02.10.2011

Newermind

VARIOUS ARTISTS - NEWERMIND

Es ist nicht so, dass ich keinen Grund hätte, über Nirvanas "Nevermind" zu schreiben. Nachdem die Elogen zum zwanzigjährigen Jubiläum im Spiegel, in der TAZ, in der Süddeutschen sowie im Metzgerfachblatt "Tanz, Du Sau!" an uns vorbeigezogen sind, natürlich immer mit einer kaum bis extrem stark auffälligen Vermischung von redaktionellem Inhalt ("Sprachrohr einer Generation", "Verzweiflung", "So jung kommen wir nicht mehr zusammen!") mit plump und clever platzierter Werbung ("DIE DICKE JUBILÄUMSBOX ZUM JUBILÄUM! JUBILÄUM! JUBILÄUM! NUR 800 EURO! JUBILÄUM!"), könnte ich ja mal so tun, als ob sich irgendeine alte Sau noch dafür interessiert, was ich über "Nevermind" zu sagen hätte. Das Problem ist jedoch, dass ich mich nach zwanzig Jahren selbst nicht mehr dafür interessiere, wie ich über "Nevermind" denke.

"Nevermind" ist längst in meinen Knochen verbaut. Ich muss das nicht mehr mit allen verfügbaren Floskeln analysieren, zumal niemand, der die Explosion (zuerst) und die Implosion (später) live und in Farbe miterlebte, es jemals analysieren wollte. Es war einfach da, und es war überwältigend. Und das war mehr als ausreichend. Wir wären vermutlich alle wahnsinnig geworden, hätten wir wie vom Teufel getrieben unsere Gedanken und Gefühle reflektieren und erklären müssen. Es fühlt sich falsch an, über "Nevermind" heute noch mehr Worte zu verlieren.

Was allerdings durchaus klappt: ein Song-für-Song Live-Review des "Newermind" Tributalbums vom SPIN-Magazin.

Den Download findet ihr HIER


MEAT PUPPETS
"Smells Like Teen Spirit"


Der halbwegs erfahrene 90er Jahre Alternative-Fan könnte hinter eine Nirvana-Coverversion der Meat Puppets wohl einen Haken setzen, ohne auch nur einen Ton davon gehört zu haben. Und so kann man sich täuschen: die Kirkwood-Brüder igeln sich unter dem Druck der zugegebenermaßen schwierigen Songauswahl ein und brechen saft- und kraftlos zusammen. Ratlosigkeit schon nach knappen fünf Minuten. Das geht ja gut los.

BUTCH WALKER & THE BLACK WIDOWS
"In Bloom"


Die hauen tatsächlich eine knallbunte, beschwingte und sonnige Indiepop-Version raus. Einfach so. Tsehe! Der Mann von heute trägt dazu einen 50-Tage-Bart, eine Latzhose und einen Strohhut. Als Duft wählt er "Harte Arbeit auf dem Feld und Wasser ist mir fremd", dazu gibt's einen Löwenzahn-Knoblauch-Tee. Das ist super, ich bin Fan.


MIDNIGHT JUGGERNAUTS
"Come As You Are"


Die Chipmunks lassen sich neuerdings auch ein Holzfällerhemd stehen. Und ich meine nicht Scott Stapp. Diese Elektronikfummler aus Melbourne setzen sich mit einem Space Shuttle ins Weltall ab und schweben an funkelnden Sternen (Zimt, Kokos) vorbei. Problem: die Reise dauert mir definitiv zu lange und ich habe außerdem Höhenangst. Grundsätzlich schöne Idee, aber ich beginne mich zu langweilen. Jetzt schon.


TITUS ANDRONICUS
"Breed"


Huppsi! Die Quasi-Punkrock-Stylos halten sich sehr eng an das Original - und fahren damit gar nicht so schlecht. Eine ordentliche Wand aus Bass, Bass und einem Spritzer Bass, dazu noch etwas Muskeln aus und auf dem Gesangschor ans kreisrunde Riffing genagelt - fertig ist die Kopie. Nicht besonders kreativ, aber hey - funktioniert! "No small mercies these days."(L.Turin)


THE VASELINES
"Lithium"


Kurt hätte sich vielleicht bis über alle Maßen geehrt gefühlt, dass die Vaselines einen seiner Songs covern - etwas, das die beiden Schotten jahrelang kategorisch ausschlossen. Jetzt spielten sie schlussendlich doch mit - und hätten es von mir aus auch lassen können. Ein sakraler Orgel-Fistelvoice-Langweiler, so spannend wie tiefgefrorene Dosenravioli. Warum macht man sowas?


AMANDA PALMER
"Polly"


Palmers Amanda besuchte den VHS-Kurs "Wie soll man "Polly" covern, ohne dabei zu verlieren (Würde, Ehre, Klingelbeutel)?" und hat nicht schlecht aufgepasst: Ihre Version hat etwas geheimnisvolles und furchteinflößendes, was ja zum Text so schlecht nicht passt. Ich werde das vermutlich nie wieder hören, aber das hat sie gut gemacht. Wenn ich es mir recht überlege, hat sie es sogar sehr gut gemacht.


SURFER BLOOD
"Territorial Pissings"


Originalversion, Teil 2: die Blutsurfer (aus dramaturgischen Gründen frei übersetzt) spielen "Territorial Pissings" nach, die Aufnahme kostete etwa soviel wie ein ÖPNV-Fahrkarte von Stuttgart HBF nach Bietigheim-Bissingen. Kann man machen, man kann sich aber auch was Schönes einfallen lassen. So was anderes. Was anderes Schönes.


FOXY SHAZAM
"Drain You"


Spätestens jetzt beginnt auf "Nevermind" der wenig abgenudelte Teil der Platte, mit also Songs, die man nicht blind und betrunken auf einem Xylophon nachspielen könnte (First Take!). Foxy Shazam machen aus "Drain You" eine durchgeknallte "Bohemian Rhapsody"-trifft-auf-die-Tequila-Blasehasen"-Version. Das war beim ersten Durchgang, äh...nennen wir es gewöhnungsbedürftig. Also ganz schön kacke. Mittlerweile ist es zu einem prächtigen Pimmelwurz gewachsen. Wenn der Yeti onaniert hört er diesen Track.


JESSICA LEA MAYFIELD
"Lounge Act"


Das Original ist mein heimlicher Lieblingssong auf "Nevermind" und da spitze ich mal extra streng die Ohren. Jessicas "Lounge Act" schlurft müde durch eine verlassene Stadt, es ist dunkel, und eine leicht neben der Spur liegende Stimme aus Monthy Pythons Mäuseorgel durchschneidet sanft Stromkabel am Aquädukt. Wenn Scarlett Johannson wenigstens ansatzweise so singen könnte - ich würde mir ihr Tom Waits-Coveralbum sogar ohne die sonst üblichen schweren neurologischen Ausfälle anhören können.


CHARLES BRADLEY & THE MENAHAN STREET BAND
"Stay Away"


Krass. Und das auf vielen Ebenen. Erstens: die Version des wiedergeborenen James Brown ist das beste Cover dieser Compilation. Zwotens: es verwundert nicht, sein "No Time For Dreaming"-Album ist schon eine Wucht in Soul-Tüten. Das geht einfach in einer Linie so weiter, ein glatter Durchschuss. Drittens: ich habe den Song nicht erkannt. Ich musste mir tatsächlich nochmal "Nevermind" auflegen und hören, wie "Stay Away" klingt. So kirre hat mich der Scheiß gemacht. Groß!


TELEKINESIS
"On a Plain"


Originalversion, Teil 3. Sind wir nicht alle Schwiegermütter? Michael Benjamin Lerner wäre unser aller Liebling. Guter, sauberer Spaß. Fühle mich gerade wie 1994. Verfluchte Axt. Ach, stimmt gar nicht, eher wie 1990. Lemonheads, Weltmeister, Pickel im Schritt. Und sowas halt.

JEFF THE BROTHERHOOD
"Something in the Way"


Erinnert entfernt an die legendären Nirvana-Liveversionen, ist aber am Ende nur eine ziemlich ungut klingende Studioaufnahme fast komplett ohne einen Funken Intensität. Dass die angeblichen Doomjünger am Ende ein verschwirbeltes Gitarrengebratze anhängen ist zwar charmant, aber mir fällt gerade kein Grund an, warum ich das nochmal hören sollte. Vielleicht beim Staubsaugen.


EMA
"Endless Nameless"


EMA bekommt die gelbgetönte Butch Vig-Sonnenbrille für den engagierten Zweitplatzierten überreicht. Ich bin ja grundlegend großer Freund der beiden Nirvana Reprise-Songs - "Endless Nameless" auf "Nevermind", sowie "Gallons Of Rubbing Alcohol Flow Through The Strip" auf "In Utero". Dieser Krach, dieser Lärm. Diese Freiheit. Diese Kraft. Viel davon erkenne ich in dieser Version wieder. Bratziger Feedback-Schnarz mit Chaos, Wut und Rebellion in jeder Note. Ich kenne EMAs sonstige Werke nicht, aber ich könnte wetten, dass er eigentlich so rebellisch wie 'ne Fußmatte ist. Was er dann immerhin mit mir gemeinsam hätte, und ich stehe auf Gemeinsamkeiten.


Famous last words: Ich weiß nicht, wem es nützt. Aber wer vielleicht ein letztes Mal hinter seine Songs und diese Wand aus Gitarren und einem donnernden Schlagzeug blicken will, der kann selbst in schwachen Momenten dieser Zusammenstellung viele beeindruckende und verbindende Elemente in "Nevermind" finden, die jede Veränderung und jede Lage aushalten. Eine Art universeller Aura, die in jedem Song mit glühender Leidenschaft erstrahlt.

Ich schalte die Floskelmaschine jetzt auch aus, is' ja schon gut.

01.10.2011

"God damn, we stole PUNK from black people, too?!"

DEATH - ...FOR THE WHOLE WORLD TO SEE

Schon der Einstieg, die ersten Sekunden des Openers "Keep On Knocking", eignet sich für das erste zaghafte Ausflippen: Jimi Hendrix hat bei den Stooges gespielt. Jetzt ist's raus. Und King's X-Sänger und Bassist Doug Pinnick hat schon 1974 in einer afro-amerikanischen Punkband gespielt. Tjaha! Wenigstens macht sein Alter jetzt Sinn, aber...warum weiß ich davon nichts?
Und noch schlimmer: warum wisst ihr nichts davon?

Wir reden bei Death selbstredend nicht von der gleichnamigen und mittlerweile nicht mehr existenten Death Metal Band aus Florida, sondern von den drei Brüdern Bobby Hackney (Bass, Gesang), Dannis Hackney (Schlagzeug) und David Hackney (Gitarre), die 1974 in ein Studio in Detroit spazierten, um unter der Leitung von Jim Vitti insgesamt zwölf Songs für ihr Debutalbum auf dem Label Groovesville Productions einzuspielen. Dessen Inhaber, Don Davis, reichte zu jener Zeit ein paar Demotracks an befreundete Labelmanager herum, und Clive Davis von Columbia Records hatte kurz darauf angebissen. Da war sie also, die Chance auf einen großen Deal. Der Haken: Davis wollte, dass sich die Hackneys einen anderen Namen für ihre Band aussuchten, Death sei nun wirklich nicht so irrsinnig verkaufsfördernd. Gitarrist David stellte sich stur, sah sich in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt und lehnte vehement ab. Death würden ihren Namen auf keinen Fall ändern. Als Ergebnis nahm man statt der geplanten 12 Tracks nur 7 auf - und jene wanderten umgehend in einen Labeltresor. In dem sie die nächsten 35 Jahre herumlagen. Death verschwanden von der Bildfläche und gingen durch die Mitte der siebziger Jahre einsetzende Disco-Welle unter. Und alles, was sie hatten, war eine auf 500 Stück limitierte Single mit den beiden Tracks "Politician In My Eyes" und "Keep On Knocking". Dass die Bad Brains übrigens diese Single solange auf ihrem Plattenteller rotieren ließen, bis sie jede Note in ihre DNA aufgenommen hatten, ist hierbei übrigens bloß ein Gerücht.

