CHELSEA WOLFE - SHE REACHES OUT TO SHE REACHES OUT TO SHE
"I wish I could be invisible and just play music and not have to worry about anyone looking at me." (Chelsea Wolfe)
Die Platte des Jahres kommt von einer Künstlerin, deren frühere Arbeiten ich ganz offensichtlich auf eine beinahe schon groteske Art fehleinschätzte, und die deswegen in all den Jahren keinen Fuß in die Tür zur Casa Dreikommaviernull bekam. Ich habe das schon öfter betont, wie komplett irre so eine intellektuelle Generalverriegelung sein kann, wenn also irgendwas zwickt, irgendwas verzerrt ist - und sei's nur die eigene Wahrnehmung. Andererseits passiert sowas eben manchmal. Und dann hole ich das große Feigenblatt raus und sage: es gibt für alles den richtigen Moment, die richtige Zeit, den richtigen Ort. Musik findet Dich einfach, wenn es soweit ist.
Im Falle von Chelsea Wolfe war das Wirken der in Kalifornien lebenden Musikerin stets in erster Linie mit ihren Kollaborationen mit den Hardcore-Superstars von Converge verbunden. Und so gerne ich mir von Zeit zu Zeit mit Geschrei und Gebrüll das Kleinhirn auf halbacht fönen lasse, kam ich an Converge nie ran, nichtmal in die Nähe. Und wenn ich mich mal dazu entschlossen habe, Abstand zu halten, dann bin ich wenigstens in dieser Hinsicht so richtig behämmert deutsch und also konsequent. Aus Gründen, die ich mir heute nicht mehr selbst erklären kann, halluzinierte ich also eine stilistische Nähe zwischen Converge und ihrer eigenen Musik herbei, was dazu führte, Chelseas Soloscheiben schlicht zu ignorieren. Weil eine Mauer alleine ja nicht ausreicht, wird eben selbst der ganze Dunstkreis ausgesperrt. Was soll ich sagen?!
Als im Februar des vergangenen Jahres "She Reaches Out To She Reaches Out To She" angekündigt wurde, und die ersten Berichte elektronische, trip-hoppige, sogar in den Bereich von Drum'n'Bass reichende Einflüsse erwähnten, wurde ich allerdings hellhörig. Und schon beim Erstkontakt mit "House Of Self-Undoing" war ich hoffnungslos verloren. Die Folgen: die gesamte Diskografie wurde nachgekauft, wir besuchten ihr Gastspiel in der Kölner Kantine, die Herzallerliebste reiste sogar nochmal solo zum Konzert nach München, und meine allerliebsten Lieblingsleserinnen und -leser quälen sich gerade durch die Rezension zu meiner Lieblingsplatte des Jahres 2024.
Zusammen mit dem Produzenten Dave Sitek betreten Wolfe und ihre Band im Vergleich zu ihren früheren Werken auf mehreren Ebenen Neuland. Aus technischer Sicht war die Industrialästhetik zwar auch schon auf einem Album wie beispielsweise "Abyss" (2015) wahrnehmbar, durch den neu gesetzten Schwerpunkt auf elektronische Elemente wirken einerseits Songs wie der irrlichtende Opener "Whisper In The Echo Chamber" oder das experimentelle "Eyes Like Nightshade" noch abrasiver als zuvor. Das mit Breakbeat-Elementen spielende "House Of Self-Undoing", dessen hypnotische Ästhetik bisweilen sogar an Siteks Band TV On The Radio erinnert und clever die ganze Dynamikklaviatur aus Härte und bohrenden Ambientdrones bespielt, ist trotz stilistischer Öffnung auch noch recht gut zu entschlüsseln. Aber dann wird die Sache komplizierter zu erläutern, wenn man nicht in Allerweltsgefasel abrutschen will.
Für meinen Geschmack ist es vor allem die zweite Hälfte des Albums, auf der die visionäre, stilprägende Kraft dieser Produktion klar wird. Im Grunde sind Songs wie "The Liminal", "Salt", "Place In The Sun" oder ganz besonders "Dusk" dunkle Popsongs, die problemlos auch in einem akustischen, eher Folk-betonten Kontext funktionieren würden, durch die elektronische Ausrichtung aber plötzlich die Tore zu neuen Welten aufstoßen. Die verrauchten Trip Hop Beats, die gebrochenen Akzente vom Geflacker eines Pianos, die inszenierte Tiefe und Weite machen die Musik dunkler, bedrohlicher, mystischer, außerweltlicher. Paradoxerweise dehnt sie sich in dieser atmosphärischen Verdichtung weiter aus und macht Räume frei für Anschauung. Das Arrangement von Chelseas Stimme spielt dabei ebenfalls eine zentrale Rolle, sie ist das vermittelnde Element zwischen Anziehung und Abstoßung, Licht und Schatten. Sie ist stets im Vordergrund und dirigiert durch das Dickicht, tatsächlich macht sie jene Räume erst wahrnehmbar. Und gleichzeitig spürt man: dieser Raum ist Unendlichkeit. Dieser Raum ist Heilung. Dieser Raum ist kein Raum. Er ist Leben.
"Immer weiter abgeschwiffen. Alles schrumpft. Stetig." (Antitainment)
Jetzt haben sie mich endlich doch noch gekriegt.
Ihr Auftritt auf dem Rockhard-Festival 2018, der vom WDR Rockpalast mitgeschnitten wurde und HIER auf Youtube verfügbar ist, war mein Erstkontakt mit diesem Quintett aus Rotterdam. Und ich war beeindruckt, vor allem davon, wie geil die alle auf der Bühne aussahen. Outfits, Bewegungen und Attitüde schienen zwar durchaus choreografiert, wovon die Authentizität jedoch keinen Kratzer abbekam. Die Band platzt vor Selbstbewusstsein und spielt mit einer Überzeugung, als hänge ihr Leben von jedem gespielten Ton ab. Damit bekommt man mich immer an den Haken. Und mit diesem etwas vernebelt wirkenden progressiv-verschnörkelten Doomrock dann eben irgendwie auch.
Auf ihrem Debut "Here Now, There Then" konnte ich von dieser Magie leider nur noch wenig spüren. Auch Dool kämpften offensichtlich seinerzeit damit, das Durchsetzungsvermögen von der Bühne ins Studio zu rollen. Als 2021 der Nachfolger "Summerland" erschien, und ich immer noch keinerlei Verbindung zu ihren Studioalben aufbauen konnte, strich ich die Segel. Sowas gibt's eben manchmal, aber im Falle Dool war das schon ein bisschen tragisch. Ich gebe zu, dass ich ab der ersten Minute des Rockhard Mitschnitts fasziniert war von der Band. Dass es musikalisch zunächst nicht funken wollte, nagte ein bisschen an mir. Ich wollte die doch gut finden?!
