10.02.2013

2012 ° Platz 7 ° The Sea And Cake - Runner


THE SEA AND CAKE - RUNNER

Es gibt wohl keine andere Band, die ich auf diesem Blog ausgiebiger mit Lob und Liebe überschüttete als The Sea And Cake und, um die Pointe gleich vorwegzunehmen: das wird sich auch mit diesem Beitrag nicht ändern.

Als ich 2005 zum ersten Mal "All The Photos" vom fantastischen "Oui"-Album hörte, war es um mich geschehen. Seitdem versuche ich mir selbst zu erklären, was mich an der Musik des Quartetts aus Chicago so sehr fasziniert, und ich kann nicht sagen, dass ich in den letzten acht Jahren bedeutend weiter gekommen bin. Natürlich ist der reflexartige Kniefall bei bloßer Namenserwähnung dank der Leichtfüßigkeit, der Souveränität, der feingliedrigen Arrangements und der schüchtern-naiven Aura ihrer Kompositionen jederzeit problemlos darstellbar, aber da brodelt noch irgendetwas tiefer in mir als die genannten und offensichtlichen Merkmale. Ihre Musik zieht mich, oft nur für wenige Sekunden, in meine Jugend zurück und ich assoziiere nicht selten komplette, erlebte Bilder mit einzelnen Songs; manchmal ist es gar nur eine Betonung, ein Gitarrenanschlag oder eine gehauchte Wortsilbe, die mich aus dem Hier und Jetzt in das Damals und Gestern katapultiert. "All The Photos" ist beispielsweise ab dem Break bei Minute 1:25 seit jeher mit einem Sommertag im Juli 1995 verknüpft, an dem ich am Schreibtisch meines Zimmers in der elterlichen Wohnung  saß, Guinness aus Dosen trank und für die theoretische Führerscheinprüfung lernte. Bei "Window Sills" vom 2008er "Car Alarm"-Meisterwerk sitze ich ab der ersten Note ebenfalls im spätpubertären Kinderzimmer, habe eine Tasse Kaffee neben mir stehen, schaue melancholisch aus dem Fenster und den Schneeflocken beim Sterben zu. "Runner" fügt diesen Beispielen mit "A Mere" gleichfalls winterliche Nachmittage mit der tonlosen Bill Cosby Fernsehserie hinzu. Und manchmal ist es nicht mehr als ein Gefühl, vielleicht ein Geruch oder ein Geschmack in der Luft, den ich auf dem Fußweg vom Abitur-Gymnasium in die Wunderbar in Frankfurt-Höchst wahrgenommen habe, um eine selbstentschuldigte Freistunde bei einem Kaffee und unter Freunden zu verbringen. Vielleicht komme ich nochmal dahinter, warum das alles so ist, wie es ist. Vielleicht kann ich The Sea And Cake aber auch weiterhin einfach als eine der schönsten, ergreifendsten Bands aller Zeiten betrachten, an der ich mich nicht satthören kann.

"Runner" ist im Vergleich mit der "The Moonlight Butterfly" EP aus dem Jahr 2011 etwas vielschichtiger in der stilistischen Ausprägung und gleichzeitig kompakter in Stimmung und Ton, wofür vor allem die B-Seite verantwortlich ist, die vom reinen Akustiksong "Harbor Bridges" über das sehnsüchtig flackernde "New Patterns" (schon wieder: ein Gitarrensolo!), dem ungewohnt rockigen "Neighbors And Township", dem Hit "Pacific" bis zum an ihre 90er Alben wie "The Biz" und "Nassau" erinnernden Titeltrack neue Maßstäbe im Band-Kosmos setzt. Abgesehen vom unangenehm übersteuert und verzerrt klingenden "Skyscraper", einem Song, der in allen Formaten, sei es Vinyl, CD oder MP3, klingt, als sei ein Lautsprecherkabel kaputt, ist "Runner", und jetzt kann ich es wieder sagen: schon wieder das nächste beste The Sea And Cake Album der Welt.

Ein Spektakel in Nonchalance.

Erschienen auf Thrill Jockey, 2012.

03.02.2013

2012 ° Platz 8 ° Oddisee - People Hear What They See



ODDISEE - PEOPLE HEAR WHAT THEY SEE

Ist die Zeit für Klassiker einfach vorbei? Vor zwanzig Jahren wären sämtliche Singleauskopplungen aus "People Hear What They See" in die Top Ten der US-amerikanischen Billboardcharts eingestiegen, das Album hätte dreifach Platin eingesammelt und Oddisee wäre für die nächsten fünf Jahre der Mann der Hip Hop-Stunde gewesen. Im Jahr 2012 reicht es immerhin für viel, viel Kritikerlob und einen brodelnden Untergrund, der vom Mainstream Hip Hop mit seinen Bitchez, Niggarz und Dollarz die Nase mindestens so voll hat wie unsereins. Alleine das Cover von Oddisees quasi-Debut verspricht eine Hochdosis Conscious Rap, einerseits introspektiv und reflektiert, ohne die sonst genretypische Exaltiertheit, und trotzdem ist die Leidenschaft in jedem Rap, in jedem Beat und jedem Sample zu spüren. "This album is about influence, inspiration, perception & reality." sagt der Multiinstrumentalist, Produzent und MC aus Washington, womit er auch dank seiner Motown-, Soul- und Funksamples mit "People Hear What They See" einem Poeten wie Gil-Scott Heron viel näher steht als praktisch alles, was in den letzten zehn, fünfzehn Jahren an der Hip Hop Geschichte mitgebastelt hat. Langjährige Leser von 3,40qm erinnern sich vielleicht noch an Replifes "The Unclosed Mind" Album aus dem Jahr 2008, das ich als "wohltuend klischeefreien HipHop" adelte, und mir fiele für Oddisee ziemlich genau dasselbe ein, auch wenn seine Musik eine Spur spritziger und sonniger ist.

Ich würde grundsätzlich viel mehr Hip Hop hören, wenn er öfter so erfrischend, kreativ und positiv aufgeladen ist, wie "People Hear What They See". Und es wäre mal wieder an der Zeit, dass wir Klassiker entstehen lassen. Ich hätte kein Problem, hier und heute damit zu beginnen.

Erschienen auf Mello Music Group, 2012.

29.01.2013

2012 ° Platz 9 ° Voices From The Lake



VOICES FROM THE LAKE

Das beste Techno-Album des Jahres 2012 kommt aus Italien und es war ein ganz schöner Ritt, alleine nur die CD zu ergattern. Das DJ-Duo Donato Scaramuzzi und Giuseppe Tilliecin, der eine nach Jahren in der Clubszene Berlins bestens vernetzt, der andere als Toningeneur im Rom auf "All Systems Go!" geschaltet, hatte sich im Sommer des abgelaufenen Jahres schon ziemlich genau überlegt, wer  ihre Musik zum Verkauf (und Kauf) angeboten bekommt. Mittlerweile gibt es "Voices From The Lake" sogar in der 3-LP-Version auf Vinyl. Ob man die noch braucht, wenn man die CD, den Download und Spotify hat? Auf jeden Fall!

"Voices From The Lake" gelingt, was traditionell nur einer überschaubaren Anzahl von Technoalben vorbehalten bleibt: einen Rahmen zu schaffen, der die szenetypische 12"-Kultur überflüssig macht.

Wer es fertig bringt, auf den eigentlich viel zu langen 72 Minuten durchgängig so spannend zu sein, dass man am liebsten niemals mehr auf die Idee kommen möchte, sich eine Techno-Maxi, in welchem Format auch immer, zu kaufen, geschweige denn jemals die Repeatfunktion des CD-Players zu deaktivieren, der wirft auch Sauerkraut auf die Schwarzwälder Kirsch. Der ist zu allem fähig. Und tatsächlich groovt das Duo mit tiefen, hypnotischen, rotglühenden Dub-Beats durch unterirdische schamanische Höhlen, pendelt mit zaghaften Melodieandeutungen Wasseradern im Tropischen Regenwald aus und lässt einen unaufhaltsamen Fluss von Erzählungen, Bildern, Visionen, Fieberträumen, Hitzewallungen, Sonargeräten und Mojitos (wahlweise auch Moskitos) auf uns niederprasseln. Es zischelt und rauscht bedrohlich, es drückt und pumpt bis zur Schmerzgrenze; Freedom, Baby!

Wenn das Autorentechnoalbum als Kunstform tatsächlich exisitiert, haben Voices From The Lake vielleicht eine neue Bibel geschrieben.

Erschienen auf Prologue Music, 2012.

28.01.2013

2012 ° Platz 10 ° Godspeed You! Black Emperor - 'alleluja! Don't Bend! Ascend!



GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR - 'ALLELUJA! DON'T BEND! ASCEND!

Wir starten mit einer Platte in die Top Ten, die mir einige schlaflose Nächte bereitet hat. Die kanadische Legende, bis heute der einzig legitime Vertreter des orchestralen Postrock, hat im abgelaufenen Jahr tatsächlich ihr Schallplattencomeback angekündigt und nur für den Fall, dass ihr es noch nicht alle wisst, weil ich es ja auch erst seit 15 Jahren mantraartig vor mich hinmurmle, und das hier strenggenommen ja auch kein Reunion-, sondern eben das Comebackalbum ist, aber trotzdem: Reunions gehen in 49 von 50 Fällen nach hinten los, in die Hose, sind für den Popo und sollten schnellstmöglich auch wieder in Letztgenannten zurückgeschickt werden.

