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27.12.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #168: Spirit Caravan - Jug Fulla Sun (1999)




SPIRIT CARAVAN - JUG FULLA SUN


"I'm pretty sure - and I'm no doctor - but I'm pretty sure, if you die, the cancer dies at the same time. That's not a loss. That's a draw." (Norm Macdonald)


Die Aufnahme von Spirit Caravan in die Liste der besten Platten der 1990er Jahre war eine echte Hängepartie für mich. Nicht musikalisch, weil es diesbezüglich selbst in meinem überdifferenziert tapezierten Oberstübchen keine zwei Meinungen gibt. Allerdings waren die von Sänger und Gitarrist Scott "Wino" Weinrich während der Corona-Pandemie getätigten Aussagen über das Virus, beziehungsweise dessen Herkunft und Bestimmung - irgendwas mit Eliten, Populationskontrolle, biologische Waffen - verbunden mit dem üblichen Remmidemmi mit Klassikern wie "If we, the people, continue to blindly accept this tyranny we are destined for enslavement." - tja, ich bin jetzt geneigt von "entlarvend" oder gar "enttäuschend" zu schreiben, aber am End' war's weder das eine noch das andere. Wino hat schließlich sowohl textlich als auch hinsichtlich früherer Interviewaussagen und Postings auf Social Media abseits der Pandemie so einiges auf dem Kerbholz, das die ein oder andere hochgezogene Augenbraue provozieren könnte. Nun sortiere ich mein "Deppenmusiker"-Wertesystem immer noch recht regelmäßig nach den beiden Hauptkategorien "Unbedenklich" und "Indiskutabel" nebst unterschiedlicher Unter-, Zwischen- und Drübergruppen und entscheide auf Einzelfallbasis, meine: was hält die Gallenkotze noch im Magen und was bringt sie zum Überschwappen? Wen kann ich noch schmerzfrei hören, wer kann im Plattenschrank stehenbleiben, wer wird zur Persona Non Grata erklärt und bedingungslos vor die Tür gesetzt? So verfuhr ich auch für die Auswahl dieser Bestenliste. Das nur als Disclaimer, falls mir irgendjemand im Oktober 2028, wenn der ganze Spuk hier vorbei ist, und wir immer noch am Leben sind, ein "DU HAST [hier bitte Deppenband einfügen] VERGESSEN!" in die Kommentare brettert. Man darf sich sicher sein: habe ich nicht. Beziehungsweise eben doch, aber mit Absicht. Mein Hausarzt fuhr bei meinem letzten Praxisbesuch einen im Gang stehenden Patienten an, der sich weigerte, das Wartezimmer aufzusuchen: "Sie gehen da jetzt rein. Das ist meine Praxis, ich bin hier der Chef, und sie tun das, was ich ihnen sage. Haben wir uns verstanden? Ja? Schön! Also, da geht's lang!" - In diesem Sinne: ich bin sicher, wir haben uns auch in dem just vorangestellten Kontext verstanden. Suck it up. 

Im Falle Spirit Caravan gibt es nun allerdings gar nicht so viel up zu sucken, denn dass also nun mit "Jug Fulla Sun" das Debut dieser bemerkenswert guten Band auf Platz 168 steht, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass meine Wenigkeit sich trotz Winos intellektuell eher unterfordernden Gedankengerölls zu einem prächtig erigierten Daumen hinreißen lassen konnte. Vielleicht ist an dieser Stelle auch die Einlassung noch lohnenswert, dass ich historisch keine ausgeprägte Liebesbeziehung zu Wino und seinen früheren Bands pflege. Ich mag The Obsessed, ich mag ein bisschen St.Vitus, und ich kann sowohl seinen Status als auch Einfluss auf die Subgenres Doom und Sludge anerkennen, aber eine alles durchdringende Liebe war's praktisch nie. 

