13.04.2011

Von Tragödien und Meilensteinen - Teil 1


Jajajajaja, richtig gelesen. Und neinneinneinneinnein, Ihr habt Euch nicht verklickt. 3,40qm schreibt über Manowar. Es mag auf den ersten Blick etwas, äh, skurril anmuten, aber ich hoffe, ich kann es in den nächsten Blogposts (Mehrzahl!) einigermaßen verdeutlichen, warum mir die Band zumindest zu einem gewissen Teil etwas bedeutet.

Ich habe am vergangenen Montagabend die Nachricht erhalten, dass der (ehemalige) Manowar-Schlagzeuger Scott Columbus bereits vor einer Woche Selbstmord beging. Ich habe mit Manowar nun seit fast 20 Jahren nun wirklich nichts mehr am Hut, aber trotzdem beschäftigte mich die Meldung über seinen Tod. Vermutlich ist meine Irritation darauf zurück zu führen, dass ich als kleiner Steppke mit den ersten Manowar-Platten aufgewachsen bin, und ich mit einigen Werken mehr als nur "vertraut" bin. Genau genommen, und ich weiß, dass ich jetzt die Hosen ziemlich weit in Richtung Fußsohle gleiten lasse, lege ich auch heute noch ab und an mit Begeisterung "Hail To England" oder "Into Glory Ride" auf den Plattenteller. Und Drummer Columbus, der als einziger auf dem hysterisch-geilen "Into Glory Ride"-Cover in der Hocke sitzt, hatte mich genauso wie die anderen Buben über Jahre hinweg begleitet. Das prägt am Ende vielleicht doch mehr, als man es sich zunächst eingestehen will.

 Scott Columbus (1956 - 2011)


Mir ist natürlich bewusst, dass Manowar in der Form, in der sie sich nun seit spätestens 1992 befinden, auf nahezu jeder Ebene völlig indiskutabel sind. Aber es gab eben auch eine Zeit in ihrer Karriere, in der die Band so viel mehr war als diese satten Schmierlappen, die seit 15 Jahren auf Image und Marketing mehr geben als auf einen guten Song, die längst zur eigenen Parodie verkommen sind und die wissen, dass sie ihren sich zu großen Teilen aus Proleten zusammensetzenden Fans, die zur Abwechslung dann auch kein Problem damit haben, sich zu alten Onkelz-Trinkliedern die letzten dünn-glimmenden Restnerven in der rudimentär ausgebildeten Denkmurmel auszuknipsen, endgültig die allergrößte Scheiße vorsetzen können. Was sie ja dann auch mit dem bislang letzten Album "Gods Of War" bewiesen haben.

Wer diesen besinnungslosen Schwachsinn auf den letzten drei Studioalben "Louder Than Hell", "Warriors Of The World" und eben "Gods Of War" mit ihren Großtaten aus den 80er Jahren vergleicht, kann sich wohl nur noch ungläubig an den Kopf fassen und traurig denselben schütteln. 

Denn auch wenn es aus heutiger Sicht schwerfällt zu glauben, aber Manowar waren wirklich mal eine ganz großartige, kreative, hochmusikalische und vor allem ernstzunehmende Metal-Band mit technisch überaus versierten Musikern. Man mag von einem Sockenschuss auf zwei Beinen wie dem Bassisten Joey De Maio halten, was man will, aber der Typ wusste schon immer sehr genau, was er sich da einerseits auf seinem Langholz zusammenspielt und was er andererseits auf das Notenblatt kritzelte. Der Großteil aller Manowar-Songs stammt aus seiner Feder - es ist wie gesagt schwierig, das heute vorurteilsfrei ein zu ordnen, aber wenn man sich einen kurzen Ruck gibt, dann geht's schon. Und wo das gesagt ist: dass man nun seit über 15 Jahren mit Karl Logan einen Gitarristen beschäftigt, der sich in Sachen Sound, Ton, Technik und Charisma geradewegs hilflos durch die ausverkauften Konzerthallen Europas rumpeln darf, spricht ebenfalls Bände. Seine Vorgänger Ross The Boss (bis 1988) und David Shankle (1988 - 1994) spielten definitiv in einer ganz, ganz anderen Liga, auf einem anderen Planeten, in einem anderen Universum und in einer anderen Dimension.

Zwischen 1982 und 1988 erschienen sechs Studioalben der US-Amerikaner, von denen mit dem 1987er Major-Debut "Fighting The World" lediglich eines nicht an die Qualitäten der übrigen Scheiben herankommt. Und ganz eventuell muss man auch das Debut "Battle Hymns" wenigstens zum Teil aus der Wertung herausnehmen, zeigt sich doch vor allem die A-Seite sehr von härterem Rock'n'Roll aus der - nasagenwirmal: Kiss-Ära inspiriert.

 Manowar - Battle Hymns (1982)

Andererseits stehen hier mit den Titeln "Manowar" und vor allem "Battle Hymn" die ersten Klassiker auf der Matte, die erahnen lassen, wohin die Reise noch gehen könnte. Vor allem das epische fast-Titelstück ist eine überragende, ausladende Komposition mit einem gnadenlos guten Eric Adams am Mikrofon, der für die nächsten Jahre zu den Top 3-Sängern des Heavy Metals gezählt werden durfte. Adams sag zu jenen Zeiten komplett auf Augenhöhe mit Legenden wie Bruce Dickinson oder Ronnie James Dio. Was außerdem auffällt: Manowar waren hier trotz den bereits damals klischeetriefenden Texten und dem martialischen Auftreten noch sehr down-to-earth. Über die Grenzen leidenschaftlich? Absolut. Selbstverliebte, größenwahnsinnige Schlaffis? No fucking way! Bei Licht betrachtet waren Manowar in den 80er Jahren eine zu dem Zeitpunkt völlig normale Metalband, zumindest was das Image betraf. Musikalisch, und auch das bitte ich zu berücksichtigen, waren sie schon immer äußerst originell und einzigartig.

 Manowar - Into Glory Ride (1983)

Kein Jahr später erschien mit "Into Glory Ride" der zweite Klassiker. Wo der schnelle und wilde Opener "Warlord" im Ansatz noch entfernt an das Debut erinnert, haut das Quartett mit den restlichen sechs Songs mal eben echte Sternstunden des epischen Heavy Metals raus, dass es mir auch fast 30 Jahre später noch die Kinnlade herunterklappt. Die restliche A-Seite mit den völlig bestrahlten und erhabenen, leicht schmermütigen Tracks wie "Secret Of Steel", "Gloves Of Metal" und vor allem "Gates Of Valhalla", ist somit ohne weiteres Wimpernzucken mit der Höchstnote zu bewerten. Aber auch das fast schon doomige und tonnenschwere "Hatred", sowie die beiden abschließenden Longtracks "Revelation (Death's Angel)" und "March For Revenge" weichen qualitativ kaum spürbar von der vorgegebenen Linie ab. It's a fuckin' Masterpiece.

Ich erinnere mich gerade daran, dass mein Bruder es damals versuchte, mich mit "Into Glory Ride" und dem späteren "Sign Of The Hammer" anzufüttern, nachdem ich mit "Blackout" von den Scorpions und "Killers" von Iron Maiden Blut geleckt hatte. "Into Glory Ride" hatte ich mir auf ein ganz schweres Tape von TDK aufgenommen; ich weiß noch genau, wie die Kassette roch und wie schwer sie war - viel schwerer als andere Kasetten zur damaligen Zeit. Und ich habe es verschlungen. Ich habe alles verschlungen.

Und es ist verblüffend, da sitze ich jetzt hier, höre mich durch die ersten Alben, bin gerade beim Titeltrack vom 1984er "Sign Of The Hammer"-Album angekommen und befinde mich wirklich in einer Zeitmaschine. Es gibt so kleine Zwischentöne, manchmal vielleicht nur eine antrainierte Note, die nur in meinem Kopf existiert, und ich bin sofort wieder in meinem Kinderzimmer, vor meinem Plattenspieler. Es duftet nach Kaffee, mein Vater ist gerade von der Arbeit gekommen, sitzt in der Küche, hört Bayern 3-Radio und raucht Reval ohne Filter, und direkt vor mir brüllt mich Eric Adams an: 

Onward pounding into glory ride
Sign of the hammer, be my guide
Final warning all stand aside
Sign of the hammer, it's my time

Mein geistiges Auge funktioniert also noch, das ist gut zu wissen....

To be continued...

09.04.2011

Hurra - Er lebt noch!

Englands Dubstep-Meister Burial hat eine neue Single veröffentlicht, die erste Eigenkomposition seit dem "Untrue"-Album aus dem Jahr 2007. 

"Street Halo" erscheint bei seinem Hauslabel Hyperdub und ist um Längen besser als alles vom weichgespülten und viel zu gefälligen Vorgänger. Die B-Seite fällt dann mit "NYC" zwar wieder in "Untrue"-Nichtigkeiten zurück, bevor "Stolen Dog" nochmal die Kurve kriegt, aber der Titeltrack steht hell leuchtend und wie 'ne Eins im Wohnzimmer-Testlabor. 



Wer zuschlagen will, sollte flott sein: "Street Halo" gibt es meines Wissens offiziell nur auf Vinyl zu kaufen und Burial-Singles sind heißbegehrt, was die innerhalb von 2 Tagen ratzeputz ausverkaufte Auflage der Kollaboration mit Radioheads Thom Yorke beweist.

Zu kaufen bei HHV.de oder Boomkat

The Sea And Cake - The Moonlight Butterfly

Die fantastischen Post-Pop-Rocker The Sea And Cake, nun schon seit mehreren Jahren eine meiner absoluten Lieblingsbands, veröffentlichen am 10.Mai 2011 ein Lebenszeichen - das erste seit dem Erscheinen des großartigen "Car Alarm"-Albums aus dem Jahr 2008, sieht man von einer kurzfristig eingeschobenen 7-Inch Split-Single mit den Kanadiern Broken Social Scene ab.

Das neue Album trägt den Titel "The Moonlight Butterfly" und enthält insgesamt sechs Stücke:

01 Covers
02 Lyric
03 The Moonlight Butterfly
04 Up on the North Shore
05 Inn Keeping
06 Monday

Und so schaut's aus:


Und so klingt's:

UP ON THE NORTH SHORE (Freier Download von Thrill Jockey)

Der Sommer dürfte alleine damit gerettet sein. Freut Euch - ich freu' mich schließlich auch!

07.04.2011

Vorher - Nachher

Unsere kleine Farm, quatsch: Punk-Band BLANK WHEN ZERO (zu erreichen u.a. bei http://www.myspace.com/blankwhenzero) spielte am 11.3.2011 im AKZ Metzgerstraße in Hanau und Tim (http://www.myspace.com/timlachmuth) hat wunderbare Fotos von uns geschossen. Besonders schön ist der körperliche Zerfall meiner Wenigkeit innerhalb von nur 35 Minuten illustriert.

Flo um 21:35 Uhr:

Flo um 22:10 Uhr:


Heiliger Strohsack!

Mehr Fotos gibt's übrigens bei diesem Kackverein: http://tinyurl.com/639hy3r - und noch irgendwo, aber sei's drum. 

Vielen Dank, Tim!

01.04.2011

Nachzügler 2010 #5


V.A. - California Funk

Ein randvolles Doppelalbum mit den ultrararsten 7-Inch Singles des Funk aus dem US-Bundesstaat Kalifornien - es ist ein Fest für den verrückten Plattennerd, es ist der Himmel auf Erden für jeden Musikverrückten. Dabei ist der Grund für die lobende Erwähnung dieser Jazzman-Zusammenstellung in dieser "Nachzügler"-Liste nicht in erster Linie bei der Musik an sich zu suchen, sondern liegt viel mehr an zwei Punkten.

