28.06.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #151: Vicious Rumors - Word Of Mouth (1994)




VICIOUS RUMORS - WORD OF MOUTH


“My best advice to anyone who wants to raise a happy, mentally healthy child is: Keep him or her as far away from a church as you can.” (Frank Zappa)




Musik aus einer komplett anderen Welt. Ich bin eventuell ein ganz kleines bisschen pathologisch dazu veranlagt, meine Wahrnehmung über eine Band wie Vicious Rumors stets in epischer Breite und Penetranz darzulegen - und könnte dabei unmöglich darauf verzichten, die ganz großen Fässer "US Metal" und "Power Metal" ins historische Bild zu rollen. Ich weiß allerdings auch, dass es für meine geschätzten Leserinnen und Leser interessanter ist, Farbe beim Trocknen zuzuschauen, als sich die sowieso schon am Rande der Kapazitätsgrenze dampfende Festplatte mit all dem uralten Remmidemmi weiter vollnageln zu lassen. Aber wir kommen hier sonst nicht weiter, es muss einfach raus. 


Was vielleicht gleich zu Beginn mal raus muss: Vicious Rumors existieren auch heute noch und tingeln auf der kleinstmöglichen Sparflamme durch die Welt. In den letzten dreißig Jahren gab es eine unüberschaubare Anzahl von Besetzungswechseln, eine Sammlung weitgehend egaler Studioalben und zwischen fragwürdig und indiskutabel hin und her pendelnde Interviewaussagen von verschiedenen Bandmitgliedern. Zuletzt erregten Postings des Schlagzeugers Larry Howe auf Social Media Aufmerksamkeit, in denen er sich als rechtes MAGA-Arschloch outete. Nach einigem Gezerre und angedrohten Konzertabsagen seitens der Veranstalter wurde Howe schließlich aus der Band geworfen, aber man wird das Gefühl nicht los, es hier in erster Linie mit einer Businessentscheidung zu tun zu haben, als mit einer ehrlichen Abgrenzung von rassistischem Scheißdreck. Ich bin mir daher auch nach Monaten des Abwägens immer noch nicht sicher, ob es eine schlaue Entscheidung ist, Vicious Rumors in meinen Countdown aufzunehmen. Jetzt sind wir zwar hier, aber der Zweifel bleibt - story of my life. 


Then again: das ist nicht nur Musik aus einer anderen Welt, das war auch mal eine völlig andere Band. Im Rückblick erscheint es mir manchmal so, als wäre die ganze frühneunziger Zeitachse aus einem Bizarro-Paralleluniversum herausgeplumpst. Vicious Rumors gehörten zu einem sehr kleinen Kreis von Bands, die Genres wie US Metal und Power Metal zugeordnet wurden, und die über einen kurzen Zeitraum von maximal drei Jahren plötzlich Verträge mit Majorlabels an Land ziehen konnten. Betrachtet man den musikalischen Zeitgeist zum Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre, ist der Umstand mit "kurios" noch sehr zurückhaltend beschrieben, aber in den Chefetagen von Epic, Atlantic und Elektra gab es offensichtlich Menschen, die es Bands wie Metal Church und eben Vicious Rumors zutrauten, genau das Publikum abzuholen, das sich noch unbewusst eine Mischung aus Metallica und Bon Jovi wünscht. Und für jene bei Temu gekaufte Horror-Definition von Power Metal bekomme ich von nächstbesten Szenefossil garantiert den Arsch versohlt, aber wer weiß, vielleicht steh' ich ja drauf?! Ha!


Vicious Rumors waren mit ihrem 1985 erschienenen Debut "Soldiers Of The Night" und dessen Nachfolger "Digital Dictator" aus dem Jahr 1987 bereits eine Kultband: die Kritiker überschlugen sich, und eine kleine, aber überaus loyale Fanbase wich der Band fortan nicht mehr von der Seite. An einen Erfolg im Mainstream war indes nicht mal im Traum zu denken: ihre Musik war nicht nur zu gleichen Teilen (zu) heavy und (zu) verspielt, sie hatten zudem ab "Digital Dictator" mit Carl Albert einen zwar wirklich überragenden Sänger in ihren Reihen, dessen Stimme aber eher etwas für den fortgeschrittenen Kenner als für den klassischen Ottonormalrocker war. Und wie man eine von den immerhin offensichtlichsten Metal-Klischees befreite Musik vor allem in Amerika hätte vermarkten wollen, würde mich auch im Jahr 2026 noch immer sehr interessieren. 


Das selbstbetitelte dritte Album (1990) sowie das nur ein Jahr später veröffentliche "Welcome To The Ball" erschienen dann tatsächlich auf dem Majorlabel Atlantic Records. Qualitativ hatte die Band bis dahin eine makellose Diskografie zu bieten, die aber im Zuge des Triumphzugs von "Nevermind" praktisch über Nacht wertlos wurde. Wer auch immer dem Kreis von Unterstützern bei Atlantic zuzurechnen war, verlor den Job und wurde mit Managern ersetzt, die erstens den Auftrag erhielten, die nächsten Nirvana zu finden und die zweitens mit progressiv angehauchtem Power Metal mal so gar nichts an der Frisur hatten - und haben durften. Vicious Rumors waren in Rekordgeschwindigkeit zu ärgerlichem Ballast geworden - und Ballast muss entfernt werden. Was folgerichtig das Ende ihres kurzen Major-Intermezzos bedeutete. 