Mit "The Shape Of Fluidity" änderte sich das alles.
Die Eindringlichkeit, der Drang, der "Pull" des Openers "Venus In Flames" steht exemplarisch für das ganze Album, gerät der Einstieg in den siebenminütigen Song doch zu einem der unwiderstehlichsten Momente der Rockmusik der letzten 25 Jahre. Der Drive mit seiner derart viehischen und nach vorne peitschenden Urgewalt nach dem kurzen Intro lässt Dich durch fucking Panzerglas marschieren, bevor der praktisch ansatzlos aufs Spielfeld geworfene Refrain trotz seiner melodischen Öffnung die Intensität unglaublicherweise noch weiter nach oben schraubt. Eine kleine Erlösung erlebt man erst zur Songmitte, wenn sich sowohl die Wucht als auch das Tempo etwas einbremsen und sich gemeinsam auf das große, hymnische Finale vorbereiten, das mit großer erzählerischer Raffinesse inszeniert wird: atmosphärisch stehen wir am Ende der Geschichte, am Ziel einer langen und beschwerlichen Reise. Wir sind angekommen. Wir können durchatmen. Emotional hingegen fühlen wir die Spannung, die Friktion. Es fühlt sich paradoxerweise nach Aufbruch an, nach Öffnung, vielleicht ist sogar ein wenig provozierend.
Kompositorisch ist Dools Musik nicht gerade unterkomplex, das war sie noch nie. Ein paar Schlenker muss man also schon mit ihnen mitlaufen, um nicht abgehängt zu werden. Aber sie können es sich aus gleich zwei Gründen leisten. Erstens spielen hier technisch herausragende Musiker, die stets in der Lage sind, die Metaphorik von Ravens Texten für die große Bühne musikalisch zu inszenieren und sie sicher durch sämtliche emotionale Aggregatzustände zu leiten. Zweitens sind die Songs auf "The Shape Of Fluidity" mit Hooklines geradewegs übersäht. Das hilft zunächst bei der Orientierung, bevor darüber hinaus erkennbar wird, wie vielschichtig diese Kompositionen tatsächlich sind; so als würden erst die hymnischen und verschwenderisch arrangierten Melodien die Türen in die unterirdischen Labyrinthe des Albums öffnen.
Der/Die über allem thronende Zeremonienmeister*in ist Raven van Dorst. Im Jahre 1984 intergeschlechtlich geboren und anschließend als Frau aufgewachsen, ist "The Shape Of Fluidity" vor allem textlich eine bis auf die Knochen ehrliche, zu gleichen Teilen niederschmetternde und kraftvolle Erzählung über die Auseinandersetzung darüber, sich über Jahrzehnte in dieser Ausnahmesituation zu befinden. Über die inneren und äußeren Konflikte, über Identität und Isolation. Aber auch über das Erwachen und über die Verantwortung.
"Would you bathe in my love / Now the time has come?" singt Raven in "Venus In Flames" und das Beben, die Sehnsucht - ja, die Erlösung springt mich förmlich an.
Wenn etwas aussieht wie eine Deppenfrage, es sich liest wie eine Deppenfrage und es außerdem nach Deppenfrage schmeckt (Überbacken, 200°C in Backofen), dann ist es eine Deppenfrage mit dem Markus Lanz-Qualitätssiegel:
Sind "wir" eigentlich "noch" in der "Lage", einen "Klassiker" zu "erkennen"?
Der Musik-Kanon im Allgemeinen und der Metal-Kanon im Besonderen sind selbst in den abseitigen Nischen vollgestopft mit Alben, auf die sich die Mehrheit der Szenegänger über die letzten fünf Jahrzehnte in Hinblick auf Parameter wie außergewöhnliche Qualität, dem Willen und Mut zur Innovation und dem wegweisenden Einfluss auf die künftige musikalische Entwicklung einigen konnten, oder weniger hoheitlich formuliert: Alben, die von der Musikjournaille so lange nach oben gejazzt wurden, bis es auch den letzten Neil Dylan-Harrison-Überlebenden, James Hetfield-Yeeeaaah-Yeaaaah-Kuttenjürgens und Eddie Vedders Surflehrern ins kollektive Gedächtnis eingehämmert wurde, was dIe_SzEnE gefälligst für die nächsten Dekaden für einen "Klassiker" halten soll. Seit dem Auftauchen des Bermuda-Dreiecks aus "Musik ist überverfügbar", "Kein Mensch unter 40 liest Musikmagazine" und "Social Media - Der Todesstoß" hat sich DiE_sZeNe allerdings längst in Luft aufgelöst, sieht man von den üblichen ein, zwei gallischen Subkultur-Dörfern ab, in denen aber auch schon länger nicht mehr jeden Abend gemeinsam ums Feuer sitzend Wildschweine gefressen werden, sondern jede*r Wurzelsepp*in mit W-LAN und Shitify-Abo alleine in der frisch geklinkerten Höhle hockt und sich via TikTok das anhört, was man mit einigem Hang zum Absurden als die letzten noch dampfenden Ruinen dessen bezeichnen könnte, was in der Eisenzeit mal unter "Musik" verstanden wurde. Die Gemeinschaft ist am Arsch, liebe Freunde! Und wo die Gemeinschaft am Arsch ist, wird sich auch auf nix mehr geeinigt. Vereinzelung olé! Als ob wir heute noch ein zweites "Reign In Blood" oder "The Number Of The Beast" entdecken könnten, oder auch nur entdecken wollten. Ich beantworte mir die eingangs gestellte Quatschfrage mal flott selbst, sonst gibt's Hirnverknotung mit Sahne: Nein, "wir" "erkennen" keine "Klassiker" mehr.
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Plot-Twit: außer diesem hier, natürlich. Auf "Absolute Elsewhere" konnten sich im letzten Jahr eigentlich alle einigen. Ein Umstand, dem ich üblicherweise mit ausgeprägter Skepsis begegne; man sieht's mir bittschön nach, nicht schon wieder das olle Hildebrandt-Zitat zu bringen. Und wenn dann auch noch die Feuilletons plötzlich aufwachen und ausgerechnet in jenem Genre große Kunst wittern, das traditionell im besten Fall allerhöchstens belächelt wird - und ich füge hinzu: Zurecht! Wenn vor allem der heutige Heavy Metal eines verdient hat, dann dass man sich 24/7 über ihn lustig macht, for fuck's sake - jedenfalls: es wird dann sehr ernst.