2009 veröffentlichte das Drag City Label die sieben aufgenommenen Songs unter dem Titel "For The Whole World To See" erstmalig auf LP und CD. Das weiter oben erwähnte "Keep On Knocking" wurde mir einige Tage vor der offiziellen Veröffentlichung als erster Song unter die Nase gerieben, und ich wurde tatsächlich recht umgehend ziemlich wuschig: eine rauhe, krachige, laute Produktion, ein durch Funk- und Soul-Elemente zersägter Protopunk mit tadelloser Energie. Kein außer Kontrolle geratener, schmutziger Garagenrock der MC5 oder gar der Stooges - Death waren äußerst akurat, dabei völlig uneingebildet lässig und cool. Und auch wenn nicht jeder der sieben Songs auf meinen Lieblingslisten landen wird, das zähe und leicht psychedelische "Let The World Turn" fällt mit seinen sehr ruhigen Parts ziemlich aus der Reihe: "For The Whole World To See" hat mindestens vier todsichere Klassiker im Köcher. Und einen dieser Klassiker möchte ich besonders herausstellen: "Politicians In My Eyes" ist der goße Moment dieser Platte. Hymnisch, mit toller Schlagzeug- und Gitarrenarbeit, treibend, gefährlich - für knapp sechs Minuten jammt sich das Trio in einen wahren Rausch.

In einem launigen und tragisch-glücklichen Interview mit dem Nackedei-Magazin Suicide Girls erzählen Bobby und Dannis (Gitarrist David starb im Jahr 2000 an Lungenkrebs) von dem Erlebnis als ihre eigenen Kinder die vermeintlich vergessen Musik ihrer Eltern auf einer Party in Kalifornien hörten und das möchte ich Euch nicht vorenthalten:

"Well, he [Bobbys Sohn] called me up and he said, "Hey Dad, did you know these people are groovin' to your music at these underground parties? Every time they play you, the crowd goes wild, and people just rush the dance floor." I'm like, "What are you talking about? Lambsbread?[die später gegründete Reggaeband der Brüder]" I thought he was talking about our reggae band, you know? He was like, "No, Dad, you were in a band in the '70's called Death." And then I got a little quiet ... [laughs] It was just kind of a shock for us to find this out."

Erschienen auf Drag City, 2009


P.S.: Drag City veröffentlichten im Jahr 2011 mit "Spiritual • Mental • Physical" eine Compilation aus Demos und Session-Outtakes.

24.09.2011

In eigener Sache - Blank When Zero


Unser kleines Punkrocktrio plant für Ende Oktober/Anfang November eine kleine Release-Party-Tournee durch die Rattenlöcher der Republik - und sucht noch zwei Auftrittsmöglichkeiten für Samstag, 29.10. und Sonntag, 30.10.2011.

Alles, was wir brauchen: eine Bühne, eine halbe Stunde Zeit, eine Band, an die wir uns ranzecken können und eine Handvoll Spritgeld.

Wenn Euch etwas einfällt, wo und mit wem wir auf die Bretter steigen können, dann meldet euch bitte entweder in den Kommentaren, schickt eine Mail an dreikommaviernull[at]yahoo[dot]com, oder kontaktiert uns via Facebook.


Die bisherigen Termine:

28.10.2011 Frankfurt, tba.
29.10.2011 tba.
30.10.2011 tba.
31.10.2011 Köln, Sonic Ballroom

Was mich gleich zum zweiten Teil dieses Blogposts führt: unsere neue Homepage ist online.

BLANK WHEN ZERO

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

19.09.2011

Kellerleichen

GREAT WHITE - CAN'T GET THERE FROM HERE


Gäbe es regelmäßige Treffen der anonymen Great White-Fans – ich würde meinen Jahresbeitrag wohl für die nächsten 20 Jahre auf einen Schlag überweisen. Man verzeihe mir die reißerische Eröffnung, und bei Licht betrachtet, ist es ja auch totaler Kappes: ich habe aus meiner Verehrung gegenüber dem kalifornischen Bluesrock-Quintett niemals wirklich einen Hehl gemacht, ernte bei entsprechendem Bekenntnis dennoch immer wieder Reaktionen, die mit "verstörend " noch recht liebevoll umschrieben sind. 


 Great White starteten ihre äußerst wechselhafte Karriere Anfang/Mitte der achtziger Jahre mit dem selbstbetitelten Debut, auf das 1986 das zweite Album „Shot In The Dark“ folgte, und erreichten spätestens mit ihrem vierten Album „…Twice Shy“ (1989) ihren kommerziellen Höhepunkt. Schon der Vorgänger „Once Bitten…“ aus dem Jahr 1987 konnte in den knietief im Corporate Rock-versunkenen Vereinigten Staaten mindestens eine Platin-Auszeichnung einfahren, mit „…Twice Shy“ gingen die Verkäufe schlussendlich durch die Decke, nicht zuletzt durch die Coverversion des Ian Hunter-Songs "Once Bitten, Twice Shy", die bis auf Platz 6 der US-amerikanischen Singlecharts vorstoßen konnte. Bis heute stehen geschätzte drei Millionen verkaufte Exemplare alleine dieses Albums auf der Habenseite. Great White standen bis zu Beginn der Neunziger also auf der Sonnenseite des Musikgeschäfts und wenigstens aus meiner Sicht standen sie dort mit Recht. Ihr relaxter, kräftig mit Rhythm & Blues-getränkter Hardrock war sündhaft originell und verzichtete fast gänzlich auf die damals so heißen Klischees, wie sie Bands wie Mötley Crue, Poison, Warrant oder Ratt aus dem Eff-Eff beherrschten. Great White brauchten keine Skandale, sie brauchten keine Schminke, sie brauchten keine explodierenden und sich um 360° drehenden Bühnen. Sie hatten in erster Linie großartige Songs aus der Feder von einem der besten Songwriter der gesamten Hardrockszene, dem Multiinstrumentalisten Michael Lardie. Hinzu kamen mit Jack Russell ein charismatischer Frontmann und mit Mark Kendall ein großartiger Bluesgitarrist, der mehr Feeling im kleinen Fingernagel hat als meinereiner am ganzen Körper,. Musiker, die sich auch hinsichtlich ihrer Ausstrahlung wohltuend vom Rest der übrigen erfolgreichen Hair Metal Bands absetzten. 


Der „Twice Shy“-Nachfolger „Hooked“ verkaufte sich, kurz vor der Grungewelle veröffentlicht, ebenfalls noch prächtig, beim Nachfolger „Psycho City“ indes wurde die Band erbarmungslos hinweggespült. Die logische Konsequenz: Great White verloren ihren Plattendeal mit dem Major Capitol Records. Die nächsten Jahre verliefen mehr schlecht als recht. Es gab einige Lineup-Wechsel, Platten, die keiner hören wollte, erschienen auf obskuren, kleinen Labels, die keiner kennen wollte, mit „Let It Rock“ wurde gar ein Album ausschließlich in Japan veröffentlicht, weil die Japaner 1996 das einzige Volk auf dieser Erde zu sein schien, das sich wenigstens noch ansatzweise für die Band interessierte, und zu schlechter Letzt erschien 1998 ein zwar gutes, aber trotzdem leicht verzweifelt wirkendes Led Zeppelin-Tributealbum unter dem Namen Great Zeppelin. 


 Bevor die Band im Jahr 2003 mit der Feuerkatastrophe in einem Club in Rhode Island, USA, für traurige Schlagzeilen sorgte, erschien 1999 mit „Can’t Get There From Here“ das vielleicht bis heute beste Album ihrer Karriere, und ich könnte es jetzt eigentlich fix durch- und euch einpauken, ohne auch nur ein Fragezeichen im Raum stehen zu lassen: 12 Songs - 12 Hits. Thank you, good night. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Matthias "Der" Breusch schrieb in seiner damaligen Rezension, "Can't Get There From Here" sei "ein tiefer Blick in die Seele des melodischen Westcoast-Rock" und alles an diesem Satz ist korrekt. Eine ungeheure Souveränität und Lockerheit, ein durchgängiges Monstersongwriting auf Weltklasseniveau, große Gefühle, Sonnenschein. Ich stehe dem so oft kolportierten American Way Of Life nicht wirklich nahe, aber Verzeihung: dieses Album gehört auf Endlosschleife gehört! Bei Temperaturen von 600°C im Schatten. In einer großen Ami-Limousine. In 'nem Cabrio. Und wenn man im billigen Motel in der Wüste Arizonas angekommen ist, säuft man billigen Whiskey-Fusel und qualmt Zigarren. Mit Sonnenbrille auf der Nase. Nachts um 4. Und verbrüdert sich mit den Betonmischergroßen Kakerlaken auf dem fleckigen Bettlaken, das viele Geschichten aus längst vergangenen Tagen zu erzählen weiß. 


 Ohrwürmer! OHRWÜRMER! ALLES VOLLER OHRWÜRMER!!! 


Erschienen auf Portrait, 1999.

13.09.2011

Georg Schramm (3)

Wie mir ein Vögelchen eben zwitscherte, strahlt ZDF-Kultur am heutigen Dienstagabend um 20:15 Uhr einen Mitschnitt des aktuellen Soloprogramms "Meister Yodas Ende" von Georg Schramm aus.

Und das wollte ich mit Euch teilen.

Hach. So bin ich.


Update 15.9.2011:

Freundliche Youtube-Nutzer haben damit begonnen, den Mitschnitt in (bisher noch) kleinen Häppchen hoch zu laden. Hier ein schönes Sanftleben Best-Of:

12.09.2011

In eigener Sache - Sun Never Sets

Der ein oder andere wird es ja möglicherweise wissen: der Idiot, der diesen ganzen Kram hier - seit erschreckenden vier Jahren, wie mir heute aufgefallen ist - zusammenschreibt, spielt und singt außerdem in zwei Bands. So mit Gitarren und Kreischen und Trommeln und Bumsfallera.

Jedenfalls: die eine der beiden Bands nennt sich Sun Never Sets, die andere Blank When Zero. Letztere, ein kleines aber feines Punk- und Hardcore Trio, werden Ende Oktober ihr erstes quasi-Album veröffentlichen. Darüber gibt's hier an dieser Stelle mehr zu lesen, wenn es soweit ist. Bleibt gestimmt.

Sun Never Sets haben nun schon seit einiger Zeit ihren Krempel aufgenommen, und jetzt hätten wir ganz gerne, dass das Zeug auch mal jemand hört. Wenn's denn recht ist.

Unter folgendem Downloadlink könnt ihr das Album komplett und kostenlos als MP3 (320kbit) herunterladen. Das Frontcover gammelt ebenfalls im gezippten Ordner herum.


Sun Never Sets
"The Absurd"
September 2011

Tracklist:

01 As Below So Above
02 Gasoline
03 What They Need
04 Serenity
05 Gutting
06 The Absurd
07 Floodstream
08 Black Cocoons
09 Dissolute


DOWNLOAD

Homepage


Ich bedanke mich vielmals für die Aufmerksamkeit.

Und Rückmeldungen sind natürlich gerne gesehen und gelesen.

11.09.2011

Der Franzose kann's...

