13.11.2012

Durch die Nacht



CHARLIE HADEN - NOCTURNE

Ich mach' dann mal das Licht aus.

Oder wenigstens schalte ich das Rotlicht ein, das mein altehrwürdiges (und nebenbei durchaus renovierungsbedürftiges) Wohnzimmer in einen verwinkelten Tanzschuppen verwandelt, in dem die Pärchen leisen Schrittes über eine ausgetretene Tanzfläche schlurfen, in sich versunken, in Liebe und kubanischem Rum.

Mir ist aufgefallen, dass ich "Nocturne" schon lange nicht mehr aufgelegt habe, dabei ist es eine zweifellos wichtige Platte für mich. Vor etwa sieben Jahren begann ich mich für den Jazz zu begeistern, und der Katalog des Resteverwerters von Zweitausendeins war über beinahe zwei Jahre eine monatliche Pflichtlektüre. Es gab keine andere Möglichkeit, so leicht an geradewegs unverschämt günstige Jazz CDs zu kommen - die großen Klassiker von Blue Note, Prestige und Impulse, durch die ich mich durchwühlen wollte wie durch eine Badewanne voll mit der Nummer 19 (Indisches Curry mit Gemüse und Reis) für schlappe fünf Euro pro Stück; das blanke Entsetzen für meine sowieso schon überfüllten CD-Regale, das Paradies für einen unbedarften Typen, der noch 1998 und offenkundig in totaler geistiger Windstille ein Stratovarius Album kaufte. Zweitausendeins bietet allerdings nicht nur der Billigheimerfraktion ein neues Mailorderzuhause, sie stellen auch in jedem Katalog eine Handvoll neuer Veröffentlichungen vor - in der Regel sind's irgendwelche Major-Jazzer, die auch mal eine wohlwollende Kritik in der HörZu oder der Süddeutschen bekommen (und ich wüsste jetzt adhoc nicht, was schlimmer ist), vom Untergrund muss man denen also nix erzählen. Ich denke, es war in diesem Rahmen, in dem ein gewisser Roger Willemsen über "Nocturne" schrieb, und der Mann schrieb gut:
"Havanna war einmal die Stadt auf dem Kreuzungspunkt aller Wege des künstlerischen Austausches zwischen den Amerikas. Der Bolero etwa, diese kubanische Lied-Variante, trat von hier aus seinen Siegeszug erst quer durch Lateinamerika, dann bis nach Europa an. Charlie Haden reanimiert ihn kompositorisch und er prägt diese Produktion mit seinem voluminösen Sound, der dunkel pochenden slow hand am Bass, der dialogischen Versunkenheit im Zwiegespräch mit Gonzala Rubalcaba am Klavier, Joe Lovano am Tenorsaxophon oder Pat Metheny an der Akustischen Gitarre."

Nun bin ich ein beinahe glühender Fan von Willemsen und wenn so einer von "Nachtmusik" schreibt, von musikalischer Poesie und Haden in diesem Zusammenhang einen "begnadeten Stimmungsmaler" nennt, dann drücke ich immer noch schneller den "Kauf' ich!"-Knopf als Frau Katrin Göring-Eckardt das Wort "Neokonservatismus" buchstabieren kann. Und ich sollte es bis zum heutigen Tag nicht bereut haben: der US-amerikanische Bassist Haden hat als Stamm dieses Projekts mit Gonzalo Rubalcaba am Piano und Ignacio Berroa am Schlagzeug zwei Musiker um sich versammelt, die die vier kubanischen und drei mexikanischen Boleros (zusätzlich stehen noch drei Eigenkompositionen auf "Nocturne") mit viel Spin und Verve interpretieren und sich mit Haden überaus harmonische, raffinierte Duelle liefern. Die Kompositionen tanzen wie von selbst, sie huschen und wackeln wie schwerelos durch die nächtlichen Metropolen. Am Tenorsaxofon spielt sich Joe Lovano lässig seufzend immer tiefer in einen Wirbel, der die ambivalente Atmosphäre der Nacht mit jedem Ton greifbarer macht. Es ist, als würden die Musiker tatsächlich tanzen, sich annähern und in den besonders kammermusikalischen Momenten von "Nocturne", in denen sie so intim schwingen, als passe kein Floh mehr in den Aufnahmeraum, miteinander verschmelzen, um im nächsten Augenblick sich gegenseitig die kalte Schulter zu zeigen, sich zu entfernen, wehmütig und trauernd.

Es ist wie ein Theater, ein großes, dunkles, mystisches und auch erotisches Stück voller Leben, voller Melancholie und voller Liebe. Es war überfällig, mich mal wieder daran zu erinnern.

Erschienen auf Universal Music, 2001.

10.11.2012

Schlammcatchen



WARRIOR SOUL - STIFF MIDDLE FINGER


Meine Enttäuschung über den aktuellen Versuch Warrior Souls, die Musikwelt doch noch auf ihre Seite zu ziehen, fiele nicht so groß aus, hätte die Band nicht mit dem immer noch großartigen "Chinese Democracy"/"Destroy The War Machine" aus dem Jahr 2009 einen so überaus würdigen Nachfolger zum 1995er "Space Age Playboys"-Album veröffentlicht. Wir erinnern uns: 2008 gab niemand mehr einen Pfifferling auf Kory Clarke und seine zusammengepuzzelte Band und meine Erwartungshaltung war entsprechend im eiskalten Keller. "Chinese Democracy" war aber ein derart starkes, frisches, melodisch brilliantes und authentisches Werk, dass ich mich wirklich auf "Stiff Middle Finger" freute. Die ersten kurzen Soundschnipsel, die es ab Anfang Oktober bei Amazon zu hören gab, zerschmetterten allerdings selbst die leiseste Hoffnung auf einen ähnlichen Überraschungscoup. Die Realität in Form der kompletten Platte ist in ihrer Dramatik sogar noch bedauerlicher: dagegen klingt selbst die sagenumwobene "Chill Pill" Scheibe aus dem Jahr 1993 wie eine ausgefeilte Hi-End-Produktion aus der Schatzkiste der angesagtesten Produzenten des Rock'n'Rolls.

Ich kann zugegebenermaßen fast nichts zur Qualität der einzelnen Tracks sagen, weil mich der unterirdische Sound des Albums nicht mal zum Kern eines Songs durchdringen lässt. Der Amerikaner würde es wohl "hilarious" nennen, denn "Stiff Middle Finger" ist in Sachen Klang nicht mal mit einer Demoproduktion aus dem Jahr 1988 auf Augenhöhe, und ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass Musik im Jahr 2012 noch so klingen muss. Ich kann den Sound nicht mal angemessen beschreiben, weil mir ehrlich gesagt etwas die Worte fehlen: die Gitarren sind völlig totkomprimiert, dumpf und komplett unheavy, das Schlagzeug ist so spritzig wie eine drei Jahre alte Bio-Limette und auf Korys Gesang sind bisweilen undefinierbare Effekte geklatscht, die seine immer noch stark in Mitleidenschaft gezogene Stimme noch kaputter erscheinen lassen, als schon auf der gleichfalls miesen Liveplatte aus dem Jahr 2007. Vielleicht ist es aber auch ganz anders, ich kann hier echt nur spekulieren. Es ist eine große, dumpfe Schlammsoße.

Ich habe mich nun sicherlich bereits zehn Mal durch "Stiff Middle Finger" förmlich hindurchgekämpft und was ich zu den Songs sagen kann, ist nicht sehr schmeichelhaft, wenngleich ich die Kompositionen etwas in Schutz nehmen muss. Vielleicht sähe das mit einer wenigstens halbwegs anständigen Produktion gar nicht so übel aus, aber was sich die Band mit den wirklich miesen "Tear", "Planetary Revolution" oder der dreisten Selbstkopie "Junky Stripper" gedacht hat, ist mir beinahe unbegreiflich. Es macht einfach überhaupt keinen Spaß, diese Platte zu hören.

Warrior Soul sind eine meiner fünf Lieblingsbands aller Zeiten und Kory Clarke ist trotz seiner zur Schau gestellten Selbstzerstörung vielleicht mein definitiver Held - ein hochintelligenter Kopf mit beneidenswerter Beobachtungsgabe, ein Stehaufmännchen, ein resoluter Kämpfer, der seinen Standpunkt jederzeit selbst gegen verflixt mächtige Widerstände verteidigt. Als ich ihn 2006 im Rahmen eines Interviews an meinem Telefon hörte, kullerte mir eine Träne über das Gesicht, und als ich die Band, selbst wenn sie schon längst nicht mehr im Original-Lineup existierte, im März 2009 in Essen erstmals auf der Bühne erleben durfte, ging mein vielleicht letzter großer musikalischer Traum in Erfüllung. Fast 20 Jahre wartete ich darauf, diese Songs endlich live zu hören und plötzlich war es soweit. Es war wie im Traum.

Vielleicht kann der ein oder andere nach diesen letzten Worten nachvollziehen, wie schwer es mir gefallen ist, die ersten drei Absätze zu tippen. Ich liebe Warrior Soul und ich kniee bei der anstehenden Tour wieder im tobenden Mob und gröle mir die Seele aus dem Leib. "Stiff Middle Finger" bleibt trotzdem - oder gerade deswegen - die Enttäuschung des Jahres.

Long Live Warrior Soul.

Erschienen auf Livewire, 2012.