Das sollte sich immerhin im Winter 1999 ein bisschen und lebenssituationsbedingt im Frühjahr/Sommer 2000 sogar ein ganz viel bisschen ändern. Ich kaufte mir die CD von "Jug Fulla Sun" im so legendären wie mittlerweile leider geschlossenen Frankfurter Plattenladen "Musikladen" im Dezember 1999, als ich es mir zwar bis über beide Ohren verliebt, aber leider nur wochenendbezogen, in der ersten eigenen Wohnung im Frankfurter Stadtteil Rödelheim gemütlich machte und gemeinsam mit Instant-Eistee, Haschgift, handgebatikten Vanille-Kokos-Kerzen und heißer Badewanne rauschende Nächte der Vereinsamung feierte, und sowohl hinsichtlich der Wohnung als auch des Albums nullkommanull Eingewöhnungszeit benötigte. Alles klickte sofort. Die "Graf Koks"-Safranpizza vom Italiener gegenüber, die einsam im Wohnzimmer stehende Ledercouch, olfaktorisch ein vor sich hin glühendes Potpourri aus Benson & Hedges, Douglas-Parfümerie und der B-Ebene im Frankfurter Hauptbahnhof - und dazu läuft dieses sonnige und zugleich melancholische, vor positiver Kraft fast platzende Doom-Fuzz-Stoner-Hippie-Geschoss mit den allerbesten Riffs und Grooves über Tage in Endlosschleife. "Schiebt wie Drecksau!" entfuhr es da Ingo, dem Gitarristen meiner damaligen Band Broken, als die ganze Bande mit Augen, deren Schlitze selbst für Zahnseide noch zu eng gewesen wären, im Proberaum saß und Florians wöchentlichem Musiktipp Folge leistete, also nach getaner Band-Arbeit doch noch ein Stündchen dieser Platte zuzuhören. Es waren bewegte und bewegende Zeiten. 

Die sogar noch etwas lebhafter wurden, als der Winter zur Seite rückte und den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres Platz machte. Als ich mich im neonorangefarbenen Opel Corsa auf den freitäglichen Weg zur Herzallerliebsten nach Nürnberg auf die Autobahn schwang und im ubiquitären Stau mit heruntergekurbelten Fenstern und Atomkriegslautstärke einen solchen Geniestreich wie "Melancholy Grey" mit ausladender Armfuchtelei mitsang, immer und immer wieder. Alles war Sonne, Freiheit, Übergeschnapptheit - und "Jug Fulla Sun" passte sich genau in dieses Lebensgefühl ein. Ich halte das bis heute auch deshalb für so bedeutsam, weil Doom ja oft nicht ohne Grund Doom heißt, mit all seiner Schwerfälligkeit, dem Pathos, der Ausweglosigkeit - und bei aller Nähe für jene tiefgrauen Zustände, empfinde ich das immer ein bisschen zu prominent ins Schaufenster gestellte Leid auch manchmal als überkandidelt. "Jug Fulla Sun" hat damit nichts an der Frisur. Ich könnt's jetzt ganz billig und schnell machen und den ollen "Nomen et Omen"-Spruch bringen. Oder "Draußen nur Sonnenkännchen!". Oder die drei Haschblüten vom Grill, Wino, Drummer Gary Isom und den im Jahr 2022 leider verstorbenen Bassisten Dave Sherman die Sonnenkönige des Doom nennen. 

Genau so wird's gemacht: Spirit Caravan sind die Sonnenkönige des Doom.


Vinyl und so: Das Album erschien 15 Jahre nach der Veröffentlichung 2014 erstmals via Exile On Mainstream auf Doppelvinyl (mit einem schönen Etching auf der D-Seite). 2023 folgte ein neuer Re-Release von Improved Sequence Records auf schwarzem, grünem und gelben Vinyl. Man bekommt beide Editionen noch, aber muss mit um die 60 Euro für die 2023 Version und mit gut 80 Euro für die Exile On Mainstream Pressung kalkulieren. Letztere hat ein Glossy Cover und klingt super.


Weiterhören: "Elusive Truth" (LP, 2001), "Dreamwheel" (EP, 1999)





Erschienen auf Tolotta Records, 1999.

