Posts mit dem Label Doom werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Doom werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

27.12.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #168: Spirit Caravan - Jug Fulla Sun (1999)




SPIRIT CARAVAN - JUG FULLA SUN


"I'm pretty sure - and I'm no doctor - but I'm pretty sure, if you die, the cancer dies at the same time. That's not a loss. That's a draw." (Norm Macdonald)


Die Aufnahme von Spirit Caravan in die Liste der besten Platten der 1990er Jahre war eine echte Hängepartie für mich. Nicht musikalisch, weil es diesbezüglich selbst in meinem überdifferenziert tapezierten Oberstübchen keine zwei Meinungen gibt. Allerdings waren die von Sänger und Gitarrist Scott "Wino" Weinrich während der Corona-Pandemie getätigten Aussagen über das Virus, beziehungsweise dessen Herkunft und Bestimmung - irgendwas mit Eliten, Populationskontrolle, biologische Waffen - verbunden mit dem üblichen Remmidemmi mit Klassikern wie "If we, the people, continue to blindly accept this tyranny we are destined for enslavement." - tja, ich bin jetzt geneigt von "entlarvend" oder gar "enttäuschend" zu schreiben, aber am End' war's weder das eine noch das andere. Wino hat schließlich sowohl textlich als auch hinsichtlich früherer Interviewaussagen und Postings auf Social Media abseits der Pandemie so einiges auf dem Kerbholz, das die ein oder andere hochgezogene Augenbraue provozieren könnte. Nun sortiere ich mein "Deppenmusiker"-Wertesystem immer noch recht regelmäßig nach den beiden Hauptkategorien "Unbedenklich" und "Indiskutabel" nebst unterschiedlicher Unter-, Zwischen- und Drübergruppen und entscheide auf Einzelfallbasis, meine: was hält die Gallenkotze noch im Magen und was bringt sie zum Überschwappen? Wen kann ich noch schmerzfrei hören, wer kann im Plattenschrank stehenbleiben, wer wird zur Persona Non Grata erklärt und bedingungslos vor die Tür gesetzt? So verfuhr ich auch für die Auswahl dieser Bestenliste. Das nur als Disclaimer, falls mir irgendjemand im Oktober 2028, wenn der ganze Spuk hier vorbei ist, und wir immer noch am Leben sind, ein "DU HAST [hier bitte Deppenband einfügen] VERGESSEN!" in die Kommentare brettert. Man darf sich sicher sein: habe ich nicht. Beziehungsweise eben doch, aber mit Absicht. Mein Hausarzt fuhr bei meinem letzten Praxisbesuch einen im Gang stehenden Patienten an, der sich weigerte, das Wartezimmer aufzusuchen: "Sie gehen da jetzt rein. Das ist meine Praxis, ich bin hier der Chef, und sie tun das, was ich ihnen sage. Haben wir uns verstanden? Ja? Schön! Also, da geht's lang!" - In diesem Sinne: ich bin sicher, wir haben uns auch in dem just vorangestellten Kontext verstanden. Suck it up. 

Im Falle Spirit Caravan gibt es nun allerdings gar nicht so viel up zu sucken, denn dass also nun mit "Jug Fulla Sun" das Debut dieser bemerkenswert guten Band auf Platz 168 steht, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass meine Wenigkeit sich trotz Winos intellektuell eher unterfordernden Gedankengerölls zu einem prächtig erigierten Daumen hinreißen lassen konnte. Vielleicht ist an dieser Stelle auch die Einlassung noch lohnenswert, dass ich historisch keine ausgeprägte Liebesbeziehung zu Wino und seinen früheren Bands pflege. Ich mag The Obsessed, ich mag ein bisschen St.Vitus, und ich kann sowohl seinen Status als auch Einfluss auf die Subgenres Doom und Sludge anerkennen, aber eine alles durchdringende Liebe war's praktisch nie. 

