ausgerechnet einer Band wie Mudhoney unter die Nasen zu reiben, sie seien Schuld an Creed und Nickelback. Und da fragt man sich, warum Mark Arm immer so schlechte Laune hat.

Jedenfalls: "Jagged Little Pill" bewegt sich in dieser seltsamen Twilight Zone zwischen Pop und Alternative Rock und es braucht nicht viel, um die Vermutung anzustellen, es sei das richtige Album zur richtigen Zeit gewesen. Der in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren gelegte Grundstein für die kulturelle und gesellschaftliche Öffnung, das neue Selbstverständnis der Generation X, so oder so eine Bewegung, die sich mit den Ambivalenzen zwischen Einsamkeit und Autarkie bestens auskannte, und der 1995 beinahe abgeschlossenen Demontage der ersten Grunge-Welle öffnete einer Platte Tür und Tor, die einerseits glatt genug war, um in den Mainstream einzubrechen, andererseits aber sowohl im lyrischen Vortrag über Selbstfindung, weibliche Sexualität und Zorn als auch in der Inszenierung Morissettes als kratzbürstiges Enfant Terrible gerade so viel Edginess versprühte, um die junge Generation anzuzünden. Die Entstehungsgeschichte von "Jagged Little Pill" nimmt exakt diesen Erzählfaden auf und schreibt ihn weiter: Alanis befand sich mit ihrem 1991 veröffentlichten Debutalbum in ihrem Heimatland Kanada schon auf dem Weg zum Star, wurde dann jedoch nach dem sich deutlich schlechter verkaufenden zweiten Album von ihrem Label MCA vor die Tür gesetzt. Nicht zuletzt kamen den Labelbossen Morissettes Ideen zur künstlerischen Selbstbestimmung in die Quere - und die derart von einem gerade mal siebzehnjährigen Mädchen herausgeforderte Männerwelt reagierte so, wie man es von einer von einem gerade mal siebzehnjährigen Mädchen herausgeforderten Männerwelt eben erwartet: "Mädchen, da ist die Tür!" 

Über Umwege machte Morissette 1994 Bekanntschaft mit den Produzenten Glen Ballard, mit dem sie die Songs von "Jagged Little Pill" in Rekordzeit entwickelte. Die Regeln: einen Song pro Tag schreiben und aufnehmen, dazu eine strenge "Maximal 2 Takes Only"-Politik. "Ironic", neben des bebenden "You Oughta Know" der größte Hit der Platte, wurde in gerade mal 20 Minuten zusammengepuzzelt. Und noch ein Eckchen wahnsinniger: selbst als die ersten Aufnahmen später im Studio nochmal etwas verfeinert wurden - unter anderem wurden Dave Navarro und Flea eingeladen, um der Leadsingle "You Oughta Know" mehr Alternative-Flair und -Glaubwürdigkeit zu verpassen - entschied sich das Team Morissette/Ballard dazu, die vormals gemachten Demoaufnahmen der Vocals für die Platte zu verwenden. Nicht, dass es im Jahr 2025 wirklich noch auch nur die klitzekleinste Bestätigung für Morissettes außergewöhnliches Gesangstalent benötigen würde, aber ich möchte dennoch einen Blick in das hier verlinkte "Songs That Changed Music" - Video empfehlen, in dessen Verlauf ihre von der Musik isolierte Stimme zu hören ist. Es ist schlicht atemberaubend. Diese Spontanität und Lebendigkeit, aber auch die dadurch entstehende Unvollkommenheit waren, und sind es bis heute, die Schlüssel für den Erfolg von "Jagged Little Pill". Das - und freilich zwölf Songs, die alle als Single funktionieren könnten. Kritiker wie Anthony Fantano äußern sich zwar bisweilen zurückhaltender, weil die Songs abseits der großen Hits das Album nicht tragen könnten, aber ich stimme derlei Einschätzungen nicht zu. Ganz im Gegenteil möchte ich speziell auf "Forgiven" verweisen, den für mich besten Song dieser Platte, mit fünf Minuten Spielzeit vielleicht alleine deshalb nicht unbedingt singletauglich, aber sowohl musikalisch als auch textlich - Katholizismus und die damit vor allem für Frauen verbundenen Schuldgefühle - ein herausragendes Beispiel für einfach brillantes und zeitloses Songwriting. Es ist fast unmöglich, sich der Anziehungskraft von "Jagged Little Pill" zu entziehen, Mainstream hin oder her.  


Vinyl und so: der durchschlagende Erfolg des Albums macht es möglich, "Jagged Little Pill" selbst im Jahr 2025 zum kleinen Preis von manchmal sogar unter 20 Euro auf Vinyl erleben zu können. No-Brainer. 


Entgegen der gängigen Praxis, an dieser Stelle das ganze Album einzubetten, zeige ich euch dieses Mal lieber das Fernsehdebut von Alanis Morissette in der Late Night Show von David Letterman (übrigens mit Taylor Hawkins am Schlagzeug) aus dem August 1995 mit der Hitsingle "You Oughta Know". Aus Gründen des Wirbelwinds.

          



Erschienen auf Maverick, 1995. 


15.12.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #170: Blind Melon - Blind Melon (1992)




BLIND MELON - BLIND MELON

"I know we can’t all stay here forever 
So I want to write my words on the face of today 
And they’ll paint it"
(Blind Melon, "Change") 


Das 1992 erschienene Debut von Blind Melon eignet sich bestes dazu, ein paar scheinbar festzementierte Erzählungen über die sogenannte alternative Rockmusik aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre in Flammen aufgehen zu lassen. Dafür zündet man zunächst mal die komplette Musikpresse und anschließend die PR-Abteilungen der Majorlabels an, die beide zu gleichen Teilen dafür verantwortlich waren, einer ganzen Generation von Musikfans erfolgreich zu vermitteln, dass praktisch alles, was vor "Nevermind" erschien, überholter und altmodischer Kernschrott war - während sie gleichzeitig Bands vermarkteten (das Wort ist mit Bedacht gewählt, fyi), die sich musikalisch bei fast allem bedienten, was eben vor fucking "Nevermind" erschien. The Black Crowes, anyone? Monster Magnet, anyone? Und natürlich: Blind Melon, anyone? "The Great Grunge Swindle", der noch ungeschützte Titel meines noch ungeschriebenen Buches. Don't hold your breath.   

