31.12.2017

The Year I Tried To Live - 2017 im Rückspiegel




Schwupps - schon ist's wieder vorbei. Das verstörendste Merkmal des Älterwerdens ist, nahezu jegliches Zeitgefühl zu verlieren, dass also das Hirn seine eigene eh schon diffuse Suppe aus Erlebnissen und Momenten in einen großen Topf wirft und die ganze Brühe mit einer Flugzeugturbine mal schön durchrührt, bis am Ende ein sämiger Kladderadatsch vor einem liegt, der bis in die kleinsten und verzweifelt freigehaltenen Fugen des Lebens eindringt und sie ausfüllt, bis auch wirklich jede noch so kleine Erhebung ge- und verschluckt ist. Das beste Gegenmittel gegen den Schwund an Aufmerksamkeit und das Getöse um einen herum, ist das aktive Erleben, um Momente zu kreieren, die bleiben. Und selbst das erscheint mir bisweilen eine große Anstrengung zu sein, weil das ständig in Rekordgeschwindigkeit wachsende und das eigene Sein umringende Gekröse am besten mit einer Kettensäge im Zaun gehalten werden muss: im Hier und Jetzt sein. Den Moment genießen, ihn feiern.

Die Herzallerliebste und ich haben zur Jahresmitte, vermutlich an dem Punkt, an dem wir unisono ein "Fuck, schon wieder Juni - eben war doch noch Silvester?!" ausplärrten, sehr aktiv beschlossen, diese Momente zu erschaffen. Als vorläufiges Ergebnis besuchten wir im abgelaufenen Jahr so viele Konzerte wie vermutlich seit Jahren nicht mehr - und es waren großartige Erlebnisse dabei: wir sahen zum allerersten Mal die Afghan Whigs live auf der Bühne, der kleine Metal-Florian feierte die Konzertreise seiner alten Helden von Psychotic Waltz knieend in der ersten Reihe, der kleine Punk-Florian warf nach 25 Jahren den alten Herren von Bad Religion ein kurzes "Hallo!" zu, Propagandhis einzige Show in Deutschland wurde sogar mal wieder im Mosh-Pit verbracht, bis meine Hawaii-Stofflatschen in der getrockneten und dann ziemlich klebrigen Biersiffe vor der Bühne einfach am Boden festklebten und ich also in Socken wie eine Flipperkugel vom tanzenden Volk willenlos durch die Gegend geschoben wurde, die kalifornische Soulsensation Monophonics spielte erneut vor einer traurig geringen Anzahl von Menschen einen berauschenden Gig (in einer besseren Welt verkaufen sie achtzehn Mal hintereinander ein Fußballstadion aus), die künstlerisch wie kommerziell wiederbelebten Prog-Opas von Marillion rissen im Vorbeigehen in einer ausverkauften Batschkapp das beste, strahlendste, intensivste Konzert der letzten 10 Jahre ab und rührten uns mit dem überraschend auf die Setlist genagelten "Neverland" gar zu Tränen, die bekifften Slomo-Doomer von Windhand bratzen und fuzzten mich zurück in die Neunziger, der olle Nick Cave legte eine ergreifende Welt-Performance aufs Parkett der altehrwürdigen Jahrhunderthalle, wir sahen zum ersten Mal die bunten Groovemonster der Thievery Corporation live und Fates Warning waren so großartig, dass selbst ich ein Kind von Ray Alder bekommen möchte. Meinethalben kann das im Jahr 2018 gerne so weitergehen.




Außerdem beschlossen wir, Grönemeyers Credo aus den 80er Jahren wiederzubeleben und mögen Musik also nur, wenn sie laut ist : in einer Disko. Da standen wir also mit unserem Plan, die Frankfurter Clubszene zum ersten Mal seit 18 Jahren zu erkunden und erlebten eigentlich bei jedem Besuch Denkwürdiges, abgesehen davon, dass wir uns mit 40, respektive 45 Jahren in einer Horde zwanzigjähriger Studenten nicht immer so richtig wohl fühlten: der "Hip Hop Classics" Abend im Zoom bot alles, aber keine Hip Hop Classics - es sei denn, Hip Hop hat sich in den letzten 20 Jahren zu einer Kirmesmusik mit Ruckelbeats und schlecht programmierten Autotunes entwickelt. Dazu krakeelte ein offensichtlich unter einer Überdosis Butterkeks stehende  DJ-Eumel legendäre Einzeiler wie "I WANNA SEE YOUR HANDS FRANKFURT!" in die Songs hinein, als wären wir gerade am Kettenkarusell vom Oktoberfest und spielte außerdem die Songs nicht mehr vollständig aus - zugegeben: in dem ein oder anderen Fall waren wir deswegen nicht undankbar, aber srsly: what the fuck? Die Kiddos erschreckte all das zwischen zu knappen Oberteilen, zu engen Feinripps, Hüten und Handy-Scheißdreckgetippe auf der Tanzfläche natürlich zu keiner Sekunde. Strange times, man. Strange times. Persönliches Lowlight war hingegen der Besuch in der Frankfurter Batschkapp zur 80er, 90er und 00er Party: auch hier gab es einen Kirmes-Einheizer, der nicht nur ebenfalls die gespielten Songs mit allerhand überflüssigem Aufputschdünnpfiff kaputtbrüllte, sondern dann auch noch mit Sätzen wie "FRAAANKFUUUURT, WIR HABEN KNICKLICHTER FÜR EUCH!" und "FRAAAAANKFUUUURT, WIR HABEN LUFTGITARREN FÜR EUCH, HABT IHR SPASS?" zumindest bei uns feierlich in den Fremdschämtempel der Doofheit einzog - während der Rest der überwiegend blutjungen Bande zwischen zwei getippten Snapchats und einem Schluck Marshmallowbier den Irrsinn mit einem gequiekten "Whooaaaah, coooool" goutierte und um 3 Uhr nachts unironisch Wolle Petrys Minderbemittelten-Gassenhauer "HölleHölleHölle" abfeierte. Spätestens hier war klar: es ist Zeit zu gehen.

Aber auch positive Erlebnisse sollen nicht verschwiegen werden: die Ü-30 Party im Orange Peel im Frankfurt Bahnhofsviertel hatte einen charmant ausgelassenen und unprofessionellen Charakter: war der Durchgang zum Clubraum bei unserer Ankunft gegen 0 Uhr wie leergefegt und in seiner Kargheit besorgniserregend verstörend - "Ohgott, hier ist kein Arsch!" - flogen uns nach Öffnen der schweren und soundschluckenden Stahltür tanzende Gliedmaßen aus dem überraschend kleinen Raum entgegen. Dass ich mich von der "Eyeyey, guuuuden Lauuuuneeee" (Sven Väth) anstecken ließ und zwei Stunden später in einem Anfall mentaler Komplettverstrahlung und unter dem Einfluss von lediglich zwei Cola-Light gar zu Bohlens musikalischer Vertonung eines offenen Penisbruchs "You're My Heart, You're My Soul" tanzte, spricht Bände. Ihr seht uns wieder, Orange Peel.

Darüber hinaus mag meinen verbliebenen Lesern (es dürften nicht zuletzt wegen der in diesem Jahr einsetzenden Schreibblockade mittlerweile deutlich weniger als die üblichen dreikommavier sein) aufgefallen sein, dass a) der letztjährige Jahrescountdown der besten Alben des Jahres 2016 sich bis in den fucking Mai (!) zog, b) in diesem Jahr in Sachen Anzahl der Blogposts der absolute Tiefpunkt aller Zeiten erreicht wurde und c) der offensichtlichste Bruch ab Mitte Mai zu erkennen war und damit in Zusammenhang stehend, ich d) auch nunmehr 7 Monate nach dem Freitod von Chris Cornell am 18.Mai 2017 noch immer nicht in der Lage war, darüber zu schreiben. Wer diesem Blog nicht erst seit gestern folgt weiß, welchen Stellenwert Cornell für mich und Alina hat und hatte - er war nicht nur eine Gallionsfigur unserer damaligen musikalischen Grunge-Heimat in unserer Jugend und Adoleszenz, er lieferte auch unseren Soundtrack in der konfusen, beängstigenden und unsicheren Zeit, als wir uns gerade aufmachten, die Entscheidung für ein gemeinsames Leben zu treffen. Ich mag mich heute kaum mehr an diese Zeit erinnern, weil sie immer noch so intensiv und schmerzhaft erscheint - selbst wenn das Ergebnis, eine sich in diesem Jahr zum 15. Mal jährende und restlos wunderbare Ehe, ja durchaus ein Grund zum täglichen, gar minütlichen Feiern wäre. Die zweite Jahreshälfte von 1999 war hingegen die Hölle auf Erden und Cornell sang uns die Songs seines ersten Soloalbums in unsere Wohnungen in Nürnberg und Frankfurt und verband alleine damit unsere Leben und unsere Seelen. Die Nachricht von seinem Tod traf uns beide wie ein Schlag, und ich kann, will und darf hier nur von mir sprechen, aber ich kann nicht behaupten, dass ich ihn verarbeitet habe. Für ein halbes Jahr konnte ich keine einzige Platte hören, an der er beteiligt war. Erst vor kurzer Zeit traute ich mich zaghaft an das letzte Soundgarden-Album "King Animal" heran, das ich übrigens aufgrund meiner Reunionallergie bei Erscheinen bewusst ignorierte und erst wenige Tage vor seinem Tod dann doch aus dem Second Hand Shop entführte. Die Erinnerung an das gemeinsam besuchte Konzert im April 2016 in Hamburg und an einen scheinbar komplett aufgeräumten, humorvollen, unendlich talentierten, in sich ruhenden Cornell, der Gedanke, dass er, den ich an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt live sah und der plötzlich so mir nichts, Dir nichts wenige Meter von mir entfernt stand und der mir alleine mit seiner Anwesenheit mein ganzes Leben aus den neunziger Jahren, meiner Kindheit, meiner Jugend, im Zeitraffer in Richtung Memory Lane schickte, durch solche Qualen gegangen sein muss, dass er sich in einem fucking einsamen Hotelzimmer das Leben nahm, zerreißt mich bis heute. Ich war bislang völlig unfähig darüber zu schreiben und auch hier mag es mir nur schwerlich gelingen. Aber wenn es einen Grund dafür gibt, warum auf diesem Blog seit Mitte Mai noch weniger zu lesen war als zuvor, dann ist es folgerichtig dieses Ereignis. Ich plumpste einfach in ein Loch. Und wo ich für den Alltag, sprich: die Lohnarbeit noch funktionierte, ging bei den Hobbys das Licht aus.


