07.02.2026
My Nineties Were Better Than Your Nineties - #163: Seaweed - Weak (1992)
21.11.2025
My Nineties Were Better Than Your Nineties - #172: Therapy? - Troublegum (1994)
Ach, was für ein Jahr!
Etwas "auf den Ohren" zu haben klingt zwar ein bisschen nach Boomer-Bernd, aber es war ziemlich wörtlich zu nehmen, wenn ich mir auf den täglichen Busfahrten ins Training meine neuen Lieblingsplatten mittels Walkman und den steinzeitlichen, weil auf den Ohren aufsitzenden Kopfhörern in die aurale Blutbahn feuerte. Der große Nachteil dieser Kopfhörer war, dass sie mit ihrem dünnen Klappergestell alles andere als fest auf den Ohren lagen - und weil Rebelli-Flori seine Musik immer zwei Handvoll Dezibel über der Schmerzgrenze hören wollte und der aus den 1980er Jahren stammende Walkman noch keine Lautstärkelimitierung eingebaut bekam, wurde also der ganze Scheißbus mitbeschallt. Aus heutiger Sicht eine völlige Zumutung, damals war ich aber davon überzeugt, es so genau richtig zu machen. Nun waren manche Platten entweder schon im Original etwas leiser gepegelt, oder die Schrottaufnahme auf der schon zigfach durchgenudelten Kassette glättete die lautesten Stellen, womit sich die irritierten bis bösartigen Blicke der Mitreisenden in Grenzen hielten. Aber dann kam "Troublegum".
"Troublegum" ist ungeheuerlich laut. "Troublegum" hat einen unerbittlichen Punch; die Snare alleine kann töten. Und "Troublegum" war folgerichtig dafür verantwortlich, zum ersten und einzigen Mal wegen der Lautstärke im Bus angeraunzt zu werden.
Das vierte Studioalbum der nordirischen Band ist nicht nur wegen seiner Produktion einzigartig. Streng genommen kam mir auch aus stilistischer Sicht bis heute keine vergleichbare Platte unter. Die Noiserock-Elemente der Vorgängeralben vermischen sich hier mit melodisch-abgedunkeltem Punk, abgründigem Postpunk und einem indifferenten Goth-Vibe mit Teenage Angst in den Texten. So erinnert der Refrain von "Hellbelly" ein kleines bisschen an den Type O Negative Hit "Black No.1", "Lunacy Booth" (mit Silver Fishs Lesley Rankine als Gastsängerin) gar an die legendären Warrior Soul und deren Spiel mit Harmonien zwischen dem führenden Bass und der flächenbildenden Gitarre. "Femtex" channelt in den Strophen Metallicas "One" und über praktisch jeder Note dieses Albums schwebt sowieso der Geist von Helmet:
"We went on tour with Helmet in America and we just loved the way they used the power of the riff to stop and start, with these staccato blasts." (Andy Cairns)
Wo hat man eine solchen Mix mit diesem Zug, diesem Drang vorher oder nachher nochmal gehört? Ich glaube es Ihnen, auch wenn nur Sie es wissen. Und apropos Helmet: deren Gründer/Sänger/Gitarrist Page Hamilton spendierte sogar ein Solo für den Song "Unbeliever", den Therapy? nach Abschluss der Aufnahmen unbedingt als erste Single auskoppeln wollten. Nach dem Veto der Plattenfirma ("Wir haben euch noch nie in irgendwas reingeredet, aber das ist eine wirklich schlechte Idee!") wurde es schlussendlich "Nowhere" - und damit zu einem ihrer größten Hits. Cairns: "I guess they were right."
Über dreißig Jahre nach der Veröffentlichung klingt "Troublegum" immer noch irrsinnig gut und dazu sogar überraschend zeitgemäß. Dass man hier auf keine vielschichtigen und komplexen Songstrukturen stoßen wird ist ebenso eine Wahrheit wie dass über die zigfachen Wiederholungen der Refrains mit ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit diskutiert werden müsste. Vielleicht fehlt damit auch ein bisschen...Gravitas?! Aber, und auch das gehört zur Einzigartigeit von "Troublegum": es ist und bleibt einfach eine fast schon unwirkliche Ansammlung von Hits. Nicht nur die im besten Fall üblichen zwei oder drei - nein, vierzehn! Vierzehn Hits!
Vierzehn spektakuläre, fantastische, fucking unkaputtbare Hits.
Vinyl und so: Die Erstpressung auf grünem Vinyl in gutem Zustand bekommt man für etwa 70 Euro. Die günstigere Variante ist die Wiederveröffentlichung von 2021 von Music On Vinyl auf schwarzem Vinyl, die es immer noch für um die 30 Euro gibt. Auf Discogs sind Kommentare zu lesen, die sich über den Sound ebenjener Version beschweren, aber die Leute sitzen wie so oft einfach alle auf ihren Ohren: Die 2021er Pressung klingt absolut fantastisch und sei meinen ehrenwerten Leserinnen und Lesern hiermit dringend empfohlen. Zum 30.Jubiläum wurde das Album 2024 außerdem noch mit zwei neuen Re-Releases bedacht: eine Standardversion auf Caramel-Vinyl und die Deluxeversion als Doppel-LP in den Farben Silber und Lavendel. Kein Gatefold und keine Linernotes, dafür aber (bereits veröffentlichte) Single B-Seiten und EP-Tracks auf der zweiten LP. Ich kenne diese Variante nicht, aber auch wenn sich das verantwortliche Presswerk GZ Media in den letzten Jahren hinsichtlich der Qualität ihrer Pressungen durchaus verbessert hat, mahne ich vor allem angesichts des hohen Preises (50+ Euro) zur Vorsicht.