04.11.2012

Die Hoffnung



CIVIL DEFIANCE - THE FISHERS FOR SOULS


Mit den sogenannten "vergessenen Perlen" verhält es sich immer ein wenig problematisch. Zum einen sind sie oftmals gar nicht so "vergessen" wie mancher Musikjournalist es immer gerne in eine Zeitschrift hineinschreibt, sondern aus gutem Grund in den Archiven von Vollnerds gelagert, die sich beim Gedankenaustausch mit anderen Vollnerds die Augen über die Genialität von Komplettschranz ausheulen. Zum anderen ist's nicht selten ein bloßes Abwichsen auf die vermeintliche Exklusivität des Schreibers/Hörers, der halt doch so gerne den längsten Pimmel im ganzen Land hätte. Ich bin in solchen Fällen eigentlich immer auf der Hut. Und bevor einer greint: ich habe auf diesem Blog sicherlich auch schon mal auf eine "vergessene Perle" hingewiesen. Glashaus, Geisterfahrer, alles total schlimm. *erektion*

"The Fishers For Souls", das Debutalbum der mittlerweile aufgelösten kalifornischen Band Civil Defiance, dürfte, wenigstens in Deutschland, dem ein oder anderen langjährigen Rock Hard Leser noch ein Begriff sein, weil der damalige Redakteur Wolfgang Schäfer in seiner Rezension nicht nur die seltene Höchstpunktzahl aus dem Rauschebart zog, sondern den Vierer zu "DER Hoffnung fürs nächste Jahrtausend" hochjazzte - ein Witz, über den 1996 nur die lachen konnten, die auch schon im Falle von Watchtower und Atheist auf die Erstürmung der US-Billboardcharts warteten. Civil Defiance zogen im Sommer 1997 im Vorprogramm der Progressive-Legende Psychotic Waltz durch Europa und beim Auftritt in der Offenbacher Hafenbahn ließ ich mich durch ihren kurzen aber guten Gig zum Kauf der Platte hinreißen. Und tatsächlich wurde "The Fishers For Souls" Ende der neunziger Jahre zu einem guten Freund von mir - und da konnte ich "Exklusivität" nicht mal buchstabieren. Die Platte erschien mir vor 15 Jahren als irrer Husarenritt durch die Musikgeschichte, von Chansons zum Grindcore, vom Jazz zum modernen Alternative Rock, von Genesis zu Machine Head und das war selbst zu einer Zeit, in der man im Zuge der Explosion des Alternative Rocks schon viel abgedrehten Kram und krude Kombinationen gehört hatte (Metal und Hip Hop, haha, wie abgefahren ist DAS denn?!?!!), schon ein klein wenig aufsehenserregend. Besonders die völlig wirren "Man On Fire" und mit Abstrichen "Dreams Die Fast" verdrehten uns Grünschnäbeln böse die Köpfe, dazu gab es aber mit dem Opener "Days Of Rain" und dem folgenden "Death To The Clown" relativ aufgeräumte Smasher, die mit satthartem Gitarrenriffing und einem unwiderstehlichen Groove zu gleichen Teilen modern und doch klassisch erschienen. "Faith" streift gar den mainstreamigen Indiegitarrenrock der Mittneunziger, während "A Dry White Season" und "Man In The Moon" zwei ungewöhnliche und großartige Balladen sind - alleine wegen des Mannes im Mond lohnt es sich nach meiner Einschätzung, die Handvoll Groschen für den Erwerb dieser Platte bereit zu halten. Hauptsongwriter, Sänger und Gitarrist Gerry Nestler hatte eine durchaus variable und ganz sicher originelle Stimme und konnte wie eine leicht heisere Version des Blind Melon Sängers Shannon Hoon und keine drei Wimpernschläge später wie der Frontmann einer Thrashcombo aus der Bay Area klingen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich rede hier nicht von der abgefahrensten Scheiße aller Zeiten und im Grunde bewegen wir uns immer noch im Rahmen des klassischen Rockkorsetts, aber, und das führt mich in Richtung des Schlussakkords, "The Fishers For Souls" ist bedeutend besser gealtert als so manch andere Mitt/Endneunziger Veröffentlichung, die über den damaligen Tellerrand der harten Musik hinausblicken wollte; an dieser Stelle sei ein schöner Gruß an die Buben von Faith No More erlaubt. Ich war jedenfalls kürzlich geradewegs überrascht, wie gut die straighten und ruhigen Songs der Platte immer noch funktionieren. Kann man selbst im Jahr 2012 noch ohne gröbere Verletzungen hören und goutieren. Das gilt übrigens ausdrücklich nicht für den Nachfolger "Circus Of Fear", aber das ist eine andere Geschichte.

Erschienen auf Dream Circle, 1996.

28.10.2012

Propaganda

"Ja, wenn einer mal sich in einen Gedanken förmlich hineinverrennt, dann ist er ja wie vernagelt!" (G.Polt)


Ich könnte mich wegen dieses nun folgenden Artikels zur Präventivbestrafung praktisch stundenlang auf ein Fahrrad ohne Sattel setzen, und ich möchte außerdem vehement darauf hinweisen, dass ich reflektiert genug bin, um alleine den Gedanken an eine Bearbeitung meinerseits im Rahmen eines Blogartikels als vollverblödeten Quadratquatsch abzustrafen. Andererseits sind wir alle viel zu schnell mit Bewertungen bei der Hand und im schnellen Internetdiskurs zählt neben der Lautstärke auch die Provokation und eben die Geschwindigkeit zum Kriterienkatalog der Kommentatoren, der Blogger und der Journalisten. In diesem Zusammenhang stieß ich also kürzlich auf die Seite Scienceblogs.de und auf den dort hinterlegten Artikel "Homöopathen ohne Grenzen helfen jetzt AIDS zu heilen". Mein Lieblingsabsatz geht übrigens so:

"Da mag ich nicht mehr viele Worte verlieren. Das ist einfach nur noch kriminell. Und daher will ich auch nur noch fragen, WIE man am besten vorgeht, wo man am besten hinschreibt, um das zu stoppen, und nicht mehr OB man das sollte. Und warum ein solch menschenverachtender Verein gemeinnützig sein darf. Vorschläge?
Die Kommentare hierzu dienen ausschließlich der Diskussion dieser Frage. Andere Kommentare und Antworten auf andere Kommentare, vor allem welche die Homöopathie oder diesen verein verteidigen, werden gelöscht, genauso wie solche die diese Regeln diskutieren."


Man fragt sich, von welcher Konsistenz der Schaum vor dem Mund sein muss.

Nun habe ich mit der Homöopathie und vergleichbaren alternativmedizinischen Ansätzen seit über zwanzig Jahren meine Erfahrungen gemacht - manche verliefen positiv, manche negativ, einige andere bleiben in der Nachbetrachtung indifferent. In meiner aktiven Sportlerzeit als Roll- und Eiskunstläufer war ich in manchen Monaten Kunde des Monats bei meiner damaligen Heilpraktikerin, die es nicht selten schaffte, mich innerhalb von ein, zwei Tagen von sturzverursachten Schmerzen zu befreien oder meine beinahe chronischen Knieprobleme in den Griff zu bekommen. Es gab aber auch Momente, in denen sich trotz einer Behandlung einfach gar nichts tat. So ist's halt mit diesem Wunderwerk Körper: mal will er, mal will er nicht, das muss man hin und wieder entspannt sehen und einordnen. Mein Körper wollte im Jahr 2000 offensichtlich nicht mehr und züchtete mir eine schöne Tumorerkrankung heran, und mir war von Anfang an klar, dass ich mehr als nur eine Möglichkeit der Behandlung in Erwägung ziehen werde, was meine Ärzte allesamt natürlich total prima fanden. Die zogen in den nächsten Jahren - der ganze Kladderadatsch zog sich bis Ende 2002 hin - alle Register: Einschüchterungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und irgendwann saß auch mal ein Psychiater an meinem Krankenbett und hatte die Aufgabe, meine "Geschäftstüchtigkeit" zu überprüfen. Die Betreiber des Scienceblogs dürften spätestens jetzt Hirnkonfetti schmeißen und "Richtig so!" ausrufen, aber ich muss sie in zweierlei Hinsicht enttäuschen: weder war und/oder bin ich verrückt, durchgeknallt und gefährlich und wurde also zwangstherapiert, noch habe ich mich eingemauert und die schulmedizinische Behandlung abgelehnt - zugegebenermaßen hat die Entscheidung hierfür einige Zeit in Anspruch genommen und es lief auch alles nicht ohne Schmerzen, Verluste und seelische Narben ab, aber auf was ich hinaus will: es spricht gar nichts dagegen, die Emotionalität, mit der die Diskussionen geführt werden, mit dem ein oder anderen Meter Abstand zu betrachten und die Brandstifter und Hetzer da stehen zu lassen, wo sie hingehören: in der Ecke, im Sumpf, im Abseits. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich die letztgenannte Gruppe in dramatischer Mehrheit aus der Gruppe der Schulmediziner rekrutierte, aber das möchte ich als persönliche Erfahrung und nicht als Pauschalisierung verstanden wissen. Ausgenommen sind Urologen, zu denen fällt mir tatsächlich wenig ein, was nicht rechtlich relevant sein könnte.

Die Gründe für diesen skizzierten Umstand sind vielfältig und worüber manch kluger Kopf ganze Bücher geschrieben hat, kann ein Hobbyblogger mit Hobbygedanken natürlich nicht in zwanzig Zeilen erläutern. Will ich auch gar nicht. Was angesichts des oben verlinkten Artikels allerdings auffällt und mich zur Raserei bringt, ist die totale Einseitigkeit, die zu keiner Sekunde die Strukturen der eigenen Welt hinterfragt, der Duktus, der in seiner Betriebsblindheit und mit seinem Vokabular gleichfalls von religiösen Fundamentalisten oder den Minderbemittelten von Politically Incorrect stammen könnte, die unerträgliche Bevormundung, das Infragestellen der freien Behandlungswahl und des freien Willens. Niemand hinterfragt die kriminellen Praktiken der Pharmaindustrie, niemand hinterfragt die allgegenwärtige Korruption, die wirtschaftliche Antriebsfeder, niemand hinterfragt die Kollateralschäden der Schulmedizin. Wenn im Wikipediaeintrag zur Homöopathie unter dem Absatz "Risiken der Homöopathie" geschrieben steht:

"2005 starb, ebenfalls in Australien, eine 45-jährige Frau an den Folgen einer Darmkrebserkrankung, die auch ausschließlich homöopathisch behandelt wurde."

dann muss das doch als im besten Fall tendenziös, im weniger guten Fall als kriminelle Propaganda und quatschdumme Irreführung bezeichnet werden, oder darf derselbe Artikel gleichfalls auf die schulmedizinischen Krebsopfer Bezug nehmen, die trotz, oder schlimmer noch: wegen der schulmedizinischen Behandlung verstarben? Ach so, die gibt es ja gar nicht. In unseren Krankenhäusern fließt Milch und Honig. Wie konnte ich es nur vergessen.

Es ist letzten Endes ein auf Angst und Panik aufgebauter Mechanismus, der um jeden Preis die eigenen Pfründe sichern und die Zentrierung auf das Ego und die damit einhergehenden Allmachtphantasien von so manchem Arzt und der Hände, die ihn füttern, am Leben erhalten muss. Das ist das Fundament, auf deren Basis die Argumentation geführt werden muss und nicht etwa auf der zynischen Betonung, es ginge um Recht, Wissenschaft und Menschenleben. Die Deutungshoheit liegt immer dort, wo das Geld wächst.