Ich bin nicht glücklich darüber. Ich hatte tatsächlich einige ganz neckische Ideen für den Blog, und war leider nicht in der Lage, sie umzusetzen. Ich arbeite weiter daran - eigentlich fangen wir jetzt schon mit einer an, auch wenn sie nicht wirklich neu ist: der neue Jahrescountdown ist da. Nach Durchsicht aller in Frage kommender Alben für die Top 20 war klar, dass ich erstmals die Tradition durchbrechen und also auf eine Top 30 aufstocken muss. Es wird bald hier zu lesen sein, dass einige große Namen im Hause Dreikommaviernull es dieses Mal nicht in die 20er Bestenliste geschafft hätten - und nicht etwa deshalb, weil ihre Alben so mittelmäßig gewesen wären. Ich habe schließlich nie damit ein Problem damit gehabt, enttäuschenden Kram auszusortieren, selbst wenn ich dank meiner Metal-Vergangenheit schon mit einer übergroßen Portion Loyalität ausgestattet bin und alten Helden einen Ausrutscher gönnerhaft verzeihen mag. Nein, das Gedränge war im Jahr 2017 so groß, dass es mir wirklich unfair erschien, mich nur auf 20 Alben zu beschränken. So gibt es also demnächst ganze 30 Scheiben zu besprechen, und weil der ein oder andere möglicherwiese nun das große Stöhnen beginnen mag, dass ich, bliebe ich bei meiner aktuellen Veröffentlichungsfrequenz, damit ja erst im September 2019 fertig sein würde, darf ich feierlich notieren: es wird alles ganz anders. Stay tuned.



Ich möchte mich zum Abschluss des Jahres sehr ernsthaft, aufrichtig und äußerst ranschmeißerisch bei Euch fürs Lesen bedanken. Ich weiß es zu schätzen.




05.12.2017

Bruce Dickinson - Tyranny Of Souls





Soll bloß niemand sagen, ich hätte es nicht versucht. 

"Tyranny Of Souls" war eine der größten musikalischen Enttäuschungen der nuller Jahre und stand ganz bestimmt nicht auf meiner Einkaufsliste, nachdem die Veröffentlichung des Dickinson'schen Backkatalogs angekündigt wurde. Andererseits: wenn ich schon das Portemonnaie für die gesammelten Werke seines Schaffens öffne, warum sollte ich nicht einen weiteren Versuch starten, mich dem bislang letzten Solowerk nochmal zu nähern? Schließlich bin ich heute ein anderer Mensch als noch 2005. Vielleicht ist die Zeit zwölf Jahre später gekommen, um seine vermeintliche Größe zu entdecken. Wäre immerhin nicht das erste Mal, dass eine Hörpause wahre Wunder bewirken kann. 

Um es abzukürzen: die Zeit war nicht gekommen.

Ich musste mich förmlich durch dieses Album kämpfen. Der Gang zum Plattenspieler, um die Scheibe auf die B-Seite umzudrehen, fühlte sich an, als hätte mir jemand Beton in meine schnieken Tommy Hilfiger Socken gefüllt und die Erdanziehung hätte sich flugs verzehnfacht. Das fällt nach einer blanken Frechheit wie "Navigate The Seas Of Cheese Of The Sun", die die A-Seite beschließt, gleich besonders schwer. Man sieht's mir bitt'schön nach, aber das sind einfach keine guten Songs. Schwerfällig, ideenlos, billig, unausgereift - das Team Roy Z und Bruce Dickinson, das für die Aufnahmen auf das bewährte Backing Band aus den "Accident Of Birth"-Liveshows und den "The Chemical Wedding" Sessions verzichtete, versagt mit Billo-Metal Riffs von der Stange ("Abduction", "Soul Intruders"), grausamen Refrains ("Kill Devil Hill", "Devil On A Hog"), Fliegengewicht-Trällereien ("Power Of The Sun"), einer flapsigen, sterilen und erschreckend phantasielosen Produktion nebst unausgereiften Gesangslinien auf fast ganzer Linie. Einzig "Believil" mit seinem an den Titeltrack von Maidens "Seventh Son Of A Seventh Son" erinnernden Mittelteil und das gute, aber mit einer Gitarrenwand aus feinstem Butterbrotpapier gezimmerte, jedoch wenigstens mit einer halbwegs brauchbaren Hookline ausgestattete "Tyranny Of Souls" lassen einen Hauch Atmosphäre aufkommen und erinnern entfernt an alte "The Chemical Wedding" Herrligkeit, wenngleich ersterer mit seinem Bontempi-Kinderorgelsounds selbst einem Geschmackselfmeter wie Steve Harris die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

"Tyranny Of Souls" ist ein leicht zu dechiffrierender, weil völlig oberflächlicher Schnellschuss, bei dem sich die beiden Protagonisten nicht mal die Mühe gemacht, potemkinsche Dörfer aufzubauen: keine richtige Band, keine gemeinsamen Aufnahmesessions, Drummer Dave Moreno (aka Angelo Sasso) "spielte" die Platte auf Basis von Roys Demoaufnahmen "ein", Roy wiederum jubilierte, dass er einfach seine Gitarrenaufnahmen von den verfluchten Demos übernehmen konnte und nichts mehr neu einspielen musste, Dickinson sang seine Takes innerhalb von drei Tagen und damit in Rekordzeit ein, bevor Pro-Tools den Rest besorgte - ich weiß auch im Jahr 2017 immer noch nicht, was das alles soll. 

Alles Käse. 

Zur Abschreckung:




Erschienen auf Sanctuary, 2005.


27.11.2017

Bruce Dickinson - The Chemical Wedding





Es ist schwer, für einen Meilenstein des Heavy Metal noch mehr Worte zu finden, als jene, die ich vor nunmehr sechs Jahren an anderer Stelle in diesem Blog bereits ins vielköpfig-virtuelle Nichts trompetete. Zumal das alles, vom traditionell etwas kruden Stil abgesehen, dann doch immerhin inhaltlich noch alles völlig richtig ist - inklusive meines hohen Euphorieniveaus. Andererseits ist es nach einem Jahrhundertreview wie jenes von Matthias Breusch so oder so vergebene Liebesmüh', noch was draufsetzen zu wollen:

"Einen wunderschönen guten Tag, liebe Testpersonen. Bitte begeben Sie sich ohne weitere Umstände direkt zum nächsten Plattenladen, schnappen Sie sich den Fuzzi hinterm Tresen (wen interessiert's, daß er gerade irgendeiner Truse die verstaubte Best-of von Kraxlsepp Hinterthaler eintüten will - piepschnurz!) und zwingen Sie ihn, SOFORT Song Nummer zehn (in Ziffern: 10!) vom neuen Dickinson-Album in ALLERHÖCHSTER Lautstärke über seine Berieselungsboxen zu jagen, bis die Schnäppchen-Angebote im Schnulli-Regal den Molotöw tanzen. 'The Alchemist' ist eine unübertroffene Mixtur aus alter Maiden-Herrlichkeit und Frischdienst-Vibes: Elefantöse Schiffssirenen-Trompeten, erdig schleifendes Riffing, eine am offenen Feuer geschmiedete Edelstahl-Hymne und ein Gitarrensolo, das sich vor Ritchie Blackmores Jahrhundertwerk 'Stargazer' verbeugt. Na? Geht das nicht amtlich auf die ZWÖLF? Jaha!(...)" (Matthias Breusch, Rock Hard Nr.137 - Link zum Review )

Nun ist "The Chemical Wedding" dieser Tage im Rahmen Dickinsons großer Solorevue "Soloworks"  tatsächlich erstmals auf Vinyl erschienen und ein hastig durchgeführter Soundvergleich mit der seit 19 Jahren im Regal stehenden CD ließen sowohl Herrn als auch Frau Dreikommaviernull mit heruntergelassenem Schlüpper ratlos und mit großen Augen auf die Lautsprecher starren: was zuvor schon bei vielen ähnlichen Vergleichen zwischen den ehemals hippen Silberdingern und dem schwarzen Gold auffiel, von Maiden über Nirvana und Monster Magnet bis zum bislang größten Abschuss mit einer alten Aufnahme von Alice Coltrane, nämlich eine, pardon: bodenlos scheiße klingende CD nämlich, verstärkte sich im direkten Vergleich mit der vermutlich mit sattem Vinylmastering ausgetatteten Vinylversion des 1998er Streichs dieser Megaband noch - und nachdem ich mich von meinem hysterischem Gequieke angesichts des klanglichen Unterschieds wieder ein wenig beruhigt hatte, durfte ziemlich ungeniert die Frage gestellt werden, wie es sich 19 Jahre mit diesem dumpfen, platten, verklebten, hyperkomprimierten und verwaschenen Scheißdreck (die Gitarren! DIE GITARREN!) aushalten ließ. Wer sich also trotz des schon vor fast 20 Jahren zusammengezimmerten Altars nochmal neu in dieses makellose, zu beiden Teilen klassische und moderne Heavy Metal Album verlieben mag, sollte hier unbedingt zuschlagen.

"The Chemical Wedding" gehört für mich zu den besten Metalalben der 1990er Jahre, vielleicht sogar darüber hinaus: in seiner beinahe intellektuellen Dunkelheit und Ernsthaftigkeit, in seiner Musikalität, seiner Deepness, dem elastischen und charakterstarken, weil eigenständigen und einzigartigen Sound, einer fast unwirklichen Ansammlung von echten, tief bewegenden Hymnen zwischen Melodie, Härte und großen Gefühlen von einer furios aufspielenden Band, die wahrlich die Funken fliegen lässt, und als Krönung einem sich die Seele aus dem Leib singenden Bruce Dickinson, bleibt "The Chemical Wedding" unerreicht. 




Erschienen auf Sanctuary Records, 1998.