Blind Melon hatten es in dieser Hinsicht entweder doppelt leicht oder doppelt schwer, je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt. Die 1990 in Los Angeles gegründete Band ging mit der im Juni 1993, und damit neun Monate nach Albumrelease ausgekoppelten Single "No Rain" nebst des ikonischen Videoclips endgültig durch die Decke und verkaufte alleine in den USA über drei Millionen Alben des Debuts. "No Rain" war dabei in Hinblick auf den Vibe des Albums und der Außenwirkung der Band gehörig missverständlich, denn der leichte Swing mit niedlicher Hippiebestrahlung ließ darauf hindeuten, Blind Melon seien Susi Sorglos sein Vadder und also frech, frei und unbeschwert. Tatsächlich war der Text von der damaligen Freundin von Bassist Brad Smith inspiriert, deren Depressionen sich unter anderem darin zeigten, dass sie sich beschwerte, wenn es nicht regnete,  tagelang das Haus nicht verließ und stattdessen im Bett blieb und unentwegt Bücher las. So befassten sich auch die übrigen Texte des Albums überwiegend mit den eingetrübten Momenten menschlicher Existenzen und deren emotionalen Tiefpunkten. Zusätzlich sorgte der Erfolg von "No Rain" dafür, die Band im erweiterten Szenekreis als One Hit Wonder abzustempeln. Angesichts der beeindruckenden Sammlung echter Deep Cuts auf diesem Debut ist das zwar völlig bizarr, aber ich fürchte, so funktioniert das Geschäft.  

"I was born on the banks off a hot muddy river
The child of one stupid steamy night
Born to roam beneath the sun
What do you think of me, I’m better left alone"

Es ließen sich ganze Bücher über die Vielseitigkeit und Musikalität dieser Band füllen. Der mühelos erscheinende und authentische Groove zwischen Funk und Classic Rock von einer der zeitgleich besten sowie unterbewertesten Rhythmusgruppen der Rockszene - Glen Graham spielt am Schlagzeug um sein Leben; was für ein Drummer, fuck me! - und die Kreativitätsexplosionen der beiden Gitarristen Roger Stevens und Christopher Thorn, die praktisch niemals dasselbe spielen, sich hier mal annähern, bevor sie sich dort wieder voneinander distanzieren und wie zwei verliebte Schmetterlinge auf psychedelischen Drogen unbeirrt um sich herum kreisen, bilden den Rohbau ihrer Musik mit sich überdeutlich zeigenden 1970er Merkmalen aus dem Hitkoffer von Led Zeppelin oder auch ZZ Top. Trotz aller Reminiszenzen an eine musikalische Ära, mit der die Zeit, mit Verlaub, alles andere als gnädig umging, klingt "Blind Melon" auch 33 Jahre nach der Veröffentlichung so frisch, lebhaft und anziehend wie am ersten Tag, nicht zuletzt durch die gleichfalls unverfälschte Produktion von Rick Parashar, der schon Pearl Jams "Ten" betreute und das lebendige, schöpferische Moment der größtenteils live eingespielten Cuts in der Zeit einfrieren konnte. Und natürlich muss man in diesem Zusammenhang Sänger Shannon Hoon erwähnen. Der 1995 viel zu früh verstorbene Sänger aus Lafayette trägt diese Songs in den Obertönen mit seiner charakteristischen Stimme in die Ewigkeit. Was für ein Talent. Diese Leichtigkeit, dieser Instinkt. Und immer noch: was für ein Verlust. 

Ähnlich wie im Falle Candlebox und deren zweitem Album "Lucy" könnte auch bei Blind Melon die Frage diskutiert werden, ob das im Vergleich zum erfolgreichen Debut kommerziell eher enttäuschende Nachfolgealbum "Soup" aus künstlerischer Sicht das bessere Werk ist. Ich halte mich in beiden Fällen ein bisschen zwischen den Welten auf. Mehr Szenepoints ließen sich vermutlich mit "Lucy" und "Soup" machen, und es gibt auch abseits derart trivialer Ego-Wanks einige gar nicht so üble Gründe, die vermeintlichen schwarzen Schafe der Diskografie interessanter zu finden. Die Nadel schlug nun bei beiden Bands minimal zu Gunsten ihrer Debuts aus - und wenn ich damit Leben kann, könnt ihr es auch. Muss man's so oder so gehört haben und lieben? Sowieso!


Vinyl und so: Ich mach's kurz. Für die Erstpressung muss man einen Bausparvertrag auflösen, das ist inakzeptabel. Vor allem, weil der 2014 erschienene Repress von Music On Vinyl klanglich wie gewohnt eine echte Sensation ist. Wer etwas anderes behauptet, und ein Blick in den Kommentarbereich auf Discogs bestätigt es, hat Bauschaum in den Ohren. Die Leute sind wirklich alle völlig beknackt. Mit um die 30 Euro ist man dabei. Muss man eigentlich haben. Isso.


 


 Erschienen auf Capitol, 1992.  




