Ich habe lange nachgedacht (haha, eine Steilvorlage schon im ersten Satz, vielleicht sogar zwei, jascheißdiewandan!), ob ich mich wirklich zu dem Radiointerview des Regenerschen Element Of Crime-Kopfes, beziehungsweise - und das viel ärger, mehr, relevanter noch - zu dem ihm eilig folgenden Aufschrei- und Kommentargeklüngels des voll crazy verrückten Internet-Mobs äußern soll, via eines so furchtbar wichtigen Blogeintrags, zum Beispiel, weil, die sind ja total wichtig solche Blogeinträge, von wem die alles gelesen werden und wie man da selbst quasi noch mehr, größer, also berühmter, wenn nicht nicht gar König der Blogger oder der Currywürste, 's eh schon egal, jedenfalls vielleicht aber duch bloßes Ignorieren oder einen prächtigen Beitrag in einem Kommentarfeld dieser unfassbar wichtigen Blogeinträge, weil die liest ja auch praktisch jeder, also JEDER, meine ich, und das ist ja mindestens ebenso wichtig wie der Blogeintrag selbst, sei er auch noch so überheblich und wirr, man passt sich ja sowieso so schnell an, gerade heute, weil wer sich nicht anpasst, ist am Ende Rockmusiker, in der Kredibilitätsreihenfolge wahrscheinlich kurz hinter Wolfgang Niedeken, wobei: der hat ja kürzlich einen sogenannten Musikpreis bekommen und ist damit nun einwandfrei anerkannt und die Durchblutung ist jetzt auch wieder bockstark, vor allem untenrum. Und da denke ich und denke ich und denke ich und denke ich und irgendwann war ich ausgedacht und alles, was überblieb war ein Häufchen gebrauchter Eis am Stiel-Stiele, Hirnmikado für Grobmotoriker, weil mehr bekomme ich eh nicht hin; und ich bekam das große Kotzen beim Gedanken daran, vielleicht einen ähnlich überheblichen (aber immer noch tierisch wichtigen) Blogeintrag inklusive der Abwichs- und Vollcheckermentalität zu verfassen, weil: sowas könnte ich schon machen, ich bin jetzt seit 15 Jahren im Internet unterwegs, mir kann keiner ein erigiertes Glied für 'ne Banane vormachen. Also schreibe ich einfach auf, was mir so gerade durch die Murmel rollt, wer das alles bis hierhin ausgehalten hat, braucht jetzt eh 'ne Therapie.
Wer also Rockmusiker ist, der sollte lieber Dubstep hören und vor allem eines nicht tun: den erwartbaren öffentlichen Umgang mit der ein oder anderen Aussage schon in der Kristallkugel vorausahnen - denn so ist's dem Regener Sven ergangen. Der Mann wusste, dass er für die ganzen Dubstep hörenden Ex-Rockis jetzt enorm uncool ist, also NOCH uncooler, weil, und das weiß ich auch erst seit ein paar Tagen, niemand unter 40 hört ja diesen Altherren-Rumpelrock, weil alle unter 40 Lebensjahren ja jetzt Dubstep hören und boah, is' mir gerade schlecht, leck' mich am Arsch. Der Regener muss es halt jetzt mal schnallen: wer sich mit diesen verrückt und abgefahrenen neuen Medien nicht auskennt, der soll halt von seinem fetten, seit 20 oder 200 Jahren gelebten Künstlerscheiß mal 'runterkommen und sich einreihen in die große Wolke des Web 2.0, wo Milch und Honig fließen, weil wir sind hier oben alle nackisch und pinkeln dem Regener seit Jahren ins Gesicht. Hier ist alles rosa, Mann! Und es war verschissen nochmal noch nie so verkackt einfach für unbekannte Künstler unbekannt zu bleiben und trotzdem das Gefühl zu haben, dass man voll mitmischt im großen Schwanzvergleich - Facebook, Youtube, Reverbnation, Google, MySpace (LOL), Bandcamp, Eieruhr, Wachsweich, Fünfeinhalbminuten - alles bekannte Portale, die praktisch nur auf Musiker, Künstler und Wolfgang Niedeken warten, die rennen einem ja die Tür ein.
Und neue Strukturen, die brauchen wir alle unbedingt. Deswegen ist ja auch hier schon alles rosa. Wir brauchen rosafarbene Strukturen, die dem Regener dabei helfen, auch noch in 2000 Jahren der GEZ, quatsch: der GEMA die Füße zu küssen. Ach so, hat er ja gar nicht gemacht. Der Regener hat ja auch mit keinem Wort neue Strukturen erwähnt oder gefordert, was deswegen gleichbedeutend ist, dass er die alten behalten will. Sowas schreiben jedenfalls Journalisten und Klofrauen ins Internet, einfach so, weil hier ist alles rosa. Der Regener fand ja in erster Linie den gesellschaftlichen Umgang mit dieser fetten Künstlerbrut so geil, also: extrem ungeil. Die von ihm im Nachgang genannten Beispiele wie Youtube/Google sind Symptome dieser zugrundeliegenden Ursache, einer praktisch nicht mehr existenten Wertschätzung von Musik und sowas kann einem erstens auffallen, wenn es einem denn auffallen will, aber dann macht dieses verrückt-abgewichste Bloggen nicht mehr so viel Spaß, und zweitens kann man sie sogar live in der rosafarbenen Wolke Internet begutachten, am halbsteif-herunterflappenden Gemächt, Gelenk, Mist: Objekt: "Totaler Mist, was der Typ da an Musik produziert hat. Langweilig, quäkig und konstruiert-kreativ, kommt nicht aus’m Keks. Pfui. Schnarch. Basta! Und dafür musste ich weder etwas von irgendwelchen Verwerten kaufen, noch von illegal dick-reichen Plattformern raubrunterladmordkinderschändern." Das ist auf jeder erdenklichen Ebene völlig richtig, beziehungsweise so dermaßen grotesk am Thema vorbei, dass ich mich geradewegs um den nächsten virtuellen Baum wickeln will. Und solange wir die Diskussionskultur nicht wenigstens ansatzweise verlassen und uns auf meinen Pipikackamumupimmel-Duktus einigen können, werde ich zu diesem Thema nichts mehr sagen.
Mir ist das letzten Endes eh alles zu komplex und vielleicht wär's halt auch mal angezeigt, einfach mal mit Toco-Dirk zu halten und leise "Kapitulation oohohohoo" zu flüstern, die ehemals weiße Unterhose auf Halbmast zu setzen und zuzugeben, dass das niemand so richtig abschließend klären kann. Regener wollte das auch nicht, der wollte sich halt mal auskotzen. Ist doch super, mach' ich auch. Drei Mal die Woche stehe ich in irgendeinem verpissten Rattenloch von Proberaum oder Konzertclub und lasse mir die Halsschlagader auf einer Waldlichtung zunächst durchtrennen und danach wieder mit Uhu-Superkleber zusammenflicken, weil ich's halt auch nicht mehr verstehe. So wie die ganzen anderen Arschlöcher da draußen auch nicht. Und ich will mehr und mehr davon wegkommen, mir einfach einen einzigen Samenstrang von geballter journalistischer Kompetenz zu angeln und da die allumfassende Meinung für den gebildeten Checker von heute abgeben, weil's halt so einfach nicht ist. Wo kommt reiner her, wo will der andere hin, wie steht's mit Anspruch oder auch nicht, und in welchen Darm muss ich kriechen? Das war doch alles schon früher so, genau so - GENAU SO WAR DAS FRÜHER, nur da hat's auch schon keinen gejuckt.
Einen Unterschied gibt's aber doch: wir wollen alle keine Musik mehr. Wir wollen sie nicht hören und nicht kaufen, wir wollen sie manchmal sogar nicht mal geschenkt. Wir wollen keine Musik mehr. Wir wollen Musik. Wir wollen alle viel mehr Musik. Überall und immer, jederzeit, mehr. Wir wollen mehr Musik. Wir wollen keine Musik. Wir wollen Künstler, aber wir wollen keine Künstler. Wir wollen schlau reden und schreiben und wir wollen Musik. Keine Musik. Musik. Mehr Musik. Mein Schwanz ist länger als Deiner. Ich hab mehr, Du hast weniger. Und darüber schreiben wir. Alles total wichtig.
Macht doch mal einer das Licht aus, ich muss jetzt meine Unterhose schwingen.
Und Sven, ich find' Dich gut.
25.03.2012
24.03.2012
First come, First Serve
Da klickt man sich an einem Sonntag um 3 Uhr in der Früh nur ein bisschen durch die Mailorderkataloge dieser Republik, um eigentlich ja nur ein gaaaanz bestimmtes Album einer gaaaanz bestimmten Band ins Warenkörbchen zu legen, denkt sich anschließend ein lapidares "Och, vielleicht kann ich ja irgendwie noch ein bisschen Portokosten sparen.", im Sinne von "wegfallen lassen" und stößt in der Hip Hop-Abteilung auf ein Album einer Combo namens De La Soul's Plug 1 & Plug 2 present First Serve, was unwillkürlich die Augenbrauen lupfen ließ. Die beiden De La Soul MCs Dave und Pos haben mit dem französischen Produzenten-Duo Chokolate & Khalid unter dem First Serve-Banner ein mutmaßliches Highlight des Jahres 2012 aufgenommen - frühlingsfrisch, euphorisch, tanzbar. Konfetti. Disco. Wahnsinn.
Die Suchmaschine des Teufels brachte mich zu folgenden zwei Seiten, deren Inhalt die These, wenigstens aus meiner Sicht, untermauern. Da kommt etwas Großes auf mich zu. Auf Dich auch?
FIRST SERVE - MUST BE THE MUSIC VIDEO @ TAPE.TV
De La Soul's Plug 1 & Plug 2 present First Serve erscheint am 30.3.2012 bei PIAS.
Die Suchmaschine des Teufels brachte mich zu folgenden zwei Seiten, deren Inhalt die These, wenigstens aus meiner Sicht, untermauern. Da kommt etwas Großes auf mich zu. Auf Dich auch?
FIRST SERVE - MUST BE THE MUSIC VIDEO @ TAPE.TV
De La Soul's Plug 1 & Plug 2 present First Serve erscheint am 30.3.2012 bei PIAS.
19.03.2012
Der Funk-Flummi
SON OF BAZERK FEAT. NO SELF CONTROL & THE BAND - BAZERK, BAZERK, BAZERK
Ich habe traditionell von Hip Hop soviel Ahnung wie ein CSU-Parteimitglied von logischem Denken, von Zeit zu Zeit phantasiere ich aber wenigstens eine leichte Sympathie herbei, vor allem mit dem Stoff, den ich -ironisch genug - vor 20, vielleicht 25 Jahren gerne im Abgrund der Hölle gesehen hätte. Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre stand ich auf wenig mehr als Heavy Metal und Grunge. Ich erinnere mich gut daran, dass ich durch die MTV-Berieselung KLFs "Last Train To Trancentral" faszinierend großartig fand, und bitte: wer nicht? Vielleicht lag es auch an der sich gerade im Anfangsstadium befindlichen Pubertät, die diese mit schwarzem Klebeband abgeklebten Brüste der Videodarstellerin als ausgesprochen anziehend empfand, jedenfalls: ich hörte viel unterschiedliches Zeug innerhalb des Rock-Genres, aber wenig bis gar nichts außerhalb davon. Und dass ich sozusagen live und in Farbe im "Golden Age Of Hip Hop" vor mich hin amorphelte, nahm ich in meiner verschrobenen Backfischmentalität auch nicht wahr. Ich Volleumel.