20.11.2017

Bruce Dickinson - Accident Of Birth





"Accident Of Birth" läutet praktisch die Rückkehr Dickinsons zu Iron Maiden ein. Nach dem überschaubaren Erfolg von "Skunkworks" - logisch: die jungen Rockfans sahen in einer Zeit, in der Metal, der klassische zumal, ein Schimpfwort war, in Bruce einen alten, uncoolen Rock-Opa, der mal bei einer Band spielte, die lustige Monster auf der Bühne herumhampeln ließ, die alten Rockfans nahmen ihm den medial hochgejazzten Stilwechsel übel und bezichtigten ihn der Trendreiterei - tat er sich zuerst mit Roy Z, seinem Freund aus "Balls To Picasso"-Zeiten, und anschließend, nach der Sondierung von Roys Songideen, mit ex-Maiden Gitarrist Adrian Smith zusammen (dessen Karriere nach seinem A.S.A.P. Debut aus dem Jahr 1990 und einer durchwachsenen und weitgehend unbekannten Platte mit Psycho Motel auf dem sowohl künstlerischen als auch kommerziellen Trockendock lag) und entschied sich zur Aufnahme eines reinen Metal-Albums. Ob die gesponnene Mär, Roy Z hätte mit "einigen großartigen Metal-Riffs" (Roy Z) aus seiner Resteschublade erst einige Überzeugungsarbeit leisten müssen, bevor Bruce endlich einlenkte, nun tatsächlich stimmt, der Geldspeicher allmählich leerer und leerer wurde, oder gar die Plattenfirma/das Management die neuerliche Kurskorrektur zumindest mitbestimmte, werden wir vermutlich nie erfahren.

Viele Signale, die von "Accident Of Birth" ausgehen, lassen sich wenigstens aus der Ferne als ein Bewerbungsschreiben an die Adresse von Maiden-Boss Steve Harris interpretieren: die Rückkehr zum Heavy Metal, Adrian Smith als Sidekick, das Cover-Artwork vom langjährigen Chefdesigner von Iron Maiden (Derek Riggs) gestaltet - so bringt man sich wieder ins Spiel, wenn die eigene Karriere mehr oder minder lautlos den Bach runter geht. Iron Maiden selbst hatten sich derweil mit der Verpflichtung von Sänger Blaze Bayley verkalkuliert (Jannick Gers:"Kann er denn singen?" - 1993) und dem schwachen Dickinson-Outro "Fear Of The Dark" ein nun gänzlich erschreckendes "The X-Factor" folgen lassen und tingelten durch Hallen mit einer Kapazität von gerade einmal 2000 Menschen. Wer den Wink mit dem Zaunpfahl ins britische Essex bis dahin noch nicht verstanden hatte, dem pflantschten die drei von der Tankstelle die Semi-Ballade "Man Of Sorrows" ins Schallgesims, dessen Text zwar von Aleister Crowley handelte, von vielen Zeitgenossen, inklusive Steve Harris, jedoch als Entschuldigungsschreiben an Iron Maiden gewertet wurde - Hybris, anyone?

"Accident Of Birth" ist stilistisch vielleicht nicht unbedingt Universen, aber doch wenigstens Kontinente vom Sound Maidens entfernt, ist härter, moderner, eine Spur offener und vor allem motivierter: Highlights sind der grandios schiebende Opener "Freak", das mit einem enormen Refrain ausgestattete "Welcome To The Pit" und die leicht episch angehauchten "Omega" und "Darkside Of Aquarius" - letzteres ein ultrafies zu singendes Monstrum, gegen das Dickinson live hör- und sichtbar kämpfen muss, es auf dem unten angezeigten Video aber in beeindruckender Manier niederringt. Überhaupt: Dickinson's stimmliche Leistungen ab Mitte der neunziger bis in die frühen Nuller Jahre hinein überflügeln spielend seine erfolgreiche Zeit mit Maiden in den 1980ern. In damaligen Interviews berichtete er von bodenlosem Montoringsound auf der Bühne und davon, immer Steve Harris' Bassmix den Vorzug geben zu müssen, sodass er, Bruce, sich praktisch nur an dem entlanghangeln konnte, was durch die PA nach draußen ins Publikum dringt - und als halbwegs erfahrener Sänger weiß ich: das ist nicht viel. Aber auch seine Arbeit im Studio zeigt sich nochmal klar verbessert, denn er sang ausdrucksstärker und kraftvoller denn je.

Trotzdem ist nicht alles Gold, was glänzt und so reiht sich "Accident Of Birth" in meiner Rangliste seiner Soloalben hinter "Skunkworks" erst auf dem vierten Platz ein. Zum einen leidet das Album unter einem etwas arg konventionellen Ansatz, der zu solch harmlosen Trällerliedchen wie "Road To Hell", "The Magician" oder auch dem oben erwähnten "Man Of Sorrows" führt und in Verbindung mit einem zwar aufs erste Hör fetten, aber auch dumpf und etwas verwaschenen Sound zum anderen die Frische von Dickinsons bisherigen Soloarbeiten vermissen lässt. "Accident Of Birth" kommt auf Albumlänge deswegen nur schwer in die Gänge - es wirkt noch wie eine Zweckehe, zu der sich der Protagonist mit schwerem Flügelschlag hat aufraffen müssen. In der Retrospektive eigentlich ein klassisches Übergangsalbum - und wenn dieser gefühlte Kraftakt notwendig war, um sich nur ein Jahr später zu dem aufzuschwingen, was wenigstens für Herrn Dreikommaviernull bis heute die Speerspitze des Heavy Metal in den 90er Jahren darstellt, dann darf man "Accident Of Birth" meinethalben gerne den Respekt entgegenbringen, den es in Teilen der Szene nicht erst seit gestern hat; einer Szene wohlgemerkt, die im Jahr 1997 nur wenig zu lachen hatte und es im Ergebnis bekanntermaßen sogar schaffte, die schwedische Abi-Ball Combo Hammerfall und ihr "Glory To The Brave"-Debut als musikgewordene Rückkehr des Yes-Törtchens zu feiern. Wenn die Sonne tief steht, werfen eben auch Zwerge lange Schatten.





Erschienen auf Raw Power, 1997.

15.11.2017

Bruce Dickinson - Skunkworks




Dickinsons drittes Soloalbum leidet in der Wahrnehmung vieler Rockfans bis heute unter durchwachsenen und inhaltlich völlig fehlgeleiteten Reviews der damaligen Zeit und ist kriminell unterbewertet. Als Produzent wurde Grunge-Ikone Jack Endino verpflichtet und alleine dessen Auswahl in Verbindung mit Dickinsons abgeschnittener Haarpracht brachte viele Musikkritiker dazu, dem Album den großen "Alternative Rock"-Stempel aufzudrücken - was bei vielen kopfbetonierten Rockern und Metallern dazu führte, die Platte erst gar nicht anzuhören und stattdessen die schöne Frischluft mit dem elendigen Gewürge von Verrat (am Metal, logisch) und Trendreiterei zu verpesten. Von Grunge oder Alternative Rock war auf "Skunkworks" damals wie heute nur wenig zu hören - und selbst wenn schon: wer im Jahr 2017 nochmal ein "Alternative Rock"-Album wie beispielsweise das Debut von Blind Melon auf den Plattenteller wirft, wird ob der Nähe zu sattem 70er Jahre Rock ungläubig mit den vermutlich am, Pardon: Arsch festgetackerten Ohren schlackern. Dickinson wollte nichtsdestotrotz mit der bereits beim Vorgänger "Balls To Picasso" eingeleiteten Entwicklung auch für "Skunkworks" den nächsten Schritt wagen und sich weiter emanzipieren - was mit Endino als Produzent, verändertem Aussehen und der nochmal weiter geöffneten stilistischen Ausprägung seiner Musik so radikal wie möglich ausfallen sollte. So gab er der Band, die ihn schon auf der Tour zu "Balls To Picasso" begleitete, den Namen Skunkworks und war so überzeugt von der Euphorie und der Motivation der blutjungen Musiker, dass er sogar seinen eigenen Namen vom Cover getilgt haben wollte. "Skunkworks" sollte also als Bandalbum, und nicht etwa als neues Soloalbum von Bruce Dickinson erscheinen, aber wie bereits in den vorangegangenen Jahren schob auch hier die Plattenfirma einen Riegel vor. Die Vermarktung des Produkts ist eben alles - und während ich das schreibe, schicken mir Maiden-Manager Rod Smallwood und -Bassist Steve Harris vermutlich gerade eine Postkarte von ihrem öchzig Trilliarden Kilometer langen Privatstrand in der Karibik, das Porto zahlt freilich der Empfänger.

Die Einlassung zur Vermarktung der Hülle stimmt selbst (magis: ganz besonders) dann, wenn der Inhalt dazu angetan sein dürfte, die vielen ehemals loyalen Stammfans zu verprellen. Über das Kreuz mit der Legion konservativer Rock- und Metalfans habe ich auf diesem Blog mehr als nur einmal geschrieben und unzählige Beispiele von Bands erwähnt, die nach erfolgter Umsetzung ihrer künstlerischen Freiheit von ihren Anhängern wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wurden, weil "You are free to do as we tell you." (Bill Hicks) - und bevor nun der nächste Kuttenheinz das große Wimmern anfängt, man kennt ja seine Pappenheimer: ich weiß, dass ich diesbezüglich nur zu gerne und wahrscheinlich übertrieben hart auf die armen kleinen Metaller einprügele und ich weiß auch, dass es in anderen Szenen nicht unbedingt besser aussieht. Wer will, kann ja mal Weezers Rivers Cuomo nach seiner künstlerlichen Entfaltung fragen; der freut sich ob seiner in Teilen gleichfalls schädellaminierten Anhänger, die immer wieder das gleiche Album von ihm hören wollen, bestimmt auch ein zweites Loch ins kalifornische Popöchen.

"Skunkworks" haftet dennoch bis heute dieser Alternative-Quatsch an und es geht sich partout nicht aus - vielleicht ergibt sich ja jetzt mit der Wiederveröffentlichchung die Möglichkeit, das Visier nach über 20 Jahren Quadratdoofheit doch nochmal neu zu justieren. "Skunkworks" ist das, was Matthias Breusch in seiner aktiven Zeit als Musikredakteur so gerne als "mit positiver Power aufgeladenes Kraftfutter" bezeichnet hätte: Frisch wie Morgentau, perlend wie Schampus, ein Punch wie ein vierfäustiger Mike Tyson, melodischer als Abba 1977. Perfekt von Endino als Frischzellenkur für einen alten Hasen inszeniert, ohne auch nur eine fucking Sekunde an der Peinlichkeitstür zu klopfen. Unterstützt von den jungen Wilden Alex Dickson (Gitarre), Chris Dale (Bass) und Alessandro Elena (Schlagzeug) trumpft Dickinson groß auf. Gerät der Einstieg mit "Space Race" noch etwas schaumgebremst, gibt es schon ab der folgenden Single "Back From The Edge" im Prinzip kein Halten mehr, dafür aber weitere Highlights wie "Inertia", "Solar Confinement", "Inside The Machine", "Meltdown" und "Octavia" - allesamt echte, großartig produzierte Hits. 