21.11.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #172: Therapy? - Troublegum (1994)




THERAPY? - TROUBLEGUM


"Sometimes I don’t listen to anything; I listen to birds." (William Basinski)


Sowohl Umfang als auch Qualität meines musikalischen Frühlings- und Sommerkatalogs des Jahres 1994 waren atemberaubend. Ich war in der 11.Klasse und hatte mich just aus dem erschütternden Tief des Halbjahreszeugnis' mit gleich zwei glatten Fünfern in Geschichte und Chemie erfolgreich herausgeschaufelt, die neuen Alben von Fates Warning, Soundgarden, Tiamat und Vicious Rumors in Dauerschleife auf den Ohren, und außerdem blickte ich auf einen weiteren Sommer im Glitzerfummel auf den Rollschuhbahnen des germanischen Kartoffelackers:



Ach, was für ein Jahr!

Etwas "auf den Ohren" zu haben klingt zwar ein bisschen nach Boomer-Bernd, aber es war ziemlich wörtlich zu nehmen, wenn ich mir auf den täglichen Busfahrten ins Training meine neuen Lieblingsplatten mittels Walkman und den steinzeitlichen, weil auf den Ohren aufsitzenden Kopfhörern in die aurale Blutbahn feuerte. Der große Nachteil dieser Kopfhörer war, dass sie mit ihrem dünnen Klappergestell alles andere als fest auf den Ohren lagen - und weil Rebelli-Flori seine Musik immer zwei Handvoll Dezibel über der Schmerzgrenze hören wollte und der aus den 1980er Jahren stammende Walkman noch keine Lautstärkelimitierung eingebaut bekam, wurde also der ganze Scheißbus mitbeschallt. Aus heutiger Sicht eine völlige Zumutung, damals war ich aber davon überzeugt, es so genau richtig zu machen. Nun waren manche Platten entweder schon im Original etwas leiser gepegelt, oder die Schrottaufnahme auf der schon zigfach durchgenudelten Kassette glättete die lautesten Stellen, womit sich die irritierten bis bösartigen Blicke der Mitreisenden in Grenzen hielten. Aber dann kam "Troublegum". 

"Troublegum" ist ungeheuerlich laut. "Troublegum" hat einen unerbittlichen Punch; die Snare alleine kann töten. Und "Troublegum" war folgerichtig dafür verantwortlich, zum ersten und einzigen Mal wegen der Lautstärke im Bus angeraunzt zu werden. 

Das vierte Studioalbum der nordirischen Band ist nicht nur wegen seiner Produktion einzigartig. Streng genommen kam mir auch aus stilistischer Sicht bis heute keine vergleichbare Platte unter. Die Noiserock-Elemente der Vorgängeralben vermischen sich hier mit melodisch-abgedunkeltem Punk, abgründigem Postpunk und einem indifferenten Goth-Vibe mit Teenage Angst in den Texten. So erinnert der Refrain von "Hellbelly" ein kleines bisschen an den Type O Negative Hit "Black No.1", "Lunacy Booth" (mit Silver Fishs Lesley Rankine als Gastsängerin) gar an die legendären Warrior Soul und deren Spiel mit Harmonien zwischen dem führenden Bass und der flächenbildenden Gitarre. "Femtex" channelt in den Strophen Metallicas "One" und über praktisch jeder Note dieses Albums schwebt sowieso der Geist von Helmet: 


"We went on tour with Helmet in America and we just loved the way they used the power of the riff to stop and start, with these staccato blasts." (Andy Cairns)


Wo hat man eine solchen Mix mit diesem Zug, diesem Drang vorher oder nachher nochmal gehört? Ich glaube es Ihnen, auch wenn nur Sie es wissen. Und apropos Helmet: deren Gründer/Sänger/Gitarrist Page Hamilton spendierte sogar ein Solo für den Song "Unbeliever", den Therapy? nach Abschluss der Aufnahmen unbedingt als erste Single auskoppeln wollten. Nach dem Veto der Plattenfirma ("Wir haben euch noch nie in irgendwas reingeredet, aber das ist eine wirklich schlechte Idee!") wurde es schlussendlich "Nowhere" - und damit zu einem ihrer größten Hits. Cairns: "I guess they were right."

Über dreißig Jahre nach der Veröffentlichung klingt "Troublegum" immer noch irrsinnig gut und dazu sogar überraschend zeitgemäß. Dass man hier auf keine vielschichtigen und komplexen Songstrukturen stoßen wird ist ebenso eine Wahrheit wie dass über die zigfachen Wiederholungen der Refrains mit ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit diskutiert werden müsste. Vielleicht fehlt damit auch ein bisschen...Gravitas?! Aber, und auch das gehört zur Einzigartigeit von "Troublegum": es ist und bleibt einfach eine fast schon unwirkliche Ansammlung von Hits. Nicht nur die im besten Fall üblichen zwei oder drei - nein, vierzehn! Vierzehn Hits! 

Vierzehn spektakuläre, fantastische, fucking unkaputtbare Hits. 


Vinyl und so: Die Erstpressung auf grünem Vinyl in gutem Zustand bekommt man für etwa 70 Euro. Die günstigere Variante ist die Wiederveröffentlichung von 2021 von Music On Vinyl auf schwarzem Vinyl, die es immer noch für um die 30 Euro gibt. Auf Discogs sind Kommentare zu lesen, die sich über den Sound ebenjener Version beschweren, aber die Leute sitzen wie so oft einfach alle auf ihren Ohren: Die 2021er Pressung klingt absolut fantastisch und sei meinen ehrenwerten Leserinnen und Lesern hiermit dringend empfohlen. Zum 30.Jubiläum wurde das Album 2024 außerdem noch mit zwei neuen Re-Releases bedacht: eine Standardversion auf Caramel-Vinyl und die Deluxeversion als Doppel-LP in den Farben Silber und Lavendel. Kein Gatefold und keine Linernotes, dafür aber (bereits veröffentlichte) Single B-Seiten und EP-Tracks auf der zweiten LP. Ich kenne diese Variante nicht, aber auch wenn sich das verantwortliche Presswerk GZ Media in den letzten Jahren hinsichtlich der Qualität ihrer Pressungen durchaus verbessert hat, mahne ich vor allem angesichts des hohen Preises (50+ Euro) zur Vorsicht. 