Das sollte sich immerhin im Winter 1999 ein bisschen und lebenssituationsbedingt im Frühjahr/Sommer 2000 sogar ein ganz viel bisschen ändern. Ich kaufte mir die CD von "Jug Fulla Sun" im so legendären wie mittlerweile leider geschlossenen Frankfurter Plattenladen "Musikladen" im Dezember 1999, als ich es mir zwar bis über beide Ohren verliebt, aber leider nur wochenendbezogen, in der ersten eigenen Wohnung im Frankfurter Stadtteil Rödelheim gemütlich machte und gemeinsam mit Instant-Eistee, Haschgift, handgebatikten Vanille-Kokos-Kerzen und heißer Badewanne rauschende Nächte der Vereinsamung feierte, und sowohl hinsichtlich der Wohnung als auch des Albums nullkommanull Eingewöhnungszeit benötigte. Alles klickte sofort. Die "Graf Koks"-Safranpizza vom Italiener gegenüber, die einsam im Wohnzimmer stehende Ledercouch, olfaktorisch ein vor sich hin glühendes Potpourri aus Benson & Hedges, Douglas-Parfümerie und der B-Ebene im Frankfurter Hauptbahnhof - und dazu läuft dieses sonnige und zugleich melancholische, vor positiver Kraft fast platzende Doom-Fuzz-Stoner-Hippie-Geschoss mit den allerbesten Riffs und Grooves über Tage in Endlosschleife. "Schiebt wie Drecksau!" entfuhr es da Ingo, dem Gitarristen meiner damaligen Band Broken, als die ganze Bande mit Augen, deren Schlitze selbst für Zahnseide noch zu eng gewesen wären, im Proberaum saß und Florians wöchentlichem Musiktipp Folge leistete, also nach getaner Band-Arbeit doch noch ein Stündchen dieser Platte zuzuhören. Es waren bewegte und bewegende Zeiten. 

Die sogar noch etwas lebhafter wurden, als der Winter zur Seite rückte und den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres Platz machte. Als ich mich im neonorangefarbenen Opel Corsa auf den freitäglichen Weg zur Herzallerliebsten nach Nürnberg auf die Autobahn schwang und im ubiquitären Stau mit heruntergekurbelten Fenstern und Atomkriegslautstärke einen solchen Geniestreich wie "Melancholy Grey" mit ausladender Armfuchtelei mitsang, immer und immer wieder. Alles war Sonne, Freiheit, Übergeschnapptheit - und "Jug Fulla Sun" passte sich genau in dieses Lebensgefühl ein. Ich halte das bis heute auch deshalb für so bedeutsam, weil Doom ja oft nicht ohne Grund Doom heißt, mit all seiner Schwerfälligkeit, dem Pathos, der Ausweglosigkeit - und bei aller Nähe für jene tiefgrauen Zustände, empfinde ich das immer ein bisschen zu prominent ins Schaufenster gestellte Leid auch manchmal als überkandidelt. "Jug Fulla Sun" hat damit nichts an der Frisur. Ich könnt's jetzt ganz billig und schnell machen und den ollen "Nomen et Omen"-Spruch bringen. Oder "Draußen nur Sonnenkännchen!". Oder die drei Haschblüten vom Grill, Wino, Drummer Gary Isom und den im Jahr 2022 leider verstorbenen Bassisten Dave Sherman die Sonnenkönige des Doom nennen. 

Genau so wird's gemacht: Spirit Caravan sind die Sonnenkönige des Doom.


Vinyl und so: Das Album erschien 15 Jahre nach der Veröffentlichung 2014 erstmals via Exile On Mainstream auf Doppelvinyl (mit einem schönen Etching auf der D-Seite). 2023 folgte ein neuer Re-Release von Improved Sequence Records auf schwarzem, grünem und gelben Vinyl. Man bekommt beide Editionen noch, aber muss mit um die 60 Euro für die 2023 Version und mit gut 80 Euro für die Exile On Mainstream Pressung kalkulieren. Letztere hat ein Glossy Cover und klingt super.


Weiterhören: "Elusive Truth" (LP, 2001), "Dreamwheel" (EP, 1999)





Erschienen auf Tolotta Records, 1999.

