02.05.2013

Psychotic Waltz - Everything Is Nothing (6)



PSYCHOTIC WALTZ - LIVE & ARCHIVES


Nachtrag für Komplettisten und Vollnerds: posthum erschienen über das obskure Offenbacher Mini-Label Institute Of Art Records zwei Resteverwertungen, die heute zu bisweilen völlig absurden Preisen gehandelt werden und dabei inhaltlich übersichtlich essentiell sind.

Labelchef Siggi Blasey, der an den beiden Darkstar-Alben von Gitarrist Dan Rock mitarbeitete, die ebenfalls auf Institute Of Art herauskamen (interessanterweise waren an den Produktionen auch der ehemalige Grave Digger-Gitarrist Uwe Lulis und der ehemalige Schlagzeuger von Tankard Oliver Werner beteiligt - kostenloses und irrelevantes Szene-Gossip, von mir, für Dich!), veröffentlichte zunächst die Waltz'sche "Live & Archives" Doppel-CD, die neben einer Bootlegaufnahme eines Konzerts in Hamburg aus dem Jahr 1991 außerdem frühe Demos (auch aus den Zeiten, als sich die Band noch Aslan nannte) und unveröffentlichte Jams zusammenstellte. Wenn ich mich recht entsinne sind im dicken Booklet zahlreiche Bilder aus alten Bandtagen, sowie eine ganze Menge Kunstwerke von Coverartist Mike Clift und Blasey zu sehen. Als Die Hard-Fan kann man sich sowas gerne mal ins Regal stellen, für den Rest ist's so interessant wie eine geschimmelte Erdbeere (Bio, aus Spanien).

Erschienen auf Institute Of Art Records, 1998



PSYCHOTIC WALTZ - DARK MILLENIUM

Exakt das gleiche gilt für die zweite CD "Dark Millenium". Hier gibt es ein paar instrumentale Spielereien von Gitarrenheld Brian McAlpin unter dem schönen Titel "Penetralia: A Sountrack For Reaching The Higher Spheres Into Narcotic Dances", eine Handvoll Coverversionen (Ozzy, Black Sabbath, Pink Floyd) und drei Nummern des 1991er Auftritts im Rahmen des Dynamo Festivals zu hören; darüber hinaus können wir einem Interview mit Mike Clift lauschen.

Brutalstehrliches Fazit: wenn selbst einer wie meinereiner, der der Kapelle im Grunde hoffnungslos verfallen ist, die beiden Platten schon vor Jahren vertickt hat, lassen sich die Veröffentlichungen ohne größere Anstrengungen entsprechend einsortieren. Und angesichts der Preise der beiden Scheiben, die gegenwärtig zwischen 25 und 110 (!) Euro liegen, ist dann praktisch jede Diskussion überflüssig.


Zum Zeitpunkt dieser beiden Veröffentlichungen lag die Band schon zwei Meter unter der Erde. Ob es an der chronischen Erfolgslosigkeit lag, oder doch die Spannungen innerhalb der Band ausschlaggebend waren - besonders zwischen Gitarrist Dan Rock und Sänger Buddy Lackey soll es angeblich ordentlich geknirscht haben - ist heute im Grunde nicht mehr der Rede wert. Nun ist aber meine Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung wie üblich bedeutend größer als meine Begeisterung und angesichts eines scheinbar nie enden wollenden Stroms von cooler, neuer Musik muss das angekündigte Reunionalbum wenigstens für den Moment nicht so irrsinnig dringend über den Teich paddeln. Wenn es aber so weit sein sollte: count me in!

Forever Nerd.

Erschienen auf Instite Of Art Records, 1999.

01.05.2013

Psychotic Waltz - Everything Is Nothing (5)



PSYCHOTIC WALTZ - BLEEDING

Zwei Jahre nach dem wenig erfolgreichen "Mosquito" erschien mit "Bleeding" ein Werk, das zwar grundsätzlich den stilistischen Faden des Vorgängers aufnahm, daraus allerdings einen im Detail deutlich veränderten Klangteppich knüpfte.

"Bleeding" zeigt eine Band, die schließlich in ihrem Sound angekommen war, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass danach zunächst mal das Licht ausging. Scott Burns, der das vierte Studioalbum ebenso wie "Mosquito" produzierte und sich zu jener Zeit eigentlich nur noch für enge Freunde hinter ein Mischpult setzte, hat zwar immer noch den für ihn nicht untypischen "Don't worry, it'll sound as heavy as fuck!" Sound zusammengepuzzelt, legte aber den Schwerpunkt auf ein offeneres, transparenteres Klangbild, das die Songs trotz aller Kompaktheit entzerrte und sie atmen ließ. Apropos Kompakt: wenn ich schon zu "Mosquito" das Quatschwort "ultrakompakt" auspacken musste, bleiben mir für "Bleeding" leider nicht mehr viele Steigerungen übrig, aber notwendig wär's dann doch schon. Die elf Songs, von denen nur zwei die Marke von vier Minuten überschreiten, sind sowohl hochkonzentrierte, als auch vielschichtige und monumentale Kompositionen, die bis in den letzten Winkel verdichtet ein perfekt abgeschlossenes System aus Groove, Melodie und Emotion formen und am Leben erhalten. Ich sprach schon zu "Into The Everflow" von der Kunst, solche Songs zu schreiben - angesichts der Raffinesse von "Bleeding" könnte man nochmal einen draufsetzen, wenn man denn wollte. Und ich will. Denn "Bleeding" besteht aus nicht weniger als elf Kunstwerken, destilliert aus dem besten, was dreißig Jahre Rockmusik hervorgebracht haben, formvollendet mit der Präzision eines Diamantbohrers in Position gebracht, mit Sternenstaub geschmückt und mit dem strahlenden Schein zarter Melancholie und brennender Intensität beschenkt.

"Bleeding" ist ein zeitloser, genuiner und untergegangener Klassiker der neunziger Jahre und bis heute das letzte Lebenszeichen einer Band, die offensichtlich genau weiß, an welchem Werk die Reunion gemessen werden wird: von dem seit über zwei Jahren angekündigten neuen Album ist weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht schlottern auch diesen Göttern mal die Knie.(*)

Erschienen auf Bullet Proof, 1996.


(*): was natürlich Schrott im Quadrat ist, am Ende liegt's an irgendeinem Vertragsgeschnarze, oder sie können sich (mal wieder) nicht riechen, oder das Gras ist aus. Vielleicht haben sie aber auch ganz banal: einfach keine Lust mehr. 

28.04.2013

Psychotic Waltz - Everything Is Nothing (4)



PSYCHOTIC WALTZ - MOSQUITO

Mit ihrem dritten Album nahmen Waltz eine musikalische Kurskorrektur vor, und die fiel nicht zu knapp aus. Ich weiß nicht, was zwischen "Into The Everflow" und "Mosquito" passiert ist, aber der Schalter, den die Band ab hier umlegte, war riesig; ich glaube bis heute nicht daran, dass man diese Veränderung noch so mir nichts, dir nichts im Rundordner "Weiterentwicklung" abheften kann. Der Fünfer hatte nunmehr mit der Komplexität seines Debuts und der Tiefe des Nachfolgers nichts mehr am Hut, stattdessen beschränkte er sich auf drei- bis vierminütige ultrakompakte Metalsongs, die weniger progressiv als viel eher psychedelisch und durch die explizit dickflüssige und brutal tiefliegende Produktion des ehemaligen Death und Thrash Metal Produzenten Scott Burns sehr, sehr heavy klangen. Im Rückblick muss "Mosquito" als Übergangsalbum bewertet werden, denn auch wenn die Band mit dem Titeltrack, "Haze One", "Shattered Sky" und "Mindsong" erneut einige Klassiker geschrieben hat, wirken Songs wie "All The Voices", "Only Time" und "Locked Down" unausgereift und orientierungslos. Man hört der Band zwar an, dass sie eine Idee davon hatte, wie ihr künftiger Sound aussehen soll, mit der Umsetzung war sie zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch überfordert.

Stilistisch platzierten sie sich im neuen Soundgewand jedenfalls zielsicher zwischen alle Stühle, was aus diesem Blickwinkel betrachtet für die nächsten Jahre durchaus als Fehlentscheidung betrachtet werden darf. Die Proggies waren angesichts vierminütiger Songs zumindest skeptisch, der Ottonormalmetaller bekam bei mehr als drei Riffs und zwei Breaks pro Song Migräne und die sich 1994 schon längst abschließend formierte Grunge- und Crossovergemeinde rümpfte die Nase und holte das große Schild mit dem damals verbotenen Wort "Metal!" heraus.

Es erscheint vor diesem Hintergrund wenig entgeisternd, dass die Band nach "Mosquito" nicht nur Bassmonster Ward Evans, sondern mit Brian McAlpin auch den so wichtigen Partner an der Seite von Gitarrist Dan Rock verlor. Die jahrelangen, zermürbenden Tourneen, die nicht nur dreistündige Shows, sondern auch keine Day-Offs ausweisen konnten (was die Band bei vollem Bewusstsein zu solch grotesken Himmelfahrtskommandos wie die Strecke Mailand - Hamburg im Klappervan innerhalb eines Tages zwang), waren für den querschnittsgelähmten Gitarristen am Ende einfach zuviel.

Erschienen auf Bullet Proof, 1994.