Wer die Entwicklung Blood Incantations besonders angesichts des 2019er Albums "Hidden History Of The Human Race" und dem reinen Ambientprojekt "Timewave Zero" begleitet hat, wird von der stilistischen Bandbreite, die "Absolute Elsewhere" abdeckt, eventuell nicht mehr ganz so vehement aus den Schuhen gesprengt werden. Die Band hatte seit jeher ein Faible für Science Fiction in ihren Texten und kosmische Nuancen in ihrer Musik, und präsentierte jene Einflüsse sehr anschaulich in der überaus empfehlenswerten "What's In My Bag"-Folge des in Los Angeles ansässigen Plattenladens Amoeba Music. "We don't play games, man!" sagte Sänger und Gitarrist Paul Riedl zur Veröffentlichung des kontrovers diskutierten "Timewave Zero" Werks - und um das Zitat im Jahr 2024 weiterzuführen, könnte man im Zuge von "Absolute Elsewhere" ein "Now it's getting serious." hinzufügen.
Die Band hat für das in der Berliner Hansa Studios aufgenommene aktuelle Album in jeder Hinsicht alles aus sich herausgeholt. In knapp 44 Minuten und zwei Songs, die in jeweils drei sogenannte Tablets unterteilt sind, sprengen Blood Incantation im Prinzip ein ganzes Genre in die Luft. Wir sitzen auf den Trümmern und fliegen mit diesen vier Irren ins Weltall - man verzeiht mir bitte die abgeschmackte Metapher, aber sorry: sie haben's ja auch irgendwie provoziert. "Absolute Elsewhere" ist ein fremder, weit entfernter Ort. Death Metal der etwas älteren Schule, von der ehemals Bands wie Morbid Angel, Gorguts und Death in den 1990er Jahren abgingen (ich habe möglicherweise relativ exklusiv die Wahrnehmung, dass insbesondere letztgenannte in jenen Momenten, deren Farbauftrag den klassischen Heavy Metal etwas deutlicher durchscheinen lässt, häufiger als Referenz auftauchen), amalgamiert sich mit den Haschkrümeln, die aus den Zottelbärten Pink Floyds, Tangerine Dreams und King Crimsons herausgepurzelt sind, also kosmischer Musik und Progressive Rock der 1970 Jahre, tippt den Hut in Richtung der wegweisenden Science Fiction Metal-Legende Voivod (The Stargate Tablet III, ab Minute 3:42) und lässt obendrein Tangerine Dreams Thorsten Quaesching auf "The Star „The Stargate [Tablet II]“ sich über ein paar Minuten an der Synthiebatterie austoben. Das Songwriting ist dabei derart raffiniert, dass der Band trotz der beiden überlangen Kompositionen zu keiner Sekunde weder der Spannungsbogen abhanden kommt, noch die eigentlich unmöglich zu meisternden Übergänge zwischen dem Death- und Grind-Gehacke und den außerweltlichen, psychedelischen Klangsphären aus der Pilzpfanne des Druiden Deines Vertrauens misslingen. Ich mag mir kaum vorstellen, wie viel Arbeit in diese 44 Minuten geflossen sein muss, um das so punktgenau in unsere Realität zu bugsieren. Ein Wahnsinn.
Ich darf abschließend anmerken:
Erstens: das Break und dessen Aufbau in "The Stargate [Tablet II]" bei Minute 4:11 gehören zum besten, was ich in 40 Jahren Rockmusik gehört habe.
Zweitens: das Abschlussriff von "The Stargate [Tablet III]" ab Minute 4:59 dampfwalzt mich jedes fucking Mal in Richtung Erdkern. Möchte ich auf Lautsprechern hören, die so groß sind wie die Cheops-Pyramide.
Drittens: was für ein Sound! Was für eine Produktion! Achtung, sprechen Sie mir jetzt laut nach: "WAS FÜR EIN SOUND! WAS FÜR EINE PRODUKTION!"
Viertens: Der Übergang von "The Message [Tablet II]" in das einleitende klassische Speed Metal Riff von "The Message [Tablet III] verursacht schwere Schweißausbrüche. Darf man eigentlich nur unter Aufsicht und nach der Starkstromtherapie hören.
Fünftens: das wird womöglich niemand so recht nachvollziehen können, aber das Ende von "The Stargate" klingt für mich, als wäre eine eben noch heißlaufende und kurz vor der Explosion stehende Höllenmaschine (schlimmer Verdacht: das Stargate?) im allerletzten Moment vor der Vernichtung des Universums mittels Plastik-Kippschalter (Hornbach, 99 cent) ausgeschaltet worden und wäre nun allmählich dabei, zunächst herunterzufahren und anschließend abzukühlen. Die Videosequenzen (siehe unten) verstärken den Eindruck noch und ich kann mich daran weder satthören noch sattdenken. Es gibt keinen Zweifel: ich bin wieder 13 Jahre alt.
Sechstens: Die (Death) Metal-Passagen sind bei weitem nicht so abgedreht, technisch und verkopft, wie in so mancher Besprechung zu lesen ist, und wer mit den früh- bis mittneunziger Alben von Death und Morbid Angel sozialisiert wurde, wird hier sehr sanft gebettet. Fans von beispielsweise Nile oder Beneath The Massacre könnten hingegen wegschnarchen.
Siebtens: Der Eros des Überlegenen, umgehend alles in Schubladen einzusortieren und Vergleiche zu finden, ist erstens laaaaangweilig und zweitens vor allem im vorliegenden Fall auch obsolet - mit was willst Du so eine Platte bitte vergleichen? Ich habe aus meiner Hirnverletzung indes nie einen Hehl gemacht, weshalb ich zum großen ABER ansetze: in einem Musikforum stolperte ich letzthin über einen Ansatz, der für mich bis heute so viel Sinn ergibt, dass ich mir nicht zu schade bin, ihn hier zu erwähnen. Obliveons "From This Day Forward" (1990, Active Recrds) klingt in Sachen Vision und Vibe wie ein Prototyp dessen, was 35 Jahre später als das große Universums-Upgrade von Blood Incantation eingespielt wurde. Sowohl Band als auch Album sollten die Zielgruppe so oder so kennen, ganz besonders im Kontext mit "Absolute Elsewhere" könnten vielleicht ein paar Lampen angehen. Hopp-Hopp!
Ich hab's nun schon ein paar Mal ins Internet reingeschrieben und fuck it, ich mach's nochmal: Mutige und visionäre Bands wie Blood Incantation sind Weltkulturerbe. Es scheint, als hätten wir endlich die geistigen Nachfolger Voivods gefunden.