Meine Ärztin ist übrigens Allgemeinmedizinerin mit homöopathischer Zusatzausbildung. Sie nimmt sich das beste aus beiden Welten und hat es nicht nötig, die Angstmaschine auf Touren zu bringen. Genau deshalb hat sich mich in ihrer Patientenkartei.

Nachtrag um 21:30 Uhr: Meine liebgemeinte Nachfrage, ob die Netiquette des Blogs hinsichtlich der Propagandaregelung ("Jede Form von Propaganda (...) führt zur umgehenden Löschung des Kommentars und zur Sperrung des Accounts.") denn nicht auf Autoren der Seite zuträfe, wurde leider nicht beantwortet. Mein Kommentar wurde kommentarlos gelöscht. Die Jungs haben eine seltsame Auffassung von Kommunikation, freier Meinungsäußerung und Diskussion.

Tout Nouveau Tout Beau (6)


FLYING LOTUS -UNTIL THE QUIET COMES

Zugegeben: schon die drei vorangegangenen Alben des Kaliforniers Steven Ellison brachten mich ob ihrer musikalisch geschnitzten Falltüren und aufgestellten Beat-Bärenfallen in so manche Erklärungsnot - was übrigens hier und hier nachzulesen ist. "Cosmogramma" aus dem Jahr 2010 bekam den "Space Opera"-Sticker aufgeklebt, mit dessen Hilfe so mancher die komplette Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Musik ganz gut überspielen und -schreiben konnte. Aber unabhängig von der Frage, ob die Musik von Flying Lotus an der ein oder anderen Stelle nicht vielleicht ein ganz kleines bisschen, nasagenwirmal: überambitioniert bewertet wird, ist "Cosmogramma" für mich, auch wenn ich es selten aufgelegt habe, ein großes Gesamtkunstwerk, eine irre Achterbahnfahrt durch 60 Jahre Musikgeschichte, elektronischer Free Jazz, spiritueller Post-Funk für eine Zeit, die wir alle nicht mehr erleben werden. Talking about "überambitionierte Bewertung".

"Until The Quiet Comes" stellt mich vor bedeutend größere Probleme, weil hier einerseits ein spiritueller, meinetwegen ideologischer, Überbau fehlt, der die Sache mit dem Verständnis (wenigstens für mich) vereinfachen könnte. Andererseits werkelt Ellison immer noch in der großen Kiste aus Sounds, Beats, Strukturen, Ideen, Varianten und Farben, dieses Mal aber deutlich entspannter und nokturner als in der Vergangenheit. Die Tunes sind zurückgezogener als auf dem Durchbruchsalbum "Los Angeles", sie wirken noch detaillierter und tiefer als die Schwestern und Brüder auf "Cosmogramma" - und wenn ich es mir recht überlege, ist das ein durchaus mutiger Schritt: Ellison rückt das grelle Blinken und Zischeln, den Krach, den Irrsinn in den Hintergrund, um möglicherweise erstmals den Blick auf das Wesentliche zu werfen. Ellisons Gespür für die akurate Darstellung hochkomplexer Momentaufnahmen seines Musikuniversums wurde vielleicht noch nie so glasklar auf eine schwarze Plastikscheibe gepresst, wie auf "Until The Quiet Comes". Paradoxerweise bedeutet das für mich bislang Kapitulation. Ich befürchte, dass ich diesen Brocken noch lange nicht verstanden habe. Und ich zweifle seit einigen Tagen, ob es mir jemals gelingen wird. Halten wir's mit den ollen Rochen von Asia: only time will tell.

Hoppala, das wichtigste hätte ich um ein Haar vergessen: wenn ich noch einmal die Rezension der Spex zu dieser Platte lesen muss, pisse ich mich ein. Schönen guten Abend.

Erschienen auf Warp Records, 2012.





HOLY OTHER - HELD

Die Debut-EP "With U" war eine der Sternstunden des Jahres 2011, und es ist geradeheraus ein Skandal mittelstrahligem Ausmaßes, dass ich bis heute noch kein Wort darüber verloren habe. Heute, im Oktober 2012, ist es angesichts des mittlerweile veröffentlichten ersten vollständigen Albums des britischen Produzenten auch schon eine Nussecke zu spät, aber dann soll nun wenigstens ebenjenes "Held" eine Handvoll Lob einfahren. Das Tri Angle Label dürfte meinen zweikommavierneun Lesern indes bekannt sein, denn immerhin fand Balam Acabs Debut den Weg in meine Jahresbestenliste 2011: Tri Angle wird in einschlägigen Kreisen seit der Musik von oOoOO, dem erwähnten Balam Acab oder auch Clams Casino als der heißeste Scheiß der neuen Elektronik gefeiert, was insofern verwundert, weil der ganze Beatsalat auf das erste Hören neu- und fremdartig erscheinen mag, er es sich aber Dank des flott einsetzenden Gewöhnungseffekts mittlerweile in der Sackgasse namens "Burial" gemütlich gemacht hat und dort langsam vor sich hinwelkt. "Held" leidet zu Beginn etwas an dieser Entwicklung, vor allem, weil sich "With U" zu dolle über die Gnade der frühen Geburt freuen darf. Was 2011 neu und aufregend war, ist 2012 eben weniger neu und weniger aufregend. Folglich bietet "Held" schlicht die Weiterführung des auf "With U" bereits ausgerollten Konzepts: dunkel verästelte Beats pumpen zwischen weiten Synthieflächen und verhallten Sprachfetzen das Blut der Finsternis durch brüchige Strukturen und opulente Arrangements, die trotz der Fülle an Winkeln und Schauplätzen nie überladen, sondern durchaus fokussiert und straff wirken.

"Held" ist zwar keine Überraschung mehr, aber wer einen Nachschlag zu "With U" braucht, wird hier bestens versorgt. Wenn es in diesem Stil aber weitergeht, bin ich bei der nächsten Scheibe raus. Was wir alle überleben werden, schätze ich.

Erschienen auf Tri Angle, 2012.





MONOPHONICS / DESTRUMENTS - LIKE YESTERDAY / FREEDOM

Das Konzert der Monophonics in Frankfurt wurde aufgrund des miesen Vorverkaufs ersatzlos gestrichen, was mich doppelt ärgert. Erstens grenzt es beinahe an ein Wunder, dass die Kalifornier bereits ein paar Monate nach Veröffentlichung des Debuts überhaupt eine Headlinertournee durch Europa durchziehen, und ich glaube nicht, dass die Band so schnell nochmal in die alte Welt übersetzen wird. Zweitens sah ich die Monophonics vor wenigen Wochen im Rahmen eines US-amerikanischen Festivals in dessen Livestream und war begeistert von ihrer Präsenz und ihrem Soul. Ein großes Ensemble mit fantastischen Musikern, die die Tracks des Debuts "In Your Brain" ausgesprochen lebendig und kraftvoll interpretierten. Das wäre sicherlich ein großartiger Abend im Frankfurter Zoom geworden. Es sollte aber nicht sein, weshalb ich aus Trotz die neu erschienene Splitsingle mit den Destruments einkaufen musste. Ein kleines, simples und doch authentisches Juwel aus Soul und Funk, das sich die Plattenladengräber sicherlich schon gesichert haben. Vielleicht wird man sich in 20, 30 Jahren an die Monophonics erinnern und "Mensch, das war auch eine arschcoole Band!" sagen. Meine anfängliche Reserviertheit bezüglich des Albums hat sich jedenfalls und mittlerweile fast in Luft aufgelöst. Ein echter Grower. Weitermachen, bitte. Und irgendwann mit den fantastischen Orgone nochmal auf Europatournee kommen. 

Erschienen auf Colemine, 2012.



03.10.2012

Von Autos und Menschen

Einen ganz wunderbaren Artikel habe ich gestern Nacht im Blog der Tageszeitung entdeckt, und ich möchte an dieser Stelle gerne darauf hinweisen.

Der Autor Karim El-Gawhary lebt in Kairo und schreibt in seiner Kolumne "Arabesken" über das Leben im Nahen Osten. In diesem speziellen Fall berichtet er über sein Erlebnis, als er mit seinem Auto im Halbschlaf ein anderen Auto beim Ausparken schrammte und wie sich der Dialog zwischen dem Geschädigten und dem Täter in der Folge weiterentwickelte.

Es ist nicht ausschließlich dieser Text, der wieder etwas Hoffnung in mir keimen lässt, dass die Welt eben doch nicht dieser kalte, hasszerfressene Ort ist, den ich manchmal am liebsten in rosafarbenen Watteplüsch einmümmeln würde. Es sind auch die vier Kommentare, in denen die Leser ihre Erlebnisse mit dem Kairo'schen Verkehrsgewusel erzählen, die ähnlich viel Herzlichkeit und Offenheit ausstrahlen, wie der Haupttext.

Ich find's jedenfalls total super.

“Wer anderen Autos eine Schramme zufügt”. Eine Liebeserklärung an Kairo

26.09.2012

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MARILLION - SOUNDS THAT CAN'T BE MADE

Mit einem Fazit die Plattenbesprechung beginnen? Was bei der Belegschaft des einmalig behämmerten Musikexpress ein neuntägiges Martyrium nach sich zöge, dass also Friede "Schwarze Witwe" Springer höchstpersönlich den derart geächteten Redakteuren die gesammelten Kolumnen von Franz-Josef Wagner vorliest, nackt, ist mir als Hobby-Schmierfink schlicht schnurzpiep: "Sounds That Can't Be Made" ist kein weiterer Meilenstein im Universum von Marillion. Ebensowenig ist es die beste Platte seit dem 2004 Magnum Opus "Marbles". Das siebzehnte Studioalbum reiht sich bislang irgendwo zwischen dem Trio "Somewhere Else", "Marillion.Com" und "This Strange Engine" ein - was okay, ist, es könnte schließlich schlimmer kommen. Dummerweise aber eben auch ein ganzes Eckchen besser.