27.04.2013

Psychotic Waltz - Everything Is Nothing (3)




PSYCHOTIC WALTZ - INTO THE EVERFLOW

"Oh Mann, wie soll man etwas in Worte fassen, das dazu angetan ist, dein komplettes musikalisches Weltbild innerhalb von knapp 50 Minuten aus den Angeln zu heben und neu zu definieren?"
(Wolfgang Schäfer über "Into The Everflow", 1993)

Ich habe mich ehrlich gesagt vor diesem Blogeintrag etwas gedrückt. Die Erinnerung an all die überwältigenden Momente, die ich mit "Into The Everflow" verbracht und erlebt habe, wie ich sie eine Zeitlang tatsächlich mal als zum endgültig besten erkoren habe, was ich jemals hörte, wie mich praktisch jeder Ton und jedes Wort in Extase versetzt....das klingt alles so übertrieben und dick aufgetragen, und ich sehe Euch schon wieder mit einem Grinsen im Gesicht vor Eurem Monitor sitzen und "Haha, der Flo wieder...!" denken oder sogar sagen. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass selbst die überwältigendste und wahrhaftigste Begeisterung all dem am Ende doch nicht gerecht wird. Außerdem ist's geradewegs ein bisschen peinlich, wie sehr ich die Platte und die Band derart vergessen konnte. Wahnsinn. Ich bin geschockt. Ich mein's ernst, ich verstehe das nicht. Jetzt befindet sich "Into The Everflow" seit gut sechs Wochen also im "Aktuell"-Stapel vor der Anlage und ich bin bei jedem Durchlauf von Neuem hingerissen von soviel Schönheit, Intensität und Virtuosität. Was für eine Kunst es sein muss, solche Songs schreiben zu können.

Als ich die Band 1996 zum ersten Mal in der Hafenbahn in Offenbach live sah, im Vorprogramm spielten übrigens die nicht bedeutend weniger beeindruckenden Payne's Gray, wurde es zwischen zwei Songs plötzlich still. Sänger Buddy Lackey stand am Bühnenrand und sprach ohne Mikrofon zu den vielleicht 400 Menschen, deren Blicke an ihm klebten:"Thank You very much. The next song is called "Into The Everflow"". An einer besonders epischen Stelle im Song holte mein Vordermann mit einer großen, ausladenden Geste aus und schleuderte seine Arme zur Seite und nach hinten und wahrscheinlich nach überall hin, während er gleichzeitig seinen Kopf extatisch nach hinten schmiss. Meine Nase wurde von seiner linken Hand mit ordentlichem Schmackes getroffen und entschied sich anschließend dazu, einfach mal drauflos zu bluten. Und ich entschied mich dazu, es einfach mal drauflos laufen zu lassen.

Seriously, what a band! What a record! What a life!

Erschienen auf Dream Circle, 1993.

22.04.2013

Psychotic Waltz - Everything Is Nothing (2)



PSYCHOTIC WALTZ - A SOCIAL GRACE

Niemals sonst habe ich für die Erschließung einer Platte längere Zeit benötigt als für das Debut dieses Quintetts aus dem US-amerikanischen San Diego. Und ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass das gar nichts mit dem berühmten "Schönhören" zu tun hatte, weil meine anfängliche Skepsis und sogar Ablehnung gar nicht das passende Fundament für eine positive Entwicklung legen konnten. Hier war schließlich jahrelang nichts als eine öde Wüste in meinem Kopf. Ich kenne sogar Menschen, die sagen, die Wüste sei also in den letzten Jahren nicht gerade unwüstiger geworden. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Jedenfalls: es mögen drei, vier Jahre ins Land gezogen sein, bis ich bei "A Social Grace" überhaupt mal zum vierten Song vorgestoßen bin, und "there's no fucking joke coming" (Bill Hicks). Und ich wäre wohl ohne die Unterstützung ihres zweiten Albums "Into The Everflow" noch nicht mal so weit gekommen, denn erst als ich diesen geilen Irrsinn verdaut hatte, öffnete sich das Fenster zu "A Social Grace". Der letzte Dominostein fiel, als ich den Text von "Nothing", vielleicht das beste, was jemals gespielt, aber auf jeden Fall gesungen wurde, endlich auch verstand.


not so long ago there was a time
the naive animal was a wiser thing
and these devils that we accept as reality
did not exist here before
nor do I think they were meant to be

they have enshrouded themselves
with the comforts of wealth
inside this temple of material things
which they cling to
all because the hand
was much easier to see than the spirit
and upon the educated discovery of this
they have made their decision
not only for themselves
but for everyone else as well

everything you've ever come to experience
to anyone else here has never been
and will never be

life does not exist
memory is nothing more than photographs
a looking glass to see just where you've been
not what you've been there for
realize your insignificance to the universe
and to infinity

you will have then cast away
the pride of all these things you held so dear
agony and pleasure are a suffering to one another here
the wisest is the fool who realizes he knows
nothing, nothing

turn your back on this misconception
that the body is the temple
it's just the tool of the soul
the brain is only the house of the mind
and soon you'll have to give back
everything you've borrowed for this lifetime
only then you'll find
you have spent all this time
struggling for the wrong things
and all of your works here have been nothing

everything is nothing




Ab dieser sprichwörtlichen Erweckung ging's nur noch bergauf. "Nothing" war die philosophische Quelle, aus der sich meine Verehrung und Begeisterung künftig speisen sollten. Die Tiefe und Mehrdimensionalität in Meisterwerken wie "Halo Of Thorns", dem umwerfenden "Another Prophet Song", "I Of The Storm", "Strange" oder dem ungewöhnlich harten Brecher "Spiral Tower" erschienen plötzlich universell wichtig, viel wichtiger als das, was ich einer Progressive Metal Platte bis dahin zugestanden hätte. Und ich verstand plötzlich auch die ganzen Typen, die bei der Erwähnung des Plattentitels in Freudentränen ausbrachen. Psychotic Waltz waren spätestens nach Veröffentlichung von "A Social Grace" Kult, was sowohl damals wie heute bekanntermaßen ein Synonym für "erfolglos" war und ist. Nicht, dass man sich darüber wundern müsste; die Komplexität in den Kompositionen der fünf Haschköppe hat eben nicht nur meine eigentlich an progressive Sounds gewöhnten Ohren überfordert. Und ehrlich, wer außer einer Handvoll Vollnerds will denn sowas hören?

Das Verrückte daran ist eigentlich nur, wie schnell sich die Verwirrung auflöst, nachdem der Verständnisschalter ein einziges Mal gedrückt wird. Weshalb es mir heute völlig unverständlich erscheint, wie ich hier jemals ein Fragezeichen auf der Stirn kleben haben konnte. "A Social Grace" ist eines der beeindruckendsten Debuts aller Zeiten und qualitativ im Prinzip auf einer Ebene mit den ersten, wegweisenden Werken von Iron Maiden oder Metallica, minus deren Erfolg und Einfluss.

Erdacht, komponiert, gespielt und produziert von fünf absoluten Ausnahmemusikern.

Erschienen auf Rising Sun Productions, 1990.

21.04.2013

Psychotic Waltz - Everything Is Nothing (1)




Ich habe seit sicherlich seit mehr als zehn Jahren keine einzige Psychotic Waltz Platte gehört und habe zugegebenermaßen im Grunde auch nichts vermisst.

Alleine für diesen Satz müsste ich mir beide Hände abhacken lassen und eine Kniespiegelung ohne Narkose verordnet bekommen, weil Waltz eben nicht nur zu den wichtigsten Bands in meinen 90er Jahren zählten, gleichfalls aber auch ein großer Einfluss auf meine eigene Musikerlaufbahn waren. Man hört das meinem Krempel im Jahr 2013 vielleicht nicht mehr so zwingend an, aber vor allem gesanglich haben die unzählige Male mitgesungenen Songs ihre Spuren hinterlassen. Andererseits waren Waltz vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts SO wichtig, dass ich ihre Songs, Achtung, Pathos: sowieso immer mir mir herumtrage. In den letzten vier Wochen habe ich mich davon ausgiebig überzeugen können. Und diese Rückkehr gehört in diesen Blog.

Von zwar nur vereinzelten, dafür aber umso intensiver auftretenden Rückfällen abgesehen, bin ich nicht wirklich in der Vergangenheit angekettet, eher schon ließe sich das Gegenteil behaupten. Meine beinahe tägliche Suche nach neuer Musik lässt darüber hinaus auch nur wenig Raum übrig, um den Blick über das Plattenregal schweifen zu lassen. Anfang März klickte ich fast schon beiläufig auf ein Livevideo der Band aus dem Jahr 2011, aufgenommen aus dem Publikum in der Frankfurter Batschkapp. Was folgte war ein Synapsenkollaps, in erster Linie ausgelöst von den zentralen Fragen: Die spielten in Frankfurt und ich war nicht da? Seit wann gibt's die denn wieder? Warum gibt's die wieder? Und zum Abschluss: Ich war wirklich nicht da, ne?!

Nach ihrer Auflösung im Jahr 1997 wurde es still um die Bandmitglieder. Sänger Buddy Lackey lebte einige Jahre in Wien und stellte dort sein Projekt Deadsoul Tribe zusammen, Gitarrist Dan Rock nahm zwei instrumentale Soloalben unter dem Namen Darkstar auf (kurioserweise in demselben Proberaumkomplex, in dem meine damalige Band das Hauptquartier hatte), und von den anderen Jungs war außer Kommentaren wie "Die führen einen Plattenladen und kiffen den ganzen Tag" nichts zu hören. Nun ist's wohl allgemein bekannt, was ich von Reunions im Allgemeinen halte, was mich dummerweise nicht davon abhält, im Speziellen doch mal schwach zu werden, sofern es sich denn qualitativ lohnen mag. Und es lohnt in 9 von 10 Fällen nicht. Eine Mischung aus dieser Indifferenz und der vermuteten Überwindung meiner früheren Progressive Rock-Abhängigkeit brachten mich wohl dazu, der Batschkapp an diesem Abend fern zu bleiben. Außerdem: Psychotic Waltz reisten im Vorprogramm der Hampelmänner von Nevermore durch's Land. Noch Fragen?