"Keiner kommt hier lebend raus." (Black Spider Clan)
Rückblende in den Oktober 1995. Herr Dreikommaviernull sitzt in einem Flugzeug nach London. Klassenfahrt. Neben mir im Flieger sitzt Tessa. Wir kennen uns nicht besonders gut, aber sie trägt immer schwarze Doc Martens Stiefel, dazu einen übergroßen Parka, und in ihre lange braunen Haare sind kleine Schmucksteine eingefädelt. Tessa wirkt damit zwar sehr cool und alternativ, ist aber stets sehr ruhig und zurückhaltend, introvertiert. Sie spricht leise. Und sie ist unantastbar der größte Fan von The Cure des ganzen Schuljahrgangs. Wäre "besessen" nicht so negativ konnotiert, ich tät's hier hinschreiben.
Ich bin nervös. Zu einen sitze ich zum ersten Mal in einem Flugzeug, zum anderen, naja, sitzt Tessa neben mir, und ich weiß immer noch nicht so recht, ob ich mit 18 jetzt schon in der Pubertät war oder ob das alles noch kommen wird. Unsicher, unbeholfen, unerlöst - Ich habe das volle Paket an Bord. Wir sprechen über Musik und Tessa fragt mich, ob ich denn auch auf The Cure stehe. Tu' ich nicht. Ich kenne zu diesem Zeitpunkt allerdings bewusst nur zwei Songs, und zwar jene, die auf MTV rauf und runter liefen: "Lullaby" und "Friday I'm In Love". In meiner Jugend erscheint das alles zu aufgesetzt und zu theatralisch, die Haare, die Schminke, der ganze Duktus erreicht mich nicht. Es ist vor allem die Stimme des Sängers, die mich provoziert. Ich habe über die Jahre eine wirklich unglaublich schlechte Robert Smith-Parodie entwickelt und welcher Hafer mich auch immer im Landeanflug auf Heathrow gestochen haben mag, sage ich zunächst unangenehm laut "NEIN! OH GOTT, DIE SIND SO SCHLIMM!" und gebe anschließend Töne von mir, die für mich perfekt nach Robert Smith, für Tessa wohl eher wie Isegrim auf LSD klingen, sofern ich ihren Gesichtsausdruck richtig einordne. Wir erkennen erstens: ich war schon damals granatenbescheuert, und zweitens: die Tatsache, dass mir die Szenerie noch so lebhaft in Erinnerung ist, liegt nicht zuletzt daran, dass es mich seit 30 Jahren als Mahnmal begleitet und mich stets daran erinnert, doch bitte nicht mehr so arg doof zu sein.
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Rückblende in den September 2013. Herr Dreikommaviernull ist von Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden nach Last Exit Sossenheim gezogen. Es ist ein früher Sonntagmorgen, vielleicht 1 Uhr in der Nacht. Ich zappe durchs bundesdeutsche Qualitätsfernsehen und bleibe auf 3Sat hängen. Da steht Robert Smith auf der Bühne. The Cure geben ein Konzert. Mir entfährt ein "Fuck, The Cure!" und werde augenblicklich übellaunig. Vielleicht ist meine Antipathie seit den neunziger Jahren etwas erkaltet, aber die Pflege meiner Feindbilder nehme ich nach wie vor ziemlich ernst. Ich finde heraus, dass es sich hier um einen Auftritt in Berlin handelt, an dem die Band drei ihrer Alben hintereinander gespielt hat. Also, komplett. An einem Abend. Veröffentlicht unter dem überraschenden Titel "Trilogy".
"Wer schaut sich denn bitte stundenlang dieses Zeug an? Drei ganze Platten? Alter! Da schnarchst Du doch weg!"
Es ist mittlerweile drei Uhr, und ich bin nicht weggeschnarcht. Im Gegenteil, ich bin hellwach und schaue seit zwei Stunden gebannt dieser Band zu. Smith ist gerade zum letzten Mal von der Bühne gegangen. Ich surfe umgehend zu Discogs und kaufe mir völlig entgrenzt "Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me", "The Head On The Door" und "Pornography" auf Vinyl. Ich habe in dieser Nacht das Licht gesehen. Seitdem bin ich Fan. Vielleicht nicht so besessen wie Tessa, aber der Weg ist ja auch das Ziel.
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Rückblende in den November 2024. The Cure haben vor einigen Monaten ihr erstes Studioalbum seit 16 Jahren angekündigt. Herr Dreikommaviernull ist alleine ob der Aussicht unterwältigt. Mir geht diese ganze Nostalgie-Kaffeeklatsch böse gegen den Strich. Diese ganzen alten Dinosaurier, die sie alle mittlerweile zu nichts als einer Marke, einem "Brand" verkommen sind und sich durch die - freilich ausverkauften - Arenen schleppen, um nochmal so richtig den Rahm abschöpfen zu können. Und sie alle klingen lahmarschig, alt, staubrocken, gelangweilt, satt. "Alles nur Show, alles Fassade" (Blank When Zero), und jetzt reihen sich also auch noch The Cure da ein?
Der Teaser "Alone", knapp fünf Wochen vor dem Albumrelease veröffentlicht, ließ mich zunächst indifferent zurück. Das konnte ich jedoch noch auf meine traditionell ausgeprägten Unzulänglichkeiten schieben, mit einzelnen Songs außerhalb eines Albumkontexts irgendeine Verbindung aufzubauen. Aber dann kam der 1.November. Ein kalter, ungemütlicher, grauer Tag im Frankfurter Westen. Die Lohnarbeit ist heute besonders unerträglich und selbst die Aussicht auf das freitägliche Pizza-Ritual am Abend kann meine Stimmung nicht bessern. Ich könnte jetzt etwas fürs gute Gefühl brauchen, for the German Gemütlichkeit, und sei's nur die auf dem Plattenteller. Auf Instagram tauchen die ersten Beiträge mit Bildern des Vinyl von "Songs Of A Lost World" auf, und die ganze Welt scheint vor Begeisterung zu platzen. Das will in dem Rahmen nichts heißen, zum einen gehören die meisten Schallplattenfreaks genau zu jener oben beschriebenen Gruppe, der Musik mittlerweile kilometerweit am Arsch vorbei geht, solange man sich in dem süßen Kleister der Wehmut suhlen kann, zum anderen gehören Fans von The Cure zu den loyalsten Fans der Welt - die fallen auch auf die Knie, wenn Robert Smith den Beipackzettel eines Durchfallmedikaments auf Hindi vorliest. Und dennoch: ich werde jetzt auch ein bisschen wuschig. Ein bisschen sehr wuschig.
