04.05.2014

Tout Nouveau Tout Beau (10)


Krassofant: seit über einem halben Jahr gab es keine "Neue Besen kehren gut"-Rubrik mehr hier zu lesen. Der Thrash Countdown und der Top 20 Countdown haben nach Opfern gerufen, und sie mit den neuen Besen auch bekommen. Skandalös.

Machen wir also mal wieder mit drei neuen Scheiben weiter, die sich mittlerweile im Regal tummeln.




ACTRESS - GHETTOVILLE

Der Blätterwald der elektronischen Musik brachte für Darren Cunninghams neues Werk "Ghettoville" ordentlich die Hypemaschine ans Bratzeln; der Brite ist nicht zuletzt aufgrund der dargebrachten Zuneigung der schreibenden Zunft einer der Stars der Produzentenszene. Und selbst wenn sein letztes Album "Splazsh" es immerhin auf Platz 18 meiner Bestenliste des Jahres 2010 brachte, hinterließ es dennoch einen verwirrten Florian, der im hochkomplexen Abbild von dick aufgeschlagenen Grautönen mit minimalen Farbblitzen verloren ging. "Ghettoville" packt der Herausforderung, sich seiner Musik zu nähern, nochmal eine Schippe drauf, wenngleich es sich stilistisch ein wenig homogener als der Vorgänger präsentiert. Cunningham taucht hier noch tiefer in undurchdringbares Beatgestrüpp ein, spielt mit kontrastierenden Szenenwechseln und Fluchtpunkten und setzt die Gesamtwirkung dieses monumentalen Albums, das 16 Tracks über 3 Vinylscheiben verteilt, in den Fokus. Das kann also noch was werden, für den Moment muss ich aber hier die Segel streichen: ich raffe "Ghettoville" noch kein Stück, aber die Puzzleteile erscheinen übersichtlicher als jene von "Splazsh".

Erschienen auf Werk Discs, 2014.




SEGUE - THE HERE AND NOW

Wie schon beim Vorgänger "Pacifica" brauchte es auch bei "The Here And Now" den Hinweis von Kumpel Oli, ohne den mir das 2014er Premierenalbum des kanadischen Produzenten Jordan Sauer wohl zumindest fürs Erste durch die Lappen gegangen wäre. "Pacifica" war vor allem aufgrund seiner Abstraktion ein Juwel des vergangenen Jahres, weil es Schönheit und Freiheit aus der Ferne behandelte und dennoch so wärmend und auch tröstlich erschien. "The Here And Now" macht mir das Leben etwas schwerer: der Melodienanteil ist deutlich nach oben geschraubt worden und insgesamt schielt mir "The Here And Now" ein bisschen zu sehr auf das Indie-Metchen, das mit Strohballen auf dem Kopf und Designer-Sonnenbrille auf der Nase die Festivalsaison begehen wird. Und ich mag weder Indie-Metchen, noch Festivals. Vielleicht ist's aber auch nur meine falsche Programmierung im Kopf, die mich nicht die totale Abhuldigung durchziehen lässt - und was falsch programmiert ist, kann man auch wieder richtig programmieren. Was mit dem VHS-Videorekorder von 1983 klappte, klappt schließlich auch in meinem Hirn. Denn was trotz der folgerichtigen Auflösung der Abstraktion auch für "The Here And Now" stimmt: Segue's Musik ist immer hörenswert und seine Mischung aus Dreampop, Ambient und Dub-Techno ist selbst knietief im Kitsch watend noch wunderschön.

Erschienen auf Sem, 2014.




LEON VYNEHALL - MUSIC FOR THE UNINVITED

Ganz im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Alben hat mich das neue Album (6 Songs, 36 Minuten Spielzeit, und ja: für mich ist das ein Album) von Leon Vynehall sofort mit großem Doppelfisting umgeboxt. "Music For The Uninvited" ist der Soundtrack für den Frühling und den Sommer, und wenn meinereiner noch wenigstens im Ansatz fühlen könnte, wie sich ein euphorischer Einstieg in die Zeit mit Temperaturen über 15°C noch vor 5 Jahren agefühlt hat, dann würde ich nackig durch Sossenheim rennen und mich vom gestern erstmals entdeckten vollgesoffenen Nazi-Pärchen vermutlich verprügeln lassen. Kein Raum für Gewalt oder auch nur trübe Tassen auf "Music For The Uninvited": Vynehalls Deep House ist vollgepackt mit Glücksblüten aus dem Garten Eden, Pollenflug, unbefleckte Empfängnis, hemmungsloses Gerammel mit Frau Adam und Herrn Eva. Sie wissen schon. Ein Track wie "Be Brave, Clench Fists" trifft einen trotz der für gewöhnlich nicht über Gebühr tiefgehenden und anspruchsvollen Housemusik regelrecht ins Herz und lässt dort einen Impuls fallen, der mich wieder an dieses seltsame Leben erinnert. Und an die Musik. Und an die dazwischen liegende Verbindung, die manchmal durch die innere und äußere emotionale Kälte einfach nicht anpingbar ist. Vynehall schmeißt dafür den Schwerelos-Dampfreiniger an.

Erschienen auf 3024, 2014.

27.04.2014

Playlist (KW17)

Mal gucken, wie lange es hält.

Mit freundlicher Unterstützung von Last.fm, meines Plattenspielers und meines Erinnerungsvermögens: unsere 10 meistgehörten Platten für die Woche vom 21.4. - 27.4.2014.


01 Bvdub- I'll Only Break Your heart

02 Vermont - Vermont

03 Segue - The Here And Now

04 Earthen Sea - Mirage

05 Thievery Corporation - Saudade

06 Candlemass - Live

07 Kassem Mosse - Workshop 19

08 The KLF - The White Room

09 Kangding Ray - Solens Arc

10 Rainer Veil - New Brutalism

26.04.2014

Record Store Day 2014 - Teil 2

Freund Simon und meine Wenigkeit ließen es, so ziemlich unserem Naturell entsprechend, ruhig angehen, zumal keiner von uns auf der Jagd nach den mutmaßlichen Raritäten die Machete zwischen den Zähnen klemmen hatte. Ich hatte drei Titel lose notiert und wenn ich sie finden sollte, dann wäre ich durchaus glücklich. Andererseits wissen wir beide von der Preisstruktur und sahen uns ob der aufgerufenen Preise im Laden schon in den letzten Jahren mehr als nur einmal ungläubig an. Die Chancen auf Erfolg standen also so  oder so nicht gerade blendend. Ein Kaffee auf der zugigen Sonnenterasse, bevor wir uns zur ersten Station aufmachen: Lucky Star Records in Bornheim. Der inklusive Klo 24qm kleine Laden in der Heidestraße hatte im vergangenen Jahr sogar ein kleines Feature in der Frankfurter Rundschau und ist als einer von vier teilnehmenden Frankfurter Plattenläden beim Record Store Day dabei, 2014 bereits zum dritten Mal.

Es ist kurz nach 12 Uhr, als wir ankommen, und Inhaber Günter Henn berichtet, der Laden sei direkt nach Öffnung um 11 Uhr aus allen Nähten geplatzt. Davon zeugt das beinahe leergeräumte "RSD 2014"-Fach. Waren die Heuschrecken also schon da. Ich mag den Lucky Star, der besonders in Sachen Jazz, Soul/Funk und Stoner- und Doom Metal das ein oder andere unerwartete Schätzchen führt. Ich finde nicht allzuoft etwas, aber der Laden hat Charme. Und hätte ich die zweite Danzig-LP nicht schon im Schrank stehen, hätte ich sie zum fairen Kurs von 20 Euro dieses Mal mitgenommen.

Weiter geht's zu meinem persönlichen Frankfurter Favoriten: Big Black Records in der Eisernen Hand. Bei meinem ersten Besuch 2009 war ich schon Feuer und Flamme für diese unbekannte Chaosperle Frankfurts: der große Verkaufsraum war mit Stehlampen, Staubsaugern, Radios, Fernsehern und tausenden Schallplatten vollgerümpelt, und wer an die Kisten mit dem schwarzen Gold wollte, musste mit dem ganzen Krempel erstmal Tetris spielen. Die Kundschaft aus dem Nordend-Kiez, die sich reparierte Handys, Plattenspieler oder Radios abholt, ist immer für einen Lacher gut und unterstützt so die luftige, entspannte Atmosphäre des Ladens. Der Inhaber, ein extrasympathischer und sehr hilsbereiter, lockerer Typ, hat indes in den letzten Monaten etwas klar Schiff gemacht, das war am Samstag deutlich zu sehen. Das Repertoire umfasst sämtliche relevante Stilrichtungen, die Preise sind in der Regel absolut fair und außerdem gibt es nicht selten einen schönen Rabatt. Ich entdeckte Ministrys "Psalm 69" und eine alte Gil Scott Heron 12-Inch ("Space Shuttle" von 1991) und freute mich wie Bolle. Big Black nimmt nicht am Record Store Day teil, aber dieser Geheimtipp ist immer fester Bestandteil eines jeden Ausflugs in die hessische Vinylhölle.

Nächste Station: Sachsenhausen. Oder, wie wir Kenner sagen: Hachsensausen.
Sickwreckords in der Schulstraße ist eine Institution in Sachen Punk, Hardcore, Ska, Indie, Garage, Rockabilly und Reggea, außerdem gibt's ein großes Angebot für Jazz und Black Music-Aficionados. Sickwreckords nahm am Record Store Day teil und hat, um die RSD-Platten auszustellen, den Probehör-Plattenspieler für diesen Tag eingemottet. Das ist zwar doof, aber wenn man auf der Jagd nach den heiligen RSD-Scheiben ist, dann findet man hier das größte Angebot in ganz Frankfurt (keine Kunst, aber hey!). Ich fand meine drei Favoriten nicht, aber hätte ich viel zu viel Geld und außerdem einen Hirnschaden, dann hätte ich vielleicht die 18 Euro (!) für eine 12"-Maxi (!!) von Charles Bradley bezahlt. Oder die 30 Euro für die verdammte Oasis "Supersonic"-Maxi. Ein Song, der schlappe zwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Die nächste Frage ist rhetorisch, weil ja jeder die Antwort schon kennt, aber sei's drum: wird sowas wirklich gekauft? Zu den Preisen?