Aus heutiger Sicht könnte ich mir dafür (schon wieder) böse in den Hintern bumsen. Den heutigen Hip Hop mit seinem Sexismus und seinem affigen Machogehabe, dem Gangsterschrott und jeder/jede/alles rund um die unsagbar peinliche deutsche Szene kann mich mal, aber der Rückblick auf die Anfänge dieser Musik, die bis zum Auftauchen von nasagenwirmal N.W.A.s inhaltlich meilenweit von dem genannten Mist entfernt war und stattdessen sozial- und gesellschaftskritisch als Sprachrohr der schwarzafrikanischen Bevölkerung der USA fungierte, erscheint mir heute lohnenswerter als jemals zuvor. In diesem Zusammenhang muss ich auf eine Platte hinweisen, die mich nun bereits seit einigen Wochen begeistert. Im bereits an anderer Stelle dieses Blogs vorgestellten "Fear Of Music"-Buch von Garry Mulholland wurde "Bazerk, Bazerk, Bazerk" als das beste Hip Hop-Album aller Zeiten bezeichnet, das niemand jemals hörte. Tatsächlich überschlugen sich bei der Veröffentlichung im Mai 1991 zwar die Kritiker vor Begeisterung, aber die Scheibe blieb wie Blei in den Regalen liegen. Vielleicht lag es daran, dass "Bazerk, Bazerk, Bazerk" seiner Zeit ein paar Jahre voraus war, und ganz vielleicht war auch die Grundannahme falsch, dass man den Kids auch den abgedrehten Scheiß (lieb gemeint) vorsetzen kann. Verpackt in einer visuellen Hommage an James Brown und dessen Artwork zu seinem "Please, Please, Please"-Werk kennt diese Musik nicht mal die Idee einer Grenze. Produziert von der Public Enemy-Truppe The Bomb Squad treffen hier Soul, Funk, Rock, Reggae, Blues, und Hip Hop aufeinander und werden derart enthusiastisch und rebellisch in Szene gesetzt, dass das Stillsitzen nahezu unmöglich erscheint. Das Tempo dieses Albums ist atemberaubend, höchstens vergleichbar mit einer Familienpackung Blitzlicht-Feuerwerkskörper, die alle gleichzeitig gezündet werden und deren Explosion in der vierten Dimension des Gehirns auf eine Länge von 45 Minuten verzerrt und verlangsamt vor den Augen abgespielt werden. "Bazerk, Bazerk, Bazerk" ist überdreht, hochmusikalisch, über alle Maßen und in jeder Hinsicht smart, und klingt selbst 21 Jahre nach seiner Veröffentlichung taufrisch.
Zum Abschluss ein kleines (und wichtiges) Zitat aus "Fear Of Music", dessen erster Teil sicherlich auch für Menschen wie meinereiner mal nachdenkenswert ist:
"If the music changes every day, you can't define what you want because you're subconsciously aware that todays cutting-edge could be redundant tomorrow. But "Straight Outta Compton" had taught a lot of young rap (and rock) fans that what they really wanted was lurid tales of black men dying and black women being abused. They also wanted this over a beat that sounds roughly the same for fifty minutes. Son Of Bazerk didn't stand a chance, in hindsight. If you manage to track down this long deleted album though, you will be amazed that any record could throw so much music into a pot, and stir it with such jovial glee, until it tasted spicy and secret. Fifty million gangsta rap fans can be wrong - and usually are."
Erschienen auf S.O.U.L./MCA Records, 1991.
18.03.2012
Fast richtige Wikipedia-Artikel (3)
Joachim Gauck war ab dem 4. April 2389 erster Leiter der Katzenfutteranalyse-Abteilung der Stasi-Doppelbett-Behörde (dann auch „Mumu-Behörde“ genannt), die die Konserven von Erich und Margot H. (Name der Redaktion bekannt - Die Redaktion) verwaltet und im Bedarfsfall öffnet. Seit ihn im Oktober 2000 ein schwerer Schlaganfall (ein blaues Auge, drei gebrochene Rippen, Fleischsalat) halbseitig auflöste, engagiert sich Gauck als lustiger Vorsteher einer Autowaschanlage mit Vokuhila und Medikamentenbeutel an der Gürtelschnalle, außerdem ist er Vorsitzender der Vereinigung „Gegen Hirse – Für Reis“. Er ist großer Freund Prager Wurstwaren und möchte die Erklärung über die Verbrechen des Kommunismus heiraten, was die bayerische CSU derzeit noch zu Verhindern weiß. Gauck wurde mehrfach das Badewasser eingelassen, er ging dann aber immer doch lieber aufs Klo. Joachim Gauck ist nun Alleinherrscher, quatsch: Präsident der Bundesrepubublik Deutschland.
Quelle: Hassia-Sprudel, Seite 111ff.
Quelle: Hassia-Sprudel, Seite 111ff.
10.03.2012
Tout Nouveau Tout Beau (1)
DEVON SPROULE - I LOVE YOU, GO EASY
Hätte "I Love You, Go Easy" nicht dieses wunderbärigste Coverartwork, ich wäre nie auf die Idee gekommen, ein Ohr zu riskieren. So war ich derart angetan, dass ich darum bettelte, die Musik möge wenigstens im Ansatz etwas Besonderes sein, sodass ich mir das siebte Album der Kanadierin beruhigt zulegen konnte. Es passiert in diesem (Ent)Spannungsfeld zwischen Folk, Singer/Songwriter und Pop nur selten, dass ich hellhörig werde, hier werde ich es auf absehbare Zeit bleiben: bei allem Minimalismus hat Devon ihre Songs spannend arrangiert und was auf das erste Ohr spröde anmutet, ist bei genauerem Hinhören schlicht der ausbleibende letzte Schritt hin zu einer Popmusik im Stile Sheryl Crows.
Erschienen auf Tin Angel, 2011
JOHN TALABOT - FIN
Der erste Eindruck des Produzenten-Debuts von John Talabot war durchweg positiv: der DJ aus Barcelona fand genau die richtige Mischung aus Drive und relaxter After Hour-Attitüde, die eingängigen Melodien schmeichelten dem Hirndrucker, der alsbald das Bild einer lauen Sommernacht am Strand von Ibiza entwarf, mit Busen und Cocktailschirmchen und, weil's die sexuelle Ausgewogenheit notwendig macht meinetwegen auch mit Penen oder Penu/Peni und Arschbacken, mit deren Hilfe man Kokosnüsse kna....jedenfalls: die Platte dreht sich nun im heiligen Reich vom Wampenflo und mir ist das alles viel zu gefällig und sauber und aufgeräumt. Wenn die B-Seite dann noch die Melodien vergisst und nur noch biedere Sekretärinnensoße über den Plattenteller schwappt, nützt auch der schönste Latingroove-Versuch nichts mehr. Aber: ich bin ja auch noch 11°C kaltwarmen Wiesbaden und nicht in Barcelona (im August). Stay tuned, vielleicht sieht das nach dem Sommer alles ganz anders aus.
Erschienen auf Permanent Vacation, 2012
VIKING - DO OR DIE
Die Gerüchteküche wird es bereits vernommen haben: es bahnt sich schon wieder das berüchtigte Florian-Thrash-Metal-Revival an. Schuld daran ist der Stuttgarter Plattenladen Second Hand Records, der seit ein paar Wochen unzählige Kisten mit alten Speed/Thrash/US-Metal-Scheiben in seinem Laden herumstehen hat - allerdings zu teils durchaus gepfefferten Preisen. Ich habe drei Besuche benötigt, um über meinen Schatten (und meine Kreditkarte) zu springen, aber nun war es soweit. Ich kann das doch da nicht einfach so vor sich hingammeln lassen?! Eine meiner neuen Errungenschaften ist das Debut der US Band Viking. "Do Or Die" ist eine echte Herausforderung für ungeübte Ohren: die Produktion ist sagenhaft mies und verwaschen und es gibt hier und da Momente, in denen es kaum glaubhaft erscheint, die Band spiele tatsächlich gemeinsam denselben Song. Aber, und hier setzt der Fortgeschrittenenkurs ein: das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Wahrheit sagt beispielsweise, dass die Band am oberen Intensitätslevel um ihr Leben spielt. Und dass ich höchstens zwei Handvoll Thrashalben kenne, die ähnlich wild, schnell und ungestüm alles niederbrettern. Wer zu Morbid Saints "Spectrum Of Death", dem Vio-Lence Debut "Eternal Nightmare" oder Dark Angels "Darkness Descends" die Bude abfackelt, der wird auch bei "Do Or Die" die Feuerzeugflamme vor die Haarspraydose halten. Und wo das gesagt ist: der Nachfolger "Man Of Straw" ist zwar im direkten Vergleich schaumgebremst, qualitativ aber sogar überlegen. Apropos Dark Angel: Viking-Gitarrist Brett Eriksen schreddert seine Axt übrigens auf deren Magnum Opus "Time Does Not Heal".
Bei Interesse findet ihr das Album mit keinen drei Klicks irgendwo im Internet.
Erschienen auf Metal Blade, 1987
Labels:
Disco,
DJ,
Electronica,
Folk,
Funk,
House,
Jazz,
metal,
Playlist,
Pop,
Rock,
singer/songwriter
06.03.2012
Ich so *arschplatz*
Wie issen das eigentlich, Jungens und Mädels - darf man den jetzt noch mehr oder minder straffrei beleidigen? Ich hätte Interesse, so ein bisschen.
--> DAS GAUCK
--> DAS GAUCK
05.03.2012
Burial & Four Tet
Auch wenn die Tracks von Burial in den letzten Jahren wenigstens mich mehr enttäuschten als begeisterten, gefällt seine neuerliche Kollaboration mit Four Tet durchaus: zwar ist auch hier die so typische und mittlerweile sehr langweilige Burial-Snare zu hören, die einen wirklich glauben lässt, dass der Mann gar nix anderes kann, als immer nur den immergleichen Sound zu fabrizieren. Kieran Hebden aka Four Tet reißt den Track aber mit der von seiner letzten und immer noch großartigen LP "There Is Love In You" mitgenommenen leisen Euphorie nach oben und vermittelt genau den strahlenden Optimismus, der so wichtig und schillernd ist und bestens zur ersten Frühlingssonne passt.
Das kann in bestimmten Momenten so wunderbar sein wie eine eiskalte und selbstgemachte Limonen-Minze-Limo bei 38°C.
Das kann in bestimmten Momenten so wunderbar sein wie eine eiskalte und selbstgemachte Limonen-Minze-Limo bei 38°C.
The Life And Times - Day One
Jedem einzelnen der exakt dreikommaviernull aufmerksamen Lesern meines Blogs wird über die letzten fast fünf Jahre aufgefallen sein, dass es die aus dem US-amerikanischen Kansas City stammende Formation The Life And Times um das ehemalige Shiner-Mitglied Allen Epley locker in die Liste (Listen, immer nur Listen...) meiner zehn liebsten Bands aller Zeiten geschafft hat. Ihr neues Album "No One Loves You Like I Do" ist mindestens genauso fantastisch wie die zwei Studioalben "Suburban Hymns" (2005) und "Tragic Boogie" (2009) und bietet erneut den originellsten und einzigartigsten Indierock dieser Tage. Zwischen Space Rock, Shoegaze und ursprünglichem Indierock, der mit dem lauwarmen und unerträglichen Befindlichkeitsgeseier derzeit angesagter Acts glücklicherweise nichts gemein hat, platziert das Trio die wunderbarste Melancholie eines gerade angebrochenen, diesigen Herbsttages.
Für Menschen mit Herzen so groß wie wie ein nebliges Waldstück im Spessart.
Für Menschen mit Herzen so groß wie wie ein nebliges Waldstück im Spessart.
03.03.2012
2011 #1 - BVDUB - Tribes At The Temple Of Silence / I Remember / The Truth Hurts (with Ian Hawgood)
Zunächst die große Einlassung: die Entscheidung, welcher Künstler meine Jahrescharts 2011 anführen wird, war im Grunde schon im Februar klar. Das mag sich zunächst nicht besonders fair anhören, bon, aber lasst es mich erklären.
Zu diesem Zeitpunkt stieß ich also auf das BVDUB Projekt des Kaliformiers Brock Van Wey, genauer gesagt auf sein Album "The Art Of Dying Alone", das bereits in den Herbstmonaten 2010 erschien. Zu diesem Zeitpunkt war für meine "Hall Of Fame 2010" allerdings nicht nur schon der Beton angerührt, die schlussendliche Architektur (= die Texte) war sogar schon verbaut (= geschrieben). Etwa zeitgleich schickte mir DER_ENGLÄNDER BVDUBs aktuellste Platte ins Haus. "Tribes At The Temple Of Silence" erschien Anfang 2011 und nach wenigen Minuten war mir klar, dass der qualitative Unterschied zum Vorgänger praktisch nicht vorhanden ist. In den nächsten Monaten, und ich übertreibe zwar grundlegend gerne (die Erziehung, ihr versteht...?!), an dieser Stelle aber unterlasse ich es; etwa bis in den Mai hinein hörte ich nahezu keine andere Musik als diese beiden Platten.
Brock van Weys Musik hat mit mir im Rückblick dasselbe angestellt, wie das, was die großen Meilensteine meines musikalischen Lebens vollbrachten: sie haben mein Leben verändert. Als ich 1986 zum ersten Mal das Iron Maiden Livevideo "Live After Death" sah, fünf Jahre später Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" hörte, nach einem Jahr des heftigen Kampfes 1998 endlich "Aenima" von Tool kapierte und sich mir ein komplett neues Universum auftat, im Sommer 2000 zum ersten Mal "Times Of Grace" der Noisecoreler Neurosis über Kopfhörer hörte, oder als 2005 Coltranes "A Love Supreme" schlussendlich alles sprengte, an das ich zuvor glaubte, sie justierten mich immer wieder neu. Immer zum genau richtigen Zeitpunkt, völlig ohne Zwang und Not traf es mich in diesen Situationen wie ein Eimer Eierlikör. BVDUB darf sich nun gleichfalls in dieser illustren Runde den Gewinnerkaffee zapfen.