Erstens, die Aufmachung ist fantastisch und der Informationsgehalt dieser Compilation ist außerordentlich abendfüllend. Die beiden Kuratoren Malcolm Catto und Gerald "Jazzman" Short haben über 10 Jahre an dieser Veröffentlichung gearbeitet, sie haben den "Sunshine State" auf der Suche nach dem heiligen Gral des Funk durchquert, sie haben ein großes Netzwerk von Verrückten aufgetan, das sie bei ihrer Tour unterstützte. Sie haben Verbindungen gesucht und gefunden, Studios, Produzenten und Musiker besucht. Herausgekommen ist ein picke-packe volles Doppelalbum, das zumindest in der Vinylversion nur schwer zu schlagen ist. Das dicke Gatefold-Cover beherbergt in der Mitte Hintergrundinformationen über die sich langsam ins Rollen gebrachte Funkszene Kaliforniens Ende der sechziger/Anfang der 70er Jahre, über die politischen und gesellschaftlichen und nicht zuletzt kulturellen Umstände und Probleme in jener Zeit. Das ist hervorragend recherchiert und mit viel Herzblut dokumentiert.

Die LP-Taschen im Cardboard-Format sind mit Hintergründen und Details zu jedem einzelnen Track, also jeder einzelnen 7-Inch Single, bedruckt. Da lernen wir beispielsweise, dass "All Bundled Into One" der Combo Water Color eine der seltensten Platten aller Zeiten ist, mit nur noch einem einzigen in Sammlerkreisen bekannten und existierenden Exemplar. "Finding that record, it's like finding the Holy Grail" wird folgerichtig auch Produzent Rick Wild zitiert, der die Scheibe 1974 in den Love-Studios in Los Angeles aufnahm. Andere Aufsätze beschreiben Schicksale von den Verlorenen und Vergessenen, wie zum Beispiel von Leon Gardner, der Mitte der 60er Jahre sein eigenes Igloo-Label gründete und nur kurze Zeit später komplett vom Radar verschwand. Während die einen sagen, er sei schon lange tot, sagen andere, er lebe in einem Appartment in Downtown L.A., das er seit Jahren nicht mehr verlassen haben soll. Charles Wright, ein Bandleader aus Los Angeles, glaubt, Gardner sei gestorben, hätte aber die letzten Jahre seines Lebens auf einer am Hollywood Boulevard gelegenen Parkbank verbracht. Oder Artur Monday, der heute in einem Altenheim in seiner Heimat Louisiana lebt (aber immer noch regelmäßig sein Pianospiel verbessert). Oder den sehr obskuren King Solomon, der wie viele andere aus Louisiana nach L.A. zog, um dort sein Glück als Blues- und Funksänger zu suchen. Solomon tauchte in den 70ern Jahren auf verhältnismäßig vielen Platten auf und nahm später auch ein hoffnungslos unbekanntes Album namens "Energy Crisis" auf. Er soll vor einigen Jahren nach Chicago gezogen sein - aber auch hier sind weitere Informationen über seinen Verbleib noch rarer als die Platten, die er aufnahm und besang.

Die Fülle an Informationen ist wirklich überwältigend. Außerdem gibt es für jeden Track - sofern verfügbar das Studio, den Produzenten, die Stadt und das Aufnahmejahr sowie das Line-Up der Band. Wobei hier dann doch nicht selten der Satz "remaining personel unknown" geschrieben steht - die damalige Szene muss ein reiner Ameisenhaufen gewesen sein.

Der zweite Punkt, warum ich "California Funk" erwähnen muss, hängt mit den obigen Ausführungen zusammen. Die beiden Herren machen das natürlich schon clever, sie wissen schon ziemlich gut, was das Herz des Nerds höherschlagen lässt: es ist diese geheimnisvolle Mischung aus Obskurem und Mystischem, das die Künstler, die Labels, die Produzenten und die ganze Zeit mit aller verfügbaren Romantik umgibt. Da liest du den Text über Leon Gardner und fragst Dich, wie der Mann die schrillen 80er und die euphorisch-depressiven 90er erlebt hat, in welchen Umständen er lebte, mit wem er noch Kontakt hatte - oder immer noch hat. Da ist vermutlich einer da draußen, der tolle, mitreißende Musik machte, der gegen alle Widerstände gegen Afro-Amerikaner alles zusammennahm, was er an Mut und Kraft und Leidenschaft hatte und ein eigenes Label gründete, um Funk-Singles zu veröffentlichen, die heute auf Ebay im Schnitt zwischen 500 und 1200 Dollar (pro Stück!!!) einbringen und der heute völlig abgebrannt auf einer Parkbank wohnt. Wo sind sie alle hin? Was machen sie heute? Wenn, wie bereits erwähnt, das Line-Up einer Combo unbekannt ist - wer spielte denn da das Schlagzeug? Wer spielte denn da den Bass? Wo sind sie heute, was machen sie heute, was haben sie in den letzten 30 oder 40 Jahren gemacht? Es mag vielleicht etwas naiv, gar ein bisschen sensationsgeil klingen, aber mich packt das total. Ich habe schon Stunden mit den sehr ausführlichen Beschreibungen auf diesem Album verbracht und lese sie immer wieder gerne.

Eine ganz tolle Veröffentlichung - und auch wenn ich jetzt wenig bis gar nichts über die Musik geschrieben habe: Mädels und Buben, der Sommer kommt. Und ich kann nur erzählen, was ich spätestens ab Mai jedes Wochenende mindestens ein Mal tun werde: "California Funk" auflegen, die Lautstärke aufreißen und durch die Wohnung toben. Es ist tolle, mitreißende, tiefe und ehrliche (jaja, ich weiß schon...) Musik, und es tut dir gut, das selbst zu erleben. Das kann man sich ruhig mal gönnen.

Erschienen auf Jazzman, 2010.

28.03.2011

Nachzügler 2010 #4

TAPE & BILL WELLS - Fugue

Erstaunlich, was diese zunächst unscheinbare Musik alles mit mir anstellen kann. Aus irgendeinem Grund schicken mich die schwedischen Postrocker von Tape und der schottische Komponist Bill Wells auf ihrer ersten Zusammenarbeit mittels einer emotionalen Zeitreise schnurstracks in Richtung 1993/1994 zurück - und ich habe ausnahmsweise eine Ahnung, warum das so ist. "Fugue" erinnert mich an einsame Abende in meinem Zimmer in der elterlichen Wohnung, an denen ich über Stunden einfach nichts anderes machte, als den Schallplatten und CDs zuzuhören. Ich erinnere mich an eine Zeit, ich muss etwa 16 Jahre alt gewesen sein, in der ich praktisch nicht schlief und grundlegend dann, wenn sich meine Eltern ins Schlafzimmer verzogen, in Richtung Küche schlurfte, um eine ganze Kanne Kaffee zu kochen. Ich trinke übrigens schwarz, für Freunde des Trivialwissens - wer weiß, für was das irgendwann mal gut ist.

Ich machte in den letzten Jahren meiner Schulzeit...moment, streicht das letzte: ich machte während der gesamten Schulzeit eigentlich nie Hausaufgaben, aber manchmal, gerade zu jenen Zeiten, setzte ich mich nachts um drei dann doch nochmal für ein paar Minuten "auf den Hosenboden" (Westerwelle) und ich schwöre bei der sättigenden Wirkung der Kartoffel, dass, hätte "Fugue" schon damals existiert, dies mein Soundtrack gewesen wäre. Der Soundtrack zur pubertären Melancholie, in die zu Versinken sich so gut anfühlt. So gut, dass man vor lauter Zufriedenheit mit dem bittersüßen Blick auf das Leben, einen leichten Schauer auf der Haut wahrnimmt, weswegen man sich so ein bisschen zusammenkauert und abrubbelt, weil es sich für einen kurzen Moment ein wenig kühl anfühlt.

Ich erhielt "Fugue" kurz vor Weihnachten 2010, wenn ich mich recht entsinne, und mein Gefühl war und ist auch 16 oder gar 17 Jahre nach oben beschriebener Lebensphase
so unähnlich nicht. Mittlerweile habe ich die Pubertät wohl überwunden, wenngleich es auch hier bisweilen andere Stimmen geben mag, aber das nahezu besinnungslose Eintauchen
in diesen so reinen und unmittelbaren, so unverfälschten Klang der Instrumente, des Pianos, der Gitarre, der Melodica, die allesamt in jeder verliehenen Sinuswelle Verständnis, Hoffnung und Frieden übermitteln, das fühlt sich auch nach langer Zeit einfach immer noch so gut an. Vielleicht sind's diese Themen, Motive und Emotionen, die mich schon damals anstupsten und nach denen ich mich bis heute sehne, und die von Zeit zu Zeit immer wieder gesucht, gefunden und erlebt werden wollen.

Einfach nur um sicher zu sein, dass ich wenigstens die Sehnsucht noch nicht verloren habe.

Erschienen auf Immune, 2010.

25.03.2011

Nachzügler 2010 #3

RADIO CITIZEN - Hope And Despair


Schon merkwürdig, dass meine Anlaufzeit für das zweite Album des Berliner Produzenten Niko Schabel etwas länger ausfiel, als ich ursprünglich einplante. Sein "Berlin Serengeti" Debut aus dem Jahr 2006 funktionierte gleich von der ersten Sekunde an prächtig, der durchaus sonnige Mix aus Soul, Funk, Jazz und Hip Hop war nicht unbedingt schwerverdaulich, hatte aber trotzdem genug Tiefe, um nicht als banale Hintergrundbeschallung zu enden.

"Hope And Despair", für das Schabel neben seinen Arbeiten als Produzent und Filmkomponist vier Jahre benötigte, ist im direkten Vergleich nicht mehr ganz so flockig und leicht, im Gegenteil eher dunkel und ungeheuer breitwandig. Schabel selbst sagt über die unterschiedlichen Ansätze: "If 'Berlin Serengeti' was 8mm, 'Hope And Despair' is cinemascope, it's heavier, with more space and deepness." Und wer die Bestätigung dafür hören will, der riskiert ein Öhrchen beim großartigen "World", dass überlebensgroß mit einem Bläser-Orkan aus den Lautsprechern knallt, bevor es in den ruhigen Zwischentönen immer wieder subtil zwei, drei Gänge zurückschaltet und kurz darauf mittels eines kräftigen Grooves anschwillt und furios in die Höhe schnellt.

Ganz grundsätzlich wirkt "Hope And Despair" wie der Soundtrack zu einem Film, der noch gedreht werden muss, es erscheint ernsthafter und aufgeräumter. Schabel lässt sich "mehr Zeit für Bilder" (Harald Schmidt) in seinen Songs, und er hat außerdem einen größeren Fokus auf den Jazz gelegt, wie nicht nur im gleichfalls fantastischen "Isarwellen" nach zu hören ist. Unterstützt wird er dabei wie bereits auf dem Vorgänger von Sängerin Bajka (die darüber hinaus ihren eigenen Song "Summer Days" beisteuerte) und erstmals von der großartigen Ursula Rucker im Opener "Test Me", die mit ihrem typischen Flow ihre Poesie wie einen Mantel um Schabels Sounds legt. Es ist dabei faszinierend zu hören, wie es ihre Stimme immer wieder schafft, den Songs einen ganz eigenen Charakter zu verleihen. Man könnte eventuell dagegenehalten, dass sie in ihren Mitteln etwas begrenzt ist, andererseits gibt es niemanden, der Aufrichtigkeit und Stärke auf der einen und Melancholie und eine Art von Resignation auf der anderen Seite derart miteinander verbindet.

Was außerdem beeindruckend ist: "Hope And Despair" wächst praktisch mit jedem Durchlauf. Man muss sich vielleicht zunächst auf den leicht veränderten Sound einlassen, aber wenn man die ersten, etwas zähen Durchgänge übersteht und erkennt, was da im Hintergrund alles auf einen lauert, dann kommt die Neugier ins Spiel. Und dann beginnt der Spaß.

Erschienen auf Ubiquity Records, 2010.

19.03.2011

Nachzügler 2010 #2


BVDUB - The Art Of Dying Alone

Großer Gott - hätte ich nicht erst Mitte Februar Wind von diesem Album bekommen, meine Jahrescharts hätte es regelrecht zerbröselt. Seit meinem Kauf von "The Art Of Dying Alone" erklang in meinen Hallen in Hessen-Hitler-City keine andere Musik so oft wie jene des US-amerikanischen Produzenten Brock Van Wey, es gab Tage und Nächte, in welchen sie einfach auf Dauerrotation durchlief, und ich will offen sprechen: im Moment kommt nichts und niemand an ihn heran und schon gleich gar niemand an ihm vorbei.