Die Verantwortlichen hinter Godspeed legten die Band 2005 auf Eis und irgendwie war das auch richtig so. Ich war zwar durchaus enttäuscht, aber wenn sie das Gefühl hatten, es sei für den Moment alles gesagt - bon! Das war mir auf alle Fälle lieber als alle zwei Jahre ein müdes, abgeschmacktes Werk vorgesetzt zu bekommen. Was mir die Band bedeutet, ist an dieser Stelle nachzulesen, weshalb für mich klar war, dass ich diese Platte so dringend brauchte wie ein veganes Holzfällersteak mit Sojajoghurt. Trotz dieses ganzen Comebackgedussels.

"'Alleluja! Don't Bend! Ascend" war ein Sensationserfolg. Das Label meldete schon drei Wochen vor dem Release, dass die Flut an Vorbestellungen sie förmlich überspüle und das Presswerk nicht mehr mit den Aufträgen nachkommt. Aus kommerzieller Sicht hätten die Vorzeichen also wirklich schlechter stehen können und aus künstlerischer Sicht war nach den ersten Minuten, spätestens aber nach dem Opener "Mladic" alles klar: Godspeed You! Black Emperor. Mein Gott. Mir hat wirklich etwas gefehlt.

Die Band hat es immer noch im Blut, auch ohne Worte alles zu sagen. Also, es final zu sagen. "Mladic" erhebt sich nach etwa sieben, acht quälend spannungsgeladenen Minuten furchterregend in die Lüfte und lässt die weiterhin unbändige Kraft des Kollektivs im Verlauf des zwanzigminüten Werks geradewegs explodieren. Wenn der Lautstärkeregler in einer angemessenen Position einpendelt, flattern nicht nur die Hosenbeine, sondern auch die Herzkammern. "We Drift Like Worried Fire" ist dagegen ruhiger und etwas weniger gewaltig, dafür aber melodisch vielschichtiger und tiefer. Die beiden Anhängsel "Their Helicopters Sing" und "Strung Like Lights At Thee Printemps Erable" sind Drones aus Noise und Feedback, gleichfalls monumental und in Verbindung mit den beiden erwähnten Hauptdarstellern die perfekte Ergänzung für eine Platte, die gemacht werden musste. Weil es wichtig ist, dass wir Bands wie Godspeed You! Black Emperor haben. Weil es wichtig ist, dass da jemand an unserer Seite steht, der auf diesen Irrsinn um uns herum mit derselben Mischung aus Ohnmacht und Zorn blickt. Es ist gut, einen Partner zu haben.

Erschienen auf Constellation Records, 2012.

22.01.2013

2012 ° Platz 11 ° Georgia Anne Muldrow - Seeds



GEORGIA ANNE MULDROW - SEEDS


Es war eine wirklich schwere Entscheidung, "Seeds" auf einen Platz außerhalb der diesjährigen Top Ten zu schieben. Ich erinnere mich daran, wie ich im Sommer 2012 wenigstens den Titeltrack in meiner gewohnt eloquenten Art in die Top 3 des Jahres und das vollständige Album in die "Scheißrein: Top 5, mindestens!" schrieb. Nun ist "Seeds" (sowohl, als auch) in den letzten vier, fünf Monaten ja sicherlich nicht schlechter geworden. Es gab nur eine Handvoll Konkurrenten, die einen Tick besser geworden sind. Trotzdem ist's irgendwie tragisch.

Um zu verstehen, wie das in den Sommermonaten gelaufen ist, muss man wissen, wie ich in jenen Zeiten meine Wochenenden verbringe. Besonders die Samstage sind heilig; vor 12 Uhr sieht man mich nur selten zum Bäcker für frische Brötchen wackeln und vor 14 Uhr erhebe ich mich mit der Herzallerliebsten erst gar nicht vom Frühstückstisch. Danach umwehen mich im leicht mit Jalousien abgedunkelten Wohnzimmer die Frische von Acqua di Parmas "Colonia"-Klassiker und die sanfte Brise, die sich durch das gekippte Fenster zu mir entlangwürmelt. In diesem Setting werden dann also die neuesten Platten aufgelegt, dazu reicht die Redaktion "schwarzen, heißen Kaffee, Junge. Richtig dunkelschwarzen, leckeren, kochend heißen Kaffee. Alde." (Picard). Das geht in aller Regel bis zum Abend so, und wenn es besonders entspannt am Bein entlangläuft, wechsle ich in der schwülen Hitze der Nacht zum eiskalten Cuba Libre. Am Ende des Tages steht ein perfekt verbrachter Tag auf der Rechnung und bevor mir jemand Stubenhockerei vorwirft: ich gehe doch nicht raus und treffe Menschen, "jetzt bleibense mal ernst." (Helmut "Pizza Mampf" Markwort).

"Seeds" ist die bestmögliche Platte für einen solchen Tag. Dafür sorgt zum einen das unnachahmliche Beatgestrüpp der Hip Hop-Tausendsassa Otis Jackson, Jr., besser bekannt unter einem seiner unzähligen Pseudonyme Madlib, ein durchgedrehter Vollfreak, der nicht nur gefühlt 187 Instrumente beherrscht und im Jahr mal eben bis zu zehn Platten veröffentlicht, darunter auch Jazz- und Fusionwerke, zu denen er sich fiktive Namen von gleichfalls fiktiven Mitmusikern ausdenkt. Nur, damit wir uns ansatzweise verstehen, was das für ein Typ ist. Für "Seeds" hat er einen oldschooliges Soul & Funk Gebräu zusammengerührt, das Muldrow, besonders in Verbindung mit ihren spirituellen, gesellschaftsbeobachtenden und -aufrüttelnden Texten, zu einer legitimen Nachfolgerin einer Nina Simone macht. In einer Beschreibung zu "Seeds" gab es mal die Bezeichnung "Underground R'n'B" zu lesen und tatsächlich: dieses deepe, aufrichtige Album könnte von den austauschbaren, auf Hochglanz polierten, aufgepumpten und "here today, gone tomorrow"-Produktionen aus den US-amerikanischen Majorstudios nicht weiter entfernt sein. Hier liegen keine Welten dazwischen, es sind Universen.

Dabei ist Muldrow ähnlich wie Madlib eine Verrückte: die Anzahl ihrer Produktionen, sei es in Funktion als Produzentin, Sängerin, Beatbastlerin oder Texterin ist trotz ihres Alters von gerade mal 29 Jahren bereits Legion und es ist beinahe unmöglich, alles von ihr zu kennen. Trotzdem ist "Seeds" das stimmigste, ernsthafteste und schlicht coolste Album, das ich von ihr kenne. Ich werde die Sommermonate 2012, die ich mit dieser Platte verbrachte, nicht vergessen.

Und der Titeltrack ist schon heute ein Klassiker.

Erschienen auf Someothaship, 2012.

21.01.2013

2012 ° Platz 12 ° Portraits - Portraits



PORTRAITS - PORTRAITS

Die spirituellste und meditativste Platte des Jahres kommt von einem US-amerikanischen Musikerkollektiv, einer All-Star Band der Rauschmusik: das neunköpfige Ensemble, unter anderem besetzt mit den beiden Barn Owl Musikern Caminiti und Porras, beinahe dem kompletten Lineup der Postrocklegende Tarentel, dem Root Strata Management, Higuma und Date Palms, entwickelt in großer Intimität eine erhabene, stimmungsvolle Musik aus einem Ziehen und Dehnen von Ton und Zeit. Versunken in die Aufgabe, jeden Geisteswinkel mit musikalischer Lava zu verkleiden, walzt sich ein Strom aus Tambourinen, Gitarren, Violinen, Klarinetten, Klangschalen, sakralen Mantras und Gongs in das kollektive Gedächtnis früherer Leben.

"Portraits", mit dem Nukleus aus Instrospektion und innerer Einkehr, erdet in zerrissenen Zeiten, klärt die getrübten Sinne und erinnert daran, dass im Draußen nichts zu holen ist, wenn das Innere Ich im Auge des tosenden Sturms nichts fühlen kann. "Portraits" lässt das Selbst das Leben spüren.

Erschienen auf Important Records, 2012.

19.01.2013

2012 ° Platz 13 ° Flying Lotus - Until The Quiet Comes



FLYING LOTUS - UNTIL THE QUIET COMES

In meiner ersten Review des aktuellen FlyLo-Fiebertraums vermutete ich, dass ich "Until The Quiet Comes" noch lange nicht verstanden habe, zusammen mit der Befürchtung, dass es unklar sei, ob mir es jemals gelänge. Außerdem habe ich ob ihrer grausamen Besprechung der Platte noch die Spex gedisst, und das völlig zurecht, wie ich nochmal betonen möchte. Ich kann allerdings auch zwei Monate später nicht sagen, dass ich einen Durchbruch hatte, nicht mal einen Blinddarm- oder Magendurchbruch, aber ich kam ein gutes Stück weiter voran. Vor wenigen Wochen dachte ich sogar mal für dreieinhalb Minuten, ich hätte das Rätsel geknackt. Bis halt der nächste Beat um die Ecke kam, und dann war's auch schon wieder "perdu" (G.Polt). Wenigstens halfen die dreieinhalb Minuten dabei, "Until The Quiet Comes" in die Top 20 des Jahres zu hieven.