06.09.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #182: Unida - Coping With The Urban Coyote (1999)




UNIDA - COPING WITH THE URBAN COYOTE


“Since the terms "aggression" and "terrorism" are inadequate, some new term is needed for the sadistic and cowardly torture of people caged with no possibility of escape, while they are being pounded to dust by the most sophisticated products of U.S. military technology.” (Noam Chomsky)


Unida waren das zweitbeste Post-Kyuss-Projekt von Sänger John Garcia (über das Beste sprechen wir zu einem späteren Zeitpunkt) und auch wenn festzuhalten bleibt, dass Kyuss größer als die Summe der einzelnen Teile waren und mit ihrer Vita und Diskografie wenigstens in meiner Welt völlig unantastbar sind - man kommt um die quadratquatschigen Vergleiche einfach nicht herum. Ich kann nix dafür, Freunde. Hier singt eben John fucking Garcia. Und wer nicht an Kyuss denkt, wenn John fucking Garcia singt, hat nie im Leben jemals Kyuss gehört. Und bevor es zu Missverständnisse kommt: that's not a good thing. 

Garcias prägnante Stimme, die praktisch ab der Stunde Null nicht nur das ganze Stonerrock-Gewächshaus zum Qualmen brachte, sondern auch tausenden Stonerinnen und Stonern durch's abgestandene Bongwasser in die Glieder fuhr, hält ganz selbstverständlich auch auf Unidas Debutalbum aus dem Jahr 1999 alle Fäden in der Hand. Es ist wie Heimkommen. Dabei ist das Innendesign in der Casa Unida ein bisschen rustikaler und schnörkelloser ausgefallen als die verwaschene, verdrogte, psychedelische Wüsten-Ambiance von Alben wie "Sky Valley". Im Prinzip spielt die Band einen dreckigen, lauten, fuzzigen Bluesrock mit übergroßem 70er Mandat, der nur im fast zehnminütigen Höhepunkt des Albums "You Wish" mit dynamischen Psychedelic-Eskapaden aufgebrochen wird. Die weiteren Hits dieser Platte "Black Woman" und "If Only Two" sind längst im Kanon des Stonerrock eingelassen und dort bombensicher verplombt - sie sind aus dem Set der mittlerweile in veränderter Besetzung - ohne Garcia - wieder live spielenden Kapelle nicht mehr wegzudenken. 

"Coping With The Urban Coyote" ist eines jener Alben, bei denen die nostalgisch gefärbten Aspekte in der Auseinandersetzung 26 Jahre nach der Veröffentlichung eine größere Rolle für mich einzunehmen scheinen, als bei anderen Platten aus dieser Zeit. Der "Pull" von Garcias Stimme ist real. Wahnsinn, wie nah all das bei mir blieb. 



Vinyl und so: Die via Cargo Records erschienene Erstpressung kostet gibt es derzeit ab 70 Euro, für die seit 2014 veröffentlichten Reissues von Cobraside Distribution Inc. - als erweiterte Doppel-LP im Gatefold mit gut klingenden Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 - liegt die Preisspanne je nach Erscheinungsjahr und Vinylfarbe zwischen 40 und 100 Euro. Wer keinen gesteigerten Wert auf die Originalpressung legt, wird damit bestens bedient, zumal Pressung und Sound hervorragend sind.




Erschienen auf Mans Ruin Records, 1999.

26.07.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #189: Corrosion Of Conformity - Wiseblood (1996)




CORROSION OF CONFORMITY - WISEBLOOD


"Nicht Merkel hat die Flüchtlingsströme ausgelöst. Der Auslöser war, dass den Millionen von Flüchtlingen in der Türkei, Jordanien und dem Libanon von den reichen Industrienationen die Hilfsgelder für die Nahrungsversorgung aus purem Geiz halbiert wurden, gegen alle Warnungen der Fachleute. Dann haben sich Hunderttausende in Bewegung gesetzt." (Georg Schramm)

 

Corrosion Of Conformity haben in den neunziger Jahren drei Alben veröffentlicht - und die Entscheidung, einfach alle stumpf in die Top 200 zu schmeißen, wäre so grundfalsch nicht. Oder lassen Sie es mich präzisieren: jedes Neunziger-Werk der Band aus North Carolina könnte in den Top 200 stehen. Aber es ist wie im Kapitalismus: jeder kann hier reich werden - aber eben nicht alle. 