Weiterhören: "Infernal Love" (1996), "Nurse" (1992)




Erschienen auf A&M, 1994.


25.10.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #176: Skin Yard - 1000 Smiling Knuckles (1991)




SKIN YARD - 1000 SMILING KNUCKLES


"Bankraub ist eine Unternehmung von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank." (Bertolt Brecht)


Ich weiß nicht, wer das im Jahr 2025 noch wirklich lesen muss, aber ich weiß, wer es 2025 dennoch ins Internet reinkotzt: Die großen vier Alben des Grunge waren kein Grunge. Und weder begann Grunge mit "Nevermind", noch starb er im April 1994 in einer Gartenlaube in Seattle - wobei man ganz eventuell und zumindest metaphorisch über letzteres diskutieren könnte. An schlechten Tagen halte ich beispielsweise Pearl Jams "No Code" für katastrophaler als Cobains Freitod, an guten Tagen bin ich überzeugt davon, Grunge existiere außerhalb jeder gesellschaftlichen Strömung und damit sowieso bis in alle Ewigkeit. Aber lassen Sie mich flott den nächsten "Schocker" (Franz-Josef "Grappa" Wagner) raushauen, ich bin gerade in Stimmung: "Superunknown", "Dirt", "Ten" und eben "Nevermind" waren Pop-Produktionen. Und was sich ohne Fußnote zunächst so despektierlich anhören mag, ist wirklich gar nicht so gemeint. Aber ich bezweifle, dass wir uns argumentativ der Flat Earth Society annähern, wenn wir einerseits Butch Vig's Geniestreich auf "Nevermind" als Quantensprung als auch Paradigmenwechsel in der Inszenierung von populärer Rockmusik bewerten und andererseits betonen, wie stark dieser Produktionsstil konzeptionell darauf ausgerichtet war, möglichst minimale Reibung bei maximalem Ertrag zu erzeugen. Was indes in Seattles Untergrund ab circa 1985 langsam vor sich hin brodelte, hieß bis 1991 allerhöchstens Garagenrock, war aber letzten Endes die Ursuppe für das spätere Massenphänomen. Und wie es so oft ist: die Ursuppe will niemand auslöffeln. 

Skin Yard waren eine der allerersten Grungebands (sic!) der Stadt und tauchten zusammen mit Soundgarden, Green River, U-Men, Malfunkshun und den Melvins auf der 1986 erschienenen "Deep Six"-Zusammenstellung von C/Z Records auf. Dabei passt der Begriff der "Ursuppe" nicht nur auf die stilistische Ausrichtung ihres Sounds in Hinblick auf das, was Grunge später werden sollte; Skin Yard waren die heavy-sludgy-groovy-slowy-Könige Seattles - er ist auch bestens dafür geeignet, die Personalsituation der ganzen Szene zu bezeichnen. (Fast) alles, was Rang und Namen hat, wurde durch Skin Yard's Geschichte geschleust, vom späteren Schlagzeuger Soundgardens Matt Cameron, über Tads Steve Wied und Greg Gilmore von Mother Love Bone bis hin zu Barrett Martin, der später bei den Screaming Trees und bei Mad Season spielen sollte. Die Liste ist lang. Damit kann ich es mir auch ein bisschen leisten, ganz nonchalant Produzentenikone und Gitarrist Jack Endino im Nebensatz zu erwähnen, der nicht nur Gründungsmitglied ist, sondern als einziger Musiker jeder Inkarnation Skin Yards angehörte. 

Das vierte Skin Yard Album "1000 Smiling Knuckles" erschien im Herbst 1991 und wurde zum erfolgreichsten Album der Band. Es taucht seitdem auch regelmäßig in Publikationen auf, die mit "Zehn unbekannte aber essentielle Grunge-Alben" oder "Die zehn heaviesten Grunge-Alben" überschrieben sind, und das aus guten Gründen: die Mischung aus emotionaler Tiefe, nicht zuletzt forciert aufgrund des ausdrucksstarken Gesangs von Ben McMillan, der nach dem Ende Skin Yards die kriminell unterschätzten Gruntruck gründete und stimmlich immer wieder an den frühen Chris Cornell erinnert, und tiefergelegt-pochenden Riffkaskaden mit stampfenden Grooves ist praktisch die Blaupause dessen, was sich unter dem Begriff "Grunge" verstehen ließe, hätte es "Nevermind" nie gegeben: ein sehr robuster Drive, Schmutz, Schwerfälligkeit und zugleich Dynamik, Melodie, aber keinen Kitsch. In den Obertönen haben wir Schweiß im Angebot, ein bisschen Pumakäfig, Budweiser und Marlboro. Ausfallschritt zur Seite, Les Paul, Ellenbogen im Gesicht. It never gets old. 


Vinyl und so: Auf einen Reissue wird man wohl noch lange warten müssen, daher sieht's mit der Verfügbarkeit der Erstpressung nicht ganz so rosig aus, aber ich möchte sagen: solche Originale hat man auch gefälligst im Original zu haben und zu hören. Isso. Das Album erschien in zwei Vinylfassungen auf schwarzem sowie lila Vinyl und ist mit etwas Glück für etwa 70 Euro (schwarz) und 100 Euro (lila) zu bekommen.





Erschienen auf Cruz Records, 1991.  