Flying Lotus mag mittlerweile dunkler und intimer vorgehen, er mag seine Sounds auf die massivste Großbildleinwand des Universums ausrollen, er mag die Larger-Than-Life-Schablone hinter jeder ausgebrüteten Idee zusammenschnippeln, aber ich kenne keine andere Platte aus den letzten Jahren, die einen solchen Overkill an Winkeln, Ebenen, Dimensionen,  Reichtum und sprühenden Funken präsentiert wie dieses Mammutwerk. Es ist ein Mikrokosmos im Mikrokosmos im Mikrokosmos im Mikrokosmos: jede Andeutung eines Beats ist mit dem Elektronenmiskroskop ausgewählt und strategisch platziert, jedes Zischelsample bekam den Schulterklopfer, das wichtigste Zischelsample der Welt zu sein, jeder Handklatschloop ist die Schallmauer auf dem Weg zum nächsten Level, jedes Thundercat-Bassschnarren öffnet ganze Galaxien zum nächsten Mikrokosmos. Es sind komplett lebensfähige, hochkomplexe Welten, die nur wenige Augenblicke, manchmal keine volle Sekunde, am Leben sind. Sie funkeln im Zyklus des Albums kurz auf und verglühen wieder. Du wirst keine Zufälle in der Musik von Flying Lotus finden. Selbst die Stille ist Schicksal.

Erschienen auf Warp Records, 2012.

17.01.2013

2012 ° Platz 14 ° Plankton Wat - Spirits



PLANKTON WAT - SPIRITS


Dewey Mahoods Meditationsmusik über den Pazifischen Nordwesten der USA bleibt auch am Jahresende eine der beeindruckendsten Platten 2012. Der Gitarrist (u.a. Jackie-O Motherfucker) zwirbelt schamanische Trommelrhythmen wie Seetang um Treibholz, peitscht die mal folkige, mal noisige Gitarre wie Gischt ins unrasierte Gesicht und bläst auf der Friedenspfeife den tiefsten, grummeligen Bass der Welt in das Glutnest des Lagerfeuers.

Es mag sich wirklich balla-balla anhören, aber ich sitze über die gesamte Spielzeit an der steinigen Küste Oregons und habe den nach Salz und Herbst schmeckenden Wind im Haar. Neben mir sitzt der Geist Alice Coltranes, vier Meter über dem Erdboden schwebend. Der nächste Mensch ist meilenweit entfernt. Keine Zivilisation. Alles was ich habe sind meine Gedanken, die Reflektion des Ichs und die schaurig-schöne Illusion, dass ich wieder ein Stückchen mehr zu mir selbst gefunden habe.

Erschienen auf Thrill Jockey, 2012.

12.01.2013

2012 ° Platz 15 ° Evan Caminiti - Night Dust



EVAN CAMINITI - NIGHT DUST

Ginge es hier um die Bewertung von Artworks, "Night Dust" fände sich locker in den Top 3 des Jahres wieder. Das aufklappbare Cover aus dickem Karton ist an Schönheit kaum zu übertreffen, und die Musik von der einen Hälfte des Barn Owl Duos steht dem in nichts nach. Als ich 2012 in Gedanken Revue passieren ließ, fiel mir auf, dass ich (i) viel unterschiedliche Musik viel mehr den unterschiedlichen Lebensphasen anpasste als früher und (ii) vor allem in den Zeiten, in denen ich fast nichts anderes hören konnte als ätherisches Rauschen und Dröhnen, von der Bildhaftigkeit so macher Platte und der Fokussierung derselben auf die Natur sehr beeindruckt war. 

"Night Dust" ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, denn was Caminiti hier erbaut, ist so räumlich und greifbar, als könnten die Finger den Klang ertasten. "Night Dust" ist ein Kaleidoskop granularer Natur, perfekt in der Detailtiefe, perfekt in blanker Schönheit, inklusive Überlebenswille und Demut. Geometrische Figuren der Freiheit, des tosenden Winds, des um sich schlagendes Meeres, der aufbegehrenden Flügelschläge eines Kondors vor der rauhen Küste Schottlands. Es gibt keine Kondore vor der Küste Schottlands, aber wenn Du "Night Dust" gehört hast, gründest Du eine Organisation, die sich für den Erhalt von Kondoren vor der Küste Schottlands einsetzt.

Erschienen auf Immune, 2012.


Anmerkung des Autors: schlimmen der beinhaltete einen Satzbau ursprüngliche ganz Text. Ich bitten aufrichtigst um Entschuldigungs, wenn wir Lesevergnügen dadurch Schädeln nehmte. 

09.01.2013

2012 ° Platz 16 ° Minus The Bear - Infinity Overhead



MINUS THE BEAR - INFINITY OVERHEAD

Beim Betrachten der reinen Platzierung könnte man durchaus der Meinung sein, das Quartett aus Seattle habe mit "Infinity Overhead" einen bösen Absturz hinnehmen müssen. Vor zwei Jahren landete der Vorgänger "Omni" noch auf Platz 4 meiner Jahrescharts, und das sogar vor dem Hintergrund einer schwierigen Ausgangssituation - von "Omni" wollte ich nämlich zunächst mal gar nichts wissen, ich war mit "Menos El Oso" und "Highly Refined Pirates" bestens bedient und ausgelastet. Vielleicht machte auch die böse Erwartungshaltung einen Strich durch die 2012er Rechnung, denn nach dem immer noch fantastischen "Omni" hatte ich wieder brodelnde Leidenschaft für die Band in der Unterhose und hoffte, dass mich "Infinity Overhead" mindestens ebenso wuschig machen konnte. Um das Trauerspiel mit viel zu langen Einleitungen abzukürzen: "Infinity Overhead" macht mich tatsächlich ziemlich wuschig, aber der Schlüpper hat sich mittlerweile eine Klimaanlage geleistet und reguliert meine eben noch glühende Euphorie auf das grundsolide Niveau der Checker-Abgeklärtheit herunter. Ach, und dann ist's auch wieder Quatsch: "Infinity Overhead" ist eine großartige Platte mit großartigen Songs und fast noch großartigeren Hooklines geworden. Die Band spielt nachwievor in ihrer ganz eigenen Liga, und ich habe angesichts von Übersongs wie "Diamond Lightning", "Cold Company", "Toska" oder "Heaven Is A Ghost Town" den Herbst weitgehend knieend vor den Lautsprechern verbracht. Was mich einzig noch irritiert: auch wenn Minus The Bear das auf "Omni" begonnene Ausmisten von überflüssigen Spielereien noch weiter getrieben haben, die Strukturen sind noch klarer, die Arrangements noch straffer, wurden weder Eingängigkeit noch Hit-Appeal hinzugewonnen. Das denkt zumindest der Kopf. Der Fuß wippt und das "Herz weitet sich zu einem saftigen Steak"(H.Schneider). Fuß und Herz gewinnen.

Erschienen auf Dangerbird Records, 2012.

07.01.2013

2012 ° Platz 17 ° Robert Glasper Experiment - Black Radio



ROBERT GLASPER EXPERIMENT - BLACK RADIO


"Black Radio" war 2012 nicht nur Stammgast in dem mittlerweile legendären Plattenstapel vor der Anlage, sondern auch auf dem Plattenteller. Auch wenn Freund Jens mich vorwarnte, dass ich bei der Coverversion von "Smells Like Teen Spirit" wohl mit gerissener Halsschlagader in die Lautsprecher klettern würde, hinterlässt die Musik dieses von Glasper zusammengestellten Kollektivs nichts als ein zufriedenes Lächeln auf meinem Gesicht. Der Fluss dieses extrasanften Fonds aus Jazz, Hip Hop und Soul ist hochgradig infektiös: immer, wenn ich "Black Radio" auflegte, hörte ich es von Anfang bis Ende durch und es wurde fast zu einem Ritual, sich auf die gute Stunde voller Ohren- und Seelenschmeichler einzulassen. Der 34-jährige Pianist aus Texas hält dabei zu jeder Zeit die zusammenlaufenden Fäden von Gaststars wie Erykah Badu, Lalah Hataway, Lupe Fiasco, Mos Def und Bilal dicht an der Komposition und thront über dem Vibe jeder gespielten Note. Ich verbrachte einige wunderbare Abend- und Nachtstunden im Sommer des Jahres mit seiner nokturnen und doch strahlenden Musik. Und sogar "Smells Like Teen Spirit" ist, zu meiner eigenen Überraschung, kein Grund für einen mittelschweren Tobsuchtanfall. Eher schon der Pressfehler auf der D-Seite, der die Nadel zum zweimaligen Hüpfen zwingt. Sowas muss doch nicht sein, Blue Note.

Erschienen auf Blue Note, 2012.

06.01.2013

2012 ° Platz 18 ° Kleefstra, Bakker, Kleefstra - Griis



KLEEFSTRA, BAKKER, KLEEFSTRA - GRIIS


Bereits im April habe ich "Griis" lobend erwähnt, es verwundert daher nur ein kleines bisschen, dass meine Begeisterung bis in den Dezember hinein getragen wurde. Zugegeben, das zweite Album der Brüder Jan & Romke Kleefstra zusammen mit Anne-Chris Bakker entpuppte sich als kleiner Wackelkandidat für die besten zwanzig Platten des Jahres, bei der neuerlichen Auseinandersetzung vor wenigen Wochen war die Sache aber glasklar: an "Griis" komme ich nicht vorbei. Besonders faszinierend sind die prachtvollen Bilder, die sich beim Hören des Werks Schicht für Schicht aufbauen und die am Ende, als großes Ganzes, eine Geschichte über das Leben erzählen können. Es ist eine große Klarheit, und gleichzeitig eine undurchdringliche Tiefe und Mehrdimensionalität in diesem Leben. Sehr intim und pointiert, lässt "Griis" das innere Auge über einen weiten Horizont blicken, über einen Ozean voller wilder Rohheit, voller Schönheit und Zerbrechlichkeit. Die gesprochenen Gedichte von Jan Kleefstra vermitteln ein geradewegs karges Gegengewicht zu dieser musikalischen Opulenz, was schlussendlich dazu führt, dass die Verbindung mit dieser Musik noch intensiver zu werden scheint. Eine bemerkenswerte Platte.