Arschlange Rede, noch längerer Sinn: bei dem Video handelte es sich um den Titeltrack des zweiten Albums "Into The Everflow". Jetzt ist es so....wenn mich 1997 jemand gefragt hätte, was denn meiner Meinung nach der beste Song aller Zeiten sei, so allumfassend und wirklich allesallesalles berücksichtigend, dann hätte ich wohl "Into The Everflow" geantwortet. Und auch wenn die letzten 16 Jahre nun ganz offensichtlich nicht spurlos an der Stimme von Buddy Lackey vorbeigezogen sind, war ich unfassbar angefixt. So unfassbar angefixt, dass ich mich in den folgenden drei Wochen ausgiebig durch ihre vier Studioalben tauchen sollte.

Ich hab' Bock.



14.04.2013

Whitey On The Moon



Was all that money I made las' year
for Whitey on the moon?

How come there ain't no money here?
Hm! Whitey's on the moon 

Y'know I jus' 'bout had my fill
of Whitey on the moon

I think I'll sen' these doctor bills,
Airmail special
to Whitey on the moon

13.04.2013

Fairy Godmother



CASSANDRA WILSON - POINT OF VIEW


Für diejenigen unter meinen Lesern, die meine Vorlieben in Sachen Jazz kennen, dürfte die Erwähnung ausgerechnet dieses Cassandra Wilson Albums keine Überraschung darstellen, selbst dann nicht, wenn das Veröffentlichungsjahr von "Point Of View" in meinen toten Winkel fällt. Jazz aus den achtziger Jahren, im konkreten Fall von 1986, muss mir nicht unbedingt auf den Plattenteller fliegen. Und tut es für gewöhnlich auch nicht. Platten mit der Beteiligung des Posaunisten Grachan Moncur III hingegen nehme ich mit Kusshand in die Sammlung auf, da kümmert mich auch das Jahrzehnt nicht. Moncur ist auf Wilsons Debut zusammen mit Jean-Paul Bourelly (Gitarre), Steve Coleman (AltSax), Mark Johnson (Schlagzeug) und Lonnie Plaxico am Bass zu hören.

Disclaimer: Ansonsten meide ich für gewöhnlich auch die Jazzgitarre so sehr wie Frei.Wild-Fans den Duden, das Gehirn oder saubere Unterhosen, aber ich bin ja total offen für Neues, optional auch total bekloppt, mache mir die Welt widdewiddewie sie mir gefällt. Und so weiter.

"Point Of View" ist eine inhaltlich lose Zusammenstellung von eineinhalb Eigenkompositionen von Wilson, darüber hinaus lassen sich Coverversionen von "Blue In Green" von Miles' "Kind Of Blue"-Album und "I Wished on the Moon" von Dorothy Parker und Ralph Rainger Coleman finden. Coleman steuert "Never" und "Desperate Move" bei, Gitarrist Bourelly den, wie es sich für einen Jazzgitarristen gehört, furchtbaren Rausschmeißer "I Thought You Knew". Herzstück, wie sollte es anders sein, ist indes die Neuinterpretation von Moncurs "Love And Hate", ursprünglich auf Jackie McLeans fantastischem "Destination...Out!"-Album von 1963 zu hören. Das Ensemble verschafft sich nicht zuletzt durch das Gesangsarrangement von Wilson einen völlig neuen Zugang zu dieser ursprünglich windschiefen Komposition, die hier erstmals als abgeschlossen und rund erscheint. Der Charme des Originals bleibt dabei zwar auf der Strecke, der stimmige Ersatz entschädigt allerdings für diesen Verlust.

"Point Of View" war der Startschuss für eine bis heute anhaltende und ausgesprochen erfolgreiche Karriere der US-amerikanischen Sängerin. Auch wenn ihre späteren Alben den Mainstream nicht nur streiften, bleibt über die gesamte Schaffensperiode ihr freier Geist, ihre Experimentierfreude und Ihr Streben nach neuen Blickwinkeln in ihrer Musik erhalten. Vor allem der Einsatz ihrer ungeheuerlich variablen Alt-Stimme mit diesem kehligen, bluesigen, rauchigen Stamm, hier besonders in ihren eigenen Songs "Square Roots" und "I Am Waiting" als freies Instrumentalschwebeteilchen zu bewundern, macht ihre Arbeit unvergleichlich und nach Sekundenbruchteilen identifizierbar. "Point Of View" ist, wenngleich keines meiner Lieblingsalben, ein spannender und früher Einblick in den Start einer großen Karriere und ein regelmäßiger Gast auf dem Plattenteller.

Erschienen auf JMT, 1986.

08.04.2013

Alte Schule

Viking standen selbst in ihrer Blütezeit zu Ende der 1980er Jahre und selbst in gedimmten Licht betrachtet bestenfalls in der dritten, vielleicht sogar in der vierten Reihe der großen Thrash Metal Bands. Sicherlich hinter Overkill, Exodus und Forbidden, hinter Metallica, Slayer und Anthrax sowieso. Trotzdem habe ich einen kleinen Narren an der Band gefressen, weshalb ich sie an dieser Stelle bereits mit ihrem Debut "Do Or Die" vorstellte. Vor einigen Monaten verriet mir das Internet, dass sich die Combo wieder zusammenraufte und sich außerdem mit Drumriese Gene Hoglan (u.a. ex-Dark Angel) verstärkte. Den Bass spielt kein geringerer als der ehemalige Dark Angel Viersaiter Mike Gonzales. Und auch wenn der zu Dark Angels "Leave Scars" und "Time Does Not Heal"-Line-Up gehörende Brett Eriksen es leider nicht zurück zur Band schaffte, so ist es doch wenigstens Ron Eriksen am Gesang und der Gitarre, der das angedachte neue Studioalbum der Band aus Los Angeles ziemlich nah an ein (neues) Dark Angel-Album heranrücken lässt. Wie es ein Kommentar auf Youtube ganz richtig schrub:

"Probably the closest thing we'll get to a new Dark Angel album."

Die vorab präsentierten Rough Mixes von zwei neuen Tracks lassen den Old Schooler aufatmen: noch ist eine Plastikproduktion weit und breit nicht in Sicht und man kann nur die Daumen drücken, dass sich Viking nicht an dem Fehler der Kollegen von Heathen orientieren, die nach einem gandenlos guten Demo aus dem Jahr 2005 eine aufgespritzte Botox-Produktion für ihr Comebackalbum wählten und es, wenn auch nicht ausschließlich damit, ziemlich unerträglich werden ließen - die Songs waren immerhin auch ganz schön mittelprächtig.

Auch wenn also die vergangenen Reunionalben von alten Helden wie Forbidden, Heathen und meinetwegen ja auch gerne die seit 2004 an trüber Verredneckisierung leidenden Exodus, es eher ganz flüssig in die Leinenhose laufen ließen, und ich diesbezüglich mittlerweile mehr als vorsichtig geworden bin, steht der Zeiger für eine neue Platte von Viking bislang noch auf einem satten grün. Als Beweis füge ich den neuen Track "An Ideal Opportunity" hier ein.





Eine kleine Anmerkung am Rande: ob der Anfang der 1990er Jahre zum wiedergeborenen Christen "konvertierte" Ron Eriksen (ein Schicksal, das er übrigens mit Dark Angel-Sänger Ron Rinehart teilen musste - die Parallelen zwischen beiden Bands sind ja schon fast beängstigend) gleich einem offensichtlich lobotomierten Dave Mustaine textlich und, was noch schlimmer wäre, ideologisch ins Jahr 8000 vor Christus zurückgeplumpst ist, weiß ich noch nicht. Ich will's allerdings herausfinden, ich will so eine Scheiße schließlich nicht hören.

Käse & Kopfnicken



MISTER JASON - SON OF FRANKENSTEEZ


"Son Of Frankensteez" ist das Follow-Up zum 2011er "Frankensteez"-Album des Bostoner Rappers Mister Jason. Auf elf Tunes remixen sich J-Zone, DJ Format, The Herbaliser und noch eine gute Handvoll mehr MCs wie Nabo Rawk, K-No Supreme, Rain, CheckMark und General Stoor sowohl durch Songs des Albums, als auch durch drei neue Cuts. Höchste Zeit, dass ich darüber mal ein paar Worte verliere, da der Mann in Deutschland ganz offensichtlich noch ein fast vollständig unbeschriebenes Blatt ist. Ein Umstand, der sich durch diesen Post natürlich grundlegend ändern wird. Beziehungsweise Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Ich wurde erstmals durch ein virtuelles Mixtape des Ghettoblaster Magazins auf Mister Jason aufmerksam. Es war ein Samstagmorgen, es war Sommer, und Peter Maffay brachte mir und der Herzallerliebsten gerade frischen Kaffee ans Bett ich saß mit der Herzallerliebsten gerade am Frühstückstich, als mich "Black Angel" ziemlich sehr doll sehr wuschig werden ließ. "Black Angel" ist eigentlich furchtbar albern, fast schon cheesy, aber der Groove und der clevere Gitarrenloop machen's wieder wett. Beziehungsweise: wenn ich mir am Frühstückstich den Nackenwirbel ausrenke, gebe ich keinen Fick auf Cheesyness.



Was mich nun auch bei dieser saucoolen Platte pures Rosenwasser urinieren lässt: Mister Jason hat mit dem leider immer noch aktuellen Gangsta Hip Hop und dieser Frechheit, die sich tatsächlich und ebenfalls immer noch R'n'B nennen darf, nichts am Gemächt, quatsch, Hut. Die Wahrheit ist, dass ein großer Schöpflöffel eine angemessen scharfe Jazz-, Beat-, Funk- und Soul-Suppe umrührt, die mich an erster Stelle an die durchgeknallte Son Of Bazerk-Truppe aus der güldenen HüpHöp Zeit Anfang der neunziger Jahre erinnert. Der Humor und die Selbstironie, die sich ja auch im verlinkten Video zeigen, ist das vielzitierte Salz in dieser Suppe und auch die dem grünen Vinyl beigelegte Frankenstein Gesichtsmaske zeigt: in einer Szene, die zum Lachen in den Keller geht, nimmt sich der Kerl hier nicht allzu ernst. Und das das muss man feiern. Ich tu's, denn der Kram ist heiß und sexy.