Ich habe ja durchaus großes Glück, dass ich etwa zwei Mal die Woche im Home Office sitzen und in Ruhe arbeiten kann und es wurde in den letzten Wochen zu einem liebgewonnen Ritual, zunächst mittles der Deckenfluter ein sanftes Licht zu installieren, die Heizung hoch zu fahren, den CD-Player zu aktivieren und zu den ersten betörenden Klängen des Openers "Descent To The End" in die Küche zu schlurven, um die Senseo-Maschine (Scene-Points: -18) zu einer großen Tasse schwarzen Kaffees zu überreden. Die Stimmung, die sich daraus entspinnt, ist so friedlich, so atmosphärisch warm, so überaus romantisch und hell-neblig, dass ich mir keinen besseren Start in den Tag ausmalen mag.

Die Herzallerliebste, ebenfalls hingerissen von diesem Meisterwerk, bezeichnete die Musik als den Soundtrack zum Anklopfen an die Himmelspforte und tatsächlich versteckt "The Art Of Dying Alone" neben viel Trauer und Melancholie auch etwas Sakrales, Heiliges und Geheimnisvolles in sich, zu gleichen Teilen aber eine Reinheit und Schönheit, dass mir fast die Tränen kommen. Die mit weniger Empathie gesegneten unter uns würden sich sehr wohl langweilen, vielleicht von "orientierungslosem Rauschen" sprechen und schnell das Weite suchen, aber für die wurde diese Sammlung ja auch nicht gemacht. Ich selbst bin ehrlich gesagt auch noch nicht zum Kern dieser einhüllenden und umarmenden Musik gelangt, die Fixpunkte sind Repetition, Hall und Delay, Feedback-Drones und ohne Scheiß jetzt: ein helles Licht, dass direkt aus dem Lautsprecher in Dein Herz einschlägt. Aber warum es so funktioniert, wie es funktioniert...ich habe keinen blassen Dunst.

"The Art Of Dying Alone" ist das Schönste, was ich seit langem gehört habe, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sich künftig verdammt viel an dieser Platte messen lassen muss.

Erschienen auf Glacial Movements, 2010.

Nachzügler 2010 #1

Der Listenquatsch gehört noch rund gemacht, wenn nicht gar abgerundet, weshalb ich nochmals durch die berüchtigte Excelliste rauschte, um heraus zu finden, wer aufgrund eher unglücklichen (zu spät gehört) oder geradewegs beschallerten (Compilation, Re-Issue) Gründen noch nicht bei der großen "Best Of 2010"-Party dabei sein konnte. 

Als Ergebnis plumpsten fünf Scheiben aus dem großen Sack, die am lautesten "HIER!" geschrien haben. Ich bitte zu beachten, dass dies nun nicht der dämliche Versuch ist, die Opfer meiner Top 20-Auswahlpolitik nachträglich ins Rampenlicht zu rücken, also etwas forsch ausgedrückt: die Resterampe zu präsentieren. Alle fünf Platten wäre unter anderen Umständen locker in die Top 20 gerutscht - hätte ich sie nur früher gehört. Oder wären es keine Wiederveröffentlichungen. Oder Sampler. 

Und keine Bange, ich mach's kurz.



BOBBY JACKSON - The Café Extra Ordinaire Story

Ein gehobener Schatz aus der "Holy Grail" Re-Issues Serie des britischen Jazzman-Labels, das unter anderem bereits an dieser Stelle positiv in Erscheinung getreten ist. "The Café Extra Ordinaire Story" wurde 1966 in Minneapolis aufgenommen und erst acht Jahre später in minimaler Auflage veröffentlicht. Ein Blick auf Popsike.com verrät: der Bausparvertrag ist fällig, will man die Originalversion sein Eigen nennen.

Bassist Bobby Jackson ist unter all den großen Geistern des Jazz einer der Vergessenen, einer derjenigen, die nie am richtigen Ort zur richtigen Zeit waren und die von den Blue Note, Prestige und Impulse!-Hauptquartieren meilenweit entfernt waren. Aber auch einer, der beispielsweise seinen Job kündigte, um einen Jazzclub in seiner Heimatstadt zu eröffnen, und der viel aufgeben und gleichzeitig viel kämpfen musste, um seinen Traum zu verwirklichen. Diese Platte ist das passende Instrument für eine tolle Zeitreise in eine Stadt, die gemeinhin als weißer Fleck auf der Jazz-Landkarte der 60er Jahre gilt. Das Sextett spielt einen swingenden, angesoulten, modalen Jazz, stilistisch und spirituell vielleicht mit dem vergleichbar, was sich Ende der 60er- und Anfang der 70er Jahre rund um Künstler wie Pharaoh Sanders, Alice Coltrane und Sun Ra entwickelte. Das größte Plus ist seine Nicht-Perfektion: die Aufnahme ist hier und da übersteuert und das Piano ist manchmal auch nicht in tune, aber wenigstens ich finde das total sympatisch und - Achtung, verbotenes Wort: authentisch.

180g Vinyl, auf 1000 Stück limitiert und leider arschteuer, aber ich bereue keinen Cent. Und um Dusty Groove zu zitieren: "These Jazzman Holy Grail series vinyl releases disappear in no time. Don't sleep!"

Erschienen auf Jazzman, 2010

27.02.2011

2010 #1 - Bonobo °° Black Sands


"Und wenn dann noch Andreya Triana ihre dunkle, angerauhte, brennende Sehnsucht versprühende Stimme in die Songs hineinwirft, verbinden sich die Gegensätze zu einem großen Statement, zu einer großen Statue der Weite, des Raums und der Zeit."


Das ist der letzte Satz meiner letztjährigen Vorstellung des aktuellen Bonobo-Albums und wieder einmal stehe ich vor einem Problem, das auch schon die Flying Lotus-Abhandlung erfasste: wie kann das bereits richtig gesagte nochmal richtiger werden? Im Grunde reichte es völlig aus, den Link zur besagten Besprechung nochmal hier 'reinzukleben, alles noch stimmig und plausibel, ich hab's getestet. Natürlich erwartet aber mindestens Oma Meume von einer Nummer 1, also der besten Platte des Jahres 2010, einen angemessenen Rückblick.

Ich hatte das weite Feld des Downbeats bereits einige Zeit aus den Augen verloren, ich könnte auch elitär erklären, dass ich es schlicht hinter mir gelassen habe (bis auf die Buben der Thievery Corporation, weil die mich ja quasi entjungeferten
, m...musikalisch, MUSIKALISCH!), weil ich mich, wie schon so oft angemerkt, richtig: langweilte. Das mag in der Anfangszeit meiner Auseinandersetzung mit elektronischer Musik alles sehr spannend, weil neu für mich gewesen sein, aber spätestens nach der 20.Platte, deren Rubrum zum wiederholten Male "Eklektisch" mittels kleiner LED-Lämpchen aufleuchtete, verlor ich bei aller positiver Verbundenheit langsam aber sicher das Interesse. Zumal die Veröffentlichungsflut auch hier Einzug erhielt, auch wenn (oder: besonders weil) sich das Genre immer mehr in Richtung Underground zurückzog.

Nun steht ein Mal pro Monat der Streifzug durch die virtuellen Plattenläden dieser Welt auf meinem Programm, der aus strategischen Gründen prinzipiell kurz nach Gehaltseingang in Angriff genommen wird. Also - die Bestellung an sich. Die Auswahl der gewünschten Scheiben fordert in der Regel ein bis zwei Wochen harte Arbeitund mindestens 18 Nervenzusammenbrüche nebst einem Jammeranfall nach dem anderen in Richtung der Ehefrau, die offiziell seelische Unterstützung leisten, inoffiziell die Erweiterung des Budgets genehmigen soll, was für gewöhnlich mit einem lapidaren "Dann leg los!" geschieht.

Und so muss es wohl auch im Juni 2010 abgelaufen sein.

Um ehrlich zu sein: mir war Bonobo bis dato ziemlich, wenn nicht gar gänzlich unbekannt, was in der Rückschau ebenso ziemlich, wenn nicht gar gänzlich peinlich ist, aber hey: Veröffentlichungsflut + Underground = ich muss nicht alles kennen. In diesem Fall hätte Florian allerdings durchaus eine Ausnahme machen und sich ein bisschen mehr anstrengen können. 

Nichtsdestotrotz, am Anfang war das Cover. Und was für ein Cover das war. Fast schon erschlagend mächtig, in Weite und Schönheit mindestens auf einer Ebene mit einer gewissen Ausstrahlung von Bedrohung und Furcht - wobei sich wahrscheinlich sowieso beides bedingt. Hach, was waren das noch Zeiten, als man früher, also im letzten Jahrtausend (...), im Plattenladen stand und Platten noch nach den Coverartworks aussuchte, wenn schon nicht zum Kauf, dann wenigstens zum Mitnehmen an den Anhörtresen. Ich weiß noch, dass ich mich genau daran kurz erinnerte, bevor ich wusste, dass "Black Sands" gleich in den Warenkorb wandern würde. Und wo wir schon von Plattenläden sprechen: ich muss in diesem Zusammenhang gleichfalls zugeben, dass ich noch nie Freund des vorherigen Anhörens war. Die Situationen, in denen ich früher, also im letzten Jahrtausend (...²), im Laden stand und mir eine LP/CD vorspielen ließ, kann ich ungelogen an fünf Fingern abzählen. Mir war das immer irgendwie unangenehm, außerdem würde mir doch dann die Überraschung zu Hause verdorben werden, wenn ich bereits wüsste, was mich bei der ein oder anderen Platte erwartet? Außerdem ging es in 9 von 10 Fällen gut, ergo: never change a winning Hirnschaden. Kurzum, ich habe dieses Vorgehen in die virtuelle Welt hinübergerettet, mehr als angezappte, megakurze Schnipsel kommen mir in den seltensten Fällen in die Tüte. Und jene Schnipsel dienen letzten Endes auch nur zum Beantworten der Frage, ob das Genre an sich meinem Beuteschema entspricht - solange es kein Reggae ist, ist eh alles gut. Und nach einem winzigen Moment mit "Kiara" und "Eyesdown" war mir klar, dass sich "Black Sands" demnächst auf dem Redaktionsplattenteller drehen würde. So kam ich also zu "Black Sands". Und so kam ich darüber hinaus auch zu Bonobo: seine übrigen Veröffentlichungen sind ebenfalls ausgesprochen empfehlenswert.

Jetzt habe ich in diesem wieder viel zu langen Text fast kein einziges Wort über die Musik auf "Black Sands" verloren - aber ich kann's mir leisten, sorry: alles, was es zu dieser Sternstunde zu sagen gibt, wurde bereits gesagt, und es gibt keine Zelle meines Körpers, die auch nur ein Wort meines vorangegangenen Urteils zurücknehmen würde. Ganz im Gegenteil.

"Black Sands" erstrahlt auch in den trüben und kalten Tagen des Februars 2011 in Größe, Anmut und Schönheit und ist somit ohne jeden Zweifel die beste Platte des Jahres 2010. 

Ich verneige mich - und bin immer noch platt.


Erschienen auf Ninja Tune, 2010.

22.02.2011

2010 #2 - Gil Scott-Heron °° I'm New Here

Ich weiß nicht, welchen Erfahrungen meine geneigten Leser Jahr für Jahr gegenüberstehen, aber zumindest in den hangargroßen Redaktionshallen von 3,40qm gilt im Rückblick auf die vergangenen musikalischen Jahre: wenn's ganz prima lief, bleiben etwa drei bis fünf Alben eines Jahrgangs übrig, die fortan irgendwie zu einem gehören. Mit denen man eine spezielle Verbindung hat. Die man künftig in der Denkmurmel unter "Woah, was für eine Platte!" abgespeichert hat. Die man Freunden (wenn man welche hat) ehrfürchtig unter die Nase hält, mit einem Blitzen in Augen. So mache ich das jedenfalls (hätte ich Freunde). Und so mache ich das seit einem guten Jahr mit "I'm New Here", dem ersten Studioalbum der US-amerikanischen Legende Gil Scott-Heron seit seinem 1994er Werk "Spirits".