Wer das auch 20 Jahre später immer noch nicht hören will oder kann, darf sich meinethalben total gerne off-fucken gehen.




Erschienen auf Raw Power, 1996.


11.11.2017

Bruce Dickinson - Balls To Picasso




Das Leben nach Iron Maiden zeigt Bruce Dickinson auf seinem ersten Solowerk nach seinem Ausstieg bei den eisernen Jungfrauen als Freischwimmer. Das letzte gemeinsame Maiden-Album "Fear Of The Dark" und noch mehr die darauf folgende Tournee und den dabei aufgenommenen, grausamen Livealben "A Real Live One" und "A Real Dead One" zeigten, dass Dickinson nicht mehr glücklich war; auch die restliche Band präsentierte sich weitgehend orientierungslos und wusste nicht mehr, ob sie nun Fisch oder Fleisch spielen wollte. "Balls To Picasso" ist die logische Konsequenz aus den letzten Jahre mit Maiden. 

Das Projekt ging dabei durch mehrere Iterationen, allesamt mit dem Anspruch ausgestattet, den Musiker Bruce Dickinson komplett neu zu erfinden. Das Motto war: strikte Abgrenzung von Maiden, klare Abnabelung von seiner Vergangenheit und damit auch - in Teilen - von seinen Fans. Zunächst arbeitete Dickinson mit der britischen Hardrocktruppe Skin als Backing Band, anschließend folgte eine Session mit Mainstreamproduzent Keith Olsen - und beide Aufnahmen wanderten in den Giftschrank, nachdem die Plattenfirma kalte Füße bekam (die Tracks wurden erst 2005 im Rahmen der Neuauflage des Albums öffentlich gemacht). Schlussendlich wurde Shay Baby aus Los Angeles als Produzent ausgewählt, der Dickinson darüber hinaus mit der Latino Rockband Tribe Of Gypsies und deren Gitarristen Roy Z bekannt machte und besonders von letzterem sollten wir in den folgenden Jahren noch mehr zu hören bekommen.

"Balls To Picasso" experimentiert zwar mit einem deutlich luftigeren, offeneren Sound und einer Menge ungewöhnlicher Rhythmen, hält sich aber immer noch deutlich im Kosmos zeitgenössischer Rockmusik auf - nicht zuletzt wegen Dickinsons Stimme, deren Ursprung aus Downtown Rockröhrenhausen er auch mit den größten experimentellen Ambitionen einfach nicht verstecken kann, auch wenn er es beispielsweise im poppigen "Change Of Heart" (siehe das Video unter diesem Text) sehr offensichtlich versucht. Für mich ist "Balls To Picasso" dank herausragender Songs wie "Hell No", "Cyclops" und dem fantastisch gesungenen "Gods Of War" sein zweitbestes Soloalbum, ganz besonders wegen des neuen Sounds, des frischen Vibes und der Aufbruchstimmung - die im Grunde nur durch das sehr konventionelle und damit auch - logisch! - kommerziell erfolgreiche "Tears Of A Dragon" gestört wird, einem zwar guten, aber im Albumkontext leicht deplatziert wirkenden Song. 

Die immer wieder kolportierte Nähe zum damals angesagten Alternative Rock lässt sich allerhöchstens in Spurenelementen nachweisen, etwa bei dem mit fixem Sprechgesang versehenen "Sacred Cowboys" - darüber hinaus ist "Balls To Picasso" ein frisches, mit zahlreichen Hits gespicktes und in Teilen ungewöhnliches Rockalbum mit eigenem Sound und einer eigenen, ganz besonderen Stimmung. Auch wenn das Boot eigentlich in eine andere, weitaus experimentellere Richtung hätte fahren sollen, bevor das Label den Notanker auswarf, muss Dickinson hoch angerechnet werden, das Boot überhaupt betreten und den Kompass richtig eingestellt zu haben. 

Dass die Mär von "genau dem Album, das ich zu 100% machen wollte" für zehn Jahre Aufrecht erhalten wurde, bis Keith Olsen und Shay Baby den Einfluss und die Intervention des Labels, beziehungsweise des Managements öffentlich machten, spricht erneut Bände über das Musikbusiness einerseits und den gemeinen Rockfan andererseits - eine Symbiose, die jede Kreativität und jeden Fortschritt im Keim erstickt. Es lebe der Stillstand. 
  




Erschienen auf EMI, 1994.

05.11.2017

Bruce Dickinson - Soloworks



BRUCE DICKINSON - SOLOWORKS


Bruce Dickinson, der Mann mit einer Lebensenergie, die selbst ein Eichhörnchen auf Speed wie ein sediertes Faultier aussehen lässt, veröffentlicht dieser Tage seine insgesamt sechs Soloalben auf Vinyl, die sowohl als einzelne Exemplare, als auch zusammengefasst in einem Boxset "Soloworks" erhältlich sind. Das sind fantastische Neuigkeiten, womit "Soloworks" am Ende des Jahres ziemlich sicher mit den (Wieder)Veröffentlichungen der beiden Großtaten von King's X "Dogman" und "Ear Candy" um den Titel "Re-Release des Jahres" kämpfen wird. 

Wie bei King's X gibt es auch bei Bruce einen besonderen Clou für alle Vinyljunkies: zwei der sechs Studioalben - "The Chemical Wedding" und das vorerst letzte Werk "Tyranny Of Souls" - sind bislang ausschließlich auf CD erschienen und kommen nun also erstmalig auf den schwarzen Scheiben in den Handel. Von den übrigen vieren ist lediglich das Debut "Tattooed Millionaire" noch immer zu fairen Kursen erhältlich, für "Balls To Picasso", "Skunkworks" und "Accident Of Birth" muss bisweilen sehr tief in die Tasche gegriffen werden - sofern man nicht den "Accident Of Birth"-Bootleg aus den Jahren 2013/2014 erwischt, für den man zwar trotz verändertem Artwork, unbedruckter Innersleeves und eines kolportierten absoluten Scheißsounds immer noch mindestens gesalzene 40 Tacken überweisen muss - was aber nur etwa 40% dessen ist, was die Originalausgabe von Raw Power Records aktuell kostet. Auch hier darf also getrost die Konfettikanone gezündet werden. 

Weil ich erstens hoffnungslos verblenderter Fanboi und zweitens auch mit aller aufgesetzter Objektivität (es ist und bleibt einfach eine Lüge) Dickinsons Oevre ausgesprochen positiv gegenüberstehe, nehmen wir doch "Soloworks" zum Anlass, seine sechs Studioalben Revue passieren zu lassen. 

Startschuss in 3...2...1....*peng*





TATTOOED MILLIONAIRE (1990)

Gemäß des Gerüchts aus dem Maiden-Camp, Dickinson hätte bereits nach der auszehrenden "World Slavery Tour", die die Band über ein komplettes Jahr durch die ganze Welt führte, und also als Vorbereitung auf das nächste Studioalbum "Somewhere In Time" Songs geschrieben, die insbesondere von Maiden-Boss Steve Harris allesamt mit der Vermutung abgelehnt wurden, bei Dickinson hätte der Post-Tour Burn Out wohl am härtesten zugeschlagen, weil sie den Einsatz von im Metal ungewöhnlichen Instrumenten wie Flöten, Tamburine und Mandolinen notwendig gemacht hätten, wäre es beinahe zu erwarten gewesen, das zwischen den beiden Maidenalben "Seventh Son Of A Seventh Son" und "No Prayer For The Dying" aufgenommene und erschienene Solodebut des Sängers könne zu einer sehr unrockigen und ruhigen Angelegenheit werden. 

Stimmt aber nicht: "Tattooed Millionaire", eingespielt vom damals neuen Maiden-Gitarristen Janick Gers und der Rhythmusfraktion der britischen Hardrockband Jagged Edge (*), liegt auf ziemlich klassischer Rock'n'Roll-Linie. Neben einigen Highlights wie dem satten und großartig gesungenen Opener "Son Of A Gun", den swingenden Titelsong und der guten Ballade "Gypsy Road", lassen sich jedoch auch Peinlichkeiten wie "Lickin' The Gun" oder "Zulu Lulu" finden, die ein wenig die Aura der künftigen Maiden-Gammelsongs des kommenden Studioalbums wie "Hooks In You" und "Bring Your Daughter To The Slaughter" versprühen - und das besonders letztgenannter einer der schlimmsten Geschmacksaussetzer Dickinsons ist, muss hier nicht besonders erwähnt werden; die goldene Himbeere für den schlechtesten Soundtrack-Song ist völlig verdient. Trotzdem hinterlässt "Tattooed Millionaire", nicht zuletzt wegen der guten A-Seite und des versöhnlichen Abschlusses mit "No Lies", einen positiven Gesamteindruck. 

Viel wichtiger als die schnöde Songaufzählung über gut, schlecht, tralala: Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Platte. Das erste Rockkonzert meines Lebens erlebte ich mit meinem Bruder und seiner damaligen Freundin in der Frankfurter Batschkapp im Sommer 1990. Auf der Bühne stand Bruce Dickinson. Und das werde ich nicht nur wegen des wenige Jahre später gekauften und an diesem Abend mitgeschnittenen Bootlegs nie vergessen. 





Zum Re-Release selbst: Wie alle sechs Vinylveröffentlichungen erscheint auch "Tattooed Millionaire" im Gatefold Cover mit bedruckten Innenhüllen nebst kleiner Geschichte zur Entstehung des Albums - und darüber hinaus. 
Die Pressqualität ist gut, aufgrund eines leichten Kratzens in den Songpausen aber nicht perfekt, der Sound klingt wuchtiger und voller als mein zugegebenermaßen sehr abgenudeltes Original. 