Die Band gab indes nicht auf, sondern kam für ihr nächstes Album "Word Of Mouth" beim kleinen deutschen Label Rising Sun Productions unter, das zu jener Zeit eine Art Auffangstation für die aufs Abstellgleis verfrachteten ehemaligen Majorbands wie Metal Church und Riot wurde. Aus geschäftlicher Sicht war das freilich eine Bruchlandung, und zusammen mit dem damaligen Zeitgeist, der alles, was sich auch nur entfernt nach Metal anfühlte als lächerliches Relikt eines untergegangenen Zeitalters in die nächstbeste Senkgrube ballern wollte, war die Band kommerziell mausetot. Künstlerisch betrachtet erschienen zu jener Zeit aber einige der besten Metalalben aller Zeiten, und "Word Of Mouth" hat sich seinen Platz in dieser Liste verdient. Es ist tragisch, wie wenige Metalfans das 1994 noch mitbekommen haben. 


"Word Of Mouth" ist trotz (oder gerade wegen) der widrigen Umstände ein sensationelles Album. Die Band hat den Härtegrad ihrer Musik nochmal deutlich nach oben geschraubt - ich bestaune auch nach über dreißig Jahren noch immer das dicke Brett, das das Riff von "All Rights Reserved" bohrt, Heilig's Blechle! - was gemeinsam mit den heruntergestimmten Gitarren, den ungewöhnlichen Gesangsharmonien und einem bemerkenswert aufgefrischten Melodieverständnis den Vibe der Aufnahmen zwar dezent, aber spürbar in modern wirkende Bereiche des Alternative Rocks verschiebt, ohne dabei weder den einzigartigen Stil der Band noch die Virtuosität ihrer Musiker auch nur im Ansatz zu beschädigen. Zwischen tiefergelegten Erdkern-Groovern wie eben "All Rights Reserved" und "Thinking Of You" platzieren sich ganz selbstverständlich melodische Diamanten wie "Thunder And Rain Part 2", das unnachahmliche "The Voice" und das stimmungsvolle und absolut brillant gesungene "Dreaming", womit es der Band gelingt, den so ubiquitär ins Feld geführte "Spagat zwischen Tradition und Moderne" mühelos zu vollführen. "Word Of Mouth" ist die Meisterklasse des Power Metals der neunziger Jahre - und sogar darüber hinaus. 


Sänger Carl Albert verstarb im Jahr 1995 im Alter von 32 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Ein Schock, von dem sich die Band, allen voran Geoff Thorpe, vermutlich bis heute nicht erholt hat. Dass Thorpe trotzdem niemals aufgab und kontinuierlich neue Alben veröffentlicht und Tourneen spielt, nötigt mir durchaus Respekt ab, denn der Absturz, den die Band nach Alberts Tod verkraften musste, war in seiner Tragweite absolut beispiellos. Wer sich das erste Album nach der Tragödie "Something Burning" (1996) angehört hat, oder die Artworks der nachfolgenden Alben kennt, weiß vermutlich, wovon ich spreche. Vielleicht ist es ein bisschen zu dicke, "Word Of Mouth" nicht nur hinsichtlich der Bandkarriere, sondern auch im größeren Kulturkontext als das Ende einer Ära zu bezeichnen. Andererseits: welches Power Metal Album - zur Klarstellung: ich rede von KLASSISCHEM Power Metal der späten 80er bis frühen 90er Jahre; kommt mir hier bloß keiner mit dieser Kinderliedscheiße, die seit den 2000ern unter Power Metal läuft, sonst kotz' ich mich voll! - hat seitdem eine ähnliche Klasse und einen vergleichbaren Impact gehabt? Eben. 


Vinyl und so: Das Spezialistenlabel The Night Of The Vinyl Dead veröffentliche 2019 eine auf 555 Stück limitierte Vinylfassung dieses Klassikers, die heute für etwa 75 Euro zu haben ist. Es ist davon auszugehen, dass hier schlicht die CD-Files auf das Vinyl gezogen wurden, aber immerhin hat man sich bei der Gestaltung des Gatefolds einiges einfallen lassen und einen "Fold-Out"-Mechanismus eingebastelt. Das ist ein nettes und schön gemachtes Gimmick. Nicht so schön: die originale Farbgebung des Artworks in lila und violett und das Bandlogo wurden verändert - und nicht zum Positiven, wie ich anfügen möchte. 


Weiterhören: "Vicious Rumors" (1990), "Digital Dictator" (1987), "Welcome To The Ball" (1991), "A Tribute To Carl Albert" (1996 - Bootleg-Liveaufnahmen der letzten Europatournee mit Carl aus dem Jahr 1994 plus drei bislang unveröffentlichte Bonustracks)


   




Erschienen auf Rising Sun Productions, 1994.