Der Mann ist schwer gezeichnet. Seine Kokainabhängigkeit brachte ihn mehrfach hinter schwedische Gardinen, alleine in den letzten zehn Jahren musste er gleich drei Mal für volle zwölf Monate die Freiheit mit einer Zelle eintauschen. Auf dem Cover zieht er in Großaufnahme an einer Marlboro, unrasiert, die müden Augen geschlossen. Es gibt Fotos von ihm, auf denen er locker, manchmal gar eher bestenfalls, wie ein 75-jähriger aussieht - Gil Scott-Heron ist 61. 

Dieser Gil Scott-Heron sang schon im Jahre 1970 in seinem Klassiker "The Revolution Will Not Be Televised":

You will not be able to stay home, brother.
You will not be able to plug in, turn on and cop out.
You will not be able to lose yourself on skag and skip,
Skip out for beer during commercials,
Because the revolution will not be televised.

(...)

There will be no highlights on the eleven o'clock
news and no pictures of hairy armed women
liberationists and Jackie Onassis blowing her nose.
The theme song will not be written by Jim Webb,
Francis Scott Key, nor sung by Glen Campbell, Tom
Jones, Johnny Cash, Englebert Humperdink, or the Rare Earth.
The revolution will not be televised.



Dieser Gil Scott-Heron agitierte Anfang der 80er Jahre gegen die Politik Ronald Reagans und besang 1974 den "Winter In America":

And now it's winter
It's winter in America
And all of the healers have been killed
Or been betrayed
Yeah, but the people know, people know
It's winter, Lord knows
It's winter in America
And ain't nobody fighting
Cause nobody knows what to save
Save your souls
From Winter in America


Und in einem Interview mit der Berliner Tageszeitung aus dem Jahr 2005 erklärte er dazu:

"Am Tag, als John F. Kennedy ermordet wurde, begann der Winter, und Amerika hat sich davon immer noch nicht erholt, es gab zu viele Verluste."

Er widerspricht (im selben Interview) Archie Shepp, wenn jener sagt, dass den Black People Leadership fehle:

"Nein, nein, nein! Wir hatten Leadership. Unsere Leader sind hingerichtet worden. Wir hatten das doch alles schon. Heute ist es Zeit, sich selbst an die Arbeit zu machen. Leader können einen nur bis zu einem bestimmten Punkt führen. Irgendwann ist man dann auch selbst gefordert zu handeln. Die Leader haben bereits alles thematisiert. Wir sollten nicht so tun, als hätten wir nichts. Wir haben viel erreicht, das ist aufzuarbeiten, zu würdigen, auszuwerten und den Kids zu vermitteln. Denen hilft Leadership nicht mehr."


Das hat zunächst nicht viel mit "I'm New Here" zu tun, aber vielleicht fällt es leichter, hinter die Kulissen dieses Albums zu blicken, wenn das ein oder andere gesagt oder geschrieben wurde. Das Titelstück, eine Coverversion von Smog, beinhaltet zum Beispiel die Textzeile:

"No matter how far wrong you've gone you can always turn around"

Und im Anschluss sinniert Heron in einem der kurzen Zwischenspiele, die zwischen die Songs gepackt wurden, über seine große Rechnung, die auf ihn zukommt, sollte man irgendwann mal dafür bezahlen müssen, wenn man in seinem Leben etwas falsch gemacht hat.
At the end of the day...


Auf der musikalischen Seite winken einige Überraschungen: Produzent Richard Russell hat dem Sänger hier und da einen schweren, dunkeln und tief-brummelnden Trip Hop-Bass mit regennassen Melodiefragmenten unter die Mütze geschummelt, einen swingenden und orchestralen Düsterblues in "Me And The Devil" und folk-jazziges im fantastischen "New York Is Killing Me", während das erwähnte Titelstück das Arrangement eines aufgeriebenen Nick Drake auf den Leib geschneidert bekam.

Ich trage "I'm New Here" nun schon seit langer Zeit sehr nah bei mir und ich hoffe inständig, dass sie mich nicht verlässt. Das wäre mal ein Verlust.


Erschienen auf XL Recordings, 2010.

P.S.: Wie schon bei dem Album von Silver Mt.Zion gilt auch hier: wer die Finger noch an die Vinylausgabe bekommen sollte, dem ist hiermit dringend geraten, umgehend zuzuschlagen, denn die Aufmachung ist nah an einer Sensation. Ein dicker Cover-Karton, zwei großformatige Bilder des Meisters, 180g Doppel-Vinyl und auf der beigelegten Bonus-LP gibt's noch zusätzlich bisher unveröffentlichte Studio-Sessions und Soloaufnahmen zu hören. Das ist gar so schön, dass ich mich manchmal gar nicht traue, die Platte überhaupt nur anzufassen. In echt.

17.02.2011

2010 #3 - Flying Lotus °° Cosmogramma

Als ich im Juni 2010 zum ersten Mal über "Cosmogramma", das dritte Album von Steve Ellington aka Flying Lotus, schrieb, stellte ich angesichts des hier herrschenden, positiven Irrsinns gleich einen Sack voller Fragen, aber eine einzelne, spezielle möchte ich nochmal aufgreifen: wird "Cosmogramma" denn überhaupt von einer politischen oder gesellschaftlichen Message getragen, die mit den großen Meilensteinen des Jazz zu vergleichen ist?

Heute, mehr als ein halbes Jahr und unzähliche Jahresbestenlisten später, muss man die Antwort in zwei Teile aufspalten. Wenigstens in meiner Wahrnehmung ist "Cosmogramma" mit den großen Jazzwerken der Vergangenheit spirituell verbunden - hier lebt eine ganze Legion von gesellschaftlicher Beobachtungen und Anklagen unter kilometerdicken Layern aus Klappern, Zischlern und Kratzern. Da ist der Drang nach Freiheit zu spüren, das naive Herumtollen, das Austoben im Unbekannten, so kreativ und voller Drang, an einen Ort zu gelangen, den noch niemand vor ihm betreten hat - der Mann hat einen Auftrag. Hat den Auftrag aber auch jeder mitbekommen? Und das führt uns zum zweiten Teil der Antwort: war es nicht auffällig, wie wenig Aufmerksamkeit diese Platte am Ende des Jahres erhielt, wo noch im Mai gefühlt das halbe Internet auf dem Kopf stand? Wo waren denn plötzlich all die Drive-In-Anbeter, die "Here today and gone tomorrow" auf ihren Baseballkappen spazieren tragen? Ich kann's Euch sagen: die waren im seichten Fahrwasser der Indietronic-Bewegung, die waren im knietiefen Morast der moralischen Befindlichkeitslyrik, tsehe: die waren WEG! Die waren dem schmerz- und inhaltslosen Delirium verfallen, die wollten nicht, dass es zwickt. 

Und "Cosmogramma" zwickt eben. 

Aus einer (mir völlig fremden) technischen Sicht betrachtet, begeistert es sehr wohl nachwievor die Nerds und Tüftler, die Ellington ob seines Sampling-Geschicks den Heiligenschein ausstellen, es begeistert aber auch jene, die nicht immer und überall die polierten und allgegenwärtigen Discounterproduktionen ohne jeden Tiefgang hören möchten. Eben jene, die sich auch in Jahren stetig sinkender grundsätzlichen Relevanz der Kunstform Musik, noch ein Album (noch so ein aussterbender Dinosaurier...) erarbeiten möchten - und bevor jetzt wieder der erste kräht, dass Musikhören doch nichts mit Arbeit zu tun hätte: genau das hat uns zu den heutigen Konsumaffen gebracht, denen eingeredet wird, dass Aussage, (Weiter)Entwicklung und Leidenschaft gefälligst nichts mehr in unseren Köpfen zu suchen haben. Kauf' das, Du Sau! Und dann sei still!

Lasst sie uns nicht das nehmen, was wir lieben. Lasst uns wieder versinken in diesen geradewegs apokalytischen Tiefen, lasst uns wieder spüren, wie viel Leidenschaft da jemand in einen Klang von epischer Breite gesteckt hat, lasst uns wieder entdecken, wie Kreativität und Intuition unser Leben bereichern können. Verfluchte Scheiße! *mit erhobenem zeigefinger rumfuchtel*

Wann immer ihr dieses Album spielt, spielt es so laut ihr nur könnt.

Erschienen auf Warp, 2010.

16.02.2011

2010 #4 - Minus The Bear °° Omni

Für die Indie-Elite steht bereits seit Jahren fest: "Highly Refined Pirates" ist und bleibt das beste Minus The Bear-Album aller Zeiten. Da klangen sie noch so schön rauh und so ein bisschen verwaschen, so frech-spritzig, naiv und vor allem hatte und hat man sein persönliches Alleinstellungsmerkmal, weil die Band aus Seattle (Oha!) damals eben allerhöchstens einer Handvoll Leute bekannt war. Das ist wichtig in Checkerkreisen.

Ich selbst lernte Minus The Bear dank des Schwabenpfeils mit exakt jener Scheibe kennen, und auch ich war durchaus beeindruckt. Das war so schön rauh und so ein bisschen verwaschen, so frech-spritzig, dazu enorm verspielt, vielschichtig und rhythmisch ziemlich vertrackt. Dazu kam das furchtbar angenehme Timbre von Sänger Jake Snider, der das alles total entspannt anging. Wo andere eine "Out Of Bed"-Frisur trugen, hatte Snider immer die "Out Of Bed"-Stimme am Start. Aber die Frage, welches ihrer Alben denn nun das tollste, schönste und beste sei - das beantworteten die fünf Buben drei Jahre später mit "Menos El Oso" mal schön selbst. Ich möchte nicht schon wieder in Lobhudelei verfallen, deswegen verlinke ich meine Einlassung aus dem letzten Jahr, "'s interessiert ja eh keine Sau."(G.Polt) 

Wie auch immer - der Nachfolger "Planets Of Ice" aus dem Jahr 2007 war, nachdem ich mich unter Schmerzen dazu durchgerungen hatte, es mir wenigstens mal anzuhören, alleine atmosphärisch eine komplett andere Baustelle, die Entwicklung im Bandsound hielt sich jedoch in Grenzen. Das ist sicherlich eine andere Platte, die klingt ganz bestimmt auch anders, aber das ist der Punkt: sie KLINGT anders. Dabei hatte die Band ihr musikalisches Rezept weitgehend beibehalten, die Gitarren tupften immer noch die flackerndsten Reflexe aufs Tableau, der unwiderstehliche Fluss ihrer Kompositionen mit einer traumhaften Bass- und Schlagzeugabteilung machte auch ihr drittes Studioalbum zu einer ganz hervorragenden Platte. Aber, wie in einer früheren Rezension schon angedeutet: ich langweile mich ziemlich schnell. Und wahrscheinlich hätte die Hölle zufrieren müssen (alternative Optionen: Schalke wird deutscher Meister, ein neues Interpol-Album hat wenigstens einen Hauch von Relevanz, Stefan Raab wird Mutter), bevor ich mir nach "Planets Of Ice" ernsthaft nochmal überlegt hätte, ein neues Minus The Bear-Album anzuhören. Ich kenne ihren Sound, den haben sie schon lange perfektioniert - der ist fraglos gut und originell, aber ich kenne "Menos El Oso". Alles gesagt. 


Findet ihr das eigentlich auch so scheiße, wenn ein Schmierfink eine elendlange *dramatisches Donnergerumpel* REZENSION ins Weltnetz rotzt und dabei erst am Schluss ein paar Worte über die neue Platte verliert, über die er eigentlich schreiben wollte? Also mir könnte das ja nicht pass....


