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14.06.2009

Feel Like Making Love


The Life And Times - The Magician

The Life And Times sind für mich eine der coolsten Bands der letzten 10 Jahre und aus zwei Gründen mittlerweile etwas ganz Besonderes. Zum einen führte ich mein allererstes Interview als, ähem, Musikjournalist mit Allen Epley, seines Zeichen Gitarrist und Sänger des Trios aus Kansas City, zum anderen ist ihr Debutalbum "Suburban Hymns" (die "The Flat Of The Earth"-EP klammere ich an dieser Stelle aus) aus dem Jahr 2005 seit ihrem Erscheinen zu einem wirklich großen Album herangewachsen. Da solche Entwicklungen angesichts der Veröffentlichungsflut und der damit einhergehenden Unübersichtlichkeit und schlichten Durchschnittlichkeit immer seltener werden, ist es durchaus an der Zeit, die Kapelle kurz in den Fokus dieses Blogs zu zerren.

The Life And Times entstanden nach dem Split der Kansas-Institution Shiner, die Epley bis dato ein Zuhause als Gitarrist schenkte. Shiner standen bis dato für schweren und noisigen Indierock und wurden immer mit dem D.C.-Sound in Verbindung gebracht. Unter anderem veröffentlichte die Band 1997 eine Single auf Sub Pop ("Sleep it Off/Half Empty"), und spätestens jetzt sollte klar sein, welcher Sound hier zu erwarten ist. Epley formierte Anfang des Jahres 2005 The Life And Times zusammen mit Eric Abert am Bass und Chris Metcalf am Schlagzeug und nahm unter der Regie des ehemaligen Shiner-Bassisten die Songs für "Suburban Hymns" auf, die anschließend von J.Robbins fitgemischt wurden. Das Ergebnis ist eine dunkle, epische Verneigung vor einem Sound, den man nur noch selten zu hören vermag: er schrammelt, ist hymnisch, melancholisch, umarmend, wärmend, dabei alles andere als anspruchslos und ungeheuer kraftvoll in seinen Bildern. Vor allem letzte Komponente wird offensichtlich, wenn man sich mit den beiden zappendusteren Melancholiemonstern "Skateland" oder "Muscle Cars" beschäftigt. 

"The Magician" ist nun eine 2006 nachgeschobene und nur in Japan veröffentlichte EP mit fünf Stücken, die die Qualität tatsächlich nochmal nach oben schrauben konnten. Nach Erhalt dieses Schätzchens war mein Plattenspieler für ein paar Tage beschäftigt. The Life And Times klingen auf "The Magician" einerseits eine Spur noisiger und dreckiger, haben es dabei aber andererseits geschafft, den hymnenhaften Charakter ihrer Songs zu bewahren und damit ihren sehr eigenen, originellen Sound noch weiter zu definieren. Das Trio wirkt erstaunlich selbstbewusst, aber sorry: kein Wunder bei diesen Songs! Über die komplette B-Seite mit den Sternstunden "Ave Maria" und "The Sound Of The Ground" könnte ich hysterisch kreischend Gänsehautpickel zählen. Dazu kommt mit "Killing Them Softly" eine mögliche Unterwasser-Aufnahme eines möglichen Alice In Chains-Songs, den die Alice allerdings möglicherweise niemals auf die, haha, Kette bekommen hätte. Kurz gesagt: ich heule vor Ergriffenheit.

Vor kurzem haben The Life And Times ihr neues Album "Tragic Boogie" veröffentlicht. Ich mache sowas normalerweise nicht, aber diesmal gibt's ne Ausnahme: bitte hier kaufen. Die Band steckt Vinyls in eine Pizzaschachtel einer Pizzeria aus Boston, bedankt sich artig für den Kauf und kann ein paar Kröten sicherlich ganz gut gebrauchen.

[pathos]Tut es für die Musik![/pathos] 


"The Magician" von The Life And Times ist 2006 auf Stiff Slack Records erschienen.

25.10.2014

Katzen! Er mag auch noch Katzen!



BVDUB - TANTO


Vorankündigung des voraussichtlich letzten BVDUB Albums für das Jahr 2014, das am 1.12.2014 erscheint. Brock van Wey über die Hintergründe. Gefunden auf dem Webshop von N5MD. Dort gibt es auch schon Hörproben.

Alle Tränenschleusen auf.

"In 2014 I lost one of my best friends, without whom my life will never be the same - Tanto, my feline brother in arms, and not only a massive part of my life, but my music as well. We fought our hardest, for months, side by side, but in the end, everything we had was not enough.

From one of, if not the darkest times in my life, I wanted to honor a life with good and beauty, the way he deserved. The result is my first ‘live’ album, in that all tracks were done in one take, one each day for six days, recorded raw and untouched... not a story, not a narrative, but a direct account of the saddest, emptiest, most helpless days of my life, after I was forced let my brother and best friend leave this life... and everything I wish I could have told him as he slipped from my world in front of my eyes, and in my arms. But it is not entirely an album of sadness and anger... it is as much my wish to show a life of beauty and pure, unadulterated love, and my love for someone who meant the world to me. The end result is an unbridled recording that is as much joy as pain, and as much hope as despair.

100% of everything from this album will be donated to the UC Davis Center for FIP Research, in the hopes that even one life, one brother or sister, one innocent cat can be spared the horror of this cruel disease. But equally as importantly, let it serve as a tribute, and an eternal memorial to a life of loyalty, of joy, and of love. Let it serve as a tribute to life itself... about which Tanto taught me more than I can ever describe, through not only his unwavering friendship, but his unshakable bravery and strength.

For this, and what this means, Quietus is reborn. At least once... to let a life of such kindness and love live on... and to hopefully help many more friends and family stay side by side. This CD was made locally in the Bay Area, my home, and the cover hand-printed on an actual printing press, using real paper and ink - the way my family and I did for over 20 years. Thank you for your love and support, and cherish every day with those you love, and who love you." - Brock Van Wey

Erscheint auf Quietus, Dezember 2014.



24.02.2013

2012 ° Platz 2 ° The Life And Times - No One Loves You Like I Do



THE LIFE AND TIMES - NO ONE LOVES YOU LIKE I DO

Als ich vor wenigen Tagen feststellte, es gäbe außer The Sea And Cake keine andere Band, die ich auf diesem Blog mit soviel Hingabe und Liebe überschüttet habe, dann war das wenn nicht glatt gelogen, dann zumindest nur die berühmte halbe Wahrheit. The Life And Times gehören seit ihrem Albumdebut "Suburban Hymns" zu meinen Lieblingsbands, was ich an der ein oder anderen Stelle bereits ebenfalls ausgiebig breittrat. Das Power Trio aus Kansas City hat praktisch noch keinen auch nur durchschnittlichen Ton auf eine Platte gepresst und kommt mit seinem psychedelischen, schweren und emotionalen Indienoiserock verdammt nahe an meine Idealvorstellung aktueller Rockmusik heran.

Allen Epley, Meister des verschrobenen Arrangements und außerdem Saitenhexer von kilometermeterdicken Noiselayern, die einen Kevin Shields wie einen blutigen (haha!) Anfänger aussehen lassen, hat aus der Asche seiner früheren Alternative/Grunge Truppe Shiner einen völlig einzigartigen Stil für The Life And Times geboren und mit seinen Kumpels Eric Abert am Bass und Chris Metcalf am Schlagzeug mittlerweile zur Perfektion veredelt: tonnenschwer, verzerrt, noisy, dabei aber zum Sterben romantisch, melancholisch, opulent und tiefrot glimmend. Es gibt keine Band, die auch nur im Ansatz so klingt wie diese drei Typen.

"No One Loves You Like I Do" ist in der Liste vergangener Klassiker keine Ausnahme, tatsächlich muss ich zugeben, dass ich im Grunde bereits vor Veröffentlichung "Na, dann muss ich mir dieses Jahr ja keine Gedanken um meine Nummer 1 machen!" jubelte. Jetzt steht ihr drittes Studioalbum also auf Platz zwei, und es liegt weißgott nicht an seiner Qualität, denn das Trio ist auf Albumlänge kompakter geworden, hat aber gleichzeitig an der Psychedelic-Schraube gedreht und einige ziemlich fiebrige Minuten aufgenommen, die den Kopf ganz schön weichkochen und ohne echte Auseinandersetzung wie Staub zerfallen können. Ich habe keine Ahnung, wie sie das angestellt haben, aber es gibt Momente im Verlauf der 46 Minuten, die das komplette Werk als großen Noise-Meteoriten aus purer, in Chloroform getränkter Watte erscheinen lassen. Und jeder Ton gräbt sich tief in die DNA jeder einzelnen Körperzelle ein.