So wuschig, dass ich mich in meiner Mittagspause (zur Einordnung: ich stehe seit über 25 Jahren im Arbeitsleben und habe seitdem maximal 13 Mittagspausen gemacht!) ins Auto setze und zu einem verfickten Mediamarkt (!) fahre, um "Songs Of A Lost World" zu kaufen. Party like it's 1995, Party People! In jenen Zeiten bin ich nämlich auch am Veröffentlichungstag in den Frankfurter Musikladen gefahren, um direkt nachdem Inhaber Thomas Glück die Türen aufschloss, die so heißersehnte und just erschienene Platte mit nach Hause zu nehmen. Manchmal bin ich sogar von der S-Bahn Station Konstablerwache zu der ehemaligen Nummer 1 aller Frankfurter Plattenläden in der Stiftstraße GERANNT, weil ich es kaum mehr erwarten konnte, endlich mein zweites Wohnzimmer zu betreten. Heute renne ich nicht mehr, das Alter, Sie wissen schon. Dreißig Jahre später ist das Gefühl allerdings erschütternd ähnlich.
Als sich am Abend dann die Nadel zum ersten Mal auf die Schallplatte absenkt, hat sich die Indifferenz schon nach wenigen Sekunden in Luft aufgelöst. Ich bin entwaffnet. Wehrlos. Und alles, was ich in den nächsten Tagen und Wochen tun möchte, ist diese Platte zu hören. Zu versinken. In all dem Weltschmerz, all der Melancholie. Die Band hat sich mit dem Release viel Zeit gelassen, und sie lässt sich auch auf "Songs Of A Lost World" viel Zeit, ihre Musik atmen zu lassen. "Alone", "And Nothing Is Forever", "Warsong" und "Endsong" bauen sich Minute für Minute auf, bevor Smith schließlich mit seinem Gesang einsetzt. Das geht praktisch gegen alles, was heute en vogue ist und was sich die von der Überverfügbarkeit von Musik und von der ADHS-Überreizung geschlagenen Menschen heute so unter Musik vorstellen: Intros werden ersatzlos gestrichen, am besten geht's sofort mit dem Chorus los, die Strophen werden unauffällig in das Dauerfeuer aus hyperaktivem Melodiegeflacker gequetscht. Denn wenn's nach sieben Sekunden, irgendein moralisch verwahrloster Marketingmanager wird's wohl mit einer Excelkalkulation herausgefunden haben, nicht gefunkt hat, dann wird zum nächsten musikalischen Nichts geskippt, das einem hoffentlich druckvoller ins Gesicht kotzt.
The Cure müssen sich um sowas keine Gedanken mehr machen, denn die Zielgruppe will's natürlich genau so: alles ist Vibe, alles ist Tiefe, alles ist Vergegenwärtigung. Und so wurde "Songs Of A Lost World" so innig umarmt, wie ich es in den letzten 20 Jahren nur ganz selten erlebt habe. Nimmt man die Statistiken auf Discogs zum Maßstab, hat sich die Schicksalsgemeinschaft der verlorenen Welt innerhalb kürzester Zeit um diese Platte versammelt. Mittlerweile haben dort über 40000 Menschen angegeben, das Album entweder als LP, CD oder Tape gekauft zu haben - und das in nur drei Monaten nach Veröffentlichung. Man verzeiht mir bitte den Pathos, aber die Welt hat ganz offensichtlich auf "Songs Of A Lost World" gewartet. Es hat zum genau richtigen Zeitpunkt die Schmerz-und Reflektionspunkte von gleich mehreren Generationen getroffen.
Das ist auch deshalb außergewöhnlich, weil musikalisch hier so gar nichts nach Nostalgie klingen mag. Es gibt keinen Blick zurück, ich fühle keine Verklärung, ich höre kein wiederaufgekochtes Süppchen aus den Achtzigern. "Songs Of A Lost World" klingt zu jeder Sekunde nach The Cure und absolut zeitgemäß. Textlich ist es bemerkenswert, weil Smith sich in fast jedem Song mit dem Älterwerden befasst, mit dem Zerfall, dem Loslassen, der Einsamkeit, der Isolation, den immer und immer wieder so quälenden Fragen über das Leben und ganz besonders den Tod. Die immer erdrückendere Gewissheit über die Endlichkeit der eigenen Existenz, aus der so viele Fragen und so wenige Antworten im Raum stehen. Mir geht das sehr nahe. Und ich habe noch nicht entschieden, ob es eine gesunde oder ungesunde Nähe ist.
It's all gone, it's all gone
Nothing left of all I loved
It all feels wrong
It's all gone, it's all gone, it's all gone
No hopes, no dreams, no world
No, I, I don't belong
No, I don't belong here
Am Ende des zehnminütigen und hochdramatischen "Endsong" wirft uns Smith ein drei Mal nachhallendes "Nothing" vor die Füße.
"I knew I wasn't making music to release it, it was more of a way to provide myself a safe space and I didn't expect anything to happen, but it looks like it did. My safe space is now out for others to join." (Eftihis aka Theef)
Ich hatte es an anderer Stelle schonmal erwähnt, dass 2024 aus musikalischer Sicht eigentlich ein sehr rockiges Jahr für mich war, und auch wenn die bisherige Bestenliste bislang nur wenige Beweise für jene These ausspuckte, hörte ich im vergangenen Jahr soviel - im weitesten Sinne - Rock wie schon lange nicht mehr. Irgendein altes und verrostetes Scharnier hatte sich wohl wieder ein bisschen gelockert. Ich hatte wieder mehr Lust auf etwas Lautes und Dreckiges, auf Ausgelassenheit und Extrovertiertheit. Ich will nicht über Gebühr mit den vermeintlichen Gründen für diese Entwicklung langweilen, aber ich hielt mich seit Juni 2024 sehr regelmäßig in unserer modrigen Gartenlaube zum Training auf und die Deadlifts gehen mir mit Krach deutlich einfacher von der Hand als mit introspektiven Ambientsounds. Dabei war ja auch nicht alles Rock, was rockte: geradliniger four to the floor Techno mit viel Drive eignet sich zum Heimtrainer-Irrsinn mindestens genauso gut. Und genau hier tanzt "Sun & Smoke" aufs Radar.
"Sun & Smoke" ist eines jener Alben, die schon beim allerersten Kontakt einen Anker setzten, irgendwas war hier schon ab den ersten Sekunden des noch recht ätherischen Openers "Sky Textures" besonders - und um die weitere Entwicklung gleich vorwegzunehmen: es sollte noch besser, noch eindrücklicher werden. Denn "Sun And Smoke" ist nicht zuletzt für A Strangely Isolated Place-Verhältnisse außergewöhnlich lebhaft; in Sachen hypnotisierender Intensität und Dancefloor-Kompatibilität lassen sich, um im Labelkontext zu bleiben, höchstens Vergleiche mit Yagya's "Stormur" ziehen. Banger folgt auf fuckin' Banger. Mich traf das sofort ins Herz. Es macht ungeheuren Spaß, diese Platte zu hören. Bei allem Drive, bei aller Ausdauer, bei aller Tanzbarkeit liegen hier doch viel mehr Komplexität und ein profundes Verständnis von visionärem Sounddesign unter der Oberfläche.