Mittlerweile kennt man das Spiel. Im Vorfeld einer jeden neuen Veröffentlichung der britischen Proglegende wirft die eingeschworene Fangemeinde mit Superlativen um sich, aus dem Inner Circle des Fanclubs hört man nichts als die Ankündigung, man habe bisher total aussagekräftige, repräsentative und knapp dreieinhalb Sekunden lange Schnipsel einer Proberaumaufnahme aus dem Herbst 2010 gehört und könne es nicht glauben, wie sich Marillion immer wieder selbst übertreffen und also mal wieder das stärkste Album ihrer gesamten Karriere und des Universums geschrieben haben. Der Luft, Liebe, Lümmeltüte-Schnarzkopp, der diese Zeilen hier gerade einpflegt, fällt jedenfalls in unschöner Regelmäßigkeit auf diese Form des Marketings herein. Im Falle von "Sounds That Can't Be Made" war die Vorfreude aufgrund des bevorstehenden Herbstes sogar noch ein bisschen größer. Melancholische Sonntagnachmittage mit einer Kanne Jasmintee, der Badewanne oder der Couch und der neuen Marillion zu verbringen, erschien mir als durchaus erstrebenswerte Option. Und "Power", ein Stück, das vor der Veröffentlichung des Albums als Appetithäppchen gereicht wurde, machte auch einen guten Eindruck. Nicht zuletzt schwärmt selbst die Band im Video-Trailer in den höchsten Tönen von ihrem Werk.

Also Hogi-Baby! Gib's mir! Gib's mir richtig!

Das Problem mit diesen euphorischen Vorabreaktionen ist offensichtlich: die Erwartungen wachsen nicht nur in den Himmel, wenigstens meine Wenigkeit hofft spätestens nach dem zehnten ekstatischen Jubelschrei auf nichts weniger als auf den Soundtrack zu einer Supernova. Als sich "Sounds That Can't Be Made" dann die ersten Male im Player drehte und die gewünschte Supernova eher einem Kühlschranklicht ähnelte, breitete sich zunächst Ernüchterung und Enttäuschung aus. Das mit allerlei Vorschusslorbeeren verzierte Eröffnungsstück "Gaza", ein über siebzehnminütiger Prog-Schinken, wirkt auch nach dem zehnten Durchlauf immer noch reichlich unfertig, als sei er mit einem Notenenzym behandelt worden, das die einzelnen Songteile wie durch Magie über Nacht in eine komplett zusammenhängende Mini-Oper verklebt hat, ohne jedoch allzu viel Wert auf Struktur, Kontinuität und Dramaturgie zu legen. Und egal, wie intensiv ich "Gaza" bislang hörte: spätestens wenn der Fünfer zum Grande Finale ansetzt, ist die Erinnerung an die ersten 12, 13 Minuten passé - das ist irgendwie kein gutes Zeichen. Ich bin darüber hinaus auch nicht mit der Produktion einverstanden, die besonders gegen Ende des Songs viel zu dick aufträgt und das Gitarrensolo von Steve Rothery unter zähflüssigem und viel zu laut aufgedrehtem Klangballast förmlich erdrückt. Abschließend noch ein Satz zum Text: ich kenne Menschen, die "Gaza" kristallklar als antisemitisch bewerten würden. Ob in diesen Fällen noch Glühdrähte im Oberstübchen müde vor sich hinglimmen oder schon zappendustere Nacht herrscht, ist wieder eine andere Diskussion; ob Hogarth sich mit seiner zwar legitimen, aber blinden Verkürzung einer derart komplexen, verästelten, unüberschaubaren und von unzähligen Faktoren beeinflussten Situation einen Gefallen getan hat, allerdings auch. Ich persönlich stehe ja eher dem Gedanken nahe, dass man die Klappe halten sollte, wenn man einem solch vielschichtigen Thema nichts anderes hinzufügen kann als ein "We all want peace and freedom" und ein "It just ain't right.". Andererseits: dem Publikum der Band, das im
Normalfall so politisch ist wie die Nummer 51 vom Asiaten um die Ecke (Gebackene Banane mit Honig und Mandeln), dürfte es darüber hinaus wohl sowieso egal sein. Mir verhagelt so manche lyrische Banalität eher den Spaß an der Auseinandersetzung mit der Musik. Und wo wir gerade bei lyrischen Banalitäten sind: ruhig mal "Montreal" und "Lucky Man" anhören. Oder auch nicht.

Musikalisch betrachtet gibt es auf "Sounds That Can't Be Made" wenige Überraschungen, qualitativ erfreulicherweise aber auch keinen wirklichen Ausfall, auch wenn der bluesige Trivialschunkler "Lucky Man" schon wenigstens mal die Falltür ins Nichts schnitzt. Etwas ratlos stehe ich aktuell noch "Pour My Love" und "Invisible Ink" gegenüber. Während der erstgenannte Song eine watteweiche Popnummer für die Ü50-Fraktion mit dem Tiefgang eines Tretboots ist, die trotz solcher Unzulänglichkeiten nicht uncharmant ist und mir sogar ganz gut gefällt, ist "Invisible Ink" ein reichlich unspektakulärer Eintagsfliegensong, der schneller von meinem Radar verschwunden ist, als die ersten Minuten von "Gaza". Der Titeltrack, das bereits erwähnte "Power" und der Abschluss mit "The Sky Above The Rain" sind allesamt gute bis sehr gute Marillion-Songs, mit denen man ganz hervorragend leben/in die Badewanne kann.

Vieles des eben ausgeführten klingt nun sehr böse und ungut, und ich will das hier nicht als Verriss verstanden wissen. "Sounds That Can't Be Made" ist ein gutes Album und scheitert, wie oben bereits angedeutet, in erster Linie an meiner eigenen Erwartungshaltung, wofür die Band schließlich nichts kann. Allerdings, und das gibt mir durchaus zu denken, habe ich bislang nur wenige Momente ausgemacht, in die ich mich wirklich unbeschwert reinplumpsen lassen kann, als wäre ich gerade im 45°C warmen Pipibecken des hiesigen Thermalbads. Marillion bleiben bis auf wenige Momente an der Oberfläche dessen, was sie für gewöhnlich zu Leisten imstande sind. Dem Intensitätsniveau von Meisterwerken wie "Neverland", "Quartz", Interior Lulu", "Afraid Of Sunlight", "King", "When I Meet God", "Somewhere Else" oder "A Voice From The Past" kann vorerst kein Stück auf "Sounds That Can't Be Made" das Wasser reichen. Wir sprechen uns allerdings nochmal, wenn ich mich um meine Jahresbestenliste kümmere - das kann irgendwie noch nicht alles gewesen sein.

Erschienen auf Intact Recordings/Edel, 2012.

23.09.2012

Wenn der IQ nur knapp über der Körpertemperatur liegt

Der übersichtlich talentierte Schauspielerdarsteller Til Schweiger hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gefurzt:




Hagen Rether macht das Fenster auf:




Präventiv und vorab die Gegendarstellung:
Am 23.9.2012 schrieb der sehr gute Weblog 3,40qm (zu erreichen unter dreikommaviernull.blogspot.com), der übersichtlich talentierte Schauspielerdarsteller Til Schweiger habe im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gefurzt. Wir stellen hierzu fest: der übersichtlich talentierte Schauspielerdarsteller Til Schweiger hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht gefurzt.


Sea Shepherd


Ich habe mich in den vergangenen Tagen ausführlich mit der Arbeit von Sea Shepherd beschäftigt, eine 1977 von Paul Watson gegründete Umweltschutzorganisation, die sich den Schutz der Meere zum Auftrag gemacht hat und immer wieder mit spektakulären Aktionen gegen Walfänger aufhorchen lässt. So zählt beispielsweise das Versenken von bislang zehn Walfangschiffen zu den größten Erfolgen Sea Shepherds. Darüber hinaus zwang die Organisation sowohl im Jahr 2011, als auch im Jahr 2012 die japanische Regierung dazu, den Walfang in der Antarktis vorzeitig abzubrechen. Ich habe mittlerweile einen ganzen Batzen Respekt für diese Arbeit entwickelt.

Der Über den Twitteraccount der Organisation erfuhr ich, dass gegenwärtig im japanischen Taji das alljährliche Abschlachten von Delfinen und Polarwalen staffindet. Sea Shepherd ist mit einem Schiff aus der eigenen Flotte vor Ort und berichtete in den letzten Tagen und Wochen minutiös von den Vorgängen, oftmals auch mit entsprechender Unterfütterung mittels Bildern und Videos.

Ich kann und will das nicht weiter kommentieren, möchte allerdings schnell hinzufügen, dass diese Art der Berichterstattung mir dabei geholfen hat, ein Bewusstsein für diese Vorgänge zu schaffen und meine Wahrnehmung zu fokussieren. Ich möchte deshalb heute auf die "What Can You Do?"-Seite von Sea Shepherd verlinken. Mir ist das gerade sehr wichtig.

Macht damit, was ihr wollt.

Ach ja, eines noch: diese Traditions- und Kulturscheiße kann mich mal. Kreuzweise. 


Kleiner Hinweis am Rande: Im aktuellen Kochen Ohne Knochen gibt es ein Interview mit Paul Watson zu lesen. (Zur PDF Ausgabe geht's hier lang)

21.09.2012

Sorgenbrecher



DANNY PAUL GRODY - IN SEARCH OF LIGHT


Felix von Repetition/Distract empfahl mir diese Platte mit den Worten "macht alle Sorgen weg", und mit solchen Aussichten hat man mich praktisch immer am Haken. Und tatsächlich, "In Search Of Light" sollte vor jedem Start in jeden Tag mit einer Tasse des Heißgetränks Deiner Wahl genossen, ja geradeheraus aufgesaugt werden, bevor man sich hinaus in die Kälte begibt, die emotionale, in erster Linie. Als präventiver Schutzpanzer gegen alles Unheil, gegen die Furcht, gegen die Dunkelheit. Dabei ist der Titel ist leicht irreführend. Ich bin mir sehr sicher, dass Grody das Licht entweder schon lange gefunden, oder es wenigstens für diese Aufnahme eingefangen hat.

Die Kraft, die diese kleine Platte entwickelt, überrumpelt mich jedes Mal, wenn ich mich dazu entschließe, dass jetzt die Zeit für eine Licht- und Lebensdosis gekommen ist. Der Einstieg "Hello From Everywhere" hat sich mittlerweile sogar zu einem positiven Trigger entwickelt, zu einer internen Lautsprecherdurchsage an mich selbst:"Alles ist gut. Genieße das Licht. Es geht Dir gut. Wo ist Dein Kaffee?"