18.10.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #177: L7 - Bricks Are Heavy (1992)




L7 - BRICKS ARE HEAVY


"Everybody have a breakdown!" (L7)


Vom Blind Guardian'schen Hobbitdorf im teutonischen Märchenwald geht's direkt auf den Sunset Boulevard und die überhitzten Straßen Hollywoods, das darf man eigentlich auch niemandem erzählen. Aber auch wenn es ein bisschen gestelzt wirken mag, stets darauf hinzuweisen, waren das eben die neunziger Jahre. Meine neunziger Jahre. Schwanzrock, Schrebergartenmetal, nihilistischer Death Metal - und dazu geblümter Alternative Rock, bekiffter Grunge, melodischer Punkrock. Mir würde nie einfallen, die Grenzen zwischen all dem nicht anzuerkennen, aber gleichzeitig war alles sowohl Basis als auch Weg zur Selbstidentifikation. 

Das gilt auch für L7 und ganz besonders für "Bricks Are Heavy". Mein Bruder hatte sich die CD gekauft und ich weiß noch, wie der Hit "Pretend We're Dead" eines Tages aus seinem Zimmer in die elterliche Wohnung kroch, und ich sofort vorstellig wurde: "Die musst Du mir mal ausleihen!" - und so wurde das 1992 veröffentlichte dritte Album L7s zu einer der Sommerplatten des Jahres und "Pretend We're Dead" zum MVP jedes Mixtapes, mit dem ich meine Vereinskameradinnen und meine Trainerin auf der Rollkunstlaufbahn der TGS Vorwärts Frankfurt in den Wahnsinn trieb. Was ich damals zwischen Hormonstau, Karohemd und der mich stets umgebenden Wolke aus Zino Davidoff und Benson & Hedges nicht erkannte, wie einzigartig sowohl Stil als auch Sound dieser Platte sind. Und selbst 33 Jahre später habe ich so meine liebe Mühe mit der Entschlüsselung. L7 hatten schon zu Beginn ihrer Karriere ein außerordentliches Talent dafür, ihren Punkrock um monotone und zähflüssig kriechende Gitarrenriffs herum aufzubauen und damit einen bemerkenswert originellen Vibe zu entwickeln.

Einerseits klingen L7 richtig assi, rotzig und ein bisschen außer Kontrolle, andererseits sind sie aber auch sludgy, brütend, klaustrophobisch. Produzent Butch Vig, der erst ein paar Monate zuvor Nirvanas "Nevermind" aufs nächste Level beförderte und damit gleich die ganze Musikszene auf links krempelte, hat für "Bricks Are Heavy" den Fokus auf kompromisslose Verdichtung von Sound und Songs gelegt. Und womöglich hat die Band dadurch ein paar Nachkommastellen ihrer früheren Rohheit verloren, aber das Defizit mit Attitüde und Eingängigkeit gleich wieder wettgemacht - ohne einen Kratzer in ihrer Glaubwürdigkeit hinnehmen zu müssen. Vielleicht ist "Bricks Are Heavy" eines der coolsten Schlüsselalben zwischen Riot Grrrl-Punkrock und Grunge, das Aufbruch, Widerstand, Antiautorität und Freiheit symbolisiert. Es waren packende Zeiten. 


Vinyl und so: Man möchte wie so oft meinen, es wäre sinnvoller, Alben wie "Bricks Are Heavy" permanent verfügbar zu halten, meinetwegen auch auf niedrigem Niveau, anstatt die siebenunddreißigste "Collector's Edition" eines prähistorischen Springsteen-Schinkens auf die Boomer loszulassen, aber am End' überschätze ich bloß den Markt für L7 und unterschätze ihn gleichzeitig für Wohlfühlkotze aus dem Hinterland. Es wird im Falle von "Bricks Are Heavy" also ein bisschen kompliziert, eine Kopie zu finden. Die größten Erfolgsaussichten, finanziell mit einem blauen Auge davon zu kommen, bestehen mit dem Erwerb der 2022 erschienenen und ganz nett gemachten Jubiläumsausgabe von Licorice Pizza mit alternativem Coverartwork (auch als Goldpressung erhältlich) und bezahlt um die 50 Euro. Oder man legt noch 20 bis 30 Euro drauf und hält Ausschau nach der Originalpressung von 1992. Meine 2022er Pressung klingt gut und hat keine größeren Probleme.


 



Erschienen auf Slash, 1992.

06.09.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #182: Unida - Coping With The Urban Coyote (1999)




UNIDA - COPING WITH THE URBAN COYOTE


“Since the terms "aggression" and "terrorism" are inadequate, some new term is needed for the sadistic and cowardly torture of people caged with no possibility of escape, while they are being pounded to dust by the most sophisticated products of U.S. military technology.” (Noam Chomsky)


Unida waren das zweitbeste Post-Kyuss-Projekt von Sänger John Garcia (über das Beste sprechen wir zu einem späteren Zeitpunkt) und auch wenn festzuhalten bleibt, dass Kyuss größer als die Summe der einzelnen Teile waren und mit ihrer Vita und Diskografie wenigstens in meiner Welt völlig unantastbar sind - man kommt um die quadratquatschigen Vergleiche einfach nicht herum. Ich kann nix dafür, Freunde. Hier singt eben John fucking Garcia. Und wer nicht an Kyuss denkt, wenn John fucking Garcia singt, hat nie im Leben jemals Kyuss gehört. Und bevor es zu Missverständnisse kommt: that's not a good thing. 