Dabei erschien "Sun & Smoke" schon 2019 als zweistündiges Mixtape auf Soundcloud und Youtube, wo es in Szenekreisen einigen Staub aufwirbeln konnte. Theef, ein bis dato relativ unbekannter Produzent aus Griechenland, stellte seine unveröffentlichten Tracks für das Set zusammen - und Ryan von A Strangely Isolated Place bekam Wind von der Sache. In den späten Abendstunden wurde "Sun & Smoke" zu seinem regelmäßigen musikalischen Begleiter, sodass er Theef schließlich kontaktierte und die beiden über eine Zusammenarbeit sprachen. Ryan pickte anschließend die favorisierten Tracks für eine Vinylveröffentlichung aus. Auf Bandcamp ist auch der vollständige, zwei Stunden laufende Mix verfügbar, der übrigens nicht nur beim Training, sondern auch ganz hervorragend beim Arbeiten funktioniert. Man darf mir vertrauen, ich hab's in unzähligen Excelsessions für euch getestet. Die Platte war gar so erfolgreich, dass das Label ausnahmsweise einen Repress nachschob, um die Nachfrage zu bedienen.
File under: Wenn Jean Michel Jarre im Jahr 2024 ein Technoalbum produzieren würde.
MARY LATTIMORE & WALT McCLEMENTS - RAIN ON THE ROAD
"There's a thing called accountability and you need to open up an account." (Sam Loudermilk)
Und da saß ich eines Morgens auf unserer durchgesessenen, alten Couch mit der ersten Tasse Kaffee des Tages. Es ist 8:30 Uhr. Juni. Der Frühling schwingt noch ganz leise nach, die Luft vibriert noch ein bisschen vom Wiedererwachen des Lebens nach dem Winter. Das Licht ist frühlingshell, selbst wenn es heute eigentlich kein Durchkommen gibt. Der Regen hat nachgelassen, es riecht nach Petrichor und nach nassem Holz. Die letzten vom Dach perlenden Wassertropfen fallen auf den Efeu auf der Terrasse und nach jedem leisen *ping* mischt sich der Duft von in den Händen zerriebenen Blättern in die Atmosphäre.
Ich habe gerade "Rain On The Road" aufgelegt und es läuft der zweite, fast 13-minütige Song "The Poppies, The Wild Mustard, The Blue-Eyed Grass". Ich lese den politischen Essay von Stefan Gärtner in der aktuellen Ausgabe der Titanic, "Some Of Us: Strangers", und in die ohnehin trübe Stimmung wegen des bevorstehenden Arbeitstages vermengt sich noch die Ohnmacht über die Zustände von praktisch allem, Welt, Leben, Menschen, das ganze Scheißuniversum ist einfach fucked.
Und da saß ich also eines Morgens auf unserer durchgesessenen Couch und baller' mir die erste Tasse heißes Agonie-Gulasch in den gierigen Schlund - und plötzlich kippt hier etwas, irgendwas im Raum scheint sich zu verändern. Mein Blick ist jetzt nicht mehr auf Gärtners Text gerichtet, sondern auf den Plattenspieler. Mein Oberkörper fällt nach hinten ins weiche Kissen. Ich höre zu. Habe das Gefühl, ich höre dabei zu, wie sich Leben anhört. Wie sich Erleben anhört.
Mary Lattimore an der Harfe und Walt McClements am Akkordeon haben "Rain On The Road" in einem verregneten Dezember in Los Angeles aufgenommen. Geschrieben wurden die fünf Exkursionen ins Licht auf gemeinsamen Tourneen. Ihre Kompositionen entwickeln sich aus leisen, dürr verästelten Field Recordings und Tontupfern aus Lattimores Harfe und McClements Akkordeon zu magischen, hypnotischen Wellen und Mustern, die in ihren intensivsten Momenten eine bemerkenswerte erzählerische Kraft entwickeln. Viel Demut, viel Faszination - ja, viel Bewusstsein für die Wunder dieser Welt.
"You called me a vagina? How dare you?" (Kurt Cobain)
Eigentlich bekommt man über die komplette halbe Stunde des neuen Albums von Thomas Dybdahl eine Gänsehaut auf den Körper tapeziert. Der norwegische Songwriter jammert, jauchzt, haucht, flüstert seine Kindheitserinnerungen direkt aus seinem Herzen heraus und ist dabei vielleicht so nah bei uns wie nie zuvor.
Die Songs sind dabei in ihrer Anlage auf das absolute Minimum reduziert; psychedelische Experimente, wie sie beispielsweise auf "The Great Plains" zu hören waren, gehören also der Vergangenheit an. Aber was hier drum herum passiert, ist schlicht eine Meisterleistung in Sachen Arrangement und Inszenierung. Zusammen mit dem Stavanger Symphony Orchestra, das sehr subtil, aber stets wahrnehmbar die Dynamiken erkennt und sie in den richtigen Momenten verstärkt oder reduziert (beispielhaft sei auf das unten verlinkte "Graffiti Boy" verwiesen), wirft Dybdahl seine Erlebnisse auf die musikalische Leinwand und lässt keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass hier jede Millisekunde durchgetaktet ist. Was für ein Selbstverständnis, was für ein Vertrauen in die eigene Vision und die eigenen Fähigkeiten.
Und diese Produktion schon wieder - möglicherweise erinnert sich noch jemand an meine Worte zum fantastischen "All These Things" Album aus dem Jahr 2018, das seinerzeit mit der Begleitband von Sheryl Crow aufgenommen wurde und schon außerweltlich gut klang. "Teenage Astronauts" ist ähnlich unmittelbar, so präsent, so intim.
"Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken." (Karl Kraus)
Ein Album wie eine Bestrafung. Eine Wand aus hartem und stumpf pumpendem Industrialnoise, mit Rissen und Kratern übersäht, dazu dumpfe Schläge gegen die Schläfen. Darunter liegen erbarmungslos stoische Trap Beats und Basslines, die an Björks "Army Of Me" erinnern, wenn sie durch einen Industriestaubsauger gejagt und anschließend von einem Irren mit Hackebeil zerstückelt wurden. Und dann kommt Kim Gordon mit ihren stream-of-consciousness Texten und dreht alle Intesitätsregler auf Kernschmelze.