Erschienen auf Low Point, 2012.

04.01.2013

2012 ° Platz 19 ° THEESatisfaction - awE naturalE



THEESATISFACTION - AWE NATURALE


Aus dem Dunstkreis der experimentellen Hip Hop Combo Shabazz Palaces kommen Theesatisfaction, die auf dem letztjährigen "Black Up" bereits einige Vocallines beisteuerten und sich mit ihren originellen Stimmen und Melodien bestens in das windschiefe, avantgardistische Gerüst des Albums einpassten. "Awe Naturale" ist damit der zweite Versuch Sub Pops, das Labelportfolio auf etwas breitere Genrefüße zu stellen und ich habe nichts dagegen, wenn das auf diesem Niveau weitergeht: "Awe Naturale" ist ein sehr kurzweiliges, cooles Album geworden, das Komplexität, Humor und Anspruch über die Suche nach einem Kopfnicker-Hit stellt. Catherine Harris-White und Stasia Irons sind auf ihrem offiziellen Debut weniger mit Hip Hop als mit Soul, R'n'B, Groove und Jazz liiert, sie werfen Afrobeats-Blitze, zischen in einem Raumschiff durch die letzten acht oder achthundert Jahrzehnte schwarzer Musik und landen auf einer unprätentiösen, slackigen Backpacker-Wolke. In "Needs" fliegen mir sogar die Titel der großen Grace Jones-Alben aus den achtziger Jahren um die Ohren. Das klingt lässig und gleichzeitig ist es bis ins letzte Beat'n'Samplegewürm durchdacht und sorgfältig arrangiert. Ich bin sehr darauf gespannt, wo das mit den beiden noch alles hinführen mag.

Erschienen auf Sub Pop, 2012.

03.01.2013

2012 ° Platz 20 ° Bvdub - Serenity



BVDUB - SERENITY

Der Last Minute-Gewinner des Jahres 2012 kommt von einem Mann, für den ich ursprünglich die ersten Plätze der nächsten zwanzig Jahre reserviert hatte: Brock van Wey, der in China lebende Kalifornier, hat bereits Ende 2011 damit begonnen, seinen Sound mit größeren Schritten weiterzuentwickeln, als ich es zunächst für möglich gehalten hätte. Nachdem er den Tod seines Vaters mit dem Album "I Remember" verarbeitete, öffnete der scheue, ernste Tüftler ein paar Türen zu den Rhythmusgeräten. Erstes Ergebnis war das "Resistance Is Beautiful"-Album, das sich im Vergleich zu den vier vorangegangenen Werken deutlich beatlastiger und luftiger präsentierte. Im Jahr 2012 sollte es in diese Richtung weitergehen; "Serenity" ist eines von insgesamt fünf Alben, die van Wey im abgelaufenen Jahr veröffentlichte - und es ist gleichzeitig sein Bestes. Seinem nachwievor traumwandlerischen Spiel mit Sound, Ästhetik und einnehmender Melancholie, verleiht er mit einer voranstreitenden Fokussierung auf Rhythmus neue Facetten, mehr Licht und mehr Luft. Meine anfänglichen Befürchtungen, Brock könnte damit die für mich falsche Abfahrt genommen haben, zerschlugen sich in der Zwischenzeit: er ist nachwievor einer der ganz großen, wichtigen Produzenten und ich bleibe weiterhin überzeugter Fan seiner Kunst.

Erschienen auf Darla Records, 2012.

31.12.2012

Zweitausendzwölf in Musik




ZWEITAUSENDZWÖLF IN MUSIK
oder: wie sich einer das alles ganz anders vorgestellt hat


Es hätte alles total schön werden können: eine Handvoll freie Tage warteten darauf, mit Musik, Geblogge und Gegammel vollgestopft zu werden, ich war Feuer und Flamme den alljährlichen Top 20-Countdown zu starten, und Silvester sollte wie eh und je ein fröhliches und ausgelassenes Fest mit der Herzallerliebsten und unserem Kleintierzoo werden. Einen Tag vor Heiligabend wartete dann das Fieberthermometer mit weit ausgebreiteten Armen auf mich und ich nahm die Einladung dankend an: keine Musik, kein Geblogge, kein Gegammel, stattdessen gab es 39°C Fieber, Hustenanfälle, Schüttelfrost, circa je 25 durchgeschwitzte Shirts und Hosen und 5 durchgeschwitzte Bettgarnituren. Ich kann's also wirklich wärmstens empfehlen, beziehungsweise eben gar nicht.

Wenigstens zum heutigen Silvesterabend bin ich aber fieberfrei und auch, wenn ich mich fühle, als hätte mich Godzilla persönlich ausgekotzt: es geht wieder bergauf. Sogar der Plattenteller dreht sich wieder.

Da mein Hirn für einen halbwegs geraden Satzbau und nicht ganz so bescheuerte Formulierungen noch nicht auf Normaltemperatur angekommen ist, startet der Top 20 Countdown des Jahres 2012 also mit ein wenig Verspätung in den kommenden Tagen.

Ich wünsche Euch allen ein friedliches und gesundes neues Jahr 2013.

Vielen Dank für's Lesen, "It's appreciated"(Geddy Lee).

Euer Fiffy

16.12.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government - VIII



Nachdem das klassische Warrior Soul Lineup nach der Veröffentlichung von "Classics" zum zweiten Mal auseinanderbrach, war das erste Lebenszeichen von Stehaufmännchen Kory Clarke sein obskures, drogenvernebeltes "Opium Hotel"-Album aus dem Jahr 2003, das ich an anderer Stelle dieses Blogs schonmal mehr oder minder ausführlich vorstellte. Zwei Jahre später schloss er sich den Redneckrockern von Dirty Rig an, hatte große Pläne, nahm ein unterdurchschnittliches Album mit ihnen auf - und verschwand wieder. Mit dem mittlerweile verstorbenen Bassisten Paul Raven (Killing Joke, Prong), Mark Gemini Thwaite und Nick Lucero arbeitete er 2007 an der Projektband Mob Research, deren Platte "Holy City Zoo" wie ein vergessenes Industrialrelikt aus den neunziger Jahren klingt. 2008 ersetzte er überraschenderweise Sänger Eric Wagener bei den Christendoomern von Trouble und nahm vier Jahre später mit einer geradewegs herausgekotzten Hasstirade gegen die (danach definitiv) ehemaligen Bandkollegen wieder seinen Hut. Die Liste erscheint endlos. Und das hier Aufgeführte ist nur eine Auswahl.

Nun könnte man angesichts der überwiegend kurzlebigen übrigen Engagements Clarkes rückblickend ja durchaus auf den Gedanken kommen, dass mit dem Mann nicht gut Kirschen essen ist, was ich übrigens ohne mit der Wimper zu zucken unterschreibe: Drogen und Alkohol, gemischt mit Verbitterung, Egozentrik, einem Hauch Größenwahn und den offensichtlich unüberwindbaren Drang, sein Gesicht mit Karacho in jede sich irgendwo herumtreibende Faust laufen zu lassen, um danach einen Song darüber schreiben zu können, üben auch auf mich keine überragende Anziehungskraft aus. Und um das zu wissen, muss ich mir mit Kory keine Wohnung und keinen Bandbus teilen. Bei aller völlig zweifelsfrei nachweisbarer Vollverblendung meinerseits, habe ich dennoch von Zeit zu Zeit die Differenzierungsbrille auf. Nicht dass mir noch jemand mangelnde Professionalität vorwirft. Das wäre ja wirklich...schlimm.

Was ich eigentlich sagen wollte: ein bisschen ernst wurde es für Warrior Soul Fans um das Jahr 2006/2007 herum. Clarke remasterte die ersten fünf Soul-Alben und warf sie mit einer Handvoll Livebonustracks, allesamt wie bestellt in unterirdischer Soundqualität, auf den Markt. In meinem Interview (von dem ich übrigens dachte, ich könnte es hier als Gimmick nochmal posten, aber ich bekam Schüttelfrost beim Lesen, also lass ich das schön bleiben, sonst wirft man mir noch Professionalität vor und das wäre ja wirklich...furchtbar) erzählte Kory davon, wie er Anfang 2002 Warrior Soul wieder zusammenbringen wollte, disste wegen des Scheiterns nochmal seinen alten Buddy Johnny Ricco ("And he fucked it up. Und weißt du auch warum? Weil er ein Idiot ist!" - Soll ich das wirklich schreiben, Kory? -"Natürlich! Natürlich sollst Du das schreiben!") und ein halbes Jahr nach unserem Telefonat war es dann soweit: Kory Clarke hat Warrior Soul reformiert. Mit irgendwelchen Schweden. Oder Portugiesen. Oder Schotten. Oder Fozzy Bär. Damit waren bei mir die, haha, Schotten dicht: der holt doch bitte Pete und Ricco zurück und sucht sich einen geilen Drummer, aber er macht doch nicht so eine halbsteife und peinliche Warrior Soul Coverband auf?! Nicht mit mir.



WARRIOR SOUL - LIVE IN ENGLAND

Die Liveplatte "Live In England" bestätigte zunächst all meine Befüchtungen, auch wenn ich fairerweise sagen muss, dass meine Erwartungen natürlich strunzdoof überzogen und völlig realitätsfern waren. Ich war auf diese Inkarnation der Lieblingsband einfach nicht mal im Ansatz vorbereitet. Nicht nur, dass Clarke stimmlich mittlerweile wie ein grippegeschwächter Motörhead-Lemmy klang, was insbesondere die schwierig zu singenden "Space Age Playboys" songs zum mittelschweren Debakel werden ließ, auch die Begleitband reichte zu keinem Zeitpunkt an die Qualitäten des klassischen Lineups heran. Darüberhinaus war der Sound zu gleichen Teilen verwaschen und staubtrocken, womit es einfach überhaupt keinen Spaß machte, sich das alles anzuhören. Zum Schönhören hat's auch nicht gereicht. Zu was es allerdings taugte: Warrior Soul waren zunächst mal wieder zurück. Ich hatte das Signal verstanden - ob ich das allerdings wirklich wollte, stand und steht auf einem anderen Blatt.