Weiterhören: "Infernal Love" (1996), "Nurse" (1992)
Erschienen auf A&M, 1994.
02.11.2025
My Nineties Were Better Than Your Nineties - #175: Coroner - Grin (1993)
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18.10.2025
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04.10.2025
My Nineties Were Better Than Your Nineties - #179: Bolt Thrower - Mercenary (1998)
"I can confirm that Bolt Thrower are definitely over for good. There will be no reunion tours. No compromise." (Karl Willetts)
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“White boy, don’t laugh, don’t cry, just die!
I’m so sorry if I’m alienating some of you
Your whole fucking culture alienates me”
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07.01.2023
2021 Revisited: Cynic - Ascension Codes
Ein Blick auf meine Musiksammlungsdatenbank aus Giga-Nerdhausen, vulgo: Discogs, verrät, dass ich im Jahr 2021 tatsächlich nur drei Platten gekauft habe, für die der Stempel "Rockmusik" passt. Neben Cassius Kings "Field Trip" (prima) und Quicksands "Distant Populations" (naja), war insbesondere die Anschaffung von Cynics "Ascension Codes" eine echte Herzensangelegenheit.
Zum einen bin ich seit fast dreißig Jahren Fan und finde ihre Musik selbst, oder besser: besonders nach den stilistischen Anpassungen über die letzten 15 Jahre einfach hoffnungslos attraktiv. Zum anderen bewundere ich Paul Masvidal, einen der kreativsten und eigenständigsten Musiker der Metal-Szene. Mutig und unerschrocken, offen, spirituell - und durch den unerwarteten Tod seiner beiden Freunde und ehemaligen Bandmitglieder Sean Reinert (Schlagzeug; Januar 2020) und Sean Malone (Bass, Dezember 2020) voller Trauer und Verzweiflung. Masvidals Beiträge auf seinem Instagram-Account geben Zeugnis von dem Schmerz, den er durch die kurz hintereinander erfolgten Verluste erleiden musste. Ebenfalls, und das soll nicht unerwähnt bleiben, ist Masvidal in meiner Wahrnehmung einer der verkanntesten Songschreiber des Heavy Metal. Warum ihm angesichts des Meisterwerks "Ascension Codes" nicht die halbe Metal-Welt die Tür einrennt, ist angesichts der sich zunächst zeigenden Sperrigkeit des Albums vielleicht nicht die allergrößte Überraschung - auch wenn sich die Komplexität mit ein bisschen Zeit und Eingewöhnung naturgemäß auflösen kann und wird. Aber ich habe durchaus Verständnisschwierigkeiten damit, warum nicht wenigstens die Anhänger des Progressive Rocks/Metals auf Knien angerutscht kommen, und zwar in Scharen.
Denn das hier sollte eigentlich exakt ihr Sound sein: verspielt, komplex, ultrakomprimiert und dennoch leichtfüßig und mühelos - im Prinzip die musikalische Entsprechung zum Spruch meines Vaters über den ehemaligen Eintracht-Stürmer Anthony Yeboah: "Der spielt dich in einer Telefonzelle schwindelig!". Spektakuläre technische Fähigkeiten, ein atemberaubendes Coverartwork und eine spirituelle Story über das Leben, das Universum, das Unsichtbare, das Mystische, das Außerweltliche - "Ascension Codes" ist die beste Cynic-Platte aller Zeiten und in ihrer emotionalen Ausrichtung und ihrer offen dargestellten Zerbrechlichkeit das Progressive Metal-Album, das ich mir im Jahr 2020 von Fates Warnings "Long Day Good Night" erhoffte, aber nicht bekam.
Ich möchte über Jahre in diesen Sounds versinken und mich verlieren. Masvidals Gitarre weist mir den Weg und mir ist im Grunde egal, wohin er mich führen wird.
Chuck Schuldiner prägte den Satz "Let the metal flow!" - Paul Masvidal hat nun die passenden Songs dafür geschrieben.
Vinyl: Das Mastering meiner Version auf türkisem Vinyl scheint die sowieso schon wahrnehmbare Kompression im Sounddesign noch weiter in den Vordergrund zu stellen; man merkt, dass es der Musik etwas schwer fällt, die Luft zum Atmen zu finden. Ich gehe davon aus, dass es sich hier um eine aktive Entscheidung im Entstehungsprozess des Albums handelt. Cynic Platten klingen nicht zum ersten Mal so. Die Pressung ist komplett fehlerfrei. Das wirklich atemberaubende und wertige Triple-Gatefold auf mattem, sich seidig anfühlendem Karton in Verbindung mit dem grandiosen Cover-Design von Künstlerin Martina Hoffmann ist nichts weniger als imposant.
Erschienen auf Seasons Of Mist, 2021.
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