Nun ist allzu breitbeinige Rockmusik mit Südstaatenduktus und Macho-Attitüde so ziemlich das letzte, mit dem ich in Verbindung gebracht werden möchte, und wer vor allem ihre Alben ab "Blind" (1991) kennt, könnte angesichts dieses just öffentlich gewordenen Widerspruchs des feinen Herrn Florian die Stirn mal wieder in eine schöne Mondlandschaft verwandeln. Aber kann ich mich gegen diesen unerbittlichen Groove wehren? Gegen diese Gitarrenriffs, die durch Panzerglas marschieren können? Gegen eine Produktion, die so lebhaft, so dreckig, so real ist? Ich lamentiere seit Jahren über den ganzen zeitgenössischen rockmusikalischen "Schmarrn" (Beckenbauer), der vom Bodensatz sowohl moralisch wie künstlerisch heruntergekommener Produzenten, Managern und Musikern so anpassungsfähig und zum Kotzen schmutzabweisend hingestrickt wurde, als sei's eine beige OuTdOoRjAcKe für die Sonntagswanderung auf den Rotzenbiegel oder wohin - da lass' ich mal Fünfe gerade sein, wenn das atmosphärische Testosteronniveau in den roten Bereich ausschlägt. 

Die Entscheidung für DIE_LISTE fiel praktisch im letzten Moment auf "Wiseblood", das damit den vormals gesetzten und im Jahr 1994 erschienenen Vorgänger "Deliverance" aus dem Rennen nahm. Die Herzallerliebste fragte mich zuletzt beim Testhören, was das denn jetzt eigentlich sei: "Läuft das eigentlich unter Metal? Stoner? Alternative? Oder ist es einfach nur...naja....Rock?!" - und "Wiseblood" ist genau das Album ihrer Diskografie mit der eindeutigsten Antwort auf Fragen wie jene: All of the above. Maximal eklektisch - und gleichzeitig genuin und kompromisslos. Und außerdem einfach heavy as fuck! 


Vinyl und so: Das auf Reissues spezialisierte Label Music On Vinyl (MOV) veröffentlichte in den letzten Jahren einige Titel der Band, neben dem ebenfalls als Klassiker geltenden und oben erwähnten "Deliverance" gehört auch "Wiseblood" dazu. Die Version auf schwarzem Vinyl ist aktuell noch für um die 30 Euro erhältlich und auf jeder Ebene absolut empfehlenswert. Es wird gemunkelt, dass Music On Vinyl hinsichtlich der Lizenzierungen für ihre Nachpressungen hier und da im Zwielicht agieren, ihre Qualitätsstandards liegen allerdings auf dem allerhöchsten Regal. Für die 2019, beziehungsweise 2020 erschienenen Varianten auf farbigem Vinyl, ebenfalls über MOV, müssen zwischen 50 und 70 Euro bezahlt werden. Für die Originalpressung in halbwegs gutem Zustand - die Platte ist immerhin mittlerweile auch knapp 30 Jahre alt - kann es dreistellig werden.



Erschienen auf Columbia Records, 1996.

19.01.2025

Best Of 2024 ° Platz 11: Slomosa - Tundra Rock




SLOMOSA - TUNDRA ROCK


"Irgendwann wird es die Kraft der Polemik gar nicht mehr geben. Nur noch Worthülsen, die im Brackwasser der Beliebigkeit untergegangen sind!“ (Georg Schramm)


Dass mir am Ende des Jahres 2024 tatsächlich nochmal eine Stonerrockband derart die Beine weggrätscht, ist mit Verlaub unerhört. "Tundra Rock" von diesem aus Norwegen stammenden Quartett ist eine von jenen Platten, die schon ab der ersten Sekunde eigentlich keine Chance darauf hatte, sich durchzusetzen -  und fuck me, diese Chance hat sie genutzt. 

Langsam, langsam, laaaangsaaaam - die Barrieren im Kopf müssen erstmal von einem gepanzerten Unimog plattgemacht werden, klar - wurde es aber mit jedem Durchlauf offensichtlicher: das hier ist anders als der Rest der aalglatten Schwiegermuttercombos, die seit 20 Jahren das Genre mit aufgespritzten Bollersounds und manierierter "Echte Männer heiraten ihre Bremsstreifen"-Ästhetik in die nächstbeste Senkgrube manövriert haben. Es ist vor allem echter. Dabei, und ich kann nicht genug darauf herumreiten, ist hier musikalisch praktisch alles zusammengemopst. Und natürlich alles bei Kyuss und Queens Of The Stone Age. Und jetzt kommt's: es ist mir scheißegal. Das macht alles zu viel Spaß, sorry. 

