And now to something completely Dingsbums: was mich an "Omega", dem aktuellen Album von Detroits Techno-Opa Robert Hood, am meisten fesselt ist sein makelloser Aufbau, die geradezu stromlinienförmige Entwicklung seiner Tunes, seine perfekt ausgearbeiteten Nuancen der Schatten, der dunklen Ecken, der Unwirklichkeit.
"Omega" bezieht sich inhaltlich auf den Film "The Omega Man" von 1971, ein düsterer Science Fiction-Streifen über ein außer Kontrolle geratenenes Bakterium, das die Menschheit vernichtet, und es gelingt Hood tatsächlich mühelos, die düstere Untergangsstimmung nach zu zeichnen. Er hat allerdings auch aktuelle Studien zur Hand: im Grunde ist "Omega" eine Situationsbeschreibung seiner Heimatstadt Detroit:"You can look at downtown Detroit at night after the nine to five have migrated home and it turns into a ghost town. You had abandoned buildings during the crack epidemic and this progressive city had these ‘zombies’ walking the street. Detroit is a prophetic vision of the sign of things to come." Ausgezehrt und entstellt.
Sein Minimal Techno rauscht und zischelt, ist in futuristisches Silber getaucht, er glänzt und ist bei näherem Hinhören gar nicht so straight, wie man meinen könnte. Die Soundshifts sind kaum wahrnehmbar, die vertrackten Rhythmen entfalten sich in düseren, brettharten Patterns, ohne dass man ihnen direkt folgen kann. Fettfrei, muskulös und vielleicht das Wichtigste: völlig kompromisslos. Und dabei doch erstaunlich lyrisch, aber nicht in dem Sinne, wie wir es von den sogenannten Autorentechno-Platten der letzten Jahre kennen. Hood gibt einen Scheiß auf Allgemeinplätze und auf hell ausgeleuchtete Flächen, die man der Melancholie zuliebe mit einem Dimmer aus dem Werkzeugkasten für Jedermann abgedunkelt hat. Vielmehr ist ihm mit "Omega" ein für heutige Verhältnisse nicht nur in der Aussage sehr rauhes, untrendiges Techno-Album gelungen, dass seine Geschichte nicht erzählt, sondern sie mit jedem Durchlauf neu erlebt. Das ist toll, und ich habe ein solch durchgreifendes, stoisches und dabei überaus opulentes Techno-Album schon seit langer Zeit nicht mehr gehört.
Es bleibt eine seltsame Angelegenhet, aber eine sehr inspirierende und anregende.
Ich weiß - mit dieser Überschrift hole ich mir wieder das größte Pack auf meinen Blog - aber sei's drum.
Es mag auf den ersten Blick etwas seltsam anmuten, dass ich hier tatsächlich ein paar Sätze über die größte Metalband aller zeiten (keine Widerrede!) verliere, und womöglich verbessert sich der Eindruck auch auf den zweiten Blick nicht wesentlich. Gerade ich, der ohne Iron Maiden wohl nie zur harten Musik gefunden hätte - oder zur Musik überhaupt, wer weiß das schon? - und der wenigstens außerhalb dieses Blogs schon so oft und auch so ausschweifend über seine Beziehung zu dieser Band referierte, manchmal sehr zum Leidwesen Anwesender. Da ist doch schon alles gesagt.
Im Grunde ist das völlig richtig und auch wenn es verlockend wäre, besonders über die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre Bandgeschichte zu berichten, muss ich mir immer wieder vor Augen halten: das ist kein Iron Maiden-Blog. Und wenn ich einmal damit anfinge, dann fände ich kein Ende mehr. Es gibt zuviel zu erzählen, zuviel zu bewerten, zuviel zu spekulieren. Womit wir schon einen ihrer Erfolgsfaktoren genannt hätten: Maiden lassen zwischen sich und der Öffentlichkeit soviel Luft alleine hinsichtlich des Managements, des Bandgefüges oder, etwas martialisch/animalischer beschrieben, der "Rangfolge" innerhalb der Band, dass dem Fan ebensoviel Luft zum Spekulieren bleibt. Aber ich schweife schon ab. Ich sollte mich lieber auf das konzentrieren, was mich ursprünglich zu diesem Blogeintrag brachte: der Umgang mit der Frühphase. Und hier insbesondere mit den ersten beiden Alben, das selbstbetitelte Debut sowie dessen Nachfolger "Killers".
