"Music is a place to take refuge. It's a sanctuary from mediocrity and boredom. It's innocent and it's a place you can lose yourself in thoughts, memories and intricacies." (Lisa Gerrard)
Dead Can Dance kamen spät in mein Leben. Als die Herzallerliebste und meine Wenigkeit sich im Dezember 1999 dazu entschlossen, fortan gemeinsam durchs Leben zu ziehen, verbrachte ich die Wochenenden der nächsten Monate zumeist in Alinas Zweieinhalbzimmerwohnung in Nürnberg. In den noch kalten und schneereichen Wintermonaten, bei Kerzenschein, Kaffee und Räucherstäbchen, versuchten wir, soviel wie möglich über uns herauszufinden und zusammenzuwachsen. Alina verbrachte bereits viele Jahre vor unserem Zusammentreffen in der schwarzen Szene, zunächst in Kiel, später dann im fränkischen Städtedreieck Nürnberg - Erlangen - Fürth, und ihre CD-Sammlung belegte das eindrucksvoll. Für mich war das eine neue Welt. Zwar waren mir die Namen vieler Bands und Musiker des Gothic- und Dark Wave-Milieus geläufig, nicht zuletzt aufgrund der bestehenden Schnittstellen mit der Metalszene, daher waren mir auch Dead Can Dance ein Begriff - auch wenn es an dieser Stelle lohnenswert ist darauf hinzuweisen, dass die beiden Gründer Lisa Gerrard und Brendan Perry in recht strenger Opposition zu der Einsortierung ins Genre des Gothic Rocks stehen.
Ihre Musik hörte ich hingegen abseits dessen tatsächlich zum ersten Mal in einer kalten und verschneiten Dezembernacht, womit wir wieder bei der Bedeutung des "Set & Setting" angekommen wären: ich befand mich also in einer Stadt, deren mittelalterliche Architektur mit Kaiserburg, gotischen Kirchen, Fachwerkbauten und den engen, unterirdischen Felsengängen mich ohnehin schon schwer beeindruckte, war Hals über Kopf verliebt und ausnahmsweise bereit, mich künftig ohne Sicherheitsnetz auf alles Neue einzulassen. Es waren wilde, intensive Zeiten. Die musikalische Begleitung durch Dead Can Dance wurde obligatorisch. Manchmal liefen ihre Alben wie "Spleen And Ideal" und "Within The Realm Of A Dying Sun" ab meiner Ankunft am Freitagnachmittag bis zu meiner Abfahrt am frühen Montagmorgen über das gesamte Wochenende hindurch, selbst in der Nacht; höchstens hier und da mal kurz von unseren samstäglichen Besuchen in der Nürnberger Rockfabrik unterbrochen. So entstanden sehr eindrückliche, intime und bis heute unvergessene Momente mit ihrer Musik.
In jenen Zeiten kam es dann auch zu den ersten Begegnungen mit "Aion". Das im Juni 1990 erschienene Album legte im Unterschied zu den vorangegangenen Arbeiten einen Schwerpunkt auf mittelalterliche Musik im Übergang zur Renaissance, und auch wenn man mit der Einlassung gesichertes Terrain betritt, ihrer Musik sei bereits ab Tag 1 eine sakrale, feierliche Qualität inhärent gewesen, so ist die sich auf "Aion" verstärkt zeigende Aneignung orientalischer und europäischer Volksmusik und deren Verschmelzung mit dem Mittelalter vor allem in der atmosphärischen Anschauung zu früheren Werken bestimmend. Brendan Perry äußerte sich über das Songwriting für "Aion", dass er und Gerrard über zwei Jahre hinweg nur wenig anderes als Troubadour- und Trouvère-Musik gehört hätten, eine Musikrichtung, die sich im Frankreich des 12. und 13. Jahrhunderts entwickelte und aus einer Verschmelzung europäischer weltlicher Volksmusik mit orientalischen Instrumenten und Einflüssen der Kreuzfahrer entstand.
Als das Duo 1984 mit ihrem selbstbetitelten Debutalbum auf dem englischen Label 4AD (u.a. Heimat der Cocteau Twins und von This Mortal Coil) auf der Bildfläche erschien, wurde ihr Name schnell zum Synonym der aufkeimenden Alternative-Bewegung, die im Streben nach Authentizität den Kontrapunkt zum Mainstream der kommerziellen Musikindustrie setzen wollte. Die vor allem in England zur Mitte der 1980er Jahre sich aus dem (Post-)Punk entwickelnde Gothic-Szene mit Bands wie Bauhaus oder Christian Death konnte als fatalistische Gegenbewegung zur sich immer rasanter zeigenden Industrialisierung der modernen Welt interpretiert werden; ein Rückzugsort für alle, die sowohl von der Leere und Oberflächlichkeit, als auch der schieren Boshaftigkeit und Kälte der Neuzeit überwältigt waren. Wo weite Teile dieser Szene die abrasiven Elemente jenes Protests verstärkten und ins Groteske, Abgründige eintauchten, verschob sich der Ansatz bei Dead Can Dance hin zum Exotischen und Spirituellen. Nach der US-Amerikanischen Musikwissenschaftlerin Kirsten Yri nahmen Gerrard und Perry damit auch die ab den 1990er Jahren außerordentlich erfolgreichen Entwicklungen der Weltmusik vorweg, eine Ära, die von den gregorianischen Gesängen bei Enigma, Deep Forest und der Wiederentdeckung der Musik von Hildegard von Bingen geprägt war. Die Ablehnung der modernen Welt einerseits und der Enthusiasmus für das romantisch-idealisierte Mittealter zeigt sich darüber hinaus in Interviewaussagen der beiden Musiker. So sprach Gerrard über die zeitgenössische Gesellschaft von "einer Kultur, die unentwegt Roboter produziert". Perry, befragt zu seiner Faszination für das Mittelalter, wird wie folgt zitiert:
"I'm very interested in medieval society because the actual structure was very simple to understand. The relation of music and religion and other aspects portrayed more Things simply. We live in a world now which is far more complex."