15.03.2025

Best Of 2024 ° Platz 2: Dool - The Shape Of Fluidity




DOOL - THE SHAPE OF FLUIDITY


"Immer weiter abgeschwiffen. Alles schrumpft. Stetig." (Antitainment)


Jetzt haben sie mich endlich doch noch gekriegt. 

Ihr Auftritt auf dem Rockhard-Festival 2018, der vom WDR Rockpalast mitgeschnitten wurde und HIER auf Youtube verfügbar ist, war mein Erstkontakt mit diesem Quintett aus Rotterdam. Und ich war beeindruckt, vor allem davon, wie geil die alle auf der Bühne aussahen. Outfits, Bewegungen und Attitüde schienen zwar durchaus choreografiert, wovon die Authentizität jedoch keinen Kratzer abbekam. Die Band platzt vor Selbstbewusstsein und spielt mit einer Überzeugung, als hänge ihr Leben von jedem gespielten Ton ab. Damit bekommt man mich immer an den Haken. Und mit diesem etwas vernebelt wirkenden progressiv-verschnörkelten Doomrock dann eben irgendwie auch. 

Auf ihrem Debut "Here Now, There Then" konnte ich von dieser Magie leider nur noch wenig spüren. Auch Dool kämpften offensichtlich seinerzeit damit, das Durchsetzungsvermögen von der Bühne ins Studio zu rollen. Als 2021 der Nachfolger "Summerland" erschien, und ich immer noch keinerlei Verbindung zu ihren Studioalben aufbauen konnte, strich ich die Segel. Sowas gibt's eben manchmal, aber im Falle Dool war das schon ein bisschen tragisch. Ich gebe zu, dass ich ab der ersten Minute des Rockhard Mitschnitts fasziniert war von der Band. Dass es musikalisch zunächst nicht funken wollte, nagte ein bisschen an mir. Ich wollte die doch gut finden?!

Mit "The Shape Of Fluidity" änderte sich das alles. 

Die Eindringlichkeit, der Drang, der "Pull" des Openers "Venus In Flames" steht exemplarisch für das ganze Album, gerät der Einstieg in den siebenminütigen Song doch zu einem der unwiderstehlichsten Momente der Rockmusik der letzten 25 Jahre. Der Drive mit seiner derart viehischen und nach vorne peitschenden Urgewalt nach dem kurzen Intro lässt Dich durch fucking Panzerglas marschieren, bevor der praktisch ansatzlos aufs Spielfeld geworfene Refrain trotz seiner melodischen Öffnung die Intensität unglaublicherweise noch weiter nach oben schraubt. Eine kleine Erlösung erlebt man erst zur Songmitte, wenn sich sowohl die Wucht als auch das Tempo etwas einbremsen und sich gemeinsam auf das große, hymnische Finale vorbereiten, das mit großer erzählerischer Raffinesse inszeniert wird: atmosphärisch stehen wir am Ende der Geschichte, am Ziel einer langen und beschwerlichen Reise. Wir sind angekommen. Wir können durchatmen. Emotional hingegen fühlen wir die Spannung, die Friktion. Es fühlt sich paradoxerweise nach Aufbruch an, nach Öffnung, vielleicht ist sogar ein wenig provozierend.  

Kompositorisch ist Dools Musik nicht gerade unterkomplex, das war sie noch nie. Ein paar Schlenker muss man also schon mit ihnen mitlaufen, um nicht abgehängt zu werden. Aber sie können es sich aus gleich zwei Gründen leisten. Erstens spielen hier technisch herausragende Musiker, die stets in der Lage sind, die Metaphorik von Ravens Texten für die große Bühne musikalisch zu inszenieren und sie sicher durch sämtliche emotionale Aggregatzustände zu leiten. Zweitens sind die Songs auf "The Shape Of Fluidity" mit Hooklines geradewegs übersäht. Das hilft zunächst bei der Orientierung, bevor darüber hinaus erkennbar wird, wie vielschichtig diese Kompositionen tatsächlich sind; so als würden erst die hymnischen und verschwenderisch arrangierten Melodien die Türen in die unterirdischen Labyrinthe des Albums öffnen. 