Für Fans von absolut verstörenden Videoclips zwischen Klimbim und Monthy Python:






(*): Zusätzliche Plattentipps für Menschen, die klassischen AOR zu schätzen wissen: Jagged Edges erstes und einziges Studioalbum "Fuel For The Soul" erschien 1990 gar auf einem Majorlabel und bietet exzellenten, melodischen Hardrock aus England, das vor allem produktionstechnisch offensichtlich auf den amerikanischen Markt zugeschnitten war. Wer zu den ersten beiden Alben von Thunder gerechtermaßen auf die Knie sinkt und dazu das Debut der Amirocker Skid Row (zugegebenermaßen ohne deren Energie und Rebellion) goutiert, sollte sich "Fuel For The Soul" unbedingt auf den Einkaufszettel kritzeln. Jagged Edge Sänger Matt Alfonzetti sang später beim Alternative-Outfit Skintrade und veröffentlichte Mitte der neunziger Jahre zwei ebenfalls gar nicht so üble, wenngleich heute womöglich etwas angestaubt klingende Platten. Jagged Edge Gitarrist Myke Gray gründete übrigens später Skin, die sich mit ihrem etwas moderner ausgerichteten Hardrock bis zu ihrer Auflösung in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in England eine durchaus große Fanbase erspielen konnten und sogar bei den ersten Sessions zu Dickinsons zweitem Streich als Backing Band engagiert wurden.








31.10.2017

Eine Schwalbe macht doch einen Sommer



WINDHAND

Die Chance, dass ich mit meinen 40 Jahren und einer recht weit fortgeschrittenen Allergie für Metal neueren Datums, die  Entdeckung einer Band wie Windhand feiern darf, steht in der Wahrscheinlichkeitstabelle knapp hinter des Empfangs des Nobelpreises für Physik. Dass ich indes zu der Party locker fünf Jahre zu spät komme, bon - aber das kommt eben davon, wenn einerseits das eigene Mäuerchen im Bregen fröhlich zugespachtelt wurde, andererseits ja aber nicht ohne Grund: über die vielen, vielen Unzulänglichkeiten des Heavy Metal der letzten 20 Jahre habe ich mich auf diesem Blog nicht erst ein Mal ausgelassen, und auch wenn meine allerliebsten Lieblingsleser sich das vielleicht wünschen würden, werde ich noch lange nicht müde, immer wieder auf diesen gigantischen Kackhaufen aus unverdauten Nietenarmbändern, Schlagerschwulst, blanker Verarsche und bodenloser Ideenlosigkeit hinzuweisen, der mir fast jeden Spaß an der Musik genommen hat. 

"HIER! RUNTER VON DEM RASEN! HIER WIRD KEIN FUSSBAL GESPIELT!"

"Schöner Krückstock, Oppa! Aussem Kriech?"

Aber eben nur fast. Nun standen Windhand tatsächlich schon seit ein paar Jahren auf meiner Liste, ganz besonders ihr in einschlägigen Kreisen mittlerweile als Klassiker gehandeltes Zweitwerk "Soma", nachdem Herr "Krach Und So..." auf meine eigene Anfrage einen Anlauf nahm, mir ein paar aktuelle Metalbands vorzustellen. Ich erinnere mich daran, dass ich nicht lange überlegen musste, das Album auf dem Wunschzettel vorzumerken, denn: da war eine Stimme. Da war eine Stimme, die sang. So richtig mit Melodie. Call me fucking old-fashioned, aber sowas kann ja Wunder wirken. 

Es dauerte dennoch bis zum Sommer 2017, bis ich endlich die Kohlen über den virtuellen Tresen warf, und was im ersten Moment für Skepsis sorgen dürfte, ist genauer betrachtet nur logisch. Ich habe für gewöhnlich ein ganz gutes Näschen für den richtigen Moment, in dem mich eine Band, ein Album oder ein Song packen können - und erkenne es mittlerweile auch ganz gut, wenn die Zeit noch nicht reif sein sollte. Manches vergesse ich über die Jahre, manches kommt aber wieder. Und was zuvor vielleicht nur ganz nett oder wenigstens interessant war, trifft plötzlich genau ins Herz- und Seelenzentrum. 


So tastete ich mich im Falle Windhand in den Sommermonaten zunächst über ein Livealbum heran, aufgenommen auf dem prestigeträchtigen Roadburn Festival im Jahr 2014, und war ob des konsequenten Willens zur Nicht-Perfektion sofort angefixt. Das klingt despiktierlicher, als es gemeint ist: Windhand spielen gut und diszipliniert, aber da ist Leben im tiefen Wummern, da brodelts im bassigen Klangmatsch, in den über Minuten ausgerollten Feedbackorgien zwischen den Songs, die einem sowohl Ansagen als auch für die nächsten Lebensjahre so oder so überflüssigen Nervenballast ersparen. Auf "Soma", dem nach dieser Erweckung ziemlich umgehend und also endlich besorgten zweiten Album, strahlen Leben, Abfuck, Drogensumpf, Bassmatsch, Mystik, Waldmenschen, Groovewalzen, Pimmeltattoos und Intimbehaarung mit einem Schluck aus Dave Wyndorfs Zaubertrankfläschchen zu "Dopes To Infinity" Zeiten um die Wette. Dabei ist die Rezeptur ihres Sounds so stumpf und, pardon: billig, dass mir anfänglich durchaus Zweifel kamen: trägt die Idee, praktisch jeden Song mit dem Hauptriff einzuleiten, es danach durch minutenlanges Wiederholen zum Vakuum auszusaugen, eine kurze Variation für den...wasweißich...Refrain durch die Bong zu jagen, wieder zum Hauptriff zurückzuehren, um dann eine Brechung (Takt, Riff, Stimmung) im hinteren Drittel anzustoßen, wirklich über drei ganze Studioalben? Wird das nicht irgendwann öde?

Nach einem besuchten Konzert im Wiesbadener Kesselhaus, das mich mit seinem charmant angeranzten Charakter und seinem Schmutz tadellos an meine großen Metalkonzerterlebnisse aus den neunziger Jahren erinnerte, und dem anschließenden tage-, ja wochenlangen Durchhören der beiden übrigen Alben gibt es nur eine Antwort: ja, es trägt. Weil es nämlich bumsegal ist. Alles wird bumsegal, wenn die Irre am Mikro beschwörend und kilometertief im Klangdickicht vergraben ihre großartigen Melodien in diesen Morast hinein säußelt, der Groove Dich gegen die Wand und die Wand anschließend in ein anderes Universum drückt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich ergeben muss. An dem Du nur noch die Wellen des Sounds empfangen willst. An dem Du Dir auch als sattelfester, mit rosafarbenem Polohemd im Spießergolf sitzender und mit dem mentalem Krückstock herumwedelnden vierzigjähriger mit Hilfe eines schwarzen Eddings ein umgedrehtes Kreuz auf die langsam grau gefärbte Brustbehaarung schmieren und im Rewe ein Pfund Dackelblut (vegan!) kaufen willst. Re-Illuminierung.




"Windhand", "Soma" und "Grief's Infernal Flower" sind auf Relapse erschienen.

09.10.2017

Haut und Knochen




RIVERDOGS - BONE


"Bone" ist das beste Melodic Rock Album, von dem Du noch nie gehört hast. Aber das lässt sich ja zum Glück ändern. 

Es erinnert mich außerdem regelmäßig an meine überraschenderweise immer noch bumsfidel vor sich hinquietschende Liebe zu klassischem, teils vom Blues beeinflusstem Hardrock, der auch die jahrelange Auseinandersetzung mit Jazz und avantgardistischem Elektrogeplucker nichts anhaben konnte: zu Great Whites "Can't Get There From Here", Magnums "Goodnight L.A." und Badlands' "Voodoo Highway" falle ich auch über 20 Jahre später noch ehrfurchtsvoll in den Staub, beziehungsweise in die Spandex-Sammlung. "Bone" passt locker in die Reihe der großen musikalischen Pornoschnorres der 1980er Jahre, ist dabei stilistisch bedeutend näher an sagenwirmal: Whitesnake oder den beiden Großtaten von Badlands als an den zumindest in Teilen diskussionswürdigen Sleaze- und Glam-Rockern wie Mötley Crüe oder Poison. Der Clou: "Bone" erschien im Jahr 1993 und damit nach dem Großreinemachen des Grunge. Als Cobain, Cornell und Vedder als menschliche Laubbläser durch die Flure der Majorlabels sausten und gleich einen ganzen Wald an alten Helden kahl pusteten, schien diese Truppe bereits geschlagen: das 1990 veröffentlichte und etwas leichtgewichtige Debut "Riverdogs" brachte auch unter der Führung des Gitarrensupermanns Vivian Campbell nicht den gewünschten Erfolg, sodass zunächst das Label und anschließend Campbell die Segel strichen. Wundersänger Rob Lamothe und der nach dem Ausstieg Campbells vom Bass zur Gitarre gewechselte Nick Brophy gaben indes nicht klein bei, sondern luden zunächst eine Handvoll Fans, Freunde, Journalisten und Labelvolk zu einer nächtlichen Aufnahmesession in einen Proberaumkomplex im Norden Hollywoods ein und begaben sich mit dem dort mitgeschnittenen und im Anschluss veröffentlichten Livealbum "Absolutely Live" auf die Suche nach einer neuen Plattenfirma.

"Bone" erschien ein Jahr später auf dem deutschen Dream Circle Label (damalige Heimat von u.a.  Psychotic Waltz, Enchant und den wahnsinnigen Civil Defiance) - und ging erwartungsgemäß völlig unter. Selbst die Lobet-und-Preiset-Rezension von Holger "Alternative Zappelbude" Stratmann im Rock Hard - Zitat:"die RIVERDOGS sind nun mal die beste und unterbewertetste Band unserer Zeit" - änderte daran nichts. Die Welt war im Grunge-Fieber, und Musik, die so klang als hätte der Sänger durchgängig einen melancholisch erigierten Penis, wenn er mit ordentlich Fellatio Falsetto in der Unterhose "Love Is Not A Crime" bis zur Beinahe-Bewusstlosigkeit schmetterte, hatte in diesem musikalisch derart radikal veränderten Klima weniger Erfolgsaussichten als eine Intellektuelle auf dem Parteitag der Jungen Union. Oder eine vegetarische Bratwurst auf dem Grillfestival "Augen, Hirn und Hals - der Darm erhalt's!". Es kam also, wie es kommen musste: die Riverdogs lösten sich auf. Brophy und Lamothe verfolgten in den kommenden Jahren Solokarrieren, Vivian Campbell hatte es schon längst zum lukrativen Engagement bei Def Leppard gezogen. 

