BLIND MELON - BLIND MELON
"I know we can’t all stay here forever
So I want to write my words on the face of today
And they’ll paint it"
(Blind Melon, "Change")
Das 1992 erschienene Debut von Blind Melon eignet sich bestes dazu, ein paar scheinbar festzementierte Erzählungen über die sogenannte alternative Rockmusik aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre in Flammen aufgehen zu lassen. Dafür zündet man zunächst mal die komplette Musikpresse und anschließend die PR-Abteilungen der Majorlabels an, die beide zu gleichen Teilen dafür verantwortlich waren, einer ganzen Generation von Musikfans erfolgreich zu vermitteln, dass praktisch alles, was vor "Nevermind" erschien, überholter und altmodischer Kernschrott war - während sie gleichzeitig Bands vermarkteten (das Wort ist mit Bedacht gewählt, fyi), die sich musikalisch bei fast allem bedienten, was eben vor fucking "Nevermind" erschien. The Black Crowes, anyone? Monster Magnet, anyone? Und natürlich: Blind Melon, anyone? "The Great Grunge Swindle", der noch ungeschützte Titel meines noch ungeschriebenen Buches. Don't hold your breath.
Blind Melon hatten es in dieser Hinsicht entweder doppelt leicht oder doppelt schwer, je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt. Die 1990 in Los Angeles gegründete Band ging mit der im Juni 1993, und damit neun Monate nach Albumrelease ausgekoppelten Single "No Rain" nebst des ikonischen Videoclips endgültig durch die Decke und verkaufte alleine in den USA über drei Millionen Alben des Debuts. "No Rain" war dabei in Hinblick auf den Vibe des Albums und der Außenwirkung der Band gehörig missverständlich, denn der leichte Swing mit niedlicher Hippiebestrahlung ließ darauf hindeuten, Blind Melon seien Susi Sorglos sein Vadder und also frech, frei und unbeschwert. Tatsächlich war der Text von der damaligen Freundin von Bassist Brad Smith inspiriert, deren Depressionen sich unter anderem darin zeigten, dass sie sich beschwerte, wenn es nicht regnete, tagelang das Haus nicht verließ und stattdessen im Bett blieb und unentwegt Bücher las. So befassten sich auch die übrigen Texte des Albums überwiegend mit den eingetrübten Momenten menschlicher Existenzen und deren emotionalen Tiefpunkten. Zusätzlich sorgte der Erfolg von "No Rain" dafür, die Band im erweiterten Szenekreis als One Hit Wonder abzustempeln. Angesichts der beeindruckenden Sammlung echter Deep Cuts auf diesem Debut ist das zwar völlig bizarr, aber ich fürchte, so funktioniert das Geschäft.
"I was born on the banks off a hot muddy riverThe child of one stupid steamy nightBorn to roam beneath the sunWhat do you think of me, I’m better left alone"
Es ließen sich ganze Bücher über die Vielseitigkeit und Musikalität dieser Band füllen. Der mühelos erscheinende und authentische Groove zwischen Funk und Classic Rock von einer der zeitgleich besten sowie unterbewertesten Rhythmusgruppen der Rockszene - Glen Graham spielt am Schlagzeug um sein Leben; was für ein Drummer, fuck me! - und die Kreativitätsexplosionen der beiden Gitarristen Roger Stevens und Christopher Thorn, die praktisch niemals dasselbe spielen, sich hier mal annähern, bevor sie sich dort wieder voneinander distanzieren und wie zwei verliebte Schmetterlinge auf psychedelischen Drogen unbeirrt um sich herum kreisen, bilden den Rohbau ihrer Musik mit sich überdeutlich zeigenden 1970er Merkmalen aus dem Hitkoffer von Led Zeppelin oder auch ZZ Top. Trotz aller Reminiszenzen an eine musikalische Ära, mit der die Zeit, mit Verlaub, alles andere als gnädig umging, klingt "Blind Melon" auch 33 Jahre nach der Veröffentlichung so frisch, lebhaft und anziehend wie am ersten Tag, nicht zuletzt durch die gleichfalls unverfälschte Produktion von Rick Parashar, der schon Pearl Jams "Ten" betreute und das lebendige, schöpferische Moment der größtenteils live eingespielten Cuts in der Zeit einfrieren konnte. Und natürlich muss man in diesem Zusammenhang Sänger Shannon Hoon erwähnen. Der 1995 viel zu früh verstorbene Sänger aus Lafayette trägt diese Songs in den Obertönen mit seiner charakteristischen Stimme in die Ewigkeit. Was für ein Talent. Diese Leichtigkeit, dieser Instinkt. Und immer noch: was für ein Verlust.
Ähnlich wie im Falle Candlebox und deren zweitem Album "Lucy" könnte auch bei Blind Melon die Frage diskutiert werden, ob das im Vergleich zum erfolgreichen Debut kommerziell eher enttäuschende Nachfolgealbum "Soup" aus künstlerischer Sicht das bessere Werk ist. Ich halte mich in beiden Fällen ein bisschen zwischen den Welten auf. Mehr Szenepoints ließen sich vermutlich mit "Lucy" und "Soup" machen, und es gibt auch abseits derart trivialer Ego-Wanks einige gar nicht so üble Gründe, die vermeintlichen schwarzen Schafe der Diskografie interessanter zu finden. Die Nadel schlug nun bei beiden Bands minimal zu Gunsten ihrer Debuts aus - und wenn ich damit Leben kann, könnt ihr es auch. Muss man's so oder so gehört haben und lieben? Sowieso!
Vinyl und so: Ich mach's kurz. Für die Erstpressung muss man einen Bausparvertrag auflösen, das ist inakzeptabel. Vor allem, weil der 2014 erschienene Repress von Music On Vinyl klanglich wie gewohnt eine echte Sensation ist. Wer etwas anderes behauptet, und ein Blick in den Kommentarbereich auf Discogs bestätigt es, hat Bauschaum in den Ohren. Die Leute sind wirklich alle völlig beknackt. Mit um die 30 Euro ist man dabei. Muss man eigentlich haben. Isso.
Erschienen auf Capitol, 1992.