It doesn't get much more intense than this.


Veröffentlicht auf Hawthorne Street Records, 2012.

21.02.2015

2014 ° Platz 4 ° The Life And Times - Lost Bees




THE LIFE AND TIMES - LOST BEES



Wenn ich schon im Jahr 2010 mit einem überraschend trotzigen Unterton schrub, dass ich die Größe von The Life And Times nun schon wirklich oft genug erwähnte, und außerdem auch die folgenden Jahre nicht müde wurde, dem Trio aus Kansas City bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Heiligenschein aufzusetzen, dann, und das muss ich ehrlicherweise zugeben, gehen mir jetzt schon ein bisschen die Superlative aus. Zumal ich "Lost Bees" erst vor wenigen Wochen bereits kommentierte. 

Was sich seitdem verändert hat? Ich habe erstens endlich die Schallplatte von "Lost Bees" auf toll klingendem weißen Vinyl auf dem Plattenspieler liegen, ich habe zweitestestens mittlerweile auch einen Lieblingssong, denn "Bored To Death" trifft mit seiner schwer dampfenden Melancholie und den schönsten Gitarrenharmonien der Welt meine Hauptschlagader wie ein Amboss, und darüber hinaus ist "Lost Bees", wie mir neulich erst auffiel, tatsächlich das einzige 2014 von mir gekaufte Rockalbum - was ein glatter Minusrekord ist. Rock ist tot. Und mit Blick auf das, was 2014 so alles die Kanäle verstopfte: mit was? Mit Recht! Das gilt natürlich nicht für Blank When Zero, die sind cool und am Leben. *hust*

Und es gilt nicht für The Life And Times. "Lost Bees" ist das einzige Lebenszeichen, der einzige Leuchtturm in der Dunkelheit. Fantastische, deepe, völlig klischeefreie Rockmusik zwischen Shoegazer, altem, US-amerikanischem Indierock, Grunge und Alternativerock mit den besten Musikern, die eine solche Musik verdient hat. Kein breitbeiniges Simpelgerocke, eher zurückgezogene, nachdenkliche, melancholische und doch tonnenschwere Rockmusik, die sich immer so anfühlt, als wäre sie aus der Zeit geplumpst. Gitarrist Allen Epley mit einem riesigen Omar-Rodriguez-Lopez-Gedächtnis-Effektboard, auf dem der Mann auch alles ausspielt, was es (alles)(nicht) gibt, ein hypereffektiver Eric Abert am Bass, der beinahe exklusiv stoisch vor sich hinpumpt und mit Super-Drummer Chris Metcalf so wichtig für den Punch der Band ist, einen Punch, der sich durch die Legion von Noise- und Harmonielayern durchtanken darf.

Ein Gesamtkunstwerk. Genau wie dieses Video. Damit sollte dann wirklich alles gesagt sein.





Erschienen auf Slim Style Records, 2014

22.12.2014

The Incredible Lewis


I'm too stoned to handle that right now. - nosebleeds, 20.7.2014

Nichts ist so spannend und faszinierend wie eine gute Geschichte mit einer Tonne Mythos und Esoterik. Das hatten sich vielleicht auch die Mitarbeiter des in Seattle, USA ansässigen Labels Light In The Attic gedacht, als ihnen diese wahrhaft unglaublichen Erlebnisse widerfahren sind.




LEWIS - L'AMOUR

Die Geschichte geht so: im Jahr 2007 findet der Plattensammler Jon Murphy auf einem Flohmarkt in kanadischen Edmonton eine interessant aussehende Privatpressung, die er sogleich an den fanatischen Sammler Aaron Levin weiterreicht. Die im Jahr 1983 aufgenommene und auf dem Label R.A.W. (es gibt immerhin einen Hinweis auf ein Postfach in Beverly Hills) veröffentlichte Platte wird in den Randbereichen der Randbereiche der Randbereiche des Internets über Jahre hinweg heiß diskutiert und in Sammlerkreisen als lange vergessene Perle gefeiert. Die Informationen auf dem Plattencover sind allerdings rar: der Künstler nennt sich Lewis, seine Platte heißt "L'Amour". Als Engineer wird Bob Kinsey erwähnt, an den Synthies saß Philip Lees, dazu gibt es den Hinweis auf den Fotografen Ed Colver (ein Punkrock-Fotograf aus Los Angeles) und eine Widmung für das Sports Illustrated-Model Christie Brinkley. Zu diesem Zeitpunkt ist Lewis ein Geist. Niemand weiß etwas über diesen Mann, niemand kennt seinen richtigen, vollständigen Namen, und ob er noch weitere Platten veröffentlichte, ist ebenfalls unbekannt. 

"L'Amour" ist eine surreale und für das Jahr 1983 völlig untypische Platte, stilistisch vielleicht keine Jahre, sondern gleich ganze Jahrzehnte seiner Zeit voraus. Ein leise getupftes Piano. Eine Akustikgitarre, die undefiniert durch die wabernden Synthieteppiche stakst. Eine Stimme, die murmelt, haucht, sich leise überschlägt und kaum verständlich ist. Walzer-Rhytmus. Als würde sich David Lynch einen Albtraum im heißen, schaumigen, romantisch beleuchteten Whirpools eines 5-Sterne-Hotels ausdenken. Es ist schwer, sowas im Jahr 2014 zu finden. Im Jahr 1983 erscheint es als völlig undenkbar.


Über Umwege landet die Story auf den Schreibtischen von Light In The Attic. Dort ist man von "L'Amour" so begeistert, dass sich das Personal auf die Suche nach Lewis macht, um das Mysterium zu entschlüsseln. Das Ergebnis wirft aber zunächst mehr Fragen auf, als dass es Antworten bietet. Das Postfach des R.A.W.-Labels in Beverly Hills ist schon lange aufgelöst, der Produzent der damaligen Session kann sich nur noch daran erinnern, Lewis sei aus dem Nichts gekommen und direkt nach Ende der eintägigen Aufnahme wieder ins Nichts zurückgekehrt. Außerdem stand der Sänger offensichtlich unter Drogeneinfluss, fuhr ein weißes Mercedes-Cabriolet und hatte eine ebenso vernebelte, blonde und attraktive Frau als Begleitung im Schlepptau, die wie ein Model aussah. Ed Colver erinnerte sich immerhin an den mutmaßlich bürgerlichen Namen von Lewis: Randall Wulff. Er erinnert sich vor allem deshalb an den Mann, weil Wulff die 250$-Rechnung für die Fotosession mit einem nicht gedeckten Scheck bezahlte.

Musikjournalist Jack D. Fleischer und der Privatdetektiv Markus Armstrong machten sich auf den Weg nach Alberta, einer westlichen Provinz Kanadas, wo "L'Amour" zum ersten Mal gefunden wurde. Sie fanden dort einen Neffen Wulffs, der sich zwar dunkel an einen früheren Besuch im komplett in weiß gehaltenen Appartement des Sängers erinnern konnte, und der außerdem bestätigte, dass Randall ein Börsenmakler gewesen sei, aber seit Jahren keinen Kontakt mehr mit ihm hielt und auch nicht wusste, wo er sich gerade aufhielt. Dafür erinnert er sich an ein weiteres Pseudonym: Randy Duke. Später sollten Fleischer und Armstrong herausfinden, dass unter diesem Namen in den Fiasco Bros. Studios in Vancouver angeblich drei bis vier weitere Alben aufgenommen wurden. 

Lewis selbst bleibt weiterhin unauffindbar. 

Light In The Attic stellt die Suche vorerst ein und veröffentlicht "L'Amour" Anfang des Jahres 2014. Das Label friert die Einnahmen aus den Verkäufen ein. Vielleicht taucht Lewis doch noch irgendwann auf. Die Platten-Nerds, vor allem die US-amerikanischen, drehen zu diesem Zeitpunkt ganz dezent frei. 






LEWIS BALOUE - ROMANTIC TIMES


Nur wenig später sollten sie aufgrund eines Beitrags auf der Homepage des Labels allerdings auf Turbostufe rotieren: im Bestand des DJs und Sammlers Kevin “Sipreano” Howes wurde in Calgary ein Vinylexemplar dessen gefunden, was vielleicht ein zweites Lewis-Album sein konnte; ein Album von dem bislang niemand wusste, dass es überhaupt existiert. "L'Amour" kursierte schließlich schon seit Jahren in der Sammlerszene, "Romantic Times" war trotz Internet'scher Überverfügbarkeit von jeder Art von Musik, sei sie noch so obskur und rar, völlig unbekannt. Kein einziges Google-Ergebnis, kein Hinweis auf Youtube. Es war der viel zitierte Heilige Gral, nach dem Sammlerherzen manchmal ihr ganzes Leben lang suchen. 

