CHUM - DEAD TO THE WORLD
"Loneliness isn't being alone, it's when someone loves you and you don't have it in you love them back." (Xiu Xiu)
"Dead To The World" ist ein weiterer Deep Cut aus den neunziger Jahren. Die Band aus Huntington, West Virginia brachte es nur auf ein einziges Album und verschwand zwei Jahre nach dessen Veröffentlichung wieder in der Versenkung. Betrachtet man die stilistische Ausrichtung ihrer Musik mag das nicht überraschen, und dennoch darf die Frage gestellt werden, warum ihnen im musikalischen Klima zur Mitte der Neunziger mit einen solchen Sound nicht mehr, oder etwas gewagter formuliert: alle Türen offen standen. Andererseits waren Chum beileibe nicht die einzige Band, die, obwohl es der Zeitgeist eigentlich gut mit ihnen meinen sollte, irgendwann aufgeben mussten, weil der Siegeszug des Chauvi-New Metals seinen Lauf nahm.
Damit konnten Chum nicht konkurrieren. Ihr tiefergelegter Breitwandriffhausen-Mix mit Einflüssen von Helmet, Only Living Witness, Faith No More (mit Überhangmandat zur etwas weniger experimentellen Phase ab "King For a Day, Fool For A Lifetime"), Quicksand und Dearly Beheaded wurde mit verschachtelt-progressiven Elementen angereichert, was unter anderem dazu führte, dass offensichtliche Hits für das US-amerikanische Radio nicht mal ansatzweise eine Rolle spielten. Zudem brachte die in diesen überaus dick gewebten Grooveteppich eingehäkelte Komplexität ein hohes Intensitätsniveau mit sich. Es kann hier also auch mal ungemütlich, kratzbürstig, noisig und emotional, ich traue mich fast nicht, es hier hinzuschreiben: herausfordernd zugehen - und so eine Mischung führt bis heute nur in Ausnahmefällen zu einem Bestseller.
"Dead To The World" ist in exakt richtig dosierten Momenten ultraheavy und wirkt durch die klare und ausdrucksstarke Stimme von John Lancaster - ich erlaube mir an dieser Stelle, eigentlich unzulässige Parallelen zum Timbre eines Mike Patton hervorzuheben - zugleich zerbrechlich. Sowas klickt immer mit mir, und zwar ab Sekunde Eins. Keine übertriebene Härte, keine Effekthascherei, kein affektiertes Muskelflexen, keine Klischees. In "Kindling Kind", einem der zahlreichen Höhepunkte des Albums und seit Jahrzehnten sicherer Stammgast auf sämtlichen Florian'schen Mixtapes und Playlists unter dem Rubrum "Rock with a capital R", walzt sich die Band durch alles, was mir lieb und teuer ist: am offenen Feuer geschmiedete Riffs und Grooves, von denen man sich wünscht, man hätte sie selbst geschrieben, gekonnt inszenierte Laut/Leise-Dynamik und ein Arrangement, das spielerisch und wie von Zauberhand die Auflösung aus dem Groove-Dickicht findet und gegen Ende eine unnachahmliche Wucht und Vehemenz entwickelt.
It doesn't get much better than this, really.
Vinyl: 1996 erschien "Dead To The World" ausschließlich in der CD-Fassung. 2025 nahmen sich Outer Orbit Records ein Herz und veröffentlichten das Albums in zwei Farbvarianten (schwarz und gelb-schwarz-Galaxy) erstmals auf Vinyl. Das ist gut. Eher schlecht: der Vertrieb läuft exklusiv über Outer Orbits, beziehungsweise über den angeschlossenen Plattenladen Orbit's Recordshop in Barboursville, West Virginia. Die Platte ist mit 23 Dollar wirklich sehr moderat bepreist, aber die Versand- und Zollgebühren killen das freilich wieder. Es wird also nicht billig. Gut: der Inhaber des Ladens und des Labels ist mit einigen Mitgliedern von Chum befreundet und kann, sofern gewünscht, Sänger John Lancaster die Platte signieren lassen. Mittelgut: zum dreißigjährigen Jubiläum von "Dead To The World" erscheint im Sommer 2026 eine neue, auf ein Doppelalbum erweiterte Fassung des Albums, auf der vier bislang unveröffentlichte Songs aus den Aufnahmesessions auftauchen. Außerdem gibt es ein neues Coverartwork.
Weiterhören: John Lancaster - A Panchent For Hell On Earth (2015), Hyatari - The Light Carriers (2005)
Zusatzinformation: Die Band arbeitet nach fast dreißigjähriger Pause aktuell an einem neuen Album.
Shoutout an Freund und 90er-Alternative und Indie-Tausendsassa Andi, der mir "Dead To The World" zur Mitte der nuller Jahre ins Körbchen legte.
Erschienen auf Century Media, 1996.