Erschienen auf Fort Point, 2012.


04.04.2013

Neunziger (7)



SECRECY - ART IN MOTION

Platten neu erleben, Teil 179. Weil manches eben ein bisschen länger dauert.

An einem späten Sonntagabend im Jahr 1990 hörte ich erstmals von Secrecy. Als sich der Hessische Rundfunk noch eine "Hard'n'Heavy" betitelte Themensendung im Programm leistete und sich die deutsche Metalprominenz ins Studio holte. An diesem Abend war es der damalige ex-Destruction Bassist und Sänger Schmier, der sein erstes Headhunter-Album "Parody Of Life" vorstellen durfte und auch noch während der restlichen Musikauswahl von Moderator Till Hofmeister auf Sendung blieb. Hofmeister schob, nachdem eigentlich schon alles gesagt war, das Debut von dieser Combo aus Bremen in den CD-Schacht, ließ das epische "Last Of The Dynasty" über den Äther marschieren, und Schmier rumpelte nach diesen sieben Minuten "S...sehr gute Band. Sehr, sehr gute Band. Gute Band." ins Mikrofon. "Last Of The Dynasty" war vielleicht ein bisschen cheesy und die Stimme von Peter Dartin war durchaus gewöhnungsbedürftig, aber diese Melodien! Diese Breaks! Diese Komplexität! Ich kaufte die CD wenig später, und ich muss aus heutiger Sicht zugeben: ich war dafür noch eine Spur zu jung. Ich mochte "Art In Motion" und ich habe die Platte auch ausgiebig gehört, aber so richtig geschnallt habe ich sie nicht.

Was mir eigentlich erst vor drei Wochen aufgefallen ist, als ich das Vinyl im Plattenladen für lumpige acht Euro herumstehen sah und nicht widerstehen konnte. Die CD hatte ich beim Großreinemachen vor ein paar Jahren verkauft, aber ich hatte wieder Bock auf die Platte - und schon beim ersten Anhören hat sie mich förmlich weggeblasen. Buben, Mädels: das war 'ne deutsche Band, ne?! Im Jahr 1990! Da hatten die deutschen Fußballspieler und Weltmeister noch Oberlippenbärte und galten als sexy. Und die Jungs hier kamen noch dazu - no offense! - aus Bremen.

Über Karl-Uwe Walterbach und sein Noise-Label lässt sich zweifellos das ein oder andere Sujet diskutieren, auf sein überaus feinsensoriertes Näschen für geilen, neuen, frischen Stoff lasse ich hingegen nichts kommen. Secrecy bauten ihre Musik auf einem verproggten Speed/Power Metal Fundament auf, das völlig untypisch für die damalige Zeit weniger bis gar nicht an die anderen teutonischen Metalbands wie Helloween, Running Wild oder Grave Digger erinnerte, sondern tatsächlich an US-amerikanischen Power Metal von Sanctuary und Fates Warning einerseits und an der Sucht nach Melodien von Iron Maiden andererseits angelehnt war. Der wahre Clou dieser Band war aber der bereits erwähnte Mann am Mikrofon: Peter Dartins Gesangsstimme und seine Akzentuierung waren sehr ungewöhnlich, seine Melodien waren vom Naheliegenden auch ganze Universen entfernt, aber dass der Kerl überhaupt darauf kam, über dieses verworrenene, komplizierte Riffgewurschtel im Hintergrund diese großen, opulenten Melodiebögen zu singen und was diese dann mit dem Charakter der Musik anstellten: da ziehe ich meinen Hut, beziehungsweise die Hose beziehungsweise: aus. Ich erkenne das erst ächzend langsam, aber je öfter ich "Art In Motion" höre, desto deutlicher wird, wie großartig und ideenreich diese Musik war.

Achtung jetzt, Flo lehnt sich aus dem Fenster: eines der fünf besten deutschen Metalalben aller Zeiten.

Erschienen auf Noise Records, 1990.

02.04.2013

Tout Nouveau Tout Beau (7)


FUNCTION - INCUBATION

Function aka David Sumner stammt weniger aus dem Sandwell District-Dunstkreis, als viel mehr direkt aus deren Epizentrum und hat mich durch mehrere Maxis das ein oder andere Mal ziemlich um den Finger wickeln können. Sein Debutalbum über Ostgut Ton führt diese Serie großzügig fort, denn ich zappelte schon nach vierdreifünftel Sekunden des noch umschmeichelnden Openers "Voiceprint" am Haken. Der Drive der folgenden Stücke ist geradezu unmenschlich, fast schon schmerzhaft. Function hetzt mich von einer dunklen, abgeranzten Gasse in die nächste, die Tunes sind unbehaglich und wirken gestresst. Hier regiert nicht die Tiefe und die Wärme, hier regiert der eiserne Groove und die verdammte Bassdrum, die wie ein Vorschlaghammer alles kaputtdotzt.

Wenn Voivod Science Fiction Metal sind, dann ist Function Science Fiction Techno. Es sollte schon mit Erika Steinbach zugehen, wenn "Incubation" im Jahr 2013 noch von einem anderen Technoalbum abgefangen werden würde. Kinder, wo sind die Drogen?

Erschienen auf Ostgut Ton, 2013.




HANNIBAL MARVIN PETERSON - THE TRIBE

Das Amsterdamer Label Kindred Spirits hat mit "The Tribe" einen verschollen geglaubten Schatz geborgen. Das Debutalbum des Trompeters Hannibal Marvin Petersons sollte ursprünglich 1979 veröffentlicht werden, es erschienen aber nie mehr als eine Handvoll Testpressungen, die in den letzten drei Dekaden bei Sammlern bizarre Werte im viertselligen Bereich erzielten. Das Album, aufgenommen mit Hilfe eines 13 köpfigen Kollektivs, gilt als vergessene Perle des Spiritual Jazz im Zeichen der bedeutenden Pharaoh Sanders, Alice Coltrane und Rashied Ali-Werke aus den siebziger Jahren. Wenngleich anschmiegsamer als die genannten Vergleiche, groovt der Tribe sehr ordentlich und angemessen benebelt durch fünf Aufnahmen, die bedeutend weniger tranig sind, als man das bei bloßer Genrebezeichnung im Ohr haben könnte.

Vergleiche mit Max Roachs "We Insist!"-Album, sowohl den Schmerz als auch die Extravaganz betreffend, sind durchaus legitim.

Erschienen auf Kindred Spirits, 2013.




DEXTER STORY - SEASONS

Bock auf geile Hippiegedröhnschunkelei, live von der Strandpromenade in Los Angeles, auf Rollschuhen, mit Blumen im Haar, Love'n'Peace, Wärme, Sonnenstrahlen, Vanilleeis und leichte Lektüre aus der Harlem Renaissance? Dann muss "Seasons" unser aller Sommerplatte des Jahres 2013 werden, und ich kann es ehrlich gesagt gar nicht erwarten, dieses Album zu den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings zu hören.

Is it smooth? Hell yeah! Is it warm? You bet! Ist es banal oder cheesy? Not a friggin' second. Das farbenfrohe und positive Cover weist schon darauf hin, was es hier gibt: tiefenentspannte, emotionale, lebensfrohe Soulmusik.

Kann es jetzt bitte endlich, endlich, endlich Sommer werden? Fick' dich weg, Winter!

Erschienen auf Kindred Spirits, 2013.



30.03.2013

Don Johnson, 1983



GOLDEN DONNA - GOLDEN DONNA

Der Herzallerliebsten zerrte das Debut des Synthie-Wizards Joel Shanahan hier und da ordentlich an den Nerven. Meine Verblüffung darüber war mir wohl deutlich anzusehen, denn ich hätte Golden Donna nie als Stressmusik einsortiert, tatsächlich tat ich genau das Gegenteil. Für mich war dieser funkelnde, musikgewordene Sonnenuntergang von Beginn an ein durchaus besinnlicher Ort. Das ist womöglich so eine Jean Michel Jarre-Reminiszenz, denn für mich ist der scheinbar niemals abbrechende Fluss an Melodien, Formen und Farben schon fast unter Ambient abgespeichert. Selbst wenn der dezent unruhige, slickende Beat vom Highlight "Shifter" einen ja sogar auf die Tanzfläche schleudern kann. Wenn nicht gar muss.

Was darüber hinaus über dieser Musik schwebt, ist ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein, aus dem sich eine leuchtende Aura von Kraft und Kontrolle emporschlängelt. "Golden Donna" klingt wie in Stein gemeißelt, zusätzlich konserviert mit dem absoluten Willen zur Umsetzung einer Vision. So eine Platte schraubt man nicht zusammen, wenn man sich nebenbei ein Leberwurstbrot schmiert. "Infinite Earth" kratzt an spirituellen New Age-Wolkenladschaften, "Paulding Light" schreit nach ausgefransten Jeansshorts, braun getönter Pornobrille, Oberlippenbart und San Francisco im Jahr 1983. Niemals beliebig, immer aufmerksam. 30 Minuten Drachenfliegen auf der Couch. Oder im Bett. Oder in der Badewanne.

"Just try it man, just try."(Phil Rind).

Erschienen auf NotNotFun, 2012.

29.03.2013

Verstolpert

Es geht mich nichts an und ich möchte das alles nicht überbewertet wissen, obwohl ja doch schon so irgendwie, zumal die Frage durchaus mal gestellt gehört, weil also: Stifte raus, aufpassen:

Pearl Jam!