Der Künstler nannte sich nun Lewis Baloue, aber sein Gesicht war unverkennbar. Lewis posiert mit Zigarillo in einem weißen Anzug vor dem bereits vorher bekannt gewordenenen und ebenfalls weißen Mercedes-Cabrio und einem Privatjet. "Romantic Times", aufgenommen und privat veröffentlicht im Jahr 1985, ist so rar, dass dieses Exemplar als die zu jenem Zeitpunkt einzige bisher aufgetauchte Originalversion gilt. Light In The Attic kauft Howes die Platte ab, zieht Kopien von dieser Scheibe für eine Wiederveröffentlichung, bevor eine weitere Originalpressung von "Romantic Times" plötzlich auf Ebay auftaucht. Der Underground-Hype bei den Sammlern explodiert nun förmlich. Er treibt den Auktionspreis für "Romantic Times" auf sagenhafte 1800 US-Dollar. 




Musikjournalist Jack Fleischer, der die Liner Notes für beide bislang veröffentlichten Lewis-Alben schrieb, wird zu wie folgt zitiert:

Ok. Well now that the cat is out of the bag, I will shed a little light to wet the tastebuds... A Canadian digger turned a copy of this up 2 months ago and sold it to Light in the Attic. In a great irony, it was the same guy who we asked to go to the studio in Vancouver to ask about the recordings done there in the mid '00s. In an even greater irony, he found the record in his storage unit just thumbing through the refuse of some old buys. Such is life. The copy currently on eBay landed at THE SAME record store that Aaron bought his copies from years ago. It has been confirmed as having been recorded in Calgary, despite the address on the back for R.A.W. Corp which is actually a PO Box at a mailboxes etcetera type place in Beverly Hills.

The label had me come in and I found the disc under the coffee table, while Matt was on the phone. I initially thought it was a total hoax, but they handed me a CD-R and listening to it on the ride home I was pretty blown away. It's a great follow-up to an incredible record, and is decidedly even more personal and strange. The unintentional nods to Badalamenti on the first disc take a plunge into deep red room turf on "Romantic Times" and in some ways he feels like a necromancer waiting to make an appearance on that vaunted show. 5 years before it aired. I'll save the rest for the liner notes. Suffice to say, it's a doozy, and for me a future big one in the real people / twilight zone camp.


Die Musik auf "Romantic Times" ist im Grundsatz mit jener auf "L'Amour" vergleichbar, wirkt aber noch brüchiger und dunkler als auf dem Debut. Das Album öffnet mit einer unerwähnten Coverversion von "Strangers In The Night" (hier: "We Danced All Night") und schunkelt sich im weiteren Verlauf sehr konsequent auf einer Schwebewolke durch die Nacht. Stilistisch ist die Musik von Lewis kaum dechiffrierbar; ich kann auch nicht sagen, dass ich mir vor Begeisterung die Klamotten vom Leib reißen möchte, aber es liegt eine große Faszination in dieser Musik vergraben, etwas Gespenstisches, Eindringliches - natürlich ordentlich aufgeladen mit viel Mythos und vielen Rätseln und Geheimnissen. Ich glaube, es hilft dabei, die beiden Platten zu mögen, oder sie auch nur zu verstehen.


Dabei gibt es natürlich einiges zu Spekulieren: passiert das hier wirklich, oder ist es nur eine sauber ausgedachte Geschichte von ein paar komischen Typen? Warum taucht "Romantic Times" ausgerechnet bei dem Mann auf, der vorher schon von Fleischer und Armstrong angespitzt wurde, sich in dem Studio in Vancouver nach den späteren Aufnahmen zu erkundigen? Und warum taucht plötzlich ein Exemplar auf Ebay auf? Ist es nur ein Zufall, dass "Romantic Times" im selben Plattenladen in Calgary auftaucht, in dem Jahre vorher noch versiegelte Exemplare des Debuts gefunden wurden? Und: gab es Lewis wirklich? Wenn ja: lebt er noch? Wenn nein: wer steckt hinter all diesem Irrsinn?


Befeuert von der Entdeckung von "Romantic Times", recherchieren die Damen und Herren von Light In The Attic weiter - sie versuchen mit weiteren vermeintlichen Familienmitgliedern Wulffs Kontakt aufzunehmen, reisen durch Kanada und die USA und führen weitere Interviews. Im August 2014, wenige Wochen nach dem Bekanntwerden eines zweiten Lewis-Albums, kommt der große Schlag. Lewis ist gefunden. Jack und Matt treffen den Musiker angeblich in Kanada. Gleichzeitig tauchen Gerüchte auf, Wulff lebe mittlerweile auf Hawaii. Das einzige Foto, dass die beiden von ihm veröffentlichen, zeigt ziemlich definitiv den mittlerweile fast 30 Jahre älteren Mann der "'L'Amour" und "Romantic Times"-Cover. Der Hintergrund wurde auf Wunsch von Lewis verfremdet, sodass keine Rückschlüsse auf seinen Aufenthaltsort möglich sind. 


Randy had no idea about the recent interest in his old records and didn’t seem to care in the slightest. We had a check for him but he wasn’t interested. We brought him CDs and LPs of L’Amour. He took a look, impressed (“nice”), and smiled, recalling a number of positive stories from back in the day. Then handed back the CD, saying it was for us and kindly declined keeping it. Randy simply wanted to look forward with both his life and music and had no interest in any celebrity or financial gain having to do with the albums. He told us over and over again, “That was a long time ago” and that we should “have a ball” with the reissues. When we mentioned that we’d been looking for him for years, he was surprised, responding that he’s been right there all along and shops for groceries at his neighborhood store.

After a half hour chatting about his musical past, he signed a couple copies of L’Amour (as “Lewis”) and said, “I wish you guys all the best. I’m not looking back. I’m doing stuff now that’s taken me forty, fifty years to write. I’m not looking into coin. I’m not looking into anything. I’m just strumming my guitar. I just wish you guys all the best in the world.”





Als Reaktion auf Lewis' Verzicht zur finanziellen Beteiligung an den Verkäufen entschieden Light In The Attic, die beiden Lewis-Alben nicht mehr nachzupressen, sollten sie ausverkauft sein. Die Einnahmen werden weiter eingefroren für den Fall, dass es sich Lewis doch nochmal anders überlegt. 

Und während die Herzallerliebste ob des entrückten Gemurmels von Lewis noch immer in sich hinein kichert und mittlerweile der Auffassung ist, die beiden Platten seien nicht 1983 und 1985 entstanden, sondern stattdessen mit 99,9%iger Wahrscheinlichkeit erst vor kurzem neu aufgenommen worden und die Community der Plattensammler sei damit einem gigantischen Hoax auf den Leim gegangen (eine Möglichkeit, die auch ich für absolut plausibel halte, während sie vom Label - natürlich - vehement bestritten wird), lege ich an diesem vorweihnachtlichen Montagmittag und bei Kerzenschein und Salbeitee nochmal "Romantic Times" auf den Plattenteller - denn eines ist auch klar: sollte das wirklich alles so passiert sein, wie es uns Light In The Attic seit Monaten erzählt, dann ist es aus allen erdenklichen Blickwinkeln nichts weniger als eine Sensation. Eine wunderbare, wahrhaftige Sensation. 

I Want To Believe.