Erfreulich oft fand in den letzten Tagen dieses ganz wunderbare Set des französischen DJs und Produzenten NHAR seinen Weg in mein Schallgesims - auch wenn der Auftritt im 200 Club/Studio 672 in Köln stattfand und meine Verbundenheit damit eigentlich auf der Roten Liste stehen müsste. In Teilen fühle ich mich an die Euphorie und diese wahnsinnig positive Ausstrahlung von Gui Borattos Meisterwerk "Chromophobia" von 2007 erinnert.

Nach der bereits fantastischen "Megumi/Bluedrop"-Single aus dem Mai dieses Jahres - folgerichtig auf dem Kölner 200 Records Label erschienen - ist die hier weiter unten zu hörende (und auch zu downloadende, by the way) Aufnahme ein weiteres sicheres Zeichen dafür, dass man den Mann künftig unbedingt auf dem Zettel haben sollte.

Nhar - Live @ Club 200 - Studio672 - Köln by Nhar

03.09.2011

Ihr könntet mich hören...


...denn ich beschalle gerade Wiesbaden, wenn nicht gar Deutschland oder das gesamte zugeschissene Universum, mit einer tatsächlich sensationellen Punkscheibe der aus dem polnischen Antifa-Umfeld stammenden Band EL BANDA. Womit wir auch gleichzeitig die Sommerpause von 3,40qm beenden.

EL BANDA - PRESEJDZIE CI EL BANDA

Es ist nicht leicht, Informationen über das Quintett zu finden - was man findet ist meist in polnischer Sprache gehalten und der Google-Übersetzer - nun, er tut sich nicht wirklich leicht. Was indes herauszufinden war: El Banda sind aus den Trümmern der gar nicht mal so unberühmten Post Regiment auferstanden, wurden im Jahr 2003 in Warschau gegründet und haben mit Sängerin Matki Zajdel praktisch ein Urgestein des polnischen Punkrocks am Mikro.

Die hier präsentierte Scheibe "Prezejdzie Ci El Banda" wurde im Jahr 2007 veröffentlicht und ist eine taufrische, bretthart und kristallklar inszenierte Punkrockabfahrt. Absolut melodiös und durchaus eingängig, drückt die Truppe aber fast durchgängig das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Und selbst wenn das Midtempo hier und da verzückt herüberwinkt, gleitet die Musik niemals in den seichten und angepassten Dreck ab, den einige heute tatsächlich als Punkrock bezeichnen. Dafür sorgt alleine Matki mit ihrem herrlich rauhen Organ und den hart und kantig klingenden polnischen Worten. Sie steht offenkundig im Fokus der Scheibe, aber wer die Ohren ein wenig weiter aufsperrt und ein wenig tiefer gräbt, wird erkennen, dass die ungemein treibende Schlagzeug- und Gitarrenarbeit der heimliche Star von "Prezejdzie Ci El Banda" ist. Hinzu kommt die allgegenwärtige Dunkelheit, die Melancholie, der Zorn, der Wahnsinn aus denen sich eine in weiten Teilen des Albums geradewegs luftabschnürende Intensität entwickelt.

Wie ich kürzlich direkt vom Pasazer Label erfuhr, liegt die Band gegenwärtig auf Eis, nachdem im letzten Jahr das bisher letzte und immer noch aktuelle Album "Skutki uboczne" (engl. "Side Effects") erschien. Auf diesem Werk zieht die Band schlussendlich alle Register und weitet den Punkrock-Begriff in Teilen bis hin zum Freejazz aus. "Ein Konzeptalbum über Liebe, Unterdrückung und Sexualität." schreibt Plastic Bomb. Ein Werk für die nächste Entdeckungsreise.

Anbei eines der stärksten Stücke von "Prezejdzie Ci El Banda" via Youtube. Glasvitrinen vorher eventuell in Sicherheit bringen.



Erschienen auf Pasazer Records, 2007

31.07.2011

Bitte nicken Sie....JETZT!


PAUL WHITE - MY GUITAR WHALES

Das Classic Rock-Sample zu Beginn des Titeltracks verstört zunächst, und der Bruch in einen psychedelischen, schamanischen Kirmesschunkler mit stoischem Beat und vermeintlich afrikanischen Stimmsamples ist nicht unbedingt leichter zu verdauen. Wer es schafft, "My Guitar Whales" öfter auf den Teller zu wuchten, wird jedoch nach ein bisschen Eingewöhnungszeit mit dem etwas kruden Gebimmel-Gebammel-Rabumm recht flott warm. Auf der Flip geht es mit "The Bright Future" etwas straighter weiter, auch wenn hier wieder der Anfang verwirrt: drei Sekunden Synthie-Pop münden in fünf Sekunden Flying Lotus-Verschachtelung, bis ein feines Pianosample die beiden Enden zusammenführt und es mit Kaffee, Kuchen und einem Ausritt auf Englands grüne Wiesen endet. Das dazu passende Album heißt übrigens "Paul White & The Purple Brain" und basiert ausschließlich auf gesampelter Musik des nahezu unbekannten schwedischen Psychedelic-Gurus ST Mikael. Klarer Fall: hier wird dem Tablettenmissbrauch Tür und Tor geöffnet.

Als Goodie könnt ihr euch HIER die neue Single aus dem am 21.8. erscheinenden Album "Rapping With Paul White" herunterladen. Mit dabei: Detroits Guilty Simpson.

30.07.2011

Omega


SOFA SURFERS - BLINDSIDE


Eine der rätselhaftesten Bands der letzten Jahre. Seitdem sich die Sofa Surfers mit ihrem selbstbetitelten Album im Jahr 2005 fast gänzlich vom Dub, Downbeat und Techno als ihr bisher bekanntes Terrain entfernten, kann ich sie weder musikalisch eindeutig verorten, noch kann ich mit Sicherheit sagen, ob ich Ihnen zu- oder abgeneigt bin. Und während ich diese letzten Wörter schrieb, schoss plötzlich ein Gedanke in den Kopf, den ich - ganz ehrlich! - bis dato noch nicht mal als weit entfernte Option auf dem Schirm hatte: ich könne die Musik der Österreicher ja auch ganz unaufgeregt mit einem Schulterzucken und einem "Is' ja ganz nett." abkanzeln. Und wenn alles geht, so geht das eben nicht.

Dafür beschäftigt mich die Band viel zu sehr, und diese Auseinandersetzung geht durchaus über die Frage nach Sympathie oder Antipathie hinaus. Ich bin außerdem auch nach einem (fantastischen) Livekonzert und dem letztjährig erschienenen "Blindside"-Album nicht wirklich weiter gekommen. Indes, "Blindside" ist deutlich gereifter als das auch "Das rote Album" genannte "Sofa Surfers"-Werk. Ich hatte schon vor sechs Jahren den Eindruck, dass die Band an mancher Stelle orientierungslos, fast ängstlich wirkt. Andererseits, wer will es Ihnen verdenken? In den Sound der Sofa Surfers hielten plötzlich ein echtes Schlagzeug und eine echte elektrische Gitarre Einzug, zudem kam mit Sänger Mani Obeya ein Mann in die Band, der mit einer umwerfenden, souligen und dunklen Stimme meine durchaus als "fixiert" zu bezeichnende sexuelle Orientierung nochmal in Frage stellen könnte. Das neue Klangbild hatte mit der Abstraktheit und Distanz der früheren Arbeiten nichts mehr zu tun, das Gegenteil war der Fall. Es hatte etwas von einer intimen Proberaumsession, an der man als Zuhörer teilnahm. Das deutliche Bekenntnis zur Rockmusik nicht zu vergessen. Und dann schaute hier und da auch mal der Trip Hop um die Ecke - ein Genre, das die neunziger Jahre ja niemals hätte überleben dürfen, wenn man mich fragt aber das ist wieder eine andere Diskussion. Und außerdem fragt mich auch nie jemand.

Auf "Blindside" macht vieles mehr Sinn als auf dem Vorgänger, die Songs sind spannender und mit größerer Raffinesse arrangiert. Sie haben mehr Luft zum Atmen, und vor allem Obeya scheint sich wohler in seiner Haut zu fühlen. Wo er auf "Sofa Surfers" mit dem Anspruch und der Vision einiger Songs noch überfordert schien, hat die Band offenbar genauer darauf geachtet, seine oftmals melancholische, gar manchmal an der Grenze zur Apokalypse entlangtänzelnden Stimme, angemessen in die Pinselstriche der Musiker zu vermischen und -wischen. Das Ergebnis ist paradoxerweise kristallklar, und ich glaube, wenn ich ein Problem mit der Musik des Quintetts habe, dann ist es am Ende des Tages tatsächlich die architektonische Reinheit, die auch vom Brodeln der Trip Hop-Elemente nicht besudelt werden kann.

Das hat zweifellos seine Momente - tatsächlich hörte und höre ich "Blindside" regelmäßiger als so manch andere Scheibe in der Sammlung, der ich ein eindeutigeres und in der Folge positiveres Urteil ausstelle - und es ist vor allem die ruhigere und nokturnere B-Seite, die ich angesichts so toller Songs wie "Sinus" oder "100 Days" gar als ausnahmslos gelungen bewerten würde. Und doch ist da dieser auf- und abspringende Gedanke, der mir beim Hören unentwegt "Die sind noch nicht fertig, die sind noch nicht angekommen, das wird alles noch besser, schöner und größer!" in die Synapsen triggert.

Ich bin sehr gespannt, wie das mit den Herren weitergeht. Und solange das so ist, kann ich die initiale Frage nach der Zu- und/oder Abneigung ja ganz klar positiv beantworten.

Erschienen auf Monoscope, 2010.

23.07.2011

Neunziger (5)

WORLD-FUCKIN'-CLASS!!!!!!!!!!!!!

FFS! AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH


22.07.2011

Nur für den Fall....

...dass ihr denkt, der Musikexpress sei das furchtbarste Schreckgespenst in der Springer-Geisterbahn im Themenkomplex "Musik" und "Journalismus", und dass es viel schlimmer nicht mehr ginge:

Doch, geht.

16.07.2011

It's a Love/Love Relationship





SACRED REICH - THE AMERICAN WAY


Eine komplett aussichtslose Situation. Der damals noch 13-jährige Florian belatschert seine Erzeuger über einen Zeitraum von gut sechs Wochen täglich, ihn doch bittebittebitte alleine zu diesem einen Konzert gehen zu lassen. Der eigentlich zur Begleitung abkommandierte Bruder ist zu diesem Termin abkömmlich, aber es muss sein: ich muss da hin!

"Es ist doch ausgerechnet an meinem Geburtstag. Da bin ich ja dann schon 14."

Ich weiß es noch wie heute: meine Eltern nahmen mich damals zum allmonatlichen Kegelabend mit und auf dem Heimweg hörte ich dann die so lange ersehnten Worte.

"Also gut. Aber der Papa fährt Dich hin und holt Dich auch wieder ab. Und um 23 Uhr ist Schluss."

Ich habe die folgende Nacht vor Freude nicht geschlafen.

Das Line-Up dieses Abends liest sich wie der feuchte Traum eines jeden Thrash Metal Fans: die Bay Area-Legende Heathen, die ihr gerade geborenes Album "Victims Of Deception" promoten wollen, gehen als erste Band des Abends auf die Bretter, die Brasilianer von Sepultura holzen mit ihrer letzten guten Scheibe "Arise" im Gepäck als Headliner alles um, und in der Mitte wollen Sacred Reich ihr "The American Way"-Album vorstellen, das ein Jahr zuvor in Europa veröffentlicht wurde, und das ich zu jenem Zeitpunkt schon in- und auswendig kannte.