Das Kernstück auf "Aion" hinsichtlich der mittelalterlichen Einflüsse ist "The Song Of The Sibyl", einem im iberischen Raum seit des Mittelalters bekannten und bis heute aufgeführten Stück.
"Der noch heute an einigen Orten in katalanischen Dialekten vorgetragene Gesang geht auf lateinische Manuskripte aus Klosterbibliotheken des 10. Jahrhunderts zurück. Diese Texte entstanden ihrerseits aus Voraussagen, von denen man im Mittelalter annahm, dass sie von antiken vorchristlichen Seherinnen stammten. (…) In ihrem Gesang sagt die Sibylle die Wiederkunft eines christlichen Erlösers und das Ende der Welt voraus. Sie betont, dass in diesen Tagen des apokalyptischen Gottesgerichtes nur die treuen Diener Gottes ohne Rücksicht auf sozialen Status belohnt, andere aber vom Zorn Gottes bestraft, wehklagen und untergehen würden." (Wikipedia)
In Kirsten Yris sehr lesenswerter Abhandlung über die seitens der Band verarbeiteten mittelalterlichen Elemente in ihrer zwischen 1988 und 1991 erschienenen Musik, wird auch auf die auffällige Nähe der Version von Dead Can Dance zu einer Aufnahme des Stücks vom Kollektiv Ars Musicae De Barcelona aus dem Jahr 1974 hingewiesen. Dead Can Dance machen jedoch zugleich Gebrauch von modernen Aufnahmetechniken und führen ihrer Interpretation mehr Hall und Echo zu, was den spirituellen Kontext des Auftritts weiter vergrößert, weil der Eindruck entsteht, man höre den Musikern beim Vortrag in einer großen Kathedrale zu. Die Wirkung des Albums ist von diesem Fokus auf Spiritualität direkt beeinflusst. Wo die gesamte ästhetische Architektur von Dead Can Dance, hier vor allem auf den ersten drei Platten, von der Bearbeitung und Darstellung überwiegend dunkler und geheimnisvoller Themen abhängig war, zieht auf "Aion" eine hellere Aura ein. Das ist kein Optimismus; sowohl Ober- als auch Untertöne ihrer Musik sind immer noch überwiegend ernst und intensiv. Aber die wahrnehmbare Transzendenz zum stärker als zuvor umrissenen Eskapismus entledigt sich dem Druck, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit. Für mich ist "Aion" damit der Abschluss jener mit "The Serpent's Egg" (1988) eingeleiteten transzendentalen Ära und außerdem ihr letztes wirklich herausragendes Werk.
Vinyl und so: Der nerdige (und nervige) Teil meiner Existenz möchte ganz grundsätzlich zu einer gut erhaltenen Originalausgabe des Albums raten, zumal man sich preislich im Vergleich zum Reissue aus dem Jahr 2017 erfreulicherweise nichts nimmt, beide Optionen kosten aktuell um die 20 Euro. Zugleich gebe ich zu Protokoll, dass die 2017er Nachpressungen offensichtlich von guter Klang- und Pressqualität sind.
Weiterhören: "Dead Can Dance" (1984), "Spleen And Ideal" (1985), "Within The Realm Of A Dying Sun" (1987), "The Serpent's Egg" (1988)
"Sometimes I don’t listen to anything; I listen to birds." (William Basinski)
Sowohl Umfang als auch Qualität meines musikalischen Frühlings- und Sommerkatalogs des Jahres 1994 waren atemberaubend. Ich war in der 11.Klasse und hatte mich just aus dem erschütternden Tief des Halbjahreszeugnis' mit gleich zwei glatten Fünfern in Geschichte und Chemie erfolgreich herausgeschaufelt, die neuen Alben von Fates Warning, Soundgarden, Tiamat und Vicious Rumors in Dauerschleife auf den Ohren, und außerdem blickte ich auf einen weiteren Sommer im Glitzerfummel auf den Rollschuhbahnen des germanischen Kartoffelackers:
Etwas "auf den Ohren" zu haben klingt zwar ein bisschen nach Boomer-Bernd, aber es war ziemlich wörtlich zu nehmen, wenn ich mir auf den täglichen Busfahrten ins Training meine neuen Lieblingsplatten mittels Walkman und den steinzeitlichen, weil auf den Ohren aufsitzenden Kopfhörern in die aurale Blutbahn feuerte. Der große Nachteil dieser Kopfhörer war, dass sie mit ihrem dünnen Klappergestell alles andere als fest auf den Ohren lagen - und weil Rebelli-Flori seine Musik immer zwei Handvoll Dezibel über der Schmerzgrenze hören wollte und der aus den 1980er Jahren stammende Walkman noch keine Lautstärkelimitierung eingebaut bekam, wurde also der ganze Scheißbus mitbeschallt. Aus heutiger Sicht eine völlige Zumutung, damals war ich aber davon überzeugt, es so genau richtig zu machen. Nun waren manche Platten entweder schon im Original etwas leiser gepegelt, oder die Schrottaufnahme auf der schon zigfach durchgenudelten Kassette glättete die lautesten Stellen, womit sich die irritierten bis bösartigen Blicke der Mitreisenden in Grenzen hielten. Aber dann kam "Troublegum".