Garcias prägnante Stimme, die praktisch ab der Stunde Null nicht nur das ganze Stonerrock-Gewächshaus zum Qualmen brachte, sondern auch tausenden Stonerinnen und Stonern durch's abgestandene Bongwasser in die Glieder fuhr, hält ganz selbstverständlich auch auf Unidas Debutalbum aus dem Jahr 1999 alle Fäden in der Hand. Es ist wie Heimkommen. Dabei ist das Innendesign in der Casa Unida ein bisschen rustikaler und schnörkelloser ausgefallen als die verwaschene, verdrogte, psychedelische Wüsten-Ambiance von Alben wie "Sky Valley". Im Prinzip spielt die Band einen dreckigen, lauten, fuzzigen Bluesrock mit übergroßem 70er Mandat, der nur im fast zehnminütigen Höhepunkt des Albums "You Wish" mit dynamischen Psychedelic-Eskapaden aufgebrochen wird. Die weiteren Hits dieser Platte "Black Woman" und "If Only Two" sind längst im Kanon des Stonerrock eingelassen und dort bombensicher verplombt - sie sind aus dem Set der mittlerweile in veränderter Besetzung - ohne Garcia - wieder live spielenden Kapelle nicht mehr wegzudenken. 

"Coping With The Urban Coyote" ist eines jener Alben, bei denen die nostalgisch gefärbten Aspekte in der Auseinandersetzung 26 Jahre nach der Veröffentlichung eine größere Rolle für mich einzunehmen scheinen, als bei anderen Platten aus dieser Zeit. Der "Pull" von Garcias Stimme ist real. Wahnsinn, wie nah all das bei mir blieb. 



Vinyl und so: Die via Cargo Records erschienene Erstpressung kostet gibt es derzeit ab 70 Euro, für die seit 2014 veröffentlichten Reissues von Cobraside Distribution Inc. - als erweiterte Doppel-LP im Gatefold mit gut klingenden Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 - liegt die Preisspanne je nach Erscheinungsjahr und Vinylfarbe zwischen 40 und 100 Euro. Wer keinen gesteigerten Wert auf die Originalpressung legt, wird damit bestens bedient, zumal Pressung und Sound hervorragend sind.




Erschienen auf Mans Ruin Records, 1999.

03.09.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #183: Living Colour - Stain (1993)




LIVING COLOUR - STAIN


"I don't want your life, I've got my own needs / A life of my own, a chance to be free / Everything that I want, isn't it everything that you've got?" (Living Colour, "Ausländer")


"Stain" wurde das Etikett angehängt, seiner Zeit voraus gewesen zu sein. Das wird im Rückblick gemeinhin über Platten gesagt, die sich beim Publikum nicht so recht durchsetzen konnten und in erster Linie von Musiknerds nicht selten genau dafür geliebt werden. Dabei hat es oft durchaus Gründe, warum so manches Werk nicht zum Megaseller wurde, selbst wenn die Vorzeichen gar nicht so trübe aussahen. Manche Platten sind einfach schwierig. Manche Platten passen nicht in ihre Zeit. Und "Stain" ist schwierig. Ungewöhnlich. Couragiert. Ich weiß nicht, ob es seiner Zeit voraus war, weil das ja irgendwie bedeutet, dass diese "richtige" Zeit mal kommen wird. Ich frage mich nur, welche Zeit das sein soll?! 

Living Colour hatten mit dem von Mick Jagger co-produzierten Debut "Vivid", ihrem flinken Locker-Wie-Frischkäse-Funkrock und vor allem der Hitsingle "Cult Of Personality" die Tür zum Mainstreamerfolg schon ziemlich weit aufgestoßen, produzierten dann allerdings mit "Time's Up" einen überraschend harten Nachfolger, auf dem schon der Hit fehlte - und gaben mit "Stain" zwei Jahre später endgültig keinen feuchten Flutschi mehr auf Erwartungshaltungen, den Mainstream, Normen und Grenzen. Die Quittung: "Stain" schaffte es als erstes Living Colour-Album nicht in die Top 20 der US-amerikanischen Billboard-Charts und sollte für ganze zehn Jahre das letzte Album der Band sein.

Living Colour hatten in einen höheren Gang geschaltet und riskierten damit, dass ihnen nicht jeder folgen konnte. Es begann beim Albumcover, das auf ihr flippiges Bandlogo und die bunten, knalligen, fröhlichen Farben verzichtete. Damit wurde das erste Signal gesetzt. Es wird dunkel. Es wird ernst. Produzent Ron St.Germain und die Band inszenierten "Stain" klanglich folgerichtig irgendwo zwischen der Metal-Ästhetik eines Neil Kernon und Steve Albini, roh, intim, laut, verletzlich, unmittelbar. Und für Herrn und Frau Ottonormalrock ist der Ofen schon im Opener "Go Away" aus: ein knüppelhartes und übel groovendes Riff, Thrash Metal Vibes, und ein Text, mit dem man sich als schwarze Rockband im Amerika der frühen Neunziger, milde ausgedrückt, nicht nur Freunde macht:


I see the starving Africans on TV
I feel it has nothing to do with me
I sent my twenty dollars to live aid
I've aided my guilty conscience to go away

Now go away
Now go away
Now go away
Go away

I don't want anybody to touch me
I think everybody has aids
What's the point in caring for you?
You're gonna die anyway


Anschließend singen Living Colour in "Bi" über Bisexualität - Gitarrist Vernon Reid dazu: "I'm really proud of the band for taking the song on. To even go there. It was very risky." - "Ausländer" erzählt aus der Sicht eines Flüchtlings, wie es sich anfühlt entwurzelt in einem fremden Land und in einer fremden Kultur gestrandet zu sein und ständig ausgegrenzt und angefeindet zu werden. "Wall" ruft zur Gemeinschaft und Versöhnung auf und will Mauern zwischen den Menschen einreißen. "Postman", selbst auf dem insgesamt düsteren Album der mit einigem Abstand unheimlichste und verstörendste  Song, thematisiert Waffengewalt in den USA aus der Perspektive des Schützen. 

In welche Zeit soll "Stain" nun also passen? So ganz allmählich dämmert's.