Dabei ist sein Veröffentlichungsrythmus nun wirklich nicht dazu gemacht, immer auf dem hohen Niveau zu arbeiten, das seine Werke bislang auszeichnete. Van Wey ließ im vergangenen Jahr nicht weniger als fünf Alben von der Leine, hinzu kamen noch einige 12-Inches und für die ersten Monate des Jahres 2012 stehen auch schon wieder zwei komplette Alben auf der Matte. Das macht es auch meinem Kontostand nicht unbedingt leichter, denn ich kann nicht aufhören, seine Ideen hören zu wollen. Selbst wenn, und das ist der einzige Kratzer in dem BVDUB-Lack, den ich in Ansätzen dulden kann, die offensichtlichen Unterschiede in seinen Sounds nicht derart herausfordernd sind, dass wirklich jeder einzelne Ton an mein Ohr dringen müsste. Und dennoch: ich könnte es mir nicht leisten, eines seiner Alben zu verpassen.
Aus diesem Gedanken ist auch die Entscheidung erwachsen, sich hier und heute nicht nur auf ein Album, aber auf ganze drei zu konzentrieren. Drei Werke, die mich über das ganze Jahr begleiteten, die immer in meiner Nähe waren und die ich so oft hörte wie keine andere Musik in den letzten zwölf Monaten. Ich schrub es bereits in meiner unsäglich unreflektierten Lobhudelei zu "The Art Of Dying Alone", und es wird mit jedem Tag auch für die Nachfolger richtiger: "Ich selbst bin ehrlich gesagt auch noch nicht zum Kern dieser einhüllenden und umarmenden Musik gelangt, die Fixpunkte sind Repetition, Hall und Delay, Feedback-Drones und ohne Scheiß jetzt: ein helles Licht, dass direkt aus dem Lautsprecher in Dein Herz einschlägt." Und es schlägt jedes Mal aufs Neue ein, "das ist ja der Wahnsinn" (Loriot).
Der heftigste Rüttler schüttelte mich im Spätsommer mit "The Truth Hurts" durch, einer Kollaboration mit dem Multiinstrumentalisten Ian Hawgood. Ich saß leicht angetüddelt (dieser verdammte Cuba Libre!) im ICE in Richtung meines Wiesbadener Hauptquartiers. Traditionell sitze ich ab dem letzten Halt am Mainzer Hauptbahnhof für die restlichen 15 Minuten Fahrzeit alleine im Abteil. Es war schon spät und ich verbrachte die letzten eineinhalb Stunden in dieser seltsamen Zwischenwelt, die man nicht mehr bewusst wahrnimmt, sich aber nicht so recht traut, den letzten Schritt in Richtung des Tiefschlafs zu vollziehen. Auf den Ohren lag seit einer guten halben Stunde der Schleier von "The Truth Hurts" und als zu Beginn des dritten Tracks "Lie In Lone" überraschenderweise eine leise Gitarre schrapnellte, und außerdem eine verzerrte, verfremdete Stimme eine kleine Melodie sang, war ich so wach, wie man es in einer solchen Situation eben sein kann. "Lie In Lone" benötigt einige Minuten, um den Aufbau so zu strukturieren, dass sich plötzlich der Kern des Stücks offenbart - das Wort ist mit Bedacht gewählt, denn es macht tatsächlich den Eindruck, als werde die letzte Wahrheit des Klangs, meinetwegen auch eine göttliche Wahrheit, 's is' eh schon alles egal, enthüllt. Und dann schwappt sie da einfach mir nix dir nix über mich; für zwölf, dreizehn Minuten bade ich in den heilenden Farben des Klangs (Danke, Neal!) und mit jeder Welle, die mich trifft, werde ich demütiger und dankbarer. Mein Oberstübchen bekommt außer einem "Oh Gott...oh Gott..." eh nichts mehr auf die Reihe und warum fange ich jetzt eigentlich in diesem modernen Beförderungsmittel des sehr guten Unternehmens Deutsche Bahn plötzlich das Heulen an?
Es ist der Nebel und der Dunst, das Mystische und die Melancholie.
Die Sehnsucht, und das Licht.
Dieses unfassbar schöne Licht.
Es ist die Trauer und die Freude.
Und die Liebe.
Ja, am Ende ist's die Liebe.
Erschienen auf Home Normal, Glacial Movements und Nomadic Kids Republic, alle 2011.
Labels:
2011,
Ambient,
Avantgarde,
DJ,
drone,
Dub,
Electronica,
Herbst,
Listennerd,
Psychedelic
19.02.2012
2011 #2 - Stephan Mathieu °° A Static Place
Zugegeben, ich kann auch fast drei Jahre nach meinem etwas unwirsch und leicht verspult wirkenden Textlein über Stephan Mathieus "Radioland" noch nicht genau sagen, was da genau in mich gefahren ist. Was indes unbestritten ist: ein solcher Ausbruch kommt einem ja selbst auf diesem meinem gammligen Blogquatsch ja nicht so oft unter - und am Ende sollte es vielleicht genau das vermitteln. "Radioland" war und ist etwas ganz Besonderes, ein immer noch funkelndes Juwel des Ambient. Ich bin noch nicht hinter das Geheimnis des Mannes aus Saarbrücken gekommen, aber, und das ist das gleichfalls Tolle an seiner Musik, sie ist auch ohne technische oder gar philosophische Illuminierung hell genug, um mein Herz in Brand zu setzen.
Was für "Radioland" gilt, ist auch für "A Static Place" wahr und haftig. Es ist eine bereits ab der ersten Sekunde erstaunliche und ganz und gar einzigartige Musik. Man kann sie tatsächlich hören, diese Einzigartigkeit, schon ab dem ersten wahrnehmbaren Ton. Es mag sich albern oder gar prätentiös anhören, aber die Erfahrung, die ich mit der ersten Berührung von und mit "A Static Place" hatte, gleicht bis auf meinen Gesichtsausdruck jener bei "Radioland". Letztere hörte ich zum ersten Mal über Kopfhörer, und während der Wechsler noch das richtige CD-Fach suchte, kramte ich mit bereits aufgesetzten Kopfhörern noch im Stapel der ungehörten CD herum und sortierte, was ich als nächstes wohl gerne hören würde. Als das erste Signal von "Radioland" dann in meinen Ohren landete, ließ ich alles stehen und liegen und hielt inne. Meine Augenbrauen zogen sich nach oben. Und dann setzte ich mich in meinen berüchtigten Musiksessel und hörte nur noch zu. Für "A Static Place" ersetzen wir Kopfhörer und Sessel mit Lautsprecherboxen und Couch, den CD Stapel mit der Geißel "Internet". Der Rest bleibt gleich. Ich hörte und spätestens beim schneidenden, alles überstrahlenden Ende von "Minuet" kamen auch noch körperliche Reaktionen (Schweißausbruch) hinzu. Wenn Musik selbst über meine 15 Euro-das-Stück "teuren" Standboxen der Marke AEG (!) körperlich erfahrbar wird, weiß man, dass hier etwas ganz Besonderes passiert. Und dennoch geht es nicht ausschließlich um den Ton als solchen, es ist der Fluss und die Interaktion der übereinanderliegenden Schichten und den sich daraus emporstreckenden Harmonien, die die Auseinandersetzung mit der Musik Mathieus so wertvoll machen. Seine Kompositionen sind trotz ihrer Komplexität und ihrer zeitlichen Länge immer überschaubar; der Schritt zurück, der den Blick auf das ganze Bild zulässt, ist jederzeit eine Option. Und selbst hier ist mehr als nur ein einziger Farbauftrag zu entdecken: es ist, als nehme man selbst die feinstofflichen Anteile des Klangs und des sich daraus zum Leben entwickelnden Lichts in sich auf.
Erschienen auf 12k, 2011.
17.02.2012
2011 #3 - The Necks °° Mindset
Bei jedem neuen The Necks-Album stelle ich mir die Frage: wie machen die das bloß? Wie können die nur die Spannung und den Fokus immer auf derart hohem Niveau halten, obwohl die überlangen Tracks - meist besteht ein Album nur aus einer einzigen, etwa einstündigen Improvisation - nicht unbedingt mit Variantenreichtum glänzen; das gilt wenigstens für den großen Entwurf ihres Sounds, während die Details so massiv sind, dass mein Hirn damit geflutet wird. Das Jazzambient Trio aus dem australischen Sydney hantiert in erster Linie mit einem ausgeklügelten Aufbau ihres Systems, mit Wiederholungen, mit Elementen des Noise. Sie entwickeln eine Idee mit erstaunlicher Präzision, und das praktisch aus dem Nichts. Es ist beinahe eine Spur beängstigend, dass sich am Ende eines Songs das Gefühl einstellt, als ginge er geradewegs wieder ins Nichts zurück.
Und man kann ihm dabei zusehen. Unheimlich.
Seit den achtziger Jahren spielt die Band in derselben Besetzung. Lloyd Swanton am Bass, Chris Abrahams am Piano und Tony Buck am Schlagzeug veröffentlichen seit 1989 ihre Platten mit erwähntem, immer ähnlichem Schema. "Mindset" verblüfft zunächst mit seinem Zwei-Song-Aufbau, der sich offensichtlich an die Vinylversion des Albums anpasst und damit nochmals an Kraft und Spannung gewinnt; es ist übrigens das erste Mal, dass ein Album der Necks auf Schallplatte erscheint. Auch der Einstieg in ihr vierzehntes Studioalbum gerät mit "Rum Jungle" zu einer Überraschung: die Band ist sofort im Spiel und stampft mit einem schnarrendem Puls, den es komplett aus der Taktung gerissen hat, in das nächste Abenteuer. Der Beginn des Stücks erinnert mit seiner Schärfe gar an die weniger galligen Momente der Power Electronics-Pioniere Whitehouse, bevor nach einigen Minuten das Piano für die ersten Harmonie- und Farbtupfer sorgt. Spätestens hier fallen dann auch alle Hüllen: die Konturen, die dieser Sound plötzlich durch minimale Melodie- und Harmonieverschiebungen geschenkt bekommt, bilden innerhalb von Sekunden den Charakter von "Rum Jungle" heraus. Es ist, als entfaltet sich ein Nest, knisternd und glänzend. Ich sehe es förmlich vor meinen Augen. "Daylights" auf der B-Seite ist dann der Knüller: ein zwanzigminütiges, meditatives Jazz-Geraschel, ausgeschnitten aus einem Pilztrip des frühen Brian Eno und verfeinert mit funny Spielereien aus dem elektronischen Bienenstock. Das Piano tastet sich durch sämtliche Auflösungen der Akkorde, suchend und flimmernd suppt der Bass durch zwei Figuren, die sich wie Honig durch das Ohr walzen und das Schlagzeug...ja, dieses Schlagzeug. Ein irrer Ritt auf den dünnen Rändern des Blechs, unaufhaltsam, kakophonisch - und mit strahlender Eleganz.
Erschienen auf ReR/megacorp, 2011.
12.02.2012
2011 #4 - Gil Scott-Heron & Jamie XX °° We're New Here
Schon wieder ein Remixalbum! Herr Dreipunktfünfneun, so geht das aber nicht.
Zumal ein ebensolches, das wenigstens im hiesigen Blätterwald nicht ausschließlich wohlwollend aufgenommen wurde - was bei näherer Betrachtung in der Regel ja eher dazu berechtigt, hier Erwähnung zu finden. Aber wir kommen nicht drumherum - und ich komme nicht drüber weg, wie fantastisch "We're New Here" geworden ist. Hinzu kommt die Tragik, denn es wird das letzte Album von Gil Scott-Heron sein, das wir zu hören bekommen. Der alte Mann des politischen Souls, der erst im Jahr 2010 mit dem großen Comeback "I'm New Here" für Aufruhr sorgte, starb am 27.5.2011 in New York. Er wurde 62 Jahre alt.