History repeats itself. Meine Begeisterung über "Omni" hielt sich also in engen Grenzen, sieht man mal von dem einen Fünkchen Frühlings-Motivation ab, das mir hin und wieder allzu skurrile Gedanken und Vorschläge in die Denkvorrichtung hineinpresst. Eher lustlos klickte ich den "Play"-Button zur vorab vorgestellten ersten Single "My Time", sah die enttäuschten und abwertenden Kommentare der wenigstens deutschen Indie-Elite, die immer noch nach "Highly Refined Pirates" krähte, und ich wusste:"Das kann interessant werden." "My Time" ist ein derart unverschämter und quietschvergnügter Gute-Laune-Sommer-Pop-Hit, den man praktisch schon während des ersten Durchlaufs mitsingen kann, dass ich der Band (zum wiederholten Male) unverhofft nach diesen 4:05 Minuten in voller Hingabe hörig war. Das war genau der Befreiungsschlag, auf den ich vielleicht insgeheim immer noch hoffte. Minus The Bear halten auf "Omni" Kurs auf einen großen, opulenten Pop-Entwurf, der zwar immer noch mit einer erstaunlichen Tiefe gesegnet ist, aber viel klarer und purer, luftiger erscheint. In ihren eigenen Worten haben sie "all diese komischen Zwischentöne und Spielereien" aus ihrem Sound "rausgeschmissen" um mal nach zu schauen, was am Ende davon übrig bleibt. 

Die Antwort lautet: eine moderne und tiefergelegte Version der "Invisible Touch"-Ära von Genesis. Sorry, klingt hart, aber! Wenn der Springer'sche Musikexpress-Kompostklumpen (...) "wenn sie so weitermachen, sind sie beim nächsten Album bei Supertramp angekommen" schreiben darf, darf ich ja wohl auch Genesis erwähnen. DAS WIRD MAN JA IN DIESEM LANDglglglglgl...jedenfalls: das würde sowieso zu der immer noch präsenten Progressive Rock-Kante passen, auf die das Quintett offensichtlich immer noch Wert legt. Wie man's am Ende des Tages dreht und wendet:"Omni" ist auf dem besten Weg mit "Menos El Oso" gleich zu ziehen und ich hätte es ums Verrecken nicht mehr für möglich gehalten.

Moment, das habe ich doch schonmal irgendwo geschrieben....

Erschienen auf Dangerbird Records, 2010

12.02.2011

2010 #5 - Four Tet °° There Is Love In You

Ich lehne mich nun etwas aus der Hofeinfahrt, aber es gibt Momente auf dieser Platte, die sind größer als alles, was es im letzten Jahr zu hören gab. Solche Momente, in denen der Körper die Glückshormone nur so von sich schleudert, wie es sonst nur Til Schweiger [zensiert]*** ***** ********** ******** *******. *************** *********, **** *** ****** ***[/zensiert] dumme Sau [zensiert]********** ************.[/zensiert] Aber zurück zu "There Is Love In You", wenigstens im weiteren Sinne. 

Ich bin zugegebenermaßen erst sehr spät auf Four Tet aka Kieran Hebden aufmerksam geworden, genauer gesagt im Jahr 2005, als ich erstmals etwas tiefer in die Unterwasserwelten elektronischer Musik hinabtauchte. Sein damaliges Album "Everything Ecstatic" hatte es mir schwer angetan - das war sehr komplex und doch leicht federnd, sehr kreativ, mit vielen tollen Ideen, irren Wendungen und starker Betonung auf vertrackten Schlagzeugsätze. Und es hatte eine gehörige Relevanz und Tiefe, Eigenschaften, die ich in vielen Elektronikalben, die ich mir zur selben Zeit kaufte, nicht unbedingt und regelmäßig wiederfand. "Everything Ecstatic" war also der Startpunkt für meine Hebden-Verehrung, es folgten die Alben seiner Postrock-Formation Fridge, die Zusammenstellung der "DJ-Kicks"-Reihe, "Pause" und "Rounds" und nicht zuletzt seine Zusammenarbeit mit dem Jazzdrummer Steve Reid, die besonders auf dem großartigen Album "NYC" aus dem Jahr 2008 wieder zu der vor allem auf dem ersten Aufnahme "The Exchange Sessions, Vol.1" präsentierten Stärke zurückfand. 

2008 wurde "Ringer" veröffentlicht, eine 4-Track-EP, die großartige, von Krautrock beeinflusste, rhythmische und erstaunlich melodische Stücke enthielt. Im Nachhinein war "Ringer" der logische Vorläufer zu "There Is Love In You": der krude und verschachtelte Ansatz von "Everything Ecstatic" wurde zugunsten von klareren Arrangements und mehr Melodie fallen gelassen, die sich hier nun vollends entfalten können. "Love Cry" und "Sing" sind hell leuchtende, freundliche Tanzbodenhits, "Angel Echoes" beschwört als Opener die spirituelle und kosmische Liebe, "This Unfolds" entwickelt sich - Nomen est Omen - vom etwas grimmigen Beginn zu einer prachtvoll atmenden Blüte, "Circling" kreiselt sich zu Buddhas drittem Auge empor, während "Plastic People" und "She Just Likes To Fight" mit etwas mehr Ruhe und Übersicht eine gnadenlos gute, stimmige, spirituelle, moderne Zusammenstellung zeitgenössicher elektronischer Musik beschließen.

Als Bonus findet ihr unter dem folgenden Link eine zum Heulen fantastische Aufzeichnung des Sets aus dem New Yorker Le Poisson Rouge-Clubs vom 17.1.2010 - genießt es. Und danke für den Tipp, Doc!

FOUR TET LIVE AT LE POISSON ROUGE 2010

Erschienen auf Domino Records, 2010

06.02.2011

2010 #6 - On °° Something That Has Form And Something That Does Not

Kenner meines kleinen Irrgartens im Oberstübchen wissen, dass ich praktisch schon (und spätestens) im Mai eines jeden Jahres damit beginne, die Jahresbestenliste zu führen, umzustellen und neu zu bewerten. Das eine kommt neu hinzu, das andere rutscht 30 Plätze nach unten, eine weitere Scheibe verschwindet auf immer im Nebel. Erstes Qualitätsmerkmal bei der Auswahl potentieller Kandidaten: die Verweildauer vor der Anlage. Sehr zum Leidwesen der Herzallerliebsten stehen durchgängig 30 bis 40 Scheiben direkt am Plattenspieler, die also die Hall Of Fame darstellen. Was dort nach zwei Wochen Aufenthalt wieder rausrutscht, ist in den meisten Fälle eine cause perdue und hat es in den folgenden Wochen und Monaten schwer. 

Jetzt bloß nicht über die Banalität des eben gesagten wundern, ich benötige die lange Einlaufkurve, um zu erklären, warum diese kleine und im Grunde unscheinbare Scheibe die beste Ambient-Platte des Jahres 2010 geworden ist: "Something That Has Form And Something That Does Not" steht seit dem Einkauf im August in diesem besagten Stapel, und sie hat bis zum heutigen Tag noch nie das Plattenregal von innen gesehen. Ich war selbst etwas überrascht, als ich in der Rückschau feststellte, wie oft ich diese Musik hörte und wie ich sie ganz selbstverständlich immer wieder mit großer Begeisterung auflegte. 

Das nunmehr dritte Album von Steven Hess and Sylvain Chauveau unter dem On-Banner reiht sich hinsichtlich der Methodik hinter den ersten beiden beiden Alben ein. Hess und Chauveau nehmen in Chicago ihre Instrumental-Improvisationen auf und leiten das Ergebnis an einen befreundeten Musiker weiter, der sich dann an dem Material austoben darf. Diesmal wählten die beiden niemand Geringeren als Christian Fennesz aus, nachdem sich auf dem Vorgänger "Your Naked Ghost Comes Back At Night" Deathprod die Pulsadern aufschlitzen durfte. Ganz im Gegensatz zu ebenjenem Entwurf der reinen Macht der Dunkelheit, hat Fennesz aus den Rohstoffen für "Something That Has Form And Something That Does Not" eine Lichtsäule aus Feedbacks, Drones und Klangräumen geschaffen, die im Allgemeinen beeindruckend friedlich und subtil flackert, im Speziellen durch minimale und kaum wahrnehmbare Detailverschiebungen unter Dutzenden von Soundlayern nicht mehr aufhört in die Höhe zu klettern. Besonders der 13-minütige Titeltrack und der gar über 19 Minuten lange Schlusspunkt "The Sound Of White" strahlen ob der steten Wiederholungen einzelner Rhytmus- und Melodie-Fragmente eine selbstbewusste Form der Zurückhaltung aus, die sie in einer selten zuvor dagewesenen Reinheit und Schönheit in hellem Glanz leuchten lässt.

Wenn jedes effektgeiferndes Geballer in und an seiner Kraft versagt, wenn aus der allerorten zur Schau gestellten Dunkelheit nur noch ein platter Zynismus empordampft, wenn Triviales plötzlich an Relevanz gewinnt, dann ist "Something That Has Form And Something That Does Not" Gegengift, Muskelrelaxans und Lichtnahrung in einem, und ich sehe den Tag noch nicht, an dem diese Platte, und sei es nur vorübergehend, im Regal verschwindet.

Erschienen auf Type, 2010

30.01.2011

2010 #7 - Zola Jesus °° Stridulum II

Im Reich der Düfte sagt man, es gäbe zwei Merkmale, die ein gutes Parfum ausmachen: Melancholie und Mystik. Legt man diesen Maßstab auf "Stridulum II" an, handelt es sich entsprechend um ein gutes Parfum, Blödsinn: eine gute Musik, denn wenn dieses Debut (rechnet man einige Kollaborationen mit Aurora Borealis, Sacred Bones und Die Stasi nicht mit ein) von zwei Attributen geprägt wird, dann sind es - genau: Melancholie und Mystik. 

Zola Jesus ist in erster Linie die Stimme von Nika Roza Danilova, einer professionell ausgebildeten Opernsängerin aus Wisconsin, die unter der Leitung von Produzent Alex DeGroot neun Songs für ein dunkel schimmerndes, waviges Synthie-Pop Album aufnahm, das mich auch heute noch mit einigen Fragezeichen zurücklässt. Zum einen halte ich mich für gewöhnlich von allem, was auch nur im Entferntesten auf die Schublade "Gothic" hinweist, so fern wie ein Kaninchen vor einem Wolfsrudel - wir sind praktisch natürliche Feinde. Wenn nun der geneigte Leser angesichts meiner bekannten Dead Can Dance-Verehrung fröhlich die Hände zusammenpatscht, weil die ja schließlich die Blaupause für alles, was auch nur im Entferntesten auf die Schublade "Gothic" verweist seien, sehe ich mich durchaus in Erklärungsnot. Die einfachste Variante wäre jetzt wohl zu sagen, dass Dead Can Dance für mich nichts dergleichen symbolisieren und weil es nicht nur die einfachste, sondern auch die wahrhaftigste Antwort ist, spiele ich den Joker also nun aus. Hätten wir's dann? 

Denn auch die Musik von Zola Jesus ist auf den ersten Blick nicht frei von entsprechenden Verweisen, was mir mein direkt am Schallgesims fest installierter "Anti-Gothic"-Geigerzähler mehrfach bestätigte. Nachdem ich feststellen musste, dass das Suchtpotential von "Stridulum II" über die letzten Monate geradewegs erschreckende Ausmaße angenommen hat, war ich mir selbst gegenüber in Erklärungsnot. Eigentlich dürfte ich das per se gar nicht hören, andererseits war's mir gerade, pardon, scheißegal! 

Zum anderen habe ich aus dieser Frage resultierend echte Kategorisierungs- und Definitionsprobleme. Die allgemeine Stimmung auf "Stridulum II" ist romantisch und surreal, alle Strukturen und Melodien sind im dicken Nebel versunken. Schemenhaft wie eine Galeere, die wie von Geisterhand bewegt wird, treibt die Musik über einen unsichtbaren Untergrund, stolz und majestätisch. Es ist ein merkwürdiger Zwiespalt aus der sich vor allem in der Stimme zeigenden und wie in Beton gegossenen Stärke und einer zeitgleich unkonkreten, verschwommenen Verheißung derselben. Derselbe Gegensatz ließe sich auch auf das Wechselspiel von Licht und Schatten anwenden. Könnte zunächst der Eindruck die Oberhand gewinnen, Zola Jesus präsentieren hiermit den Soundtrack für die nächste Weltuntergangsparty, so schleppend und depressiv Songs wie "I Can't Stand" wirken, fiel für mich der Groschen, nachdem ich mich der Anziehungskraft dieser Musik nicht mehr entziehen konnte und wollte: Zola Jesus ist eine Kämpferin des Lichts. Die Kraft in ihrer messerscharf inszenierten Stimme kann unmöglich für den Untergang taugen. Sie treibt an, sie inspiriert, sie ist das hellste Licht, das diese trüben Tage erhellt. Ein Lebensspender.