Was GENAU ist eigentlich zwischen 1992 und 2000 mit dieser Band passiert?

Derselbe Song, dieselbe Bühne, dasselbe Land - aber eine komplett andere Band. Obwohl's (fast) die gleiche ist.

1992: Feuer!!! Da hat die Erde gebebt. Und Vedder auch.

2000: Blasenkatheter!!! Diese Drogen. Dieser Alkohol.  Oder dieses Geld. Diese alten Knochen. Diese Bocklosigkeit. Und dieses Mitwippen von McCready. Dieses Sologewichse.








Bevor jemand motzt: Roskilde war nach Pinkpop 2000. Nur so.

26.03.2013

The Idiot Whisperer



"If it wasn't about race, y'know, if it was really about what the Tea Party says their issue is – deficits – who ran up all that debt? Bush! Where was the Tea Party then? The two wars we put on the credit card, the prescription drug program that wasn't paid for, the tax cuts that weren't paid for, where were they then? *crickets!* But as soon as President Nosferatu took office, then, suddenly, debt is intolerable. I think there's just something they don't like about him... I cannot put my finger on what it is... Just some way he's not like them... Skinny! That's probably what it is. He's skinny, and that's why they hate him... Oh, and also that he's a Muslim socialist out to destroy America and wave his African wonder-schlong in your daughter's face."
(Bill Maher)

"In America, if a Democrat even thinks you’re calling him liberal he grabs an orange vest and a rifle and heads into the woods to kill something."(Bill Maher)

"It doesn't mean I always agree with him. I always find him funny, though."
(Fareed Zakaria)


Seit Wochen klicke ich mich nun schon durch das Youtube Universum von Bill Maher, einem US-amerikanischen Moderator, Film- und Fernsehproduzenten, Schriftsteller, Schauspieler und Comedian, der gerade in den vergangenen Monaten durch seine öffentlich ausgetragene Fehde mit Milliardär Donald Trump einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Trump, von der Wiederwahl Obamas mental noch geschwächter als jemals zuvor, besteht weiterhin darauf, den Präsidenten der Vereinigten Staaten solange nicht als US-amerikanischen Bürger zu akzeptieren, bis eben dieser nicht seine Geburtsurkunde veröffentlicht (was er de facto im April 2011 tat, man muss halt nicht alles verstehen). Maher teilte in seiner wöchentlichen Talkshow Realtime with Bill Maher seinem Publikum mit, Trump möge dann doch bitte ebenfalls beweisen, dass er nicht das uneheliche Kind eines Orang-Utan Paares sei. Die Haare, das Gesicht, das Ergebnis läge ja wohl eindeutig auf der Hand. Trump drohte anschließend damit, Maher auf 5 Millionen Dollar Schadensersatz oder Schmerzensgeld oder Pimmelvergrößerungszuschuss zu verklagen, sollte der linksliberale Stalinistenhitler Maher dem Gehirnbotoxopfer Trump keine Entschuldigung unter die orangefarbene Haarmütze schummeln. So kommt man halt in die Zeitung. Und zu Fox News. Und zu einem einstelligen IQ. Und wo wir gerade bei geistigen Unzulänglichkeiten sind: Maher verlor im Sommer 2002 seine damalige Sendung "Politically Incorrect", weil er in einer Episode den folgenden Kommentar zu den Vorkomnissen am 11.September 2001 abgab:"We have been the cowards. Lobbing cruise missiles from two thousand miles away. That's cowardly. Staying in the airplane when it hits the building. Say what you want about it. Not cowardly."

"Free speech, Baby."(Kory Clarke)

Ich dürfte es mir im Grunde gar nicht erlauben, die amerikanische Mentalität, Kultur, Lebensweise, Politik, Gesellschaft, Klospülung und die Farbe dieses Zeugs, das sie offensichtlich Käse nennen, zu kommentieren. Ich war noch nie da, ich will da auch nicht hin - da schau' her, hier blüht die Ignoranz! - im Prinzip dürfte mich das alles so kalt lassen wie angestrullten Löwenzahn zu lutschen. Und dennoch greift hier wohl das System "Autounfall": es gibt Sachen, die darf's gar nicht geben. Und die will man eigentlich auch nicht sehen, aber so ganz weggucken geht eben auch nicht. Ich bin zwar meinetwegen schwach, aber ich liebe es zu Lachen. Und der Mann bringt mich unentwegt zum Lachen. Bill Maher, inhaltlich insbesondere in seinem andauernden Kampf gegen die Religion mit dem leider verstorbenen George Carlin durchaus eng verbunden, decouvriert die größten Absurditäten eines gesellschaftlich und politisch gespaltenen Landes mit so viel Witz und so großer Klarheit, dass es mir hiermit ähnlich ergeht wie mit den großen einheimischen Beobachtern Georg Schramm oder Hagen Rether. Maher zieht in erster Linie und mit Vorliebe die republikanische Partei nebst ihrer Nebentischveranstaltung Tea Party durch einen ganzen Ozean aus Kakao. Ihr Rassismus, ihre Respektlosigkeiten, ihre Homophobie, ihre Clownsfiguren aus Texas und Alaska und deren Ignoranz sind fester Bestandteil seiner Auftritte. Und diese Religion! Er enttauft in seiner Talkshow Mitt Romneys toten Schwiegervater, zu seinen Lebzeiten ein glühender Wissenschaftler, der das Konzept von Religion zwar vehement ablehnte, 14 Monate nach seinem Ableben aber in einem mormonischen
Ritual postmortem getauft wurde ("They tried to do it sooner but he wouldn't stop spinning in his grave."). Er greift den alten Pro-Drogen-Appell des Comedy-Meisters Bill Hicks auf, nach dem wir den Drogen einiges zu verdanken haben, und alleine die Existenz von "Dark Side Of The Moon" sei "100 dead kids" wert, die dem "slippery slope" vom Haschrauchen zur Überdosis zum Opfer fielen. Maher ist selbst bekennender Pot-Raucher ("In the Old Testament more people were getting stoned than in my jacuzzi.") und erzählte erst kürzlich bei seinem Besuch der Talkshow von Conan o'Brian, wie er sich zum Jahreswechsel auf Hawaii zusammen mit seinem Kumpel Woody Harrelson den Vorhang zuzog. Einig werden sich die beiden Herren wohl auch beim gemeinsamen Mittagessen gewesen sein: Maher ist Vorstandsmitglied der Tierrechtsorganisation PETA und lebt nach roher und veganer Diät, beißt aber nach eigener Aussage auch mal in einen Hamburger, wenn es nicht anders geht, Harrelson ist ebenfalls Roh-Veganer.

Wer neugierig geworden ist, möge sich die beiden auf Youtube verfügbaren Programme anschauen:

I'm Swiss (aus dem Jahr 2005, zur Amtszeit von George "Larry, the cable guy" Bush):



Crazy Stupid Politics (aus dem Jahr 2012, mit einer Überraschung am Ende):




Leider sind die beiden großartigen Sets "The Decider"(2007) und "But I'm Not Wrong"(2010) von Youtube wegen Urheberrechtsverletzungsscheiß entfernt worden, hier muss also im Zweifel eine DVD helfen.

24.03.2013

Nach Oben Graben



REPETITION/DISTRACT - SALLES DES PERDUS

Der Trick ist, das ganz große Bild in den Blick zu bekommen. Und sich nicht ablenken zu lassen. Keine Rückschlüsse, keine Interpretation, und bitte keine Erläuterungen. Aber auch wenn die Versuchung groß ist, sich im Kleinen und Trivialen zu verlieren, der Fluss fließt immer weiter, so oder so. Beziehungsweise, er sucht sich gerade dann neue Wege, wenn sich die Gelassenheit gegen die Verbissenheit durchgesetzt hat. Daraus ergibt sich die wundersamste Entdeckung auf "Salles Des Perdus", die Erkenntnis, dass es da etwas gibt, das manchmal schlicht nicht sichtbar ist. Und manchmal liegt es ganz naiv vor den Ohren herum.

Ich erinnere mich meine Verwirrung, als ich "Salles Des Perdus" zum ersten Mal hörte. Während der ersten Minuten blieb ich immer an konkreten, vielleicht auch bekannten Geräuschen stecken, schreckte hoch, runzelte die Stirn. Was ich nicht identifizieren konnte, musste umgehend identifiziert werden - das ist ungewöhnlich, weil ich mir ansonsten weder Gedanken um das "Wie"?" noch um das "Was?" mache. Als dann bei späteren Hördurchgängen plötzlich zwischen der Weite und dem Raum tatsächlich die Welle durchbrach und einen tief liegenden, verschleierten Groove freilegte, wuchs mit einem Wimpernschlag die ganze Platte über sich hinaus.

"Salles Des Perdus" ist letzten Endes eine abstrakte, entgegengesetzte Konstruktion klassischer Musik. Der Weg, den es beschreitet ist dabei nicht der einfachste: die subtilen Verschiebungen in Stimmung und Ton sind hinter den zerkratzten Schaufenstern kahler und verlassener Ruinen fast nicht wahrnehmbar und stehen erst dann geradewegs monumental im Raum, wenn man den berühmten Schritt zur Seite geht und die Musik in Ruhe voranschreiten lässt. Zum Ausbreiten, zum Fließen, zum Atmen. Was ich hiermit folgerichtig auch ausdrücklich empfehle.

Erschienen auf Weevil Neighbourhood, 2012.

17.03.2013

Die Schallmauer Vol.1



Was das Wohnzimmer für die nächsten Wochen erleuchten wird...

"Engage!"



VOIVOD - TARGET EARTH

Zum vermeintlich letzten Voivod Album "Infini" aus dem Jahr 2009 schrub ich noch "Der Delta-Quadrant Macht Das Licht Aus", nun knipst der Voivod das Licht wieder an: knappe acht Jahre nach dem Tod ihres Gitarristen Piggy haben sich die drei verbliebenen Herren Away, Blacky und Snake mit ihrem Freund Chewy (Dan Mongrain) zusammengetan, um an eine der tragischsten Geschichten des Heavy Metal weiter zu stricken.