Der/Die über allem thronende Zeremonienmeister*in ist Raven van Dorst. Im Jahre 1984 intergeschlechtlich geboren und anschließend als Frau aufgewachsen, ist "The Shape Of Fluidity" vor allem textlich eine bis auf die Knochen ehrliche, zu gleichen Teilen niederschmetternde und kraftvolle Erzählung über die Auseinandersetzung darüber, sich über Jahrzehnte in dieser Ausnahmesituation zu befinden. Über die inneren und äußeren Konflikte, über Identität und Isolation. Aber auch über das Erwachen und über die Verantwortung. 

"Would you bathe in my love / Now the time has come?" singt Raven in "Venus In Flames" und das Beben, die Sehnsucht - ja, die Erlösung springt mich förmlich an.

Ein Album voll rasender Dramatik.


 



Erschienen auf Prophecy Records, 2024.

31.12.2020

Die besten Vinyl-Reissues 2020 (2): Trouble - Manic Frustration



TROUBLE - MANIC FRUSTRATION


Das war überfällig. Das niederländische Indielabel Hammerheart Records, in der Vergangenheit nicht immer mit blütenweißer Weste hinsichtlich (in)offizieller Veröffentlichungen unterwegs, hat sich mit den Doom Psychedelics Trouble geeinigt und über die vergangenen beiden Jahre einen großen Teil des umfangreichen Backkatalogs der Band neu aufgelegt. 

"Manic Frustration" (1992) gehört neben dem Vorgänger "Trouble" (1990) zum heiligen Gral der Fangemeinde: beide Alben gelten für viele Anhänger als Sternstunden der Band aus Chicago, verstaubten allerdings über viele Jahre in den Notarbüros von Rick Rubins Def American-Label und waren daher seit Ewigkeiten nicht mehr auf Vinyl erhältlich. Die übrig gebliebenen Fans der Band dürfen sich nun über eine Neuauflage freuen, die in fast jeder Hinsicht perfekt umgesetzt wurde: das Remaster drischt die eh schon sehr lebendige Musik geradewegs in einen Jungbrunnen und präsentiert den Proto-Stoner-Sound des Quartetts in einer unnachahmlichen Frische - wofür allerdings das im direkten Vergleich charmant angegraute Klangbild des Originals mit der Ästhetik der 1970er Jahre auf der lässig-groovenden Strecke blieb. Das glossy Cover mit unverändertem Artwork und der Einleger mit Texten sind ansprechend, die Pressung auf (in meinem Fall) rotem Vinyl ist absolut fehlerfrei und klingt irre gut. Im besten Sinne "irre" ist auch die Preispolitik des Labels: das schwarze Vinyl gibt's im eigenen Shop bereits für 15,90 Euro. 

Muss man haben.


 


Erschienen auf Def American Recordings/Hammerheart Records, 1992/2020.


02.02.2020

Best Of 2019 ° Platz 3 ° GOLD - Why Aren't You Laughing?




GOLD - WHY AREN'T YOU LAUGHING?


Es hat etwas Zeit benötigt, bis ich den Zugang zu GOLD fand. Vermutlich waren angesichts personeller Parallelen zur mittlerweile aufgelösten Quatschcombo The Devil's Blood (GOLD-Gitarrist und -Gründer Thomas Sciarone) meine anfänglichen Vorbehalte zu prominent im Stammhirn platziert, was eine frühere Annäherung nahezu unmöglich machte - manchmal bin ich so, ich kann's nicht wirklich ändern. Mittlerweile sieht die Welt anders aus. GOLD sind die vielleicht bemerkenswerteste Rockband dieser Tage und haben seit dem eher unspektakulären Schalala-Rock ihres Debuts "Interbellum" aus dem Jahr 2012 eine atemberaubende Entwicklung durchgemacht. "Why Aren't You Laughing?" ist zweifellos der bisherige Höhepunkt dieser Transformation: die mystische, dunkel schimmernde Mixtur mit Elementen des Gothic-, Post- und Indierocks mit der gleichermaßen entrückt wie glasklar durch die Songs schwebenden, endlich auch selbstbewussten Stimme Milena Evas und die aus dem Black Metal aufgefächerten Gitarrenfiguren ergeben einen Sound, wie ihn die Welt bislang noch nicht gehört hat. 