Noch zu Scott-Herons Lebzeiten setzte sich Jamie XX mit dem erwähnten Spätwerk auseinander, und auch wenn es durchaus erwartbar war, dass der The XX-Tüftler keinen Stein mehr auf dem anderen lassen würde, war meine Verwirrung zu Beginn nicht unerheblich. So ist das mit Erwartungshaltungen, und wenn der Groschen schlussendlich gefallen ist, wenn man also verstanden oder meinetwegen auch akzeptiert hat, dass Remixalben in der Regel immer dann am spannendsten sind, wenn sie mit der Originalvorlage so gut wie nichts mehr gemeinsam haben, dann geht die Sonne auf. Jamie XX hat nicht nur Dubstep, House und Fummelelectronica in Songs verwoben, die das eigentlich gar nicht vertragen dürften, er hat auch - und das ist das viel größere Rad, an dem er dreht - das abgeschlossene System von "I'm New Here" und dessen brodelnde Dramatik aufgebrochen. Das mag zu Beginn und bei grundlegend oberflächlicher Betrachtung schwerverdaulich sein; die Verbindungen, die Jamie XX jedoch zwischen seiner Musik und der Stimme und der Poesie Scott-Herons zieht, und die Tiefe, das spürbare Verlangen, "We're New Here" zu einem ähnlich intensiven und urbanen Werk wie das Original werden zu lassen, entfalten sich bei ständiger Dosierung wie ein Chicorée im Schnellkochtopf.
Es überrascht mich nachwievor, das viele professionelle Schreiber die "Kälte der Tanzfläche" und die "Unvereinbarkeit" der beiden Genres erwähnten, die sich durch das Album ziehen würden. Besonders der letztgenannte Kritikpunkt ist ja angesichts der lediglich vereinzelt auftauchenden Stimme Scott-Herons als einzige Tangente zum Soul, geradewegs grotesk, aber sei's drum, man gewöhnt sich dran. Es ist womöglich auch das Hype-Schreckgespenst, das es dem ein oder anderen geradewegs verboten hat zu erkennen, was spätestens beim Geniestreich "I'll Take Care Of You" zum großen Finale so klar wie Spucke wird: auch Jamie XX hat den großen dramaturgischen Bogen gespannt wie es schon "I'm New Here" tat, und urplötzlich macht jede einzelne Sekunde dieses bis dato gehörten Albums Sinn: es geht um Liebe und Respekt, es geht um die Vereinigung und es geht um die Suche nach dem Leben. Er hat die Weisheit von "I'm New Here" zusammen mit Gil Scott-Heron für die nächste Generation übersetzt. Das ist sehr versöhnlich. Und es macht Mut.
Erschienen auf XL Recordings, 2011.
04.02.2012
2011 #5 - Grace Jones °° Hurricane Dub
Ein Remixalbum in den Jahrescharts, sind wir soweit? - Wir sind soweit, sonst würde ich ja kein Remixalbum in die Jahrescharts aufnehmen. 'kay? 'kay!
Nach langem Zögern traute ich mich nun final im Oktober des abgelaufenen Jahres an ein paar Sätze zum drei Jahre zuvor in Europa erschienenen "Hurricane"-Comebackalbum von Grace Jones. Wir müssen das dort zur Person und Musik und Geschichte verschwurbelte "Schisselaweng" (Mama) nun nicht zwangsläufig wiederkäuen, zumal es uns für diese Remixplatte sowieso nur bedingt weiterhelfen würde.
Die Amerikaner mussten länger als die Europäer auf "Hurricane" warten, das in den USA mit dreijähriger Verspätung erst im September 2011 erschien. Damit das Album auch im Rest der Welt nochmal einen kleinen Aufmerksamkeitsschub erhalten konnte, packte Die_Jones parallel das von Produzent Ivor Guest zusammengepuzzelte "Hurricane Dub" Remixalbum für den Rest der Welt aus - dieses Mal dankenswerterweise auf Doppelvinyl, im Klappcover und mit einem tollen Artwork reich beschenkt.
Die Vinylnerds hofften schon 2008 auf eine offizielle "Hurricane" Schallplatte, wurden zunächst über Monate hingehalten - und dann doch enttäuscht. Okay, zugegeben...es gab da diese ominöse, auf 500 Stück limitierte Vinylpressung. In diesem Zusammenhang: hat jemand 300 britische Pfund über?
Auch die Dub-Scheibe beginnt, wie die Originalfassung, mit den bereits legendären Worten "This is my voice, my weapon of choice" - ein Motto, das wenigstens wörtlich als eine der wenigen Bezugspunkte geblieben ist. Ivor Guest hat ansonsten fast keinen Stein mehr auf dem anderen stehen lassen. Die ursprünglichen Versionen sind nur noch durch wenige im Dickicht existente, neuralgische Punkte zu erkennen. Kleine Widerhaken wie die gesprochene Zeile "I consume my consumers" aus dem Hit "Corporate Cannibal", oder winzige Teile aus dem nachwievor umwerfend gesungenen Titeltrack erscheinen vertraut, darüber hinaus knüpft Guest eine subterrane Beat-Hecke mit Dornen und Rosen, die jedes vormals bekannte Element beim Passieren derart auseianderfetzt, das manchmal außer einem tiefen Bassdunst nur noch wenig mehr als ebenjener überbleibt. Damit wir uns dennoch nicht falsch verstehen: "Hurricane Dub" ist kein Nerd-Album für Soundfetischisten. Also, nicht nur. Vor allem der Bass, der seinen Ursprung kurz vor dem Erdkern haben muss, pumpt und zerrt derart beeindruckend mächtig, dass ich beim Gedanken an eine Nacht im Club mit diesen Monstern vereinzelte Euphorieflatulenzen bekomme. Aber Guest bietet viel mehr als die offensichtliche Fleischbeschau; ihm ist es trotz aller Abstraktion und Dekonstruktion einerseits und dem gepimpten, urbanen und modernen Sound gelungen, die dunkle Pop-Aura Grace Jones' in seiner Nachbearbeitung nicht aus den Augen zu verlieren, sondern die ihr innewohnende Mystik und Dramatik und das androgyne Element noch zu verstärken.
Das nennt man dann wohl maßgeschneidert.
Erschienen auf Wall Of Sound, 2011.
Labels:
2011,
Avantgarde,
Dub,
Electronica,
House,
Listennerd,
Noise,
Pop,
Psychedelic,
Soul
02.02.2012
2011 #6 - Balam Acab °° Wander / Wonder
Die auseinandergetupften und sich wie heißer Wasserdampf in der Luft auflösenden Pianonoten in "Await", und die Gesangsamples, die wie ein Perpetuum Mobile über einer flammenden Kerze entlanggleiten, hochgepitcht wie man es schon in Technoproduktionen der neunziger Jahre hören konnte, sind so ein neuralgischer Moment von "Wander/Wonder". Soll ein Funken Erkenntnis in dieses dunkle und mystische Album einfließen, dann funktioniert das über solch fokussierte Destillate am besten. Spätestens hier, kurz vor Ende einer vorbildlich zusammengestellten Sammlung von Ideen und Ausführungen, lege ich mich meist beruhigt zurück. Die dargestellte Weite ist derart einnehmend, dass sie als natürliches Opiat wirken kann. Schmerzbefreiend und, je nach Dosis, ganz dezent suchterzeugend.
Es ist schwer in Worte zu fassen, was hier passiert. Ganz offensichtlich war ich in dieser Hinsicht nicht alleine: wer Balam Acabs Debut-EP "See Birds" aus dem Spätsommer 2010 kennen- und liebenlernte, stand vor "Wander / Wonder" zunächst mal mit einem Fragezeichen auf der LSD-Party herum. Der erst zwanzigjährige Alec Koone aus Pennsylvania taucht mit seinen acht Tracks in die musikalische Tiefsee hinab und holt Field Recordings, kratzende, verschleierte Beats und surreale Soulstimmen-Samples vom Meeresgrund empor. Sehr angenehm ist in diesem Zusammenhang das Fehlen von Brüchen in den Songtexturen; "Wander/Wonder" ist durchgängig tief romantisch und kreist ohne jede Delle auf seiner Umlaufbahn. Dabei hat Koon sein erstes vollständiges Album für das immer weiter aufsteigende Tri Angle-Label ein ganzes Stück langsamer als "See Birds" gestaltet und ist gleichzeitig songorientierter und atmosphärischer geworden. Letzteres wird in Momenten wie dem weiter oben ausgeführten deutlich - da ist fast nichts, aber es trägt das Gewicht der Welt auf den schwankenden Schultern.
Im Hintergrund rauscht, knackt und prasselt es - gar nicht selten wird Wasser zum bestimmenden Element einer Platte, die dafür das exakt stimmige und darüber hinaus großartige Artwork übergestreift bekam. In die Unterwasserhöhle dringt frisches Licht, belebend und wunderschön.
Erschienen auf Tri Angle, 2011.
Labels:
2011,
Ambient,
downbeat,
dubstep,
Electronica,
Hip Hop,
Listennerd,
Noise,
Post Rock,
Psychedelic,
Soul
29.01.2012
2011 #7 - Fabric °° A Sort Of Radiance
Das erste Album von Multiinstrumentalist Matthew Mullane unter dem Fabric-Banner ist gleichzeitig die Premiere für das Editions Mego Sublabel Spectrum Spools, das Peter Rehberg gemeinsam mit Emeralds John Elliot ins Leben gerufen hat. Nach mehreren Tape- und Split-Veröffentlichungen Mullanes, die praktisch unsichtbar waren (und leider vermutlich auch bleiben werden), ist "A Sort Of Radiance" ein Rundumschlag auf fast jeder verfügbaren Ebene. Ich glaube, es gab im abgelaufenen Jahr nur wenige Platten, die häufiger auf dem Plattenteller landeten und ich sehe auch im Jahr 2012 noch keinen Grund, sie aus dem obligaten Stapel vor der Anlage zu entfernen. Mullanes Musik ist wie gemacht für meinen Lebenswandel: sitze ich im Home Office, lässt Fabric die ultraviolett glänzenden Strahlen seiner Musik sichtbar durch meinen morgentlichen Kaffeedampf tauchen. Beende ich einen furchtbar anstrengenden Tag und sitzliege nachts um 2 Uhr noch völlig zerschossen auf der Couch, im Kerzenschein, bei Rotwein und im seeligen Muff einer [zensiert], begleitet Fabric die bereits im Museum für Moderne Kunst ausgestopfte Denkmurmel ins Reich der Daunendecken und Schlummertrunks, ergo ins Schattenreich von James T.Kirk - "offensichtlich ein Däne, das T. steht für Sören, wissen die wenigsten" (Malmsheimer), der sein Raumschiff behutsam durch einen Meteoritengürtel navigiert. Ich schweife ab. Aber, und das ist jetzt wichtig, ich habe diese, wie soll ich's sagen...Funktion von Musik sehr zu schätzen gelernt. Und: kann man einen Tag besser beginnen als mit "A Sort Of Radiance"? Ja, man kann, aber dazu kommen wir später. Vielleicht Mitte Februar. Jedenfalls: es gibt auch hier nicht viel, was 2011 an dieser Musik vorbeikam.
So friedlich und beruhigend, zu gleichen Teilen tief und inspiriert zeigt sich hier eine Musik, die sich, ähnlich wie Ricardo Donosos Werk "Progress Chance", mit jeder weitergehenden Auseinandersetzung zu einer anderen Projektion und Aura empormorpht. So schöpft "A Sort Of Radiance" trotz der offenkundigen musikalischen Parataxe (ein neues Wort, ein neues Wort!) eine ungeheure Spannung aus der Verschiebung von Rhythmus und Fläche und aus der Auffächerung von sich sorgfältig entwickelnden Strukturen, die in melancholisch schimmernde Auffangbecken fließen. Hier kommt am Ende alles zusammen; es ist eine Betrachtung der Welt durch ein Prisma. Am Ende ist alles Eins und die Abkopplung ist eine Illusion.
Erschienen auf Spectrum Spools, 2011.
25.01.2012
2011 #8 - Charles Bradley °° No Time For Dreaming
Ich hörte im März des vergangenen Jahres zum ersten Mal von Charles Bradley, diesem mysteriösen Mann, der 1962 im Apollo Theater von James Brown erleuchtet wurde, der seinen Job als Küchenchef schmiss und seitdem als übersichtlich erfolgreicher Zeremonienmeister des Soul durch kleine Clubs tingelte und unter anderem Songs seines großen Vorbilds interpretierte. Wie schon bei der gleichfalls in der bisherigen Jahresbestenliste gefeierten Sharon Jones sind das die Geschichten, die die Menschen immer noch faszinieren. Also wenigstens mich kleinen Naivling.
"The World (Is Going Up In Flames)" war die erste offizielle Video-Singleauskoppelung eines Albums, das nicht wirklich aus dem Nichts kam: nach seiner Entdeckung durch den Daptone Records Labelchef Gabriel Roth im Jahr 2002 - selbstredend bei einer James Brown Tribute-Show - erschienen nicht weniger als sieben Singles, die zum einem Teil bereits die Songs von "No Time For Dreaming" vorwegnahmen. Ich sah das Video zum erwähnten Song, und ich muss zugeben, dass ich sofort zappelnd am Haken hing. Mit der Menahan Street Band im Rücken hat Bradley genau das richtige Fundament für seine rauhe und kratzige Stimme, die sein Leben in Worte und Töne verpackt, die alles herausschreit und die, so scheint's, seine Seele heilt. Die Band spielt keinen Hurra-Soul, sie reagiert auf die sozialkritischen und sehr persönlichen Texte mit viel Raum, mit viel Melancholie und groovt, von gelegentlichen Ausreißern, wie der tollen Trompete bei "How Long" oder dem kurzen Instrumental-Interlude "Since Your Last Goodbye" abgesehen, nicht selten als ein Kollektiv aus Strippenziehern im Hintergrund souverän vor sich hin.