Was sich der Herr Dreikommaviernull gönnte: die geile Candlemass "Live"-Scheibe aus dem Jahr 1990 - ein Klassiker aus einer Zeit, in der man Metal noch hören konnte, ohne sich dabei vollzukotzen, "The White Room" von The KLF (dummerweise mit praktisch unsichtbarem, dafür aber leider deutlich hörbarem Längskratzer), Soundgardens "Loud Love" 12" mit grandiosem Pressfehler (die Platte ist schlicht nicht zentriert gepresst, was den Tonarm zu wilden Salsa-Abfahrten anstachelt - noch nie gesehen, sowas) und eine krude, aber dafür höggschd (Bundesjogi) interessante Platte einer ebenso kruden wie interessanten Band: "Sinister Funkhouse #17", das Debut von Last Crack. Der Nachfolger "Burning Time" (produziert von Dave Jerden) ist so eine Art vergessene Perle des Metals oder des Alternative Rocks - so genau lässt sich das bei Last Crack nicht sagen, was auch gleichzeitig ihr größtes Problem war: musikalisch zwischen allen Stühlen, dazu auf einem reinen Metallabel (Roadrunner) - eher hätte man im hochsommerlichen Freibad eine Skiausrüstung verkaufen können, als im musikalischen Klima Anfang der neunziger Jahre eine solche Band zu vermarkten. Egal. Mein Geheimtipp für diese Woche: Last Crack. Kaufen. Lohnt.

Wir fallen aus dem Sickwreckords raus und in den No.2 hinein - die Läden liegen nur wenige Meter auseinander und es bietet sich an, immer einen Blick in beide Häuser zu werfen. Der No.2 in der Wallstraße ist nach dem Brand im Jahr 2009 und dem anschließenden Umzug in die neuen alten Räume der OP-Saal unter den Frankfurter Plattenläden. Hier könnte man auf dem Fußboden problemlos eine Herz-OP durchführen: sehr aufgeräumt, eine sehr klare Struktur und sehr viel Platz. Die Platten passen sich in 49 von 50 Fällen diesem Niveau an und sind immer in piekfeinem Zustand. Ab und an finde ich in der Metalabteilung ein lange gesuchtes Schätzchen, beim restlichen Programm wird die Luft immer etwas dünn für mich, zumal die Herrschaften wissen, welchen Preis sie auf die Platten pappen können. No time for Schnäppchen. Folgerichtig ging ich auch dieses Mal mit leeren Händen nach Hause.

Letzte Station unseres Trips war Mythos Records in der Höhenstraße in Bornheim, ein Laden, den Simon und ich beim letzten Besuch als nicht besinnungslos überragend empfanden, der aber, als ich im Dezember mit Freund Jens dort die Regale durchforstete, einen deutlich besseren und sympathischeren Eindruck machte. Auch dieses Mal war es ein angenehmer Aufenthalt, obwohl ich auch hier das Portemonnaie in der Tasche ließ. Besonders im Alternative/Indie/Punk-Fach tummelt sich die ein oder andere schöne Scheibe, preislich durchweg im Durchschnitt. Kann man also schon machen. Inhaber Christos, der den beiden Jungs, die bereits im Sickwreckords augenscheinlich in erster Linie auf der Jagd nach Record Store Day-"Raritäten" (hihi) waren, auf ihre Frage,wo denn der heiße RSD-Scheiß zu finden sei, gleich eine Absage erteilte ("Da mach' ich nicht mit!"), erzählte uns anschließend auch noch seine Sicht auf das Konzept des Record Store Days. Viel zu viel Arbeit, viel zu viele wirre Emails und Telefonate, viel zu viele Idioten - und da man den ganzen Krimskrams, den man bestellte und vielleicht sogar geliefert bekam, ja auch nicht zurückschicken kann, sitzt man am Ende auf einem (Andrea) Berg Platten, die keiner haben will. Kein neues Problem: selbst der kleine Rough Trade Schuppen in London hatte noch schön die "RSD 2010" und "RSD 2011" Fächer rumstehen. Im Jahr 2012, wohlgemerkt.

Angeblich war auch "CDs am Goethehaus" Teilnehmer, allerdings nur auf Basis von Vorbestellungen, weshalb wir hier nicht reinschauten. Und, und das ist jetzt richtig schlimm, beziehungsweise haarsträubend: Memphis Records, ein mir noch unbekannter Laden in der Friedberger Landstraße, hat auch teilgenommen. Und ich wusste es nicht. Ich wusste nicht mal, dass es den Laden gibt. Das muss nachgeholt werden. Simon: das müssen wir uns bei Gelegenheit ansehen!

Vinyl saves!

22.04.2014

Record Store Day 2014



Allmählich entwickelt sich der Record Store Day zu einer Art Katatrophengaffen - man möchte eigentlich nicht hinsehen, dackelt aber dann doch in die erste Reihe, um vielleicht etwas zu erhaschen, in diesem Fall also: zu kaufen. Kaufen, kaufen, kaufen. Wir müssen immer alles kaufen.

Was als weithin unschuldiges Konzept zur Rettung der lokalen und unabhängigen Plattenläden begann, ist mittlerweile und zum großen Teil eine von Majorlabels gekaperte und durchkommerzialisierte Peinlichkeit geworden, die die für gewöhnlich mit Spinnweben versehenen Kartoffelpupser aus ihren 40qm Heimat herauslockt, damit die neuen Sammlerstücke bald einziehen dürfen. 500 vermeintlich exklusive Veröffentlichungen waren es im Jahr 2014, und mal ganz davon abgesehen, dass man sich schon fragt, wer diesen ganzen Scheiß mit Reis eigentlich kaufen soll, vor allem den völlig unbekannten Krempel, hat ein Plattenvertrieb wie Kudos aus London für die Wochen rund um den Termin am 19.4. schon die Segel gestrichen.

So groß die Faszination für Schallplatten und das Abtauchen in die Parallelwelt Plattenladen auch sein mögen, so unsinnig ist mittlerweile der ursprüngliche Ansatz geworden. Der Record Store Day fördert nicht den Erhalt lokaler Plattenhändler, er fördert viel mehr den Sammel- und Exklusivitätswahn, der seit dem Vinyl-Revival so oder so schon jeden 2nd Hand Dealer in Beschlag genommen hat. Dem man allerdings im Zweifelsfall keinen Vorwurf machen kann: wenn jemand einen dreistelligen Eurobetrag für eine Schallplatte bezahlen mag, die er an anderer Stelle auch für 20 Euro bekommen kann, dann ist das nicht seine Schuld. Dass aber auch im Vinylland jede Kompassnadel verrückt spielt, die den gesunden Menschenverstand versucht zu markieren, ist seit einigen Jahren nichts Neues mehr. Solange die Macher des Record Store Days weiter mit intransparenten Auflagenzahlen und ebenso undurchschaubarer Verteilungsstruktur fortfahren, fördern sie genau das Gegenteil des eigentlich sympathischen und sogar wichtigen Ziels: die Plattenläden sind einmal pro Jahr voll, zumindest für die halbe Stunde, bis die ganzen hochwertigen und raren Boxsets, Represses und bunte Vinyle von den Heuschrecken ausverkauft sind, die sie zwei Stunden später für den zwanzigfachen Preis auf Ebay und Discogs hochladen, danach kehrt jedoch wieder die ohrenbetäubende Ruhe zurück. Und die Sammelhengste kaufen die neue Bob Dylan Scheibe auf Amazon, die Rarität für drölf Trilliarden Euro bei Discogs. Aus Chile. Oder Japan. Hauptsache Italien, beziehungsweise: alles total lokal.

Der Record Store Day ist ein kurzfristiger Impuls, meinetwegen auch eine kurze Erinnerung daran, dass es da draußen auch noch Realitäten gibt, die Ladenpacht, Personalkosten und Existenzangst heißen. Und dafür ist es gut. Sehr gut sogar, das steht außerhalb jeder Diskussion. Aber in derart schnellen, oberflächlichen und vergesslichen Zeiten, in denen die Mobilgurke mit Spiegel Online-Eilmeldungen und Kriegstickern vollgepackt ist, die virtuelle Warteschlange für die nächste angesagte Hollywoodserie immer größer wird und selbst der stetige Konsum von Information uns mit einem leeren Bauch, Herz und Hirn zurücklässt, weil alles nur noch Selbstzweck und Pose ist, ist der Effekt so schnell verpufft, wie das Lippenbekenntnis "So kann das hier alles nicht weitergehen" den Weg ins Freie findet.

Das ist die eine Seite. Und weil alles ambivalent und vielschichtig und in Millionen Grautönen abbildbar ist, gibt es auch noch die andere Seite: der Florian, der watschelt auch jedes Jahr in die Frankfurter Plattenläden. Selbst und ganz besonders in jene, die dem Klimbim eine Absage erteilt haben, weil sie weder die 125 Euro Teilnahmegebühr bezahlen, noch ihre Kundschaft (und sich selbst) verarschen lassen wollen. Frei nach der Einschätzung von Brad Sanders, der in seinem Beitrag den Satz "I’ll go, but I don’t have to like it." erwähnt. Seine restliche Argumentation, es sei begrüßenswert, wenn möglichst viele Metaller am RSD in die Läden stürmen, um die ganzen Metalplatten leerzukaufen, weil der Händler dann mehr Metal ins Programm nimmt und die Labels mehr Platten pressen, ist natürlich ein naives und abgesoffenes Gedankenaquarium, aber sei's drum.

Über meinen inkonsequenten Samstag in den Frankfurter Plattenläden schreibe ich im nächsten Beitrag. Bleiben sie dran, ich zähl solange.

21.04.2014

"I’m in this for life."

Ein sehr ausführliches Headphone Commute-Interview mit Brock van Wey aka BVDUB, East Of Oceans und Earth House Hold ist unter dem folgenden Link zu finden:

In the studio with Brock Van Wey

Brock beschreibt darin seinen kompositorischen Ansatz, seine Sicht auf seine (sehr raren) Livegigs, die Umgebung, in der er seine Songs produziert und wenigstens am Rande auch sein technisches Setup, wenngleich auffällig ist, dass er bei diesen Fragen sehr schnell die Abfahrt nimmt, die ihn weg von der technischen Komponente führt. Allerdings, und das gibt's als Teaser bereits hier zu lesen, ist seine Laptop-Geschichte ein Traum:


I only use Asus computers (I currently have 5, 3 for music production, 1 for live shows, and 1 for everyday use). In the city I live in, the woman who runs the Asus store is a friend of mine, so she pulled a bunch of strings and allowed me to go to the Asus factory (it’s about an hour from where I live) and not only work with them to build custom laptops purely designed completely to my specifications (anyone who knows laptops knows that’s nearly impossible), complete with custom-made motherboards and nearly all custom-made hardware all built directly at the factory and specially designed to optimally sync with each other – but she then hired out her best tech guy to work solely for me, and who is a complete magician, to build me a custom version of Windows 7 from scratch (meaning he modeled it after Windows 7 but it’s completely custom-built and written from the ground up) that can only run what I use to play a show. It can’t get on the internet, it can’t run any other software, and it has zero other capabilities or functions… Hell, it can’t even type text outside of specifically designated parameters limited to what I use for the show. So it has literally zero things running in the background, and the CPU is always 100% dedicated to whatever I’m doing musically. My three music machines are set up the same way, but with those ones he adapted the system to be slightly more flexible, so I can add in new operations, software, hardware, and functions as needed. And I can type stuff in a few more situations, otherwise it’s kinda hard to keep track of finished tracks (haha). But the amount of unbridled power and unshakable focus those things can generate is frightening.