Das Offensichtlichste vorab: "Target Earth" hat ein wunderbares Cover, für das alleine sich die Vinylversion schon lohnt. Das zweitoffensichtlichste folgt umgehend: "Target Earth" orientiert sich erstmals seit der Wiedervereinigung mit Sänger Snake wirklich an der "Killing Technology" / "Dimension Hatröss" / "Nothingface" / "Angel Rat"-Phase der Kanadier; das steht also ab heute nicht mehr nur in den Notizblöcken von verwahrlosten Musikjournalisten, die sich die letzten drei Scheiben ganz offensichtlich gar nicht mehr angehört haben. Der Rock'n'Rollige Ansatz aus den letzten 10 Jahren ist damit weitgehend verschwunden. Was mir persönlich ja ganz gut gefällt. Das drittoffensichtlichste: der Voivod agiert aus nachvollziehbaren Gründen mit dem neuen Mann an der Gitarre deutlich inspirierter als zuletzt. Nicht nur, dass Mongrain auf der Bühne, also bei den alten Klassikern der Band, Piggy nahezu in Perfektion wieder auferstehen lässt, er hat auch für "Target Earth" das verschachtelte Spiel des "Master Of The Riff" überaus gekonnt adaptiert. "Target Earth" beweist damit, dass ein Voivod-Leben nach Piggy tatsächlich möglich ist. Und ganz ehrlich: ich hätte es nicht geglaubt. Was man schon bei seinen Liveauftritten in den letzten Jahren mit der Band erkennen konnte, ergänzt sich mit seinen Ideen für das neue Album: der Typ ist ein wahnsinnig guter Gitarrist.

An ihm liegt es also nicht, dass ich für den Moment übersichtlich euphorisch bin. So schön es auch ist, dass das Quartett wieder verspielter, meinetwegen auch härter, aber in erster Linie komplexer geworden ist, so auffällig ist einerseits der müde Nebel des Alters über den Kompositionen, die nicht immer und jederzeit so richtig taufrisch und auf den Punkt gespielt wirken. Zum anderen ist da immer noch das vielleicht größte Manko seit "Phobos": Voivod erfinden sich einfach nicht mehr neu. Ich kann ihnen das im Grunde gar nicht übelnehmen, die großen, wilden Zeiten, in denen man aus einem inneren Drang heraus Musik machen musste, weil man sonst innerlich verbrannt wäre, sind bei den meisten Musikern einfach vorbei, wenn man, wie die drei alten Hasen hier, die Schwelle der 50 Lebensjahre schon hinter sich gelassen hat. Und wenn ich so darüber nachdenke: wie verschissen arrogant und altklug kann man über eine seiner Lieblingsbands schreiben?

Dennoch ist die Phase ein für alle Mal vorbei, in der die Band volles Risiko ging und damit auch Gefahr lief, es sich mit ihren Fans so richtig grandios zu verscherzen. Das ist nun nach 15 Jahren echt nichts Neues mehr, aber ich komme irgendwie nicht so recht drüber weg. Ich alte Schachtel.

Da sich "Target Earth" zur Zeit aber ganz prima entwickelt und sich in den letzten Tagen, nach etwa 10, 12 Durchläufen, bedeutend besser schlägt als noch zu Beginn unserer gemeinsamen Beziehung, lassen wir also mal Fünfe gerade sein. Ist eigentlich ganz schön, dass die Platte das Licht der Welt erblickt hat.

Erschienen auf Century Media, 2013.

14.03.2013

Clive Burr - 8. März 1957 - 12. März 2013




Tschüss, Clive. Dein Schlagzeugeinsteig bei "The Prisoner" brachte mich zu Iron Maiden und zum Metal.

Und nach Deinem Ausstieg waren Maiden einfach eine andere Band.


13.03.2013

Dunkelstadt



STEVEN R. SMITH - CITIES

Das Dusted Magazin beschreibt Steven R. Smith als "one of America's great hidden artists", und die Tatsache, dass "Cities" trotz fast vierjähriger Familienzugehörigkeit im Plattenregal noch keine Erwähnung auf diesen Seiten gefunden hat, möchte die Aussage geradewegs raketenstramm bestätigen - wäre mein kleines Bloglein eben nicht so, Sie erraten es: klein. Nichtsdestotrotz gehört "Cities" seit seinem Erscheinen zur beliebten Rubrik "Ich lass' Dich niemals wieder los!", und ich verfalle seit Jahren in schmachtende Melancholia, wenn ich nur dieses großartige Coverartwork sehe.

Smith ist seit 1995 in der US-amerikanischen Songwriter/Ambient/Noise-Szene unter einer Armada an Pseudonymen aktiv, außerdem ein Mitglied des Jewelled Antler Kollektivs und seither auf grob geschätzten dreißig Aufnahmen zu finden. Der Mann ist Multiinstrumentalist und weiß also, was er tut - und Halleluja, das hört man. "Cities" ist aus mehreren Gründen eine sehr beeindruckende Platte. Zum einen balanciert sie zwischen den Naturbildern eines Dewey Mahood, zwischen einer rauhen, wilden Zügellosigkeit, und einer ungeheuer intimen, scheuen, fast ambivalent anonymen Verbindung zum Hörer. Ein Husarenritt auf der Rasierklinge, die die Extravaganz von der Introspektion trennt; weniger therapeutisch, sondern tatsächlich als "struktureller Ansatz" (Franz Beckenbauer) einer Musik, die in einem kleinen Häuschen im Moloch von Los Angeles erdacht wurde, und die erkennbar den Kopf aus der ubiquitären Plastiksuppe streckt und die Flügel schwingt. Zum anderen schälen sich aus dem Dickicht aus manchmal schroffem Schubbern von Holz, Stahl und Luft Melodieminiaturen von atemberaubender Schönheit heraus, die im Zeitraffer das wundersame Erwachen bis zur unausweichlichen Vergänglichkeit zeigen. Dass Smith hierbei sehr nuanciert und subtil vorgeht, gleichzeitig aber kräftige emotionale Motive entwirft, die von trüber Urbanität, von der Einsamkeit und gleichzeitig von der Liebe für das Leben erzählen, mildert den Einschlag in die Gefühlswelt etwas ab und lässt uns etwas mehr Luft zum Atmen. In der dunklen Plastiksuppe aus der Stadt der Engel.

Erschienen auf Immune Rcordings, 2009.

12.03.2013

Schöne Neue Welt



JOSÉ JAMES - NO BEGINNING NO END

Die Welt scheint gerade ein bisschen wegen des kleinen Kuschelsängers José James auszuflippen, und so gerne ich dabei mitmachen würde: ich kann es nicht. Wirklich nicht. Ich habe es jetzt sechs Wochen versucht, aber "No Beginning No End" ist eine Enttäuschung, gegen die sogar das letzte, selbst nicht ganz fehlerfreie Album "Blackmagic" dasteht wie in Grammy-Gold gegossen.

"No Beginning No End" fehlt das, was es per Genredefinition eigentlich haben sollte: Seele und Tiefgang. Erstens mag ich Josés Stimme wirklich gerne, sie ist smooth wie ein Mango-Lassi, der optimal temperiert durch dein Schallgesims tröpfelt. Aber eines ist sie nicht: variabel. James flüsternölt sich fast gänzlich ohne Abwechslung durch die quälend langen 65 Minuten seines dritten Albums, und dass einer wie sein Entdecker Gilles Peterson den Vergleich mit Gil Scott-Heron heranzieht, und die New York fucking Times dasselbe dann gleich nochmal vom Sticker, der links oben auf dem Album klebt, abschreibt, ist selbst diplomatisch am besten mit "bizarr" beschrieben. Von den Unterschieden in der textlichen Ausrichtung, hier Kuschelfummelbungabunga, da "The first time I heard them talking about trouble in the middle east, I thought they were talking about Pittsburgh.", mal ganz (GANZ!) abgesehen. Zweitens fehlt ebenjene Abwechslung in den Kompositionen, die "Blackmagic" dank Produzenten wie Flying Lotus oder Moodyman liefern konnte. Was auf "No Beginning No End" regiert ist der saloppe Laissez-Faire Schunkelschmuser für eine Nescafe-Latte to go (ganz weit weg) und das macht er gut und richtig und angenehm und säuselnd und wer schnellstmöglich zum Beischlaf mit irgendwem kommen möchte, der legt am besten diese Platte auf. Aber er regiert mit durchgelegenen Betten, verwelkten Rosensträußen und einem Karamell-Knoblauch-Tee, dieser Schunkelschmuser. Und ja, es ist wirklich genau die Soße, nach der es sich wegen meines Geschreibsels gerade anfühlt. Drittens: José ist jetzt bei Blue Note. Und wer auch immer dieses Album produziert hat, es ist so glatt wie eine Bowlingbahn. Vielleicht müssen Platten auf Blue Note glatt wie eine Bowlingbahn klingen, aber ich bekomme auf Bowlingbahnen immer Fußpilz. Also, nicht direkt. Aber dann später.

Vielleicht wird es ja in den hoffentlich sehr bald anstehenden lauen Sommernächten noch etwas mit mir und "No Beginning No End", ich will's nicht ausschließen, denn ich bin José James eigentlich sehr wohlgesonnen und ich mochte seine Platten. Bis dahin bleibt sein Debut "The Dreamer" aus dem Jahr 2008 nachwievor sein tiefstes und damit auch sein bestes Album.

Erschienen auf Blue Note, 2013.