Der Gitarrist der US-Postrocklegende Tarentel und der im vergangenen Jahr an dieser Stelle vorgestellten Allstartruppe Moholy-Nagy sitzt mit einer akustischen Gitarre und einem Fitzelchen Elektronik, das aus einem Synthesizer herausschwappt, vor einem Mikrofon, das offensichtlich nicht nur Töne in kristallklarer Qualität aufnimmt, so rein und pur und tief mich die Schwingungen der Gitarrensaiten treffen. Ich sitze hier, es ist Mitternacht, und der Tag verschwindet lautlos in der Erinnerung. Er wird nicht zurückkommen. Nichts kommt jemals wieder zurück. Keine Zeit, kein Gefühl, kein Tod.

"In Search Of Light" umarmt und füllt die Lücken des Lebens mit Bewusstsein auf. Ein leiser, aber mächtiger Lebenskämpfer.

Erschienen auf Students Of Decay, 2011.

16.09.2012

Meer und Kuchen, revisited


Es ist ein freundlicher Sonntagmittag in Wiesbaden und folgerichtig dreht sich zum freundlichen Post-Breakfast-Kaffee die gleichfalls freundliche neue Platte von The Sea And Cake auf dem Plattenteller.

Bevor ich in den kommenden Tagen etwas weiter aushole und eine Handvoll Zeilen über das Werk fallen lasse, habe ich eben entdeckt, dass Drowned In Sound einen vollständigen Albumstream von "Runners" anbieten. Den gilt es nun mit Euch, meinen allerliebsten Lieblingslesern, zu Teilen.

Tasse Kaffee aufbrühen, Fenster auf, Liebe an.

ALBUMSTREAM // THE SEA AND CAKE - RUNNERS 

15.09.2012

Bizarre Tribe


AMERIGO GAZAWAY - BIZARRE TRIBE: A QUEST TO THE PHARCYDE


Nach dem Vorbild des im letzten Jahr erschienenen FELA SOUL-Albums haben Amerigo Gazaway und Gummy Soul ein neues Mix-Album veröffentlicht und sich diesmal A Tribe Called Quest vorgeknöpft. "Bizarre Tribe: A Quest To The Pharcyde" scheint dabei ähnlich stark ausgefallen zu sein wie der De La Soul Mash-Up und kann gleichfalls kostenlos unter dem unten angegebenen Link runtergeladen werden. 

Join Gummy Soul's Amerigo Gazaway as he embarks on a 55 minute "Quest to The Pharcyde". Utilizing the original Jazz, Soul and Funk recordings sampled throughout A Tribe Called Quest’s extensive catalogue, Gazaway recreates classic productions – pairing his reinterpreted instrumentals with select vocals from West Coast “golden era” favorites, The Pharcyde.







12.09.2012

Henry and June



JUNE OF 44 - TROPICS AND MERIDIANS

Es ist wie fünfunddreißig Jahre altes Gebäck, wie von Würmern, Käfern und Raupen durchbohrtes Holz, wie frisch gefallener Schnee, wie naive Malerei in Grau. Wer die Schritte leise zelebriert und die Pinselstriche verfolgt, der hört das Knarzen und das Kratzen. Das tumbe Ächzen unter dem Druck der eigenen Existenz im Angesicht der öden Leere, zerfasert und spröde, brechend und spleißend. Ein Königreich für mehr Luft und mehr Raum.

Der Horizont ist einen ganzen Sommer entfernt, ein ganzes Leben gar, aber wenn das Selbst am Boden liegt und das dünn glimmende Feuer von Tristesse und Trauer ausgespuckt wird, schlüpfen wir lieber in die kugelsichere Seifenblase, die nie zerplatzen wird. Sie ist beinahe visionär, wie sie so im Zeitmaschinen-Ping-Pong hin- und hergeprügelt wird, zwischen der vergilbten Druckerschwärze geistiger Verunreinigung und der Lichtgeschwindigkeit vom kalten Rauch populärer Nebelkerzen. Wer hätte sich das je träumen lassen? Der Rückblick in das Chaos als Manifestation von Licht und Struktur. Und dann sieht man sich wieder unvermittelt im gleißenden Schein der Ultramoderne die eigenen, hilflosen Runden drehen. Alles vergessen, alles ersticken und alles begraben, bevor es wieder von vorne beginnen kann. Karma Extraordinaire.

Die freundlichen und sonnigen Zeiten, sie gibt es. Sie erscheinen wie Episoden, wie Kurzfilme: die Harmonie umspielt den Geist, die Augen sind halb geöffnet und eine sanfte Brise kühlt die sonnenwarme Haut. Es duftet nach nach Sonne und Frieden. Wir halten uns im Arm und sind eins. Am besten Tag unseres Lebens. Der Horizont ist ein ganzes Leben entfernt, einen ganzen Sommer, eine große Liebe.

Wir haben keine Chance. Es brodelt. Und es stürmt.



Erschienen auf Quarterstick Records, 1996.

09.09.2012

It's Like I'm A Fucking Fuse



PROPAGANDHI - FAILED STATES

Eine Minute und fünf Sekunden benötigen Propagandhi auf ihrem sechsten Studioalbum, um praktisch ein ganzes Genre an die Wand zu spielen. "Status Update", bereits im letzten Jahr und damals noch ohne Titel als Proberaumaufnahme bei Youtube aufgetaucht, ist nun, mit entsprechender Produktion im Rücken, der Moment auf "Failed States", der Berge versetzt und Welten zusammenbrechen lässt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wirbelt das Quartett filigran wie ein Diamantenbohrer durch 65 Sekunden brennender, glühender Intensität. Diese Gitarrenriffs könnten mit links der Feder von den großen Gitarrenduos des Thrash Metals entsprungen sein. Und wo wir gerade über den Thrash Metal plaudern: der begegnet einem auf "Failed States" mehr als nur einmal. In "Cognitive Suicide" haben die erklärten Fans von Bands wie Voivod, Hirax oder Sacrifice sogar ein Slayer Gedächtnissolo untergebracht.

Die restlichen gut 37 Minuten sind gleichfalls dafür verantwortlich, dass ich seit Tagen nur wenig andere Musik zu hören bekomme. Die Band aus dem kanadischen Winnipeg scheint es - entgegen meiner pessimistischen Befürchtung - tatsächlich geschafft zu haben, den Vorgänger "Supporting Caste" zu übertreffen. Nur das bisherige Fehlen eines Überhits wie "Dear Coaches Corner" hält mich im Moment noch davon ab, es laut in die Netzwelt hinaus zu rufen - allerdings befindet sich der Rausschmeißer "Duplicate Keys Icaro (An Interim Report)" gerade auf dem besten Weg, diesen Minimalmakel zu beheben. "Failed States" geht hinsichtlich der Variabilität, der Musikalität und Virtuosität gleich mehrere Schritte weiter. Durch diese verzwickten Arrangements und komplexen Songstrukturen mit ihren wieselflinken, irrwitzigen Breaks muss man sich erstmal durchtanken. Im ungewöhnlich gewählten Opener "Note To Self" sind sogar kleine Postrock-Lichtblitze zu hören, die in einen an New Model Army erinnernden Spannungsbogen eingepasst wurden. Es ist im weiteren Verlauf vor allem die Liebe zum Detail, die so mitreißend und begeisternd ist, dass ich mich nicht selten beim hemmungslosen Air-Drumming und Staubsaugerrohr-Gitarrespielen ertappe. Mit heruntergelassenen Hosen, versteht sich.

Propagandhi haben mittlerweile in meiner Hall Of Fame eine ziemlich breite Ecke besetzt, und das liegt freilich nicht nur an ihrer Musik. Ihre Hin-und Verweise in den Linernotes der letzten beiden Alben, ihre Texte und die Artworks haben mich nach langen Jahren des Zweifelns, in denen mich das schlechte Gewissen beinahe selbst auffraß, für eine vegetarische Ernährung schlussendlich so sensibiliert, dass ich zum Jahresende 2009 endlich den Schritt machen konnte und nun, drei Jahre später, im Begriff bin, mich vegan zu ernähren. Neben den zumeist hochpolitischen, visionären und philosophischen Texten ihrer Songs, engagieren sich die Bandmitglieder ehrenamtlich in sozialen Projekten, unterstützen mit Preisgeldern und speziellen Verkaufsaktionen Non-profit-Organisationen, achten bei der Herstellung ihres Merchandise auf die Verarbeitung von fair gehandelter Bio-Baumwolle und haben auf dem Backcover des neues Albums die vier Grundpfeiler ihrer ideologischen Ausrichtung abgedruckt: animal friendly, anti-fascist, gay positive, pro-feminist - der bandgewordene Albtraum von so manch echtem Mann/Punkrocker/Metaller/Schwachstromelektriker.

Für mich sind Propagandhi echte Vorbilder und eine auf sehr vielen Ebenen ungeheuer inspirierende Band. Auch wenn es sagenhaft uncool ist, sowas zu schreiben, mit Mitte 30 zumal: ich wäre heute sicherlich nicht der Kerl, der ich bin, hätten diese vier Typen und ihre Platten nicht meinen Weg gekreuzt.

Der Rest ist Dankbarkeit.

Erschienen auf Epitaph, 2012.


Hinweis in beinahe eigener Sache: wer sich weiterführend mit der Band und ihren Idealen auseianandersetzen möchte, dem empfehle ich die Lektüre des am 1.Oktober erscheinenden OX-Fanzines. Blank When Zero-Trommler und Freund Simon hatte die Gelegenheit, der Band im Rahmen eines Interviews zu "Failed States" einige Fragen zu stellen und erhielt interessante Antworten. 

08.09.2012

Flo im Monoland



MONOLAND - BEN CHANTICE

Wir sind weit oben. Sehr weit oben sogar. Für manche vielleicht ein ganzes Stück zu weit oben. Eine Leere, die dich zwar auf Distanz hält, aber gleichzeitig auch anzieht. Der Raum öffnet sich, und plötzlich ist es ganz klar. Struktur und Glanz, vielleicht alles etwas ungewöhnlich. Die letzten Schleier haben sich noch nicht gelüftet, aber wohlfühlen...ja, man fühlt sich schon wohl. Angenehm. Ein bisschen dunkel womöglich, aber nicht im Sinne von bedrohlich, eher wie ein Abend unter der Bettdecke. Materie? Man gleitet so hindurch, Naturgesetze waren eh von gestern.

Links von uns, gleich neben dem „Yuriko“-Stern rauscht die interstellare Wohlfühl-Indie-Club-Lounge an uns vorbei. Da müssen wir mal rein...mal sehen wie man hier so feiert.