"Bone" ist ernsthafter, erwachsener und von absoluten Vollprofis ausgedachter Monster-Feeling-Hardrock, der selbst unter "stengen Maßstäben" (Schäuble) locker in der Champions League kicken sollte, wenn nicht müsste: Lamothe und Brophy haben ein todsischeres Gespür sowohl für klischeefreie Melodien und Hooklines, als auch für die Notwendigkeit, bei aller Gelassenheit den Drive von der Leine zu lassen, wenn denn der Song erfordert. Der flotte Opener "The Man Is Me" oder das mit großem Refrain ausgestattete "Two Birds" sind in diesem Sinne prächtige Paradebeispiele für stilvolles Songwriting aus Kraftfutterhausen. Mein persönliches Highlight ist indes "Revolution Man" mit seinem betörenden Groove, der auch nicht zuletzt dank der Lagerfeuer-In-Der-Wüste-Aura Erinnerungen an die ersten drei Tribe After Tribe-Klassiker weckt. 

Die Riverdogs machen seit 2011 und dem Comebackalbum "World Gone Mad" wieder gemeinsame Sache und veröffentlichten im Sommer 2017 gar den Nachfolger "California". Als Einstieg empfehle ich jedoch dieses vergessene Juwel aus einer anderen Zeit - freilich vorausgesetzt, es liegt eine grundlegende Affinität zu solchen Sounds vor. Und sei sie auch nur mit dem Elektronenmikroskop erkennbar: das hier ist für Dich. 




P.S.: Leider gibt es "Bone" nicht auf Vinyl und es ist angesichts der überschaubaren Erfolgsaussichten sehr unwahrscheinlich, dass sich an diesem Zustand in der Zukunft etwas ändern wird. Wer immer noch auf Haptik und so steht, muss für die (längst aus der Produktion genommene) CD-Version für gewöhnlich etwa 20 bis 25 Schleifen investieren. 


Erschienen auf Dream Circle Records, 1993. 


03.10.2017

Methadon



Seit acht Jahren rutsche ich sowohl auf diesem Blog als auch auf anderen Kanälen wie Twitter oder Instagram auf meinen Knien herum, um eine der besten existierenden Rockbands irgendwie dazu zu bewegen, sich in ein Flugzeug zu setzen, um im Kartoffelland wenigstens eine Show auf hiesigen Bühnen zu spielen - eine Deutschlandtournee des Spacerock-Alternative-Power Trios The Life And Times scheint trotz einer gewissen und wenigstens von meiner Seite fortwährend zur Schau gestellten Zähigkeit (die Band würde es wohl eher salopp eine "Belästigung" nennen) völlig utopisch zu sein. Ich weiß nicht, wie viele Alben die Kapelle in Deutschland tatsächlich verkauft, und in Zeiten des ubiquitären Streamings spielt das wohl auch gar keine so arg große Rolle mehr; es wäre indes arg optimistisch, die Zahl der Eingeweihten auch nur auf 100 zu taxieren - und wer klettert dafür schon in ein Flugzeug? Die Chancen, die Band jemals live zu sehen, tendieren also gegen eine stattliche Null.

And that's fucked up.

Nach der Veröffentlichung ihres aktuellen, selbst betitelten Albums zu Beginn des Jahres, erneut ein starkes Stück emotionaler und klischeefreier Rockmusik mit im Vergleich zu früheren Werken etwas gestrafften Arrangements, legt mir die Band nun via Bandcamp zumindest ein kleines Fläschchen auraler Ersatzdroge in die frisch gewechselte Erwachsenenwindel: ihre am 6.September 2017 aufgenommene Audiotree-Session mit immerhin fünf Stücken vom neuen Album gibt es nun als kostenpflichtigen 5-Dollar-Download zu erwerben. Oder eben auch kostenlos als Stream. 

And that's fuckin' A.

Einzig an den mutmaßlichen Queens Of The Stone Age-Tribut "Out Through The In Door" mit seinem klar erkennbaren melodischen Überhangmandat zur vielleicht überbewertesten Rockband der letzten 20 Jahre, muss ich mich immer noch gewöhnen. Der Rest ist strahlendes Musikgold.

Enjoy.





24.09.2017

Lovespeech (not really)

Sunday night coffee'n'anger'ranting music: Quicksand - Slip. We had our national election today in Germany and my fucktwat-dumb-as-shit county elected some nazis into our parliament. Talking about "The Germans learned their lesson." No, we fucking didn't. This is our very own Trump-era now and actually they are suspiciously close to each other in terms of their rhetoric, their fondness of playing the victim and their shit-quest for bluntly lying all over the place. It was also reported that the russians might have helped them along the way in social media outlets and campaigns. What a surprise. Not! I also decided not to muddy the waters anymore by looking for answers and explanations beyond "Because their voters are fucking stupid." They are fucking stupid and that's all they are. Case closed. Gotta fight fire with fire. Dunno yet how the fuck to fight them, but by any means: fight 'em.  #quicksand #btw17 #rant #naziscum #fckafd #vinyl #nowplaying #walterschreifels #nowspinning #vinylgram #33rpm #vinylporn #vinylcollection #recordcollection #instamusic #alternative #indie #ontheturntable #vinylcommunity #coffee #punk #hardcore #hc #instavinyl #vinyljunkie #ilovevinyl #vinyleveryday #political #angryasfuck
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17.09.2017

November



SOLO ANDATA - IN THE LENS


Einer der härtesten Kämpfe, die ich Ende des vergangenen Jahres mit mir ausfechten musste, war die Entscheidung, "In The Lens" der australischen Band Solo Andata aus der Bestenliste 2016 herausplumpsen zu lassen, und wie so häufig schmerzt die über Tage und Wochen hin-, her- und aufgeschobene und also schlussendlich getroffene Wahl schon zweieinhalb Sekunden später. Wenn ich im Rahmen der Texte zu Purls "Form Is Emptiness" oder Warmths "Essay" davon schrieb, ganze Wochenenden mit diesen Platten verbracht zu haben und die Stopptaste nur zum Schlafen drückte, dann gilt ähnliches auch für dieses Album.

"In The Lens", erschienen auf dem beliebten 12k Label des Ambientmusikers Taylor Deupree, ist indes nicht so offensiv ohrenschmeichelnd wie die beiden genannten Werke aus dem Archives-Labelstall. Das Duo Kane Ikin und Paul Fiocco achtet stets darauf, sich nicht ausschließlich in der auralen Komfortzone aufzuhalten. Das beginnt schon bei der ungewöhnlichen Auswahl der Instrumente, die vor allem dann gerne zum Einsatz kommen, wenn sie bereits kurz vor dem Auseinanderfallen sind und endet (nicht) bei der bewussten Entscheidung für den Einsatz billiger Mikrofone. Zusammen mit vergessenen und verloren geglaubten Archivaufnahmen und krisseligen Field Recordings ist "In The Lens" charmant angeranzt und gibt sein Statement mit viel Natürlichkeit ab, mit einer Besinnung auf Ursprüngliches und Echtes. 

Es hat seine Zeit benötigt, um mich auf diesen Lo-Fi Ansatz einzulassen und die kristalline Schönheit zu erkennen, die in ihm steckt - eine Schönheit, die sich in Kombination zwischen den nur kurz aufflackernden, sich aus zunächst beliebig erscheinenden getupften Clicks'n'Glitches herauswürmelnden Melodien und einer romantischen Stimmung von frisch gefallenen Herbstlaub auf von Nebel bedeckten Feldwegen zeigt. 

"In The Lens" ist eines jener durchaus seltenen Ambientwerke, die es zulassen, erkundet werden zu wollen - manchmal auch im Tausch mit dem Risiko, über die Klippe zu springen, bevor das ganze Puzzle zusammengesetzt wurde. Wer sich allerdings auf die Suche begibt und kein Gedanke ans Aufgeben verschwendet, wird mit einer reichen, kunstvollen Musik belohnt, die die Lebensfarben wie ein Prisma zunächst zu bündeln und anschließend aufzufächern vermag. 

Und die aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken ist. 




Erschienen auf 12k, 2016.


06.09.2017

Tout Nouveau Tout Beau (19)




LARD - THE LAST TEMPTATION OF REID

Die Supergroup der frühen Neunziger mit ihrem zweiten und vielleicht besten Album: Jello Biafra (ex-Dead Kennedys), Al Jourgensen und Paul Barker (Ministry) zeigten schon 1990, mit welchen Mitteln die brachiale musikalische Gewalt von den späteren Ministry ab "Psalm 69" mit Biafras Punkvibes und vor allem: mit dessen Humor aufgelockert werden kann. In den besten Momenten ist Monotonie der König von allem: ein stumpf durchgehacktes Schlagzeug (manchmal ist's schlicht ein Drumcomputer) nebst ebenso stumpfen, aber unerhört treibenden Gitarrenriffs heben Songs wie "Forkboy" auf Klassikerniveau. Überraschend sind hingegen stilistische Drehungen und Wendungen, die man angesichts des übrigen Infernos nicht unbedingt erwartet hätte - beispielsweise im psychedelischen und Melodien from outer space auffahrenden Refrain von "Pineapple Face". Lard wurden auf ihren beiden folgenden Veröffentlichungen für meinen Geschmack zu konventionell und biederten sich zu sehr dem Metal/Crossoverpublikum der Post-"Filth Pig"-Phase Ministrys an, auf "The Last Temptation Of Reid" regiert aber noch der Wahnsinn aus einer musikalisch so spannenden Zeit der Alternative/Crossover-Frühphase, in der alles zu gehen schien. Was für ein Theater!




Erschienen auf Alternative Tentacles, 1990.