In meinen Augen wird diese Phase von beiden "Parteien", also den Fans auf der einen und der Band selbst auf der anderen Seite immer wieder kolossal unterschätzt - wobei es hier sicherlich eine Rolle spielt, dass zunächst mal viele Fans derart auf die Post-"Killers"-Ära fixiert sind und die ersten beiden Scheiben grundlegend ausblenden, was sich dann natürlich im Umgang der Band mit ihren Frühwerken niederschlägt. Zum einen hören Maiden immer sehr genau auf das, was die breite Masse ihrer Fans will (weshalb wir auf Konzerten bis ans Lebensende von Steve Harris auch Songs wie "The Number Of The Beast" oder "Fear Of The Dark" hören werden), zum anderen strömen dank eines überragenden Marketings auch immer noch Tausende junge, neue Fans in die Konzerthallen, die Maiden noch niemals zuvor auf der Bühne sahen. Und da man es sich mit ebenjenen nicht gleich wieder verscherzen will, wenn man ihnen nicht die Klassiker hinschmeißt, werden die eben gespielt, bis es allen aus den Ohren herauskommt. Von den ersten beiden Alben ignoriert die Band bis auf den Standard "Iron Maiden" vom Debut, das traditionell den offiziellen Teil eines jeden Gigs beschließt, und allerhöchstens noch "Wrathchild" von Nachfolger seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten alles weitere, vermutlich in dem Glauben, niemand wolle die alten Schinken hören. Aber gut, Iron Maiden und Setlists, allein darüber könnte ich bis 2038 durchschreiben - vielleicht komme ich darauf irgendwann nochmal zurück. Dass man 2003 eine Motto-Tournee fuhr, die sich auf die Songs der ersten vier Alben bezog, was dazu führte, dass man auch schon lange nicht mehr gehörte Tracks der frühen achtziger Jahre bewundern durfte, blieb die Ausnahme.
Was mich an diesen beiden erwähnten Scheiben so fasziniert ist ihre unterschiedliche, offenbar generationsbedingte Rezeption im Vergleich mit späteren Alben. Wo sich locker 98% der Fans hinsichtlich der Qualität der Phase zwischen 1982 und 1988 komplett einig sind, gehen die Meinungen überraschenderweise nicht nur für den qualitativ viel überschaubareren Bereich 1990 bis 1998, sondern eben auch für "Iron Maiden" und "Killers" auseinander. Selbst Maiden-Boss und -Bassist Steve Harris bezeichnet das Debut (neben dem 1986er Opus "Somewhere In Time") als schwächsten Maiden-Output, fügt jedoch schnell hinzu, das läge in erster Linie an der Produktion von Will Malone, "die Songs an sich sind okay.". Okay. OKAY! Was für eine bodenlose Frechheit.
In meinem Bekanntenkreis tummelt sich der ein oder andere Musikfan, der die Anfänge von Maiden hautnah miterlebte. Heiko, der Bassist meiner ehemaligen Band BROKEN beispielsweise, sah sie 1980 im Vorprogramm von Kiss auf dem Frankfurter Rebstockgelände und war danach praktisch erleuchtet. Dem Mann, der es in den nächsten Jahren in Sachen Fingerfertigkeit locker mit dem neuen Vorbild Harris aufnehmen konnte, entfuhr dann aber auch die Bemerkung, dass Maiden "ab 'The Number Of The Beast' [1982], spätestens aber ab 'Piece Of Mind' irgendwie komisch" wurden, was er in erster Linie auf den damaligen Wechsel an den Drums zurückführte, als Nicko McBrain den mit Alkoholproblemen kämpfenden Clive Burr ersetzte. Ein Einwand, der absolut nach zu vollziehen ist: beide sind hervorragende Drummer, aber es ließe sich trefflich darüber diskutieren, wie sehr McBrains Stil Maidens Sound in den nächsten Jahren beeinflussen sollte.
Ich erinnere mich auch noch gerne an den ehemaligen Rock Hard-Webmaster Hansi Daberger, der mir Ende der neunziger Jahre bei einer Brause seine Maiden-Erlebnisse mitteilte:
"Als "Iron Maiden" veröffentlicht wurde - wir waren alle geschockt. Das war das größte, was wir bis dato gehört hatten, wir sind förmlich durchgedreht. Und jeder dachte 'Das war's jetzt auch schon wieder, das können sie unmöglich toppen', wir konnten es uns wirklich nicht vorstellen, dass sie dieses Album nochmal übertreffen würden. Und dann kam "Killers". Und dann wussten wir 'Scheiße, es geht doch."