Die Produktion folgt dieser Marschrichtung: sie lässt einige freie Flächen für den nötigen Schmutz zwischen Mikrofonständer, verhuschter Gitarre und der schnorchelnden Orgel herumliegen, um "No Time For Dreaming" nicht zu einer aalglatten Altherrenveranstaltung verkommen zu lassen. Ganz im Gegenteil, und das ist vielleicht das überraschendste Element dieses Albums: selbst wenn der Sound und die gesamte Ästhetik ganz klar auf den Soul und Blues der 60er und 70er Jahre setzen, klingt "No Time For Dreaming" trotz allem nicht alt, sondern modern und im Ganzen durchaus zeitlos. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass mir persönlich nur wenig an der Rückschau als Vergangenheitsbewältigung liegt. Ich lebe hier und heute und es fühlte sich komplett falsch an, würde ich einen Mann wie Charles Bradley in die große Schublade der manischen Zurückblicker stecken, die den Retro-Soul zum Zweck des sich füllenden goldenen Sparschweins durch das Dorf treiben.
Charles Bradley ist viel mehr als das. Das kann man hören. Das lässt sich aber auch spüren.
Erschienen auf Dunham Records, 2011.
23.01.2012
2011 #09 - Mark McGuire °° Get Lost
"Get Lost" war mein Wohlfühlalbum des Jahres 2011. Und wo das gesagt ist: rückblickend lässt sich sicher sagen, dass mir all zu garstiger Lärm und Krach in vergangenem Jahr wahrlich nicht zu nahe kam - sieht man von den regelmäßigen Proben und Auftritten mit meinen beiden Bands mal ab. Der Sprung (in der Schüssel) zwischen dem, was sich zumeist privat auf dem Plattenteller dreht und dem, was ich selbst spiele und singe, wurde 2011 deutlich größer. Das zweite vollständige Soloalbum des Emeralds-Gitarristen Mark McGuire hat auf diesem Weg durchaus ein paar Wegweiser gesetzt.
Musik ist Inspiration. Die Bilder und Farben, die mir "Get Lost" geradewegs in die Seele tätowiert, möchte ich nicht mehr missen. Es ist eine Sommerplatte; eine Musik, die im Grunde mit nicht sehr überdimensionierten Mitteln sogar das Riech- und Geschmackszentrum aktiviert, weil Du plötzlich die reine, klare Sommerluft an einem just erwachenden Sommertag schmeckst. Ein Tag voller Versprechungen liegt vor Dir, und es ist, als hätte jemand im richtigen Moment die Pausentaste gedrückt, damit die Sinne die Schönheit und die Perfektion bewusst wahrnehmen können.
Was sich wie ein kitschiger Lebensbericht in der "Brigitte" liest, ist lediglich der klägliche Versuch, eine Platte zu beschreiben, die in ihrer Ausstrahlung so kraftvoll und einzigartig ist, dass ich das Gefühl habe, ihr auf anderem Wege nicht angemessen beikommen zu können. Nüchtern betrachtet schichtet "Get Lost" Gitarrenloops aufeinander, aus denen sich Berge von farbenprächtigen Harmonien, Stimmungen und Geräuschen entwickeln, fein und überlegt ausgerollt von einem Getriebenen - McGuires Output ist enorm, was umso mehr überrascht, wenn man seine Vorliebe für verlangsamende Substanzen kennt. In einem Interview darauf angesprochen, warum er mit einer solchen halsbrecherischen Geschwindigkeit Aufnahmen (meistens auf Tapes) veröffentlichte antwortete er:"It was just naturally happening. And there weren't tons of people hitting me up to buy stuff, so I'd just put out 50 copies of things or something. You give away ten or 15 to friends and family, and you sell 25 or 30 copies over a while and you're out of them. And you're like, "Well, I'm not going to make more copies of this. I'll just make a new one." And it just kept rolling like that. Now, I'm still recording all the time, but now I'm spending more time fine-tuning stuff. I really want the records to be more concise and to zone in on one idea and let it elaborate in different ways throughout the album. Before maybe it was just getting stoned and jamming for a couple hours, and thinking, "Man, this tape's going to rule." In zwei Songs versucht sich der erst 25-jährige zusätzlich an kurzen Gesangspassagen, die er in sanfte Gitarrendrones einbettet:"It must resolve, we try and evolve" wiederholt er mantraartig - was eine sakrale und mystische Stimmung heraufbeschwört. Es erdet, und das ist hilfreich, wenn man die übrige Spielzeit als flatternder Schmetterling 5 Meter über Normalnull verbringt.
Was nach harten Zeiten mit etlichen Computerabstürzen während der Aufnahmen letzten Endes zu "Get Lost" wurde, ist nichts weniger als ein faszinierendes Kaleidoskop der eigenen Existenz. Ein reiches, lebensbejahendes Werk voller Möglichkeiten und einer Vielzahl von unterschiedlichen Ebenen, Pfaden und Richtungen. Auflegen, Durchatmen, Loslassen.
Erschienen auf Editions Mego, 2011.
21.01.2012
2011 #10 - The Sea And Cake °° The Moonlight Butterfly
Meine in früheren Einlassungen zur Karriere von The Sea And Cake geäußerte Ansicht, dass jedes neue Album des Quartetts aus Chicago auch automatisch den nächsten künstlerischen Zenith ihres Schaffens darstellt, erfährt mit "The Moonlight Butterfly" einen kleinen Dämpfer. Was allerdings eher an der Qualität des Vorgängers "Car Alarm" liegt. Also nicht traurig sein, es ist alles gut.
"The Moonlight Butterfly", ihre neunte Veröffentlichung, ist kein vollständiges Album - die Band benötigt für sechs Songs gute 33 Minuten - jedoch das erste Lebenszeichen seit "Car Alarm" aus dem Jahr 2008, sofern man von der Split 7" mit dem kanadischen Kollektiv Broken Social Scene absieht, die im Jahr 2010 in einer kleinen Auflage und im Rahmen einer gemeinsamen US-Tour erschien.
Eine kleine Beichtstunde: ich habe mit jeder neuen The Sea And Cake-Platte zu Beginn meine kleinen Probleme und paradoxerweise resultiert der Grund dafür in die spätere Zuneigung. Hinter dem offenkundig luftigen Bandsound, der selbst die zarte Brise in einem Haus am Strand wie einen Orkan dastehen lässt, stecken subtile Details und verzwickte, dicht geknüpfte Arrangements, durch die man sich erstmal durchhangeln muss. Wenn die Enden dann in der eigenen Hand liegen und man verfolgt, wohin die Pfade führen, lichtet sich der Dunst. Was man dann vor sich hat, ist die entblößte Schönheit einer feingesponnenen, perfekt ausbalancierten Kunst im Breitbandformat. Eine niemals verwelkende Blüte vom besten, was Musik werden kann. "The Moonlight Butterfly" macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme.
The Sea And Cake haben auch bei dieser Platte versucht, ihren Sound weiter zu entwickeln. Die Kompositionen sind ausufernder geworden, vielleicht könnte man es es sogar psychedelischer nennen. Die Beweisführung tritt das fast zehnminütige Herzstück "Inn Keeping" an - nicht nur der vielleicht beste Song, den die Band jemals geschrieben hat, er hebt sich in Sachen Aufbau und Struktur von ihrem übrigen Oevre ab und nimmt sich in jeder Phase seines Lebenszyklus viel Zeit und Raum. Dabei blieben die eigentlichen Zutaten des Sounds unverändert: es ist immer noch diese betörende Mischung aus Indie-Pop und Jazz, die mir so unverwechselbar wie nobel den Kopf verdreht und stets die richtigen Knöpfe drückt.
In manchen Situationen ist das schlicht die beste Band der Welt.
Erschienen auf Thrill Jockey, 2011.
Labels:
2011,
Archer Prewitt,
Avantgarde,
chicago,
Electronica,
Indie,
Jazz,
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Pop,
Post Rock,
Psychedelic,
Sam Prekop,
The Sea And Cake,
thrill jockey,
Tortoise
18.01.2012
2011 #11 - Kangding Ray °° Or
Das verbotene Wort gleich zu Beginn, dann haben wir es hinter uns: monolithisch.
Kangding Ray ist der Architekt, ein Puppenspieler der Statik. Einer, der einen Koloss aus Stahl und Beton über die Idee stellt, mit der im normalen Leben alles beginnt. Die Welt steht Kopf und es wird Zeit, dass der Soundtrack ihr folgt - es ist unwirklich, karg, ätzend. Wir verlieren alles. Die Kommunikation liegt am Boden.
"Or" erhebt sich.
Es scheint, als erschaffe Kangding Ray diese Musik jedes Mal aufs Neue, sobald sie zum Leben erweckt wird, und die Überraschung darüber, dass "Or" bei jedem Abtasten eine andere Richtung einschlägt, wird nicht kleiner. Man ist einfach nie darauf vorbereitet, selbst wenn die Intuition zart die Hand zur Verbrüderung ausstreckt. "Or" zementiert Gebirgsmassive in ein von Kratzern und Splittern unterfüttertes Bild. In der Mitte hohl. Oben und unten Leere. Kein Flackern, keine Verwirbelung. Abstraktion. Sand im Getriebe. Marmelade auf Brot.
Die Beats prasseln in Kaskaden in Richtung unendlicher Horizonte; man spürt förmlich, dass sie ein System entdeckt haben, mit dem sie sich nicht nur eigenständig am Leben halten können, sondern sich zeitgleich weiterentwickeln und eine geradewegs unheimliche Intelligenz kreieren, unkontrollierbar werden. Ein Trugschluss, denn auch wenn Kangding Ray seine Musik an der langen Leine lässt: er ist die Autorität. Er bestimmt Farbe, Charakter und Struktur, er malt die Risse und Falten, er poliert und modelliert. Alles geschieht am lebenden Objekt. Für den Puls und für die Dunkelheit.
Erschienen auf Raster Noton, 2011.
Labels:
2011,
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Electronica,
Funk,
Listennerd,
Noise,
Psychedelic,
Techno
2011 #12 - Sharon Jones & The Dap-Kings °° Soul Time!
Das Jahr 2011 schrieb so manche Musikergeschichte, die so beeindruckend schön und märchenhaft war, dass es den eher zynischen Zeitgenossen so ganz und gar ausgedacht und unmöglich erscheinen mag. Zumal es gerade beim US-amerikanischen Daptone-Label gleich zwei Mal geschah: nicht nur der großartige Charles Bradley, der es vom James Brown-Double auf die großen Bühnen der bekanntesten Jazzfestivals geschafft hat, auch die 55-jährige Sängerin Sharon Jones erlebt nach Jahrzehnten der Zurückweisung und der Erfolglosigkeit endlich die Sonnenseite des Musikgeschäfts. Mit dabei sind die Dap-Kings, eine bestens geölte und fantastisch aufspielende Band, die bereits Großteile des Amy Winehouse-Albums "Back To Black" einspielte.
Ihr "I Learned The Hard Way"-Album aus dem Jahr 2010 begann plötzlich kommerziell erfolgreich zu sein und, selbst wenn noch nicht durch, dann aber wenigstens an die Decke zu gehen. Wozu der Vorgänger "100 Days, 100 Nights" noch über drei Jahre benötigte, schaffte "I Learned The Hard Way" in glatten vier Monaten: die 100.000 verkauften Einheiten waren geknackt. Die Erfolgsgeschichte in den kommenden Monaten, unter anderem gab es den Ritterschlag von Prince, der die Band zu mehreren Shows als Supportband einlud (und darauf bestand, mit Jones ein Duett zu singen), führte dazu, dass Daptone eilig eine Veröffentlichung nachschieben musste, um das Feuer am Köcheln zu halten. "Soul Time!" ist folglich kein neues Studioalbum mit neuen Songs, sondern eine Zusammenstellung aus Klassikern der furiosen Livesets der Band. 12 Songs, die entweder noch nie auf einem Tonträger oder lediglich auf mittlerweile ausverkauften 7-inch Singles erschienen.