Der Beat wird lauter und klarer. Der Wind der Gitarren umschwirrt unsere Körper, Die Stimme...hm, diese Stimme! Bob Mould? Klar, der dürfte sich auch hier oben aufhalten, wo ihn nur ganz wenige zu Gesicht bekommen. Aber der muss in einem anderen Raum singen, der steht doch nicht hier einfach so herum. Der klingt auch so weit entfernt. Vielleicht noch eine Ebene höher? Möglich wär’s ja. Da hinten in der Ecke bleept und fiept es hemmungslos, da vorne zirpt es seltsam. Hast Du eben das Zischen gehört? Komische Sounds haben die hier. Und wie sich die Menschen bewegen, als seien sie auf einem ganz schön duselig machenden Betäubungsmittel. Oh, guck mal: da schwebt einer.

Plötzlich erlischt der letzte trübe Schein. Die Wand, an der wir eben noch lehnten und uns den „Sessna“-Cocktail reinschütteten wird wachsweich. Meine Hand verschwindet mit einem leisen Blob. Moment mal, was war denn hier in diesem Drink drin? Oder ist das jetzt die „Special Effects“-Night? Der Raum dreht sich. Zumindest das, was vor 4 Minuten noch der Raum war. Wo sind wir hier eigentlich? Angst haben wir nicht, meine Hand ist zwar am Arsch oder was weiß ich wo, aber ich bin völlig ruhig und gelöst. Wird schon alles gut werden.

Bis uns vier fliegende Topflappen umzingeln, in ihren gehäkelten Mündern hängen pinkglasierte Zigaretten aus gerollten Usambaraveilchen, es können aber auch "gedrehte Astern" (Helge) sein. Sie sabbern und haben übernatürlich große Nasen, an denen goldene Monoland-CDs herunterbaumeln. Und just als ein etwa vier Meter großer Penis mit dem Gesicht von Volker Bouffier zur Tür hereinkam und ein großes Hallo auslöste, begannen wir [fortsetzung folgt nicht]

Erschienen auf Supermodern, 2006.

02.09.2012

Tout Nouveau Tout Beau (5)



ROBERT GLASPER EXPERIMENT - BLACK RADIO

Die Puristen schreien schon, und wenn die Puristen schreien, dann ist's meistens angesagt, die Ohren zu spitzen - es kann sich nur lohnen. Als viel zu glatt und harmlos wird das neue Studioalbum des Rober Glasper Experiments in den einschlägigen Foren der Die Hard-Jazzer abgekanzelt, und ohne mir allzuviel anzumaßen, aber dann haben sie halt immer noch nicht gelernt, über den Tellerrand hinauszublicken und dann haben sie es in der Folge auch nicht besser verdient. "Black Radio" ist genau so, wie ich es nach dem auf Youtube hinterlegten Trailer erwartet habe, und das finde ich einigermaßen überraschend: ein spirituelles Zusammentreffen von vielen Gaststars (u.a. Erikah Badu, Lalah Hathaway, Ledisi, Bilal), die ihr Herz und ihre Seele in diese Produktion gelegt haben. Ein dunkles, rauchiges, verwurzeltes Hip Hop Meets Jazz meets Soul Fusion-Album mit einer sehr erfreulichen, weil unmodernen Produktion, die vor allem den Bass und das Schlagzeug alles andere als sauber, steril und aufgeräumt präsentiert. Vor der Coverversion von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" hatte ich zwar Angst und ich komme nicht umhin, das wenigstens kritisch zu bewerten, aber ganz im Ernst: ich hätte diese Version um einiges lieber auf dem 20-Jahre-Nevermind-Tribute-Sampler gehabt, als das lahme Gewürmel der Meat Puppets. Ein tolles Album mit einem beeindruckenden Flow.




Erschienen auf Blue Note, 2012.




BVDUB - STRANGERS NO MORE

Brock Van Wey ist ein Workaholic. Der Mann scheint unablässig zu produzieren und nicht nur das: er veröffentlicht die Ergebnisse auch noch in immer kürzer werdenden Abständen. Das aktuelle Jahr 2012 nahm bereits drei Alben in Empfang, dazu gab's Samplerbeiträge, Remixe und für das Restjahr stehen außerdem nochmals drei Alben auf der Matte (besonders erwähnenswert ist "Home", das auf Echospace erscheinen wird). "Strangers No More" ist die aktuelle 12-Inch auf With Or Without You, und ich habe den Eindruck, dass seine Musik im Vergleich zu den letztjährigen Werken bis einschließlich "I Remember" etwas optimistischer, aber ganz bestimmt beatlastiger wird. Was sich auf "Resistance Is Beautiful" und "Then" bereits andeutete, findet wie bereits auf "Serenity" auch bei "Strangers No More" seine Fortsetzung. Die Arrangements sind nicht mehr allzu grau, und die Melancholie ist nun nicht mehr in tiefem schwarz auf einer Hochzeit, sondern schwebt auch mal entrückt einen halben Meter über der Tanzfläche. Zwei Tracks mit einer Spielzeit von 25 Minuten stehen auf dieser Maxi (sagt man das eigentlich noch? Maxi?) und wo ich bei den letzten Alben etwas den Faden verloren hatte, kann ich ihn hier wieder beruhigt aufnehmen. Immer noch eine ganz außergewöhnliche Musik eines außergewöhnlichen Menschen.

Erschienen auf With Or Without You, 2012.





SIMONE WHITE - SILVER SILVER


Singer/Songwriter-Folk auf Honest John's? Surely some mistake! Normalerweise, und der Satz wird umso richtiger, je öfter ich ihn wiederhole, normalerweise ist das sensible Gesäusel von unterforderten Musikern mit Akustikgitarre also nicht unbedingt mein Metier. Und ich erinnere mich auch noch daran, dass ich vor einigen Wochen in die bereitgestellten Snippets von "Silver, Silver" 'reinlauschte und an in erster Linie an meiner eigenen Erwartungshaltung scheiterte. Ein neuer Versuch vor wenigen Tagen ergab ein anderes Bild: das ist eine niedliche, sommerschwüle Urlaubsplatte - nicht nur wegen des Covers, das an einen Familienurlaub in den frühen achtziger Jahren erinnert (Riccione, Italien, Vollpension, Essen bis zum Platzen, 38°C, 25 Mark pro Nacht), sondern auch wegen der liebevoll zusammengepuzzelten Musik, die einerseits in strategisch sicherer Umlaufbahn die üblichen Spielchen spielt, andererseits auch den berühmten Schritt weitergeht und viel mit Stimmungen und Gebrizzel und Gebrazzel experimentiert. Diese Musik schmerzt freilich nicht, "Silver, Silver" läuft dennoch nicht Gefahr, in den gefälligen Kitschsektor der süßen Indiebratzen abzugleiten, die vor lauter Kalkül in ihren Köpfen keinen Platz mehr für Leidenschaft finden können. Eine manchmal subtil-verdrehte, schwummrige und trotzdem wache und aufgeräumte Platte. Die wird noch ein paar Mal auf dem Plattenteller landen.

Erschienen auf Honest John's, 2012.

26.08.2012

Danke, Rostock! Danke, FAZ!

Es ist nicht weniger als eine Schande epochalen Ausmaßes, welche Absonderlichkeiten unsere Qualitätsjournalisten, beispielsweise als Ressortleiter "Innenpolitik" in Deutschlands größter Tageszeitung, in wie von selbst formidabelst benamte und also sogenannte Leitartikel hineinschreiben dürfen, wenn man dafür genausogut einen Kieselstein vom Grund des Mains (an der Biegung Aschaffenburg eingesammelt) fragen könnte, was er so generell von Integrationspolitik, Rechtsextremismus und Multikulturalismus hielte - wenn man denn bloß eine Antwort des leidlich bealgten Steinchens erhielte.

Jasper von Altenbockum ist das alles egal, der Mann hatte offensichtlich am Tag vor seiner Idee, den 1992 in Rostock-Lichtenhagen erlebten Aufstand der Schwachköpfigen an das "Ende der Utopie Multikulturalismus" zu koppeln und menschliche Fackeln als Besinnungshilfe für "Sozialromantiker" und "Sozialalchemisten" zu bewerten, eine Familienportion Kohl oder Broccoli oder Blausäurekäse gegessen und musste ordentlich durch sämtliche Körperöffnungen flatulieren, man kennt's ja und alles muss raus, was keine Miete zahlt, HÄ HÄ, jedenfalls: die offenbar nicht unterzukriegende Mär vom Niedergang der "Multikultigesellschaft" muss immer wieder aus den untersten Schubladen der geistigen Brandstifter herausgeholt werden, Seehofers Horst macht es uns auch alle paar Wochen mal wieder vor, wenn die Umfragewerte im Keller sind und sich das Hirnwasser bedrohlich der Minimalgrenze nähert, weil, wir wissen's alle: "die 68er sind an allem Schuld" (Grebe).

So markiert also der Mordversuch einiger verstrahlter und lobotomierter Gewalttäter an vietnamesischen Asylanten nicht nur das Ende einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung (von den ganzen obenrum auf Halbmast geflaggten Menschen gerne als "Utopie" bezeichnet), die de facto bis heute weder abgeschlossen, noch überhaupt mal erst vollständig begonnen hat, und des Weiteren einen Weckruf an die Politik und die Gesellschaft gleichermaßen - die Konstruktion einer solchen Argumentation geriert sich nicht nur immerwährend als eine einerseits warnende, anderserseits zum Durchhalten auffordernde Botschaft an die Wahrung der stets durch Dönerbuden, Moscheen und Kopftüchern bedrohten nationalen Identität, sie sendet auch das fatale Signal aus, dass Gewalt, gegen Minderheiten zumal, eben doch zum Erfolg führt, ja mehr noch: die Kraft hat, gesellschaftspolitische Veränderungen im Sinne der Täter zu forcieren.

Danke Rostock 1992, ohne Euch wäre Deutschland heute schon tot.

Man steht einfach nur fassungslos in der Gegend rum.

20.08.2012

No Hype!



CADENCE WEAPON - HOPE IN DIRT CITY


Und nochmal die Klangwolke, diesmal leider ohne Download, dafür gibt's ein komplettes Album. Der Kanadier Cadence Weapon hat sein neues Album "Hope In Dirt City" zum vollständigen Stream angeboten - ein sehr kurzweiliges, dunkles, offenes Werk, das sowohl zum "Golden Age Of Hip Hop", als auch zu Funk und Soul rüberschielt. Glücklicherweise legt Roland Pemberton keinen Wert auf die Erwähnung von "Bitches", "Weed", "Niggers", hier gibt's keinen Gangstaschrott und keine aufgemotzten Superschlitten, mit denen er durch Montreal cruist.