P.S.: Hallo crazy-abgespacete Blue Note-Mitarbeiter: 2013, Downloadcode, anyone? Das ist nun wirklich keine Raketentechnik; das kann man doch mal in Betracht ziehen, kann man nicht? Oder sind die 20 Cent pro Scheibe, die es bei diesen Auflagenzahlen dann erwartbar kosten wird, wirklich und einfach: zuviel? Weil der Shareholdervalue so drückt? Weil es sonst einen Monat keinen Kaffee im Büro gibt? Weil der Chef sonst seine Frau verkaufen muss? Reißt Euch doch mal zusammen.

04.03.2013

Die Songs des Jahres 2012 (Vol.2)

Von Platz 5 bis Platz 1 - damit ihr ein bisschen Scrollen müsst, um zur TOTAL ÜBERRASCHENDEN Nummer 1 zu kommen.

Hurz!


05 Monophonics - There's A Riot Going On

Die erste Singleauskopplung ihres Debuts "In Your Brain" ist gleichzeitig auch der beste Track dieses kalifornischen Ensembles, das beim NeoSoul/Funk Label Ubiquity untergekommen ist. Anders als ihre Labelgenossen von Orgone sind die Monophonics psychedelischer, bluesiger und traditioneller unterwegs, und was sich auf der (zu langen) Platte etwas zieht, entwickelt sich spätestens auf der Bühne zu einem umwerfend intensiven Trip. "There's A Riot Going On" gibt's nur gegen Rezept und schlappe 6 Euro auf einer schicken 7-Inch.




04 Ayshay - Shaytan

Eine der großen Überraschungen 2012 war Fatima Al Qadiri aka Ayshay mit ihrer "Warn-U" EP auf Tri Angle, und tatsächlich hielt sich "Shaytan" lange Zeit an der Spitze meiner persönlichen Songjahrescharts. "Shaytan" ist beunruhigend, aufdringlich und tiefschwarz. Und so schön, dass ich manchmal keine Worte dafür finde.




03 Georgia Anne Muldrow - Seeds

Ich hatte es mit meinen Worten zum vollständigen Album bereits angedeutet: die Vorabsingle "Seeds" ist mittlerweile ein kleiner Klassiker, das Video sowieso, und ich sehe keinen Grund dafür, diesen supercoolen, deepen, spirituellen und von Madlib mit viel Fingerspitzengefühl produzierten Track nicht auf den dritten Platz rücken zu lassen.




02 Propagandhi - Status Update

Ich darf den Youtube-Mitinsassen GunjerSpinners zitieren:"took them less than a minute to clear my mind..wow." Womit dann eigentlich alles gesagt wäre.




01 De La Soul's Plug 1 & Plug 2 Presents First Serve  - Must B The Music

Wir kommen nicht drum herum, ihr nicht, und ich gleich gar nicht. Alles, was Spaß macht, ist hier in knappen vier Minuten verbratzt, aufgeschlagen, drappiert und als Geschenk verpackt. Ich möchte hierzu selbst bei Minustemperaturen nur mit einem Rüsselschlüpper bekleidet Straßenlaternen und Briefkastenschlitze unsittlich berühren. Ich möchte aus einem öffentlichen Urinal einen kräftigen Schluck mit einem rosafarbenen Ringelstrohhalm nehmen. Ich möchte Parkuhren und Polizisten ablecken. Lebt das Leben. Liebt die Liebe. Liebt das Leben.




Ich muss aber nun doch mal die Frage stellen, warum die Google-Bildersuche Fotos von Christiano Ronaldo ausspuckt, wenn ich nach "Rüsselunterhose" suche?!

03.03.2013

Die Songs des Jahres 2012 (Vol.1)

Listen, immer nur Listen. Ich könnte praktisch ein ganzes Blog-Jahr nur mit Listen füllen, mir würde bedauernswerterweise wohl immer ein absurder Mist einfallen.

Heute ist's allerdings erfrischend unabsurd, eine Liste mit den besten Songs des Jahres ist schließlich völlig legitim, ist es nicht? Wir machen das in zwei Etappen, sonst wird mir langweilig. Außerdem mit einem Novum, weil es dieses Jahr die entsprechenden Youtube-Video mit dazu gibt. Mein Service! Von mir, für Euch. "Ich liebe Dich, Mann!" (Wayne's World). Und die GEMA kann mir immer noch und äußerst ausgiebig mal schön den [zensiert]. Jedenfalls kann sie mich mal. Irgendwas. Verklagen. Ahahaha. Naja.


10 Lauer - Coppers

Man kann darüber diskutieren, ob das Album "Phillips" im Allgemeinen und der Track "Coppers" im Speziellen in den dunklen Wintermonaten Sinn machen, aber ich kann bestätigen, dass sich insbesondere "Coppers" im Sommer 2012 durch so manche Nacht auf der Überholspur Endlosschleife hielt. Für Zeiten, in denen Tumbleweed durch die hohle Rübe weht. Einfach, weil's Spaß macht.




09 Jacques Greene - Ready

Auch wenn Greenes "Another Girl" EP aus dem Jahr 2011 durchaus okay war, hatte ich ihn für einen solchen Kracher nicht auf der Rechnung. "Ready" platziert sich zwischen einer flotteren Burial-Nummer, Tri Angle-Sounds und einem ordentlichen Zug nach vorne mit einem sehr vielschichtigen und warmen Soundansatz. Außerdem sehr erfreulich: man hört Greenes Willen heraus, seinen Stil zu präzisieren. Das ist super.




08 Maserati - Abracadabracab

Maserati sind schwer gebeutelt und irgendwie hört man es "VII" auch an. Ihre neue Platte "VII" wäre um ein Haar in meine Top 20 hereingerutscht; ein wunderbar psychedelisches und kraftvolles Instrumentalrock Album von einer Band, die es tatsächlich geschafft hat, den Postrockrahmen nicht nur zu sprengen, sondern ihn  sogar zu erweitern. Es grüßen Pink Floyd, Kraftwerk und und Neu! "Abracadabracab" ist ein großartiges, über zehn Minuten langes Epos, für Tänzer genauso geeignet wie für Kopfnicker.




07 Holy Other - U Now

Holy Others "With U" EP aus dem Jahr 2011 war eine Sensation, auf dem vollständigen Debut "Held" zeigt sich aber, dass die Herausfroderung, ein abendfüllendes Album zu gestalten, vielleicht noch eine Nummer zu groß war. Die Zahl der anbetungswürdigen Momente ist zwar identisch mit der "With U"-Quote, aber eine EP ist eben auch kürzer. "U Now" ist das beste Beispiel, praktisch die Blaupause für seinen Sound: sofort zu identifizieren, sofort in die DNA eingebaut, sofort zum Leben erweckt.




06 Pinkish Black - Bodies In Tow

Der stärkste Track aus dem guten, selbstbetitelten Album des Weirdo-Duos aus Texas. Ein hymnischer Schlag mit dem Morgenstern, hochmelodisch und -dramatisch inszeniert, mit sehr charmanten und sympatischen Doom Metal Zitaten, die vor allem beim Gesang durchschimmern. Immer noch fantastisch.




25.02.2013

2012 ° Platz 1 ° Propagandhi - Failed States



PROPAGANDHI - FAILED STATES


Überraschungen sehen anders aus: wer sich wenigstens in der zweiten Jahreshälfte 2012 zitternd und erschöpft durch mein Geschreibsel kämpfte, dem dürfte die Nummer Eins des Flo-Universums 2012 irgendwie bekannt vorkommen. Auch wenn, und das muss gesagt werden, der Zweikampf an der Spitze ein verdammt ernster und mit harten Bandagen geführter Fight war, der buchstäblich erst in letzter Minute zugunsten der Kanadier entschieden wurde.

"Failed States" also. Da muss ich mal kurz durchatmen. *schnauf*

Ich muss zugeben: ich bin glücklich mit dieser Entscheidung, auch wenn ich nun mit der Herausforderung im Ring stehe, einstmals völlig richtiges nochmal zu wiederholen, ohne mich, naja,...zu wiederholen. Denn so irrsinnig viel ist mit dieser Platte in den zurückliegenden Monaten nicht passiert; es ist auch heute noch ein geradewegs erhebendes Gefühl, "Failed States" zu hören. Ein kraftstrotzendes, visionäres, zügelloses Monster aus Hardcore, Punk und Thrash Metal, das besonders viel Anziehungskraft auf mich ausübt, wenn das Oberstübchen nach einem Sorgenstaubsauger ruft. Wenn sich der werte Herr Autor also am Freitagabend aus dem ICE und in das Wochenende rollt, wenn das ganze ungeklärte Abwasser aus einer grotesk verkackten Arbeitswoche gefälligst das Weite suchen soll, dann gehört mir mit diesen 37 Minuten die Welt.

Propagandhi haben mit ihrem sechsten Studioalbum das vielleicht goldenste Händchen ihrer Karriere bewiesen: so fokussiert, so kompakt und gleichzeitig variabel war das Quartett noch niemals zuvor. Gleichzeitig ist die Zahl derer, die der Band nicht (mehr) folgen können und wollen offensichtlich nochmal angestiegen. Zu komplex, zu progressiv, zu laut, zu Metal, zu leise, zu Punk, zu Rush, zu ernst, zu anstrengend, all das verbunden mit den abstrusesten Vergleichen, den bizarrsten Begründungen, den fatalsten Schlussfolgerungen. Sie könnten alle nicht falscher liegen: "Failed States" präsentiert eine auf den Punkt durchtrainierte Band, sehnig und drahtig, stahlhart und makellos. Hier ist keine Sekunde verschenkt.

"Failed States" ist eine verdammte Lehrstunde und folgerichtig die kreative Speerspitze dessen, was in einem musikalisch längst redundanten, inhaltsleeren und mit banalen Plattitüden vollgestopften Genre permanent nur noch um sich selbst und die eigenen Befindlichkeiten kreist.