Man kann über das Daptone-Prinzip, wenn's denn überhaupt eines ist, sicherlich das ein oder andere unschöne Wort verlieren: warum man sich in der bloßen Reproduktion eines Sounds oder meinetwegen eines Gefühls suhlt und warum man immer irgendwelche singenden Rentner vor einer Soulband aufstellt, um sich vollends in die musikalische Steinzeit katapultieren zu lassen. Bon. Nun ist "Soul Time!" in diesen berüchtigten Jahrescharts auf Platz 12 gelandet, will sagen: 's is' mir g'rad egal, wie es der Hesse an sich formuliert. Genauso egal übrigens, wie die Tatsache, dass ausgerechnet ein Compilation-Album in meiner Top 20 auftaucht.
In diesen Songs steckt soviel Energie, Musikalität, Tiefe, Liebe, Charme, Kraft und Euphorie, dass es mir die obligatorische Dose Red Bull ersetzt (oder erspart). Außerdem muss ich mir um die Reproduktion des Lebensgefühls der sechziger Jahre keine Gedanken machen: die Sechziger sind mir höchstens durch die auf Fotos dokumentierten Wasserturmfrisuren meiner Mutter ein Begriff. Und was Prince sagt, ist zumindest bei mir und spätestens seit vergangenem Jahr sowieso Gesetz.
Erschienen auf Daptone Records, 2011.
16.01.2012
2011 #13 - Shabazz Palaces °° Black Up
Da draußen fällt uns gerade der Himmel auf den Kopf. Ich habe schon lange nicht mehr gesehen, dass sich die Welt um die Mittagszeit so bedrohlich dunkel und atmosphärisch gedrückt zeigte. Die Depression ist an solchen Tagen ganz bestimmt einen Schritt näher als üblich an mir dran, und ich muss gegensteuern: Räucherstäbchen, Kerze, eine große Tasse Tee. Wohlfühlstimmung. Ein paar Meter neben mir leuchtet noch der Weihnachtsbaum. Ja. okay - so kann ich es aushalten. Vorhänge noch vorziehen, ich will das Elend da draußen nicht sehen. Die Musikwahl ist in der Hinsicht etwas zwischen den Welten - und das überrascht deshalb, weil "Black Up" das windschiefste und undurchdringlichste Album des Jahres ist.
Shabazz Palaces ist in erster Linie die Austobwiese des Rappers Ishmael "Butterfly" Butler, der erstmals 1993 mit einem Album der Digable Planets und einer Fusion aus Jazz und Hip Hop in der Szene landete. Das Trio verschwand mit einem veritablen Flop im Rücken wieder von der Bildfläche. Butterfly tauchte in den letzten Jahren immer wieder mit mehr oder minder kurzlebigen Projekten auf, mit Shabazz Palaces dürfte er sich gemeinsam mit dem Perkussionisten Tendai Maraire und mit Hilfe des aufsehenerregenden "Black Up" etwas länger festbeißen können. Und aufsehenerregend ist das Album nicht nur deshalb, weil sich tatsächlich die alte Grunge- und Fuzzrockschmiede SubPop "Black Up" gekrallt hat, auch die monumental langen Songtitel sind's nicht - es ist das zusammengeprügelte Konstrukt des Hip Hop as you know it, das sich in zerfetzten Beats und ausgefransten Arrangements durch zehn Tracks schleppt. Es ist weniger die Mixtur aus Jazz, Soul, Funk und Hip Hop, die "Black Up" so fremdartig erscheinen lässt; zu einer solcher Melange dürfte so mancher eine Vorstellung haben, wie das wohl klingen mag, und keine Bange, die Abrissbirne ist bereits bestellt. Hier ist kein Stein auf dem anderen.
"Black Up" ist vor allem zu Beginn beinahe unerträglich düster und kaputt. "An Echo From The Hosts That Profess Infinitum" mit seinem furchteinflößenden Chor, der aus den Untiefen verlassener Waldhöhlen wie eine Horde Geister um die Köpfe flitzt und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Opener "Free Press And Curl" lässt mich auch nach mindestens dreißig Durchläufen noch ratlos dampfend in der Ecke liegen, bevor der erste Sonnenstrahl mit "Are You...Can You...Were You? (Felt) und "A Treatease Dedicated To The Avian Airess From North East Nubis (1000 Questions, 1 Answer)" durch den Vorhang schlüpft. Es gelingt erstmals, die Elemente des Sounds zu deuten, aber die Interpretation ist mir nicht geheuer: "Black Up" bewegt sich auch im weiteren Verlauf vollständig zwischen den Welten. Nahezu zeitgleich lässt sich die Musik einerseits als romantisch, warm, und deep, andererseits als kühl glänzend, futuristisch und bis an die Schmerzgrenze distanziert abbilden. Selbst wenn die B-Seite mit dem Einsatz von lasziven Vocals von Cat Satisfaction und Thee Stasia vom Duo THEESatisfaction etwas an Wärme und Licht gewinnt und auch afrikanische Musik Einzug in das große Genreregister von Butler und Maraire erhält, bleibt sie gleichzeitig abstrakt und dunkel.
Ich behaupte nicht, dass ich "Black Up" verstanden habe, aber mein nickender und manchmal nachdenklicher Kopf entscheiden heute mal für mich. Ausnahmsweise.
Erschienen auf SubPop, 2011
Labels:
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Noise,
Psychedelic,
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04.01.2012
2011 #14 - Frank Bretschneider - Komet
Nach Bretschneiders einschneidendem "Rhythm"-Album aus dem Jahr 2007 hatte ich den Mitgründer des Raster-Noton Labels ordentlich aus den Augen verloren und ich kann nicht sagen, dass das vollkommen unabsichtlich geschehen ist. Da zeigt sich wieder mein verknotetes Hirn: wenn mich ein Werk so fasziniert, wie es "Rhythm" seinerzeit getan hat (und de facto sogar mit jedem neuen Durchlauf weiterhin tut), dann erwarte ich mittlerweile und folgerichtig einen Abstieg beim Nachfolger. Eine Enttäuschung also, die ich mir ersparen will. Wird man so komisch, wenn man älter wird? Ich kann mich nicht daran erinnern, vor 15 Jahren bereits so gedacht zu haben.
Ich muss in diesem Zusammenhang ebenfalls zugeben, dass ich Bretschneiders neuen Kometen nur deshalb auf die Schliche kam, weil ich etwa zur Jahresmitte 2011 unsagbar große Lust auf frische und coole Technoalben hatte, aber bei meiner Suche nur wenig (=gar nichts) Passendes finden konnte. Das Albumformat im Techno ist ja auch so eine Sache für sich - seitdem sich dieser halbgare Autorentechno ("Ein angesagter Technoproduzent vermeint angesichts seines ersten Albums, Vielseitigkeit demonstrieren zu müssen." - Spex) so windelweich in die Raveköpfe gespielt hat, ist so manch hippe Mogelpackung kaum noch zu ertragen. In meiner Verzweiflung ob der garstigen Suchergebnisse gab ich dem aktuellen "Komet"-Album also seine Chance und war erstaunt: Bretschneiders berüchtigter Pixelsound wurde nicht eingemottet, aber er wurde gepimpt - und zwar ausgehfertig für den Club. Damit hat der Berliner den fragmentarischen Weg seines "EXP"-Projekts aus dem Jahr 2010 zugunsten des Breitbandgrooves verlassen und dickt die skelettartigen Funkblitze mit einem tief pumpenden Rauschebass ein, was Tracks wie "Flutter Flitter" oder "Twisted In The Wind" einen unwiderstehlichen Rhythmus entwickeln lässt - meilenweit vom Minimal-Allerlei seiner Kollegen entfernt. Eine Beobachtung, die von einem Magazin wie dem unsäglichen Musikexpress auch mal ganz lässig erwartbar gewesen wäre, stattdessen erwähnen sie's gleich im berüchtigten Einleitungssatz. Warum besprechen die eigentlich elektronische Musik? Ich schreibe doch auch nichts über usbekischen Gangsta-Folk-Pop.
Frank Bretschneider geht immer noch so brilliant und verschachtelt wie eh und je vor, was es nachwievor höchstinteressant macht, seinen Tunes durch die Nacht zu folgen - auch wenn ich das Erweckungserlebnis von "Rhythm" schon hinter mir habe. "Komet" ist sexy und modern, dabei frei von Kompromissen und ohne jedes Anzeichen eines Ausfallschritts in Richtung des Schlafzimmertechnos. Ich bin wieder - und immer noch: begeistert.
Erschienen auf Shitkatapult, 2011.
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02.01.2012
2011 #15 - Tropics - Parodia Flare
Mein mehr oder minder guter Riecher hat mich auch im Jahr 2011 nicht verlassen und das Debut des britischen Multiinstrumentalisten Chris Ward ist ein passendes Beispiel dafür - auch wenn meine Auswahlzeremonie zugegebenermaßen immer mit den Restrisiko spielt, dass ich mir Blödsinn in die Höhle hole. Alleine das Coverartwork von "Parodia Flare" machte mich derart wuschig, dass nur wenige Sekunden des Quasi-Openers "Mouves" ausreichten, um in Richtung der virtuellen Ladentheke zu laufen.
Nach den ersten Umdrehungen auf dem Plattenteller kann ich nur anerkennend die Augenbrauen Limbo tanzen lassen, denn ich bin schwer verknallt: der Tropics Sound ist schwül und extrem relaxed, sehnsüchtig und melancholisch. Ward fokussiert sich auf das gute Leben, auf Schönheit und Licht und auf dieses Reibegefühl, das leichte Wehmut plötzlich ganz nah an die gute Tante Euphorie heranspülen lässt. Die Welt beobachtet durch zusammengekniffene Augen, weil die Sonne so arg blendet. Also bleiben die Augen einfach geschlossen, während uns Tropics mit jeder Sekunde ein Stückchen weiter in die Zwischenwelt gleiten lässt, wo Milch und Honig fließen. Mmmhhmmm, Honig...
"Parodia Flare" flirrt und schwackelt, die stark weichgezeichneten Harmonien und flauschigen Beats schweben fast unbemerkt und regungslos durch die heiße Luft. Beim abschließenden "On The Move" lässt Ward endgültig alle Hüllen fallen: über den dichten Beatteppich tupft nicht nur der Synthie kleine Zwitschertöne in den Wüstensand, hier flickert uns plötzlich auch eine Harfe wie ein bunter Schmetterling um den Kopf. Wird's hier gerade sogar ein bisschen jazzig?
Ein Album, direkt aus einer Traumsequenz geschnippelt, in der Sam Prekop, Brazzavilles David Brown und Kevin Shields die fiepig-qualmende Zeitmaschine ausprobieren und im Jahr 1985 an einem abgelegenen Strand auf Maui landen und gemeinsam ein Gläschen Mineralwasser mit Zitronenfizzelchen einnehmen, bevor sie rosafarbene und fliegende Elefanten zählen. Danach lockt ein Bad in wohltemperiertem Brennesseltee. The good life.
Außerdem beantrage ich hiermit Copyright für das Verb "schwackeln".
Erschienen auf Planet Mu, 2011.
01.01.2012
2011 #16 - Nostalgia 77 °° The Sleepwalking Society
Das vierte Album des Produzenten Benedic Lamdin unter dem Nostalgia 77-Banner ist die diesjährige, eingeköchelte Entsprechung zu Bonobos immer noch faszinierenden "Black Sands"-Outputs aus dem vergangenen Jahr. Darüber hinaus ist es die einzige Scheibe aus dem stilistisch vagen Downbeatnebel, die im Jahr 2011 qualitativ wenigstens im Ansatz "Black Sands" mal kurz "Hallo!" sagen durfte. Jetzt habe ich hiermit einen Vergleich gezogen, der sich eigentlich verbietet, weil Lamdin, betrachtet man "The Sleepwalking Society" etwas genauer, letztlich doch ein jazzigeres und noch zurückgezogeneres, intimeres Feld beackert. Aber, und das hat er mit dem Briten Simon Green gemeinsam, hier sind keine Drumcomputer und Samples am Werk, hier spielen großartige Musiker einen dichten und behaglichen Sound aus Jazz, Funk Soul, Blues und Folk.
Lamdin hat sich für "The Sleepwalking Society" erstmals die Stimme der deutschen Sängerin Josa Peit gesichert, die dem gemächlich schnarrenden Soundtrack die richtige Dosis Eleganz auf der einen und Sexyness auf der anderen Seite hinzufügt. Ihre Stimme hinterlässt bleibenden Eindruck auf den luftigen und beinahe an Kammermusik erinnernden Kompositionen; Peit klingt ausgesprochen selbstbewusst und zieht das Album damit auf eine höhere Ebene. Es ist nicht leicht, solchen Songs den so oft zitierten prägenden Stempel aufzudrücken, Peit meistert diese Aufgabe mit hoch erhobenem Kopf und verblüffender Souveränität. Ihr souliges, ausdrucksstarkes Timbre, das entfernt an ihre Kollegin Bajka erinnert, veredelt sowohl schleichenden Unterwasserfolk wie "Cherry" oder das unheilvoll schwankende "Sleepwalking", als auch das etwas lebhaftere "Blue Shadows".