WARRIOR SOUL - DESTROY THE WAR MACHINE

Mit der semiguten Livescheibe im Hinterkopf (nicht wörtlich nehmen, bitte) konnte die Ankündigung über ein neues Studioalbum nicht allzu viel Eindruck bei mir hinterlassen. Trotzdem: ich kann aus meiner Fan-Haut nicht heraus, also musste ich das Album in der ursprünglichen "Chinese Democracy"-Version natürlich vorab und direkt bei der Band bestellen. Ich sollte es nicht bereuen. "Destroy The War Machine" ist ein durch und durch echtes Warrior Soul Album, und es ist ein großartiges noch dazu. Wütend protestierende Punkmonster mit unerhörtem Drive wie "Fuck The Pigs", "Motor City" und das überragende "(Bad News) Rock'n'Roll Boyfriend" stehen neben an alte Klassiker erinnernde, mit leicht psychedelischer Note gewürzten Atmosphärentracks "The Fourth Reich" und "Never Believe". Qualitativ ist das bis auf die beiden guten, aber etwas banalen Rocker "Burning Bridges" und "She's Glaswegian", auch Dank des drückenden, lauten und breitbeinigen Schnauzbartsounds, auf überraschend hohem Niveau. "Destroy The War Machine" reiht sich formvollendet in die frühen Alben der Band ein und ich bin insgeheim selbst heute noch baff, wie sie das hinbekommen haben.

(HIER geht's übrigens zum damaligen Post über das Album)



WARRIOR SOUL - STIFF MIDDLE FINGER

Der Fluch eines guten Albums: der Nachfolger wird daran gemessen und die Erwartungen wachsen in fast unerreichbare Höhen. Ich habe "Stiff Middle Finger" vor wenigen Wochen, und das passiert hier sehr selten, ziemlich verrissen, und ich kann nicht sagen, dass ich meinen damaligen Worten etwas hinzufügen kann. Selbst mit der allerallerrosafarbensten Fanbrille bleibt das Album in der allerallerpositivsten Betrachtung weit unter Durchschnitt - und von den Erwartungen wollen wir gar nicht reden. Dabei ist "Stiff Middle Finger" exakt die Platte, die ich eigentlich an Stelle von "Destroy The War Machine" vermutet hatte: ein Abziehbild der alten, eigenen Größe und erstmals mit dem bitteren Beigeschmack, dass hier einer die Kurve nicht mehr bekommen hat. So wie das eben bei neun von zehn Reunions läuft.

Und damit schließt sich dann doch wieder der Kreis zum Eingangsposting dieser Warrior Soul-Reihe: Reunions können mich mal. Ausnahmen bestätigen, wie immer, nur die Regel.



Und jetzt bereiten wir uns alle mal schön auf das alljährliche Ritual der Jahresbestenliste vor. Es gibt noch ein bisschen was zu tun.

Wir lesen uns.

13.12.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government - VII



WARRIOR SOUL - CLASSICS


"Die Frage, ob ein einmal gefasster, prinzipieller Beschluss, in jeder konkreten Situation eingehalten werden kann, muss differenziert betrachtet werden."(Gerhard Schröder)

Ich habe sicherlich schon hunderte, ach was: tausende Male, wenn nicht gar vier Mal auf diesem Blog erwähnt, das mir Reunions ziemlich grundlegend schön den Schuh aufblasen können, aber manchmal mach' ich Euch auch gerne den Schröder und sage "Es geht um Arbeitsplätze!", beziehungsweise "Ja scheißrein, warum eigentlich nicht?". Gute vier Jahre hatte ich mich von der Annahme ärgern lassen, ich käme niemals auf ein Warrior Soul Konzert und könnte also niemals diese meine Lieblingssongs live hören. Niemals meinen Helden in Lebensgröße sehen. Und plötzlich schreibt Ende 1999 einer "Warrior Soul! Reunion!" ins noch fast finstere Internet. Es war wie im Märchen.

"Classics" ist eine seltsame, wenn auch immerhin passend betitelte Platte. Ich mag sie und sie ist mir wichtig, weil ich spätestens hier der Band zuliebe selbst von der Aussichtsplattform eines Wolkenkratzers oder wenigstens einer Gartenlaube gehopst wäre - tatsächlich ist sie sogar dafür verantwortlich, dass ich endlich "Chill Pill" verstand. Als ich "Classics" tage-, wochen- und monatelang aufsaugte, war alles Euphorie: ich konnte kurz zuvor alte Fesseln sprengen, ich war frisch in meine Seelenverwandte verliebt, ich hatte meine erste eigene Wohnung und ich lebte, genau: von in Butter geschwenkten Nudeln, Reibekäse, Instant-Eistee und der ein oder anderen lustigen Schokotorte. An dieser Stelle Glückwunsch für den "Das habe ich doch schonmal irgendwo gelesen?!"-Gedanken, der sich gerade hinter Deiner Stirn auf den weiten Weg in Deine Augenbrauen begibt. Ich war derart außer Rand und Band, dass ich die vor meiner Wohnung herumfrömmelnde Fronleichnamsprozession mit der Warrior Soul Hymne "Let's Get Wasted", aus dem Fenster gehaltenen Lautsprechern und einem Lautstärkepegel von circa 8,3 Millionen störte, und das damals für eine total gute Idee hielt. Ehrlich gesagt halte ich es selbst heute noch für eine total gute Idee. Und wenn kein Geld aufzutreiben war, und Geld war praktisch nie aufzutreiben, durchwühlte ich die Hosen und Jacken nach vergessenen Reichtümern, und wenn ich tatsächlich mal einen 10 Mark-Schein fand, kaufte ich davon nicht etwa behutsam und bedacht beim Billig-Lidl die notwendigsten Lebensmittel und vielleicht eine Rolle Klopapier ein, nein, ich flanierte wie Graf Koks über die Straße und kaufte für 9 Euro eine Jumbopizza mit Safran oder Spinat oder Saumagen drauf. Heute lacht man drüber, aber das schönste ist: damals habe ich auch schon gelacht. Und jetzt bin ich "abgeschwiffen" (Priol).

Die Band hatte sich also im Original-Lineup Clarke, Ricco, McClanahan und Evans wieder zusammengerauft und auch wenn man schon beim ersten Gedanken an diese Konstellation den Glauben hätte aufgeben können, wenn nicht müssen, dass dieser Irrsinn von vier Irrsinnigen auf keinen Fall gutgehen kann, und lange schon gleich gar nicht, hatte "Classics" eine Handvoll Argumente zum Aufhorchen anzubieten. Die Band packte keine Sammlung der bekannten Großtaten ihrer alten Platten zusammen, sondern spielte die bekannten Großtaten ihrer alten Platten nochmal komplett neu ein. Nahezu originalgetreu hinsichtlich der Arrangements, aber im Klang natürlich schwer auf die dicke Hose setzend. Oder das, was im Jahr 2000 und mit einem Kindergeburtstagsbudget eben die dicke Hose war. Kämpfte man damals eigentlich schon den "Loudness War"? "Classics" ist der Beweis: Ja. Tat man.

Jetzt könnte ich natürlich frohlocken und sagen "Oh super, endlich gibt's den ganzen alten Scheiß mit moderner und fetter Produktion!", ich könnte allerdings auch sagen, dass im direkten Vergleich mit den ersten vier Platten (warum's keine fünf sind, erkläre ich gleich) der Sound von "Classics" gnadenlos gegen die Wand rauscht. Das fällt einem nicht so stark bis überhaupt nicht auf, wenn das Pendant der Originalproduktion fehlt, aber im direkten Vergleich mit den Frühwerken klingt "Classics" blechern, hohl und dare I say it: dünn. Eine Spur größer wird das Problem allerdings im Zusammenspiel mit den Songs. Der Schwerpunkt der Titelauswahl liegt auf den punkigen, dreckigen, geradlinigen Rockern wie "Downtown", "The Wasteland", "Punk & Belligerent" oder "Superpower Dreamland" und dazu passt der rauhe und unprätentiöse Charme des Sounds durchaus. Geteilter Meinung darf man bei jenen Tracks sein, die im Original von ihrer Stimmung und Atmosphäre leben, von vernebelten, komplexen, ja beinahe klaustrosophischen Elementen, die die dargestellte Trostlosigkeit spielend leicht veranschaulichen. Es fällt einem wie Rosinen vom Hefeteigklumpen wie vielschichtig und mit welcherm Weitblick die alten Alben produziert wurden. "Song In Your Mind" und der Hidden Track "Blown" sind Beispiele, die verdeutlichen, wieviel hier abseits der Lautstärke auf der Strecke bleibt.

Des Weiteren beinhaltet "Classics" einen Umstand, der zu den großen Mysterien dieser Band gehört. Ich schrub weiter oben von den ersten vier Alben, nicht derer fünf - denn obwohl es Songs von "Space Age Playboys" zu hören gibt, blieben sie in der Originalfassung bestehen. Ich frage mich seit 12 Jahren, warum "The Drug", "Let's Get Wasted", "Rotten Soul" und "I Wanna Get Some" unangetastet blieben, und auch wenn es wirklich wichtigere Fragen gäbe - "Warum gibt's die SPD noch?" und "Heißt der Mann im Mond wirklich Karl Napp?": es macht mich kirre. Wollten Evans und Ricco sie nicht spielen? Konnten sie sie nicht spielen? Haben sie es versucht und es klang gar nicht mal so gut? Wollte Clarke nicht? Oder war man gar der Auffassung, dass sie mit dem "Classics" Sound nicht funktionieren würden? Ich hätte Clarke bei meinem Interview mit ihm im Jahr 2006 natürlich fragen können. Aber hey! Viel zu einfach.