Erschienen auf Souterrain Transmissions, 2010.

27.01.2011

2010 #8 - Demdike Stare °° Liberation Through Hearing

Hier ist pechschwarze Nacht. Gischt spritzt dir ins Gesicht, ganz fein und auf der Haut kaum spürbar. Aber du fühlst sie selbst wenn du schon lange nichts mehr fühlst, und was du damit in deinem Kopf verbindest, ist nichts Gutes. Irgendwo weit draußen rauscht ein Fluss, vielleicht ist er aber auch nur ein paar wenige Zentimeter entfernt, ein stetig an- und abschwellender Beweis der zerstörerischen Kraft des Wassers, das Leben spendet und Leben nimmt, einfach so. Wasser ist sehr viel machtvoller, als wir es wohl jemals begreifen werden: es hält sich in den Zwischenwelten auf, und wer kann schon deuten, wer oder was die Entscheidung über Leben und Tod in diesem abgeschlossenen System trifft, und sei es nur der schnöde Zufall (den es bekanntlich gar nicht gibt). Dazu ist ein konzentrierter Strudel wahrnehmbar, der in das vermeintliche Nichts führt, das zwischen fester Materie und gelöster Energie keinen Unterschied mehr macht - warum auch? Ich spüre plötzlich einen schmerzenden, pumpenden Druck auf der Brust. Wie arrogant Schmerz sein kann und wie zermürbend die Kommunikation mit ihm ist. Es ist immer eine Einbahnstraße, die dumme Sau lässt einen links liegen, immer. Und aus dem Reich der Götter höre ich nichts als höhnisches Lachen über meinen Versuch auf den Beinen zu bleiben, während die Mauern des Lichts auf der einen und jene des Schattens auf der anderen Seite immer näher heranrücken, und der Boden unter dem, was eben noch meine Füße waren, zu einem wachsweichen, zersetzenden Sumpf wird.

Ich bin schon lange nicht mehr ich, ich war und bin an allen Orten und in allen Zeiten und in allen Dimensionen gestorben und geboren. Und wo die Toten tanzen, sich das Echo im endlosen Raum vereint und die Geisterfaust regiert, da liegt die Freiheit im wärmenden Schein des süßen Nichts.

Erschienen auf Modern Love, 2010

24.01.2011

2010 #9 - Nik Bärtsch's Ronin - Llyria

Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch schießt nun mit der dritten Platte in Folge in meine Jahresbestenliste, und ich hatte wenigstens in diesem Jahr ehrlicherweise nicht wirklich damit gerechnet. Während das ECM-Debut "Stoa" aus dem Jahr 2006 für mich zu den großen musikalischen Erweckungserlebnissen der jüngeren Vergangenheit zählt, war der Nachfolger "Holon" aus dem Jahr 2008 zwar qualitativ immer noch sehr gut, im Nachgang aber an der ein oder anderen Stelle einen Tacken zu straight, vielleicht zu klar. Außerdem langweile ich mich dummerweise sehr schnell, und das Grund-Korsett von Ronin ist nun nicht derart komplex geschnürt, als dass ich hiervon wirklich jede einzelne Veröffentlichung benötigen würde. Was tatsächlich und ausschließlich mein Problem ist und nicht das von Nik Bärtsch. Aber das nur am Rande. 

Auf der anderen Seite fällt mir partout niemand ein, der auch nur im Ansatz ähnlich klingt wie dieses sensible Quintett, was in der Folge selbst die Wiederholung der Wiederholung noch spannend machen kann. Trotzdem: ich wollte "Llyria" zunächst nicht hören, wer weiß, vielleicht versaut es mir durch irgendeine blöde Geschichte sogar noch "Stoa". Aber es kam anders (was spätestens jetzt logisch ist, sonst wäre wir ja nicht hier im Sinne von hier, Blog, Huiui, verstehste? Und die Platte auch nicht und - Guten Tag, Auf Wiederbums!). Das Münchener ECM-Label hatte ein Einsehen und veröffentlichte mit einiger Verspätung zum CD-Release "Llyria" als Langspielplatte und da konnte ich dann - aller Vorbehalte zum Trotz - nicht mehr widerstehen. Ist schon doof, seine Kaufentscheidung vom Medium abhängig zu machen, ist es nicht? Ja, ist es wohl.

Ich bereue es zu keiner Sekunde, denn Ronin hat mich wieder versöhnt, vorausgesetzt, es bestand überhaupt jemals Bedarf an einer Versöhnung. Die fünf Musiker haben wieder den großen Zeichenstift und den Superkleber herausgeholt. Mit letzterem fixieren sie die Zeit. Wer sich auf "Llyria" einlässt wird ineinen mehrdimensionalen Lichtkreisel hineingezogen, in dem alles im Fluss ist und gleichzeitig alles stillsteht. Diese Musik besteht aus mehreren Ebenen, alle sind miteinander verbunden und doch völlig autark. Jede Ebene hat ihre eigene Realität, ihre eigene Farbe, ihre eigene Struktur, sogar ihren eigenen Duft. Es erscheint wie ein blühendes, pulsierendes Vakuum, in dem die Regeln aufgehoben sind, in dem das Streben nach Entwicklung und Kontinuität sich selbst bekämpft. Den Zeichenstift benutzt die Band, um wie geistesabwesend und versunken ihre Vorstellung von klanglicher Architektur zum Leben zu erwecken. Der Beginn von "Modul 53" illustriert möglicherweise am besten, was ich meine: als stünden sie vor einer großen Leinwand, versunken in Winkeln, Ecken, Kammern, einfühlsam und dialogfreudig auf der einen, dabei aber so souverän und triumphierend selbstbewusst auf der anderen Seite. Und alle prüfen unentwegt das gezeichnete Bild, die Struktur, die Beweglichkeit und die Standfestigkeit, jeden einzelnen Milimeter dieses Entwurfs. Damit überprüfen sie logischerweise und in erster Linie sich selbst und die eigene Beweglichkeit. Und wie sie sich bewegen. Ronin würden selbst in Schuhen aus Blei den Rudolf Nurejew mit nie dagewesener Anmut und Leichtigkeit tanzen.

Erschienen auf ECM, 2010.

17.01.2011

2010 #10 - Electric Wire Hustle °° Electric Wire Hustle

Wir starten mit einer Platte in die Top Ten, die seit ihrer Veröffentlichung im Sommer 2010 in einigen (Underground-)Kreisen mächtig Staub aufwirbeln konnte. Dieses 2007 gegründete Trio aus Neuseeland machte erstmals durch die Beteiligung an Gilles Petersons "Brownswood Bubblers"-Reihe (Vol.5) auf sich aufmerksam. Der beigesteuerte Track "They Don't Want", der später auch als eigenständige 7-Inch Single in den Handel gelangte, machte mich ehrlich gesagt ziemlich wuschig - gar so wuschig, dass ich für die kleine 2-Track-Single mehr Geld ausgab, als vormals für so manche LP. Als das vollständige Album dann im Player rotierte (hier muss ich notgedrungen auf die schnöde CD zurückgreifen), war klar: "They Don't Want" ist keine Eintagsfliege.

Die Kiwis haben es sich zwischen Hip Hop, Downbeat, NuSoul, Jazz, Broken Beats und Marihuanaplantagen gemütlich gemacht und ästeln sich durch ein größtenteils tief pumpendes Beatgestrüpp, dessen Ansatz in manchen Momenten an den großen JDilla erinnert, bevor sich Marvin Gaye im Fernsehsessel die neuesten Errungenschaften auf dem Feld der Erwachsenenerotik anschaut. Das Trio präsentiert einen aufreizend lässigen Sound, der durch die butterweiche Stimme von Mara TK noch smoother und dickflüssiger wird. Was gerade er auf diesem Album abliefert ist sensationell und stellt den ein oder anderen gehypten Schmalzbatzen humorlos in die Ecke. Das endet mal in wahren NuSoul Perlen wie dem bereits erwähnten "They Don't Want" oder dem leicht melancholischen "Tom Boy", mal in einem nokturnen Ambientstampfer mit übergeleimter Drum'n'Bass Raufasertapete wie "Chaser" oder gar in einer Soulrockhymne ("Burn" - inklusive sympatischem Statement gegen Nuklearwaffen). Und die ebenfalls auf diesem Blog mal gastierende Stacie Epps darf den ätherischen Spiritual-Groover "Walk On" verzieren.

Die Atmosphäre ist dunkel, schwül, glühend. Es pulsiert, es ist sexy. Es lebt. Ein fantastisches Debut. Warum ist die Scheibe eigentlich in keiner (weiteren) Bestenliste aufgetaucht? Vergisst dieses Scheißinternet am Ende wirklich so schnell?

Erschienen auf BBE Records, 2010

14.01.2011

2010 #11 - Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra °° Kollaps Tradixionales

Aufmerksamen Lesern meines Blogs (im hinteren Teil des Satzes ist ein Oxymoron versteckt!) wird es wie Schuppen vom Pimmel, Quatsch: von den Augen fallen: Postrock als Genre hat mit dem Godspeed You! Black Emperor-Schwanengesang "Yanqui U.X.O." aus dem Jahr 2002 seinen Höhe- als auch Schlusspunkt gefunden. Danach hätte die komplette Schublade wegen mir und meiner Muddi den Laden schön dichtmachen können, denn seien wir ehrlich, danach war ja plötzlich alles egal. Ich sage das jedes Jahr mindestens acht Mal und "jedes Mal wird dieser Satz richtiger" (Schmidt), nur dieses Jahr ist er ausnahmsweise - genau - verkehrt. Eigentlich war er schon vor 5 Jahren verkehrt, als "Horses In The Sky", das vierte Album des ehemaligen (und heute emanzipierten) Godspeed-Nebenprojekts Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra erschien, aber das schreibe ich besser nicht, das würde mich ja total unglaubwürdig machen, 'zefix!

Jedenfalls: "Horses In The Sky" war genau der richtige Schritt in eine künstlerisch rosa ausflockende Zukunft. Erstmals wurde auf jedem Stück eines Silver Mt.Zions Albums gesungen, was der Band viel mehr Eigenständigkeit und in Bezug auf die zu transportierende Message durchaus noch mehr Relevanz verleihen konnte, außerdem entzauberten sie das Dogma, dass Postrock unbedingt Instrumentalmusik sein müsste, indem sie sich davon entfernten. Die Entscheidung half wenigstens in meiner Wahrnehmung auch dabei, die Abgrenzung zur vermeintlichen Hauptband zu verstärken. Also ließ ich mich nochmal breitschlagen und musste zugeben, dass Postrock, was immer er mal war, ist oder genau sein wird, eben doch noch einen spürbaren Herzschlag hatte. Der jedoch drei Jahre später offenbar für mich nicht mehr zu fühlen war, da ich das 2008er Album "13 Blues for Thirteen Moons" absichtlich mit Ignoranz strafte. Gibt es eigentlich auch unabsichtliche Ignoranz? 

Wie soll ich's bloß sagen...? Auch "Kollaps Tradixionales" stand zunächst nicht auf der Einkaufsliste, und es mag sich ganz schön gemein anhören, aber ich bin schon zuweilen der Überzeugung, dass es irgendwann dann auch mal reicht mit so einer Band, dass ich also nicht jedes Album brauche, eine Tour gleich gar nicht. Vielleicht geht das Hand in Hand mit meiner Verachtung für Zugabenrufer und -spieler: warum sollte sich der Schnabel nochmal öffnen, wenn alles, also so wirklich ALLES schon sehr lange, ausführlich und meinetwegen auch noch in einer angemessenen Lautstärke gesagt ist? Der Zufall spielte mir einige Monate nach Veröffentlichung dann doch noch die Vinylausgabe von "Kollaps Tradixionales" in die Hände, und an die Adresse derer, die jetzt wieder beide Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil's auf Vinyl/CD/MP3 doch nun weiß Gott nicht ankäme: Doch, da kommt's drauf an, wir sprechen da gleich noch drüber.