Erschienen auf Epitaph, 2012.

24.02.2013

2012 ° Platz 2 ° The Life And Times - No One Loves You Like I Do



THE LIFE AND TIMES - NO ONE LOVES YOU LIKE I DO

Als ich vor wenigen Tagen feststellte, es gäbe außer The Sea And Cake keine andere Band, die ich auf diesem Blog mit soviel Hingabe und Liebe überschüttet habe, dann war das wenn nicht glatt gelogen, dann zumindest nur die berühmte halbe Wahrheit. The Life And Times gehören seit ihrem Albumdebut "Suburban Hymns" zu meinen Lieblingsbands, was ich an der ein oder anderen Stelle bereits ebenfalls ausgiebig breittrat. Das Power Trio aus Kansas City hat praktisch noch keinen auch nur durchschnittlichen Ton auf eine Platte gepresst und kommt mit seinem psychedelischen, schweren und emotionalen Indienoiserock verdammt nahe an meine Idealvorstellung aktueller Rockmusik heran.

Allen Epley, Meister des verschrobenen Arrangements und außerdem Saitenhexer von kilometermeterdicken Noiselayern, die einen Kevin Shields wie einen blutigen (haha!) Anfänger aussehen lassen, hat aus der Asche seiner früheren Alternative/Grunge Truppe Shiner einen völlig einzigartigen Stil für The Life And Times geboren und mit seinen Kumpels Eric Abert am Bass und Chris Metcalf am Schlagzeug mittlerweile zur Perfektion veredelt: tonnenschwer, verzerrt, noisy, dabei aber zum Sterben romantisch, melancholisch, opulent und tiefrot glimmend. Es gibt keine Band, die auch nur im Ansatz so klingt wie diese drei Typen.

"No One Loves You Like I Do" ist in der Liste vergangener Klassiker keine Ausnahme, tatsächlich muss ich zugeben, dass ich im Grunde bereits vor Veröffentlichung "Na, dann muss ich mir dieses Jahr ja keine Gedanken um meine Nummer 1 machen!" jubelte. Jetzt steht ihr drittes Studioalbum also auf Platz zwei, und es liegt weißgott nicht an seiner Qualität, denn das Trio ist auf Albumlänge kompakter geworden, hat aber gleichzeitig an der Psychedelic-Schraube gedreht und einige ziemlich fiebrige Minuten aufgenommen, die den Kopf ganz schön weichkochen und ohne echte Auseinandersetzung wie Staub zerfallen können. Ich habe keine Ahnung, wie sie das angestellt haben, aber es gibt Momente im Verlauf der 46 Minuten, die das komplette Werk als großen Noise-Meteoriten aus purer, in Chloroform getränkter Watte erscheinen lassen. Und jeder Ton gräbt sich tief in die DNA jeder einzelnen Körperzelle ein.

It doesn't get much more intense than this.


Veröffentlicht auf Hawthorne Street Records, 2012.

23.02.2013

2012 ° Platz 3 ° Variant - Falling Stars



VARIANT - FALLING STARS

Für die Veröffentlichungspolitik der künstlichen Verknappung des Echochord-Labels im Allgemeinen und Steven Hitchell im Speziellen habe ich zumeist nur zwei ausgestreckte Mittelfinger übrig, aber sie hindert mich auch im Falle von diesem zweiundsechzigminütigen Track nicht daran, vor Freude leise in mich hineinzuweinen. Ich bin ja schon manchmal reichlich bescheuert, wenn es um Plattenkaufen in Verbindung mit Geldausgeben geht, aber entre nous: hier haben einige nicht nur ein Rad, sondern eher ein paar Doppelachsen ab. Vorab gab's eine auf 25 Stück limitierte Promo-CDR, später eine weitere CDR, für die aber nur die vollends Kaputten die anvisierten 30 bis 50 Dollar zahlen würden, es folgt eine obskure Compilation, die Variants "The Setting Sun"-Album den fallenden Sternen zur Seite stellt und als Schlagsahne noch eine remasterte Version obendrauf, von der kein Mensch weiß, was hier remastert oder editiert wurde. Sollte ein Labelprofi mitlesen: ich freue mich über Aufklärung. Solange heißt's für mich: MP3 ist doch auch ganz schön. Und schön ist das richtige Stichwort für eine Platte, die klingt...

...als hätte man Lisa Gerrard und Brandon Perry eine Überdosis Tavor und Hustensaft verabreicht und sie alle jemals aufgenommenen Spuren aller jemals aufgenommenen Dead Can Dance Platten übereinander legen lassen. Dann hätte man den Kladderadatsch auf ein 45er Vinyl gepresst und die Platte über den Plattenspieler vom lieben Gott oder Barbara Schöneberger auf WAHNSINNINGER GESCHWINDIGKEIT, quatsch: unfassbar langsamer Geschwindigkeit, dafür aber auf WAHNSINNIGER LAUTSTÄRKE abgespielt.

...als würde man die komplett vollverhohlten Schlachtszenen aus dem Fantasy-Kitschmist "Herr Der Ringe" und die einstürzenden Mauern von, was isses gleich? Knubbelnasenhausen, Gandalfvonuntenstadt oder Sauronhumppa einzeln im Standbild abspielen und jeden umknickenden Grashalm beweinen.

...als würde ein überdimensionaler, gigantischer Verschnitt aus Godzilla, King Kong und dem Stay Puft Marshmallow Man in einem akuten Anfall des Alice-im-Wunderland-Syndroms durch Shangri-La schweben und dabei dunkelrote Rosenblüten streuen.

...als würden flüssiger Stahl, krusselige Klumpen erkalteter Lava, rosafarbener Schlamm und dunkle Materie durch meinen Körper fließen.

Keine Platte für jede Zeit, keine Platte für jeden Ort, keine Platte für Jedermann.


Erschienen auf Echospace[detroit], 2012.

17.02.2013

2012 ° Platz 4 ° Orcas - Orcas



ORCAS - ORCAS

Erinnert sich noch jemand an meinen Text über Bonobos "Black Sands" Album? Bien sur, das ist eine rhetorische Frage und deshalb will es nicht schwerer machen, als es ist, und einen zentralen Satz daraus zitieren:

"Du hörst es und Du weißt augenblicklich - 'Okay, das hier ist wichtig, hör genau zu, Mann!".

Exakt diesen Effekt erlebte ich beim ersten Anhören von "Orcas", dem Debut des Projekts der beiden Soundtüftler Benoit Pioulard und Rafael Anton Irisarri, und ich wurde schon zur Mitte des ersten Titels leicht hektisch: diese Jahresbestenliste muss neu geschrieben werden - und sie wurde neu geschrieben. "Orcas" rutschte praktisch nach jedem Hördurchgang einen Platz nach oben, weil diese Musik so romantisch, schwül, flirrend ist, weil sie so lush und deep in dich hineinflutscht wie kaum etwas anderes. Die erfrischend aufgeräumte Hippieästhetik und der zähe, ausgewalzte Folkansatz des Duos bekommt durch das Ambientknistern und -flackern eine unüberschaubare Weite, verliert sich dabei aber nie in experimentellen Kunststrukturen. "Orcas" bleibt bei Dir, egal wie weit der Spagat von hymnenhafter Leichtigkeit zu den monumentalen Klanggebirgen reichen mag.

Die Herzallerliebste und ich waren erst kürzlich einer Meinung, als "Orcas" uns den Brunch am Frühstückstisch versüßte: es ist eine der schönsten, bildhaftesten und kontemplativsten Platten der vergangenen Jahre. Ein besonnener und guter Freund, der Licht schenkt, wenn es draußen mal wieder stockfinster ist.

Erschienen auf Morr Music, 2012.


16.02.2013

2012 ° Platz 5 ° Qluster - Antworten



QLUSTER - ANTWORTEN

Es passiert ausgesprochen selten, dass mir im Dezember eines Jahres eine Platte unterkommt, die mit derart wehenden Fahnen in meine Jahrescharts stürmt, wie der dritte Teil der Qluster-Trilogie "Antworten". DER_LEHRER empfahl mir während eines gemeinsamen Plattenladenbesuchs am Nikolaustag 2012 ein oder sogar zwei Ohren zu riskieren, und ich sende seitdem Luft und Liebe in Richtung Klassenzimmer: bereits nach dem ersten Kopfhörertest war klar, dass "Antworten" in die Top 5 gehört.

Hans-Joachim Roedelius und Onnen Bock setzten sich der Legende nach im Januar 2007 um Mitternacht in die Berliner Philharmonie und an die zwei dort bereitgestellten Steinway Flügel. Ihre nokturnen Improvisationen sind geprägt von großem Verständnis und Einfühlvermögen, manchmal scheint es, als könnte man ihre Gedanken wenn nicht hören, dann wenigstens spüren. Sie beobachten sich einander ganz genau, lassen sich den Freiraum, wenn die musikalische Weite Universen verschlingt und ziehen sich zusammen, wenn die winzigen Miniaturen in Melodie vor Energie und Intensität beinahe zerbersten. Roedelius und Bock erschaffen auf "Antworten" ein intimes, mehrdimensionales Standbild der Nacht, ein Gegengewicht zum sich im stetem Fluss abspielenden, hektischen Alltag der Großstadt. Den Blickwinkel verändern, den Kopf aus der alles mitreißenden Flut strecken, tief Luft holen, um danach noch tiefer abtauchen zu können: wenn "Antworten" uns genau diese "Antwort" auf die immer brennenderen Lebensfragen von misstrauischen und ziellosen Generationen liefert, dann wird es Zeit, das Leben neu auszurichten und es endlich in die Hand zu nehmen. Wir werden den Irrsinn auf andere Weise nicht überleben können.

Und wenn Keith Jarrett diese Platte hört, setzt er sich nie wieder an einen Flügel.
Erschienen auf Bureau B, 2012.