"Troublegum" ist ungeheuerlich laut. "Troublegum" hat einen unerbittlichen Punch; die Snare alleine kann töten. Und "Troublegum" war folgerichtig dafür verantwortlich, zum ersten und einzigen Mal wegen der Lautstärke im Bus angeraunzt zu werden.
Das vierte Studioalbum der nordirischen Band ist nicht nur wegen seiner Produktion einzigartig. Streng genommen kam mir auch aus stilistischer Sicht bis heute keine vergleichbare Platte unter. Die Noiserock-Elemente der Vorgängeralben vermischen sich hier mit melodisch-abgedunkeltem Punk, abgründigem Postpunk und einem indifferenten Goth-Vibe mit Teenage Angst in den Texten. So erinnert der Refrain von "Hellbelly" ein kleines bisschen an den Type O Negative Hit "Black No.1", "Lunacy Booth" (mit Silver Fishs Lesley Rankine als Gastsängerin) gar an die legendären Warrior Soul und deren Spiel mit Harmonien zwischen dem führenden Bass und der flächenbildenden Gitarre. "Femtex" channelt in den Strophen Metallicas "One" und über praktisch jeder Note dieses Albums schwebt sowieso der Geist von Helmet:
"We went on tour with Helmet in America and we just loved the way they used the power of the riff to stop and start, with these staccato blasts." (Andy Cairns)
Wo hat man eine solchen Mix mit diesem Zug, diesem Drang vorher oder nachher nochmal gehört? Ich glaube es Ihnen, auch wenn nur Sie es wissen. Und apropos Helmet: deren Gründer/Sänger/Gitarrist Page Hamilton spendierte sogar ein Solo für den Song "Unbeliever", den Therapy? nach Abschluss der Aufnahmen unbedingt als erste Single auskoppeln wollten. Nach dem Veto der Plattenfirma ("Wir haben euch noch nie in irgendwas reingeredet, aber das ist eine wirklich schlechte Idee!") wurde es schlussendlich "Nowhere" - und damit zu einem ihrer größten Hits. Cairns: "I guess they were right."
Über dreißig Jahre nach der Veröffentlichung klingt "Troublegum" immer noch irrsinnig gut und dazu sogar überraschend zeitgemäß. Dass man hier auf keine vielschichtigen und komplexen Songstrukturen stoßen wird ist ebenso eine Wahrheit wie dass über die zigfachen Wiederholungen der Refrains mit ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit diskutiert werden müsste. Vielleicht fehlt damit auch ein bisschen...Gravitas?! Aber, und auch das gehört zur Einzigartigeit von "Troublegum": es ist und bleibt einfach eine fast schon unwirkliche Ansammlung von Hits. Nicht nur die im besten Fall üblichen zwei oder drei - nein, vierzehn! Vierzehn Hits!
Vinyl und so: Die Erstpressung auf grünem Vinyl in gutem Zustand bekommt man für etwa 70 Euro. Die günstigere Variante ist die Wiederveröffentlichung von 2021 von Music On Vinyl auf schwarzem Vinyl, die es immer noch für um die 30 Euro gibt. Auf Discogs sind Kommentare zu lesen, die sich über den Sound ebenjener Version beschweren, aber die Leute sitzen wie so oft einfach alle auf ihren Ohren: Die 2021er Pressung klingt absolut fantastisch und sei meinen ehrenwerten Leserinnen und Lesern hiermit dringend empfohlen. Zum 30.Jubiläum wurde das Album 2024 außerdem noch mit zwei neuen Re-Releases bedacht: eine Standardversion auf Caramel-Vinyl und die Deluxeversion als Doppel-LP in den Farben Silber und Lavendel. Kein Gatefold und keine Linernotes, dafür aber (bereits veröffentlichte) Single B-Seiten und EP-Tracks auf der zweiten LP. Ich kenne diese Variante nicht, aber auch wenn sich das verantwortliche Presswerk GZ Media in den letzten Jahren hinsichtlich der Qualität ihrer Pressungen durchaus verbessert hat, mahne ich vor allem angesichts des hohen Preises (50+ Euro) zur Vorsicht.