Re-Issues erschienen auf Light In Attic, 2014

27.04.2024

Best of 2023 ° Platz 4: Allen Epley - Everything



ALLEN EPLEY - EVERYTHING


“Forget the future, these times are such a mess
Tune out the past, and just say yes.”
(Sonic Youth)


Die Musik von Allen Epley schlägt immer eine ganz spezielle Saite im Nukleus meines Emotionskadavers an, und ich bin immer wehrlos dagegen. Nicht, dass ich mich wirklich wehren würde - seit dem Debut seiner Band The Life And Times aus dem Jahr 2005 bin ich bekennender Fanboy und habe das Power-Spacerock-Trio nicht nur ein Mal als "beste aktive Rockband des Planeten" bezeichnet. Mittlerweile müsste strenggenommen überdacht werden, ob "aktiv" noch das Wort der Wahl wäre, denn die Gruppe schweigt seit der vor sieben Jahren erschienenen letzten Platte, und es sieht aus der Ferne betrachtet nicht so aus, als solle sich an jenem Schwebezustand - eine Auflösung wurde offiziell nie bestätigt - mittelfristig etwas ändern. Nun ist es aber dennoch eine Realität, dass es selbst bei meinen Lieblingsbands einen Moment in ihren Karrieren gibt, an dem bei mir eine Art Übersättigung eintritt, sei es, weil ich mich stilistisch, ästhetisch, emotional oder sonst was/wie fortbewegt habe und mich außer einer imaginierten Loyalität nicht mehr viel hält, oder aber weil die Musiker selbst ihr Mojo verloren haben, oftmals einhergehend mit einer Verschiebung von Prioritäten (Haus, Familie, Job) und dem damit verbundenen Erlischen der Leidenschaft und des Feuers für die eigene Kunst. Ich werfe das niemandem vor, das sind schließlich in der Regel normal verlaufende Lebenslinien - und egal, wie hart einen die Nostalgie manchmal ficken mag: es gibt für alles und jeden eine Zeit und einen Ort, für die juvenile Entflammbarkeit wie für das erkaltete "Adieu". 

Für Allen Epley gilt das alles nicht. Was auch immer er aus seiner Stimme und seiner Gitarre herausholt, setzt meist umgehend einen Anker. Mit seiner legendären 1990er Band Shiner im etwas ruppigeren Grunge, Noise und Alternative-Teilchenbeschleuniger, mit The Life And Times und ihrer Shoegaze, Spacerock und Wall of Sound-Ästhetik - und nun erstmals solo mit all den so liebgewonnenen Merkmalen seiner Musik: der sich tief eingrabenden Melancholie und der Introvertiertheit, die sich in intensiven Momenten entlädt, einem so außergewöhnlichen wie einzigartigen Melodieverständnis, für das Epley in erster Linie den schwierigen, verborgenen, verwinkelten Weg sucht, anstatt an der Oberfläche zu bleiben und die Simpletons mit Eingängigkeit zwangszuernähren. Oder den mit allerlei Effekten überladenen, sirupartig aus den Lautsprechern quillenden Gitarren, die in Kombination mit seiner mehrfach gelayerten Stimme, den langgezogenen Melodiebögen und den ungewöhnlichen Gesangsharmonien eine psychedelische Qualität erreichen, die Erinnerungen an die Hippiegeneration wachkitzeln. Ohne das Powerdrumming von The Life And Times-Schlagzeuger Chris Metcalf und dem massiven Ampeg-Bass-Knurren von Eric Abert steht "Everything" mit einem viertel Bein tatsächlich etwas mehr in der entrückteren Ecke geparkten Abteilung der Singer/Songwriter Tradition. Oder, um präziser zu sein, weist im Fundament subtile Schattierungen von jener Musik auf, die in Nordamerika unter dem Rubrum "AM Gold" gelistet wird: Softrock und Top 40 Songs der 1960er und 1970er Jahre von The Carpenters, James Taylor, Scott McKenzie, Aretha Franklin, The Hollies, Dionne Warwick, America. Musik also, für die eine vordergründige Leichtigkeit so essentell war wie eine zwischenweltliche Schwermut und der die Anerkennung des eigenen Standorts so wichtig war wie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Und die darüber hinaus vor allem in den psychedelischen Momenten geprägt war von einem neu entdeckten und erweiterten Begriffs der Selbstbewusstheit, von einer Expansion ins Surreale, auch ins Abgründige. 

Epleys Musik hatte stets ein eskapistisches Moment. Weniger im Sinne einer potemkinschen Scharade, die im Außen Herrlichkeit suggeriert, während ein paar Meter dahinter ein Atomkraftwerk vor sich hinglüht, sondern im Sinne einer Suche, einer über den status quo hinausgehenden Erkundung neuer Welten und Perspektiven. Die Schwermut, die über seiner Musik liegt, findet die richtigen Frequenzen so unmittelbar, weil sie uns in der Enttäuschung über die Wirklichkeit eint. Wir spüren: wir müssen hier raus. Und im gleichen Moment trifft es uns wie ein Blitz: wir kommen hier nicht raus.

Außer natürlich, man legt "Everything" auf und zieht ein Ticket für die Rundreise durchs große, weite Universum.


  


Erschienen auf Spartan Records, 2023.


24.11.2016

Doppelgängers




THE LIFE AND TIMES - DOPPELGÄNGERS EP


Meine allerallerliebste noch aktive und also lebende Rockband, das supersupergute Trio von The Life And Times, hat eine neue Platte veröffentlicht; leider dieses Mal nicht als Vinylausgabe, jedenfalls noch nicht, und auch kein Werk mit neuen Eigenkompositionen: "Doppelgängers" ist eine Zusammenstellung von sieben Coverversionen von teils ungewöhnlichen Musikern und ebensolchen Songs von The Romantics, Katy Perry, Jellyfish, Iron & Wine, The Pretenders, Tom Petty und Carly Simon. 

Stilistisch gibt es in der Interpretation dieser Stücke keine riesigen Überraschungen - dass die Band wie aus der Zeit geplumpst wirkt und praktisch konkurrenzlos ihren trippigen und verwehten Indierock auf Lautstärke 11 spielt, habe ich hier vermutlich schon einige Male zu oft geschrieben

Dass sie mit ihrer genuinen Art selbst aus einer Popnummer von Katy Perry, Zitat: "We love Katy Perry. And we love this song. So if it sounds like we're trying to take the piss out of it and do a kitschy version- we're not. We just really really love this song. You should too." das Dunkle, Unbekannte, Gespenstische destillieren können und plötzlich ein psychedlischer Tiefseetauchersong im heimischen Wohnzimmer LSD Trips und Rosenblüten streut, ist indes ein Erlebnis. Und das Original ist in meinem Buch ein großer Haufen dünnflüssiger Teenagerkotze (Breezer, Döner, Schwangerschaftstest).

Neben der neuen Jud-Scheibe ist das jedenfalls ziemlich und very exactly my kind of Rock'n'Roll für die nächsten Monate. 




Erschienen im Eigenvertrieb*, 2016.

*Jedenfalls glaube ich das.

27.01.2018

Best Of 2017 ° Die Plätze 18 bis 16



Platz 18 - ZARA McFARLANE - ARISE


Eine interessante Entwicklung hat die britische Sängerin Zara McFarlane mit ihrem neuen Album "Arise" vollzogen, war doch der Vorgänger ein introvertiertes Werk aus nokturnem Jazz, zaghaftem Pop und modernem Soul. Auf "Arise" liegt der Jazz mindestens in der Nachmittagssonne, der Pop bekam mehr Groove und der moderne Soul bekam mehr Reggae in die Dreads gezwirbelt - das Schillern und die Lebhaftigkeit dieser Aufnahmen sind im Vergleich mit dem flackernden Kerzenschein von "If You Knew Her" eine willkommene Abwechslung und wirken wie eine Frischzellenkur für die Sängerin. Großartig produziert (höre: der Bass in "In Between Worlds"), mit mehr Verve als zuletzt, ist "Arise" in der Ausstrahlung zwar immer noch intim, aber heller, luftiger und in der Folge sogar markanter als das ohnehin schon fantastische "If You Knew Her". Zwei unterschiedliche, aber künftige Klassiker. 




Erschienen auf Brownswood, 2017.





Platz 17 - ODDISEE - THE ICEBERG


Auf Oddisee ist Verlass, der Mann veröffentlicht ausschließlich Qualitätsware. "The Iceberg" ist im Vergleich zum Vorgänger "The Good Fight" nochmal kompakter und eingängiger: mit der Single "Things" wagt er sich sogar erstmals zaghaft in Dancefloorbereiche vor, während ihm mit "Want To Be" gar ein sonniger Monster-Popper mit deutlicher Soul und Funk-Schlagseite gelungen ist. In meinen Ohren gibt es in der internationalen Hip Hop Szene niemanden, der ihm das Wasser reichen kann - dabei agiert er immer noch meilenweit unter dem großen Mainstreamradar und zieht stoisch sein eigenes Ding durch. Immer größeren Stellenwert bekommt seine Liveband Good Compny, mit der er nicht nur jährlich über 100 Konzerte spielt und nun sogar ein - ernsthaft!: fantastisches Livealbum mit kompletter Band veröffentlichte, sondern deren Talent und vielfältige Instrumentierung ihm ganz offensichtlich den eigenen Produktions- und Songwritinghorizont erweitert. 