20.04.2014

Voice'n'Bones



VALERIE JUNE - PUSHIN' AGAINST A STONE

"Pushin' Against A Stone" stand schon lange Zeit auf meinem virtuellen Einkaufszettel, vornehmlich aus dem Irrglauben heraus, die knapp dreißigjährige Sängerin aus Memphis hätte auf ihrem Debutalbum Interpretationen von ollen Nina Simone-Songs im Angebot - was mich und meine Verehrung für die Jazzlegende natürlich ziemlich wuschig werden ließ. Man möge mich indes bitte heute nicht mehr fragen, wie ich darauf kam - Freund Jens, der meinen diesbezüglichen Einkaufstipp im Schallplattenkaufladen zum Glück mit lediglich gelupfter Augenbraue und nicht etwa mit gezückter Kreditkarte quittierte, war nach einem Probedurchgang irritiert: das sei ja schon sehr südstaatig und redneckig und eher so "Äh?!". Ich kann ihm da nicht grundlegend widersprechen und wer eine unüberwinbare Allergie bei Kontakt mit US-amerikanischem Südstaatenfolk hat, der wird mit "Pushin' Against A Stone" nicht zwangsläufig hyposensibilisiert werden können. Oder vielleicht doch?

Nun hat der Autor dieses Blogs, wie schon, auch wenn nicht exklusiv dort, im Posting zu "Outroduction" der New Amsterdams festgehalten, durchaus gröbere Vorbehalte gegen dieses Folk und Country und Americana-Genre, und die Fixierung von so manchem Hipster-Indiefuzzi auf Bart, Banjo und Baumwollplantage hinterlässt für gewöhnlich einige böse Verbalinjurien auf meinen Lippen. So bleibt es unvermeidlich, dass es Momente auf dieser Platte gibt, die ich als echte Herausforderung begreife, und es wird nicht besser, wenn textlich das Gebetsbuch herausgeholt wird - aber man wächst ja mit seinen Aufgaben. Bei "Trials, Troubles, Tribulations" zwitschert mir das nasale Plärren Junes ein paar Mal zu oft was von "Cheeezus" ins Ohr und auch bei "Tennessee Time" sitzen mir ein paar Neanderthaler zu viel um das prasselnde Lagerfeuer herum. Andererseits fällt es mir schwer, zu den übrigen Songs ähnliche Gedanken aus dem Hirn zu wringen: Junes spitze Stimme ist sicherlich nicht Jedermanns Geschmack (was ganz grundlegend schon mal für einen dicken Pluspunkt sorgt), aber sie hat Charakter und Seele. Die Produktion von Dan Auerbach von den Black Keys ist mit dem unentwegten Pendeln zwischen sprödem Minimalismus wie in "Somebody To Love" und opuletenen Funk/Soul-Ansätzen wie in "Wanna Be On Your Mind" oder "Twined & Twisted" eine kleine Sensation, die Songs sind hingebungsvoll und melancholisch, manchmal wunderbar wiederborstig, bluesig und sogar schroffrockig wie in "You Can't Be Told".

Erschienen auf Sunday Best, 2013.

18.04.2014

The Idiot Whisperer II

Vor gut zwölf Monaten hatte ich den US-amerikanischen Entertainer Bill Maher auf diesen Seiten lobend erwähnt:

The Idiot Whisperer

und der heutige Karfreitag scheint ein besonders guter Termin für einen aktuellen Programmhinweis zu sein.

Vor wenigen Wochen ist nämlich das in meinem ersten Beitrag erwähnte Set "But I'm Not Wrong" wieder auf Youtube aufgetaucht. Da es hierzu auch eine DVD-Version gibt, die offensichtlich der Grund dafür ist, warum alle ehemals hochgeladenen Videos umgehend wieder gelöscht wurden, ist davon auszugehen, dass sich auch diese Version nicht lange halten wird. Deswegen sei an dieser Stelle der besonders schnelle Blick empfohlen.

"But I'm Not Wrong" ist im Jahre 2010 aufgezeichnet worden, demnach inhaltlich nicht mehr so irrsinnig taufrisch; da sich das Konzept von "Religion" auch in den letzten vier Jahren aber noch ganz prächtig gehalten hat, die "Klimalüge" immer noch in den Köpfen von Zurückgebliebenen existiert, Sexismus und Rassismus en vogue sind, und sich die sowohl politisch als auch medial inszenierte Hysterie so griffig und schnell wie noch niemals zuvor auf die Gesellschaft überträgt, sind viele von Mahers Einlassungen auch heute noch aktuell und die Themen zeitlos. Dummerweise. Ich wünschte ja, so manche grobe Unverschämtheit langsam zu den Akten legen zu können.

Was auffällig ist: sowohl beim Programm "I'm Swiss" (zu finden unter dem oben verlinkten Blogpost aus dem März 2013), als auch bei "But I'm Not Wrong" sitzen in der ersten Reihe Menschen, die keinen Hehl daraus machen, mit Mahers Ansichten nicht im Entferntesten übereinzustimmen. Bei "I'm Swiss" war es eine vierköpfige Familie, die an keiner Stelle klatschte oder lachte und zwei Sekunden nach Mahers Abgang die Sachen packte, bei "But I'm Not Wrong" ist es ein Pärchen, das von Maher während der knapp 80 Minuten desöfteren angegangen wird ("A sweater vest? In 2010? Let me guess - Republican?"). Ich frage mich ja, ob man die Leute da absichtlich für die Aufzeichnung hingesetzt hat, damit Maher im Verlauf des Sets die ein oder andere Pointe auf deren Kosten setzen kann, oder ob das US-amerikanische Comedy-Publikum wirklich so schmerzfrei ist, dass es sich auch zu politisch eindeutig entgegengesetzten Comedians treiben lässt. Aber dann wirklich gleich in die erste Reihe? Really?

Wie dem auch sei. Bill Maher. But I'm Not Wrong.




11.04.2014

Von der Einzigartigkeit



SPAIN - SARGENT PLACE


Manchmal frage ich mich im Rückblick auf so manche alte und sogenannte "Rezension" schon, was sich da in meinem Blutkreislauf breitmachte; insbesondere stellt sich die Frage für die Überschrift zum Text über das Debut von Spain. Andererseits: im September 2009 verlustierte sich "Florjan" (S.Holz) noch dank großzügiger Auszahlung des alten Arbeitgebers als Privatier, wurde terminlich geradezu optimal von Iron Maiden mit der Zahlung von 1400 Steinen abgemahnt - diese blöden Ficker! - und war abgesehen davon weitgehend sorgenfrei. Da fällt einem auch mal etwas aus dem Kopf, das man fünf Jahre später und in veritabler Lebenskrise (vierteldramatische Übertreibung) nicht mehr ganz nachvollziehen kann.

Inhaltlich ist die damalige Beschreibung von Josh Hadens Slowcore-Band indes noch völlig intakt, und meine Bewunderung für diesen beinahe sehr einzigartigen Sound der Kapelle ist über die Jahre nicht kleiner geworden. Ich sah "Sargent Place" vor wenigen Tagen im Stuttgarter Second Hand Plattenladen und obwohl ich mich bereits für andere neue Mitbewohner entschieden hatte, verwarf ich die ursprüngliche Auswahl, um das neue Album von Spain mit nach Hause zu nehmen. Der Sohn des Jazzbassisten Charlie Haden (vgl. "Nocturne") will es nebst neu formierter Begleitband, man quintettet mittlerweile vor sich hin, jetzt wissen: nach über zehnjähriger Veröffentlichungspause erscheint seit 2012 jeweils eine neue Platte pro Jahr.

"Sargent Place" ist musikalisch nicht mehr ganz so charmant vermodert wie das ikonische Debut, das uns vor allem super-schlomo-schlürfenden Indieblues anbot. Zur großen Überraschung hat sich eine waschechte Uptemponummer wie "Sunday Morning" auf das aktuelle Album geschmuggelt, die mich, inklusive eines Rockgitarrensolos und flockigen "Dubidubi"-Chören, fast vom Sessel klopft. "It Could Be Heaven" ist im Bandkosmos auch ein kleiner Ausreißer; nicht ganz so stürmisch wie der Sonntagmorgen, aber wach genug, um den Song als Morgenmusik zur ersten Tasse Kaffee und mit melancholisch-verträumten Blick aus dem Fenster zu genießen. Klappt ganz wunderbar.

Das ist alles mit großer Raffinesse gespielt und exzellent produziert - die Schallplatte klingt so großartig wie nur wenige andere Scheiben in den letzten zwölf Monaten. Sowas nimmt man nicht mit Boxhandschuhen zwischen Tür und Angel auf, da sitzt jeder Akzent und jeder Schunkler: wie sich die Band bei "From The Dust" hörbar zusammenreißt und fast schon zurückhalten muss, damit sie den Effekt in der Strophe, dieses Aufschwingen auch wirklich akzentuiert und genau trifft - da macht das Zuhören und das Entdecken großen Spaß. Könnte eine der Platten des Jahres werden.

Erschienen auf Glitterhouse Records, 2014.