Ein knappes Jahr später waren Warrior Soul zum zweiten Mal Geschichte. Nach einem vielumjubelten Gig im Londoner Astoria im Jahr 2000 und dem Release von "Classics" war es schon wieder vorbei. Für die nächsten sieben Jahre.

"The words and music will always be forward-thinking and the concepts modern and rebellious in their stance against hypocrisy and tyranny."(Kory Clarke)

Erschienen auf Dream Catcher, 2000.


09.12.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government - VI



WARRIOR SOUL - FUCKER

The band that fought America, fought the system... and ultimately lost.

Zusammenstellungen von Demos und Outtakes üben auf mich eine ähnlich große Faszination aus wie ein ausgiebiges Wellness-Bad im Klärschlammbecken von Lagos, und "unter strengen Maßstäben" (Wolfgang Schäuble) kann die Relevanz von "Fucker" mit drei hingerotzten Sätzen locker wegargumentiert werden - das funktioniert allerdings nur solange man sich mit den 17 (+ 2 Hidden Tracks) Stücken dieser Platte nicht auseinandergesetzt hat. Ich prognostiziere, dass selbst die größeren Skeptiker unter meinen Lesern nach dem Drücken der Wiedergabetaste nur schwerlich den Weg zu den ursprünglichen Ansichten wiederfinden können. Ja, "Fucker" (in den USA übrigens unter dem Titel "Odds And Ends" und mit anderem Artwork erschienen) liefert nur Demos und Outtakes aus unterschiedlichen Recordings-Sessions der Band, und ja, der Sound ist angesichts der rohen 8-, 16- und 24-Spur Aufnahmen zu keiner Sekunde einem offiziellen Warrior Soul Studioalbum auch nur im Ansatz ebenbürtig, aber - und natürlich musste an dieser Stelle ein "aber" kommen: es sind die immer noch und immer wieder fantastischen Songs, die mir bei jedem Hören die Kinnlade heruntersausen lassen.

Anhänger des "Space Age Playboys" Line-Ups dürfen sich beispielsweise über sechs "neue" Songs freuen und dabei zwei alte Bekannte entdecken: das hier vertretene "Punk Rock'n'Roll" wurde später zum Hit "Rotten Soul" und "5 Ways To The Gutter" transformierte sich zur späteren "I Wanna Get Some"-Single. "My Sky" und "Makin' It Holy" klingen nicht nur verdächtig nach den sagenumwobenen "Chill Pill"-Sessions - von Clarke mit den Worten "our most enjoyable sessions ever and some of the band's brightest moments" geadelt - sie wurden tatsächlich zu jener Zeit, also im Januar und Februar 1993 geschrieben . Besonders "Makin' It Holy" ist ein absolutes Highlight der Bandkarriere. Diese Atmosphäre, großer Gott. Außerdem anbetungswürdig: die heruntergedimmte Akustiknummer "American", die umwerfende Halbballade "Kiss Me" (könnte das Rennen gegen "The Fallen" und "The Golden Shore" für das 1992er "Salutations From The Ghetto Nation" verloren haben), das postpunkige "Raised On Riots" (vermutlich ursprünglich für "Drugs, God & The New Republic" geschrieben) und der verlorengegangene Titelsong des Debuts, der auf "Fucker" erstmalig veröffentlicht wurde, weil er laut Clarke nie so richtig auf ein Album gepasst hätte. Ich möchte andererseits nicht verschweigen, dass auch offensichtlich unfertiges und leicht orientierungsloses Material wie "Can't Fix A Broken Heart" oder "Come To Me" den Weg auf "Fucker" fanden. Und trotzdem: was wäre wohl aus diesen Songs geworden, wären sie  im Studio ausgearbeitet worden?

Wir werden es nicht mehr erfahren, denn an dieser Stelle war also das Kapitel Warrior Soul fürs Erste beendet. Kory Clarke sollte in den kommenden Jahren die durchwachsene Glamrock-Combo Space Age Playboys gründen, während sich die Wege von John Ricco, Mark Evans und Pete McClanahan schon einige Jahre früher trennten. Was aus den beiden Gitarristen und dem Drummer des letzten Warrior Soul Line-Ups wurde, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Gitarrist Alexander Arundel aka "X-Factor" soll sich angeblich in Nashville niedergelassen haben, aber er ist nach meinen Informationen musikalisch nicht mehr in Erscheinung getreten. Ich freue mich in diesem Fall allerdings über Belehrungen. Ich bin Fan. Bring it on.

Bis zum Jahr 2000 herrschte also Funkstille. Was dann passierte, lest ihr hier im nächsten Eintrag.

Erschienen auf Music For Nations, 1996.





P.S.: Schöner Youtube-Kommentar übrigens:
"Sounds like it was written yesterday. We should have listened. Oh, wait, I? did!!! Best band, all centuries"

03.12.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government - V



WARRIOR SOUL - SPACE AGE PLAYBOYS

Supershine For Ever.

Das vorerst letzte offizielle Warrior Soul Studioalbum "Space Age Playboys" holte dann im mehrfacher Hinsicht zum endgültigen Schlag des Wahnsinns aus. Nach dem Verlust des Geffen-Deals und dem Weggang von Drummer Mark Evans und Gitarrist Johnny Ricco, letzterer wurde von Clarke während der Songwritings-Sessions um ein Haar mit einer Gartenhacke gelyncht, bevor er Clarke mit einem Paar Nunchakus vermöbelte - die Jungs müssen damals verdammt viel Spaß gehabt haben - entschied sich Kory für eine komplette Frischzellenkur: Die Haare waren weg, der Wave-Einfluss wich weitgehend einem schnellen, schrillen Punkrock, das Cover war knallbunt. Die Band sah nicht nur äußerlich so aus, als sei sie in ein mit Amphetaminen gefülltes Schwimmbecken gesprungen, sie machte auch die passende Musik dazu und präsentierte einen völlig überdrehten, schnellen, hochmelodischen Acid Punk, übrigens eine von der Truppe selbst gewählte Bezeichnung. Das Gaspedal bis zum Boden durchgedrückt, hyperventilierten sich die Burschen durch 13 vertonte Ecstasy-Pillen, die mit zum Besten zählen, was in den Neunzigern das Licht der Welt erblickte. Einen nicht kleinen Anteil daran hatte Clarkes neue Begleitband: Originalbassist Pete McClanahan blieb an Bord (wenn auch nachwievor mit einer veritablen Heroinabhängigkeit kämpfend), neu hinzu kamen ex-Nuclear Assault Trommler Scott DuBois und mit Chris Moffet und X-Factor gleich zwei Gitarristen, die die satten Riffs mit ungeheurer Wucht in den Sound peitschten. 

Doch auch "Space Age Playboys" ging leider ziemlich unter und erreichte lediglich unter einer Handvoll Musikverrückter echten Kultstatus; es waren vor allem die britischen Anhänger, die mit der leichten Richtungsänderung die wenigsten Probleme haben sollten. Viele Warrior Soul-Fans der ersten Stunde wandten sich indes sogar von der Band ab, weil ihnen einerseits die politische Auseinandersetzung fehlte, die bislang auf jedem Soul-Album zu finden war und somit zu einem Aushängeschild der Band wurde, zudem bewerteten die damaligen Rockfans die abgeschnittenen Haare Clarkes bereits als Verrat am Metal und dem Vaterland oder an Rasierschaum aus der Dose - ich weiß es nicht. Metallica, übrigens selbst Warrior Soul-Fans, konnten immerhin über diese Sache einige Jahre später selbst ein Liedchen singen.

Aber zurück zum Wesentlichen: Clarke verließ mit "Space Age Playboys" mitnichten den politischen, rebellischen Weg der früheren Platten, im Gegenteil: nie war er aufmüpfiger als hier. Was sich sehr wohl veränderte war der Blickwinkel. Wo frühere Inhalte durchaus als schwarzmalerisch interpretierbar waren, als Underdog-Lyrik mit Opfertenor, zog Clarke den Regler ab 1994 auf totale Freiheit, totale Extase und totale Anarchie hoch. Warrior Soul waren auf "Space Age Playboys" entfesselte Freigeister, die die sozialen und politischen Missstände unserer Welt immer noch genau im Fokus hatten, ihnen aber nun mit unkontrolliertem Widerstand, mit Grenzenlosigkeit und mächtigem Freiheitsdrang gegenübertraten.

"Space Age Playboys" ist bis heute das rebellischste Manifest des Kory Clarke. Gefährlich, anarchistisch, grenzenauflösend und-verschiebend. 


Erschienen auf Music For Nations, 1994.




01.12.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government - IV



WARRIOR SOUL - CHILL PILL

Ha Ha Ha

Vorhang auf für die große "Chill Pill"-Farce. Nachdem der Streit mit Geffen nach dem Disaster des Vorgängers völlig eskalierte, wollten Warrior Soul lieber heute als morgen aus den Verträgen heraus. Geffen indes bestand auf Vertragserfüllung und schickte die Band mit einem (vertraglich festgelegten) hübschen Sümmchen als Vorschuss ins Studio. Warrior Soul lösten das "Problem" auf ihre Art: innerhalb von nur zwei Wochen rotzten sie zehn rohe, unproduzierte Songs gegen die Studiowand, steckten sich den Batzen Restkohle in die Bandtasche und finanzierten davon eine Europatournee.