Sacred Reich stammen aus dem US-Bundesstaat Arizona und veröffentlichten bis zur ersten Bandauflösung im Jahr 2000 insgesamt vier Studioalben. Drei EPs und ein Livealbum vervollständigen die Diskografie. Das zweite Studioalbum "The American Way" erschien 1990 und gilt heute, wie auch das Debut "Ignorance", als Klassiker des Thrash Metals.

Das ist einerseits verwunderlich, denn "The American Way" hat mit den High Speed-Thrashern, die auf "Ignorance" und der großartigen "Surf Nicaragua"-EP zu finden waren, nicht mehr viel zu tun. Bis auf einige rare Geschwindigkeitsausbrüche regiert das Mid-Tempo und ein geradewegs höllischer Groove, der insbesondere vom eigentlich recht simplen, aber ungeheuer originellen Riffing entwickelt wird. Für jene Zeit ist das schon durchaus ungewöhnlich, und auch wenn die Thrash Metal Fans zu jener Zeit mit einigen Soundkorrekturen ihrer Lieblingsbands leben mussten (= zu kämpfen hatten), kratzten sich 1990 nicht wenige am Kopf und fragten sich, ob das eigentlich noch der pure, reine Thrash Metal sei. Darf man das eigentlich noch gut finden? Und damit kommen wir zum Andererseits: Ja, das musste man sogar gut finden. Eigentlich bleibt einem bei Riff-Granaten wie dem zunächst etwas sperrigen Opener "Love...Hate", dem fantastischen Titelsong, dem Groove-Monster "The Way It Is", dem endzeitlichen "Crimes Against Humanity", oder der Hymne "Who's To Blame?" gar nichts anderes übrig: das ist alles (!) viel zu gut. Sacred Reich loten hier keine Extreme aus - bis auf extrem gutes Songwriting: das Quartett hat mit "The American Way" ein beeindruckend kompaktes Album geschrieben und an das Ende sogar ein experimentelles Funkrock-Intermezzo namens "31 Flavors" gesetzt, das mit Bläsern und einem Bootsy Collins Gedächtnis-Basslauf überrascht und textlich den Spirit der Band auf den Punkt bringt:

I love the Chilis
freaky, uplift, mother's milk
Faith No More
Mike Patton's voice is smooth as silk
Metallica's
music makes me want to rage
Sting's lyrics
have something to say
Jimi Hendrix
plays guitar like a no one else
Black Sabbath
Ozzy's voice is sick as hell
Prince, Fishbone, NWA
these are the things that I like to play
Mr. Bungle
is so very cool
so don't be
an ignorant fool
there's so much music
for you to choose
so don't just be
a metal dude
it's cool fool






Vermutlich wäre ein solches Stück mit einem solchen Text angesichts der damaligen sehr sturen und engstirnigen Szene für jede andere Band das kommerzielle Todesurteil gewesen, aber Sacred Reich waren auch aufgrund der im Mittelpunkt stehenden, sozialkritischen und politischen Texte viel zu glaubwürdig, um hier einen billigen Marketing-Trick zu unterstellen. "Who's To Blame?" griff die Anschuldigungen gegen Judas Priest und Ozzy Osbourne auf, sie seien für den Selbstmord von Jugendlichen direkt verantwortlich. "Crimes Against Humanity" richtet sich gegen die Umweltverschmutzung, "The American Way" beschreibt den Zerfall der US-amerikanischen Gesellschaft mit der Zeile "No truth, no justice...The American Way.", mit der darüber hinaus seither die Konzerte der Band eröffnet werden.
Apropos "Konzerte", Teil 1: die Buben sind seit 2007 wieder mehr oder minder regelmäßig live unterwegs - sogar in der Alten Welt. Zur Festivalsaison gibt es eigentlich jedes Jahr die Möglichkeit, die quietschfidele Truppe auf einer Clubbühne zu sehen. Was ich hiermit ausdrücklich empfehlen möchte.

Apropos "Konzerte", Teil 2: Der Abend im Juni 1991 war selbstverständlich denkwürdig. Ich werde niemals vergessen, wie mein Vater, stilecht im burgundfarbenen Pullunder und mit brauner Wildlederjacke und Schnauzbart bewaffnet, die Tür zur Halle im Frankfurter Volksbildungsheim just in dem Moment öffnete, als Andreas Kisser zu einem Gitarrensolo ansetzte, und Papa sich also in Nullkommanix mitten im Pulk bekiffter und besoffener Thrash-Assos befand und mit besorgter Miene Ausschau nach seinem Sohn hielt. Der, ebenfalls selbstverständlich, mit einem sauberen Tinnitus auf den Heimweg geschickt wurde und der "The American Way" seitdem nicht mehr von der Seite weicht.

Erschienen auf Roadrunner, 1990.

08.07.2011

Lee Morgan - Charisma


LEE MORGAN - CHARISMA

Das Entdecken von alten Lee Morgan Alben aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts (wie das klingt, ey...) ist immer eine Investition von Zeit und Geld wert. Denn auch wenn der Trompeter zu jener Zeit eine Blue Note-Session nach der anderen aufnahm, und der geneigte Beobachter alleine ob der Menge des Outputs hinsichtlich der Qualität leicht skeptisch die Stirn zunzeln könnte, ist wenigstens mir persönlich keine einzige auch nur mittelmäßige Aufnahme von ihm bekannt. Was alle Sessions miteinander verbindet: der Soul. Der Blues. Der Funk. Und die Tatsache, dass sich hier immer die Krönung der damaligen Jazzmusiker versammelte. Auf "Charisma" tummeln sich Hank Mobley (ts), Jackie McLean (as), Billy Higgins (dr), Paul Chambers (bs) und Cedar Walton am Piano.


Nach seinem drogenbedingten Absturz zu Beginn der 1960er, der Abreise aus New York und einer eingelegten Zwangspause in seiner Heimatstadt Philadelphia, kehrte Morgan 1963 wieder zum Big Apple zurück, unterschrieb einen Vertrag bei Blue Note und legte mit der Veröffentlichung von "The Sidewinder" praktisch aus dem Stand einen künftigen Klassiker vor. Auch wenn Morgans Karriere selbstverständlich schon viel früher, mit regelmäßigen Aufnahmesessions als Leader ab 1956, sowie als Sidekick von Art Blakey and The Jazz Messengers, Hank Mobley oder Jimmy Smith, begann, schlug erst der funkige, mit sattem Boogaloo-Rythmus ausgestattete Titeltrack von "The Sidewinder" so richtig ein. Morgan versuchte in den kommenden Jahren mit zum Teil durchaus ähnlichen Themen und Ansätzen ("The Rumproller") an diesen Erfolg anzuknüpfen, was ihm aber nicht mehr gelang. Trotzdem blieb er bis zu seinem Tod 1972 (er wurde von einer seiner Freundinnen in New York auf offener Straße erschossen) einer der großen Jazzkomponisten. "Charisma" wurde 1966 in den Rudy Van Gelder Studios aufgenommen, von Blue Note aber erst drei Jahre später veröffentlicht.

Was für mich auf dieser Platte im Vordergrund steht, ist der unbändige und hörbare Spaß der Musiker. "Charisma" ist über die gesamte Distanz so locker und flockig, so cool swingend, dass mein kleines Köpfchen unentwegt am Mitwippen ist. Der funkige Einstieg mit "Hey Chico" lässt schon die Glückshormone sprießen, während vor allem das nachfolgende "Something Cute" mein Favorit ist. Hier kann sich vor allem Jackie McLean, nicht erst seit gestern einer meiner ganz persönlichen Jazzhelden, mit einem tollen Solo richtig austoben. "Rainy Night", komponiert von Pianist Cedar Walton hingegen ist eine soulige, nokturne Ballade mit melancholischem Sommerurlaubsfeeling. Duke Pearsons "Sweet Honey Bee" swingt sich als Einstieg in die B-Seite zu einem ausgelassenen Turm von Lebensfreude auf. Fantastisch ist auch ganz grundlegend das Spiel von Cedar Walton, der im Hintergrund einen fluffigen Swing-Teppich knüpft und mit exakt perfektem Timing aus der Deckung herausbricht und die Erde plötzlich um die Sonne kreisen lässt. Am Ende des Tages ist er der Star dieser Session - trotz des beteiligten "Who's Who".

Außerdem ist unbedingt das tolle Coverartwork erwähnenswert, von dem ich hier einfach die Vorder- und Rückseite präsentieren muss. "Charisma" erschien als Gatefold-Cover und so ist es auch heute noch als Counterfeit zu haben. Für durchaus schmales Geld, wie ich hinzufügen möchte.

Erschienen auf Blue Note, 1969.

Lovers Melt II

Flying Lotus hat einen extrem fluffigen, von Soul, Funk und Jazz durchsetzten Sommer Mix 2011 auf der Homepage seines Labels zum kostenlosen Download angeboten.

Wenn man nicht gerade mit Rotznase, Schädelspaltung extraordinaire und Bollerhusten langsam mit der Couch zusammenwächst, sondern stattdessen lieber auf den Straßen seiner Lieblingsstadt lässig mit einem Cuba Libre oder einer schönen Erektion herumlungert und den lieben "Religionserfinder" (Malmsheimer) einen guten Mann sein lässt, dann ist das Dein Soundtrack.

Schnell zugreifen, der Scheißwinter kommt schnell genug.

Der Link zum Mix

Alternativer Link zum Mix

30.06.2011

"...und ein Paket Kies!"

Seit meiner letzten, geradewegs hündischen und eklatant ranschmeißerischen Lobhudelei auf den ehemaligen Redakteur der Titanic Stefan Gärtner ("Der Ethik Schniedel") vor drei Jahren, hat sich einiges getan: zwar ist Gärtner kein Redaktionsmitglied mehr, schreibt aber bereits seit geraumer Zeit - und geschnitten Brot sei Dank: regelmäßig - den politischen Essay im endgültigen Satiremagazin. Und hatte ich früher das Ritual, nach Eintreffen der neuen Ausgabe im Postbriefzustellempfängniskasten, zunächst die Rubriken "Briefe an die Leser" und "Vom Fachmann für Kenner" als topgesetzte Priorität zu verschlingen, haben sich Gärtners monatliche Beobachtungen des Wahnsinns in der Zwischenzeit auf die Pole-Position geschoben, und ich bin trotz des eigenen (vermuteten) wachen Blicks immer wieder erstaunt, was so mancher "verwahrloste Akademiker" (Rether) in die Zeitung schreiben darf, ohne von der Bundeswehr oder sagenwirmal: den Flippers einen schönen selbstgegrabenen, angemessen tiefen Brunnen nebst Betonschuhen gebaut/gegossen zu bekommen. Gärtner zeigt mir das so gekonnt auf, dass ich zwar immer noch kurz vor einem Halsschalgaderriss stehe, aber relativ leicht die zwei Meter Sicherheitsabstand einhalten kann, die mir einen kaum gemäßigteren, dafür aber auf jeden Fall humorvolleren Blick auf diese Brut verleihen. Kurz: irgendwann werde ich mir mit seinen gesammelten Werken die Bude tapezieren.

In der aktuellen Ausgabe hat sich Gärtner mit den "Spiegel Online"-Spektakel auseinandergesetzt - und ich stehe erneut laut applaudierend auf meinem Stapel alter ausgelesener St.Pauli Nachrichten. --> Hier geht's lang!

Stefan Gärtner schreibt außerdem als Kolumnist für das Onlinemagazin "The European".

29.06.2011

Fast richtige Wikipedia-Artikel (1)

Ja, Panik waren 2009 für den Anus Award, den größten österreichischen Musikpreis in der Kategorie Alternative/Rock nominiert.