07.04.2014

An eskimo face from the nineties

“Writing this now, God, how I miss the cultural side of the eighties - the rhetoric, the raggedy clothes, the politics, gigs you were frightened to go into, Radio 1 when it had weird bits, Channel 4 when it was radical, the NME when it had writers, and the thrill of discovering underground music and new comedy for yourself.”
Stewart Lee, How I Escaped My Certain Fate

Vor einigen Jahren wurde ich dank des damaligen Titanic-Redakteurs Oliver Nagel und dessen "Humorkritik Spezial" im endgültigen Satiremagazin, auf den britischen Komödianten, Autor, Regisseur und Musiker Stewart Lee aufmerksam. Nagel, der außerdem seine Leidenschaft, praktisch jeden zu kennen, zu erforschen und zu beschreiben, der jemals in Großbritannien auf einer Bühne stand oder im Fernsehen war, um die Mitinsassen zu erheitern, auf der überaus angemessen betitelten und darüber hinaus ganz famosen Website www.britcoms.de feiert, war voll des Lobes über diesen Mann, dessen Ansatz sich so deutlich von nahezu allen anderen Stand-up Comedians unterscheidet. Lange Jahre war sich das Publikum nicht sicher, was es mit Lees vermeintlich vermurksten Pointen, den absurden Wiederholungen und der prachtvollen Übellaunigkeit eigentlich anstellen sollte - mittlerweile ist man schlauer: nach mehreren sehr erfolgreichen BBC-Programmen und Tourneen durch das vereinte Königreich, werden die Hallen größer, und die Zweifel kleiner. Lee ist kein Großmaul, banale Parolen und offensichtliche Crowdpleaser sind in seinen Sets nicht zu finden, es sei denn, sie dienen dramaturgisch der zu spielenden Rolle. Dafür verpackt er seine Gags in zweifach Alufolie, die er zuerst zusammenditscht und -knetet, plattdrückt und als Kügelchen minutenlang über und durch die Köpfe seiner Zuhörer schweben lässt, bevor er, nicht selten mit einem einzigen Satz, alles in Flammen aufgehen lässt.

In den vergangenen Wochen zog es mich immer öfter zu den Stewart Lee-Clips auf Youtube, vor allem deshalb, weil ich seit mindestens drei halben Ewigkeiten auf der Suche nach einem ganz bestimmten Video bin, das mir, jedenfalls in meiner vernebelten Erinnerung heraus, von Oliver Nagel in dem erwähnten Titanic-Artikel empfohlen wurde. Also, nicht mir persönlich, aber uns. Uns Leser. Ihr wisst schon. *handwedel* Jedenfalls: ich kenne mittlerweile fast alles, was jemals von Stewart Lee erdacht und präsentiert wurde, aber das gesuchte Werk - unauffindbar. Wie vom virtuellen Erdboden verschluckt.

Vor zwei Wochen fasste sich der Florian schließlich ein Herz und belästigte den kongenialen ehemaligen Titanic-Partner von Stefan "Ich will ein Kind von Dir" Gärtner direkt auf seiner Seite - und erhielt nach der Aufzählung der noch im Hinterkopf verschlumpften Gedankenbrocken "Grabstein", "irgendein Typ, der Lee auf die Palme brachte" und einem eher weniger schmeichelhaften Schimpfwort doch tatsächlich den entscheidenen Hinweis.

Es ist selbstverständlich lohnenswert, den kompletten Clip zu schauen, wenngleich sich der eben kurz umrissene Teil erst ab 4:40 bahnbricht:





Außerdem möchte, ach was: MUSS ich noch auf zwei weitere besonders herausragende Episoden hinweisen, die mich und die Herzallerliebste zum unkontrollierten Heulen brachten. Beim ersten Video zitiert Lee vermeintlich echte Kommentare aus dem Internet:





Nummer zwei zeigt die letzten 15 Minuten eines gut 40-minütigen Rants über die äußerst beliebte britische Fernsehserie "Top Gear", ein einstündiges, auf BBC Two ausgestrahltes Automagazin, das mittlerweile weltweit mit rund 350 Millionen Zuschauern protzen darf. Lee weiß, dass die Mehrheit seines Publikums "Top Gear" liebt - und macht es in seinem Programm “If You Prefer a Milder Comedian, Please Ask For One" trotzdem, oder gerade deswegen, zu einem zentralen Thema.







Und wer dann noch nicht genug hat, darf sich dieses ausführliche Interview mit Stewart Lee durchlesen, das im Jahr 2011 in der Financial Times erschienen ist

Und: die DVDs seiner Programme gibt's auf amazon.co.uk zu kaufen.

05.04.2014

Forever Young



THE NEW AMSTERDAMS - OUTRODUCTION


Indierock mit Folk- und Countryeinflüssen ist für gewöhnlich ja genau mein Ding - genauso wie die CDU, der FC Bayern München und Fleischsalat. Diese anschmiegsame Soße für verklärte Romantik, für das seichte Wohlfühlen, für Oberlippenbart-Image und das Vaterland kann mir gestohlen bleiben - aber es gibt Ausnahmen. Im Jahr 2006, in meiner Funktion als Schmierfink für das mittlerweile verblichene Tinnitus-Webzine, erhielt ich die CD "Story Like A Scar" der The New Amsterdams. Just an dem Tag, an dem ich die neuen Lieferungen von Chefredakteur Haiko aus dem Briefkasten fummelte, hatte ich Besuch aus dem Schwäbischen, und meine beiden Freunde freuten sich nicht nur über die ebenfalls beiliegende neue IAMX-Scheibe, sondern auch und sogar insbesondere über Matt Pryors neues Spielzeug, auf das er sich nach dem Ende seiner ungleich bekannteren Hauptband The Get Up Kids in erster Linie konzentrierte. Womit auch meine Liebe zu dieser Band ihren Anfang nahm.

The New Amsterdams wurden im Jahr 2000 gegründet und veröffentlichten zu Lebzeiten sieben Studioalben. "Outroduction" ist dabei ihr Schwanengesang, und es lag lediglich an der Zusammenstellung dieser Platte, dass sie nicht den Weg in meine 2013er Best of-Liste fand (auf der sie ansonsten ohne jede Diskussion gelandet wäre): "Outroduction" versammelt Bonustracks und B-Seiten ihrer Singles, ist dabei aber immer noch so anziehend charmant und musikalisch so großartig, als handele es sich um blitzsaubere 1A-Ware.

Es ist bisweilen ein verdrießliches Allerweltsgefasel, wenn in Plattenrezensionen von der Floskel "gutes/schlechtes Songwriting" die Rede ist, was nicht selten als kläglicher Versuch endet, Objektivität in etwas so emotionales und im besten Fall persönliches wie Musik einzubringen, meistens ohne Bezug und ohne weitere Erläuterung; dafür regnet es aber ordentlich Punkte bei den Checkern, die sich solche Sätze am liebsten in ihre Fleshtunnels ritzen lassen würden. Zugegeben, manchmal floskelt es sich auch ganz angenehm auf der beliebten Seite www.dreikommaviernull.de herum, und heute ist sogar manchmal: die Songs der New Amsterdams, hier besonders jene von Matt Pryor, tragen etwas in sich, das mich jedes Mal aufs Neue in Herz & Seele trifft. Ihre Kompositionen sind melodisch beängstigend oft brilliant, dabei zu gleichen Teilen melancholisch wie euphorisch, sie bringen mich in Gedanken dazu, in freier und unberührter Natur (ICH! NATUR! HAHA, ICH BIN WOHL BEKLOPPT!), im strahlenden Sonnenschein und bei gleichzeitig strömendem Regen das Leben genießen zu wollen.

Sie machen mich außerdem fast 20 Jahre jünger. Meine damalige New Amsterdams-Platte von 1994 hieß "It's A Shame About Ray", die passende Band hieß The Lemonheads. Ich habe gerade zu jener Platte ein so enges Verhältnis, weil ich so viele Momente meiner Jugend mit dieser Musik verbinde, vor allem lange Sommer, mit fröhlichen, durchgequatschten Nächten unter guten Freunden, mit Lachen und Lachen und Lachen. Und vor allem mit Unbeschwertheit. Weniger Wohlgesonnte sagen jetzt wohl Naivität. The New Amsterdams lösen bei unterschiedlicher Musik - denn man möge mir jetzt schließlich nicht mit "Die klingen doch völlig anders!" kommen, darum ging's ja nun nicht - selbst mit 36 Jahren, mit Spießerschüssel, Ehering, Familienhund und gemietetem Hexenhäuschen in der Peripherie dasselbe Gefühl aus: Liebe das Leben. Und werde am besten nie erwachsen.

Erschienen auf Nightshoes Syndicate, 2013.

02.04.2014

Schatzsuche



BLACK RENAISSANCE - BODY, MIND AND SPIRIT


Und nochmal Spiritual Jazz, bitteschön. Dieses Mal aber ein älteres Kaliber, genauer aus dem Jahr 1976. Ein für lange Zeit verschollener Schatz, der seitens den rührseligen Menschen von Ubiquity, beziehungsweise des Sublabels Luv 'N Haight, erstmals im Jahr 2002 gehoben werden konnte und nun eine neuerliche Überarbeitung als limitierte Version (jaja!) mit rotem Vinyl erfährt.

Dass Vinylsammler bisweilen nicht mehr das komplette Teeservice im Küchenoberschränkchen haben, dürfte hinlänglich bekannt sein; mir weniger wohlgesonnene Mitmenschen könnten im Ernstfall ähnliches von mir zu berichten wissen, wenngleich ich mich bei maximaler Reflektion eventuell eher hinsichtlich der insgesamt erworbenen Mengen, denn bezüglich kostspieliger Einzelkäufe ins Abseits stellen lassen könnte. Die teuerste Platte, die in meinem Ikea-Expedit steht, hat mich "nur" 50 Euro gekostet - was angesichts einer schwarzen Plastikscheibe mit eingeritzter Musik, die ich seit zwanzig Jahren kenne und seit ebenso langer Zeit als CD-Version im dafür vorgesehenen Turm steht, schon reichlich balla-balla, im Vergleich mit anderen Menschen und Schallplatten jedoch geradezu lächerlich ist, zieht man die Preisabfragebörse für Vinyl Popsike.Com zu Recherchezwecken heran. Die Originalpressung von "Body, Mind And Spirit" wechselte im Jahr 2009 zum Preis von schlappen 650 US-Dollar den Besitzer, bei Discogs werden im Mittel über 300 Euro gezahlt.

Der Mastermind hinter diesem Juwel, Pianist Harry Whitaker, ging in finanzieller Sicht leer aus - ein Schicksal, das er mit vielen Musikern seiner Generation teilt. Ich erinnere hier beispielhaft an Leon Gardner, der auf seinem obskuren Igloo Label 7-inches veröffentlichte, die es heute auf mittlere vierstellige Beträge bringen können, während er selbst möglicherweise als Obdachloser auf den Straßen von Los Angeles lebt (nicht bestätigt, sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt). Whitaker nahm "Body, Mind And Spirit" im Alter von 26 Jahren am Martin Luther King Day in New York auf, am 15.Januar 1976. Anschließend schickte er eine Kopie des Masterbands zum japanischen Baystate Label, die das Album ohne weitere Rücksprache mit Whitaker im Jahr 1977 veröffentlichten, allerdings nicht ohne den Aufnahmetermin auf dem Cover der Platte falsch zu drucken. Es gab keine Verträge, es gab keinen Deal - und Baystate war trotz einiger Besuche Whitakers in Japan nicht zu erreichen, geschweige denn zu finden. Das Label ist schon seit Jahrzehnten Geschichte.