Größtes Wunder ist möglicherweise, dass die Band es irgendwie hinbekommen hat, sich nicht ständig am absoluten Intensitätslimit zu bewegen, ohne dabei den Impact, die Wucht ihrer Grooves und Riffs zu opfern. Hier ist Luft zum Vibrieren. Maximale Heaviness bei maximaler Lässigkeit. Wer sich vom instrumentalen Schlussteil von "Red Thundra" mal aus den Latschen ballern ließ, wird's vermutlich sofort verstehen. Mein heimlicher Favorit auf einer nahezu makellosen Platte ist der Abschlusstrack "Dune" mit seinen beschwörenden Backingchören, die einem tagelang in den Ohren kleben bleiben. Die sind garantiert auch irgendwo geklaut. 

Ist das am End' von Boney M?





Erschienen auf Stickman Records, 2024.

12.09.2021

Cassius King - Field Trip



CASSIUS KING - FIELD TRIP


Wenn sich drei Viertel der Besetzung des umwerfenden und leider bislang letzten Hades-Albums "DamNation" zusammenschließen, und dann noch Gottsänger Jason McMaster mitmischt, dann drehen eingeweihte US-Metalfans aufgeregt am Kläppchen - und angesichts des kürzlich erschienenen Debuts "Field Trip" darf ich sagen: mit Recht. 

Und dabei war ich zunächst skeptisch, und das nicht zu knapp: Gitarrist Dan Lorenzo hat nach dem erwähnten mächtigen Paukenschlag mit Hades aus dem Jahr 2001 nicht mehr viel gerissen (speziell über das 2004er Soloalbum "Cassius King" mit dem wirklich unfassbar debilen "4 More Years/USA" decken wir mal besser alle dicken Mäntel dieser Erde, for fuck's sake!), McMaster versucht sich seit über 20 Jahren mit Broken Teeth an einer texanischen Version von AC/DC, ex-Hades-Bassist Jimmy Schulman unterstützte Lorenzos letztes Doom-Stoner-Projekt Vessel Of Light und Drummer Ron Lipnicki war bis zu seinem Ausstieg 2016 für immerhin gute zehn Jahre der Schlagzeuger von Overkill. Das schreit jetzt bei allem Respekt nicht unbedingt nach einer neuen Supergroup. Und weil selbst Herr Dreikommaviernull mittlerweile gelernt hat, von den allermeisten seiner ehemaligen Helden heute nur noch traurige Vollrotze vorgesetzt zu bekommen, hält sich meine Begeisterung in sehr engen Grenzen, wenn die alten Herren den x-ten Anlauf nehmen, es doch noch irgendwie zu schaffen. Zumal meine Affinität zu aktueller Rockmusik im Allgemeinen und aktuellem Metal im Speziellen über die letzten zehn zwanzig Jahre immer weiter hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen verschwand. Es muss sich schon um etwas sehr Besonderes handeln, wenn es mich nochmal hinter meiner ollen Furzkanone hervorlocken soll. 

Und ich bin mittlerweile soweit: "Field Trip" ist besonders, und das liegt nicht zum kleinsten Teil daran, dass die Musik des Vierers wirklich komplett aus der Zeit gefallen ist - allerdings nicht so, wie man's angesichts der Vita der Protagonisten eventuell vermuten könnte. Denn auch wenn einige Reviews über "Field Trip" von klassischem US Metal mit kantigen 1980er Jahre-Vibes fantasieren (wirklich komplett absurd!), regieren auf "Field Trip" überraschenderweise die neunziger Jahre. Genauer gesagt, ein bestimmter Sound aus einer bestimmten Zeit der neunziger Jahre, der heutzutage scheinbar aus dem kollektiven Metal-Gedächtnis gestrichen wurde. Fairerweise muss ich dazu anmerken, dass die Erinnerung an sowohl Zeit als auch Klang sich nicht mal eben mit links wieder ins Kleinhirn einspeisen lässt, weil's einerseits weniger Strömung als viel eher Situation war, und andererseits die subjektive Flori-Metaebene ihr Köpfchen aus dem Zeitstrahl steckt, meint: im Zweifel mag das jeder anders bewertet haben als meinereiner. Bon.