Erschienen auf Mello Music Group, 2017.






Platz 16 - THE LIFE AND TIMES - THE LIFE AND TIMES


Normalerweise ist ein neues Album meiner liebsten noch aktiven Rockband ein Garant für die Top 3, dieses Mal reicht es immerhin noch für die 20 besten Alben des Jahres. der Grund (für beides): Das Trio hat etwas die Poliermaschine bemüht und die Arrangements gestrafft. Das Ergebnis sind kürzere, aufgeräumtere Songs mit weniger Wall-Of-Sound-Dramatik, dafür ein in der Ausstrahlung etwas breitbeiniger rockender Gesamteindruck. The Life And Times sind immer noch großartig, immer noch völlig einzigartig, immer noch Meilen von der gleichgemachten Soße zeitgenössischer Rockmusik entfernt - die komplette A-Seite der (im Vergleich mit der digitalen Fassung verspätet erschienenen) LP-Version ist ein einziges Erlebnis. Der Moment, der mir auf einer ansonsten fehlerlosen Platte Kopfzerbrechen bereitet, ist die offensichtliche Hommage an die ärgerlichste Rockband der letzten 20 Jahre Queens Of The Stone Age in "Out Through The Door", bei dessen Melodieführung mir glatt der vegane Rollbraten wieder hochkommt. Was soll sowas?




Erschienen auf SlimStyle Records, 2017.


17.09.2009

Tango Fandango


The Life And Times - Tragic Boogie

Auch wenn ich nun schon mehrfach auf dieses wundersame Trio aus Kansas aufmerksam machte: ich könnt' schon wieder. Und mit Verlaub: ich tu's auch schon wieder. Nur kurz immerhin, aber ich kann nicht anders.

"Tragic Boogie" ist Musik aus einer anderen Zeit. Ins Musikjournalisten-Gequalle übersetzt hieße das wohl sowas wie "Sie stehen über der Zeit". Aber wer will sowas schon lesen? Sie? Ich nicht. Andreas "Kanzler" Kohl vom Exile On Mainstream-Label jedenfalls frohlockte neulich über das Jesus Lizard-Konzert in Berlin "Solche Bands werden heute einfach nicht mehr gebaut.", und ich könnte dasselbe über The Life And Times sagen. Ihre komplette Herangehensweise an ihren mit einiger Dramatik aufgeputschten Indierock ist getränkt mit 80er- und 90er-Jahre-Ästhetik: komplex, melancholisch, verweht. Dass das verwehte Element auch daher rührt, dass der Sound nicht zu knapp Volumen mit sich herumträgt und sich gefühlte 180 Gitarrenspuren die Klinke in die Hand geben, bon. Aber sie vergessen den Song dahinter nicht. Diese musikalischen, ich sag's jetzt einfach mal, weil's halt so doll richtig ist: Meilensteine schälen sich ganz zielsicher aus dem dichtesten Geknäuel empor und präsentieren sich besonders auf der komplett anbetungswürdigen B-Seite mit der Strahlkraft ganzer Säuglingsstationen. Ein behutsamer Aufbau, der den Weg als Ziel definiert, der sich gar nicht weiter aufblähen muss, weil die Stimmung es sowieso richten wird. Dann schlängelt sich "The Lucid Dream" eben mal minutenlang in einer rotglühenden Lavazunge unter der Erde entlang. Und Dir bleibt nichts anderes über, als bei 'ner Tasse Tee (ich weiß, es ist furchtbar klischeehaft, aber da müssen wir jetzt "gemeinsam"(A.Merkel) durch) die Augen zu schließen und - ja mein Gott, lass' es Dir halt gut gehen.

"Tragic Boogie" von The Life And Times ist 2009 auf Hawthorne Street Records erschienen.

Que Sera Sera

Tragic Boogie

05.07.2016

A Thousand Words




BVDUB - A THOUSAND WORDS


Es war ungewöhnlich still um den großen Mann des Ambient, der normalerweise nur wenige Probleme damit zu haben scheint, mindestens alle drei Monate ein neues Album zu produzieren und zu veröffentlichen. Sein letztes Werk "Safety In A Number", im eigenen Vertrieb via Bandcamp zur Verfügung gestellt, erschien im November 2015 - danach gab es nur wenige, dafür aber sehr dunkle, depressive, fast verzweifelt anmutende Wortmeldungen auf Facebook. Und keine neue Musik. 

Im Juli 2016 ändert sich das glücklicherweise. "A Thousand Words" ist ein einziger, 77 Minuten langer Track, vollgestopft mit dem besten aus seiner langen Karriere, stilistisch am ehesten mit legendären Monumenten wie "Home" oder "The Art Of Dying Alone" vergleichbar. Was immer offensichtlicher wird: die Verbindungen zwischen der Realität seines Lebens und seiner Musik. Der ideologische und vor allem emotionale Überbau, den er über seine Alben spannt wird immer plastischer und fundamentaler. 

Brock hat sich dazu auf seiner Bandcamp-Seite sehr ausführlich geäußert, zum einen über die tatsächliche Produktion aus eher technischer Sicht:

A Thousand Words is my longest, largest work to date, and what we can likely all agree this was all coming to - one, single 77-minute piece. Much more than one single narrative, however, it is comprised of 19 movements, and over 500 channels of audio... all performed in one take, live.
Combining a colossal library of pre-recorded and treated loops, samples, beds, and instrumentation, in concert with live arrangement, synthesis, loop creation, instrumentation, and even vocals, A Thousand Words is about as raw and unapologetic as anything I have ever made - as well as the most challenging, requiring more equipment, instruments, and dexterity than I have ever attempted before... as well three keyboards, six live instruments, and two samplers, all running through two computers and a phone, simultaneously. 


Zum anderen aber auch zum Hintergrund von "A Thousand Words":


A Thousand Words was borne from an amazing fact I discovered in recent times... that cats only meow to humans. They do not do so to each other, nor any other animal - but over time, have learned that this is the language with which they can communicate to people. And like with anyone, when you get to know them, you will know how much they truly have to say - they say it all, yet can do so without all the trappings, faults, and deception of people - for life is not anywhere near as complicated or unnecessarily difficult as we love to make it. It is, in essence, quite simple. And that is, in essence, quite amazing. 

Once I started to really meditate on this idea, it began to expand to all aspects of my life... and I began to hear sound, and view communication in an entirely different light. It finally awoke in me what had laid dormant for nearly a year, as I spiraled in a black hole of manic depression and apathy toward every facet of my being, my past, and my future. I set about to not only shatter that blackness, but to do so in a way that could truly respect my even deeper love for those in my life for whom I can feel true love. Love is the willingness to do absolutely anything for the object of that love - and I am fortunate to have had, and have, several forces in my life that have let me experience pure happiness, and pure love. It just so happens that they are also, generally, those with a fairly limited vocabulary - but they say it all. You don’t have to say a lot to mean everything... and that is true for us all. 



In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert darauf hinzuweisen, dass drei US-Dollar jedes verkauften Downloads gespendet werden:

$3 from every sale of this album will be donated to the Animal Rescue League of Berks County (PA), SPCA of Wake County (NC), and numerous fledgling rescue centers in Europe who are instituting programs that encourage children to read to cats every day after school... not only providing a massive upturn in youth literacy and love of books, but hours a day where those who have been forgotten can have someone by their side. 


Ich finde das sehr inspirierend, und es wäre nicht das erste Mal, dass ich die Liebe erwähne, wenn ich von seiner Musik spreche und schreibe. 

Und ich tu's schon wieder: Wenn für mich eines aus seiner Musik spricht, dann ist das Liebe. Bedingungslos und total, mit all dem Licht und all dem Schatten, die es braucht, um die Liebe begreifbar zu machen.

Das purste und reinste Glück.





Erschienen im Eigenvertrieb, 2016.  


22.04.2010

Best Of 2009 - Plätze 01 - 05


Platz 1


The Life And Times - Tragic Boogie

Ich habe nun schon wirklich oft genug die Größe von The Life And Times im Allgemeinen und "Tragic Boogie" im Speziellen auf diesem Blog erwähnt, und da dachte ich mir: ich mach's nochmal. Shoegaze, Indie und leichter Noise formen die Platte des Jahres, keine Diskussion.