Musikalisch ist "Body, Mind And Spirit" eine lohnenswerte Angelegenheit, sofern man auf diesen Mix aus (Free) Jazz und Rare Groove steht - überraschenderweise wurden die beiden überlangen Tracks frei improvisiert und in einem First Take aufgenommen. Es gab keine Proben, es gab keine Noten. Sie spielten einfach, vermutlich sich selbst in Hypnose. Das Wort kommt mir übrigens öfter in den Sinn, wenn sich "Body, Mind And Spirit" auf dem Plattenteller dreht. Besonders erwähnenswert ist die Beteiligung des Trompeters Woody Shaw - ihn habe ich seit meiner Begegnung mit ihm auf der "One Night With Blue Note Vol.2" LP (trotz des Jahres 1985 eine ganz, ganz großartige Platte mit dem traumhaften Line-Up Jackie McLean, Woody Shaw, Jack DeJohnette, Cecil McBee und McCoy Tyner) in mein Herz geschlossen, weil sein Ton so knallhart und klar, sein Stil so flüssig und wieselflink ist, dass es eine herausragende Freude ist, ihm zuzuhören. Ich kenne keine auch nur durchschnittliche Platte, auf der er mitwirkte. Auch Whitaker ist von Shaws Vorstellung auf seiner Scheibe begeistert und stolz:"Nobody has heard him play like that!"

Erschienen auf Luv 'N Haight , 2013.

29.03.2014

Let's make Jazz



MENAGERIE - THEY SHALL INHERIT


Über diese Platte hätten wir schon eine Ecke früher lesen können, wäre sie mir nicht erst im Dezember 2013 in die Hände gefallen. Zu diesem Zeitpunkt war meine Aufstellung über die Top 20 schon in veganen Schokokuchen eingeritzt, und es hätte sich auch nicht richtig angefühlt, nach fünfmaligem Hören von "They Shall Inherit" die ganze schöne Auswahl mit dem Hintern einzureißen, die mich zuvor schließlich mindestens zwei, wenn nicht gar drei Wochen schneller altern ließ. Den Legionen von Erbsenzählern erzähle ich natürlich auch nicht, dass das äußerst sympathische Label Tru Thoughts die Platte schon im Dezember 2012 auf den Markt warf, was sie de facto für das Jahr 2013 disqualifiziert. Aber ich bin ja der Chef hier. 

"They Shall Inherit" ist das erste Jazz-Album des Australiers Lance Ferguson, der außerdem mit der Deep Funk-Kapelle The Bamboos nicht wenig erfolgreich ist und unter dem Banner Lanu elektronische Musik produziert. Es ist ein Jazz-Album, das den Spiritual Jazz Entwürfen einer Alice Coltrane oder eines Pharaoh Sanders bedeutend näher steht als Ausflüge in den Swing, Bebop oder gar den Free Jazz, wenngleich die Nähe eher aus einem Gefühl als aus der Musik entsteht: allzu wilde Saxofonabfahrten und minutenlange Krishna-Mantren werden sich selbst bei genauem Studium nicht auf dieser Platte finden lassen. Der in Neuseeland geborene Gitarrist und Sänger verweist im Interview darauf, dass ihm die gegenwärtige Jazzszene mit ihren Hochleistungssoli nicht über Gebühr herausfordert, und er lieber ein Album im Kollektiv machen wollte, das niemanden in das Scheinwerferlicht stellt, sondern den Fokus auf eine feste Bandkonstellation und das gemeinschaftliche Zusammenspiel richtet. Tatsächlich hat Ferguson nicht weniger als zehn Musiker um sich geschart, um sein Jazzdebut zu einem opulenten und reichen Werk entwickeln zu lassen.

Freilich mögen und werden auch hier die ollen Jazzknochen die Nase rümpfen, denn so haben sie, selbst wenn ihr Held Roy Ayers mitmischt, nicht gewettet: "They Shall Inherit" ist groovy, tatsächlich song- und nicht solobasiert, und insgesamt eine sehr entspannte, souveräne Angelegenheit. Doch auch wenn die Herztropfen also im Apothekerschränkchen bleiben können, heißt das nicht, dass die Schlafpillen gleichfalls nicht benötigt werden: Dem Tentett ist ein positives, cooles Spiritual Jazz Album gelungen, das seit drei Monaten in meinem berüchtigten Rotationsstapel vor der Anlage liegt und immer wieder den Weg auf den Plattenteller findet, vorzugsweise am Wochenende zum gleichfalls berüchtigten und ausgiebigen Frühstück. Manchmal gibt's ja keinen besseren Soundtrack zum Essen als Jazz.



Erschienen auf Tru Thoughts, 2012.

24.03.2014

Lee Reed Or Fuck Off



LEE REED - EMERGENCY BROADCAST


How much fucked up stuffs enough
Until enough folk say that enough’s enough, huh?
~ aus "Enough"


Vor einigen Wochen wurde ich durch einen Tweet der kanadischen Punk-Helden von Propagandhi auf Lee Reed aufmerksam, einen politischen, radikalen Rapper aus dem in der südöstlichen kanadischen Provinz Ontario liegenden Städtchen Hamilton. Propagandhi-Sänger Chris Hannah hatte sich laut seines Tweets auf Bandcamp mit Reeds Album "Emergency Broadcast" eingedeckt, und er sollte an diesem Abend nicht der einzige bleiben: einige Minuten später zwitscherten die Follower einstimmig, dass sie sich die Platte ebenfalls heruntergeladen hatten, und Lee Reed bedankte sich artig bei seinen Kumpels für den unerwarteten Geldregen, optimal passend für das bevorstehende Wochenende.

Herr Dreikommaviernull konnte nach kurzem Reinhören ebenfalls nicht an sich halten und schickte zwei Handvoll Rap-Rappen über den großen Teich. Die Hoffnung war: wenn Propagandhi das so gut finden, dann werden mir hier sicherlich keine Bitches und Gangstas-Geschichten aufgetischt. Und die Hoffnung wurde erfüllt. Und es sollte sogar noch mehr als das geben.

So richtg geschnallt habe ich das aber erst, als ich drei Tage später zunächst beim morgendlichen Kaffeekochen, dann später auf dem Weg ins Büro "Emergency Broadcast" laufen ließ und beim vorletzten Track "Enough" ankam. Über die halbe Stunde Autofahrt von Wohnungs- bis Bürotür lief nur dieser eine Track in der Schleife. Was für ein Banger. Und was für ein Text!




Death's part of a complete breakfast
Got the tumors off of necks, chests and testes,
These cops won't arrest these doctors do tests
To perfect toxins in weapons, products in shops
Bird flu pox floats on a cough, rubbed off
Like snots on carts in food marts
And most popular art is garbage
And turns your kids all half retarded
Part of the target market that slaughter masses
Are fodder for plastic transactions
And fears and passions fill shopping baskets
Bankers’ assets increase drastic
And the peace won’t, last like gas and matches
On streets of Athens or of France
And then they move cancer like cans of coke
Spans the globe, both poles got holes in ozone
Info flow from the screen to skull, dreams are culled
Your best to think what you're told, and then there's
Not a peep from peeps in the fold
Because the sheep be sleeping so damn deeply
Neatly packaged as compact the data sold
To fuck knows who's moving truckloads
While most folks they can't cope with it
Until hopelessness grips the whole globe and shit

CHORUS:
How much fucked up stuffs enough
Until enough folk say that enough’s enough, huh?
How high does this shit gotta pile
Until the toxic bits start to drip from the sky?
How long we gotta hold our breath,
Hoping for something better than this

They sell us crap and call it classic
They get the masses all bat shit for that shit
Fears and passions keep Visa's maxed
And the interest stacks like gold pieces
Wall street hold heat while the debts increase
Palms are greasy, bombs unleashed too easy
Corrupted sleazy fucks with evil touch
The Beast clutch reach most places
Based on the race of the population
And they relationship to starvation
You know that our nation kinda holds the keys
But were controlled by greed
And we don't release it
Praise Jesus, we speak heat guided
Missile violence as resistance is silenced
And nickel and dime mankind til we finally
So far gone there’s just no surviving it


Das Tollste an dem Typen ist aber seine Art, sich über die großen Sauereien dieser Welt herzumachen - alleine ein Blick auf seine Facebook-Seite lässt mein Herz strahlen. Unter einem Link zu einem Artikel über das Ausspähen von friedlichen Demonstranten seitens des kanadischen Geheimdienstes steht beispielsweise:

Dear Kanada.. if you are NOT being spied on by your corrupted, sovereignty-robbing, future-munching, ecocidal, bankster serving, kleptocratic, petro-facist-police-state Government.. then you're not pulling your weight. Wake the fuck up. Get out there. And get radical. Your planet needs you.


Auch legendär sein Rant über die Canadian Music Week Awards:

Have you ever wondered how deep the rabbit hole goes for corruption in this thing known as the "Canadian Music Scene"… how tightly the music 'establishment' controls the financing, grants, funds, etc… the names that receive those dollars… how few industry mouths the apparatus feeds.. how obviously insular that world is… and how the same names, sitting on the same boards, voting for the same names, to get the same funding… crowns the same sorry handful of industry insiders and their mediocre artists.. with prizes, recognition, opportunity and HUNDREDS OF THOUSANDS OF DOLLAR$$$ IN GOVERNMENT FUNDING…

Ever wondered how bad that shit actually is? Then HAVE A LOOK AT THIS! The Canadian Music Week Awards nominees just got posted.

Best New Artists include:
Classified
Metric
Tegan and Sara

& the same 5-6 names litter EVERY award category.

??

On behalf of struggling artists across Kanada.. new artists.. young artists.. artists pushing genre boundaries and being the REAL life-blood of our nation's music scene.. here's big fat FUCK YOU to #CMW2014.. for keeping this corrupted agenda alive.. and rewarding the same tired mediocrity.

You all suck the largest & hairiest sasquatch balls.



Ich möchte all das nicht als sensationslüsternen Hinweis auf diesen Typen verstanden wissen, der hier mit - sagen wir mal: expliziter Lyrik - in einen großen Haufen Scheiße reinhaut. Ich möchte darauf hinweisen, weil ich aufrichtig glaube, dass es wichtig ist, dass es Künstler gibt, die informieren, die aufklären und die mit klarer Sprache kommunizieren. Die den Verbrechern und Blutsaugern, den korrupten Regierungen, den aufkommenden Polizeistaaten, dem maroden System, den Medien und ihren bigotten Adjutanten, den Brandstiftern, den Gewissenlosen und den Hetzern den großen Mittelfinger entgegenstrecken. Die Veränderung wollen, die progressiv denken, die sich keinen Traditionen verpflichtet fühlen. Wir brauchen Künstler, die voran gehen. Die inspirieren. Die Gerechtigkeit wollen.