Durch das angenehm kompakte "Hope In Dirt City" zieht sich zwar ein roter Faden, trotzdem klingt jeder Song ein bisschen anders: Mal ist's im Grunde reiner, melancholischer Pop ("There We Go"), mal kommt ein postmodernes 80er Jahre Discostück ("Crash Course For The Ravers") auf den Schirm, irgendwo im Hintergrund shwoovt ein Reggaetakt herum, und die logische Single "Conditioning" macht Kopfnicken bis zum Headbangen. Ein Saxofonsolo fehlt übrigens ebenfalls nicht. Dazwischen gibt's mal lockeren Funk und immer wieder die tief verwurzelten Berührungen des Soul. Die kann Cadence Weapon vor allem deswegen ausspielen, weil er sich ansonsten um nichts kümmern muss: er kann all sein Vertrauen in seine Stimme und seine Ausstrahlung als Rapper und Sänger legen. Und er muss mir nix erzählen. Ich stehe ja auf sowas.

"Hope In Dirt City" ist ein nachdenkliches, reflektiertes, modernes Hip Hop Album. Eine richtig gute, interessante Platte.
Hört man nicht allzu oft.

Anhören!


Erschienen auf Upper Class Recordings, 2012.

19.08.2012

Sommer, Sauna, Sea & Cake

Eine meiner erklärten Lieblingsbands gibt wieder ein Lebenszeichen von sich. Nicht nur, dass das sehr gute Label Thrill Jockey im Rahmen seines zwanzigjährigen Jubiläums die Schatztruhe öffnet und einige längst vergriffene Titel aus der umfangreichen The Sea & Cake Diskografie auf Vinyl wiederveröffentlicht - ich freue mich ganzganzganz besonders auf "Oui" [2000] und ganzganzganzganzganz besonders auf "One Bedroom" [2003], die beide Ende August in den Läden stehen werden - auch ein neues Album wartet bereits ungeduldig auf den Startschuss.

"Runners" erscheint am 21.9.2012 auf, na klar: Thrill Jockey.

Einen Vorgeschmack liefert die erste Single "Harps", die seit einiger Zeit nicht nur via Youtube ihre Runden dreht, sondern freundlicherweise vom Label auf Soundcloud zum kostenlosen Download angeboten wird.

Ich freue mich wirklich sehr, noch in diesem Jahr ein neues Sea & Cake Album in den Händen zu halten. Es war nie besser als 2012. Ehrlich jetzt.

18.08.2012

Kuschelviagra



JOSÉ JAMES - BLACKMAGIC

Die Herzallerliebste bezeichnet "Blackmagic" als "Flachlegemusik", optional auch als "präkoitalen Soundtrack", und ich habe nun auch schon den Bademantel abgelegt und mir die Seifenblasenpfeife angeblubbert. Nun war wenigstens meine Schubalde mit Ficklala aus einer Art pubertärer Verzweiflung heraus seit Jahren mit den ersten Monster Magnet Platten verbunden und erst der Wandel in Richtung anderer musikalischer Gefilde brachte gleichfalls einen Wandel der...gut, das führt nun zu weit. Jedenfalls, und das ist jetzt sehr wichtig: der US-amerikanische Souljazzsänger Jose James, 2007 von Gilles Peterson entdeckt und flugs für dessen Label Brownswood Recordings eingefangen, bringt einen Berg tiefgefrorene, beste Joghurtbutter zum Schmelzen. In der Antarktis. Mit einem Pinguin im Arm und einem Sack Crushed Ice in der Hose. Und mir ist auch schon ganz warm.

Als ich im vergangenen Jahr auf Gideon van Gelders gutem "Perpetual"-Album herumkaute, hatte ich "Blackmagic" bereits mehr oder minder beiläufig erwähnt, schließlich spielt van Gelder nicht nur in der Tourband des "Schmusebarden" (Musikexpress), sondern war auch an der Entstehung seines zweiten Albums beteiligt. Folgerichtig lassen sich auf "Blackmagic" viele Jazz-, Hip Hop- und mit Valium heruntergedimmte Soulanleihen finden. Smooth und schwül, gleichzeitig auch sehr urban und modern, ergibt sich aus diesem kühlen Glanz und der Wärme des stoisch flackernden Kaminfeuers ein sehr stimmungsvolles und deepes, modernes Klangexperiment. Wenn dieser zärtliche Koloss im Hintergrund eines guten Gesprächs, bei einer Kanne Kaffee oder einem LSD-Trip seine Kreise ziehen darf, dann zieht er sie gemächlich und unaufgeregt. Der 10-Liter Eimer mit geschmolzener Albenmilchschokolade, die James durch die Lautsprecher direkt in die Gehörgänge fließen lässt, wird in jauchzender Regelmäßigkeit immer wieder aufgefüllt. Und dann geht der Kladderadatsch gleich wieder von vorne los. So weit so gut, bring it on!

Hellhörig wird man allerdings bei den spannenden Kollaborationen, die James mit einigen angesagten Produzenten einfädelte. Diese Tracks sind die Höhepunkte auf "Blackmagic" und haben das Zeug zum Klassiker: der Elektrobratzjazzerkönig Flying Lotus zeichnet sich beispielsweise für das rabenschwarze Titelstück, den tief pumpenden, mit leichtem Latingroove ausgestatteten Opener "Code" und außerdem für "Made For Love" verantwortlich, das als einziges der genannten Stücke entfernt und durch die Hintertür den Blick auf das Studio des kalifornischen Beatwunderkinds freigibt. Darüberhinaus gibt Detroit in Person des dort beheimateten Techno und House-Produzenten Moodyman beim angemessen betitelten "Detroit Loveletter" die Visitenkarte ab, das gleiche gilt für den japanischen DJ Mitsu, der bei "Promise In Love" mitwerkelte. Damit ist "Blackmagic" keine obskure Sammlung von aneinandergereihten Songs und Stilen, das Gegenteil ist der Fall: das Album ist beeindruckend dicht und kompakt in seiner stilistischen Ausrichtung zusammengestellt. Ebenso wenig sollte man die Zusammenarbeit mit angesagten Produzenten nicht als blankes Namedropping misinterpretieren - Jose James leiht all diesen Kompositionen seine Stimme und hat ein ausgeprägtes Gespür für die eigene Note und den eigenen Ausdruck. Es gibt also keinen Grund, sich auf die vermeintlich großen Namen zu verlassen.

"Blackmagic" hat genau genommen nur einen einzigen Fehler, aber der wiegt schwer, weil er auch die Songs in Mitleidenschaft zieht, die sich im letzten Drittel tummeln und die so ruhig geraten sind, dass sie an dieser Stelle schlicht verschenkt sind. "Blackmagic" ist viel zu lang geraten. Wer die Platte aufmerksam und konzentriert hört, in die Stimmung des Albums eintauchen will, wer sich also nicht damit begnügen will, dass es sich um Hintergrundrauschen handelt, um sich den Klamotten zu entledigen, muss nach spätestens 50 Minuten nach frischer Luft schnappen. Ich muss an dieser Stelle nicht schon wieder mit meiner Haltung zur beknackten "Value For Money"-Diskussion langweilen, aber warum verschenkt man seine Songs und damit auch sein Talent auf eine derart tragische Art und Weise? Bei einer Spielzeit von 40, vielleicht 45 Minuten wäre das ganz bestimmt eine der besten Platten, mindestens für das Erscheinungsjahr 2010 gewesen. So reicht es lediglich zu einer selbst zusammengestellten MP3 Playlist - die ist dann aber auch wirklich extraordinary.


Erschienen auf Brownswood Recordings, 2010.

21.07.2012

GEBURTSTAG! GEBURTSTAG!



JUBILÄUM, JUBILÄUM!

Es ist unglaublich, aber ich hab's extra für meine Leserschaft überprüft: 3,40qm wird fünf Jahre alt - am 22.7.2007 erschien das erste Posting auf diesem Blog.

Verrückt.

Ich könnte nun möglicherweise solche Sachen schreiben wie "Damals hatte ich keine Ahnung, wie sehr mir dieser Blog und seine Leser ans Herz wachsen würden. Ich hatte ja keine Ahnung, von gar nix, aber ihr, die mir seit nunmehr fünf Jahren die Stange haltet und die diesen Blog am Leben halten, habt mich gelehrt....dass man Kaffee auch noch nachts um 3 trinken kann, wenn nicht sogar muss. Ich danke außerdem all den Journalisten und Labelkollegen und den restlichen Szenefickern. Guten Abend."

Gottseidank schreibe ich das nicht. Also schon, aber praktisch nur virtuell.

Was ich nun tatsächlich schreibe: ich freue mir so dermaßen den Uranus ab, dass es nun also hier, jetzt und die nächste Woche ein Jubiläumsgewinnspiel gibt. Weil die Resonanz bei den letzten Gewinnspielen immer so überwältigend war und jeder, wirklich JEDER die tollen, TOLLEN Geschenke noch nicht mal geschenkt, GESCHENKT haben wollte, habe ich mir gedacht: mach ich's doch gleich nochmal. Scheißdochdiewandan!

Das Prozedere sieht jetzt aber ein bisschen anders aus, und wenn's schief geht, heißt: wenn ihr nicht mitmacht, dann sieht's gar nicht mal so gut aus, beziehungsweise: dann weiß wirklich jeder, dass sich hier nur dreiundkommazerquetsche Leser (und die ganzen Szeneficker, natürlich) tummeln.

Also, uffjepasst: Der ganze Krempel steht unter dem Motto "Zeigt Euch!" und weil heute die Menschen ja sogar schon ihre Mumus und Pumus (das wäre eigentlich ein angemessener Bandname für eine The Mamas & The Papas-Tributeband, non?) auf den angesagtesten Kanälen für zwanglose Erwachsenenerotik miteinander teilen, dürfte es ja nicht so schwer sein, das folgende zu tun: ihr kommentiert DIESEN Beitrag (keinen anderen und erst recht keinen auf einem anderen Blog!) und schreibt in Euren Kommentar Eure fünf (fünf, nicht drei, oder acht, oder siebzehn, elf, zwei, acht hatten wir schon, aber, Achtung, ganz wichtig, mitschreiben: fünf! FÜHÜÜÜNF!) Lieblingsplatten des laufenden Jahres hier rein. So. Zugegeben, das fühlt sich vielleicht ein bisschen wie ein extra-nerdiger Sahnesteifschwanzvergleich an, aber hey, ich steh' auf extra-nerdige Sahnesteifschwanzvergleiche.