Vinyl und so: Das Album war wegen eines von Jon Stainbrook initiierten Rechtsstreits für über 15 Jahre out of print, erst 2013 gab es die erste Nachpressung auf CD. Music on Vinyl veröffentlichten das Album ab 2018 in mehreren Versionen auf farbigem und schwarzem Vinyl, die aktuell manchmal für sogar unter 20 Euro zu haben sind. Die Erstpressung gibt es für etwa 35 bis 40 Euro, mit etwas Glück kommt man auch günstiger davon.


 



Erschienen auf Epic, 1993. 


31.08.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #184: Bikini Kill - Pussy Whipped (1993)




BIKINI KILL - PUSSY WHIPPED


“I won’t stop talking. I am a girl you have no control over. There is not a gag big enough to handle this mouth.” (Kathleen Hanna)



Knappe 25 Minuten brauchten Bikini Kill auf ihrem 1993 erschienenen Debutalbum, um die riot grrrl Bewegung in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu schießen. Mit abrasivem, chaotischem, lärmigem Hardcore-beeinflussten Punkrock, einer furios auftrumpfenden und keinen Stein mehr auf dem anderen lassenden Kathleen Hanna am Mikrofon - und feministischen Texten, die zu gleichen Teilen stark, selbstbewusst, wütend wie auch absolut deprimierend sind - oder zumindest sein können, wenn man sich vor Augen führt, in welcher Realität Frauen leben mussten (und immer noch leben müssen), dass es die selbst heute noch spürbaren Backpfeifen und Arschtritte in Text und Musik von Bikini Kill zum Wachrütteln brauchte. Und wie sich trotz des mittlerweile zweifellos prominenter geführten gesellschaftlichen Diskurses immer noch so erschütternd wenig getan hat. 

“White boy, don’t laugh, don’t cry, just die! 
I’m so sorry if I’m alienating some of you 
Your whole fucking culture alienates me”

Und gleichzeitig ist "Pussy Whipped" auch gerade für mich als weißen cis-Mann, der in einem von patriarchalischen Strukturen geprägten familiären Umfeld aufgewachsen ist und sich in den prägenden Jahren des Erwachsenwerdens zudem knietief in der nicht gerade für strahlenden Feminismus bekannten Metalszene herumtrieb, immer wieder eine Erinnerung daran, was hinter uns liegt - aber erst recht auch daran, was noch auf uns zukommen wird. Verständnis. Empathie. Mut. Allianzen. Konfrontation. Fehler - grundgütiger, wir werden alle noch so viele Fehler machen! Und es wird sich ziemlich sicher immer so anfühlen, als hätten wir nicht genug getan. Schlimmer Verdacht: weil wir nicht genug getan haben. Ich bin mir darüber im Klaren, mit der Verwendung des abstrakten "wir" ein rhetorisches Bein gestellt zu bekommen, weil's wieder mal jede Verantwortung mit einem nonchalant gemurmelten "Jaja, is' schon schlimm!" im nächstbesten Klo versenkt. Nur schnell weg hier bevor's ungemütlich wird. Es muss aber so ganz allmählich mal ungemütlich werden. 

Jedes Mal, wenn ich "Pussy Whipped" auflege, toben die Extreme in mir: einerseits komplette Euphorie darüber, dass es diese Aufruhr verursachende, laute, auf ungebremsten Kollisionskurs eingependelte Band gibt, die am liebsten alle Sackgesichter über den Haufen schießen möchte und gleichzeitig die Anerkennung darüber, selber Teil des Problems zu sein - und am Ende ebenfalls über den Haufen geschossen zu werden. 

Indes, wenn die Themen von 1993 im Kern tatsächlich immer noch die gleichen sind wie 2025, sage ich: zu den Waffen! 


Vinyl und so: Das Album hat auf Vinyl grundlegend eine ganz gute Verfügbarkeit, Reissues sollten nicht mehr als 25 Euro kosten, sind aber auch recht schmal aufgemacht. Für die Erstpressung von 1993 geht es aktuell bei etwa 60 Euro los.


 


Erschienen auf Kill Rock Stars, 1993.



24.08.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #185: Love/Hate - Wasted In America (1992)




LOVE/HATE - WASTED IN AMERICA


"The new wave of doom disco." (Skid Rose)


Es wäre vermutlich nicht komplett falsch, wenn ich an jener Stelle über das Debutalbum "Blackout In The Red Room" dieser aus Los Angeles stammenden Band sprechen würde, aber, und das ist die Sache: es wäre auch nicht komplett richtig. Zwar wirbelte das 1990 erschienene Album ordentlich Staub auf und gilt bei der immer weiter schrumpfenden Gruppe derer, die noch irgendeinen fickenden Fick für 35 Jahre alte Musik geben, als eines der besten Rockdebuts, und ich möchte ein leise gemurmeltes "Mit Recht!" hinzufügen. "Wasted In America" ist dennoch das bessere Album.

Dabei entstand die Platte unter schwierigen Bedingungen. Die erste Songsammlung, die das Quartett für den Nachfolger von  "Blackout In The Red Room" bei Columbia Records einreichte, wurde umgehend abgelehnt. Das Label wollte die Band nach dem Achtungserfolg des Debuts in den Mainstream einsteigen sehen und rief nach der Schleifmaschine, die alle Unebenheiten des Bandsounds beseitigen sollte. Love/Hate zeigten dem Label stattdessen den Mittelfinger und veröffentlichten mit "Wasted In America" ein kratzbürstiges und in Teilen überraschend hartes Statement gegen das Establishment, das sich stilistisch nicht eindeutig kategorisieren lassen wollte. Sleazerock und Glam standen immer noch im Vordergrund, aber zwischen den Zeilen zeigte sich plötzlich ein nur schwer zu dechiffrierender Alternative-Vibe, vielleicht nicht unähnlich zu den Obertönen auf den jeweils ersten beiden Alben von Saigon Kick und Janes Addiction, der die Intensität des Vortrags im Kern erfasste und die Atmosphäre sowohl dunkler als auch gefährlicher einfärbte. "Wasted In America" ist voller Hits, extrem kurzweilig, toll gespielt, toll gesungen und "Yucca Man" - grundgütiger, wollt ihr mich eigentlich verarschen?!