Ein sehr großer Teil dessen tobt auch in mir und kämpft ständig mit der Differenzierung. Mit dem Grübeln. Mit der gutbürgerlichen Erziehung. Und es scheint manchmal wie eine wichtige, große Therapie, anderen Menschen und Künstlern bei ihrem Kampf zuzusehen und zu bemerken, dass man nicht alleine ist. Man braucht Mut, aber man tickt immerhin richtig.

When all the petitions, social media, memes, email-chains, phone calls & polite gatherings in the world ain't doing shit. FISTS UP!


Lee Reed - Bandcamp

Lee Reed - Facebook


23.03.2014

Stop being a dick!




“Watching television is like taking black spray paint to your third eye.” (Bill Hicks)

Achtung, langweiliger Allgemeinplatz: es gibt viele furchtbare Fernsehformate, insbesondere jene, die sich den Weg aus verrotteten Hirnschwämmen deutscher Redakteure an die frische Luft bahnen - und ich kenne bei Weitem noch nicht mal allen Unrat, der vor allem, aber nicht nur, tagsüber ins Volk gepustet wird: bei uns springt die Glotze in der Regel in den Abendstunden an, und wir haben eben unseren Krimiserienquatsch (keinen Tatort!), den wir uns anschauen. In wirklich intellektuelle Seenot geraten wir immer nur dann, wenn uns die Vorschau die eingangs erwähnten Sendungen schmackhaft machen will: Restaurant-Tests, Promi-Dinner, The Voice Kids (jeden humorlos nach Offenbach ausweisen, der mit diesem perfiden, in jeder Hinsicht ekelerregenden, besinnungslosen Konkurrenz-Quadratscheißdreck - und sei es nur über achtzehn Ecken - verbunden ist, von mir aus der Kabelträger genauso wie die sich vor gar nichts schämende Cateringklitsche, die Lena Hirnlos-Doppelnuss die belegten Schnittchen in die Gummizelle bringt), oder The Biggest Loser. Ich habe bis heute nicht verstanden, was das Konzept von letztgenannter Sendung ist, was darin begründet liegen mag, dass meine beiden übriggebliebenen Hirnzellen (ich nenne sie "Schubi" & "Dubi") sich beim bloßen Versuch es verstehen zu wollen, hysterisch nach einem Strick umsehen, um sich im Hinterlappen des Hypothalamus zu erhängen. Trotzdem empfinde ich die offensichtliche Darstellung dieser großen Verzweiflung, sich bei dieser, dank einer sich an körperlichen und seelischen Degenerierung aufgeilenden Konsumgesellschaft, größten aller öffentlichen Demütigungen tatsächlich als Kandidat zu bewerben, bereits als derartig beschämend, dass ich trotz Big Brother und Dschungelcamp-Schwachsinn geneigt bin, für diesen unerhörten Dreck in die Kiste mit den nicht ganz so liebgemeinten Beschimpfungen zu greifen. Für den Fall, dass sich jetzt die ein oder andere Augenbraue lüftet: bis hierhin war's noch Spaß.

In diesem Zusammenhang möchte ich einen ganz wunderbaren Wutausbruch des englischen Moderators (Anmerkung vom 3,40qm-Redaktionshund: der Moderator ist Australier, die moderierte Sendung ist ein englisches Format, pass halt besser auf!) Adam Hills zeigen, der am gestrigen Abend als Gedankenauslöser für diesen Eintrag herhalten musste, und der einer ganz und gar von vermeintlichen Schönheitsoperationen entstellten Schachtel namens Joan Rivers, einer US-amerikanischen Schauspiel- und Entertainment-Luftnummer, die es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, optisch nicht nur dem Joker aus den ollen Batman-Streifen möglichst nahe zu kommen, sondern auch menschlich so sympathisch rüberzukommen wie eine bis zum Rand mit Exkrementen von Kakerlaken gefüllte Plastiktüte, den guten Rat mitgibt, sich die peinlichen Aussagen zum Aussehen des Goldkehlchens Adele in ihren gelifteten und gebleichten Arsch zu schieben. Frei übersetzt.


22.03.2014

Close your eyes and see the beauty



BROCK VAN WEY - HOME

“And those who were seen dancing were thought to be insane by those who could not hear the music.”  Friedrich Nietzsche

Am liebsten will ich das Licht löschen. Und ich möchte nur hier sitzen, im Dunkeln. Und ich möchte diese Musik so laut hören, dass jemand die Bullen ruft. Oder die Aliens vom Nachbarplaneten aufmerksam werden und mal schnell auf einen Kaffee vorbeifliegen. Ich mache ja ganz guten Kaffee - Bio, Fairtrade, das Gewissen trinkt und ritualisiert mit. Sehen die Aliens ganz bestimmt ähnlich.

Erstaunlich, wie aus einem halbwegs normalen Abend ein melancholisches, wohliges Zusammenkuscheln werden kann, obwohl ich mittlerweile weiß, was mich erwartet, wenn ich mich dazu entschließe, "Home" aufzulegen. Dabei ist es keine leichte Aufgabe, diese Platte am Stück und in einem Rutsch zu hören; zum einen sind zweieinhalb Stunden verteilt auf zwei CDs zumindest im Alltag fast nicht zu bewältigen, zum anderen, und das ist der größere Hügel, über den wenigstens der Kröterich aus Sossenheim drüber muss, verwandelt mich die Musik van Weys innerhalb weniger Minuten in einen verletzlichen, grüblerischen, romantischen, introvertierten Menschenklumpen, der in diesen Momenten glaubt, nie wieder eine andere Musik hören zu wollen, als immer wieder nur "Home", in einer nie enden wollenden Schleife, "Spiral Out, Keep Going" (Maynard). Und vor die Tür will ich dann bitteschön auch nicht mehr, denn die Illusion der Schönheit der Welt, der Natur und des Lebens soll bitte von meinem antrainierten, abscheulichen Zynismus verschont werden.

“I do not believe this darkness will endure.” J.R.R. Tolkien

Ich werde mit zunehmendem Alter offensichtlich immer sensibler - und das, obwohl ich noch nie zu den toughen Lautsprechern zählte, die emotions- und empathiebefreit auf die Pauke hauen. Aber die nach oben offene Sensibilitätsskala schaukelt sich seit einigen Jahren immer wieder in neue Höhen, und sei es nur beim freien Blick auf Wald, Hügel, Hund und Katze, wenn sich also die Größe und Schönheit von LEBEN offenbart und wenn ich sie - selten genug - zwischen all dem Wirrwarr von Alltag, Arbeit, Handy und selbstgewählter Emailsklaverei auch noch entdecke und mir eine Träne ins Knopfloch rutscht.

Brock van Weys Musik auf "Home" schleudert mich selbst dann ins Tal der Freudentränen, wenn der Blick schlicht auf die mausgraugestrichene Wand gegenüber fällt, weil mich diese unermessliche Weite und Tiefe seines Sounds auf das Leben und die Natur und die Existenz und den Tod blicken lässt und mich bei der Auseinandersetzung mit all dem, worüber Florian eben immer noch keinen blassen Dunst hat, also dem Leben, der Natur, der Existenz und dem Tod, immer wieder grandios scheitern lässt. Das klingt ganz schön dick aufgetragen für einen Musiker, der nach eigenen Angaben fast nie das Haus verlässt und Videospiele spielt, wenn er nicht gerade neue Musik komponiert, aber ich hatte dieses Gefühl schon ab der allerersten Begegnung mit seiner Kunst: "The Art Of Dying Alone" aus dem Jahr 2011 traf mich wie ein Schlag, wie ein Blitz aus dem hellsten Licht des Universums. "Home" gelingt ähnliches.

Und wie lange musste ich hierauf warten: "Home" war seit Jahren auf Brocks Website angekündigt, genauso früh stand auch schon fest, dass es nach seinem Echospace-Debut "White Clouds Drift On And On" die zweite Arbeit für das legendäre Label aus Michigan werden sollte. Der britische Mailorder Boomkat listete "Home" seit dem Spätsommer 2013 in seinem Katalog, versah es dennoch immer wieder mit den Ankündigungen "Ships in 17 days..." und setzte den Versandtermin praktisch jedes Mal kurz vor Erreichen desselben wieder nach hinten. Das Label selbst hüllt sich traditionell in Schweigen und von Brock hört man für gewöhnlich so oder so nicht viel, wenn er nicht gerade eine neue Platte unter seinen Pseudonymen BVDUB, Earth House Hold oder East Of Oceans herausbringt. Der Grund für das "Chinese Democracy" des Ambient: Labelchef Stephen Hitchell war mit dem Mastering überfordert. In einem Facebook-Post spricht er später vom härtesten Mastering-Job, der er jemals zu bewältigen hatte - und wer alleine die ersten Minuten von "Home" hört, der versteht, dass dieses Dickicht aus Schleiern, Nebelkerzen, Wind, doppelten Böden und Fluchtpunkten, vor allem aber Emotion, Sehnsucht und Liebe unüberwindbar sein kann.

Out in February, the best work I've ever heard from Brock. This was the hardest mastering job I've ever done, it took months and months, I had tears in my eyes through the entire process, the emotion felt here is unlike anything I've heard before. If this doesn't capture the heart and souls of people, well, I don't know what will. -Stephen Hitchell

Erschienen auf Echospace, 2014.

05.03.2014

De La Dilla


Wir müssen nochmal kurz in Hiphophausen bleiben, für die Großmeister, die alten Säcke, diese wunderbaren alten Säcke.

Wenn es eine Band gibt, die mir gezeigt hat, dass es neben all dem Macho- und Tough Guy-Hip Hop noch etwas anderes, etwas aufrichtiges und humorvolles und lebensbejahendes gibt, dann ist es De La Soul. Selbst als vierzehnjähriger Betonkopf, der obenrum noch viel zu unterentwickelt und also gerade mal ein Kieselgehirn war, um Rap und Hip Hop zu raffen (=sich selbst einzugestehen, dass es nicht immer harte und laute Gitarren sein müssen) wusste ich beim damaligen Anschauen der De La Soul Videos auf MTV, dass das etwas sehr Besonderes ist.

Nach jahrelanger Funkstille veröffentlicht das Trio offenbar gleich zwei Mixtapes im Jahr 2014 - Nummer 1 von Dilla produziert, bei Nummer 2 mischen Pete Rock und DJ Premier mit - und dann gibt's als finalen Lichtausmacher noch das Album "You're Welcome" obendrauf.

Das alles geschieht zur Feier des 25-jährigen Bandjubiläums und ich hoffe wirklich, dass sie nochmal 25 Jährchen dranhängen.