Doch auch er nahm nach "Killers" einen Knick wahr. Sowohl Hansi als auch Heiko waren natürlich immer noch "Fans", aber beide waren überzeugt davon, dass ihnen ab 1982 etwas an der Band fehlte - beide konnten aber auch nicht exakt bestimmen, was es war. Meine Vermutung: Maiden wurden als Ganzes klischeehafter und angepasster, sie orientierten sich ab "The Number Of The Beast" viel stärker an dem, was die Fans von ihnen erwarteten. Man mag nun entgegenhalten, dass die Band nach dem Sängerwechsel gar nicht ahnen konnte, was man von ihnen erwartete, aber ich glaube, sie ahnten oder wussten es gar tatsächlich. Wer die "Early Days"-DVD, eine Dokumentation über die Anfänge der Band, gesehen hat, mag nach dem kurzen Moment der Empörung gewillt sein, mir zu zu stimmen. Maiden überließen zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere etwas dem Zufall. Wer immer noch glaubt, dass diese Band einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und deshalb so groß wurde, liegt in meinen Augen verkehrt. Das Projekt "Iron Maiden" war von Anfang an generalstabsmäßig geplant. Manager Rod Smallwood und Bassist Steve Harris kannten von Anfang an exakt die nächsten Schritte, sie planten den Aufbau und den Werdegang dieser Band teils bis zu drei, sogar bis zu vier Jahren im Voraus. Sie waren sich einfach extrem sicher. Weil sie wussten, was zu tun ist. Weil sie wussten, welche Musik sie spielen mussten. Weil sie wussten, dass die Erfindung des Maskottchens Eddie ein marketingstrategischer Geniestreich war. Weil sie wusten, dass sie spektakuläre Bühnenshows präsentieren mussten. Weil sie wussten, dass das Spielen mit der Satanismus, mit Mystik und Klischees Aufsehen erregen wird.
Aber selbstverständlich trug auch die Ankunft Dickinsons dazu bei, dass "The Number Of The Beast" deutlich anders klang als "Killers". Paul Di'Anno mag technisch der eindeutig unterlegende Sänger sein, seine Kraft indes, seine wilde und unkontrolliert wirkende Stimme prägte das komplette Klangbild der Band und verpasste ihrer Musik den ursprünglichen, puren Charakter einer End-Siebziger Punkband, die Thin Lizzy-Hits covert. Dickinsons bretthartes und ungemein druckvolles Timbre brachte nicht nur mehr grundlgende Kontrolle mit sich, aber auch einen Zuwachs an Testosteron, an Männlichkeit im gesamten Auftreten der Band. Maiden wurden glatter und im gleichen Moment tougher; eine weitere erfolgversprechende Kombination für die von Männern dominierte Metalszene einerseits und den nach abgeschliffenen Kanten dürstenden Mainstream andererseits.
Natürlich waren das Debut sowie "Killers" äußerst erfolgreiche Alben und ich glaube sogar, dass speziell bei vielen US-Amerikanern "Killers" immer noch ganz hoch im Kurs steht, trotzdem habe ich den Eindruck, als blieben die ersten beiden Alben immer etwas außen vor, wenn es um eine Gesamtbetrachtung der Band geht - viel mehr als die beiden Aussetzer "The X-Factor" und "Virtual XI" aus den neunziger Jahren, als der ehemalige Wolfsbane-Frontmann Blaze Bayley den zwischenzeitlich geflohenen Dickinson ersetzte und erwartungsgemäß baden ging. "Iron Maiden" und "Killers" gehören nicht so richtig dazu, das sind doch die beiden Scheiben mit dem komischen Sänger, der so gar nicht Metal ist.
Bis vor etwa zwei Jahren war ich immer der Überzeugung, den Kampf um den Thron des besten Maiden-Albums aller Zeiten machen "Powerslave" (1984) und "Seventh Son Of A Seventh Son" aus dem Jahr 1988 unter sich aus. Mittlerweile jedoch bin ich auf einer anderen Seite aber immerhin im selben Buch: die wahren Kontrahenten um den Platz an der Sonne heißen "Iron Maiden" und "Killers", denn so großartig, frisch und ungehemmt-wild klangen Maiden hinterher nie wieder. Songs wie "Remember Tomorrow", "Transylvania" und besonders die beiden gigantischen Sternstunden "Strange World" und "Phantom Of The Opera" vom Debut, sowie "Murders In The Rue Morgue", "Innocent Exile", "Prodigal Son", "Killers" und "Purgatory" von "Killers" sind Meilensteine des Heavy Metal und sollten mindestens auf einer Stufe mit den viel, viel bekannteren Maiden Songs wie "Hallowed Be Thy Name" oder das erwähnte "Fear Of The Dark" stehen. Manchmal hat es den Anschein, als sei hier eine völlig andere Band am Werke gewesen. Und im Grunde...stimmt das ja auch. Hier standen fünf hungrige Typen in einem Aufnahmestudio, die es der Welt beweisen wollten, aber auch mussten. Und sie brannten. Lichterloh.
Killer 12-Inch mit einem der stärksten Tracks des bisherigen Jahres. Nach der wiederholt überaus wunderbaren Kollaboration Andreya Trianas mit Bonobo auf dessen Meisterwek "Black Sand" (über das ich an dieser Stelle in den kommenden Wochen sicherlich auch das ein oder andere Wort verlieren werde), hat sie sich für ein eigenes Stück erneut mit ihm zusammengetan und "Lost Where I Belong" zusätzlich vom derzeit wohl hippsten Produzenten überhaupt Flying Lotus remixen lassen. Schon das Original ist ein sonniger, grooviger Soul-Smasher, lasziv und leicht melancholisch, bei dem ein leichter Frühlingswind durch Seidengardinen haucht.