Die Kanadier hatten mich nach weniger als fünf Minuten wieder im Sack. "There Is a Light" ist als Opener so betörend schön und gleichfalls tragisch, so kraftvoll und ebenso resignierend, so triumphierend wie tödlich verzweifelnd, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den alten Postrock (Da! Schon wieder!)-Altar umgehend aus dem vor sich hin schimmelnden Keller zu holen. In den nächsten Minuten gibt sich das Orchester, wie bereits von "Horses In The Sky" gewohnt, rockiger als auf den Frühwerken, die einem ja auch heute noch wie Blei im Magen liegen können. Schwerverdaulich wäre hierfür eine glatte Untertreibung, aber die Zeiten sind vorbei. Silver Mt. Zion sind heute viel zugänglicher, ohne dabei ihre Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit aufgegeben zu haben. Noch immer hört man in jeder angeschlagenen, geblasenen oder gezupften Note den Drang nach Kommunikation, nach Liebe und Verständigung auf der einen Seite und ebenso ist die Wut zu spüren, die Trauer und die Fassungslosigkeit gegenüber dieser Welt, die manchmal einfach nicht die unsere sein kann. Das verbindet und das spendet Trost. "Kollaps Tradixionales" erstrahlt in seiner kompositorischen Souveränität und mit seiner ausufernd romantischen und umarmenden Aura in schierer Größe und ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich solche Worte nochmal über ein Postrock-Album schreiben werde.

Erschienen auf Constellation, 2010

P.S.: Ich wollte es nur schnell gesagt haben, nicht, dass es hinterher wieder heißt, ich hätte es nicht gesagt: die Vinylausgabe von "Kollaps Tradixionales" erschien auf wunderbar schwerem Vinyl und auf dem noch wunderbarerern 10-Inch-Format und hat neben unendlich vielen Gimmicks, Bildern, Collagen, Texten, Grafiken, Poster und "weiß ich was" (Martha Lelek) auch noch eine kostenlose CD-Version des Albums ins Täschchen getackert (im übertragenen Sinn). Mir kommen angesichts von soviel der wunderbarsten Kunst fast ein bisschen die Tränen.

10.01.2011

2010 #12 - Oneohtrix Point Never °° Returnal

Diese Musik treibt entweder unter Wasser, oder sie schwebt durch das Weltall - auf der Erde ist sie jedoch nie. Ein klassischer Eingangssatz einer Musikexpress-Rezension, ich werde mich zu gegebener Zeit dafür noch ausreichend selbst züchtigen. 

Aber im Grunde stimmt's ja: "Returnal" ist tatsächlich viel zu ätherisch für feste Materie. Die, das sei gesagt, vom Albumopener sowieso und umgehend zu Klump geschlagen werden würde. "Nil Admirari" ist ein Orkan aus Lärm und Kratzern, aus Splittern und Explosionen, und er überrollt mich jedes Mal mit selten zuvor dagewesener Kraft und Macht. Die Zerstörung, die dieser Sturm anrichtet manifestiert sich in jedem Augenblick direkt vor den eigenen Augen, bevor die beiden folgenden Songs die wortwörtliche Ruhe nach dem Sturm darstellen. Sie versorgen die gerissenen Wunden, sie fügen die Scherben wieder zusammen. Ich sehne mich nach den ersten fünf Minuten des Chaos nach dieser heilenden Stille, und weder der Irrsinn noch die anschließende Ruhe verfehlen ihr Ziel. 

Die nachfolgenden Minuten gehören der Schwerelosigkeit, aneinanderklackernden Treibhölzern, wachsendem Moos aus dem Zauberwald und sich anrempelnden Sternen aus dem silbersten Silber, das jemals gehört wurde. Und ganz zum Schluss, wenn ein kleiner Hutzelzwerg im Fledderkostüm auf den Spuren von Fever Rays Karin Dreijer Andersson entlangwürmelt und eine von überrumpelnder Mystik gefärbte Stimme preisgibt und also aus einem schwarzen Spinnenkokon heraus die Worte schamanenhaft tanzen lässt, ist alles zu spät. 


Erschienen auf Editions Mego, 2010.

07.01.2011

2010 #13 - Leatherface °° The Stormy Petrel

Ich war wohl nicht der einzige, der Leatherface ein solches Album nicht mehr zugetraut hätte, aber ich war in der Folge auch nicht der einzige, der schnell einsehen musste, sich geirrt zu haben. Das Quartett um Frankie Stubbs hatte seit dem Album "Dog Disco" aus dem Jahr 2004 ihre Funkstille eingehalten, was sicherlich dabei half, die Band bereits in den ewigen Jagdgründen zu verorten. Aber Stubbs ist wie Herpes: er kommt immer wieder. 

Leatherface leiden immer etwas unter der Existenz der Klassiker in ihrer Diskografie: "Cherry Knowle" und vor allem "Mush" gelten auch 21, beziehungsweise 18 Jahre nach ihrer Veröffentlichung als endgültige Sternstunde der Briten - sowas ist für die weitere Karriere selten förderlich, weil jeder neue Ton an den Meilensteinen gemessen wird. Mein persönlicher Favorit war bisher "Minx" von 1993, wohl weil es damals meine erste Berührung mit Leatherface darstellte (Danke, Dirk!). 

"Horsebox" aus dem Jahr 2000 war nach einer fünfjährigen Pause eine positive Überraschung, während die erwähnte "Dog Disco" Langspielplatte bei den alten Fans nicht unumstritten war. "The Stormy Petrel" (mit einem traditionell beschämenden Coverartwork) ist somit die dritte Scheibe innerhalb von zehn Jahren und sie haben sich wirklich nochmal zusammengerissen. Gitarrist Dickie Hammond hatte laut einer vertrauenswürdiger Quelle schon im Herbst 2009 während der Angelic Upstarts-Tour von dem Album geschwärmt und konnte es selbst kaum glauben, dass sie nochmal eine solch hochklassige Sammlung von Songs schreiben konnten: im Grunde befinden sich auf "The Stormy Petrel" ausschließlich Hits. Hits, Hits, Hits. Man muss freilich schon eine Affinität zu ihrem Sound haben, meine Herzallerliebste bekommt nach eigener Aussage Halsschmerzen, wenn sie die Stimme von Frankie hören muss und verlässt grundlegend und unter Protest den Raum, in dem Leatherface läuft. Aber wenn man die krächzende Reibeisenstimme in sein Herz geschlossen hat, kommt sie da auch nicht mehr so einfach raus. 

Natürlich sind sie heute nicht mehr so laut oder schnell wie noch vor 20 Jahren, natürlich hört man der Stimme noch mehr als früher an, dass sie eigentlich total kaputt ist, natürlich lässt man es grundlegend ruhiger angehen. Aber ihre Melodien sind immer noch schlicht überragend. "God Is Dead" gerät mit leicht progressivem Einschlag als Einstieg überraschnd poppig, aber dann, ABER DANN! "My World's End", "Never Say Goodbye", "Another Dance", "Diego Garcia", "Disgrace", "Belly Dancing Stoat", "Isn't Life Just Sweet", "Hope" - allesamt sensationelle, hochmelodische Punkrocksongs mit enormen Tiefgang und grandiosen Hooklines, die dich künftig auf Schritt und Tritt verfolgen. Einzig das doch arg weichgespülte "Broken" will mir nicht so recht den Einlass in die Hall Of Fame finden, aber das ist bei der Qualität aller (!) übrigen Tracks durchaus zu vernachlässigen.

Es war ein toller Sommer mit dieser Platte.

Erschienen auf Big Ugly Fish, 2010

06.01.2011

2010 #14 - Andreya Triana °° Lost Where I Belong

Musik wie warmer, flüssiger Honig. Ein entspannter Ohrenschmeichler, der zu keiner Sekunde Höchstleistungen benötigt, um ein Maximum an Gefühl und Wärme zu schenken. Hier muss nicht zu gefälligen Beats abgefeiert und getanzt werden, das Publikum, das Winehouse und Duffy anhimmelt (und sich eigentlich immer noch nach Aretha Franklin sehnt), kann also zu Hause auf der Couch bleiben. 

Andreya Triana hat nach früheren Arbeiten mit Flying Lotus, Bonobo, Mr.Scruff oder Theo Parrish im Spätsommer 2010 endlich ihr Langspieldebut auf Ninja Tune veröffentlichen können. Als Produzent fungierte niemand geringerer als Simon "Bonobo" Green, nachdem Triana bereits auf dessen Alben ihre laszive, unprätentiöse Soulstimme zum Einsatz bringen durfte. Und was für eine Produktion das ist! Größtenteils mit echten Instrumenten live eingespielt und nur partiell mit einigen Samples aufgepeppt, begeistert "Lost Where I Belong" mit einem wunderbar warmen Klang, einer schwül-entspannten Stimmung und vor allem mit großen Souljazz-Songs. Melancholisch beispielsweise der Opener "Draw The Stars", der lyrisch die spirituelle Richtung für die komplette Platte vorgibt und musikalisch den größten Melodiebogen westlich der Wolga spannt. "X" setzt zum Schluss noch einen drauf und lässt selbst die schlimmste (sic!) Frohnatur zum wehmütigen Zitterklumpen werden, der sich auf den Boden eines gefüllten Whiskyglases wünscht: ein, zwei gnadenlos gut arrangierte Akustikgitarren, ein leise gestrichenes Cello und Andreyas Stimme, die mich tief in einen akustisch-virtuellen Wattebausch drückt - Wo habe ich eigentlich meine Johanniskrautpillen? Dazwischen darf es auch mal dezent lebhafter werden, aber sowohl Green als auch Triana selbst legen offensichtlich Wert darauf, dass aus Nanorissen keine Megabrüche werden. Der träge Latin-Groover "Up In Fire" beispielsweise, der so ein bisschen klingt als seinen die Bläser auf einer intravenösen Bachblüten-Hochdosistherapie hängengeblieben, ist ein Paradebeispiel, wie man das Feuer im Zaun hält, sodass die Hitze im Innern noch unerträglicher wird. 

Und ich brenne schon. Scheißrein, seit September stehe ich in Flammen. Ein Wahnsinn.

Erschienen auf Ninja Tune, 2010.

04.01.2011

2010 #15 - Antitainment °° Ich kannte die da waren die noch real

Gerade mal knappe (und extra kurzweilige) 24 Minuten benötigen die Bekloppten auf ihrem dritten Studioalbum, um den anderen Bekloppten da draußen das Hirn zu Apfelmus mit Kartoffelpuffer zu kloppen. 24 Minuten vollgepackt mit den tollsten deutschen Texten seit möglicherweise Trio (und was sie mich dafür hassen werden. Beide.), die dich und vor allem auch mich ganz schön doof da stehen lassen. Und immer wenn ich denke "Scheiße, jetzt haben sie mich erwischt!" und ich mich deswegen so richtig und vollständig rotzblöd fühle, weil jemand meinen eigenen Schwachsinn im Obergeschoss mit einem Flutlichtstrahler und einem simplen Handstreich öffentlich gemacht hat, dann kommt ein verkacktes Break über den Zaun geflogen, das all den Scheißdreck, mit dem ich mich die ganze Zeit beschäftige, vollends in der Bedeutungslosigkeit (oder in einem Osterfeuer, vgl. Kalifornien) verschwinden lässt. Und dann muss ich lachen. Am Ende wohl nicht in erster Linie über den Text an sich, sondern über meine Quadratdoofheit. Dabei kennen diese vier Wahnsinnigen mich gar nicht. 

Über die Musik muss man wohl keine weiteren Worte verlieren: "Übelster 90er Jahre Euro Dance im Stile der Kokainvernichtungsmaschinen Jam & Spoon oder auch Motörhead." (Intro, ...vielleicht)

"DAS IST KEIN PUNK, DAS RAFFST DU NIE!" - Also gut, Ihr seid der Messias!

Erschienen auf Zeitstrafe, 2010.