Noch nie habe ich mich beim Anhören einer Kofferpackliste so klaustrophobisch gefühlt wie im Opener "BYE BYE", andererseits hat mir auch niemand jemals eine Kofferpackliste vorgelesen. In "I'm A Man" klingt Kim wie ein betrunkener Psychopath in der Brunftzeit und singt "So what if I like the big truck? Giddy up, giddy up", und das bloße Anheben ihrer Stimme im letzten "Giddy up" jagt mir ein Gewitter durch die Großhirnrinde. Jede gesprochene und verzögerte Silbe, jede Pause, jeder Nachhall, jedes nachgehauchte "yeah" und halb verschluckte "uh", jeder noch so minimale Glitch in ihrer Stimme ist durchdachte Strategie.
Was bemerkenswert ist, denn welches Bild und welche Assoziation schließlich bei uns allen ankommen, ist so ambivalent wie zufällig. Gordon feuert diese sowohl musikalische als auch lyrische Kakophonie aus tausend Rohren, ist manchmal verletzlich, manchmal monströs und es scheint, als ob die Deutungshoheit von genau jenem Nerv ausgeht, der gerade in mir selbst angepiekst wurde. Insofern, und hier schließt sich der Kreis zum Eingangssatz, hat Gordon den Boden mit glühenden Legosteinen ausgelegt und schubst mich durch den dunklen Raum.
"The ideal subject of totalitarian rule is not the convinced Nazi or the convinced Communist, but people for whom the distinction between fact and fiction (i.e., the reality of experience) and the distinction between true and false (i.e., the standards of thought) no longer exist."
(Hannah Arendt, 1951)
"Muss es eigentlich immer nur dieser Schönklang sein? Muss immer alles in dieser rosaroten Watte eingepackt sein, die die fiese Fresse dieser eiskalten, verlogenen, verdreckten Scheißwelt da draußen stopft? Wo ist denn bitte Dein Nihilismus hin? Wo ist Dein Zorn? Du furzt nur noch Deine Couch voll, Florian! Teilst Bilder von Deinen Scheißplatten im Internet und zeigst stolz Deine "Fuck Capitalism"- Tasche. Die Ironie erkennste, ne?!"
Kinder, das kann alles sein, aber hört euch doch mal bitte "Green Shade" vom aktuellen Album von Alex Albrecht an. Oder "Minak Reserve". Und jetzt machen wir uns alle mal einen schönen Kaffee, machen das Fenster weit auf, schnurzpiep, dass es da draußen gerade schneit, ziehen entspannt einen durch und dann unterhalten wir uns nochmal über Nihilismus. Nice try, gelle?! Das geht dann nämlich gar nicht mehr. Wegen der Genetik, oder so. Klingt wissenschaftlich, muss demnach also stimmen. Gibt's bestimmt einen Podcast von zwei weißen Super-Bros drüber, die ihre Sätze mit "Ich hab ja letztens gelesen, wo war das gleich - stimmt, in der WELT!" beginnen.
Die Wahrheit ist aber eine andere, denn Alex Albrecht bringt uns die Schönheit des australischen Dschungels ins Wohnzimmer. Oder auch aufs Gästeklo, wenn Du willst. Das ist dem Alex nämlich egal, wo Du das Licht siehst. Stellt Dich mal auf die kommenden Endgegner ein: Field Recordings von zwitschernden Vögeln, murmelnden Pflanzen (Farne! FARNE!), knarzenden Mammutbäumen, quietschendem Moos, ein in Sepia getupftes Piano, die frischkäsigsten Basslines, die hypnotischsten Tribalbeats und die Sonne auf halb acht am Abend. Ich erinnere mich an meine Kindheit und das Herumtollen mit meinen Buddies an einem Sommerabend in den späten 1980ern in einem Frankfurter Vorort, als die Luft nach Sonne schmeckte.
Die Sache ist die: Jeder hat seine eigene Geschichte. Der in Perth geborene Produzent vertont die seine auf Alben und in DJ Sets. Meistens improvisiert er über eine vorab ausgewählte Palette von Beats, pickt sich die passende Tonart heraus und geht auf seine Reise durch die Natur. Und da gehen wir dann eben einfach mit. Unseren Nihilismus und unsere Verzweiflung tragen wir von mir aus im Rucksack mit uns herum, aber ich muss mich doch nicht die ganze Zeit anschreien lassen.
Wenn ich Kopfweh habe, nehm' ich auch 'ne Tablette.
After rape, abortion, lover's betrayal, child's birth, child's death,
husband's abuse
Tricking to buy baby shoes
She must
Be called a muse
Which is just a synonym for use
Put upon pedestals
Dainty and protected
And because of that disrespected
Victorianized
Made a paradox of famous anonymity
Left to go insane with too much femininity
Staring at yellow wallpaper
(Ursula Rucker, "What A Woman Must Do", 2003)
"Socha" ist eine Messe. Ich meine das nicht im religiösen Sinne. Wobei, vielleicht...doch?! Es hat einen ganz besonderen Pull, einen Drang zur Ernsthaftigkeit, auch etwas Asketisches. Vor allem letzteres mag auf den ersten Blick eine irritierende Einschätzung sein, denn eigentlich gibt das die Musik nicht so recht her. Die ist zwar minimalistisch, aber nicht selten dennoch theatralisch, brodelnd, gewaltig und verbindlich. Ganz bestimmt ist sie in der Schattenwelt zu Hause, in alten, dunklen Gemäuern, deren Inneres von an der Wand hängenden Fackeln erhellt werden.
Das Bild kommt nicht von ungefähr, weil es sich manchmal so anfühlt, als würde ich nachts durch ein Kloster laufen, und zwar im 17.Jahrhundert. Ich werde garantiert daran scheitern, hier präzise herauszuarbeiten, wie sich Fülle und Minimalismus, Askese und Sinnlichkeit auf "Socha" miteinander verbinden, also nähern wir uns lieber mit einem Zitat an. Johan Edlund von der Heavy Metal Band Tiamat sagte mal über Dead Can Dance, deren Musik würde ihn an die unterschiedlichsten Orte versetzen, mal stehe er in einer riesigen Kathedrale, mal in einem tiefen Wald. Meine Theorie dazu ist, dass Musik in solchen Ausnahmefällen irgendeine Verbindung ins Innere findet und dort an gelebte Leben andockt, an Erinnerungen, Ängste, vielleicht auch ans Unterbewusstsein oder einfach nur an die Dose mit veganem Heringssalat, der das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hatte, whoopsy - und dort eine Art Feedbackloop erzeugt, der dann mit Bildern antwortet.
