17.02.2011

2010 #3 - Flying Lotus °° Cosmogramma

Als ich im Juni 2010 zum ersten Mal über "Cosmogramma", das dritte Album von Steve Ellington aka Flying Lotus, schrieb, stellte ich angesichts des hier herrschenden, positiven Irrsinns gleich einen Sack voller Fragen, aber eine einzelne, spezielle möchte ich nochmal aufgreifen: wird "Cosmogramma" denn überhaupt von einer politischen oder gesellschaftlichen Message getragen, die mit den großen Meilensteinen des Jazz zu vergleichen ist?

Heute, mehr als ein halbes Jahr und unzähliche Jahresbestenlisten später, muss man die Antwort in zwei Teile aufspalten. Wenigstens in meiner Wahrnehmung ist "Cosmogramma" mit den großen Jazzwerken der Vergangenheit spirituell verbunden - hier lebt eine ganze Legion von gesellschaftlicher Beobachtungen und Anklagen unter kilometerdicken Layern aus Klappern, Zischlern und Kratzern. Da ist der Drang nach Freiheit zu spüren, das naive Herumtollen, das Austoben im Unbekannten, so kreativ und voller Drang, an einen Ort zu gelangen, den noch niemand vor ihm betreten hat - der Mann hat einen Auftrag. Hat den Auftrag aber auch jeder mitbekommen? Und das führt uns zum zweiten Teil der Antwort: war es nicht auffällig, wie wenig Aufmerksamkeit diese Platte am Ende des Jahres erhielt, wo noch im Mai gefühlt das halbe Internet auf dem Kopf stand? Wo waren denn plötzlich all die Drive-In-Anbeter, die "Here today and gone tomorrow" auf ihren Baseballkappen spazieren tragen? Ich kann's Euch sagen: die waren im seichten Fahrwasser der Indietronic-Bewegung, die waren im knietiefen Morast der moralischen Befindlichkeitslyrik, tsehe: die waren WEG! Die waren dem schmerz- und inhaltslosen Delirium verfallen, die wollten nicht, dass es zwickt. 

Und "Cosmogramma" zwickt eben. 

Aus einer (mir völlig fremden) technischen Sicht betrachtet, begeistert es sehr wohl nachwievor die Nerds und Tüftler, die Ellington ob seines Sampling-Geschicks den Heiligenschein ausstellen, es begeistert aber auch jene, die nicht immer und überall die polierten und allgegenwärtigen Discounterproduktionen ohne jeden Tiefgang hören möchten. Eben jene, die sich auch in Jahren stetig sinkender grundsätzlichen Relevanz der Kunstform Musik, noch ein Album (noch so ein aussterbender Dinosaurier...) erarbeiten möchten - und bevor jetzt wieder der erste kräht, dass Musikhören doch nichts mit Arbeit zu tun hätte: genau das hat uns zu den heutigen Konsumaffen gebracht, denen eingeredet wird, dass Aussage, (Weiter)Entwicklung und Leidenschaft gefälligst nichts mehr in unseren Köpfen zu suchen haben. Kauf' das, Du Sau! Und dann sei still!

Lasst sie uns nicht das nehmen, was wir lieben. Lasst uns wieder versinken in diesen geradewegs apokalytischen Tiefen, lasst uns wieder spüren, wie viel Leidenschaft da jemand in einen Klang von epischer Breite gesteckt hat, lasst uns wieder entdecken, wie Kreativität und Intuition unser Leben bereichern können. Verfluchte Scheiße! *mit erhobenem zeigefinger rumfuchtel*

Wann immer ihr dieses Album spielt, spielt es so laut ihr nur könnt.

Erschienen auf Warp, 2010.

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