FlyLos Arbeit erkennt man dann schon nach dem ersten Takt, in dem seine berühmte Harfe deepem Jazz die Tür öffnet und die morphindicken Beats noch mehr Raum für den eigentlichen Song freiklopfen. Dass Ellington des Weiteren keine Probleme damit hat, der Dynamik zu Liebe sich auch mal komplett im Hintergrund zu tummeln, während Engelschöre und White Noise-Gezischel den Gesangsloop umkreisen und ihn am Ende wie Majestix auf den Schild heben, um ihn in seiner schieren Größe strahlen zu lassen, dürfte spätestens nach seinem Durchbruchsalbum "Los Angeles" aus dem Jahr 2008 bekannt sein. Die auch als Download (Preview) zur Verfügung stehende Maxi hält neben dem Full Length- und Radio Edit des Titelsongs außerdem noch eine Akustikversion und den Fly Lo-Mix in instrumentaler Fassung bereit. Und jetzt der Oliver Ding Gedächtnis-Nachsatz: "Darf man kennen."
Ich könnte hier nun zu einer elendig langen, fast schon grotesken Lobeshymne über den US-amerikanischen Stand-Up Comedian Bill Hicks ansetzen, über seine Radikalität, seine Schärfe, seinen großartigen Humor und vor allem über seine schmerzhafte Kompromisslosigkeit. Ich könnte sagen, dass fast kein Tag vergeht, an dem ich mir nicht mindestens einen YouTube-Ausschnitt aus seinen Programmen anschaue. Dass seine teils über 20 Jahre alten Einlassungen zur
US-Politik und seinen Kriegstreibern:
"You know what bugged me about the whole election? They totaly reduced us to this whole worship of money, and that's what they made the whole election about, was taxes, voting with your wallet. People say to me 'Bill, you vote for Clinton, he's gonna raise your taxes. M'kay? I mean, he may tell you he's not, but he's gonna. A vote for Clinton is a vote for higher taxes, Bill.' See, I have news for you, folks. There's other reasons not to vote for George Bush than taxes, OK? I don't know what's happened to us as a world, maybe twelve years of republicanism has made us think this way, but the reason I didn't vote for Bush is because George Bush -along with Ronald Reagan- presided over an administration whose policies toward South America included genocide. So yeah, ya see? The reason I didn't vote for him? 'Cause he's a mass murderer. I'll pay the extra nickel on petrol, just knowing brown kids aren't being clubbed to death like baby seals in Honduras, so Pepsi can put a plant down there."
zur Menschheit
"We're a virus with shoes, and that's all we are."
zum Leben
"Its just a ride, and we can change it any time we want, its only a choice, no effort, no work no job, job, no savings of money, a choice right now between fear and love. The eyes of fear want you to put bigger locks on your doors, and buy guns, close yourself off. The eyes of love instead see all of us as one. Heres what we can do to change the world right now to a better ride; Take all that money we spend on weapons and defence each year and instead spend it on feeding clothing and educating the poor of the world which it would many times over, not one human being excluded and we can explore space, together, both inner and outer, forever, in peace."
zur Kennedy-Ermordung
"What happened was Oswald's gun went off, causing an echo to echo through the buildings of Dealey Plaza and the echo went by the limo on the left up into the grassy knoll hitting some leaves causing dust to fly out which 56 witnesses testified was a gun shot, cos immediately... Kennedy's head went over. But the reason his head went over is cause the echo went by the motorcade one the left and he went "What was that?"
So there, we have figured it out. Go back to bed America, your government has figured out how it all transpired. Go back to bed America, your government is in control again. Here. Here's American Gladiators. Watch this. Shut up! Go back to bed America. Here's American Gladiators. Here's 56 channels of it. Watch these pituitary retards bang their fuckin skulls together and congratulate you on living in the land of freedom. Here you go America, you are free, to do as we tell you, you are free, to do as we tell you."
über Corporate Rockstars
"We're rock stars who do Pepsi Cola commercials!" Luckily Satan's dick has many heads, so all these little demon piglets can nuzzle up and suckle all at once. Here comes a fella named Vanilla Ice. Here comes MC Hammer. Here's Madonna with two heads. Suckin' Satan's pecker. Suck it! It's only you're dignity. Suck it! It's only your dignity! Suck it! . . . I am available for children's parties, by the way."
über Backward Masking
"Remember that a few years ago, you play albums backwards there are satanic messages? Let me tell you something, if you've ever sat around playing your albums backwards, you are Satan. Don't look any further."
oder über den zweiten Golfkrieg
"It was a very stressful time for me, the war. I'll tell you why - I was in the unenviable position of being for the war, but against the troops. And ah... Not the most popular stance I've ever taken on an issue."
auch heute noch aktuell, wahr (aber sowas von wahr!) und richtig (ABER SOWAS VON RICHTIG!!!) sind, dass ich ihn jeden Tag aufs Neue vermisse.
