07.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #163: Seaweed - Weak (1992)




SEAWEED - WEAK


„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“ (Roger Willemsen)


Da will ich mit Schwung und Verve und veganem Heringssalat aus dem Tetra-Pack in den Rückblick auf Seaweeds Debutalbum "Weak" einsteigen, etwas vom "vergessenen Juwel", von "einer der besten Sub Pop-Platten aller Zeiten" und von "Also, dieser Endino - richtig schneidig!" schreiben und knall' stattdessen bei der Recherche frontal gegen die virtuell ausgestreckte Faust von Sänger Aaron Stauffer. Der findet "Weak" nämlich genau das: ziemlich schwach, außerdem zu schnell, zu gleichförmig und zu schlecht produziert. Sabotiert irgendwie den Punkt, den ich hier machen will; andererseits sind Musiker in Bezug auf ihre Arbeit, das weiß ich aus eigener Anschauung, nicht selten ein klitzekleines bisschen heikel. Um nicht zu sagen: komplett volldoof. Im Falle der Bewertung von "Weak" steht Stauffer immerhin recht alleine auf weiter Flur, denn für viele meiner Buddies aus der Generation X-Schicksalsgemeinde handelt es sich um Seaweeds bestes Album. 


Und gleichzeitig kann ich ein bisschen Verständnis für Stauffers Perspektive entwickeln. "Weak" ist vielleicht die punkigste Version von Grunge, die es jemals in den Katalog von Sub Pop (und darüber hinaus) schaffte, und in diesem Kontext ließe sich leicht die Frage stellen, ob das hier überhaupt noch Grunge ist, kurz nachdem wir mit Hilfe von einer Stange Zigaretten und achtzehn Liter schwarzen Kaffees darüber diskutierten, was GENAU Grunge denn überhaupt sein soll. Sowohl Geschichte als auch Rahmenbedingungen sind's jedenfalls schonmal: das Quintett aus Tacoma, Washington debutierte 1989 zunächst mit der "Inside"-Single auf Leopard Gecko, legte mit einer weiteren 7" "Deertrap" auf K nach und kam für die dritte Single "Just A Smirk" wieder zurück zu Leopard Gecko. Ihr Sound, der sich auf den Singles noch etwas langsamer und grundlegend garagiger zeigte, lockte das legendäre Label Tupelo Recordings an, das just unter anderem Nirvanas "Bleach" in Europa veröffentlicht hatte. Die dort erschienene Single-Zusammenstellung "Seaweed" ließ wiederum Sub Pop hellhörig werden, wo die Band im Jahr 1991 dann mit "Despised" debutierte. Weil sich Label und Band nicht auf das Format einigen konnten, Sub Pop wollten eine 7"-Single, Seaweed hingegen wollten ein Album aufnehmen, beschloss man kurzerhand, "Despised" offiziell als EP zu führen - bei einer Spielzeit von 28 Minuten scheint man sich hier allerdings an der Grenze zur Haarspalterei zu bewegen. "Despised", streng genommen auch eine Compilation, weil man u.a. Songs von Tupelo's "Seaweed" verwertete (was Tupelo wenig überraschend zum Ausflippen brachte), wurde von Jack Endino in dessen Studio Reciprocal Recording produziert und bietet Garagenrock, der sich in diesem besonderen Grunge-Sweetspot zwischen unprätentiösem Geschrammel und tighter Heaviness bewegt. Kennt und liebt jeder, wer sich mental eher im pre-"Nevermind"-Club mit Lederjacke, Bier und Marlboro zu Hause fühlt. 


1992 schlug dann die Stunde für das erste, wirklich offizielle Album "Weak" - mit einer genau 2 Minuten längeren Spielzeit als die EP "Despised", go figure! Tatsächlich präsentierten sich Seaweed mit einem neuen Soundbild: sie waren wirklich deutlich schneller als zuvor und erinnerten mich damit seit jeher ein bisschen an die ersten Alben der kanadischen Punkband Doughboys, vornehmlich weil eine neue Wurschtigkeit Einzug in ihr Spiel gefunden hatte, ein bisschen etwas außer Kontrolle geratenes, das man nicht aufhalten will. Besonders in diesem Zusammenhang ist eine neue Freiheit an den Gitarren wahrnehmbar, die hier schon die Weichen auf das zu stellen scheint, was auf ihren späteren Alben, vor allem auf den beiden direkten Nachfolgern "Fourth" und "Spanaway", als klare Post Hardcore-Merkmale erkennbar werden sollte, mit ungewöhnlichen Akkordfolgen, ein bisschen Dissonanz und dem Mut zum knarzigen Ausreißerton. Die erneut von Jack Endino, dieses Mal aber außerhalb dessen Komfortzone in den Bear Creek Studios in Woodinville geleitete Produktion, von Aaron Stauffer mit den Worten "really poor" ordentlich gedisst und außerdem mit dem Zusatz versehen, Endino hätte abseits seines eigenen Studios Probleme gehabt, seine Produktionsroutinen erfolgreich zur Anwendung zu bringen, hat gleichfalls großen Anteil am veränderten Klangbild der Band. Die Kritik am Sound von "Weak" ist immer wieder mal aufzuschnappen, aber ich teile sie nicht. Für mich hört es sich eher so an, als wäre Endinos Soundauswahl keine technische Limitierung, sondern vielmehr eine bewusste Entscheidung, eine Reaktion auf den neuen Vibe dieser Songs gewesen. Das dicke, sludgy Fundament, das seine frühen Produktionen in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren im Allgemeinen prägte, ist hier kaum auffindbar. Und mit Verlaub, das ist gut so. Dafür klingt "Weak" schlanker, schärfer, klarer - was den Songs damit genau den benötigten Raum zur Entfaltung gibt. It's not a bug, it's a feature!


An meiner Beurteilung von "Weak" zeigt sich darüber hinaus erneut meine ausgeprägte Schwäche für eine Musik, die ich in Ermangelung von ausreichender Kompetenz immer ein bisschen stumpf als "Bilderbuch-Indie" bezeichnet habe. Aufs erste Hör immer ein bisschen hingeschludert, offen und frei vibrierend, kompromisslos die blinden Flecken als Überzeugung ins Schaufenster stellend. Courage und Überzeugung stehen über dem Marketingplan. So hab' ich's gelernt, so wird's auf immer geliebt und umarmt. Don't you fuckin' dare calling it nostalgia. 

Viva Geschepper!




Vinyl und so: Sub Pop hat in den letzten Jahren viel Wert darauf gelegt, ihren Backkatalog nach und nach erneut auf Vinyl zu verfügbar zu machen, allerdings ging "Weak" bislang leer aus. Das US-Original auf grünem Vinyl gibt's aktuell ab 80 Euro aufwärts, die deutsche Version auf schwarzem Vinyl kostet um die 50 Euro.
 

Weiterhören: "Fourth" (1993), "Spanaway" (1995). Bonus: Seaweed-Sänger Aaron Stauffer ist seit 2020 bei Ghost Work aktiv, praktisch einer Indie All-Star Band mit ehemaligen Mitgliedern von Minus The Bear, Snapcase und Milemarker. Zu finden und hören --> HIER ()





Erschienen auf Sub Pop, 1992.


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