LIVING COLOUR - STAIN

Das Debut dieser vierköpfigen Band aus New York gilt gemeinhin als Klassiker und gleichzeitig Höhepunkt der Bandgeschichte: "Vivid" war durchaus ein Überraschungserfolg und ist bis heute die mit Abstand erfolgreichste Veröffentlichung Living Colours - nicht zuletzt gefördert durch die Beteiligung von Mick Jagger und den Gewinn eines Grammys für die Single "Cult Of Personality". Dass es schwer ist, nach einem derartigen und gleich mit dem Debutalbum erreichten Erfolg trotzdem im Spiel zu bleiben, mussten Living Colour in den nächsten fünf Jahren lernen. "Stain" erschien 1993, drei Jahre nach dem ebenfalls mit einem Grammy ausgezeichneten Zweitwerk "Time's Up", und zeigt die Band von ihrer bis dato härtesten und gleichzeitig besten Seite. Die dezent an damals aktuelle Alternative-Sounds angelehnten Songs und vor allem die räumliche und klare Produktion von Ed Stasium hätten eigentlich klar machen sollen, dass mit der aus exzellenten Musikern bestehenden Truppe weiterhin zu rechnen sein wird - aber es kam anders: der Erfolg blieb aus, man konnte sich nicht mehr auf eine einheitliche Linie für das Songwriting einigen und löste sich auf. "Stain" muss man allerdings gehört haben: es ist alternativ, ohne Alternative zu sein, es versammelt Hits, ohne Mainstream zu sein, es ist komplex, ohne zu überfordern. "Ausländer", der Höhepunkt des Albums, beschäftigt sich mit dem täglichen Rassismus, der sich die schwarze Band im weißen Rock'n'Roll-Zirkus regelmäßig ausgesetzt sah. Muss man laut hören. LAUT!



Erschienen auf Epic, 1993.





PJ HARVEY - LET ENGLAND SHAKE

Mein Verhältnis zu PJ Harvey ist ein sehr ambivalentes. Einerseits ist ihr Album "Dry" aus dem Jahr 1992 bis heute eines der besten Debuts aller Zeiten, andererseits habe ich seit Jahren einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihr eingenommen: völlig inakzeptable Aussagen zur Fuchsjagd, Kollaborationen mit Musikern, zu denen ich ebenfalls ein ausgesprochen ambivalentes Verhältnis habe (z.B. Josh Homme) und ein Hipsterpublikum, das eher wegen des großen und guten Namens als der eigentlichen Musik wuschig zu werden scheint - all das klingt für mich in dieser Kombination wie mit einhundert Fingernägeln über eine Schiefertafel gekratzt. Das mit Auszeichnungen der Musikindustrie geradezu überhäufte "Let England Shake" aus dem Jahr 2011 wurde kürzlich in der Vinylfassung zum Sonderpreis von unter 15 Euro angeboten und scheißrein: warum eigentlich nicht? Die offensichtlichste Antwort: weil die Pressung nicht die beste zu sein scheint, was das durchgängige Britzeln und Krackseln nahelegt. Was der Welt wirklich fehlt: eine rauscharme und also gute Pressung von GZ Media. Darüber hinaus ist ihre Musik auch 19 Jahre nach "Dry" immer noch sehr speziell, schräg und ideenreich. Ich kann ihr das nicht nehmen. Dass im Gegensatz zu den Aufnahmen des Debuts das Feuer in ihrem Bauch erwartbar nicht mehr so irre hell flackert, ist gleichfalls geschenkt - aber mir fehlt in weiten Teilen völlig der Zugang zu diesen Songs, die zwischen dem tonnenschwerem Anspruch eines Konzeptalbums und den fast vollständig ohne Hooklines auskommenden Leichtgewicht-Arrangements drohen, zerdrückt zu werden. Ein merkwürdig ungreifbares Album.




Erschienen auf Universal Music, 2011.

28.08.2017

Stakkato-Gewitter aus der vierten Reihe




WARGASM - UGLY


Im Intro zu meiner damaligen Serie über die vergessenen und weitgehend unbekannten Perlen des Thrash Metals hatte ich diese 1982 zunächst unter dem Namen Overkill im US-amerikanischen Boston gegründete Band zusammen mit Kapellen wie Mortal Sin, Cyclone Temple und den Kanadiern Forced Entry in der vierten Reihe des Thrash einsortiert. Das disqualifizierte sie für die "Verstaubt & Liegengelassen"-Kolumne, weil sie trotz ihrer immerhin drei zwar legendär unerfolgreichen, aber dennoch im Untergrund Kultstatus besitzenden Alben unter Insidern durchaus ein Gesprächsthema waren und auch im deutschen Metal-Blätterwald Höchstnoten für ihre Werke kassierten. Außerdem scheiterte die Band einige Jahre später an meiner Thrash Top 20-Liste, wenn auch nur denkbar knapp: über die Beteiligung ihres Debut "Why Play Around?" zerbrach ich mir durchaus die ein oder andere Gehirnzelle, und hätte ich mich für eine Top 25 entschieden - mei, dann wären sie sicher mit von der Partie gewesen. 

So aber sponn ich die tragische Geschichte des 1995 zwischenzeitlich aufgelösten Trios weiter, wenn auch unbewusst. Aber es passt so richtig doof ins Bild: andauernde Labelprobleme und ein daraus resultierendes schlechtes Timing hinsichtlich der Veröffentlichung ihrer Alben einerseits und des Tourbookings andererseits, sorgten trotz des Eingangs erwähnten und nicht zuletzt durch die damals große und sehr aktive Tapetradingszene geförderten Kultstatus besonders ihrer Demos (Titel des ersten Tapes:"Rainbows, Kittens, Flowers And Puppies"), für chronische Erfolglosigkeit. Die Band bekam sowohl in ihrem Heimatmarkt in den USA, als auch in Europa kein Bein auf den Boden. Des Weiteren waren Wargasm alles andere als eine typische Thrash Metal Band der damaligen Zeit, da sie ihren Sound in erster Linie auf klassischem Speed Metal aufbauten und erst später dezente Thrash Einflüsse hinzufügten. Zwischen ihres 1988 auf Profile Records erschienenen Debuts und dem 1993 auf dem deutschen Label Massacre Records veröffentlichten Nachfolger "Ugly" war die Band trotz Tourneen im Vorprogramm solch illustrer Namen wie Biohazard und den Cro-Mags praktisch tot und verschlief damit auch die kommerziell vielleicht erfolgreichste Zeit für harten Metal der ersten und zweiten Generation. Und als 1993 endlich "Ugly" erschien, war der klassische Thrash Metal im künstlerischen Vakuum zwischen Grunge und der damit verbundenen Abkehr von Metal insgesamt und Machine Heads "Burn My Eyes" gefangen. Daran konnte auch das verzweifelte Anschreiben eines Frank Albrechts nichts mehr ändern, der "Ugly" in seinem Review im Rock Hard Magazin - sicher mit den besten Absichten - in die Nähe von Exhorder, Demolition Hammer und sogar Pantera rückte. 

Es war der Versuch, der einst so hoffnungsvoll gestarteten Band ein bisschen Relevanz in einer völlig veränderten Musikwelt einzuhauchen. Mit der Realität hatte die Einschätzung natürlich nur wenig zu tun und das hätte man erkennen können, wären die Zeichen der Zeit richtig analysiert worden: die ehemaligen Zugpferde der Szene Metallica und Megadeth hatten sich in Richtung Mainstream verabschiedet, und Anthrax hatten für ihr im gleichen Jahr wie "Ugly" erschienenes "Sound Of White Noise" nicht nur ihren Sänger, sondern auch den Thrash Metal ersetzt. Demolition Hammer waren nach ihrem 1992er Klassiker "Epidemic Of Violence" intern zerstritten und praktisch auf dem Weg in die Gruft, Exhorder verkauften von ihrem 1992er "The Law" Brockens trotz 10-Punkte Lobhudelei von Schrank Albrecht nur knapp vierstellige Stückzahlen in Deutschland, Sepultura sollten mit "Chaos AD" im Herbst 1993 im Prinzip das ganze Genre über den Haufen werfen. Nur Pantera standen nach dem Durchbruch ihres "A Vulgar Display Of Power" Werks auf dem Siegertreppchen - aber selbst, wenn ich meine Buchhalter of Rock'n'Roll-Brille absetze: Thrash Metal war das ja nicht. Und ich weiß auch nicht, wie das Gesicht eines Pantera-Anhängers ausgeschaut haben muss, der "Fucking Hostile" auf Endlosschleife zum Onanieren hörte und dann wegen Albrechts "Uiuiuiuiuiiiii"-Gestammels "Ugly" in den CD-Schacht "schub" (Martin Chulz).

Und auch wenn es interessant und spaßig ist, sich mit den damaligen Zeiten auf diese Weise auseinanderzusetzen, hat all das mit der Qualität dieses Albums nur wenig zu tun. 

"Ugly" wurde Anfang 2017 vom Spezialistenlabel The Crypt erstmals auf Vinyl veröffentlicht. Und weil das Auge in Zeiten der Vinyl-Hipster bekanntlich mithört, haben die Damen und Herren wahrlich keine Gefangenen gemacht: Gatefoldcover im Hochglanzdruck, Liner Notes, grün-bernsteinfarbenes Vinyl. Da hüpft mein Herz. Nur im bereits im dritten Song der A-Seite zerschmettert zu werden: innerhalb der ersten zwei Minuten setzt die Musik für etwa eine halbe Sekunde komplett aus. Das klingt weniger nach einem Press- als viel mehr nach einem Masteringfehler, aber es bleibt am Ende eben doch: ein Fehler. Wie kann sowas überhört werden? Wie kann man sich für das ganze Drumherum eine solche Mühe machen und dann diesen riesigen Fuck-Up ignorieren? 

Abgesehen davon darf der bislang Uneingeweihte sich durchaus darauf freuen, dieses Werk zu entdecken - oder vielleicht auch: wieder zu entdecken. "Ugly" ist ein hochinteressantes Speed/Thrash Metal Album, das es verdient, sich mit ihm zu beschäftigen. Besonders unter dem Kopfhörer entfalten sich sowohl Präzision als auch Spielfreude des Trios und sorgt so wenigstens bei Herrn Dreikommaviernull für wahre Jubelorgien und in die Luft gereckte Fäuste (und Penen!). Albrecht hatte in seiner qualitativen Betrachtung schon recht: das rifflastige Geballer steckt so manch anerkannten Genreklassiker locker in die Tasche. Vor allem die Mittelachse mit "I Breathe Fire" und "Ugly Is To The Bone" (Der Schluss!! FICK MICH, DER SCHLUSS!) ist ein wahres Fest für jeden Riffmeister, der es gerne knochentrocken und hypertransparent produziert mag und gerne mal Studien der rechten Anschlaghand des Gitarristen vor dem Einschlafen verinnerlicht (vgl. Cyclone Temples Greg Fulton). 