Einen tollen Hintergrundbericht über Bill, sein Leben und leider auch sein Sterben (Hicks starb 1994 an Bauchspeicheldrüsenkrebs) stand vor einigen Jahren in der Satirezeitschrift Titanic. Oliver Nagel war der Autor und Gott sei Dank haben die Jungs die "Humorkritik Spezial" in ihrem Online-Angebot hinterlegt. Besser als Oliver könnte ich es sowieso nicht ausdrücken. Sehr lesenswert:
Einer kleiner Hinweis an die Folk-Fraktion, ein bisschen überraschend aus dem Hause Kindred Spirits. Das Amsterdamer Label überzeugt für gewöhnlich mit Soul, Funk, Jazz und Electronica im Katalog, während die Kalifornierin Mia Doi Todd auf dieser kleinen 7-Inch-Single mit zwei folkigem Singer/Songwriter-Perlen ihrer acht Alben und zwei EPs umfassenden Diskografie ein weiteres Mosaiksteinchen hinzufügt.
"Sleepless Nights" ist ein mediterraner Pflaumenkuchen mit Früchten aus dem Garten Joni Mitchells, eingenommen um 3:11 Uhr morgens, in einer Hollywoodschaukel über den Hügeln L.A.s, dazu wird ein unkomplizierter Rotwein gereicht. "Night Of A Thousand Kisses" auf der Flip versprüht einen leicht schrägen Stimmungsfond und erscheint, ganz dem Titel entsprechend, ein bisschen sexy, schwül und entrückt. Mir kommt hier und da - und spätestens beim Gesangseinsatz - sogar kurz Dead Can Dance als mögliche Verbindung in den Kopf - eine Low Budget Version von Dead Can Dance, aber immerhin. Selbst das bekommt man schließlich nicht mal so mit links hin. Todd arrangiert schnörkellos, ihre einzigen Begleiter sind ein Bass/Cello (gespielt von Joshua Schwartz), hier und da eine schwerelose Percussion-Streichholzarmee von Andres Renteria und eben ihre mollig rollende Gitarre. No big deal, könnte ich jetzt sagen, aber mich haben die beiden Titel sofort gepackt. Das ist weit vom Kitsch entfernt und somit keine watteweiche Allerweltsmusik für "naive Allesgutfinder"(Peter Weihnacht). Die steht ja sowieso seit Jahren immerwährend an der Spitze der Indie-Charts, Mia Doi Todd ist also unschuldig.
Andererseits ist es angesichts der Tiefe der beiden Tracks dann auch kein Wunder mehr, dass Kindred Spirits den Zuschlag erhielten (und vor 2 Jahren auch das passende Album "GEA" zu dieser Single veröffentlichten), richtet sich ihre Message doch an ein Publikum, "that appreciates a wide range of soulful, spiritual music.".
Keine Bange, 3,40qm wird kein politischer Blog. Dass mir dennoch von Zeit zu Zeit ob der unsagbarsten Schweinereien die Galle überschwappt und ich meinem Ärger irgendwie Luft machen muss ohne gleich einen Passanten zu verprügeln, bitte ich zu entschuldigen.
"Richtig so!" kräht's aus dem obenrum nicht so reich beschenkten Kleingeist. Alles nicht erwiesen, ein Placebo tut's doch auch, die Kassen sind pleite, wir werden alle sterben. Es tut so gut, wenn man den eigenen Minderwertigskomplex mit dem Getöse der großen Politik spazieren tragen darf - das fühlt sich wichtig an und man gehört ja dann doch auch irgendwie dazu.
In einer Zeit, in der unser Gesundheitsministerium, das übrigens seit jeher reich von der Pharmalobby mit Spendengeldern im lockeren zweistelligen Millionenbereich bedacht wird - selbstverständlich ohne jegliche Einflussnahme, unsere gewählten Volksvertreter sind fraglos der Fels in der Brandung namens Korruption, eine Gesundheitsreform plant, die eben nicht den schmierigen Verbrechersumpf aus Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und Pharmaunternehmen, Apothekern und Ärzten wenigstens sachte beginnt aus zu trocknen, sondern sich nicht anders zu helfen weiß - eine Überraschung jagt die nächste! - als die Gesundheitsabgaben für Arbeitsnehmer zu erhöhen, bei gleichzeitiger Festsetzung des Arbeitgeberanteils sowie einem Persilschein an Krankenkassen hinsichtlich eines Zusatzbeitrags ausstellt und damit die "mafiösen Strukturen im Deutschen Gesundheitswesen"(Bundeskriminalamt Wiesbaden) weiter zementiert und sogar einen Markus Söder (CSU) zu der Aussage verleitet, es sei "politisch schwer vermittelbar (...) unbegrenzt Kosten auf die Versicherten [zu] übertragen", in einer Zeit, in der es eine Zusammenrottung aus menschlichen Wildschweinen im Rahmen einer veritablen Verschwörungsszenerie schafft, den Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Peter Sawicki, ab zu setzen (Link 1, Link 2) und mit einem industriefreundlichen Taugenichts namens Jürgen Windeler zu ersetzen, der zum 1. September die Nachfolge antritt und der nun im Spiegelbericht die Homöopathie als "spekulatives, widerlegtes Konzept" bezeichnen darf/muss, in einer Zeit also, in der das Geklüngel und die Korruption sich geradewegs explosionsartig vermehren, soll an der Homöopathie gespart werden.