Columbia ließ zunächst das Album und nach eines fehlgeschlagenen Publicity-Stunts von Sänger Jizzy Pearl, der sich am Hollywood-Schriftzug kreuzigen ließ, steckenblieb und in der heißen Sonne Kaliforniens gegrillt wurde, bevor er für ein paar Stunden hinter schwedischen Gardinen saß, auch die komplette Band über die Klinge springen. Kurze Zeit später schlug der Effekt von "Nevermind" endgültig durch und eine ganze Szene landete auf dem Abstellgleis. 


Vinyl und so: Für die Originalpressung in gutem Zustand sollten derzeit 50 Euro angesetzt werden. Ein Reissue ist nicht in Sicht - aber es wird allmählich wirklich mal Zeit. Hey, Music On Vinyl! Macht mal!





Erschienen auf Columbia Records, 1992

15.08.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #186: Tiamat - A Deeper Kind Of Slumber (1997)




TIAMAT - A DEEPER KIND OF SLUMBER


„Die Eintagsfliege wird bereits zwölf Stunden nach ihrer Geburt von ihrer Midlife-Crisis erwischt. Das muss man sich mal klarmachen!“ (Loriot)


Mir fällt es schwer, die Gedanken zu "A Deeper Kind Of Slumber" zu sortieren. Ich habe auch außerhalb dieser Rückschau auf die neunziger Jahre immer wieder unangenehm häufig von "Anything Goes!" gesprochen, um die Aufbruchstimmung, den kreativen Mut und die Offenheit sowohl von Musikern als auch von Fans in diesem so besonderen Jahrzehnt zu beschreiben - und jedes Mal frage ich mich, ob derlei Charakterisierungsquark möglicherweise nicht doch auch nur ein typisch romantisiertes Narrativ ist, das sich über die Jahre wie eine Nebelbank über die eigene Erinnerung gelegt hat. "A Deeper Kind Of Slumber" war 1997 ein wirklich mutiger Schritt für eine Band, die erst sieben Jahre früher mit tiefschwarz rumpelnden Death Metal auf "Sumerian Cry" debutierte. Selbst wenn die nachfolgenden Alben, allen voran die heute als Klassiker geltenden "Clouds" (1992) und ganz besonders "Wildhoney" (1994), weitgehend mit der Death Metal Vergangenheit brachen und damit die nicht gerade für ihre Toleranz bekannte Fanbase immerhin darauf vorbereiteten, dass Bandgründer und Songschreiber Johan Edlund kein Interesse daran hat, Erwartungen zu erfüllen und sich stilistisch einzuschränken, war der Sprung zum fünften Studioalbum der Band ein gewaltiger. 

Und weil das umgehend in den ersten vier Minuten des Albums klargemacht werden musste, eröffnete Edlund das Werk nicht nur mit dem von einer poppigen Gitarrenmelodie getragenen und sehr eingängigen "Cold Seed", sondern koppelte den Song auch noch als erste (und einzige) Single aus, um wirklich jedes Missverständnis hinsichtlich seiner kreativen Vision aus dem Weg zu räumen. 

Die Mehrheit derer, die sich von "A Deeper Kind Of Slumber" eine Fortführung des auf "Wildhoney" etablierten Black Floyd Pink Sabbath-Stils erhofften, gingen also hier schon über Bord - und sie hätten für die nächsten 55 Minuten des Albums so oder so vor gewaltigen Herausforderungen gestanden. Denn eigentlich legen Tiamat sogar erst nach dem Opener so richtig los: Edlund verarbeitet seine Erfahrungen mit Psilocybin und LSD und erkundet Traumwelten, in die sich Dead Can Dance, Depeche Mode und Pink Floyd für eine psychedelische Orgie zu Midsommar eingebucht haben. "A Deeper Kind Of Slumber" ist außergewöhnlich couragiert und ambitioniert - und fiel zu seiner Zeit erwartungsgemäß beim Publikum durch. Ich sehe knapp dreißig Jahre später Anzeichen einer Rehabilitierung, aber die Frage bleibt: waren die Neunziger am Ende also doch nicht so aufgeschlossen und unvoreingenommen, wie ich sie abgespeichert habe? Ich habe dafür keine endgültige Antwort in der Tasche, zumindest keine, die sich in fünf oder fünfhundert Zeilen ausformulieren ließe, aber immerhin lieferte das Jahrzehnt jenen Nährboden, der Platten wie "A Deeper Kind Of Slumber" überhaupt erst ermöglichte. 

Das mag jetzt ein wenig prätentiös sein, aber ich bin wirklich glücklich darüber, diese Zeiten miterlebt zu haben.


Vinyl und so: Die 1997er Originalpressung mit dem Artwork der europäischen Albumversion bekommt man in gutem Zustand für +/-50 Euro. Erstmal wurde die Platte im Jahr 2009 von Black Sleeves auf Vinyl neu aufgelegt, gefolgt von Century Media-Nachpressungen im Jahr 2018 in vier verschiedenen Farben als Gatefold und mit dem US-Amerikanischen Artwork (das tatsächlich noch diskussionswürdiger ist als die EU-Variante). Gepresst in Deutschland von Optimal Media - und zwar fehlerfrei und mit tollem Sound. Anschließend veröffentlichten Transcending Records aus Chicago (ein äußerst fragwürdiger Laden, Vorsicht ist geboten) und Church Of Vinyl (mit nochmals verändertem Artwork) Nachpressungen.


 



Erschienen auf Century Media, 1997.