Und das ist vielleicht das Problem für das Erreichen der Weltherrschaft. Die Band spielte vor wenigen Tagen im Aschaffenburger Colos-Saal vor gerade mal 50 Zuschauern eines ihrer seltenen Solokonzerte (ansonsten werden sie auch 2020 in erster Linie auf Festivals zu sehen sein) und mir wurde plötzlich klar: die sind mit dieser musikalischen Mischung nebst der konzeptionellen Choreografie und den starken, feministischen, für Gleichberechtigung und eine offene, freie Gesellschaft einstehenden Texten vielleicht ein paar Jahre zu früh dran. Und überhaupt: fragt mal eine feministische Band wie beispielsweise War On Women, was sich an frauenfeindlicher Scheiße in den Kommentarspalten ihrer Youtube Videos abspielt. Man kommt nicht drum herum: was der rockende Bauer nicht kennt, frisst er eben nicht, und so mancher ist darüber hinaus auch einfach, pardon, klotzehohl. Ich kann das sagen, weil ich schließlich auch hin und wieder die Heugabel im Kopf stecken habe; wer einen Beweis braucht: er findet sich im einleitenden Satz dieses Beitrags. 

Ich kann nur hoffen, dass die Band weitermacht - eigentlich sollten sowohl von dieser Band im Allgemeinen, als auch von dieser ganz hervorragenden und tief bewegenden Platte wahrlich ein paar mehr Menschen Notiz nehmen. Denn wer weiß, wie eiskalt mich aktuelle Rockmusik für gewöhnlich lässt und für wie austauschbar, stumpf, oberflächlich und mutlos ich den beinahe ganzen übrigen Sauhaufen halte, darf sich nun die wildesten Träume über die Qualität von GOLD ausmalen. 

Sie sind alle wahr. 



Erschienen auf Artoffact Records, 2019.

31.10.2017

Eine Schwalbe macht doch einen Sommer



WINDHAND

Die Chance, dass ich mit meinen 40 Jahren und einer recht weit fortgeschrittenen Allergie für Metal neueren Datums, die  Entdeckung einer Band wie Windhand feiern darf, steht in der Wahrscheinlichkeitstabelle knapp hinter des Empfangs des Nobelpreises für Physik. Dass ich indes zu der Party locker fünf Jahre zu spät komme, bon - aber das kommt eben davon, wenn einerseits das eigene Mäuerchen im Bregen fröhlich zugespachtelt wurde, andererseits ja aber nicht ohne Grund: über die vielen, vielen Unzulänglichkeiten des Heavy Metal der letzten 20 Jahre habe ich mich auf diesem Blog nicht erst ein Mal ausgelassen, und auch wenn meine allerliebsten Lieblingsleser sich das vielleicht wünschen würden, werde ich noch lange nicht müde, immer wieder auf diesen gigantischen Kackhaufen aus unverdauten Nietenarmbändern, Schlagerschwulst, blanker Verarsche und bodenloser Ideenlosigkeit hinzuweisen, der mir fast jeden Spaß an der Musik genommen hat. 

"HIER! RUNTER VON DEM RASEN! HIER WIRD KEIN FUSSBAL GESPIELT!"

"Schöner Krückstock, Oppa! Aussem Kriech?"

Aber eben nur fast. Nun standen Windhand tatsächlich schon seit ein paar Jahren auf meiner Liste, ganz besonders ihr in einschlägigen Kreisen mittlerweile als Klassiker gehandeltes Zweitwerk "Soma", nachdem Herr "Krach Und So..." auf meine eigene Anfrage einen Anlauf nahm, mir ein paar aktuelle Metalbands vorzustellen. Ich erinnere mich daran, dass ich nicht lange überlegen musste, das Album auf dem Wunschzettel vorzumerken, denn: da war eine Stimme. Da war eine Stimme, die sang. So richtig mit Melodie. Call me fucking old-fashioned, aber sowas kann ja Wunder wirken. 