27.06.2011

Tribe After Tribe - White Boys In The Jungle - II

Jaja, zuviel Text, viel zu lang, liest kein Schwein.

My ass!!



Tribe After Tribe (1991)

Das selbstbetitelte Album ist auch zwanzig Jahre später noch eines der beeindruckendsten Debuts aller Zeiten. Irgendwo zwischen Led Zeppelin, U2 und Pink Flyod, den zarten Anfängen
des Alternativerocks ("Als ich zum ersten Mal Janes Addiction live sah, musste ich fast weinen." - Robb) hat das Trio ihre afrikanische Tribalmusik eingebaut. Das Ergebnis ist ein siedender, groovender, völlig klischeefreier Rock-Cocktail, geschmückt mit poetischen und spirituellen Texten, afrikanischen Chören und Schreien, extatischen Jamsessions und revolutionärer Aura. Praktisch jeder Song ist ein Volltreffer: ob wir vom ruhigen und ungewöhnlichen Einstieg "Remember" oder vom folgenden, tödlich groovenden "Build A Subway" sprechen, ob vom 10-Punkte-Hammer "The Mode" oder vom Underground-Hit "White Boys In The Jungle", vom anrührenden "Out Of Control" oder der originellen Gänsehaut-Ballade "Just For A While"
- "Tribe After Tribe" bleibt sensationell gut.




Love Under Will (1993)

Zwei Jahre nach dem Debut erscheint mit "Love Under Will" der Nachfolger - ein überlanges Opus, das auf Vinyl als Doppel-LP erscheint. Die Band klingt einerseits dunkler, zum Teil sogar härter, andererseits grundlegend etwas anschmiegsamer. Aus meiner Sicht alles eine direkte Folge des deutlich gestiegenen Psychedelic-Levels. Tribe After Tribe wurden eine Spur komplexer und verschachtelter. Der auf dem Debut noch hier und da aufblitzende straighte Riffrock ist zugunsten einer brütendenden, betörenden Atmosphäre zurückgewichen. Als ich die Scheibe kürzlich nochmal hörte, war ich überrascht wie unfassbar gut "Love Under Will" auch heute noch klingt. Die Produktion von Jim Scott ist reichhaltig und drückend, ohne dabei den Songs die Luft ab zu schnüren. Die Tribal-Jams wurden ausgebaut und nochmals verfeinert (der neue Drummer: der unglaubliche Chris Frazier), woraus sich noch zwingendere und detailreichere Grooves entwickelten, die umgehend in die Beine gehen. Wer zum Fick kann hier noch stillstehen?

In der Folge ging die Band mit Pearl Jam auf US-Tournee. Und was vielversprechend begann, endete in einem Fiasko. Ich hatte vor fünf Jahren (meine Fresse, schon wieder fünf Jahre rum!) das große Glück und die Ehre, mit Robbi Robb ein Interview zu führen, in dem er folgendes zu Protokoll gab: "Jedesmal, wenn wir in der Vergangenheit einen Vetrag unterschrieben haben, bekamen wir die allerbesten Reaktionen unserer Plattenfirma. Sie taten wirklich alles für uns. Dann schickten sie uns auf Tour und zack, sie gingen Pleite. Unser Video geht auf Nummer eins der Top 75-Charts in Amerika, es steht sogar über Bowie und Madonna. Wir sind die Nummer eins für volle drei Wochen! Aber wir haben keine Plattenfirma. Pearl Jam beknieten uns "Lasst uns zusammen auf Tour gehen, lasst uns zusammen auf Tour gehen!!!", und unsere Plattenfirma geht Pleite. In Europa spielten sie unsere Single "Ice Below". Überall. Aber wir hatten kein Label. Sowas passierte jedesmal, fünf mal bis jetzt. Das ist verrückt, oder?"

Es dauerte vier Jahre, bis das nächste Tribe After Tribe-Album erscheinen sollte - und im Grunde war da schon die Messe gelesen. In Europa hatte man die Band bis auf eine Handvoll Clubshows nicht sehen können, in den Staaten versackte zuerst die Plattenfirma und dann Robb nebst Gefolge. In den vier Jahren, in denen Tribe After Tribe auf Eis lagen, nahm Robb mit dem Pearl Jam-Bassisten Jeff Ament das Debut des Three Fish-Projekts auf. Auf dem Album sollte auch der spätere Tribe-Drummer Richard Stuverud erstmals im Robbi Robb-Kosmos zu hören sein. Der, das möchte ich unbedingt hinzufügen, seinen Vorgängern in Nichts nachsteht. Der Typ ist ein Monster, einer der allerallerbesten Schlagzeuger, die ich jemals sah. Und hörte.



Pearls Before Swine (1997)

Praktisch aus dem Nichts erschien das vierte Album "Pearls Before Swine" auf Bullet Proof/Intercord im Frühjahr 1997. Neben Robb und dem erwähnten Richard Stuverud zählten Doug Pinnick von King's X, Joey Vera von Armored Saint und Jeff Ament als Bassisten zum neuen Lineup, nachdem Robbis jahrelanger Sidekick Robby Whitelaw aufgrund seiner Arbeit auf dem Bau und der damit verbundenen angeschlagenen Motorik seiner Finger und Hände aufgeben musste. Auch "Pearls Before Swine" ist ausufernd und ähnlich ambitioniert wie sein Vorgänger, wirkt aber im Ganzen etwas aufgeräumter. Für mich sind Tribe After Tribe hier bei ihrem Sound angekommen: "Pearls Before Swine" bündelt alle Qualitäten der Band zu einem spacigen, trippigen, psychedelischen, extatischen Groovemonstrum, das zwischen berauschenden Brechern wie "Fire Dancers" und "Boy" (Was für ein Riff! Was für ein Beat!) und besinnlichen, tiefen Folk-Balladen wie "Ballad Of Winnie" umhertanzt. Wenn man mir die Pistole auf die Brust setzt und mich nach meinem liebsten Tribe After Tribe-Album fragt - ich würde wohl letzten Endes "Pearls Before Swine" antworten. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Band bei der folgenden (ersten offiziellen) Europatournee 1997 in Frankfurt erleben konnte und somit eine nähere Verbindung gerade zu diesem Album aufbaute. Auch so ein Abend, der mir auf immer unvergesslich sein wird. Aber das nur am Rande. Hallo Christoph!


Enchanted Entrance (2002)

1999 erschien das zweite und bis heute letzte Three Fish-Album "The Quiet Table" und dann folgte der nächste Schicksalsschlag: Robb verletzte sich bei einem Surfunfall so schwer an der Hand, dass über fast 2 Jahre nicht an Gitarrespielen zu denken war. Die nach dieser Zwangspause veröffentlichte fünfte Tribe-Scheibe "Enchanted Entrance" war dann der nach dem kommerziellen auch der künstlerische Bruch. Zum einen waren fünf Jahre Pause selbst dem loyalsten Europäer mittlerweile zuviel, zum anderen machte sich alleine am Sound des Albums bemerkbar, dass die Band mittlerweile kleine Brötchen backen musste - viel kleinere Brötchen. "Enchanted Entrance" klang, mit neuer elektronischer Schlagseite, seltsam dumpf, fremd und unfertig. Im Vergleich mit den druckvollen und glasklaren Produktionen aus den Neunzigern, zog die Platte eindeutig den Kürzeren. Was sich auch bei den Songs fortsetzte: die Kompaktheit war dahin, viele Songs wirkten wie Skizzen. Und auch, wenn es eine Handvoll guter Tracks zu hören gab, blieb man mit einer kleinen Enttäuschung hinter den Erwartungen zurück.


M.O.A.B. - Stories From Deuteronomy (2008)

Es vergingen erneut sechs Jahre, bis "M.O.A.B. - Stories From Deuteronomy" das Licht der Welt erblickte. Ein überaus ambitioniertes Konzeptalbum über "die fatale Absurdität überkommener Glaubenssysteme, die von nur allzu menschlichen Missgriffen geprägt sind, und nun, nach 2000 Jahren, unsere Welt zu vernichten drohen" (Bandinfo). Auch hier bekam man das Soundproblem nicht in den Griff: "M.O.A.B." klang noch dumpfer und mumpfiger als der Vorgänger. Und auch wenn man hörbar versuchte, sich auf die früheren Stärken zu fokussieren und zu den leicht metallisch angehauchten Riffs zurückkehrte, blieben viele Versprechen uneingelöst. Der bis heute letzte Versuch der Band, doch nochmal Fuß zu fassen, ersoff geradewegs im Klischee. Wenn man alles von der Band kannte - das war neu. Als ich beispielsweise meinen Bandkollegen vorschwärmte, wie toll die Band sei und freudestrahlend auf der Rückfahrt vom Proberaum zum ersten Mal das Album im Auto auflegte, erntete ich nur fragende Blicke. Die Magie, die tiefe Verbundenheit mit der Welt, den Menschen, dem Universum waren wie weggeblasen. Und was bis dato undenkbar schien, wurde Wirklichkeit: "M.O.A.B." fand sich nur wenige Tage (und drei Hörversuche später) auf Ebay wieder.

Live ist die Band an einem guten Tag nachwievor schwer zu schlagen, hier entfacht sie die Magie und das Feuer, hier bittet Zeremonienmeister Robbi Robb zum legalen Durchdrehen auf Rezept, hier flutet die Energie der Band das komplette Nervensystem. Aber ob ich wirklich nochmal ein Studioalbum von ihnen benötige, wage ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu bezweifeln. Andererseits: Robb und Gefolge sind Stehaufmännchen - warum sollten sie denn nicht nochmal die (letzte?) Kurve kriegen? Ich behalte sie weiterhin mit einem Auge im Blick, denn ich würde trotz einiger Enttäuschungen immer noch ziemlich viel für ein weiteres Erweckungserlebnis geben.

Die Hoffnung stirbt, wenn der Eistee ausgegangen ist.

Eistee für alle.

26.06.2011

Tribe After Tribe - White Boys In The Jungle - I


Lange geplant, nun endlich sowas ähnliches wie Realität: ein Blogeintrag über Robbi Robb und seine Formation Tribe After Tribe. Hurra!

Ich vermute, was mich bisher abschreckte, das Thema in der gebotenen Ausführlichkeit zu behandeln, war der Umfang der Lebensgeschichte Robbs. Einerseits will ich nur ungern mit seitenlangen Ausführungen langweilen, andererseits verlangt eine Auseinandersetzung mit einem solchen Mann und seiner Musik eben Zeit und außerdem ein paar Textzeilen mehr. Aber es hilft ja nix, packen wir's an.

Robbi Robb wächst im ehemaligen südafrikanischen Apartheidstaat unter ausgesprochen schwierigen Bedingungen auf. Sein Vater verlässt die Familie, als Robb gerade mal vier Jahre alt ist. Nach einer Odyssee durch Internate und Kinderheime lebt er für zwei Jahre bei seinem Vater im Rassisten-Bezirk Orange Free State. Mit zunehmender Verwahrlosung kümmert sich fortan wieder seine Mutter um ihn und unterrichtet ihn in Mythologie, Literatur und Kunst. Sie war es auch, die ihm später zum ersten Mal Led Zeppelin und Janis Joplin vorspielen sollte.