Das Ergebnis schockierte nicht nur viele Fans, ich hätte auch gerne mal die Gesichter der Geffen Mitarbeiter bei der ersten Listening Session gesehen. "Chill Pill" ist abgefahren, sperrig, laut und nervenaufreibend, vielleicht das "In Utero" von Warrior Soul. So zerrissen und kaputt es sich präsentiert, enthält es dennoch einige der besten Songs, die diese Band je geschrieben hat. "Song In Your Mind", "Cargos Of Doom", "Shock 'Um Down", das zynische "HaHaHa" ("We enjoy kickin' heads / We enjoy knockin' ya dead / We enjoy everything honey / We enjoy takin' your money / We enjoy rockin' this city / We enjoy, we enjoy"), und die beiden Unglaublichkeiten "Concrete Frontiers" und "Soft" sind verkannte Meilensteine, die erst in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewannen. Was auch immer sich die Burschen während der Songwriting Sessions eingefahren haben: ich hätte gerne auch etwas davon, wenn's recht ist.

Unter den Fans war und ist "Chill Pill" ausgesprochen umstritten und ich kenne praktisch niemanden, der ein gutes Haar an dem Album lässt - andererseits kenne ich praktisch grundsätzlich niemanden, deswegen macht die These jetzt auch nicht so irrsinnig viel Sinn. Ich selbst habe einige Jahre benötigt, um "Chill Pill" ins Herz zu schließen, aber in leicht vernebelten und äußerst bewegenden Zeiten rund um das Jahr 2000 hatte ich trotzdem noch den ein oder anderen wachen Moment. Ich wohnte damals in einer Mietbutze im Frankfurter Stadtteil Rödelheim (lustige Kommentare bitte in 3...2...1...) und lebte von in Butter geschwenkten Nudeln, Reibekäse, Instant-Eistee und der ein oder anderen lustigen Schokotorte. An den Wänden hingen Bambusmatten (die waren eigentlich total super, aber meine Katzen fanden sie dummerweise auch nicht schlecht - und ihr denkt euch jetzt bitte euren Teil) und vier strategisch im Raum verteilte Lavalampen. Die Herzallerliebste und meine Wenigkeit hatten in einem, nennen wir es mal "kreativen Ausbruch" außerdem den Pinsel und die Spraydose geschwungen und allerhand Parolen wie "Make Love Not Woar[sic!]" an den Wänden verewigt und es dürfte spätestens jetzt niemanden mehr überraschen, dass ich eines Nachts, vermutlich nach der dritten Instant-Eistee-Pulle, in bester John Belushi-Manier der felsenfesten Überzeugung war, das Licht gesehen zu haben.



So habe ich also die "Chill Pill" geknackt und auch, wenn's sich jetzt wieder mal nach pathetischem Mist anhört, aber die Platte hat schon ordentlich an meinem Lebensrad gedreht.

Erschienen auf Geffen Records, 1993.




30.11.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government - III



WARRIOR SOUL - SALUTATIONS FROM THE GHETTO NATION

But when the times are hard, take a look, remember how much I love you.

Warrior Souls drittes Album "Salutations From The Ghetto Nation" war dann der bereits angedeutete große Wurf für die Band. Der Sound war ungemein fett, das Songwriting endgültig unschlagbar. "Salutations From The Ghetto Nation" ist von der ersten Sekunde des Openers "Love Destruction" bis zum überragenden Finale des Titelsongs ein kompaktes, psychedelisches Rockjuwel mit großartigem Drumming des mittlerweile leider verstorbenen Mark Evans und Kory Clarkes bester Gesangsleistung. Von hymnischen und rotzigen Punkrockkrachern ("Punk And Belligerent", "Ass-Kickin'") bis zu psychedelischen Megasongs wie dem unglaublichen "Shine Like It", oder den beiden Sternstunden "The Golden Shore" und "The Fallen" kommt man aus der Dauererektion gar nicht mehr heraus. Trotz eines Starmanagements (Q-Prime), das auch für Größen wie Rush und Metallica zuständig war, lief die Band in kommerzieller Hinsicht völlig gegen die Wand. 

Natürlich waren diese bösartigen Texte und ein irrer Rebell wie Clarke als Frontmann nicht einfach zu vermarkten und mehr als nur einmal wurde er seitens des Labels und des Managements aufgefordert, seine politischen Auseinandersetzungen ruhen zu lassen. Auch innerhalb der Band war seine Art nicht unumstritten. Immer häufiger kam es zu heftigen Streitereien, wenn Clarke auf der Bühne minutenlang "Fuck Bush"-Sprechchöre anstimmte und dafür vom Publikum mit allem beworfen wurde, was der Konzertsaal hergab. Dass er dies wie selbstverständlich im Vorprogramm der US-Stadionrocker Queensryche tat, die zu jenem Zeitpunkt gerade mit ihrem "Silent Lucidity"-Schmachtfetzen die Charts stürmten und die im Begriff waren, das im besten Fall unpolitische, im weniger guten Fall rechtskonservative Mainstreampublikum Nordamerikas zu knacken, zeigt, dass es Clarke immer egal war, welche Reaktionen er mit seinen Aktionen provozierte. Dieser immerwährende interne Konflikt zermürbte die Band über die Jahre immer mehr und man muss heute feststellen, dass sie letzlich daran zerbrach. 

Hinzu kam eine Plattenfirma, die das gigantische kommerzielle Potential von "Salutations From The Ghetto Nation" gänzlich ignorierte, oder angesichts der unberechenbaren, oftmals in Drogeneskapaden versackenden Band schlicht komplett überfordert war und deshalb spätestens zur Produktion zum nächsten Album auf offene Konfrontation ging. Nichtsdestotrotz: Die Frische und Power dieser Scheibe wird selbst in 30 Jahren noch state-of-the-art sein. 

Ein unantastbares Meisterwerk. 

Erschienen auf Geffen Records, 1992.



We Are Warrior Soul. We Are The Government - II



WARRIOR SOUL - DRUGS, GOD AND THE NEW REPUBLIC

Jump For Joy, Jump For Joy, World's End

Nur ein Jahr nach "Last Decade Dead Century" ging es mit "Drugs, God And The New Republic" in Runde zwei. Das Album ist einen Tick härter, dunkler und atmosphärischer als das Debut und bietet mit dem Joy Division-Cover "Interzone", "Hero", "The Wasteland", "Jump For Joy", "Children Of The Winter" und dem grandiosen Titelsong unsterbliche Klassiker. Die Band fährt dabei im Grunde eine ähnliche stilistische Mischung aus wave-beeinflusstem Punk- und Heavy Rock wie bereits beim Debut und bleibt auch im Soundbereich im Rahmen dessen, was "Last Decade Dead Century" vorgegeben hat.

Was die Band allerdings hier prägnanter als noch auf dem Debut herausarbeitet ist der Weg, auf dem sich Warrior Soul 1991 befanden: harte, rotzige und breitbeinige Rocker vermischen sich mit psychedelischen, ungemein stimmungsvollen und gräulich schimmernden Post-Punkern. Es deutet sich an, dass besonders Clarke, auf dem Debut immerhin als Co-Produzent genannt, einen Plan in der Tasche hatte, den er erst mit der nächsten Platte in die Tat umsetzen sollte, dann aber mit geradewegs raubtierhafter Konsequenz. 

Auf "Drugs, God And The New Republic" sind darüber hinaus erneut seine zynische Betrachtungen über den sozialen und kulturellen Zerfall Amerikas unter der Bush-Regierung aufrüttelnd, rebellisch und höchst spannend zu lesen. Sowas nannte man zu jener Zeit ernsthaft "sozialkritisch", bevor Mittelklasse-Wannabe's "inhaltlich zynische Forderungen" (S.Gärtner) daraus formten. Aus heutiger Sicht kann man die Texte der Band als ruhigen Gewissens als prophetisch bezeichnen. Dass mir heute, über zwanzig Jahre später, nur noch die Beobachtungen der kanadischen Thrashpunker von Propagandhi in ihrer Kraft und Weitsicht wenigstens als ebenbürtig erscheinen, spricht Bände.

Erschienen auf Geffen Records, 1991.


29.11.2012

We Are Warrior Soul. We Are The Government.


WE ARE THE GOVERNMENT 

Willkommen zu den Warrior Soul Wochen auf 3,40qm. Nach Betätigung der Suchfunktion oben links fand ich heraus, dass bislang lediglich sechs Einträge zur eventuell allerbesten Rockband aller Zeiten auf diesem Blog erschienen sind; und nachdem mich Kory Clarke, das zerzauste Whiskeyfass auf zwei Beinen, vor gut einer Woche im Rahmen des Auftritts im Frankfurter Nachtleben erneut daran erinnerte, warum Warrior Soul eine der Top-Favoriten auf den Titel "Lieblingsband" sind, fasste ich den Entschluss, ein paar Worte über die einzelnen Alben der Truppe zu verlieren. 

Wer weiß schon, wofür's gut sein mag, aber für mich ist es der längst überfällige Kniefall vor einer Band, der ich nun seit 1992 nahezu auf Schritt und Tritt folge. Bis ich mich also zum obligatorischen Jahresrückblick aufschwinge, um die besten 20 Alben des Jahres 2012 mit allerhand Lobhudeleien zu überschütten, halte ich achteinhalb Sternstunden rebellischer, visionärer und intelligenter Rockmusik im Klammergriff. 

Seien Sie dabei, ich wart' solange.