14.06.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #152: Chum - Dead To The World (1996)




CHUM - DEAD TO THE WORLD


"Loneliness isn't being alone, it's when someone loves you and you don't have it in you love them back." (Xiu Xiu)



"Dead To The World" ist ein weiterer Deep Cut aus den neunziger Jahren. Die Band aus Huntington, West Virginia brachte es nur auf ein einziges Album und verschwand zwei Jahre nach dessen Veröffentlichung wieder in der Versenkung. Betrachtet man die stilistische Ausrichtung ihrer Musik mag das nicht überraschen, und dennoch darf die Frage gestellt werden, warum ihnen im musikalischen Klima zur Mitte der Neunziger mit einen solchen Sound nicht mehr, oder etwas gewagter formuliert: alle Türen offen standen. Andererseits waren Chum beileibe nicht die einzige Band, die, obwohl es der Zeitgeist eigentlich gut mit ihnen meinen sollte, irgendwann aufgeben mussten, weil der Siegeszug des Chauvi-New Metals seinen Lauf nahm. 


Damit konnten Chum nicht konkurrieren. Ihr tiefergelegter Breitwandriffhausen-Mix mit Einflüssen von Helmet, Only Living Witness, Faith No More (mit Überhangmandat zur etwas weniger experimentellen Phase ab "King For a Day, Fool For A Lifetime"), Quicksand und Dearly Beheaded wurde mit verschachtelt-progressiven Elementen angereichert, was unter anderem dazu führte, dass offensichtliche Hits für das US-amerikanische Radio nicht mal ansatzweise eine Rolle spielten. Zudem brachte die in diesen überaus dick gewebten Grooveteppich eingehäkelte Komplexität ein hohes Intensitätsniveau mit sich. Es kann hier also auch mal ungemütlich, kratzbürstig, noisig und emotional, ich traue mich fast nicht, es hier hinzuschreiben: herausfordernd zugehen - und so eine Mischung führt bis heute nur in Ausnahmefällen zu einem Bestseller. 


"Dead To The World" ist in exakt richtig dosierten Momenten ultraheavy und wirkt durch die klare und ausdrucksstarke Stimme von John Lancaster - ich erlaube mir an dieser Stelle, eigentlich unzulässige Parallelen zum Timbre eines Mike Patton hervorzuheben - zugleich zerbrechlich. Sowas klickt immer mit mir, und zwar ab Sekunde Eins. Keine übertriebene Härte, keine Effekthascherei, kein affektiertes Muskelflexen, keine Klischees. In "Kindling Kind", einem der zahlreichen Höhepunkte des Albums und seit Jahrzehnten sicherer Stammgast auf sämtlichen Florian'schen Mixtapes und Playlists unter dem Rubrum "Rock with a capital R", walzt sich die Band durch alles, was mir lieb und teuer ist: am offenen Feuer geschmiedete Riffs und Grooves, von denen man sich wünscht, man hätte sie selbst geschrieben, gekonnt inszenierte Laut/Leise-Dynamik und ein Arrangement, das spielerisch und wie von Zauberhand die Auflösung aus dem Groove-Dickicht findet und gegen Ende eine unnachahmliche Wucht und Vehemenz entwickelt. 


It doesn't get much better than this, really. 



Vinyl: 1996 erschien "Dead To The World" ausschließlich in der CD-Fassung. 2025 nahmen sich Outer Orbit Records ein Herz und veröffentlichten das Albums in zwei Farbvarianten (schwarz und gelb-schwarz-Galaxy) erstmals auf Vinyl. Das ist gut. Eher schlecht: der Vertrieb läuft exklusiv über Outer Orbits, beziehungsweise über den angeschlossenen Plattenladen Orbit's Recordshop in Barboursville, West Virginia. Die Platte ist mit 23 Dollar wirklich sehr moderat bepreist, aber die Versand- und Zollgebühren killen das freilich wieder. Es wird also nicht billig. Gut: der Inhaber des Ladens und des Labels ist mit einigen Mitgliedern von Chum befreundet und kann, sofern gewünscht, Sänger John Lancaster die Platte signieren lassen. Mittelgut: zum dreißigjährigen Jubiläum von "Dead To The World" erscheint im Sommer 2026 eine neue, auf ein Doppelalbum erweiterte Fassung des Albums, auf der vier bislang unveröffentlichte Songs aus den Aufnahmesessions auftauchen. Außerdem gibt es ein neues Coverartwork. 


Weiterhören: John Lancaster - A Panchent For Hell On Earth (2015), Hyatari - The Light Carriers (2005) 


Zusatzinformation: Die Band arbeitet nach fast dreißigjähriger Pause aktuell an einem neuen Album.


Shoutout an Freund und 90er-Alternative und Indie-Tausendsassa Andi, der mir "Dead To The World" zur Mitte der nuller Jahre ins Körbchen legte.  


 



Erschienen auf Century Media, 1996.