Robb reißt mit 14 Jahren zum ersten Mal von zu Hause aus und versucht die Grenze zu Mosambik zu überqueren - wo er in den Bergen von einem Stammeshäuptling aufgegriffen wird, bevor er als Mittagessen für die zahlreichen Raubtiere endet. Anschließend wandert er dann auch erstmals ins Gefängnis. Mit 17 Jahren will Robb die Straße kennenlernen und landet auf seinen Reisen bei einer Hippie-Kommune. In späteren Interviews erwähnt Robb immer wieder Neil Agget, einen Gewerkschafts- und Arbeiterführer, der ihm in Politik unterrichtete, ihm die südafrikanischen Verhältnisse erläuterte und dessen Erfahrung und Spiritualität großen Einfluss auf Robbs Leben haben sollten. Robbs spätere Karriere als Agitator fand zu jenen Zeiten ihren Anfang:"Das war der Grund, warum ich auf der Bühne und in den Songtexten die Wahrheit hinausgetragen habe." Und weiter:"Agget war der erste Weiße, den die Polizei im Gefängnis ermordete."

In Soweto, einer für Weiße eigentlich verbotenen Zone, spielt er in einer schwarzen Jazzband und entwickelt damit ein Gespür für das Elend der schwarzen Bevölkerung. Robbs erste eigene Band nennt sich Asylum Kids, eine Punkformation, auf deren Konto eine der ersten Indieveröffentlichung Südafrikas überhaupt geht. Robb:"Eine sehr, sehr, sehr gute Band. Ich war ziemlich abgefuckt zu jener Zeit und ich erkannte damals nicht, wie gut diese Band wirklich war. Bis ich eines Tages, zehn Jahre nachdem sich die Asylum Kids aufgelöst hatten, ein Video von uns sah. Und eines konnte ich an dieser Musik nicht begreifen: die Komplexität der Arrangements. Ich meine, wir waren eine Punkband, aber wir hatten soviele Songparts. Das ist normalerweie etwas, was mir bei Led Zeppelin einfällt..."Wow, soviele Parts!"...ich weiß nicht, wie wir das damals machten." "Schoolboy" heißt die Debutsingle, die im Radio verboten wird. Aber da ist es schon zu spät: "Schoolboy" hat sich da schon lange zum Protestsong der Unterdrückten entwickelt. Ein Konzert der Band vor 35.000 Leuten (!) wird von der Polizei nebst einer schönen Hundestaffel (!!) gestürmt. Robb versteckt sich zunächst im Drumriser, wechselt später bei einem Freund die Klamotten und kann entkommen.

In Swasiland hören Robb und sein Asylum Kids-Gefährte Robbie Whitelaw nachts die zeremoniellen Trommelrythmen aus dem Dschungel. Die beiden nehmen Kontakt mit den Eingeborenen auf und gründen wenig später Tribe After Tribe.

Die EMI nimmt die Band trotz (oder gerade wegen) ihres Protest-Images unter Vertrag und veröffentlichen im Jahr 1985 das Album "Power", das zum damaligen Zeitpunkt noch von britischen Wavesounds inspiriert ist. In Südafrika avanciert das Album zu einem nationalen Hit. Es folgen Benezifshows für Minenarbeiter, Kriegdienstverweigerer und Polizeiopfer - was den Behörden logischerweise so gar nicht gefällt. Tribe After Tribe sehen sich zunehmend einer organisierten politischen Verfolgung ausgesetzt. Radiostationen werden auf der Suche nach Beweismitteln durchsucht, die Band wird im Wald von der Geheimpolizei zusammengeschlagen ("als letzte Warnung" - Robb), ihr Schlagzeuger wird festgenommen und erhängt sich angeblich in seiner Zelle, ein Freund der Band wird von der Polizei erschossen. Robb sagte später, die übrigen Mitglieder hatten die Sorge, dass sie die nächsten Gefangenen oder gar die nächsten Toten sein könnten, zumal ein Gesetz erlassen wurde, das subversive Künstler ins Gefängnis bringen konnte:"Den Namen Mandela öffentlich auszusprechen war verboten. Ich habe mich vor 10.000 Leuten auf die Bühne gestellt und vom "großen Löwen" gesprochen - jeder wusste, wer gemeint war. Ein anderes Mal habe ich vor 120.000 Menschen den traurigsten Song überhaupt angekündigt - und die südafrikanische Nationalhymne gespielt. Man legte mir dann nahe, schleunigst zu verschwinden."

1986 wird die Band mit Hilfe der EMI und Menschenrechtsorganisationen ausgeflogen und beantragt in Los Angeles politisches Asyl.

Und hier beginnt sozusagen die "offizielle" Karriere Tribe After Tribes. Megaforce-Labelgründer Jonny Zazula nimmt die Band unter Vertrag und veröffentlicht 1991 das erste internationale Album der Band.

Das und noch mehr - im zweiten Teil.

19.06.2011

The King Will Rise Again




BRUCE DICKINSON - THE CHEMICAL WEDDING



Es ist mal wieder soweit: mich hat der Dickinson-Rappel erwischt. Zwei bis drei Mal pro Jahr habe ich das dringende Bedürfnis, die Soloscheiben des Iron Maiden-Frontmanns zu hören, am liebsten über mehrere Tage oder besser: Wochen, meistens ausgelöst durch das zunächst mal zwanglose Hören eines Songs von "Balls To Picasso" oder "The Chemical Wedding" via der vermaledeiten Shuffle-Funktion eines portablen Abspielgeräts - und es bleibt selten bei nur einem Stück. Die erwähnten Alben von 1994, beziehungsweise 1998 zählen für mich heute zu den Sternstunden des Dickinson'schen Schaffens: das eine, "Balls To Picasso", weil es nach dem Absprung vom bereits im Sinken befindlichen Maiden-Kutters tatsächlich den so oft zitierten Befreiungsschlag markierte und dessen Songs so viel luftiger und vielschichtiger waren als alles, was Dickinson bis dato trieb. Das andere, "The Chemical Wedding", weil es einerseits so tonnenschwer und düster, andererseits so fokussiert, so ungemein ernsthaft und fast schon intellektuell wirkte. Und vor allem letzteres gab es, bei allem Respekt, von einem Mann, der einen Text wie "Bring Your Daughter To The Slaughter" erdachte, nicht all zu häufig.

Außerdem könnte man "The Chemical Wedding" in Bezug auf die Texte und des zugrundliegenden Konzepts als letztes wirklich relevantes, weil aussagekräftiges, durchdachtes und ambitioniertes Lebenszeichens Dickinsons werten, der sich nach der Wiedervereinigung mit Iron Maiden von Bandleader Steve Harris musikalisch wie textlich lediglich durch die Manege schleifen lässt. Darüber hinaus veröffentlichte er nur noch ein weiteres Soloalbum ("Tyranny Of Souls", 2005), das allerdings im direkten Vergleich mit seinen Vorgängern das wohl schwächste des Sängers ist: nicht nur, dass hier keine echte Band mehr, sondern eingekaufte Sessionmusiker am Werkeln waren (wofür man das grandiose Roy Z - Adrian Smith - Eddie Casillas - Dave Ingraham - Gespann der beiden Vorgängeralben aufgab - und was für ein fundamentaler Verlust alleine Casillas am Bass war, Verflucht noch eins!), so wurden die einzelnen Instrumente teils mit einem großen zeitlichen Abstand voneinander eingespielt, während Dickinson seine (erneut nicht sonderlich tiefgründigen) Texte während seiner Tourneen mit Maiden zusammenstückelte. Man hört dem Album deutlich dieses Flickwerk und seine Oberflächlichkeit an - in jeder Beziehung, wie ich schnell hinzufügen möchte.

"The Chemical Wedding" ist nichts von alledem. Vom ersten Moment des extrem tiefergelegten Openers "King In Crimson" (mit über die Gitarren gespannten Bass-Saiten) mit seinen vorantreibenden Wahnsinnsriffs, über den ätherisch vor sich hin groovenden Titelsong mit seiner Über-Hookline, das klassische "The Tower" mit den fantastischen Twin-Guitars oder die beiden modernen und brettharten Adrian Smith-Kompositionen "Killing Floor" und "Machine Men", bis zum abschließenden, alles plattwalzenden Opus "The Alchemist" mit dem vielleicht besten Metalriff der letzten 15 Jahre ist das Album beeindruckend stimmig, perfekt ausgearbeitet, überaus modern und verzichtet des Weiteren als vielleicht größte Stärke auf die sonst allgegenwärtigen Klischees des Heavy Metals. "The Chemical Wedding" ist zu ernsthaft und zu detailliert, als in breitbeinigen Posen und stumpfem Headbanging zu enden. Und wo das gesagt ist: es taugt nicht zuletzt deshalb nicht zu einem Vergleich mit Dickinsons Brötchengeber. Ich empfand es immer als irritierend, dass Dickinsons Rückkehr zum Metal mit dem Vorgänger "Accident Of Birth" an jeder Ecke mit Maiden verglichen wurde. Für mich war das schon immer ein unangemessener Vergleich: In Sachen Sounds, Arrangements, Melodik und Dramatik waren Maiden und die damalige Bruce Dickinson-Band nicht mal auf verschiedenen Seiten im selben Buch - sie waren in anderen Büchern. Ich möchte den Umstand zunächst gar nicht mal unbedingt qualitativ bewerten, aber Dickinsons Solowerke klangen in meinen Ohren immer deutlich anders, moderner, straffer, frischer und schmissiger. Puh, jetzt hab' ich es doch gewertet. Mal abgesehen davon, dass Maiden mit ihrer heutigen musikalischen Fast-Food-Mentalität ein derart ambitioniertes Werk wie "The Chemical Wedding" nicht mal mehr im Ansatz hinbekommen würden. Sich auf den sicheren Allgemeinplätzen aufhalten ist viel erholsamer und außerdem erfolgreicher.

"The Chemical Wedding" ist eines der sensationellsten Metalalben der neunziger Jahre, veröffentlicht in einer Zeit, in der der Metalfan nicht viel zu lachen hatte. In Europa regierte eine Metal-Parodie namens Hammerfall, Metallica parodierten sich mit "Reload" selbst, Megadeth sollten nur ein Jahr später mit "Risk" die musikgewordene Fassungs- und Ratlosigkeit veröffentlichen, Paradise Lost waren Dank "One Second" endgültig perdue und Maiden...? Maiden hatten Blaze Bayley als Sänger und hatten gerade den veritablen Flop "Virtual XI" ausgelangweilt.

Auch wenn sich wenigstens dieses letzte Missverständnis seit 1999 aufgelöst hat: einen Bruce Dickinson in der Form von "Chemical Wedding" zu verlieren, erscheint mir gerade im Rückblick auf die letzten zwölf Jahre Iron Maiden an schlechten Tagen als unbestritten zu großes Opfer.

Junge, komm' bald wieder.






Erschienen auf Sanctuary, 1998.

18.06.2011

Und heute...?!

...heute haben wir nur noch die ganzen gestylten Schmierlappen, die meinen, sie seien Punk. Keine guten Zeiten.

09.06.2011

KXTA


PAN SONIC - GRAVITONI

Allerlei medizinisches Gerät liegt hier herum. Jedenfalls glaube ich, dass es medizinisches Gerät ist, oder besser: ich hoffe es. Und selbst die Annahme ist nicht besonders verlockend. Die silberne Schiebetür - und wie bescheuert ist es eigentlich zu glauben, es gäbe hier Schiebetüren, silberne noch dazu - ist zu etwa zwei Dritteln geöffnet, dahinter liegt ein etwa 50 Meter langer, nur unmotiviert ausgeleuchteter Gang. Zweifarbige Wände, ein frisches braun und ein flippiges blassgrün, aber so genau kann ich es auch nicht sehen. Will ich eigentlich auch nicht, ich mache mir schon ohne diese Farbkombination in die Hose. Käptain Janeway vom Föderationsraumschiff Voyager würde jetzt vermutlich entweder "Mister Paris, setzen Sie Kurs!" oder "Computer! Kaffee, heiß." sagen - Mhmmmm, Kaffee! - aber ich liege hier, nackt und kalt.