WARRIOR SOUL - LAST DECADE DEAD CENTURY


A lullaby makes you feel better.

Den Anfang macht das Debut "Last Decade Dead Century", das im Jahr 1990 bei Eingeweihten wie eine Bombe einschlug. In einer Zeit, in der Guns'n'Roses und die verfluchten Mötley Crüe gerade mit Suff, Nutten und Koks die Kulturhoheit über Moral und Intellekt innehielten, sang Kory Clarke der Welt ein Gute Nacht-Lied. Seine zynischen, bitteren und poetischen Texte sollten in den nächsten Jahren sowohl Markenzeichen als auch Boomerang für die Band werden. Die einen liebten Warrior Soul genau wegen ihrem Anspruch und ihrer Ernsthaftigkeit, die eine Verbindung mit hartem, klischeefreiem Rock eingingen, während die anderen den politischen Anstrich verteufelten und der Band Schwarzmalerei vorwarfen.

"Last Decade Dead Century" ist auch 22 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch ein mächtiger Brocken. Im Spoken Word-Track "Four More Years" haucht, kreischt, flüstert Clarke "Our need flows on, but we feel nothing / While emotion kills with no remorseful deathblow from Jesus / Only you can turn the key / to unlock the tortured riches inside your soul / And find the reason we live" und präsentiert nicht nur damit seine ungeheuere lyrische Kraft, die die Schlinge um den Hals mit jedem Wort immer fester zuzieht.

Musikalisch gibt es überaus eigenständigen Gitarrenrock mit Punk-, Wave- und Psychedelic-Rock Einflüssen und überlebensgroße Songs wie die traumhaften Halbballaden "The Losers" und "Lullaby", wave-trippiges ( "Trippin' On Ecstacy" ) oder simple Hits wie "I Saw The Ruins". Warrior Soul waren bereits auf ihrem Debut der restlichen Musikwelt eine Nasenspitze voraus, und es gehört zu den tragischsten Momenten der Musikgeschichte, dass sie diesen Vorsprung nicht nur nicht nutzen konnten, sondern dass er ihnen letztlich sogar Schaden zufügte.

Erschienen auf Geffen Records, 1990.



26.11.2012

Ich bleibe heute mal im Bett



ENSEMBLE - ENSEMBLE

Und das ist die richtige Musikwahl für diesen Plan: elektronisches Flimmern trifft Indiepop und zieht uns ganz nah an den Herbst heran. Augen schließen und abwarten, was passiert.

Es war schon kurios. Die erste Begegnung mit "Ensemble" fand während einer Autofahrt statt und bei Kichererbsen aus der Dose: sowas macht man nicht, eigentlich. Wenn schon unterwegs, wäre das Flugzeug das angemessenere Fortbewegungsmittel. Jaja, Klischee, ich weiß schon. Aber wenn's doch so ist? Olivier Alary, ursprünglich aus Toulouse, jetzt (natürlich!) im kanadischen Montreal residierend, hat mit seinem zweiten Album das Schwebeteilchen des Jahres 2006 veröffentlicht. Sowas hört man bevorzugt in ruhigen Stunden, wenn die Vorhänge zugezogen sind und das Licht uns erst am nächsten Morgen daran erinnert, dass wir ein Leben außerhalb der Schwerelosigkeit zu führen haben.

Es stimmt schon ein wenig sentimental, wenn sich nach diesen 44 Minuten das Bewusstsein wieder sammelt und ungefragt zurückkehrt. Fast schon tragisch, wie gerne hätte man hier noch weiter zugehört? Alray, dem ein oder anderen vielleicht bekannt durch seine Arbeiten mit Björk (unter anderem werkelte er an deren Album "Medullah" mit herum und remixte einige ihrer Stücke), hat mit knisternder Elektronik, dezentem Folkeinfluss und ganz viel Gespür für ein weites, wenn auch hauchdünnes Klanggewand ein flauschiges Ambient-Pop Album erdacht. Er kruschbelt sich seine Schichten nach und nach zusammen, lässt es fiepen und zerren, er türmt auf und dirigert. Danach kommt Stille. Alray deutet nur an, seine Motive sind hinter den vereisten Scheiben nicht immer leicht zu dechiffrieren.

Es sind die Stimmen seiner Gäste, die "Ensemble" Struktur im brodelnden Fluss geben. Lou Barlow zum Beispiel, der in "One Kind Two Minds" über den Soundteppich raunt. Oder Cat Power aka Chan Marschall in "Disown, Delete". Ihre Stimmen erscheinen wie kommentierende Beobachter, sie sind dezent, aber unverzichtbar. Dazwischen immer wieder Momente des Nichts, ebenso nicht wegzudenken. Das macht die große Faszination von "Ensemble" aus: Ihre Geschlossenheit, ihr in sich funktionierenes System, das zwar stetig im Wandel ist, das pulsiert und frei atmet, aber nur deshalb existieren kann. Alles fließt.

Erschienen auf Fat Cat, 2006

18.11.2012

Die Ruhe des Sturms



PAIN OF SALVATION - ONE HOUR BY THE CONCRETE LAKE


"Nein, der wahrscheinlich nuklear am stärksten verschmutze Ort der Erde liegt abseits bekannter Kernreaktoren im südlichen Ural Russlands. Es handelt sich um ein relativ unbekanntes Gewässer, dem Karatschai-See. Einem toten See, dessen Strahlung ungeschützten, nichts ahnenden Besuchern binnen einer Stunde das Leben aushaucht."
www.kronos-net.de


"One Hour By The Concrete Lake" tauchte für eine lange Zeit in meiner berüchtigten "Die 100 besten Platten aller Zeiten"-Liste auf, sie überstand sogar den großen CD-Räumungsverkauf im Jahr 2009 relativ unbeschadet und war also unverkäuflich. Ich muss zugeben, dass ich schon lange nicht mehr auf die Idee kam, die Platte nochmal zu hören - die Hörgewohnheiten haben sich in den letzten vierzehn Jahren geändert und von meiner Dream Theater-Sammlung konnte sich schließlich auch nur das Debut "When Dream And Day Unite" im Regal halten. Heute, so meine Vermutung bevor ich das Album erstmals seit sicherlich sieben oder acht Jahren wieder auflegte, sähe es sich bestimmt größerer Konkurrenz als vor 14 Jahren ausgesetzt und so würde das ganz bestimmt eng werden mit der Top 100-Liste. Ich bin gerade in der Mitte des zweiten Duchlaufs und ich bin ehrlich überrascht: "One Hour By The Concrete Lake" ist immer noch so beeindruckend, erschlagend und großartig wie am ersten Tag.

Das Konzeptalbum über den russischen Karatchai-See, in den die Regierung und das Militär der damaligen Sowjetunion über Jahrzehnte tonnenweise Atommüll und Abwässer aus dem nuklearen Zwischenlager Majak und der Wiederaufbereitungsanlage Osjorsk einleiteten und der heute fast vollständig mit Beton zugeschüttet ist, ist nicht nur musikalisch immer noch gnadenlos intensiv, packend und komplex, es ist in erster Linie textlich eines der brilliantesten Werke, die ich kenne. Der Kopf der Truppe heißt Daniel Gildenlöw, ein zum Zeitpunkt der Albumentstehung gerade mal 25-jähriger Schwede mit einer der unfassbarsten Gesangsstimmen aller Zeiten und einem geradewegs irrwitzigen musikalischen Talent. Gildenlöw begann 1997 sein Studium der Atomphysik an der Universität Göteborg und "One Hour By The Concrete Lake" ist das Ergebnis seiner Studien und der daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Er führt das zugrundeliegende Thema weit in die Philosophie hinein, hinterfragt, reflektiert, klagt an - und verpackt all das in reine Poesie.

"Im Jahr 1986 wurde damit begonnen, den Karatschai-See mit mannsgroßen Betonhohlquadern und Steinen zuzuschütten. Mehr als 10 000 Betonklötze wurden seitdem im See versenkt. Ein Drittel des Wassers kann dabei in den Hohlräumen verbleiben; der Rest muß verdunsten, so daß man den See nicht schneller bedecken kann."
"Tag für Tag pendeln die mit fünf Tonnen Blei und zehn Zentimeter dicken Bleiglasfenstern geschützten Lastkraftwagen zwischen einem nahegelegenen Steinbruch und dem See, um ihn so bald wie möglich verschwinden zu lassen. Steine drauf, Lehmschicht und dann Mutterboden darüber und schließlich Rasen gesät, so stellt man sich bei Majak die Sanierung dieser dann wohl als Endlager zu bezeichnenden Altlast des Kalten Krieges vor."

DIE WELT

Wo spätere Pain Of Salvation-Alben unablässig um das Innenleben ihres Erschaffers kreisten und die Band immer introvertierter und in ihren inneren und äußeren Grenzen unüberschaubarer wurde, ist "One Hour By The Concrete Lake" der brüllende Klageschrei eines jungen Mannes, der sich für ein Wissen quälte, das ihm möglicherweise besser nie eingeflößt worden wäre. Der den Erkenntnissgewinn mit einem selbst heute noch faszinierenden Album herausschreien und - schreiben musste.

"One Hour By The Concrete Lake" ist Protest. Ein so großer und tiefgreifender Protest, der gegen die Schwärze der Welt Mut, Zorn und Selbstreflektion zusammenführt - die schärfsten Waffen gegen die Dunkelheit.

'They tell all the people of Europe, it's a good, clean industry, it's a great way to save the world. But I'm here to tell you that now they're knocking on our door because they can't find any place to store the damned stuff for eternity, They come to our homeland and they want to lease some land for 10,000 years!'
James Garritt

Erschienen bei Inside Out, 1998