Achillesverse der Band war hingegen die Stimme von Gitarrist Bob Mayo, der so gar nicht dem durchschnittlichen Thrash-Shouter, dafür aber sehr gepresst und etwas nasal klang. Das muss man mögen - ich für meinen Teil habe mich mittlerweile daran gewöhnt und betrachte das als charmantes Alleinstellungsmerkmal. Und in voller Anerkennung darüber, dass das nicht immer supergut sein muss, aber: so klang sonst niemand. Dass der Typ allerdings parallel zu seinem Gesang auch noch diese fies-vertrackten und ultrapräzisen Gitarrenriffs spielte, bedarf durchaus einer Erwähnung. Wie er das gemacht hat? Ich habe nicht den kleinsten Schimmer. 

Trotz der erwähnten Unzulänglichkeit in der Vinylausgabe, darf ich, als alter Thrasher gleich drei Mal, der interessierten Zielgruppe einen Kauf ans wärmste Herz legen. Die auf 175 Stück limitierte Platte ist nicht billig, aber beim deutschen High Roller Versand für 28 Steine zu ergattern. "Ugly" ist ein geiles Album. Und dazu für das große und ganze Bild der Thrash Metal Szene ein wichtiger und hochinteressanter Zeitzeuge eines Genres, das sich just im Umbruch befand.






Erstveröffentlichung erschienen auf Massacre, 1993.
Vinylveröffentlichung erschienen auf The Crypt, 2017.

19.08.2017

3,40qm ist nicht tot, es riecht nur ein bisschen seltsam




Es ist einigermaßen skandalös, dass die von mir stets gefürchtete und mit allen legalen Mitteln bekämpfte Schreibblockade genau in jenem Jahr an die verquollene Gehirntür klopft, in dem dieser Blog sein zehnjähriges Jubiläum feiert und feiern sollte. "Feiern" ist möglicherweise ein zu großes Wort, aber eine Hausparty ist eine Hausparty ist eine Hausparty - und obwohl mir der Termin des ersten Posts auf diesem immer noch etwas ungelenk betitelten Tagebuchs seit Wochen und gar Monaten um den Kopfkalender flatterte, und ich also wie eine im Klärschlamm steckende Klobürste eine im Mirabellen-Pfefferminzkuchen steckende Geburtstagskerze am 22.7.2017 meine dreikommavier verbliebenen Leser mit Konfetti aus geschredderten Musikmagazinen aus dem Hause Springer und einem Gläschen Kirschlikör hätte begrüßen sollen, wenn nicht müssen, erschien jedes Aufraffen unmöglich. Ich möchte nicht mit der realen Irrelevanz von 3,40qm kokettieren, aber ich benötige wohl eher die Vorstellungskraft eines auf LSD hängengebliebenen Stabmixers (300 Watt!) in der Geisterbahn des Phantasialands, um mir ein außerhalb des engsten Dunstkreises des Autors bestehendes Interesse an diesem Geburtstag herbei zu halluzinieren. Andererseits ging (und geht) es diesem Blog darum ja gerade nicht - sonst wären Artikel über Justin Timberlake nicht unbedingt auf Lobhudeleien über obskure Thrash Metal Bands, ein paar Worte über vergessene Jazzperlen nicht auf Texte über aktuelle und in Miniauflagen veröffentlichte Ambientproduktionen gefolgt. Ich hätte wahrscheinlich nicht zwei Mal pro Woche Texte veröffentlicht, sondern eher zwei Mal am Tag - dann aber bitte der trillionste vom Waschzettel des Promoters abgeschriebene Scheißdreck über Mumford & Sons, fucking Kraftklub ("Who the fuck requested that?" - Bill Hicks, zugegebenermaßen über die Rückkehr von Diskomusik in den 80er Jahren, aber it's about the spirit), Gaslight Anthem, und natürlich über die Legion und wie Kackpilze aus einem von Kevin Russell vollgestrulltem Waldboden emporgeschossenen und als Punkrock getarnten deutschnationalen Lobotomie-Dreckhaufen wie Krawallbrüder, Kärbholz und Freiwild. Dass es die aktuelle Metalszene übrigens mittlerweile zulässt, eine zwar erfolgreiche, aber dennoch überaus ärgerliche Nullkapelle wie Arch Enemy auf einem Festival mit den erwähnten Tiroler Rechtsauslegern abzufeiern, spricht Bände. Über ähnliche unheilige Verbindungen habe ich hier bereits auch schon mal geschrieben. Soll ich es verlinken? Natürlich soll ich. 

Dass dieser Raum zehn Jahre und sage und schreibe siebenhundertzweiundachtzig (in Worten SIEBENHUNDERTZWEIUNDACHTZIG!) Beiträgen bestand, lag tatsächlich in erster Linie an der tief empfundenen (Selbst)Befriedigung, über Musik zu schreiben, die mich begeistert. Mich mit ihr auseinanderzusetzen, mich einzugraben, zu recherchieren, zu erklären, Freudenfeuer anzuzünden. Vor einigen Jahren wurde ins Kommentarfeld eines Artikels über den Pianisten und Bandleader Nik Bärtsch mal der Satz "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt" hineingeschrieben und ich empfand das als möglicherweise größtes Kompliment. Mehr in der Hand, im Kopf, in den Ohren und nicht zuletzt im Herzen zu haben, als das gehetzte Internet mit seinen grellen Blitzlichtern es für gewöhnlich zulässt. Und nicht zuletzt war es auch immer eine große Herausforderung, sprachlich und stilistisch auf einem wenigstens in Ansätzen erträglichen Niveau zu schreiben, Allgemeinplätze zu meiden, die schlimmsten Verbrechen "zeitnah", "extremst" und "massiv" draußen vor der Tür zu lassen - und im besten Fall selbst beim Lesen nicht wegzunicken. Die Herzallerliebste wies mich in den vergangenen zehn Jahren stets darauf hin, dass sich die gefürchteten über 20+ Zeilen erbrechenden Bandwurmsätze nicht dafür eignen, die Augen offen und das Hirn feucht zu halten, aber wer nicht kämpfen will, der hat eben verloren: der Mittelmäßigkeit keine Chance. Und doch stößt der Peinli-O-Meter beim Durchlesen so manch alten Textes stärker und schneller in den roten Bereich vor, als mir lieb sein kann. Aber so ist das vermutlich mit diesem "Älter werden", schließlich habe ich früher auch mal SPD gewählt, Shirts von Iron Maiden und eine "Nackenfotze" (Herr Pelleringhoff) getragen. Es ist tatsächlich wie bei den eigenen Musikaufnahmen über die letzten 20 Jahre: das hätte man alles besser machen können. Die Texte? Grundgütiger! Das Arrangement? Ein Autounfall! War ich beim Schreiben dieser Gesangslinie eigentlich stoned? "Does the pope shit in the woods?" (John Cleese). 

Außerdem half diese enge Auseinandersetzung mit Musik im Rahmen des Blogs dabei, im Überangebot von Musik den Boden nicht unter den eigenen Füßen zu verlieren. Wenn in einem guten Monat 20 neue Alben darauf warteten, nicht nur gehört, sondern auch noch verstanden zu werden - und was an einem solchen Monat "gut" war darf man auch nochmal in die Diskussionsrunde mit einem schweren Roten schmeißen - dann war das Schreiben über wenigstens derer zehn eine Art Therapie für die Entschleunigung, die eigene zumal. Keine Ablenkung, kein schreiendes Internet mit seinen Twitters, Instagrams, Emails, keine Gedanken an den ausreichend zugekackten Arbeitstag, sondern Konzentration: Nadel aufsetzen, Kopfhörer auf, in den Musiksessel plumpsen und schreiben. Das ist, nicht zuletzt wegen der notwendigen und zusätzlich anfallenden Recherche, aufwändig. Selbst ein vergleichsweise kurzer oder gar zunächst banal erscheinender Text ging mir selten einfach von der Hand. Auch hier gibt es Parallelen zum Musikmachen: unsere kleine Punkband, die sich nach Feierabend vorzugsweise ein- bis eineinhalb Minüter aus den Klamotten presst, die für den ein oder anderen Hörer vielleicht sogar so klingen, als seien sie in ebenjener Zeitspanne auch final erdacht worden, benötigt im Gegenteil bis zur Uraufführung eines solchen Titels auf der Bühne eines Opernsaals dieser Republik länger als die zwei braunen Gehirnzellen Björn "Heil" Höckes im führerhauptquartiergroßen und von gähnender Leere dominierten Brägen der faltigen Krawallschachtel, um sich beim Barte des GröFaz einen von den "Palmen" (Die Flippers, "Mitternacht In Trinidad") zu wedeln. Dazwischen: Zusammenbrüche, Selbstzweifel, Resignation, veganer Rollbraten, Trump (vulgo "Drumpf").

Wenn indes der Arbeitstag so zugekackt war, dass sich die Seele nachts um eins gerne nur noch in einem großen Glas Nutella versenken will, Musik nur noch als kurzfristig zu verabreichendes Analgetikum wirkt, und dazu die Mittel nicht mehr ganz moderner Kommunikation mit Hilfe des Wechsels von einem, Achtung, uffjepasst: Windows Phone (!) zum unvermeidbaren Android-Superscheiß den Blogger des letzten Jahrzehnts eher zu einem Instagrammer machen - bunte Bilder, die eigene Geilness streicheln und vor allem ja: streicheln lassen, Usability wie im Paradies, der direkte Kontakt mit anderen über die ganze Welt verteilt lebenden Gestörten - dann geht angesichts dieser Deppenkombination auf so einem Blog das Licht aus. Oder es wird zumindest dunkler. Dass es auf Tausenden Blogs in den letzen zehn Jahren gar stockfinster wurde, ist Fakt. 


Vielleicht ist dieser Post mehr als ein Grablicht. Es gibt viele gute Ideen, es gibt viele gute alte und neue Platten - "Also, jetzt sollte irgendwas kommen (Content!)"




Wie immer: Danke für's Lesen. Ganz in echt.