Das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt eben nur halb so lang. Gehen Sie mit ihm nach Links aus dem Bild bis vor die Haustür. Links von der Treppe befindet sich ein Busch. Diesen nehmen Sie an sich. Ich bewundere die konzeptionelle Reinheit. Geschaffen, um zu überleben. Kein Gewissen beeinflusst es. Es kennt keine Schuld, oder Wahnvorstellungen ethischer Art. Es ist die unheilige Kombination aus dumpfem Marschieren und schrill blitzendem Klappern, die Elendiges verheißt. Kommt es von oben oder von unten? Es hört sich an als sei es Millionen Kilometer entfernt. Auf dem Boden liegen etwa 2 Milimeter dünne Stahlplatten, der Schall buckelt sich platt stampfend in meine Richtung.

Ich habe...Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese...Momente werden verloren sein...in der Zeit, so wie ... Tränen... im Regen. Zeit zu sterben.

Susi ist jetzt Hackfleisch.

Erschienen auf BLAST FIRST PETITE, 2010.

31.05.2011

Unaufhörlich

GIDEON VAN GELDER - PERPETUAL

Es ist gar nicht mehr so leicht heraus zu finden, warum "Perpetual", das Solodebut des Pianisten Gideon van Gelder, es nicht in meine Top 20-Liste des vergangenen Jahres schaffte. Ich erinnere mich daran, dass ich es gerne und ausführlich hörte und das, obwohl 2010 grundlegend nicht als "Florians Jahr des Jazz" in die Geschichte eingehen wird. Und auch wenn außerdem fantastische Musik veröffentlicht wurde, im Nachgang hätte "Perpetual" durchaus und wenigstens in der "Nachzügler"-Reihe erscheinen müssen.

Aufmerksam wurde ich auf den Niederländer erstmals durch seine Arbeit mit dem britischen Soul-Sänger José James, in dessen Liveband van Gelder seit einigen Jahren spielt und mit dem er außerdem das "Blackmagic"-Album aufnahm. Im Soul-Korsett von James passt van Gelder sich sehr genau ein und folgt den Songs eher, als dass er sie prägt. Was dennoch heraussticht ist viel mehr sein warmer Ton und sein Einfühlungsvermögen, ganz besonders in den sensitiven Momenten von "Blackmagic". Was übrigens auch eine ganz großartige Platte wäre - wäre sie nur 30 Minuten kürzer. Mehr dazu vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.

"Perpetual" ist eine zeitgenössische, urbane Jazzplatte geworden. Der Einstieg mit "Wave" gerät zu einer stilistischen Vorankündig des gesamten Werks: van Gelders Kompositionen spielen mit Dynamiken und Ebenen, der wortlose Gesang von Becca Stevens ist selbst in Momenten vollständiger Gleichheit von Ton und -höhe Fixpunkt und Schleifpapier in einem. "Wave" wird gekrönt von gleich mehreren wilden Ausbrüchen, die aber seltsamerweise immer im Bereich dessen bleiben, was die Basis des Songs vorgibt. Einsame Spitzen und bodenlose Täler sucht man vergebens, die Band präsentiert sich äußerst kompakt, symmetrisch und balanciert auf dieser dünnen Linie, die "unspektakulär" und "songdienlich" voneinander trennt. Nein, viel Luft zum Atmen bleibt ihnen tatsächlich nicht. Was möglicherweise der einzige kleine Wermutstropfen an "Perpetual" ist.

Wahnwitzig freies Spiel darf man also nicht erwarten, eher durchkomponierte Songs mit überraschend großem Wiedererkennungswert und straff strukturierte Arrangements.
"Glow" ist diesbezüglich fast schon bis zum ätherischen Hauch reduziert, dabei gleichzeitig distanziert und intim. Und während die Coverversion von Joe Hendersons "Inner Urge" den Blick auf den swingenden Unterschied zwischen "Perpetual" und den Klassikern im Jazz-Kanon preisgibt, nämlich dass die 60er am Ende des Tages doch etwas luftdurchlässiger waren, hauchen "Lullaby" und "Arctic Queen" den soulig-smoothen und zeitgleich melancholischen Vibe einer zerrissenen Generation aus, der eine neue Ernsthaftigkeit ganz gut zu Gesicht stünde. Und ich hätte nichts dagegen, wenn die jungen Musiker, die - das sei nochmal ausdrücklich erwähnt - eine tolle, kompakte, und leidenschaftliche Platte eingespielt haben, den teils aufblitzenden Schwermut auf "Perpetual" in etwas mehr Risiko und Mut umwandeln würden.

Erschienen auf Kindred Spirits, 2010.

26.05.2011

"Nicht zu lange über das Gesindel reden."

Der Kabarettist Georg Schramm hat sich kürzlich in seiner sogenannten "Paraderolle" als Lothar Dombrowski bei der diesjährigen Verleihung des Kleinkunstpreises von Baden-Württemberg die im Publikum sitzenden CDU-Granden des Bundeslandes vorgeknöpft. Für knapp zehn Minuten spuckte Dombrowski im Europa-Park in Rust Gift und Galle ("Eine Landesregierung, die nicht in der Lage ist, einen Pflasterstein von einer Kastanie zu unterscheiden, hat nichts anderes verdient, als in den Orkus der Bedeutungslosigkeit gestoßen zu werden."), woraufhin sich die derart ungerecht behandelten Politiker lediglich mit "Arschloch", "Aufhören" und "Sauerei" zu helfen wussten.

Abgesehen von meiner Euphorie über die komplette Richtigkeit des Gesagten auf der einen und der Adressaten auf der anderen Seite, stellt dieser sensationelle Auftritt Schramms gleichzeitig die immer wieder vorgebrachte Kritik in Richtung des politischen Kabaretts in den Schatten, es bediene lediglich das Klientel, das sowieso schon mit den Aussagen der Redner sympathisiere, es sei ein linker, harmloser Streichelzoo. Das Setting bei dieser Preisverleihung Anfang Mai war geradewegs dazu prädestiniert, genau diese Harmlosigkeit aufzulösen und gegen sie anzukämpfen - polarisieren und provozieren, direkt in der Höhle des Löwen. Schramm wusste das. Er sollte später sagen, dass er sich eine solche Begegnung auf keinen Fall entgehen lassen wollte, auch wenn er ebenfalls zugab, dass die Dramaturgie ihm etwas entglitten sei und er hätte aufhören sollen, als die entsetzten Gesichter ihn nur noch groß anschauten. So jedoch machte er weiter, steigerte sich in einen wahren Rederausch und verließ die Bühne mit einem an den Moderator gerichtete Bitte:"Herr Mohr, geben sie dem Abend den Rest."

Wunderbar ist außerdem der große, anschwellende Applaus am Ende des unten verlinkten Audio-Mitschnitts - denn während sich die exklusiven Plätze in den vorderen Reihen empörten, feierten die billigen Plätze weiter hinten den Kabarettisten ohne Rücksicht auf Verluste ab.

"Das war Klassenkampf.", sagte Europa-Parkchef Roland Mack später.

Indeed.


Danke an Olli für den Hinweis!!!

14.05.2011

Nur mal so....

"Sind wir auf ein Plusquamperfekt vorbereitet?"

Der an anderer Stelle dieses Blogs bereits mehrfach lobend erwähnte Kabarretist Jochen Malmsheimer bestritt die zweite Hälfte seines Programms "Ich bin kein Tag für eine Nacht. Oder: Ein Abend in Holz" traditionell mit einem Dialog von Körperteilen und -funktionen im Innern eines Jugendlichen in der Disco, nicht unähnlich mit einem frühen Otto Waalkes-Sketch aus den 70er Jahren ("Milz an Großhirn - Soll ich mich auch ballen?"). Malmsheimer agiert sprachlich ausgesprochen raffiniert und detailliert, womit das gut 30-minütige Kunstwerk zwar alles andere als leicht zu konsumieren ist, sich dafür aber praktisch niemals abnutzt und sagenhaft unterhält. Malmsheimers Tempo ist beeindruckend, seine Wortkaskaden turmhoch und manchmal gar sagenhaft vertrackt, sein Witz etwas derbe, zeitgleich aber auch durchaus subtil und hintergründig. Nimmt man all das als Basis, ist es empfehlenswert, sich möglichst auf den Ablauf und die Handlung zu konzentrieren; ich sage das nicht mit oberlehrerhaftem Unterton (wobei, selbst wenn...), man verstehe es eher als gutgemeinten Ratschlag: Malmsheimer rauscht im wahrsten Sinne atemberaubend durch das Programm, und wer sich nebenher die Haare föhnt oder Sudoku-Rätsel löst, der bekommt geschätze 95% des Werks schlicht nicht mit. Und es wäre ja schade drum. Finde ich.

Das Kernstück des Programms ist nun, wie ich erst vor wenigen Tagen lernen durfte, bereits vor einiger Zeit bei Youtube aufgetaucht und da ich es nachwievor für derart fantastisch und humorvoll halte, muss ich einfach ein virtuelles Hinweisschild beschriften und einpflanzen.

Da die Hochladerin dummerweise das Einbetten deaktivierte, müsst ihr nun noch einen Klick zur Glückseeligkeit überwinden:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Der aufmerksame Hörer wird außerdem schnell bemerken: es handelt sich um eine Liveaufnahme und mein Respekt für Malmsheimer, der all das ohne einen einzigen Sprechfehler, Ausrutscher und Stotterer tatsächlich über und auf die Bühne bringt, ist ziemlich groß.

05.05.2011

Mimimimimimimimi


DREDG - Chuckles And Mr.Squeezy


Die (ehemaligen) Indie-Lieblinge Dredg bekommen derzeit kübelweise Schimpf und Schande übergekippt. Anlass ist das neue Album "Chuckles And Mr.Squeezy", das in den Ohren vieler, gefühlt gar aller alten und so furchtbar loyalen Dredg-Fans eine glatte Unverschämtheit sei. Schon einige Wochen vor der Veröffentlichung geisterten Gerüchte durch das Internet, die Scheibe beinhalte an keiner einzigen Stelle eine Gitarre, die Ausrichtung sei komplett auf die beiden Fixpunkte Elektro und Pop eingestellt. Wer all das nur ansatzweise ernstnahm, musste an das nicht mehr für möglich gehaltene Comeback des Justin Timberlake denken. Was natürlich Kappes ist, wie so manches, was dieser Tage zusammengeschrieben wird.

Dass ich der Band, soviel sei vorweggenommen, nun zur Seite springe, um sie gegen allzu unberechtigte Kritik zu verteidigen, konnte man nicht unbedingt erwarten. Wir erinnern uns: das kalifornische Quartett war bis vor wenigen Jahren ein ritzerotes Tuch für mich und auch heute sind die ersten drei Alben "Leitmotif", "El Cielo" und "Catch Without Arms" für mich nah an der Grenze der Unhörbarkeit. Die Herzallerliebste jedoch verliebte sich zunächst in mich und Jahre später tatsächlich in "Catch Without Arms", womit ich wenigstens von Zeit zu Zeit dazu gezwungen war, diesen pathetischen Mist über mich ergehen zu lassen. Ich bin ja prinzipiell total tolerant - nur noch nicht in diesem Leben.