Ich muss nur eine stinkesimple Wikipedia-Recherche bemühen, um folgendes heraus zu finden:
"2007 betrug der Anteil homöopathischer Arzneimittel im deutschen Apothekenmarkt am Umsatz 1,09 %, an der Zahl der verkauften Einheiten 3,26 % (3,16 % im Vorjahr).[52] Im Jahr 2008 lag der Anteil homöopathischer Mittel an verkauften rezeptfreien Arzneien bei rund 7 %, was einem Verkaufswert von 399 Mio. Euro entspricht. Dabei war der Anteil der Selbstkäufe weitaus höher als der Anteil der Käufe auf Verordnungen durch Therapeuten."
Außerdem:
"Weltweit liegt der Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln geschätzt in einer Größenordnung von 2 Milliarden Euro. Das sind weniger als ein Prozent des gesamten Arzneimittelmarkts."
Des Weiteren:
"Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen unter bestimmten Bedingungen homöopathische Behandlungen bei Ärzten mit der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“, beispielsweise im Rahmen von Verträgen zur Integrierten Versorgung, an denen allerdings nur ca. 1 Prozent der Kassenärzte beteiligt sind."
Weltweiter Umsatz in Höhe von 2 (in Worten: ZWEI!) Milliarden Euro? Weniger als 1 (EIN!!) Prozent des gesamten Arzneimittelmarktes? "Können wir den Witz nochmal in Farbe hören?" (Volker Pispers). Schon wieder quallt es aus den Vakuumköpfen hervor:"Diese Kosten dürfen auf gar keinen Fall auf die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land abgewälzt werden" - von den MILLIARDEN, die uns dieses korrupte Schweinesystem jährlich kostet, redet kein Mensch - stattdessen füttern wir es die ganze Zeit fett. Bin ich der einzige, dem das alles komplett absurd vorkommt?
Dem ganzen Schlamassel liegt übrigens dasselbe Prinzip wie beim Umgang mit Hartz 4-Beziehern zu Grunde: die, die keine Lobby haben, die, die es sich nicht leisten können, sich zu beschweren, die, die von der Politik schon lange aufgegeben wurden und damit mit allem gedemütigt werden können, weil's uns halt allen sowieso am Arsch vorbeigeht, die, deren Stimme niemals Gehör finden wird - die können wir schön in einem selbstgemachten Sud aus Hochmut, Gier und Demütigung weichkochen und sie hinterher als die armen Opfer, die nützlichen Idioten einer seit Jahrzehnten fehlgeleiteten Politik einerseits und einer außer Kontrolle geratenen Wirtschaft auf dem Silbertablett eines ebenfalls von Lobbyisten und Heuchlern unterminierten politischen Feuilletons präsentieren, und auf die herunter zu schauen uns soviel eigenen Stolz und einen prächtig geäderten, dicken Pimmel beschert.
"Jazz is taught now in conservatoires along the same lines as classical music, with concours [competitive exams] at the end of the year and all that.. We're producing a generation of old young people who know it all at age 27. It's sterile, antiseptic; there's no danger, no experimentation. I'm completely against it."
Leandre ist wütend. Wütend über eine verkrustete, unbewegliche Szene, die einerseits jede Sekunde den Non-Mainstream feiert, weil's halt so schön anspruchsvoll und unangepasst wirkt, andererseits aber all das, was sie nicht versteht, als "schwierig" und "abgehoben" verdammt. Über Konzertveranstalter, die Musik wie jene auf "Kor" am liebsten in 10qm großen Toiletten live präsentieren würden, weil sie es ihrem "geliebten Publikum", ergo: der goldenen Kuh, die man 24/7 melken muss, zur Primetime nicht zumuten können.