Platz 2


SND - Atavism


Alleine im ersten hörbaren Sound von "Atavism" steckt mehr Tiefe und Wärme als in manch kompletter Banddiskografie. Mark Fells und Mat Steel knüpfen den Balla-Balla-Funkcore aus dem reinsten Weiß, das je ein Plattencover gesehen hat. Wo Frank Bretschneider auf "Rhythm" den Skelett-Funk entwickelte, tragen die Knochengerüste von SND Discokugeln im Schritt und die prächtigsten Pornoschnauzer seit YMCA. "Atavism" ist strategisch und verkopft, funky, aber nicht sexy und kann wohl deswegen nicht auf einem Label wie Warp, sondern muss eben zwangsläufig auf Raster Noton erscheinen. Manchmal denke ich mir, dass so eine neue Jimmy Edgar Platte klingen könnte, wenn der den ganzen Glitzer-Fummel mal im Körbchen liegen lässt und stattdessen Alpina Weiß schnüffelt. Macht nach einer Weile Kirre im Oberstübchen, aber so geht Leben, vermute ich.


Platz 3


Emeralds - What Happened?


Ein fürwahr faszinierendes Album. Ich kenne tatsächlich nur wenige Ambient-Platten, deren Einfluss auf Stimmung und Reizsensibilität trotz der sublimen und vernebelten Pfade ihrer präsentierten Musik so groß ist. "What Happened" berührt vom ersten Ton an, und das ist so beeindruckend, dass man die Aufmerksamkeit nur schwer auf etwas anderes lenken kann. Alleine der Opener "Alive In The Sea Of Information" kann in Sachen Aufbau und oszillierenden, sich wie Wellen auftürmenden Sounds, die ob ihrer Urgewalt beinahe physisch manipulieren, so dermaßen alles, dass nur ein vollkommen durchgeblödeter Zappelpiller gelangweilt abwinken würde. Das Trio aus Ohio ist alleine klanglich bisweilen auf einer qualitativ völlig anderen Ebene als die Konkurrenz: hier passiert nichts beiläufig, "What Happened?" ist durchgehend schmerzend relevant.


Platz 4


The Necks - Silverwater


Der britische Guardian bezeichnete sie im Zuge der Platte "Hanging Gardens" von 1999 als eine der besten Bands des Planeten, der Sydney Morning Herald adelte "Silverwater" als
"the finest studio album in their 22-year history"und vermutlich haben beide Recht. Das Konzept des australischen Trios, improvisierte Musik im großen Stil und weitgehend barrierefrei durch eine Platte gleiten zu lassen, bis sie nach meistens 50 bis 70 Minuten wenigstens formal zum Stillstand kommt, trägt die Band auch auf "Silverwater" wieder in den Olymp. Ihr Jazz-Ambient Sound ist immer noch und wieder ein grandioser Ohrenschmeichler mit unfassbar viel Gespür für die richtige Option. Der Titel hätte angesichts dieses mysteriös fließenden Traumspiels nicht besser gewählt werden dürfen. Ein fantastisches Artwork gibt's obendrauf.


Platz 5


Propagandhi - Supporting Caste


Jaleckmichamarsch! Ist das noch Punk? Ist das Metal? Nein, es ist Superdingens! Diese Songs können töten. Politische Sprengkraft in den Texten gepaart mit den unglaublichsten Punk/Hardcore-Songs der letzten Jahre ergeben ein Album, das mich zu Beginn total überforderte. Kompletter Informationsoverkill. Und die Kanadier verdrehten mir nicht nur im übertragenen Sinne den Kopf. Nach ungefähr 287 Durchgängen raffte ich zwar immer noch nicht viel, aber ich kann die Ahnungslosigkeit wenigstens in Worte fassen: technisch brilliant, höllisch komplex und doch catchy, die Produktion ist eine Sensation, die Gitarrenarbeit WELTKLASSE, die Songs schon jetzt legendär.


05.03.2012

The Life And Times - Day One

Jedem einzelnen der exakt dreikommaviernull aufmerksamen Lesern meines Blogs wird über die letzten fast fünf Jahre aufgefallen sein, dass es die aus dem US-amerikanischen Kansas City stammende Formation The Life And Times um das ehemalige Shiner-Mitglied Allen Epley locker in die Liste (Listen, immer nur Listen...) meiner zehn liebsten Bands aller Zeiten geschafft hat. Ihr neues Album "No One Loves You Like I Do" ist mindestens genauso fantastisch wie die zwei Studioalben "Suburban Hymns" (2005) und "Tragic Boogie" (2009) und bietet erneut den originellsten und einzigartigsten Indierock dieser Tage. Zwischen Space Rock, Shoegaze und ursprünglichem Indierock, der mit dem lauwarmen und unerträglichen Befindlichkeitsgeseier derzeit angesagter Acts glücklicherweise nichts gemein hat, platziert das Trio die wunderbarste Melancholie eines gerade angebrochenen, diesigen Herbsttages.

Für Menschen mit Herzen so groß wie wie ein nebliges Waldstück im Spessart.

03.10.2014

The Life And Times - Lost Bees



THE LIFE AND TIMES - LOST BEES

Völlig überraschend hat eine meiner erklärten Lieblingsbands - und darüber jetzt noch mehr Worte zu verlieren würde wirklich bedeuten, die vielzitierten Eulen nach Athen oder Hannover zu tragen - im vergangenen August ihr viertes vollständiges Album veröffentlicht. "Völlig überraschend" ist in diesem Zusammenhang natürlich nur die halbe Wahrheit, denn das Trio aus Kansas City weilte, qua Berichterstattung via Twitter, bekanntermaßen Anfang des Jahres im Studio. Die tatsächliche Veröffentlichung  lief allerdings komplett an mir vorbei. Was der erste Skandal ist.

"Lost Bees" erscheint dabei erstmals in der Bandkarriere nicht als Schallplatte, was, tätätätäerää, der zweite Skandal ist, bietet darüber hinaus aber schon wieder den besten Indierock, im weitesten Sinne, den ich mir vorstellen kann. Die Band klingt auch neun Jahre nach ihrem Debut "Suburban Hymns" nicht nur immer noch völlig einzigartig, sie verfeinert diese Exklusivität sogar mit jeder weiteren Platte auf einem nur selten erlebten Niveau. Die Songs auf "Lost Bees" erscheinen im Vergleich zum arg blickdichten Vorgänger "No One Loves You Like I Do" in der Gesamtanlage etwas entstrüppt, gleichzeitig wirken Kompositionen wie "Bored To Death", das fantastische "Ice Cream Eyes" und die Single "Passion Pit" (höre unten) zugleich kompakter als auch vielschichtiger. Die unnachahmliche Mischung aus dem nach wie vor tollultramgealschönstklingenden Schlagzeug des Rock, einem Bass, der sich lieber über das definiert, was er weglässt, einer effektbeladenen Gitarre, die sich mit jeder gespielten Note tiefer und tiefer in den Klang und das Leben eindreht und den nochmals verbesserten Gesangsarrangements von Meisterphilosoph Allen Epley, wird ganz bestimmt zu einem ziemlich unschönen Hauen und Stechen bei der Jahresendabrechnung führen.

Es gibt kaum bessere Musik für den anstehenden Herbst. Für Waldspaziergänge. Oder auch nur den Blick aus dem Wohnzimmerfenster auf eine feuchte, neblige Hofeinfahrt an einem Sonntagmorgen um halb neun.




P.S.: Wenn der vierte Track auf der Scheibe, "Maserati", keine bewusste Verbeugung vor der gleichnamigen Post-Postrock-Psychedelic-Kapelle ist, fress' ich einen Besen (mit veganer Mayo).

09.12.2016

Resurrection




JUD - GENERATION VULTURE


Trump wird Präsident der USA und Jud bringen ein neues Album raus - beides wäre noch vor wenigen Monaten völlig undenkbar gewesen. Während die Wahl der faschistischen "Whiny Little Bitch" (Bill Maher) nebst der Nominierung rassistischer, antisemitischer, christlich-fundamentalistischer Blowhards für weitere Regierungsposten selbst im weit von Washington entfernten Sossenheim für eine Familienportion Depressionen sorgte, breitet sich in Sachen "Generation Vulture" zunehmend große Freude aus. Die letzten zwei Wochen im Hause Dreikommaviernull standen eindeutig im Zeichen dieses völlig unverhofften Comebacks, und die Anmerkung in meinem Textlein zur "Doppelgängers EP" von The Life And Times, dass also ebenejene gemeinsam mit "Generation Vulture" meinen Rock'n'Roll für die nächsten Monate bestimmen werden, kommt nicht von ungefähr: beide Bands haben die alte Schule besucht, in der Tiefgang, Komplexität, Groove und Melodie im Prüfungsfach "Klischeefreie Rockmusik für die Überlebenden der 90er Jahre" abgefragt und bewertet werden und bestehen jede noch so schwere Prüfung schon seit Jahren mit einem Extrasternchen.  