Der Höhepunkt von "The Sleepwalking Society" aber ist das knapp neunminütige, instrumentale
"Hush", das gleichfalls auf einer frühen Bohren & Der Club Of Gore-Scheibe gut ausgesehen hätte. Ein sanftes und doch tonnenschweres Samtvorhang-Jazzstück mit einer Melancholie, so tief wie der Mariannengraben. Das klappt sowohl am wochenendlichen Frühstückstisch, als auch zur letzten Tasse Kaffee nachts um 2 Uhr. Zusätzliches Kaufargument: Approved by Herzallerliebste! Spätestens jetzt sollte also alles klar sein.
Erschienen auf Truthoughts, 2011.
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31.12.2011
Top Of The Blogs 2011
Wir kommen zum letzten Blogpost des Jahres 2011. Bevor ich mich mit den besten Wünschen in die Feuerzangebowle lege, möchte ich noch auf die diesjährigen Top Of The Blog-Ergebnisse verweisen, die Martin freundlicherweise aus insgesamt 42 Einreichungen zusammengeschraubt hat.
Und äääh, ich lasse die Ergebnisse einfach mal so stehen.
Kommt gut rein, ihr wunderbaren Menschen.
Der Flo
2011 #17 - Ricardo Donoso °° Progress Chance
Verschwommeness is the new Jean Michel Jarre. Und alles, was wir jetzt hier noch brauchen, ist der Mahagoni-Raumteiler (Gewicht: 13 Tonnen), Metaxa in der versteckten Schnapshöhle und Karin-Tietze Ludwig als Fernsehprogrammansagerin für einen Dokumentarfilm in der ARD. Es ist Sonntag der 27.April im Jahr 1986. Irgendwas mit Raumschiffen in Supermärkten oder rote Blutkörperchen in bayrischen Trachtenkostümen, die Kir Royal saufen. Also, die Trachtenkostüme jetzt.
Der gebürtige Brasilianer Ricardo Donoso, mittlerweile fester und wichtiger Bestandteil der Elektronikszene Bostons, hat auf "Progress Chance", trotz seiner Ausbildung als Jazz-Schlagzeuger, nicht nur die Techno-Bassdrum entfernt, er hat auch den Techno entfernt. Dafür nutzt er seinen Synthie heute als Erinnerung an Goa und Trance-Parties aus seiner Jugend und an die "Morning Dance Music", mit der er als Teil der brasilianischen Raveszene in Kontakt kam.
"Progress Chance" ist dunkel und mysteriös. Die Musik atmet leise und langsam, unterirdisch. Sie ist feingliedrig, doch massiv in ihrer Wurzel, sie pulsiert wie eine Herzkammer und pumpt fortwährend neue Bilder und Ideen in die Köpfe. Und sie könnte locker für mehrere Tage in Endlosschleife laufen.
Als ich vor einigen Wochen, nach den ersten Durchläufen, via Twitter darauf aufmerksam machte, dass vor allem die fantastische B-Seite, und dort speziell der Opener "Morning Criminal" klinge, als hätte man Jean Michel Jarre unter Valium gesetzt und an einen Synthie von immensen Ausmaßen gerollt, folgte nur wenige Minuten später die Weiterverbreitung der Mitteilung von Donosos Twitteraccount - offenbar gefiel ihm die Einschätzung. Karin Tietze Ludwig tanzt dazu nackt den Fruchtbarkeitstanz um die Lottokugel, Dieter Thomas Heck badet in Aquavit und wir gucken gemeinsam "Die Phantastische Reise" von 1966. Dazu gibt's Auberginenchips.
Erschienen auf Digitalis, 2011.
30.12.2011
2011 #18 - Jon Porras °° Undercurrent
Der Einstieg mit dem zehnminütigen "Grey Dunes" ist kolossal. Beinahe körperlich spürbar, türmen sich gewaltige Gitarrengebirge über dem Ozean auf, kreiseln kurz vor der Ionosphäre, bevor der Selbstzerstörungsknopf gedrückt wird, auf dass ein reinigender Sturm aus glühendem Gestein und eines verzehrenden Feuers uns beglücken mag. Danach können wir unser kümmerliches Selbst in einem grau-rostigen Kehrblech auflesen - und überraschenderweise liefert der zweite Teil des Openers auch diesen Soundtrack passgenau und frei Haus.
Jon Porras ist eine Hälfte des gleichfalls in diesem Jahr etwas mehr in den Fokus der Noiseszene gerückten Duos Barn Owl, das beim renommierten Thrill Jockey Label unter Vertrag steht. "Undercurrent" ist ein Denkmal für die US-amerikanische Pazifikküste im Nordwesten des Landes, eine Ode an den Nebel und den Dunst. Eine Reihe von unergründlichen, teils gar surrealen Eskapaden einer verzerrten, im Abschlusstrack "Gaze" einer akustischen Gitarre, die manchmal klingen, als kämen sie direkt von einem anderen Stern. Fremdartig, wie "For ARH" eine silber glänzende Fläche ausbreitet, auf der demnächst auch das Raumschiff Galaktika landen kann (und wird!) und wie wahrhaftig "Peering" und "Land's End" ihre Verbundenheit mit dem Meer und der Erde darstellen. Zwischen diesen Gegensätzen, dem Unwirklichen, Fantastischen auf der einen und der Schlichtheit auf der anderen Seite, hat Porras subtile Harmonien der reinsten Schönheit vergraben, die sich unter glitzernder Gischt emporwürmeln.
Es sind die unterschiedlichen Gesichter von "Undercurrent", die mir im Laufe der letzten sieben Monate ans Herz gewachsen sind. Die ausladende, teils gar stürmische A-Seite und die einen Hauch strukturiertere und nachdenklichere B-Seite dieser auf 500 Stück limitierten LP-Pressung zeichnen die Entwicklung der Musik von Jon Porras nach: "Undercurrent" geht von Außen nach Innen. Lässt den Sturm verklingen. Lässt das Meer schlafen. Und kommt an.
Erschienen auf Root Strata, 2011
26.12.2011
2011 #19 - Moholy-Nagy °° Like Mirage
Hauptbahnhof Stuttgart, 22 Uhr. Es ist ziemlich schattig in der Landeshauptstadt, nass noch dazu. Ich habe außer drei oder acht Tassen Kaffee über den ganzen Tag nichts gegessen, dazu kamen stundenlange Telefonate und der ein oder andere Gang aufs Klo war auch noch mit von der Partie. Kurz: ein Tag, um sich mit einer Nagelfeile das linke Bein abzutrennen. Vor mir liegt jetzt noch eine gut zweistündige Zugfahrt mit unserem allerliebsten Reiseunternehmen, das mir in der Nähe von Mannheim tatsächlich noch einen ihrer Kaffeeersatzimitate für vierachtzig oder wieviel anbieten sollte. Großer Gott. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich verbrenne beim Gedanken an ein heißes Bad.
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Es ist goldenes Licht, das durch die Schlitze des Fensterrollos gleitet und auf meine Augen tropft. Ich höre den Wind, es duftet nach blauem Meer, eine einsame Seemöwe kreischt beim Vorüberfliegen. Es ist warm und der Tag haucht mir eine Versprechung nach der anderen ins Ohr. Am Horizont ballt sich die heiße Kraft des Universums zu einem Bündel aus tanzendem Feuer zusammen, die sich langsam erwärmende Luft flirrt über dem dunklen Holzboden und malt sich windende Sinuskurven in ihre Zwischenwelt. Ich lehne mich an den Türrahmen und blinzle in Richtung des Ozeans. Das Schilf wiegt sich sanft in der salzigen Brise und es scheint, als spiegele sich jeder einzelne Sonnenstrahl auf der Wasseroberfläche.
Mein Verstand kapituliert vor dieser Perfektion.
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"Sehr verehrte Fahrgäste, leider hat dieser Zug eine Verspätung von derzeit 25 Minuten. Wir informieren sie rechtzeitig über ihre Anschlusszüge. Vielen Dank für die Reise mit der deutschen Bahn."
Und draußen zieht Worms vorbei.
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Ich bemerke allmählich, dass ich Probleme habe, auf den Beinen zu bleiben. Es wabbelt auch etwas unter mir. Das ist so ein Moment, in dem man nach kurzer Zeit wahrnimmt, dass das eigene Hirn einen gerade verschaukelt. Ich hätte gestern Abend diese Tangerine Dream Platte nicht rauchen sollen, ich hab's befürchtet.
Dieser mächtige Pianoakkord trifft mich mit voller Wucht. Es fühlt sich an, als wäre mein Blut für 0,3 Nanosekunden, eine übersichtliche Zeitspanne, in ein kochendes Meer verwandelt worden; die Schwingung lässt den gesamten Körper bis in tiefste Auraschichten erzittern. Der Boden gibt nach und ich gleite auf dem Weg nach unten auf einer unsichtbaren Schicht aus Synthiewatte, schwarzen Pianotasten und einem Teppich aus an Gitarrensaiten aufgeknüpften Effektgeräten über das, was eben noch der Ozean war. Immer der Sonne entgegen. Der Raum wird dreidimensional, aber ich kann das Gras wachsen hören. Das Licht wird heller, es wird wärmer. Es wird friedlicher und plötzlich erkenne ich, warum wir hier sind. Wir sollten alle viel mehr...
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"ENDSTATION! AUFWACHEN! HEY! HEEEEY! RAUS JETZT! WIR WOLLEN JETZT ALLE INS BETT!"
Erschienen auf Temporary Residence, 2011.
25.12.2011
2011 #20 - Sleepingdog °° With Our Heads In The Clouds And Our Hearts In The Fields
Dass es das dritte Album der Kollaboration zwischen der belgischen Sängerin Chantal Acda und des Stars Of The Lid-Gitarristen Adam Wiltzie in meine Top 20 des Jahres 2011 geschafft hat, ist bemerkenswert. Für gewöhnlich halte ich mich von all zu süßen Klängen mit Säuselstimmchen und Akustikgitarre nämlich fern und sehe darüber hinaus in den meisten Fällen erst recht davon ab, sie in diesem Rahmen zu diskutieren. In diesem Fall ist alles anders und ich kann nur vermuten, woran es liegen mag.
Ich stieß während des monatlichen Abtastens der potentiellen neuen Mitbewohner in den Mailorders des noch immer unfassbar verrückten Internets eher zufällig auf "With Our Heads In The Clouds And Our Hearts In The Fields" und empfand zunächst das Artwork als sehr ansprechend. In der Folge hörte ich mich durch die kurzen 40-sekündigen Ausschnitte - und hing umgehend am Haken. In den nächsten Wochen und Monaten entwickelte sich gar eine große Sympathie zu diesem Sound, der, nähme man ihn auseinander, überraschend minimalistisch angelegt ist, in der Summe aber eine ganz erstaunliche Tiefe, Wärme und Intimität ausstrahlt. Chantal Acda möchte man instinktiv die Hand halten, wenn sie ihre traumhaften, sensiblen Melodien über das getupfte Piano und Wiltzies umschmeichelnden Gitarrendrones legt wie ein ein Löffel Orangenblütenhonig über ein frisch gebackenes Vanillekipferl fließt. Sie ist der Star dieser Aufnahme, und als solcher wurde sie auch in Position gebracht: es hat den Anschein, als flüstere sie mir direkt ins Ohr. Als halte sie meine Hand, als leite sie mich durch den Wahnsinn des Alltags, als würde sich auf mich achtgeben.
"With Our Heads In The Clouds And Our Hearts In The Fields" ist der Zufluchtsort, wenn die Welt mal wieder mit Untergang droht. Ein Ort der Besinnung, der Gelassenheit und des heilenden Lichts.
Erschienen auf Gizeh, 2011
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24.12.2011
Zweitausendelf in Musik
Achtung, Allgemeinplatz: Wahnsinn, wie die Zeit rennt. Ich kann mittlerweile die Warnung älterer Menschen, dass sich nämlich die Wahrnehmung von Zeit im fortschreitenden Alter noch beschleunigt, wenig überraschend bestätigen.
Jetzt sind wir also am Ende von 2011 angekommen und wenngleich es im beinahe abgelaufenen Jahr hier und da auch gesellschaftliches, politisches und frechdumm-polemisches auf diesem Blog zu lesen und hören gab, liegt der Schwerpunkt freilich immer noch auf der Musik. Ich will an dieser Stelle auch nur ungern über die aktuelle Nichtentwicklung in Schloss Bellevue oder Vergleichbares schreiben - ein bisschen Relevanz beanspruche ja selbst ich für 3,40qm. Außerdem ist praktisch Weihnachten und es ist spät und der White Russian schmeckt und ich habe jetzt keine Lust, sauer zu werden. Das endet sowieso alles nur wieder in akuter Schlaflosigkeit.