Die französische Bassistin, deren eindrucksvoll umfangreiche Diskografie ein Buch füllen würde, und die bereits mit Größen wie Hamid Drake, Marilyn Crispell, Anthony Braxton, John Zorn oder Evan Parker zusammen spielte, zelebriert auf "Kor" mit dem ungarischen Saxofonisten und Multiinstrumentalisten Szelevényi Akos ein gut 50-minütiges, improvisiertes Set, live aufgenommen im Olympic Cafe in Paris. Ich wurde durch den großartigen Freejazz-Blog auf dieses Album aufmerksam, das ebendort die Höchstwertung erhielt. Die Zusammenstellung Bass/Saxofon fand ich darüber hinaus ebenfalls sehr spannend, womit für genügend Kaufanreize gesorgt war. Ich habe es nie bereut und hätte, ehrlich gesagt, schon sehr viel früher über "Kor" schreiben sollen, wo nicht müssen. Genau genommen hätte "Kor" ohne Zweifel in meine "Best Of 2008"-Liste gehört. Ich glaube, Lloyds "Rabo De Nube" hat ihm in letzter Sekunde den Rang abgelaufen. Sei's drum.
Allein die Ausgangssituation bringt Begriffe wie "spröde", "rissig" oder "Zerfasert" in die Diskussion, und das, ohne vorab auch nur einen Ton gehört zu haben. Dabei ist es mitnichten ausschließlich der knarzende Bass, der für die Breite und den unbeweglichen Krunsch (wtf?) sorgt und der außerdem in so manchem Moment klingt, als würde er mit Leandre spielen und nicht umgekehrt. Das Ding lebt doch?! Leandre zieht alle Register: mal schmeckt es nach Mutterboden, nach rauchigem Holz, nach porösem Lavagestein, mal nach einem indischen Spiritual oder den Eislandschaften eines Thomas Köner. Auch Akoshs Spiel nimmt Leandres Grundmotive dankbar auf, ohne nicht auch hier und da in ein sattes Grasgrün zu tauchen und es Melodien regnen zu lassen. Ihre Kommunikation ist beeindruckend zu verfolgen, sie sind Seite an Seite und mit unsichtbaren Seidenfäden miteinander verbunden. Selbst wenn sie sich voneinander entfernen, treffen sich ihre Wege in dem großen Synapsen-Schaltkasten. Weil sich jeder auf den anderen einlassen kann, weil sie sich blind vertrauen können. Das hört man tatsächlich, und das gibt über die Musik hinaus einfach ein sehr starkes, positives und helles, leichtes Gefühl.
Besonders beeindruckend: Leandres tiefes Gebrüll über Akoshs in Fetzen fliegendes Saxofon in "Part 2". Ist das schon Avant-Blues? Es zieht einem die Kehle zu, man ist angewidert und fasziniert in einem. Katharsis ist ein Scheiß dagegen. Und trotzdem: "Kor" ist zu keiner Zeit abgehoben oder verkopft, ich empfinde es im Gegenteil als sehr geerdet und verwurzelt.
"People are there, they listen, they're moved. Who says this is difficult music?!" - Ja, wer eigentlich?
Ich begreife es nicht. Ich begreife eigentlich gar nichts.
Da mal ein Fetzen, der vertraut erscheint, danach wieder into the void. Die Kombinationen sind's, die orientierungslos machen, wie Netzschwankungen beim örtlichen Stromdienstleister die Heliumlampe - quatsch - die Halogenlampen durcheinander wirbeln. "Cosmogramma" soll Steve Ellingtons "Space Opera" sein und die Aufsätze, die seit Erscheinen dieser Platte erschienen sind, dokumentieren natürlich genau jene Assoziationen, die ein solcher Begriff eben mit naturgemäß mit sich bringt - vor allem in der jungen, hippen, unangepassten Szene, die in der Spex die verlorengegangenene "bohemistische Geste" des Rauchens beklagen darf, wenn der Glimmstengel zwischen Mittel- und Ringfinger vor sich hin qualmt, beziehungsweise eben nicht (mehr). Wo raucht eigentlich Annett Louisan, wenn man sie mal braucht?
Herr, vergib' mir, denn ich trank White Russian und bin jetzt mindestens genauso unangepasst wie Karl Dall oder Kader Loth.
Okay, okay..."Cosmogramma" ist ein Koloss. Viel monumentaler als das Durchbruchsalbum "Los Angeles" aus dem Jahr 2007, das auch nicht gerade arm an monumentalen Entwürfen war - wenn auch viel futuristischer. "Cosmogramma" ist des Weiteren viel anspruchsvoller als der Erstling "1983", der, Sie ahnen es bereits, jetzt auch nicht so super anspruchslos war. Ich kann die Durchläufe mittlerweile nicht mal mehr erahnen und so langsam, so ganz langsam steckt Herr Sinn den Kopf aus den Lautsprechern und zeigt mir den ein oder anderen Weg. Wobei das nicht angemessen formuliert ist: er zeigt mir keinen Weg, er zeigt mir immer öfter das Große.
Das Ganze.