Immerhin satte acht Jahre liegen zwischen dem letzten Werk "Sufferboy" und "Generation Vulture" und obwohl Bandchef David Judson Clemmons auch während dieser acht Jahre neben seinem in Berlin ansässigen Antiquitätenladen musikalisch immer noch und meistens mit Soloauftritten aktiv war, durfte man nicht zuletzt wegen der vermutlich sehr übersichtlichen Verkäufe des Vorgängers wirklich nicht mit einer Auferstehung rechnen. Jud waren irgendwie immer die Vergessenen und selbst dann, wenn der Zeitgeist ihnen eigentlich wohlgesonnen war, tat sich auf der Popularitätsskala so gut wie gar nichts. Schon das Debut "Something Better", immerhin von Korn/Sepultura/Slipknot-Knöpfchendreher Ross Robinson klanglich vollveredelt, ging 1996 trotz dezenter Indie- und Alternative-Schlagseite völlig unter, die beiden Nachfolger "Chasing California" und "The Perfect Life", beides glasklare 10 Punkte Klassiker aus dem viel zu oft zitierten Bilderbuch, konnten an jenem Zustand gleichfalls nichts ändern; dabei hätte gerade "The Perfect Life" mit seinen melodisch verschrammelten Powerindiedoom mit dem Tiefgang eines Ozeandampfers doch wirklich für einen Achtungserfolg sorgen können. Aber es tat sich nichts. Gar nichts. 

Ob sich das Bild mit "Generation Vulture" ändern wird, ist höchst zweifelhaft - und wieder bleibt festzuhalten, dass der Band qualitativ nichts, aber auch so gar nichts vorzuwerfen ist. Über drei Jahre wurde penibel an dem neuen Werk gearbeitet und man hört es "Generation Vulture" zu jeder Sekunde und im allerbesten Sinne an. Die Produktion ist mehr als nur state of the art - ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt ein so imposant in Szene gesetztes Album einer Rockband hörte; einer Indieband zumal, die nicht von Majors, A&Rs und Managern mit ein paar Scheinchen aus der Megaseller-Schatulle gefördert wird. Glasklar, druckvoll, bretthart - und doch soviel Transparenz und Intelligenz, um ihren ureigenen und einzigartigen Signature-Sound wie einen großen Mittelfinger in Richtung der Legion von talentlosen Nichtskönnern zu schmettern, die sich hinter ihrer totproduzierten Plastikscheiße verstecken müssen. Die sieben Songs, drei davon ungewohnterweise jeweils um die acht Minuten lang, gehören mit zum Besten, was diese Band jemals geschrieben hat: groovebetont wie eh und je, fräsen sich vor allem die ersten drei Tracks "Blind Society", "Where We Come From" und "Summer Of Love" mit monströsem Riffing in jedes Rockerherz, das auch ohne breitgetretene Klischees nicht die Arbeit einstellt, sondern stattdessen lieber das Emotionszentrum aufheizt. Große Gefühle, große Bühne, großer Gummiknüppel. Ich erlebe vor allem in jenen Momenten Gänsehautschauer - and that's the fucking truth! - die sich harmonisch und atmosphärisch deutlich am 1998er Zweitwerk orientieren. "Chasing California" blitzt tatsächlich manchmal durch und das ist deswegen so auffällig, weil nur Clemmons solche Harmonien schreibt. Niemand sonst. Kann auch sonst niemand. 

Freudenschreie. Luftschlagzeug. Luftgitarre. Schmerzverzerrtes, weil mitleidendes und mitlebendes Gesicht. Becker-Faust. Bohlen-Pimmel (gebrochen). Dreifacher Salto mit zweieinhalbfacher Schraube von 28 Meter Turm. Alles auf der Autobahn und bei 140 Sachen. 

Nach "Summer Of Love" folgt eine kleine Zäsur, denn jetzt wird's sperrig und die eigentliche Arbeit beginnt: "Find Us, Heal Us" kratzt erstmals an der acht Minuten Marke und ist eine komplex arrangierte Achterbahnfahrt zwischen Drama und Melancholie. "The Operation" taut erst nach knappen drei Minuten so richtig auf und basiert im Prinzip auf nur einem dreckig gespielten Bluesriff. Dazwischen: viel Schmutz, viel Dreck, ein ganz kleines bisschen Gitarrensolo und ein praktisch komplett durchgeschlagenes Crash-Becken. Und Tiefe. Tiefe, Tiefe, Tiefe. 

Wem über die letzten Jahre mit Streaming, Downloads und kultureller Verwahrlosung die echte Auseinandersetzung mit Musik abhandengekommen ist, muss spätestens hier zwangsläufig die weiße Flagge hissen. "Humanity, The Lie" setzt tatsächlich nochmal einen drauf und ist möglicherweise das Kernstück von "Generation Vulture": über acht Minuten lang türmt sich ein Emotions- und Riffklotz über den nächsten auf, bis das so entstandene Intensitätsgebirge fast schon körperlich erfahrbar wird. Was - außer Pudding in den Beinen und einem signifikant beschleunigten Puls - kann nach einem solchen Hammer noch kommen? Können wir jetzt bitte wieder ein bisschen abkühlen? Ich muss mal an die frische Luft. 

"How The West Was Won" beginnt tatsächlich zunächst etwas dezenter, bis ich inmitten des cleveren, an Postrockgrößen wie Godspeed You! Black Emperor erinnernden Spannungsaufbau spüre, dass die Band schon wieder am nächsten Brocken tüftelt - bis zum finalen Einsturz. Ich will nicht zuviel verraten, aber es endet alles ganz anders. Und plötzlich merke ich, wie viel Sinn das hier alles macht. Wie sich der Kreis nach diesen Songs schließt. 

Are you alone in this world?
And are you ready for the new world war?
Have you decided just what you're gonna fight for?
Are you alone tonight?

Das ist eine große, große Platte. Und ich finde fast keine Worte mehr für die Tragik, dass auch "Generation Vulture" nur von einer Handvoll Eingeweihter gehört und geliebt werden wird. Von denen dafür aber dann umso inniger.





Erschienen auf Supermusic, 2016.



23.12.2018

Repress Now, Mofo! (2)



GRACHAN MONCUR III - SHADOWS


Ich hatte es ja gleich zu Beginn geschrieben: das hier ist ein Wunschkonzert. Und keine andere Platte kommt dieser Ankündigung so nahe wie "Shadows" des US-amerikanischen Posaunisten Grachan Moncur III. Wunschkonzert, weil ich zu der Platte kurioserweise gar nichts sagen kann, denn: Ich habe sie nie gehört. Sie ist unter den gängigen Quellen, oder besser: jenen, die für meine Wenigkeit sowohl gängig als auch zugänglich sind, nicht zu finden, erschien niemals auf CD oder gar Tape und ist aktuell lediglich als illegaler Download auf einem Jazzblog verfügbar. ABER! Ich habe mir vor Jahren die Herausforderung auferlegt, so viele Alben wie möglich von Grachan Moncur zu sammeln, sei es als Leader oder als Sidekick. Moncur ist einer meiner Lieblingsjazzer, weil er es wie außer ihm "höggschdens" (Bundesjogi) noch Jackie McLean in den 1960 Jahren verstand, zwischen freiem, sowie modalem Hardbop außergewöhnliche und teils bizarre Bilder aus Noten zu malen und Grenzen verschwimmen zu lassen. Seine Alben als Leader sind bisweilen irritierend progressive Juwelen, und selbst sein Spätwerk aus den nuller Jahren lebt von der einzigartigen Spielweise des mittlerweile verstummten (aber offenbar noch lebenden) 83-jährigen Amerikaners. "Shadows" erschien 1977 lediglich (i) in Japan und (ii) auf Vinyl auf dem mittlerweile gelöschten Label Denon Jazz und wurde in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch nicht für einen CD-Release in Betracht gezogen, als A&M Records kurzzeitig den Vertrieb für die Japaner übernahmen. Die Original-LP kostet in gutem Zustand um die 100 Euro - und ich bin ja nicht bescheuert. Also: es erbarme sich bitte jemand. Zum Schluss noch ein Hinweis für Jazznerds: Marion Brown am Saxofon, Dave Burrell am Piano. "Mehr habe ich nicht hinzuzufügen." (Polt)