Wie dem auch sei: der Nachfolger "The Pariah, The Parrot, The Delusion", und ich brauchte einige Zeit, das zuzugeben, gefiel mir plötzlich. Der Ansatz war plötzlich viel ungehemmter und luftiger, und was ich auf den Vorgängern bis heute als prätentiösen und aufgeblasenen Indie-Pomp wahrnehme, der zudem auf "Catch Without Arms" auch noch wie unangenehmes Blendwerk erschien, war hier wie weggeblasen. Ich habe seitdem den Eindruck, dass das die "wahren" Dredg sind. Erwartungshaltung und Kalkül wurden in die Tonne getreten und plötzlich war da Leichtigkeit und Licht. Im übertragenen Sinne, denn nur wer die Lauschlappen schon metertief im Honig vergraben hatte, konnte die unterschwellige Melancholie nicht wahrnehmen. 

Ich war in Sachen Dredg also neu justiert und die neue Platte führt den Weg des Vorgängers gnadenlos fort. Ergo: Dredg geben offensichtlich noch weniger auf die Erwartungshaltung der Fans und haben sich den schicken Ausgehanzug übergestreift, der die Band noch nonchalanter, souveräner und zügelloser erscheinen lässt. "Chuckles And Mr.Squeezy" zeigt eine nochmals gewachsene Band, die sich darüber hinaus sympatischerweise klar positioniert: keine Wiederholungen. Das gesamte Klangbild unterscheidet sich deutlich von früheren Werken, tatsächlich wirkt es staubiger und diffuser - von der fast kristallinen Struktur und Ordnung von "Catch Without Arms" oder "The Parriah..."ist wahrlich nicht mehr viel zu hören, viel mehr fühle ich mich von Zeit zu Zeit an analoge Aufnahmen aus den siebziger Jahren erinnert. Außerdem fällt schon beim ersten Durchgang auf, dass "Chuckles And Mr.Squeezy" überraschend dunkel und melancholisch ausgefallen ist, manchmal verspüre ich gar leise Anflüge von Verzweiflung und Resignation in diesen Songs, eine fast schon unheimliche unterirdische Strömung (vgl. "The Tent"). 

Ich habe keine Ahnung, was man sich einwerfen muss, um angesichts dieser Platte von "strahlendem Pop", "stupider Eingängigkeit" oder "oberflächlicher Popmusik" zu faseln. Dredg-Fans sollten doch mittlerweile aus der Pubertät rausgewachsen sein und sich auf neue, im Grunde viel variablere und vielschichtigere Musik einlassen können, ohne gleich die Kommerzialisierungskeule zu schwingen. Es zeugt in diesem Zusammenhang sowieso nicht von allzu prächtigem Hirnlicht, hinter solcher Musik millionenfach verkaufte Alben zu wittern. Distinktion my ass.

Erschienen auf Universal, 2011.

02.05.2011

Der Turm und die Brandung

SIMON SCOTT - Traba

Eine interessante Entwicklung vollzieht der ehemalige Slowdive-Schlagzeuger Simon Scott auf seinem zweiten Soloalbum "Traba". Von der Shoegaze-Ästhetik des Debuts "Navigare" ist hier fast nichts mehr zu hören, Scott läst sich auf den vier neuen Kompositionen in einen kalt und blau leuchtenden Wasserstrudel fallen, der alleine schon beim Eröffnungstrack den alles andere als schwachen Vorgänger in Sachen Vielschichtigkeit und Tiefe aussticht. Es gibt außerdem keine Experimente mehr mit einem Struktur verleihenden Schlagzeug, "Traba" droned, rauscht und schwebt durchgängig ätherisch und nicht fassbar durch den Raum.

Das überrascht umso mehr, wenn man erfährt, dass diese vier Tracks im Rahmen der "Navigare"-Sessions zwar entstanden sind, aber vor der Abgabe-Deadline nicht fertig wurden. So komplettierte Scott sie im Laufe des Jahres 2009/Anfang 2010 in seinem o3o3o Studio in Cambridge für dieses kleine und deshalb nicht all zu lange Album - letzteres möchte ich erneut als ausgesprochen positiv herausstellen. Der einzige Nachteil ist, dass die Platte nun in kürzeren Abständen umgedreht werden möchte, aber das bekommen wir ja schon noch hin.

Qualitativ betrachtet tut es "Traba" überaus gut, den Fokus auf die paar Minuten Spielzeit auszurichten. Die schwerelose Kraft, die ruhelose sedierende und die surreale, fast schon taube und erdrückende Tiefe werden somit perfekt austariert, der Scheinwerfer ist exakt auf jede verzweifelte Bewegung im Nichts gerichtet - dort, wo sich schon die großen Vorreiter wie Fennesz oder Köner bewegt haben.

Tadellos.

Erschienen auf Immune, 2010

17.04.2011

Von Tragödien und Meilensteinen - Teil 3


"Kings Of Metal" bedeutete nach dem kommerziellen Erfolg von "Fighting The World" dann den endgültigen Durchbruch - zumindest in Europa, denn im Heimathafen USA gibt es für Manowar bis heute nichts zu holen. Das sechste Album ist auch zugleich das letzte wirklich herausragende Manowar-Werk: das Quartett stellte hiermit die ultimativen Weichen für die nächsten Jahre, und auch wenn der Fokus auf Klischees und Image noch nicht so ausgeprägt war, wie auf späteren Veröffentlichungen: spätestens hier ging's richtig los. Vor allem dürften einige Herren gemerkt haben, dass man ein paar mehr Platten verkaufen kann, wenn man sein ganzes Sein auf Kriege, Schlachten und Drachen ausrichtet und außerdem die direkte Fan-Ansprache sucht. Auf "Fighting The World" war "Carry On" der Hit, der plötzlich nicht nur wegen der Musik Metaller und Rocker gleichermaßen ansprach, sondern der mit einer an sich widerlichen Märtyrer- und Opfer-Ästhetik, die seit Jahr und Tag mit der Underdog- und Außenseiter-Theorie legitimiert und aufgehübscht wird, direkt an niederste Instinkte einerseits und einen diffusen Zusammenhaltsgedanken andererseits appellierte. Auf "Kings Of Metal" hießen die Stücke "Heart Of Steel", das man den deutschen Fans zuliebe sogar in einer deutschen Version aufnahm und als Single veröffentlichte, und "Kings Of Metal", das Titelstück also, in dem "true metal people" besungen und gefeiert wurden. Eine Platte später war es "Metal Warriors", in dem "whimps and posers" aufgefordert wurden, die "hall" zu "leaven". Sowas kommt eben an.

Ein Geschmäckle hat "Kings Of Metal" also schon. Aber es hat auch nochmal sensationelle Songs, denen man zwar im Vergleich mit früheren Alben durchaus eine kleine Richtungsänderung anhört, unter dem Strich aber schlicht viel zu gut sind. Vor allem beeindruckend: die komplette B-Seite mit Legenden wie "Kingdom Come", "Hail And Kill" und "Blood Of The Kings", sowie das erneut fantastisch gesungene "The Crown And The Ring", das in Sachen Bombast und Pathos selbst für Manowar-Verhältnisse alles in den Schatten stellt. Für die übermächtigen Chöre der Nummer nahm man in der St. Paul’s Church in Birmingham auf und rekrutierte den ortsansässigen Canoldir-Männerchor. Man lebte auf großem Fuß, und was De Maio heute "Bombast" nennt, kommt ganz offensichtlich aus einer Bontempi-Kinderorgel aus der Rumpelkammer von James Last.

Aber es gab auch ernsthaftere Kritik, die man insbesondere heute nicht mehr so leicht übergehen kann, wenngleich es in der heutigen kapitalistischen End-Postmoderne weitaus Ekelerregenderes gibt. Aber man sollte das nicht relativieren, Scheiße bleibt auch 23 Jahre später schließlich immer noch Scheiße. Da ist zum einen das Stück "Pleasure Slaves", das mit seinem peinlichen Text eindeutig sexistisch und frauenverachtend ist und außerdem dafür verantwortlich war, dass der ehemalige Gitarrist Ross The Boss aus der Band ausstieg, weil er damit nichts zu tun haben wollte. Gottseidank ist der Schmutz nicht auf meiner Vinylversion zu finden (wohl aber auf der CD-Version). Zum anderen gab es Stimmen, die der Band aufgrund des Textes von "Blood Of The Kings" - und hier besonders wegen der letzten Zeile - rechtsextreme Tendenzen unterstellten:

Our armies in England, Ireland, Scotland, and Wales
Our brothers in Belgium, Holland and France will not fail
Denmark, Sweden, Norway, Finland, Italy
Switzerland, Austria
Back to the glory of Germany

- ein Vorwurf, der meiner Ansicht nach Kappes ist, und ich habe dafür durchaus ein überfeines Gespür. Manowar sind - und das wurde in den letzten Jahren ja auch an der ein oder andereren Stelle offensichtlich - patriotische Spinner und Rednecks, aber Nationalisten sind sie ganz sicher nicht. Und gerade in solchen Bereichen stellt sich mir ganz persönlich immer die Frage, was davon ernsthaft von der jeweiligen Person stammt, und was marketingstrategisches Kalkül ist. Ich bin mittlerweile bei Manowar soweit, schlichtweg alles als Marketing zu bewerten, zumal man von den Musikern und ihrem alltäglichen Leben recht wenig weiß. Vielleicht ist die gespielte Rolle als gefeierter Rockstar-Held im Lendenschurz, der in Europa auf Festivals gerne mal vor 30000 Leuten spielt, am Ende größer als das triste Leben als Klempner in einem grauen Provinzkaff in amerikanischen Osten. Das ist vermutlich die größte Tragödie dieser Band, die den Druck im Kessel mit aller Macht erhöhen wollte, und dann nicht mehr merkte, dass das Ding schon vor Jahren explodiert ist und sie nur noch von falschen Freunden, falschen Einflüsterern und Schulterklopfern umgeben sind.

Manowar waren in ihrer Blüte eine andere Band in einer anderen Zeit. Und es ist nichts Schlechtes daran zu finden, wenn man sich ab und zu daran erinnert.


P.S.: Wer wundert sich auch, dass hier fast kein Wort über "The Triumph Of Steel" aus dem Jahr 1992 steht? Okay, sei's drum: bis auf "Spirit Horse Of The Cherokee" komplett zu vergessen. Und De Maio hätte sich mal besser die Bedienungsanleitung des Drumcomputers durchlesen sollen.

E.N.D.E.

16.04.2011

"Linux? Kenn ich nicht!"

Wir unterbrechen unsere Manowar-Sondersendung für ein Kleinod aus den Untiefen des staatlichen Wahnsinns: die Münchner Staatsanwaltschaft durchsucht die Frankfurter Büroräume von Attac. Nachfolgend der Link zu dem Bericht in der Frankfurter Rundschau. Und zum Anfüttern, ein kleines Zitat (mein persönliches Highlight!):

„Die Beamten standen plötzlich in unserem Büro und sagten, wir sollen ab jetzt nichts mehr anfassen und sie würden alle 15 Computer mitnehmen“, sagt Jutta Sundermann von Attac. „Wir konnten die Ermittler dann überzeugen, dass es bei uns keine Fingerabdrücke zu finden gibt auf irgendeinem heißen Dokument, weil wir digital arbeiten.“ Daraufhin hätten die Beamten mit Hilfe von zwei extra hinzugerufenen Polizeitechnikern versucht, digital an das Dokument zu kommen, was aber an der mangelnden Kenntnis der Ermittler über das Betriebssystem Linux gescheitert sei. Schließlich hätten die Beamten das Gutachten von der Attac-Hompage heruntergeladen – wie man das von jedem Ort der Welt auch ohne Durchsuchung einfach hätte machen können. „Sie haben eine Datei kopiert, die sie auch von München aus hätten kopieren können“

Frankfurter Rundschau, 16.4.2011