Wie war das also mit der Musik in 2011? Ich sagte es kürzlich zu einem Freund: ich führe ja immer noch sowas altmodisches wie eine Excelliste, um meine gehorteten Platten aufzulisten (und um mich im Zweifelsfall an die ein oder andere Perle wieder zu erinnern, die im Alltagsdunst zwischen Bürostuhl, Parfumsammlung und Katzenklo aus meinem Schädel geplumpst ist), und ich war wie von den Socken, als ich einen Blick in die Spalte mit den Genres warf. Unter den knapp 60 gekauften Platten, die in 2011 erschienen sind, fanden sich gerade mal vier, die sich im weiteren Sinne im Rock- oder Indie-Kanon einsortieren ließen. Mir ist dieses, nennen wir es mal: Ungleichgewicht im Laufe des Jahres gar nicht aufgefallen, jedenfalls nicht im größeren Rahmen. Aber es ist ein deutlicher Unterschied zu den vorangegangenen Jahren.
Ich weiß noch nicht, was mit dieser Entwicklung anzufangen ist, und vermutlich lautet die Antwort schlicht "Gar nix!", aber ich merke durchaus, dass es schwerer wird, die Neugier zu zügeln und dass es gleichzeitig leichter fällt, Altes hinter sich zu lassen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich brauche nicht jeden Tag die brutalstmögliche Innovation, aber ich brauche genausowenig eine Rockband, die 30 Jahre alte Rockriffs spielt und die anhängenden Klischees bemüht. Und das schreibt einer, der vor gar nicht allzu langer Zeit der 30 oder 300 Jahre alten Rockband Great White einen Altar gebastelt hat. - "Seht nur, diese Stilbrüche!" - Vielleicht räuspert sich so auch nur um meine Angst, nicht zu einem verdammten Althippie zu "amorpheln" (G.Polt), der sich den Spruch "So geil wie früher wird's nie wieder." auf das Stirnband gestickt hat - der allerdings auch 1978 aufgehört hat, neue Musik zu suchen und zu hören. Oder überhaupt zu hören.
Am Ende ist's ja doch alles Kappes.
Beziehungsweise eben nicht: auch im Jahr 2011 gab es beeindruckende Musik von beeindruckenden Menschen zu entdecken und zu hören. Folglich stehen die nächsten Wochen in deren Zeichen: lasst uns sie feiern. Denn was würden wir bloß ohne sie machen?
Und, ganz wichtig, bevor es losgeht: ich wünsche Euch allen friedliche und besinnliche Weihnachtstage. Genießt ein wenig Ruhe, 2012 wird sich wieder bescheuert genug.
17.12.2011
Hybris + Nemesis
NOEL GALLAGHER'S HIGH FLYING BIRDS
Die Tatsache, dass ich kurz vor dem Niederschreiben der besten Alben des Jahres 2011 über das Solodebut des ehemaligen Oasis-Gitarristen berichte, ist ein mehr oder minder großer Wink mit dem Zaunpfahl. "Nöhl" hat es mit seinen High Flying Birds nicht in meine Top 20 geschafft, trotzdem ist das Album viel wichtiger und vor allem überraschender, als ich es mir je zu Erträumen wagte. Und es hat außerdem in mir etwas ausgelöst, von dem ich dachte, ich würde es auf absehbare Zeit nicht mehr fühlen können. Und Überraschung: ich muss etwas ausholen, um es zu erklären.
Ich war praktisch ab der ersten öffentlich gewordenen Oasis-Single "Live Forever" aus dem Jahr 1993 Oasis-Fan. Ich war damals 16 Jahre alt und ich konnte erst später, wahrscheinlich erst mit voranschreitender Pubertät, erfassen, was mir ihre Musik bedeutete. Gallaghers Kompositionen hatten von Beginn an etwas tragisch-verrücktes in ihrem Kern, eine Art hedonistische Resignation. Seine Melodien waren einerseits melancholisch und brachten die eigenen Selbstzweifel mit sich, andererseits standen sie immer auf dem Gipfel der Welt, sie plusterten sich auf, sie waren larger than life. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang, dass ich mich im Jahr 1995, während der Kursabschlussfahrt meines Abiturjahrgangs nach London, zum Britpop-Klischee auf zwei Beinen verwandelte. Ich war alleine am Picadilly Circus und genoss die Stimmung in der Stadt. Es war schon spät, ich war leicht angetrunken und setzte es mir in den Kopf, einfach Richtung Norden zu Fuß zum Hotel am Euston Square zurück zu laufen. Es war September und der britische Herbst kam täglich spätestens ab 16 Uhr zur Tür herein gestürmt und selbstverständlich begann nach wenigen Minuten Fußmarsch der typische Londoner Nieselregen einzusetzen. Es brauchte noch einige weitere Minuten, und ich hatte mich königlich bescheuert in Soho verlaufen. Und als ich da so leicht angetüdelt herumstand, mir das Wasser von der Nasenspitze tropfte und sich erstmals so ein kleiner Funken Verzweiflung im Hirn ausbreitete, ertönte auf den Kopfhörern meines Walkmans (!) "Slide Away" vom Oasis Debut "Definitely Maybe". Wie ein wärmender Mantel legte sich Noels Anfangsriff um mich, ich atmete tief durch, und obwohl ich mich wenige Sekunden vorher noch wie ein getretener und begossener Pudel fühlte, begann ich zu lachen. Und alles war gut. Ich fand den Weg wenig später wieder und kam zu den Klängen von "Rock'n'Roll Star" am Hotel an, was nach diesem Erlebnis mindestens genauso gut passte.
Ich war praktisch ab der ersten öffentlich gewordenen Oasis-Single "Live Forever" aus dem Jahr 1993 Oasis-Fan. Ich war damals 16 Jahre alt und ich konnte erst später, wahrscheinlich erst mit voranschreitender Pubertät, erfassen, was mir ihre Musik bedeutete. Gallaghers Kompositionen hatten von Beginn an etwas tragisch-verrücktes in ihrem Kern, eine Art hedonistische Resignation. Seine Melodien waren einerseits melancholisch und brachten die eigenen Selbstzweifel mit sich, andererseits standen sie immer auf dem Gipfel der Welt, sie plusterten sich auf, sie waren larger than life. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang, dass ich mich im Jahr 1995, während der Kursabschlussfahrt meines Abiturjahrgangs nach London, zum Britpop-Klischee auf zwei Beinen verwandelte. Ich war alleine am Picadilly Circus und genoss die Stimmung in der Stadt. Es war schon spät, ich war leicht angetrunken und setzte es mir in den Kopf, einfach Richtung Norden zu Fuß zum Hotel am Euston Square zurück zu laufen. Es war September und der britische Herbst kam täglich spätestens ab 16 Uhr zur Tür herein gestürmt und selbstverständlich begann nach wenigen Minuten Fußmarsch der typische Londoner Nieselregen einzusetzen. Es brauchte noch einige weitere Minuten, und ich hatte mich königlich bescheuert in Soho verlaufen. Und als ich da so leicht angetüdelt herumstand, mir das Wasser von der Nasenspitze tropfte und sich erstmals so ein kleiner Funken Verzweiflung im Hirn ausbreitete, ertönte auf den Kopfhörern meines Walkmans (!) "Slide Away" vom Oasis Debut "Definitely Maybe". Wie ein wärmender Mantel legte sich Noels Anfangsriff um mich, ich atmete tief durch, und obwohl ich mich wenige Sekunden vorher noch wie ein getretener und begossener Pudel fühlte, begann ich zu lachen. Und alles war gut. Ich fand den Weg wenig später wieder und kam zu den Klängen von "Rock'n'Roll Star" am Hotel an, was nach diesem Erlebnis mindestens genauso gut passte.
Um all das ein wenig abzukürzen: ich gehöre auch zu den Menschen, die bis heute der festen Überzeugung sind, dass Gallagher bis zum dritten, schwer verdrogten Oasis-Album "Be Here Now" keinen einzigen schlechten Song schrieb, so eine Art Neal Morse des Britpop. Das Urteil bezieht sich ausdrücklich auch auf die B-Seiten der Band, die seit Anbeginn ihrer Karriere zum Live-Set gehörten und sich qualitativ blind mit den Albumtracks verbrüderten. Das half außerdem dabei, diesen Larger-than-Life-Mythos zu verwurzeln - Gallagher dachte wirklich, er könne gar nicht scheitern. Einen Song wie "Acquiesce" so mir nix dir nix auf eine B-Seite zu packen, das war entweder größenwahnsinnig oder lediglich außerordentlich selbstbewusst. Oder halt beides.
Die folgenden Oasis-Alben, und damit kratzen wir langsam die Kurve zu den High Flying Birds, wenn's recht ist, waren in ihrer Qualität wie eine Buckelpiste, das letzte Werk "Dig Out Your Soul" in dieser Hinsicht die Sauf-Pistenbar ganz weit drunten im Tal. What a fucking shame! Nach dem Split der Band 2009 war ich folgerichtig alles andere als scharf darauf, mir nochmal ein Album von einem der beiden Knallköppe anzuhören, von Kaufen ganz zu schweigen. Und dann kam Noel. Dann kam "Everybody's On The Run", der Opener. Dann kam "Dream On" und die erste Single "If I Had A Gun". Und plötzlich glimmte da etwas in mir. Es fühlte sich verdammt nochmal wie 1995 an, aber es war keine Romantik im Spiel, auch kein wehmütiger Blick zurück.
Die folgenden Oasis-Alben, und damit kratzen wir langsam die Kurve zu den High Flying Birds, wenn's recht ist, waren in ihrer Qualität wie eine Buckelpiste, das letzte Werk "Dig Out Your Soul" in dieser Hinsicht die Sauf-Pistenbar ganz weit drunten im Tal. What a fucking shame! Nach dem Split der Band 2009 war ich folgerichtig alles andere als scharf darauf, mir nochmal ein Album von einem der beiden Knallköppe anzuhören, von Kaufen ganz zu schweigen. Und dann kam Noel. Dann kam "Everybody's On The Run", der Opener. Dann kam "Dream On" und die erste Single "If I Had A Gun". Und plötzlich glimmte da etwas in mir. Es fühlte sich verdammt nochmal wie 1995 an, aber es war keine Romantik im Spiel, auch kein wehmütiger Blick zurück.
Gallagher 2011 klingt nicht mehr wie die 1995er Version; vielleicht ist der Hunger über die Zeit der eintrudelnden Millionenschecks etwas auf der Strecke geblieben, vielleicht muss Noel nicht mehr in jedem Atemzug "Ich Boss - Du Nix" ausdampfen, ganz sicher hat er dem Größenwahn produzierenden weißen Pulver abgeschworen. Aber er kennt noch ganz genau die Linie, die das Reich der Hybris und der Nemesis voneinander trennt, er kennt die Ausschweifung und den Absturz. Und er weiß noch genau, wie man beide Welten nicht nur verbindet - sondern auch feiert. Mit viel Pathos. Und mit viel von dem, was Gallagher in einem Interview mal so umschrieb:"That's what pop music is all about: for a guy to look ridiculous and effortlessly cool at the same time, that's what it's all about." Da funktioniert auch sowas albernes wie "(I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine" - wenn auch nicht ganz so gut wie das vielleicht vor 15 Jahren geklappt hätte.
Dass vor allem der B-Seite mit dem zu banalen und offensichtlichen "AKA...What A Life" und dem schlicht öden "(Stranded On) The Wrong Beach" etwas die Puste ausgeht, war zu erwarten, ist aber gleichzeitig auch zu verschmerzen, weil die High Flying Birds als Ganzes durchaus beweisen, dass da noch ein Feuer brennt - sowohl in Noel Gallagher, als auch in mir.
Und niemand war darüber mehr überrascht, als der Verfasser dieser paar Zeilen.
Erschienen auf Sour Mash, 2011.
Dass vor allem der B-Seite mit dem zu banalen und offensichtlichen "AKA...What A Life" und dem schlicht öden "(Stranded On) The Wrong Beach" etwas die Puste ausgeht, war zu erwarten, ist aber gleichzeitig auch zu verschmerzen, weil die High Flying Birds als Ganzes durchaus beweisen, dass da noch ein Feuer brennt - sowohl in Noel Gallagher, als auch in mir.
Und niemand war darüber mehr überrascht, als der Verfasser dieser paar Zeilen.
Erschienen auf Sour Mash, 2011.
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