Es dauerte dennoch bis zum Sommer 2017, bis ich endlich die Kohlen über den virtuellen Tresen warf, und was im ersten Moment für Skepsis sorgen dürfte, ist genauer betrachtet nur logisch. Ich habe für gewöhnlich ein ganz gutes Näschen für den richtigen Moment, in dem mich eine Band, ein Album oder ein Song packen können - und erkenne es mittlerweile auch ganz gut, wenn die Zeit noch nicht reif sein sollte. Manches vergesse ich über die Jahre, manches kommt aber wieder. Und was zuvor vielleicht nur ganz nett oder wenigstens interessant war, trifft plötzlich genau ins Herz- und Seelenzentrum. 


So tastete ich mich im Falle Windhand in den Sommermonaten zunächst über ein Livealbum heran, aufgenommen auf dem prestigeträchtigen Roadburn Festival im Jahr 2014, und war ob des konsequenten Willens zur Nicht-Perfektion sofort angefixt. Das klingt despiktierlicher, als es gemeint ist: Windhand spielen gut und diszipliniert, aber da ist Leben im tiefen Wummern, da brodelts im bassigen Klangmatsch, in den über Minuten ausgerollten Feedbackorgien zwischen den Songs, die einem sowohl Ansagen als auch für die nächsten Lebensjahre so oder so überflüssigen Nervenballast ersparen. Auf "Soma", dem nach dieser Erweckung ziemlich umgehend und also endlich besorgten zweiten Album, strahlen Leben, Abfuck, Drogensumpf, Bassmatsch, Mystik, Waldmenschen, Groovewalzen, Pimmeltattoos und Intimbehaarung mit einem Schluck aus Dave Wyndorfs Zaubertrankfläschchen zu "Dopes To Infinity" Zeiten um die Wette. Dabei ist die Rezeptur ihres Sounds so stumpf und, pardon: billig, dass mir anfänglich durchaus Zweifel kamen: trägt die Idee, praktisch jeden Song mit dem Hauptriff einzuleiten, es danach durch minutenlanges Wiederholen zum Vakuum auszusaugen, eine kurze Variation für den...wasweißich...Refrain durch die Bong zu jagen, wieder zum Hauptriff zurückzuehren, um dann eine Brechung (Takt, Riff, Stimmung) im hinteren Drittel anzustoßen, wirklich über drei ganze Studioalben? Wird das nicht irgendwann öde?

Nach einem besuchten Konzert im Wiesbadener Kesselhaus, das mich mit seinem charmant angeranzten Charakter und seinem Schmutz tadellos an meine großen Metalkonzerterlebnisse aus den neunziger Jahren erinnerte, und dem anschließenden tage-, ja wochenlangen Durchhören der beiden übrigen Alben gibt es nur eine Antwort: ja, es trägt. Weil es nämlich bumsegal ist. Alles wird bumsegal, wenn die Irre am Mikro beschwörend und kilometertief im Klangdickicht vergraben ihre großartigen Melodien in diesen Morast hinein säußelt, der Groove Dich gegen die Wand und die Wand anschließend in ein anderes Universum drückt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich ergeben muss. An dem Du nur noch die Wellen des Sounds empfangen willst. An dem Du Dir auch als sattelfester, mit rosafarbenem Polohemd im Spießergolf sitzender und mit dem mentalem Krückstock herumwedelnden vierzigjähriger mit Hilfe eines schwarzen Eddings ein umgedrehtes Kreuz auf die langsam grau gefärbte Brustbehaarung schmieren und im Rewe ein Pfund Dackelblut (vegan!) kaufen willst. Re-Illuminierung.




"Windhand", "Soma" und "Grief's Infernal Flower" sind auf Relapse erschienen.