"Field Trip" führt im Prinzip den Sound der Hades-Nachfolgeband Non-Fiction weiter und nimmt dabei die Schwingungen des Mitt- bis Spätneunziger Metals auf, dieser verwunschenen Twilight Zone also, in der sich Enttäuschung, Existenzbedrohung, Orientierungslosigkeit auf der einen, Sturheit, Durchhaltevermögen und eine Prise Demut auf der anderen Seite trafen und gleichermaßen für Zusammenbruch und Neuanfang einer sorgfältig unter die Räder gekommenen Szene sorgten. Ich höre urzeitliches Soundgarden-Riffing, bekifft-schlurfende Sabbath-Mammutts, ätherische "Reload"-Vibes, ein Körnchen Pathos aus dem Hause Solitude Aeturnus und die niedergebrannten Ruinen dessen, was man auf dem 1995er Hades-Album "Exist To Resist" mit viel Glück und Geschick noch als Thrash Metal erkennen konnte. Und in irgendeinem durchgeknallten Paralleluniversum in einer anderen Dimension ließe sich noch der Beiklang zum Ethos einer Band wie Nevermore vor ihrem "Dead Heart In A Dead World"-Album anschlagen, dessen Ernsthaftigkeit und Intimität sich mit Angriffslust und Aggressivität verbanden und ihrer Musik so zu einer ganz eigenen Identität verhalf. Im Grunde fassen die letzten Zeilen die musikalische Essenz dieser Platte zusammen. 

Für mich ist "Field Trip" aber auch deshalb so bemerkenswert, weil mich dieser Sound gleich aus mehreren Gründen triggert. Aus nostalgischer Sicht betrachtet ist das einfach "meine" Musik, die mich schnurstracks in mein Lebensgefühl im Jahr 1996 zurückschleudert. Als Ecken und Kanten noch charmant waren und nicht als unprofessionell galten. Als Metalbands nicht jedem dahergelaufenen Volltrottel gefallen wollten (oder noch schlimmer: mussten!) und einen Refrain nach dem anderen mit kitschigen Kinderliedmelodien strecken mussten, damit die Plattenfirma bestenfalls zwölf Singles auf einem Album unterbringen konnte. Als man sich noch echt fucking geile Sänger in die Band holte, weil sie echt fucking geile Stimmen hatten. Als die spätkapitalistische Kulturverwertung das Proprium noch nicht mit Normierungsprozessen geflutet und final zum Absaufen brachte, während die Armee der talent- und gesichtlosen Hautsäcke wie eine ganze Legion der apokalyptischen Reiter alles platttrampelte, was gerade noch mit letzter Kraft die eigene Integrität in den Schutzbunker schleifen wollte. Als Hookline-freie Zonen noch dazu führten, dass man die Platten hunderte Male hören konnte; nicht nur ohne sich zu langweilen, sondern um viel mehr immer tiefer in dieses fremde Universum abzutauchen, das sich so dagegen zu sträuben schien, dechiffriert zu werden. Das nach Auseinandersetzung verlangte, das Aufmerksamkeit einforderte, wenn man ihm näher kommen wollte. So habe ich mir meine Lieblingsplatten entdeckt: Mit Zeit. Mit Geduld. Über Anziehung und Ablehnung, manchmal beides zur gleichen Zeit. Eingraben, auf den richtigen Moment warten, den richtigen Ort, die richtige Stimmung. 

Ich habe diese Musik vermisst. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt worden zu sein. Jetzt ist sie wieder da.  

Cassius King spielen auf "Field Trip" die uncoolste Musik der Welt. 


Cassius King spielen auf "Field Trip" die coolste Musik der Welt.


   


Anmerkung: die CD gibt es aktuell offenbar nur auf der oben verlinkten Bandcamp-Page des Labels zu kaufen (mit horrenden Versandkosten), wenn jemand eine Bezugsquelle aus Deutschland oder Europa kennt: bitte melden! Eine Veröffentlichung auf Vinyl ist geplant, aber durch die Auslastung der Presswerke (es müssen ja auch die ganzen geilen Boxsets von den Dire fucking Straits und den motherfucking Doors gepresst werden, klar!) stark verzögert.   




Erschienen auf Nomad Eel Records, 2021.