Nach einer (nicht zwei, sieben oder neuneinhalb) Woche, werde ich aus allen richtigen (HÄ HÄ!) Einsendungen schon wieder: FÜNF (nicht einen oder einundzwanzig) Gewinner ermittelt haben und ebenso hier, also HIER und nicht im Adolf Springer Forum oder bei diezweifickendendrei.de, sondern, genau, Ficken: HIER in den Kommentaren bekanntgeben. Also: bitte die Benachrichtigungsoption wählen, sonst bekommt ihr nüscht mit, wenn ihr etwas gewonnen habt, das ihr gar nicht wollt was ihr euch schon immer gewünscht habt.


Zu gewinnen gibt's: LPs, CDs, DVDs und Downloadcodes (für die billigen Plätze). Alles weitere, wenn es soweit ist. Ne?

So, und jetzt: Clownsnase aufgesetzt, Konfettikanone gezündet und mal kräftig einen (oder zwei) fahren lassen. Da unten jetzt. Im Kommentarfeld. *tröööt*

Ich danke für die Teilnahme und für das Lesen dieses ganzen Schmodders hier.


Dieser Artikel wurde nackt auf Zaubertinte geschrieben und verflüchtigt sich nach dem Genuss von einem Kilo Gorgonzola (pikant), erschienen 2012.

18.07.2012

Propagandhi - Failed States

Eines der wichtigsten Alben des laufenden Jahres wird am 4.September via Epitaph erscheinen und das ist der Titeltrack (oder ein Teil davon, ich weiß es noch nicht):

PROPAGANDHI - FAILED STATES



Das wird ein geiler Herbst. Fuck Yeah!


16.07.2012

Afraid Of Sunlight

Es ist geradeheraus ein Skandal epochalen Ausmaßes, dass dieser doofe Blödblogger von dreipunktkommavierstrich.blogspot.com bisher noch nicht ein einziges Wort über "Afraid Of Sunlight" verloren hat - vielleicht das endgültig beste Werk, das die fünf Briten von MARILLION bis zum heutigen Tag veröffentlichten. Dabei ist die Geschichte, die wenigstens meinereiner mit dieser Platte erlebt hat, eine einerseits reichlich tragische, andererseits eine, die es sich gerade deshalb zu erzählen lohnt - immerhin findet sie ihren Abschluss in einem acht Jahre später stattfindenden Happy End in der badischen Provinz. Ich erzähle die Geschichte in einem der nächsten Blogeinträge; bis es indes soweit ist, muss ich meinen Lesern das unten eingebettete Video unter die müde Mütze schummeln.

Aufgenommen bei der Marillion Convention im April 2009 im kanadischen Montreal, beinhaltet dieser Mitschnitt die überragendste Version, die ich bislang von dem naturgeil alles wegstrahlenden Titeltrack hören durfte, und ich gebe hiermit zu Protokoll, dass ich mittlerweile ein recht sattelfestes Fundament habe, auf dem sich diese forsche Behauptung aufbauen lässt. Ich weiß nicht, ob die Burschen im Nachgang noch etwas im Studio herumspielten, und einige Vergleichvideos vom selben Konzert mittels Handkamera lassen keine solchen Rückschlüsse zu, weshalb schlussendlich davon ausgegegangen werden muss, dass sie es exakt so spielten. Und vor allem: dass Steve Hogarth es exakt so sang. Und weil ich dafür dann wirklich keinerlei Worte mehr finde, versinke ich nun wieder in diese Sternstunde einer fantastischen, einer wirklich großen Band, genieße dieses Meisterwerk zum vielleicht fünfzigsten Mal (in den letzten drei Tagen) und wische mir ebenfalls zum vielleicht fünfzigsten Mal (in den letzten drei Minuten) die Tränchen weg, wenn das Publikum die letzten zweieinhalb Minuten des Videos damit verbringt, einfach komplett auszurasten.

Meine Damen, meine Herren - "Afraid Of Sunlight":

14.07.2012

The Day After The The Last Crime



THE DAY AFTER THE LAST CRIME

Vor einigen Wochen flatterte die Anfrage einer Münchener Postrock-Band in meine Mailbox, ob ich mich denn in der Lage sehe, kurz und flott auf ihr Demo zu verweisen, das das Quartett zum kostenlosen Download auf seiner Bandcamp-Seite anbietet. Ich darf offen schreiben: ich will diesen Blog nicht zum Seifenaufheber für den ganzen professionellen Quatsch werden lassen, der sich mittlerweile auch ganz gerne in meinem Postfach tummelt - in erster Linie schreibe ich hier für mich selbst und vor allem über die Musik, die ich höre und liebe. Deshalb gibt's hier auch fast keinen Verriss zu lesen. Und "externe" Inhalte findet ihr hier nur in Ausnahmefällen.

Ein solcher Ausnahmefall sind THE DAY AFTER THE LAST CRIME, deren Anfrage ich wenigstens so sympathisch fand, dass ich mir vorgenommen habe, in ihr drei Stücke umfassendes Album reinzuhören. Die Band hat ebenfalls erkannt, dass es in erster Linie zählt, das verbliebene Häufchen von Musikbegeisterten dazu zu bringen, sich ihre Musik überhaupt anzuhören; im Underground geht's schon lange nicht mehr um Plattenverträge und Plattenverkäufe - die Szene der Unentdeckten hat sich zurückgezogen und legt mittlerweile wieder mehr Wert auf so furchtbar unwichtige Komponenten wie "Spaß" oder "Kreativität". Vielleicht ist dieser ganze Wahnsinn ja am Ende doch für etwas gut. Na, jetzt wird's doch wieder moralisch.

Jedenfalls: ich finde, ein solcher Ansatz gehört unterstützt. Und deshalb gibt es hier und jetzt auch den "officially approved"-Stempel für die Bayern. Ihr Postrock (eher Kanada, nicht Chicago!) klingt bisweilen zwar noch nicht so, als stünde er bereits in voller Blüte, andererseits verströmt genau dieser rauhe und manchmal naive Duktus einen gleichfalls sympatischen Charme; es ist praktisch der Gegenentwurf zu all dem überproduzierten Kitsch, der schlussendlich als Grabträger des Postrock fungieren musste. Und das ist durchaus erfrischend.

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12.07.2012

A Lazarus Taxon



TORTOISE - A LAZARUS TAXON

Nein, "A Lazarus Taxon" ist keine Best-of-Zusammenstellung und doch "vielleicht das beste Album, dass Tortoise nie veröffentlichten", wie es Jess Harvell im Jahr 2006 bei pitchforkmedia.com auf den Punkt brachte. Die Postrock-Legende aus Chicago wühlte tief in ihren Archiven und fand längst vergriffene 7"-Singles, rare B-Seiten, Japan-Bonustracks, Remixes, Beiträge für Compilations und auch ihre bereits kurz nach dem Erscheinen ausverkaufte Remix-EP "Rhythms, Resolutions And Clusters" aus dem Jahre 1994. Wem hier nicht bereits alles (!) steil nach oben steht, der bekommt noch als Nachschlag eine DVD mit Videos und Liveperformances mit dazu gepackt. Spätestens jetzt dürfte bei vielen alles zu spät sein.

Und mit was? Mit Recht! Tortoise ist mit diesem Boxset eine beeindruckende Werkschau gelungen, die, auch ohne regulär veröffentlichte Tracks ihrer mittlerweile fünf Studioalben, einen sehr genauen Blick in das Innere dieser hochkomplexen und immer noch Fragen aufwerfenden Band gibt, selbst wenn das letzte Studioalbum "Beacons Of Ancestorship" etwas arg eklektisch ausfiel. Hier kommt all das zusammen, was Tortoise nach dem Erscheinen ihrer zweiten LP "Millions Now Living Will Never Die" zu Mitbegründern eines ganzen Genres machte: Offene und verwirbelte Arrangements, diffuse Elektronik, zaudernder, zurückgedrängter Rock, dürrer Minimalismus und ein Herz für den Jazz als verkopftes Element, als Sinnbild für den Mut zur Fortbewegung und Weiterentwicklung. Selbst in den Remixes ihrer Songs spiegelt sich diese Einstellung wider, allen voran in den Arbeiten der schottischen Elektrofummler Autechre, die mit gleich zwei fantastischen Versionen ihres Remixes zu "Ten Day Interval" vertreten sind. Dekonstruktion spielte schon immer eine große Rolle in der Musik Tortoises, vielleicht ist sie der Schlüssel zu dieser Band. Wie Feinmechaniker zerteilen sie den Song, erkennen seine Fragmente. Fügen Risse hinzu, die widersinnigerweise die Struktur bilden. Nobukazu Takemura nimmt in seinem "TNT"-Remix die Steilvorlage dankbar auf. Auch er hat einen außergewöhnlichen, ruhigen und jazzigen Song geformt, eines der Highlights auf "A Lazarus Taxon".

Genausowenig kommt man an dem betörenden Wahnsinn von "Gamera" vorbei, einem zwölfminütigen Brecher zum nackt durch den Regen laufen von der 1995er "Duophonic"-EP. Oder der 7"-Single "Whitewater". Yo La Tengos atemberaubender Remix von "Autumn Sweater". Dem zermürbenden vierzehnminüter "Cliff Dweller Society" (ebenfalls von der "Duophonic"-EP), das aus vielen kleinen Songteilen besteht, die man, bis auf das Herzstück im Mittelteil, alle innerhalb eines Abends frei improvisierte und währenddessen aufnahm. Die kunstvollen Videos von Songs wie "Salt The Skies", "Glass Museum" oder auch "Seneca" vom 2001er "Standards"-Album. Atemberaubende Livemitschnitte von "Monica" oder "Ten Day Interval" - Tortoises Herangehensweise an ihre Kunst macht sie so einzigartig. Ja, ihre Musik ist geprägt von einer enormen Disziplin, sie ist verkopft, sie ist schwierig zu durchschauen. Für den Hörer ist sie aber ein nie versiegendes Meer aus Möglichkeiten, ein Spiel mit immer neuen Gedanken, Situationen und Standpunkten.

"A Lazarus Taxon" ist auch knapp sechs Jahre nach Erscheinen immer noch ein Meilenstein.

Erschienen auf Thrill Jockey, 2006.