"Socha" gelingt ein ähnlicher Verbindungsaufbau. Vielleicht sind es die zahlreichen Spoken Word Passagen, die mystischen Gesänge aus unterirdischen Höhlensystemen, die Atemgeräusche, die aus der Ferne über offene Felder rituell-donnernden Trommeln, die "Socha" auf mich so...sakral wirken lassen.
Ein ganz bemerkenswertes, hintergründiges und inspirierendes Album.
"Irgendwann wird es die Kraft der Polemik gar nicht mehr geben. Nur noch Worthülsen, die im Brackwasser der Beliebigkeit untergegangen sind!“ (Georg Schramm)
Dass mir am Ende des Jahres 2024 tatsächlich nochmal eine Stonerrockband derart die Beine weggrätscht, ist mit Verlaub unerhört. "Tundra Rock" von diesem aus Norwegen stammenden Quartett ist eine von jenen Platten, die schon ab der ersten Sekunde eigentlich keine Chance darauf hatte, sich durchzusetzen - und fuck me, diese Chance hat sie genutzt.
Langsam, langsam, laaaangsaaaam - die Barrieren im Kopf müssen erstmal von einem gepanzerten Unimog plattgemacht werden, klar - wurde es aber mit jedem Durchlauf offensichtlicher: das hier ist anders als der Rest der aalglatten Schwiegermuttercombos, die seit 20 Jahren das Genre mit aufgespritzten Bollersounds und manierierter "Echte Männer heiraten ihre Bremsstreifen"-Ästhetik in die nächstbeste Senkgrube manövriert haben. Es ist vor allem echter. Dabei, und ich kann nicht genug darauf herumreiten, ist hier musikalisch praktisch alles zusammengemopst. Und natürlich alles bei Kyuss und Queens Of The Stone Age. Und jetzt kommt's: es ist mir scheißegal. Das macht alles zu viel Spaß, sorry.
Größtes Wunder ist möglicherweise, dass die Band es irgendwie hinbekommen hat, sich nicht ständig am absoluten Intensitätslimit zu bewegen, ohne dabei den Impact, die Wucht ihrer Grooves und Riffs zu opfern. Hier ist Luft zum Vibrieren. Maximale Heaviness bei maximaler Lässigkeit. Wer sich vom instrumentalen Schlussteil von "Red Thundra" mal aus den Latschen ballern ließ, wird's vermutlich sofort verstehen. Mein heimlicher Favorit auf einer nahezu makellosen Platte ist der Abschlusstrack "Dune" mit seinen beschwörenden Backingchören, die einem tagelang in den Ohren kleben bleiben. Die sind garantiert auch irgendwo geklaut.
Nach ihrem Album "Ekstasis" aus dem Jahr 2012 ist mir die kalifornische Musikerin Julia Holter ziemlich vom Radar gerutscht. In meinen Einlassungen zu besagtem Album schrub ich damals, noch nicht genau zu wissen, was ich mit der Musik anzufangen habe - und trotz meiner grundlegend positiv geratenen Bewertung fürchte ich heute, dass meine sich in den kommenden Jahren zeigende Ignoranz Gründe hatte. Das neue Album "Something In The Room She Moves" wurde von Kritikern wie Anthony Fantano und Menschen, auf deren Urteil ich mich im Großen und Ganzen verlasse, mit Lob überschüttet, weshalb ich mich nochmal dazu aufschwang, nach einem Eingangstor in ihren musikalischen Kosmos zu suchen.
Ich kann heute berichten, es möglicherweise gefunden zu haben. So richtig einfach macht sie es mir aber immer noch nicht. Holter schwebt wie gewohnt über alle stilistischen Grenzen hinweg, experimentiert mit dekonstruierten Songarrangements, mehrdimensionalen Stimmungen und Melodien, taucht mal in jazzigen Gefilden auf, dann wieder in diesigen Ambientfeldern ab, setzt poppige Akzente im Kontext elektronischer Musik wie in "Spinning", und hat insgesamt eine dennoch fein austarierte Mischung aus Außenseiter-Pop und Avantgarde entwickelt.
Die drei Leuchtfeuer des Albums "Sun Girl", "Spinning" und "Evening Mood" sind wie der Titeltrack bei aller Experimentierfreude leichter zugänglich, während Produktionen wie "Meyou", "Ocean" oder "Materia" - letztgenannter glänzt darüber hinaus mit einer besonders beeindruckenden Gesangsperformance - das Pendel in den verkopften Bereich ausschlagen lassen. Im Mittelpunkt steht für mich allerdings die schlicht atemberaubende Produktion, die sowohl die Musiker als auch die Zuhörer gegenwärtig werden lässt und die Aufmerksamkeit unmittelbar in den dreidimensionalen Raum dieser Musik zieht.
"Something In The Way She Moves" ist eine wahrhaft immersive Erfahrung.
"Zu Deutschland noch eins: Wenn man Kriege verhindern will, darf man nicht der drittgrößte Waffenexporteur sein wie Deutschland und an jedem Krieg verdienen." (Gregor Gysi)
Erst in allerletzter Sekunde ist mir diese Neuinterpretation von Warmths Album "Parallel" in die Jahresendabrechnung geschlittert. Das Original erschien im Jahr 2018 und gilt für Genrefreunde mittlerweile als kleiner Klassiker des minimalistischen Ambient. Wie bereits auf seinem Album "Essay" gelang dem aus Valencia stammenden Produzenten Agus Mena auf "Parallel" die Inszenierung seiner Musik mit majestätischer Eleganz, ohne jeden Anflug von Dramatik. Die Weichheit seines Sounds und die außerordentlich subtilen und geschmackvollen Verschiebungen in den unterliegenden Schichten sind legendär, weshalb "Parallel" sich auch bestens für Schlafmusik eignet. Um Missverständnisse zu vermeiden: das ist alles andere als despektierlich gemeint. In diesen Zeiten sollten wir glücklich über alles sein, was uns diesen ganzen Schwachsinn da draußen für wenigstens ein paar Stunden entfliehen lässt, ohne alle zehn Minuten schweißgebadet aufzuwachen.
Für diesen im September 2024 erschienenen zweiten Blick auf das Album hat Warmth im Vergleich zum Originalwerk mehr Lichtschattierungen, mehr Reflektionen (pun intended) eingehäkelt, die die Stimmung für mein Empfinden etwas mehr in die nicht mehr ganz so frühen Morgenstunden schweben lassen. Mehr Hoffnung, mehr Bewusstheit, mehr Vertrauen. Alles für einen neuen Tag.
Der medizinische Einsatz von "Parallel (Reflection)" zur Behandlung von Angstzuständen sollte in Betracht gezogen werden.