02.01.2011

2010 #16 - Scott Tuma °° Dandelion

Die ersten Minuten klingen wie ein Schnelldurchlauf durch die Jahreszeiten. Von am Fenster im Zeitraffer wachsenden Eiskristallen zum plötzlich in hellem Licht erwachenden und freundlichen Frühling, der in einen mit Vogelgezwitscher unterlegten Sommer übergeht. Und am Ende des Tages sitzt ein alter Mann mit Banjo auf der Veranda und spielt in den Frühherbst hinein. Je länger das Spiel dauert, desto mehr wird alles Eins. 

Der wahrgenommene Verweis auf die Launen der Natur ist kein Zufall: "Dandelion" ist eine Verbeugung vor der Größe und Macht des Lebens. Die splitternden Funken, die sich zwischen tiefen Drones und sich verflüssigenden Klangzungen abarbeiten, umschwärmen wie von einer unterirdischen Kraftquelle genährt den inneren Blutstrom. Gespeist aus Demut und Ehrfurcht, aus Liebe und Respekt. Tumas Musik lässt die Blicke ziellos werden, Gedanken ergeben sich der schieren Erhabenheit. Du stehst am Gipfel und schaust über die Welt, atmest ein, atmest aus. 

"Dandelion" ist rauh und ursprünglich. Wäre es Luft, sie hätte heilende Kräfte.

"Dandelion" ist Universum.

Erschienen auf Digitalis, 2010

31.12.2010

Zum Jahreswechsel...

...lege ich mich jetzt bis Sonntag in die Feuerzangenbowle. Rutscht gut rein, ihr wundervollen Menschen.

Habe die Ehre. 

*bussi*

2010 #17 - Atheist °° Jupiter

Ich hatte es bereits zu einem früheren Zeitpunkt auf diesem Blog angesprochen und vermutet, aber dass "Jupiter", das Comebackalbum der Techno-Death Legende Atheist, tatsächlich derart fulminant ausfallen sollte, damit hatte ich selbst bei aller Begeisterung nach den ersten Hörproben wirklich nicht gerechnet. Das erste Lebenszeichen der Band seit 1993 knüpft qualitativ an die drei Klassiker "Piece Of Time", "Unquestionable Presence" und "Elements" an und ist damit das einzige mir bekannte Comebackalbum alter Thrash- und Death Metal-Haudegen, das den Standard ihrer vorzeitlichen Großtaten zumindest halten kann - und ich bin ob dieser Tatsache immer noch baff, um ehrlich zu sein. 

"Jupiter" orientiert sich dabei stärker an ihrem vielleicht ausgereiftesten Werk "Unquestionable Presence" als am noch etwas rohen "Piece Of Time" oder dem experimentellen "Elements". Ihre verspielten Riffkaskaden, die ein bisschen wie ein verrückt gewordener Schwarm Hornissen im Kleinhirn herumtoben, suchen immer noch aussichtslos nach Konkurrenz, die wahnwitzige Schlagzeugarbeit von Steve Flynn ist fast schon grotesk genau auf Gitarre und Bass abgestimmt und selbst Sänger Kelly klingt fast 17 Jahre nach der offiziellen Auflösung (und als Ü-40er!) immer noch taufrisch. 

Ich rechne es der Band hoch an, dass sie zu keinem Zeitpunkt Kompromisse eingegangen ist: die Produktion von "Jupiter" ist ungeheuer druckvoll und gar (in Teilen) modern, ohne dabei künstlich aufgeblasen zu wirken. Die Songs sind hochkomplex, bleiben jedoch von der ersten bis zur letzten Sekunde absolut schlüssig und nachvollziehbar. Zudem sind sie jederzeit Atheist geblieben: ihr Sound ist so einzigartig wie brilliant, ihr Wiedererkennungsmerkmal ist der Wahnsinn und die unbändige Kraft in Songs wie "Second To Sun", "Third Person" (Alter...!!) oder "Fictitious Glide". Ihre ureigenen Harmonien sind sowieso auf immer in das kollektive Bewusstsein des Thrash und Death Metal eingebrannt, und "Jupiter" fügt ebenjenem die ein oder andere Sternstunde hinzu. 

Flawless.

Erschienen auf Seasons Of Mist, 2010.

30.12.2010

2010 #18 - Actress °° Splazsh

"Splazsh" ist eines der abgefahrensten Alben des Jahres 2010 und da fehlen mir glatt ein wenig die Worte. Egal, was ich hier schreiben würde, es wäre innerhalb weniger Sätze das Einfachste auf der Welt, meine Worte umgehend zu widerlegen. Würde ich beispielsweise schreiben, dass die A-Seite mit dem Opener "Hubble" und dem mit einigen Soulfetzen angereicherten "Lost" sowie dem kurzen Ambientfloater "Futureproofing" eine düstere Post-Alles-Landschaft entwickelt, die sowohl Dubstep als auch Ambient und Techno als Fixpunkte aufs Tableau zaubert, dann wäre schon beim ersten Plattenumdreher auf die B-Seite alles perdue: ein tiefer und verschachtelter Dubstep-Irrgarten auf "Get Ohn", ein großer ironischer Post-Pop-Entwurf in "Always Human", danach ein übersteuerter Bass-Schmerz mit stolpernden und allerhöchstens angedeuteten Beats. Dazu gibt es dunkle Synthie-Anleihen und schemenhaft erkennbare Songstrukturen bei "Maze" und einen lupenreinen 80er Jahre Smasher mit "Purrple Splaszh". 

Ich hatte schon im Sommer die Vermutung, dass ich offenbar schlicht zu schlicht für "Splazsh" bin und es einfach nicht verstehe, obwohl die Scheibe teils Wochen auf Heavy Rotation lief. Cunningham hat zudem auf den Einsatz starker Hooks zugunsten eines verwirrenden Gesamtentwurfs verzichtet, was sich in Sachen feierwütiger Tanzapokalypsen zwar rächt, für die Weirdo-Ästhetik einer dunklen, grummeligen Freakshow und einen monatelangen Hörspaß obendrauf aber umso bedeutsamer ist. 

Das Ende vom Lied: ich raff' das Album immer noch nicht, aber es dreht sich die ganze Zeit auf dem Plattenteller. Bald auch als Soundtrack in Deiner Psychotherapiesitzung zu hören. 

Erschienen auf Honest Jons Records, 2010.

29.12.2010

2010 #19 - Disappears °° Lux

Der Lehrer bezeichnete diese Band einst als "Schülerband" und gestand kurz darauf inhaltlich durchaus angemessen, Disappears einfach nicht zu verstehen. Angesichts seiner diesjährigen Sufjan Stevens-Ver(w)irrung kann das nur als Qualitätsmerkmal gedeutet werden, aber lassen wir die Kirche im Dorf: das hier ist auch nicht wirklich Musik für "Oma Meume und Familie Fliewatüt" (S.Gärtner). 

Auch Disappears kamen bereits im Laufes des Jahres 2010 auf diesen Seiten zu der ein oder anderen lobenswerten Erwähnung und meine Begeisterung ob ihres dreckig-verwehten Garagensounds ist nicht nennenswert zurückgegangen. Noch immer bestimmt in erster Linie ihr kaputter Lo-Fi-Sound die Szenerie, ihr konsequenter Minimalismus und die damit verbunde Offenlegung aller Tatsachen sind mir auch Monate nach der Entdeckung immer noch so sympatisch, dass "Lux" regelmäßig den Weg ins Schallgesims findet.

Kein doppelter Boden, kein Interpretationströpfchen zuviel. Intellektuell und stylish, ja. Aber kein nichtsnutziger Firlefanz. Disappears klingen, als ob Motörhead 1986 die Ausfahrt in Richtung My Bloody Valentine genommen hätten, und Lemmy nach seinem Philosophie-Studium anstatt einer Speed-Standleitung ins Nasenloch sich lieber täglich eine Haschisch-Schokotorte beim Kaffeekränzchen mit Julia Kristeva reingezerrt hätte. 

Und "Pearly Gates" ist ein verdammter Hit.

Erschienen auf Kranky, 2010.

28.12.2010

2010 #20 - Triclops! °° Helpers On The Other Side

Als größter Wackelkandidat für die Erwähnung in dieser Liste entpuppte sich dieses Jahr "Helpers On The Other Side" des Triclops!-Haufens, was bei Licht betrachtet weniger an der Qualität ihrer zweiten abendfüllenden Songsammlung, als an der Qualität der Konkurrenz-Veröffentlichungen lag und liegt. Denn auch dieses Jahr darf ich mit Vehemenz darauf hinweisen: Musik war nie besser als heute. Beziehungsweise gestern. Oder vorvorgestern, meinetwegen auch übermorgen - "Das ist Physik." (Malmsheimer).

Das beste Argument des Quartetts aus San Francisco liegt in meiner romantischen Verklärung des Vergangenen begründet, was geradewegs brilliant mit meiner eben getätigten Aussage über die Musik der Gegenwart zusammendotzt: ich höre "Helpers On The Other Side" und befinde mich augenblicklich in meinem sonnendurchfluteten Kinderzimmer, schätzungsweise 1991, abwechselnd The Jesus Lizard- und Janes Addiction-hörend. Und ich möchte einerseits darauf hinweisen, dass das durchaus eine gute Erinnerung ist, und dass andererseits die groben Eckpunkte ihres Sounds mit den beiden eben genannten Kapellen zumindest in meinen Ohren ganz gut abgesteckt sind. Aber kommt mir jetzt bloß keiner auf die Idee, eine vergleichende Riff- und Harmoniestatistik auf zu setzen! Zumal der Vergleich angesichts der, ich wage es kaum zu schreiben, Classic Rock-Einflüsse bei "Homage To Monte Cassino (Red)" und "With Sars, I'll Ride The Wind" auch wieder totaler Kappes sein könnte. Aber wer weiß das schon?

Na, ich natürlich (nicht): Triclops! springen letzten Endes zwischen Punkrock, Noiserock, Hardcore und alternativer Frühneunziger-Weirdness ("Brown Summer") umher, sind sympatisch durchgeknallt und haben hier einige durchaus progressive und in der Folge auch mutige Perlen ("Brown Summer") untergebracht. Ich höre die Scheibe vor allem aufgrund ihrer Frische und Komplexität sehr gerne ("Brown Summer") und deswegen soll ihr auch der begehrte letzte freie Platz in dieser Aufstellung gehören. So sei es ("Sown Brummer").

Erschienen auf Alternative Tentacles, 2010.

26.12.2010

Top of the Blogs 2010

Wir, also mein Listennerd und ich, haben uns außerdem dazu entschlossen, bei der tollen "Top of the Blogs 2010"-Aktion von Vinyl Galore mit zu machen.  

Vinyl Galore-Mann Martin hat in offenbar schlaflosen Nächten die Top Ten-Listen von nicht weniger als 43 Blogs ausgewertet und das Ergebnis nun exakt HIER präsentiert. 

Frei nach Bill Hicks:"Boy, is my thumb not on the pulse of the German indie scene!"

Aber schön isses ja doch yngwie. 

Danke für die Mühe, Martin.


Zweitausendzehn in Musik

Der Listennerd in mir schreit wieder nach Aufmerksamkeit und ich bin noch nicht autoaggressiv genug, um dieses Betteln zu überhören. Also schenken wir dem jämmerlichen Kieselchen in mir einfach die nächsten Wochen etwas (kostbare) Zeit und ein kleines, kaltes und feuchtes Eckchen zum Austoben: die schönste Musik des Jahres 2010. Der Countdown hat begonnen. Spannung! Dramatik! Durchfall und kein Klopapier im Haus!

Gemeinsam lässt es sich bekanntermaßen schöner leiden: für den Fall, dass auch Du der Welt (oder wenigstens mir - fangen wir ruhig eine Nummer kleiner an) mitteilen möchtest, welche Platten Deine Nervenbahnen am prächtigsten zum Limbotanzen brachten, dann schreibe mir bis zum 31.12.2010 eine Mail an dreikommaviernull[at]yahoo[dot]de, liste Deine Top 10 des Jahres 2010 auf und warte auf den verspäteteten Weihnachtsmann: unter allen Einsendungen werden drei Gewinner ausgelost, die sich schon bald über was Schönes (bruaha?!) freuen dürfen. 

Also los da!

Und Frohe Weihnachten. Natürlich.