Eine wahnsinnig sympathische Band. Kann man auf Soundcloud hören.



04.03.2014

Yasiin Gaye




Der US-amerikanische Beattüftler und Produzent Amerigo Gazaway hat es wieder getan: nach seinen beiden monumentalen Mash-Ups "Fela Soul" (Fela Kuti & De La Soul, 2011) und "Bizarre Tribe" (The Pharcyde & A Tribe Called Quest, 2012) knöpfte er sich nun Rapper Mos Def und Soulgigant Marvin Gaye vor und strickte aus diesen Basiszutaten neue Musikgewölle.

Das Ergebnis heißt "Yasiin Gaye". Es besetzt seit Tagen die Florian'sche Abspielstation und läuft auf Heavy Rotation. Es ist ein frischer, funkensprühender, positiver Mix, hochmusikalisch und tanzbar. Der vorab veröffentlichte Track "Inner City Travellin' Man" begleitet mich morgens in Endlosschleife ins Badezimer, wieder heraus und auf die Arbeit. Wie geil wohl der Frühling mit der Platte wird?

Und damit wird's dann auch wieder eng: wie schon im Falle von "Bizarre Tribe" hat die Recording Industry Association of America erneut laut losgefurzt und die Verbreitung mit einer einstweiligen Verfügung gestoppt.

Aber wir sind ja schlau. Sind wir? Wir sind.

Beeilung! Beeilung!




26.02.2014

2013 ° Platz 1 ° Stephan Mathieu & David Sylvian - Wandermüde



STEPHAN MATHIEU & DAVID SYLVIAN - WANDERMÜDE


Wie auch bei Brock van Weys BVDUB-Projekt ist es manchmal nicht einfach, Bewunderer von Stephan Mathieu zu sein, denn der 46-jährige Klangmeister aus Saarbrücken hat bisweilen eine ähnlich getaktete Veröffentlichungsfrequenz wie der ernste Denker aus China. "Wandermüde" steht demnach hier exemplarisch auch für die anderen Werke Mathieus aus dem vergangenen Jahr: das epische, achtzigminütige  Doppelalbum "The Falling Rocket", das selbst in leisen Momenten Wände zum Zittern bringen kann und "Un Cœur Simple". Seine Kollaboration mit dem französischen Musiker Sylvain Chauveau (u.a. empfehlenswert: "Le Livre noir du capitalisme", 2000) - "Palimpset" - zählen wir auch noch mit dazu.

"Wandermüde" basiert auf einem experimentellen Album des Briten David Sylvian: "Blemish" erschien im Jahr 2003 erstmals auf Sylvians eigenem Label Samadhi Sound und bot spröde, zerfaserte Kompositionen, die sich inhaltlich vor allem mit der just erfolgten Scheidung von seiner Ehefrau Ingrid Chavez auseinandersetzten. Was man dem Werk auch folgerichtig anhört: "Blemish" ist starker Tobak, manchmal scheint es gar, als wolle es als eine Art trostloser Version von Mark Hollis' erstem Soloalbum in die Musikgeschichte eingehen, gilt jedoch unter seinen treu ergebenen Fans bis heute als Meilenstein der experimentellen Phase Sylvians. Genau jene Fans waren, betrachtet man die Unmutsäußerungen aus dem Internet, alles andere als amused, als ihnen "Wandermüde" unter die Haut kroch. Dabei ist es aus meiner Sicht immer ein gutes Zeichen, wenn Anhänger eines etablierten und als intellektuell geltenden Künstlers den Kopf schütteln, vor allem dann, wenn sich die Kritik aufgrund der Abstraktion der Musik auf "Wandermüde" wie ein hilfloses Herumrudern beider Arme liest. Wenn die einzigen Ansatzpunktpunkte die fehlende Stimme Sylvians, sowie die vermeintlich ausbleibenden Verweise auf das Ursprungswerk lauten, dann, Freunde: wird's doch erst so richtig spannend.

Ich muss zugeben, dass ich natürlich einen Wissensvorsprung habe. Ich kannte Stephan Mathieu, war mit seinem Werk vertraut, und ich wusste zumindest in Ansätzen, was mich erwartete. "Wandermüde", ursprünglich nur als Begleitmusik für eine iPhone App gedacht, die Sylvians Digitalfotografie untermalen sollte, stellt dabei für mich, und damit lege ich mein offizielles und irrelevantes Veto gegen die manchmal verbreitete Meinung ein, das Album sei extremer als "Blemish", es setze einen "Kontrapunkt" zum Ursprungswerk und sei dunkel und ernst, einen Weichzeichner dar, der die lückenhafte und zerrissene Vorlage vereint, der die klaffenden Wunden auf "Blemish" versorgt und heilt. Die direkten Bezüge mögen kaum offensichtlich sein - der Verweis im Opener “Saffron Laudanum” auf Sylvians "The Only Daughter" kann aber einem kurioserweise selbst dann auffallen, wenn das Original unbekannt ist - was Stephan Mathieu allerdings auf geradezu magische Weise gelingt, ist "Wandermüde" zu einem Teil von "Blemish" zu machen - und umgekehrt "Blemish" zu einem Teil von "Wandermüde". "Blemish" ist nicht abwesend oder nur in homöopathischen Dosen zu erahnen, das genaue Gegenteil ist der Fall: es ist überall. "Blemish" schwingt in jeder Frequenz mit, in jedem Rauschen des Transistorradios, in jeder modulierten Klangwelle.

Mathieus Soundästehtik ist auch hier wieder exakt jene, die meine Ohren beim ersten Aufeinandertreffen mit seinem "Radioland" im Jahr 2009 zum Glühen brachte: der feingliedrigste und tiefste und schönste Klang der Welt. Einzigartig, vollständig ausgebildet, mit einer nie dagewesenen Übersicht und Weite über sämtliche feinstofflichen Ebenen der Musik gespannt.

Erschienen auf Samadhi Sound, 2013.

18.02.2014

2013 ° Platz 2 ° Dexter Story - Seasons



DEXTER STORY - SEASONS


Am Anfang war das Cover. Wenn eine Platte so aussieht, werde ich immer hellhörig. Was gleichzeitig bedeutet, und das ist ein weiteres Merkmal des Florian'schen Musikjahres 2013, dass Artworks so wichtig sind wie vielleicht niemals zuvor. Wenigstens für mich. Natürlich, es gibt Platten, die man sich auch dann kauft, wenn man sich zwei extralange Stricknadeln in die Klüsen treiben will, will man aber als Überraschungsgast in meinem Warenkörbchen landen, ist es ratsam, seine Platte nicht so aussehen zu lassen. Und noch weniger nennt man sie dann "Bumsen". Grundgütiger.

Im Falle von Dexter Story ging der zweite Blick auf den Labelnamen. Kindred Spirits waren mir unter anderem dank der großartigen Mia Doi Todd Single in bester Erinnerung. Das niederländische Label veröffentlicht nicht gerade Tonnen an neuer Musik, aber wenn sie es tun, machen sie es immer gut und "Seasons" ist keine Ausnahme.

Der dritte Blick war genaugenommen das dritte und vierte Ohr: "Seasons" ist ein sonnendurchfluteter Nachmittag am Strand, funkelnd und bei aller Hippieattitüde urban und auch schon so ein bisschen hip. So hip man halt sein kann, wenn die musikalischen Fixpunkte eines Multiinstrumentalisten Soul, Funk, (Spiritual) Jazz, Progressive Rock und 60s/70s Psychedelia sind. Die Ausstrahlung dieser von Carlos Nino (The Life Force Trio) co-produzierten Songs ist überwältigend positiv, wärmend und aufbauend, die Aussage und der Anspruch klar und deutlich formuliert:

"The message (...) was one of optimism and empowerment, to create a classic record that would reward repeat listens, and grow with the listener, that could be enjoyed through several decades."

Geholfen haben dabei mit Miguel Atwood-Ferguson, Mark de Clive-Lowe, Dwight Trible, i_Ced und Gaby Hernandez Teile der jungen Soul- und Jazzszene aus Los Angeles. Sie haben "Seasons" zu einem großen, verbindenden, versöhnlichen und spirituellen Kollektivkunstwerk gemacht, das, wie schon Freund Simon anmerkte, ohne die kurzen, manchmal eingestreuten elektronischen Interludes zwischen den Songs, klingen würde, als sei es 1975 geradewegs aus einem verlorengegangenen Earth, Wind & Fire-Album rausgefallen.

Oder, um mich selbst zu zitieren: "Bock auf geile Hippiegedröhnschunkelei, live von der Strandpromenade in Los Angeles, auf Rollschuhen, mit Blumen im Haar, Love'n'Peace, Wärme, Sonnenstrahlen, Vanilleeis und leichte Lektüre aus der Harlem Renaissance?"

Ihr kennt die Antwort. Weil es im Grunde auch nur eine gibt.

Erschienen auf Kindred Spirits, 2013.

15.02.2014

2013 ° Platz 3 ° INC - No World



INC - NO WORLD

Es ist der Morgen des 27.Dezember 2006, 7 Uhr 23. Der US-amerikanische Popstar, Multiinstrumentalist und -millionär formerly und jetzt also again known as Prince Rogers Nelson erwacht in seinem 4 x 4 Meter großen Bett. Er ist allein. Minneapolis kann alt und grau sein, wenn man selbst alt und grau wird, und wenn die Feiertage vorbei sind und die Hangovers sich die Klinke in die Hand geben, wird aus dem grauen Schleier über der Stadt ein schwarzer Klumpen Menschenteer. Gestern Nacht noch hat er im Auftrag der Zeugen Jehovas an die Türen von unschuldigen Menschen geklopft, um mit ihnen "seinen Glauben zu diskutieren". Eines seiner Opfer bekam umgehend einen Schlaganfall, das Ergebnis lautet ein blaues Auge und eine gebrochene Rippe. Princeova, wie seine Freunde - ein sprechendes Usambaraveilchen in blass-purple und eine Alf-Handpuppe - ihn nennen dürfen, ist down mit sich und Minneapolis. Alles ist grau (wir berichteten) und ruhig, Jehova ist gerade einkaufen. Die gebrochene Rippe schmerzt beim Lachen. JEHOOOVAAA, JEHOOVAAAA. Nelson lacht.