Wahrscheinlichkeit 1/5


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SANDWELL DISTRICT - FEED FORWARD


Das vielleicht beste Techno Album aller Zeiten kommt vom Produzenten-Duo Sandwell District - und es kam sogar mal ganz kurz auf Vinyl heraus: wer im Jahr 2011 schnell und schlau genug war, konnte ein ordentlich herausgeputztes Exemplar für gerade mal 30 Euro abgreifen. 30 Euro waren allerdings meine damalige Schallmauer für 2nd Hand Platten, und selbst dieses Kleingeld nahm ich praktisch nie in die Hand, weil die meisten für mich interessanten Titel noch deutlich darunter lagen. Für Neuveröffentlichungen hingegen waren 30 Euro vor sieben Jahren völlig inakzeptabel. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber ich vermute, dass ich trotz regelmäßiger Bestellung beim englischen Boomkat Mailorder in erster Linie wegen der Preisgestaltung für "Feed Forward" nicht tätig wurde. Heute kostet die Platte in der Regel mindestens 200 Euro. Ein Repress ist nicht in Sicht, da sich das Duo seitdem sehr rar gemacht hat und wenigstens unter dem Namen Sandwell District keine weitere Musik veröffentlichte. Etwas obskur sind nicht nur die für jedes Medium, also für LP, CD & Digital, unterschiedlichen Songreihenfolgen, womit keine einheitliche Version zu finden ist, obskur ist auch die Musik: dunkel pumpend, atmosphärisch unter Null, desolat - aber gleichzeitig ein Drive, wie ich ihn selten gehört habe. Ein außergewöhnliches Werk, das Dich spätestens nach dem zweiten Track zerkleinerte Spülitabs durch die Nase ziehen lässt. Imfuckingpressive. 


Wahrscheinlichkeit 1/5





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MOTHER TONGUE - STREETLIGHT


Über die bewegte Geschichte dieses kalifornischen Quartetts ließe sich ein ganzer Roman schreiben, aber so war das hier ja nicht gerade gedacht. Daher in aller Kürze: 1994 mit dem Major-Debut und riesigen Hoffnungen gestartet, kurz danach vom Label humorlos gedroppt, Auflösung 1996. 2002 dann das überraschende Comeback mit "Streetlight", nur ein Jahr später der Nachfolger "Ghost Note", ausverkaufte Deutschland-Tourneen, mitreißende und denkwürdige Konzerte, die Visions macht die Band im Liebesrausch praktisch zur inoffiziellen Redaktionsband, bevor der Kontakt erneut abreißt: Pause. 2008 dann das bis heute letzte und ohne Unterstützung eines Labels aufgenommene und veröffentlichte Album "Follow The Trail", gefolgt von einer erneuten Deutschlandtournee, die trotz der langen Pause erneut volle Häuser für die Band bereit hält. Seitdem darf davon ausgegangen werden, dass Mother Tongue mittlerweile final den Deckel auf die Karriere nagelten. "Streetlight" wird im Falle des (Wieder)Entdeckens auch meine Leser reich belohnen: emotional kraftvoller Blues/Alternative Rock mit Soul, Funk und Stonereinflüssen, so locker groovend aus der Hüfte geschossen, als hätten sie's auf der linken Arschbacke ausgedacht und aufgenommen. "Streetlight" brodelt und glüht, ist hedonistisch, wild, juvenil. Es ist ein vermaledeiter Deppensatz, aber er muss sein: diese Musik MUSST Du auf Vinyl hören. Jetzt das Problem: Die Originalausgabe ist entweder gar nicht mehr, oder nur für sehr viel Geld (ca. 100 - bis 140 Euro) zu haben und angesichts einer nicht mehr real existierenden Band ohne Label, die dafür immerhin mit einem kleinen Häufchen loyaler Die Hard Fans in Deutschland ausgestattet ist, wird sich wohl niemand auf ein finanzielles Himmelfahrtkommando mit einem Rerelease einlassen. Die Band galt lange Zeit als Stehaufmännchen - es wird Zeit, dass sie es nochmal beweisen. 


Wahrscheinlichkeit 1/5






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THE LIFE AND TIMES - SUBURBAN HYMNS



Ich erhielt das Debut von The Life And Times Mitte der nuller Jahre im Rahmen meines Engagements beim Hamburger Webzine Tinnitus als Promo-CD, und damit zu einer Zeit, in der ich das Schallplattenkaufen wenigstens für neue Releases praktisch komplett eingestellt hatte. Einerseits tastete ich mich musikalisch gerade in elektronisch-abstrakte Gefilde vor, in denen kein großer Wert auf Vinyl gelegt wurde und zweitens befanden wir uns, wenn auch knapp, erst kurz vor dem Auftürmen der Comebackwelle der schwarzen Scheiben, weshalb es die meisten Titel erst gar nicht ins Presswerk schafften. Das Power Trio aus Kansas City war indes seit seiner Gründung immer auf der Seite des Vinyls, und das gilt auch für "Suburban Hymns" - aber ich schlief. Und ich schlief lange. Verdammt lange. Noch vor drei, vier Jahren wäre es kein Problem gewesen, die Vinylversion für schlappe 15 Euro zu bekommen. Und plötzlich machte es mir nichts Dir nichts *klick* und sie war verschwunden. Nicht mehr aufzutreiben. Man wird ja wahnsinnig. Aber es wird noch "doller": Den speziell für eine US-Tour und in kleiner Auflage (77 Stück) gepresste Rerelease mit "screen printed cover" gibt's mittlerweile nicht mehr unter 200 Euro. Ich habe mittlerweile alles von dieser tollen Band auf Schallplatte, inklusive der 7"s und 10"s. "Suburban Hymns" fehlt, und das kann so nicht bleiben. Was ebensowenig bleiben kann: Europa stand noch nie auf ihrem Tourplan. Gehört streng genommen nicht in diesen Text, aber ich bin hier Scheff, also suck it up. 



Wahrscheinlichkeit 3/5





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DANZIG - DANZIG III - HOW THE GODS KILL



"Mother" hin, "Schinkengott" her - "How The Gods Kill" ist die beste Danzig Platte. Ich habe sie extra für diesen Text nochmal auf voller Lautstärke gehört ("WILLST DU VIELLEICHT NICHT NOCH EIN BISSCHEN LAUTER MACHEN? ICH GLAUBE MAN KANN ES NOCH NICHT HÖREN...IN URUGUAY!" - Die Herzallerliebste) und ich bleibe dabei: nie war das Songwriting so flüssig und variabel, die Produktion so fleischig und druckvoll, die Atmosphäre so eindringlich. Aber: es herrscht Ebbe in Vinylhausen. Weil die Originalpressungen nicht nur schwer zu finden, sondern üblicherweise auch noch sehr teuer in der Anschaffung sind - "How The Gods Kill" liegt mittlerweile bei 100 Euro plus/minus X - tauchten vor einigen Jahren Bootlegs zu den ersten vier, und damit klassischen Alben des Muskelbonsais auf. Über die optische Aufmachung konnte man ob der guten Qualität der Drucksachen (Gatefold-Sleeves, glossy print, Artwork gestochen scharf) nur erstaunt sein, hinsichtlich des Sounds mussten jedoch, vor allem hinsichtlich der Lautstärke, Abstriche gemacht werden - alles andere als ein CD-Rip als Grundlage würde mich überraschen. Ich selbst konnte das Debut in einer Bootlegversion ergattern ("Lucifuge" stehlt als im Original im Schrank), brenne aber wie verrückt auf "How The Gods Kill": "Godless", "Anything", "Sistinas", "Dirty Black Summer" und der Titeltrack: holy fucking shit, besser war der Schinken nie. Und wie bei so manch anderer sehr populären Band fragt man sich auch hier: warum kommt niemand auf die Idee und haut den ganzen Kram offiziell und in guter Qualität nochmal raus? Das waren ja immerhin und beinahe Millionenseller, für die es auch heute immer noch eine Nachfrage gibt. Sind's wirklich die Anwälte? Die Bands? Die Kohle? Die Verträge? Die Labels? Kann das mal jemand aufklären?


Wahrscheinlichkeit 2/5







Damit beendet die 3,40qm-Redaktion die kleine Serie zum Schallplattenkonsumrauschen und tänzelt nun frohlockend in ein Novum dieses Blogs: die anderen sprechen jetzt. Nämlich. Oder schreiben.

Demnächst hier.


Bleiben Sie dran, ich zähl' solange.