Der laufende Meter hat heute nichts mehr vor, die Quoten gestern waren in Ordnung: er hat auf seinem Rundgang zwei Bluttransfusionen eigenhändig gestoppt und damit zwei Seelen näher zu Gott gebracht. Und vor allem schneller. Die Veganische [sic!] Volksfront hat ihn gerade zum erotischsten Vegetarier des Jahres gewählt und die anstehende Hüftoperation lässt sich mit einem Leben im Rollstuhl bestens aussitzen. Trotzdem neigt der GröKleiGAZ (größter kleiner Gitarrenspieler aller Zeiten) seit der Listeningsession zu seinem Album "3121" zu psychischer Verstimmung, weil der gelieferte Schampus nur Rotkäppchensekt war und die Redakteurin vom Rolling Stone das Bidet mit dem Pissoir verwechselte. Während der frisch geschorene Bonsai also in seiner Küche verspielt an einer frischen Schweinehaxe herumnagt, Rohkost hält die Backen glatt, geht der Griff wie an jedem Tag mit ungerader Stundenzahl in den Bereich des begehbaren Kleiderschranks, in denen der ehemalige Krösus und Hollywoodbezirksbeschäler (Carmen Electra) seine Schmerzmittel und Beruhigungspillen aufbewahrt. Ein Tässchen Ketamin in das Kuttelmüsli, ein Esslöffel frischer Stutenmilch dazu - ein Frühstück für Gewinner. Jetzt ist Prince bereit für neue Musik.

"No World" der beiden Brüder Andrew und Daniel Aged könnte das Ergebnis dieses wenig herausfordernden Morgens des Prince Rogers Nelson sein. "No World" ist alles und nichts; dabei immerhin sehr angemessen betitelt, denn ihre Musik erweckt manchmal tatsächlich den Eindruck, nicht von wenigstens dieser Welt zu sein. Die beiden Herren sind seit Jahren als Produzententeam für angeblich gar nicht so unbekannte RnB-, Soul- und Popsternchen (nicht) in Erscheinung getreten und veröffentlichen nun auf dem renommierten 4AD Label ihr zweites Album unter dem Projektnamen INC. "No World" ist sedierter Soul, zwischenweltlich. Ich würde jetzt gerne melancholisch schreiben, aber eigentlich sind ihre Kompositionen nicht melancholisch. Ich würde reflexartig eine unterkühlte, distanzierte Atmosphäre erwähnen, nur um im nächsten Moment mich daran zu erinnern, wie tief, einlullend und wärmend ein Song wie "Five Days" sein kann. Eine gewisse Gleichförmigkeit? Negativ - wer genau hinhört, erkennt die subtilen, meisterhaft ins Szene gesetzten dynamischen Griffe zum Schwungrad. Es ist eine Art blauer Cremigkeit, eine zärtliche und unprätentiöse Musik ohne Rockstargestus, ohne jedes Klischee, mystisch, esoterisch. Mit den in sich verlaufenden, übereinandergelegten Layern ihrer komplexen Arrangements und mit dem Entzug von allem Stofflichen ist "No World" die Ambient-Version des Soul. Eine einzigartige Musik.

Erschienen auf 4AD, 2013.

13.02.2014

2013 ° Platz 4 ° Justin Timberlake - The 20/20 Experience I



JUSTIN TIMBERLAKE - THE 20/20 EXPERIENCE I


Hi. Ich bin Flo. Ich mag die Musik von Justin Timberlake. And now: fuck off.

Viel mehr gibt es zu der Diskussion, warum sich nicht wenige der vermeintlich im Undergroud herumtaumelnden Zeitgenossen gerade auf Justin Timberlake einigen können, nicht zu sagen, denn vermutlich geht's vielen ähnlich wie mir: ich mag seine Musik. Stylerpunkte sammelt man damit jedenfalls, knietief im Mainstream watend, eher nicht so viele, vor allem dann nicht, wenn man nebenher noch in einer Punk- und Hardcoreband spielt.

Nach der fantastischen "Futuresex/Lovesound" Scheibe aus dem Jahr 2006, auf der Timberlake mit Produzenten-Superheld Timbaland das "Thriller" des neuen Jahrhunderts zusammenstrickte und mich damit gar derart begeistern konnte, dass ich mich inmitten zehntausend kreischender Teenies in der Frankfurter Festhalle wiederfand (und natürlich während des unerträglich schlechten HipHop-Teils des Abends und nach einigen, äh, kritischen Bemerkungen meinerseits Streit mit einem zweibeinigen Stiernacken bekam; ich zitiere:"Geh' do na Hause, wenns der net passt!"), musste ich also knappe sieben Jahre auf den Nachfolger warten, und auch wenn's mir freilich keine schlaflosen Nächste bereitete, dass sich Timberlake in all den Jahren lieber auf seine Karriere als Schauspieler konzentrierte, als neue Platten aufzunehmen, habe ich mich über die Rückkehr ins Aufnahmestudio durchaus gefreut - und nach exzessiver ohraler Liebkosung des ersten Teils der "20/20 Experience" (dessen Klasse der im Herbst nachgeschobene zweite Teil zu keinem Zeitpunkt erreicht) ist die Freude blankem, kindischem, "naiv-minderbemitteltem" (Peter Weihnacht) Fanatismus gewichen.

Dabei kommt die Platte etwas schwer in die Gänge: die erste Single "Suit & Tie" ist zu Beginn eine Spur zu zugeknöpft und erinnert vor allem klanglich an die großen US-Entertainer aus den vierziger und fünfziger Jahre des 20.Jahrhunderts, überrascht dazu noch mit einem komplexen Arrangement, wächst nach einigen Durchläufen aber zu einer soliden Nummer heran. Und wer mit dem beinahe schon progressiven Achtminüter "Pusher Love Girl" seine erste Platte seit sieben Jahren eröffnet, der macht es sich und uns nicht gerade einfacher. Aber spätestens ab "Don't Hold The Wall" brechen für die nächsten knapp 60 Minuten sämtliche Dämme: Timberlake croont sich mit faszinierend spiegelnden und funkelnden Pop/Dancetracks in die Ewigkeit. Zwischen dunkel pumpendem Beatgestrüpp wie dem erwähnten "Don't Hold The Wall", dem textlich völlig behämmerten "Strawberry Bubblegum", ebenfalls mit acht Minuten ein vielschichtig und sorgfältig aufgebauter Prog-Popper aus dem Bilderbuch, den drei extrasmoothen super-slowmo-sperma-schlürfenden Soulballaden "Tunnel Vision", "Spaceship Coupe" und "That Girl", dem latinbeeinflussten Arschwackler "Let The Groove Get In" und der deepen und im Vergleich erfrischend unkitischigen Megaballade "Blue Ocean Floor", steht vor und über allem der Song, der so ziemlich alles über Timberlake und diese Platte aussagt:"Mirrors" ist ein kommender moderner Klassiker populärer Musik, eine Liebeserklärung an die Menschen, den Groove, die Freude, die Lust und an positive Power. Und, logisch, die Liebe. Da fällt die jetzt folgende Exkursion nach Vocal-Nerdhausen natürlich total aus dem Rahmen, aber als einer, der gute Stimmen und gute Sänger über alle Maßen schätzt, muss ich es sagen, wenn nicht gar schreiben: Als Timberlake den schwierig zu singenden Titel im Rahmen der Brit Awards 2013 live aufführte und ich den ein oder anderen nicht getroffenen Ton und eine generelle Eckigkeit in der Performance ausmachte, nicht wirklich störend, aber eben doch wahrnehmbar, dachte ich schon, der olle Kiffer hätte kurz vor der Show eine Runde zu tief in die Bong gelinst. Schwamm drüber, ist halt nicht besonders einfach zu singen.

Einige Wochen später sah ich eine Aufzeichnung der US-amerikanischen Talkshow "Ellen". Und Justin sang "Mirrors". Wie auch zuvor in England mit kompletter, großer Band. Und Chor. Und Brass-Section. Und er sang. Und meine Fresse - wie er sang. Er war perfekt. Live. Das war die dickste Gänsehaut des Jahres.


Mein Gott, wie er singt. Wie die Band spielt. Woah!

Erschienen auf RCA, 2013.

09.02.2014

2013 ° Platz 5 ° Bvdub & Loscil - Erebus



BVDUB & LOSCIL - EREBUS


Für eine ziemlich lange Zeit sah es so aus, als wäre Bvdubs "A Careful Ecstasy" der Gewinner, um aus dem Fundus von Brock van Weys Arbeiten des Jahres 2013 für diese Liste auserwählt zu werden. Und tatsächlich ist das im Januar des letzten Jahres erschienene Album des Wahlchinesen eines seiner schönsten und vor allem stimmigsten Werke geworden. Ich erinnere mich noch gut an diesen einen und einsamen Gedanken zur Jahresmitte, als ich davon überzeugt war, Brock habe seinen Stil hiermit endgültig perfektioniert. "At Night This City Becomes The Sea" ist im Vergleich luftiger und leichter, das im Herbst veröffentlichte "Born In Tokyo" fiel mit leicht erhöhtem Kitschfaktor wieder etwas ab, weswegen die Sache klar schien: "A Careful Ecstasy" soll es sein.

Dann kam "Erebus".

Im Oktober schrub ich dazu:
Es gibt Momente auf dieser Platte, die mir schier die seelenlose Hülle meines irdischen Daseins sprengen. Es ist laut, manchmal nah an der Unerträglichkeit. Ich will, ach was: ich muss platzen. Ich bekomme körperliche Reaktionen. Schweißausbruch. Husten. Jetzt könnte man sagen, ich soll aufhören das Poster von Kristina Köhler anzuschauen, aber was alleine "Aether" mit mir anstellt, ist beeindruckend, beängstigend und macht einen am Ende des Tages dann eben doch zwei Köpfe größer, mindestens aber zu einem besseren Menschen. Genug der Lobhudelei, nur eins noch: "Erebus" erscheint auf Glacial Movements. Spätestens jetzt wissen die Eingeweihten, was zu tun ist. Genau, Fieberthermometer und Wadenwickel.

Und jetzt sitze ich vier Monate später immer noch hier rum, natürlich mit Fieberthermometer und Wadenwickel. "Erebus" ist frei von Beats, ähnelt daher eher den großen Bvdub-Momenten wie "The Truth Hurts" oder "The Art Of Dying Alone" und liegt in meiner Wahrnehmung einen kleinen Hauch vor seinen zaghaft groovebetonteren Alben, die sich in den letzten beiden Jahren in seiner Diskografie etwas behaupten konnten. Mit "Erebus" fügt Brock van Wey ebenjener ein weiteres Juwel hinzu; ein Juwel, das sich seit Oktober 2013 zuverlässig in meiner Abspielvorrichtung für kleine, silberne Plastikscheiben eingenistet hat und immer dann zum Einsatz kommt, wenn ich ein Antidot gegen das ohrenbetäubende Tosen von Draußen benötige.

Erschienen auf Glacial Movements, 2013.