Wenn nach den gefühlten zwei Stunden die finale Auslaufrille erreicht ist, und ich zurückgelehnt und mit einem Gesichtsausdruck, der "Hatte ich eben einen Orgasmus, Baby?" fragt, versuche rückblickend und aus der hohen Ferne des Walsertals das saturngroße Zirkuszelt zu überblicken, das all diesen Irrsin einfängt und umspannt, luftdicht verpackt und dokumentieren will, dann wird mir immer öfter eine Idee geschenkt, die "Cosmogramma" zu etwas sehr Bedeutsamen und Epochalem werden lässt. Weil es da Nanofunken gibt, die mir aufgeregt und hektisch gestikulierend beweisen wollen, dass das alles tatsächlich zusammenhängt. Dass da eine Methode existiert, die nicht "Zufall" oder "Glück", sondern "Disziplin", "Märchen", "Respekt" oder "Demut" heißt. Vielleicht heißt sie auch "Rebellion" und "Aufruhr" - vielleicht erging es den Menschen 1960 ähnlich, als sie "Free Jazz" hörten und nicht wussten, was da gerade über sie hineinbricht. Wird "Cosmogramma" denn überhaupt von einer politischen oder gesellschaftlichen Message getragen, die mit den großen Meilensteinen des Jazz zu vergleichen ist? Natürlich nicht direkt, wir haben heute 2010 und die Welt wird von Tag zu Tag zynischer und obszöner - auch wenn wir gerne darüber diskutieren können, wie zynisch und obszön sie 1960 für Afro-Amerikaner in den USA ausgesehen haben mag.
Aber gibt es hier ein vergleichbares Brodeln, dass Dir ohne Worte zeigt, aus welchem Wahnsinn es sich speist? Oder ist es am Ende gar kein Brodeln, ist es nicht viel mehr eine Umarmung, ein sanftes und gütiges Lächeln, dass Dir im tiefstem Innern versichern will, dass alles gut ist und noch besser wird? Oder ist "Cosmogramma" doch eher ein simpler Hedonismus, der eitel und selbstgefällig alle vierzehn Sekunden nachschauen muss, ob die Frisur sitzt, weil er es sich leisten kann?
Und jetzt, wo ich all das schreibe, kommt mir das doch wieder alles viel zu groß und viel zu pathetisch vor - wir reden schließlich immer noch und nur von Musik. Andererseits - und das glaube ich wirklich: ich könnte mich "Cosmogramma" gar nicht anders nähern, als über die Frage nach der Vision und dem Motiv. Und ich könnte mir "Cosmogramma" nicht anders erklären, als über die Frage nach der Einheit und nach der Spritualität, der Erhabenheit und der Ergebenheit.
Das ist keine banale Sammlung von Noise und Beats, keine wahllose Aneinanderreihung und Überhäufung von Schichten und Ebenen. Das ist das große Lexikon der Musik, der Spiritualität und des Lebens. Im Zeitraffer und in Milliarden kleiner Splitterfragmente ausgebrütet und dargelegt von einem, der dieses ganze Scheißspiel offenbar verstanden hat.
Und ich darf zum Ende und in diesem Zusammenhang den unvergessenen Bill Hicks zitieren: "How about a positive LSD story, that would be news-worthy. Don't you think...? Anybody think that...? Just once, to hear a positive LSD story...? Today a young man on acid realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration, that we are all one consciousness experiencing itself subjectively, there is no such thing as death, life is only a dream, and we are the imagination of ourselves... Here's Tom with the weather. "
Rollins Band-Alben sind für gewöhnlich nicht die schlechteste Wahl, mag man es sophisticated, kraftvoll, und ungewöhnlich genug, um nicht nach nur einem Durchlauf in den Dornröschenschlaf zu fallen. Vor diesem Hintergrund erscheint es etwas schade, dass sich Rollins zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts und mit Scheiben wie "Get Some Go Again" und "Nice" für den schnörkellosen und vergleichsweise banalen Rotzrock anstelle des groovigen, leicht verfrickelten und nie so richtig klar zu bestimmenden Sounds entschieden hat, der insbesondere zwischen 1993 und 1998 das klangliche Bild seiner Band ausmachte. "The End Of Silence" (1992), "Weight"(1994) und "Come In And Burn" aus dem Jahr 1997, alle eingespielt mit einer beeindruckenden Truppe von großartigen Musikern, zählen zu den von mir unterbewertesten Scheiben - und ich kann es nicht so recht erklären, woran das liegen mag.
Rollins steht nie so wirklich auf meiner Agenda, dennoch lege ich die drei genannten Werke immer noch regelmäßig auf und bin jedes Mal auf's Neue erstaunt, wie gut sie sich anhören - bei Musik aus den neunziger Jahren alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Besonders erfreut werde ich vom 1994er Album "Weight", dank der Singleauskopplung "Liar", deren Video es in die Heavy Rotation bei MTV schaffte, vermutlich das erfolgreichste und bekannteste seiner Karriere. Und natürlich ist "Liar" die Krönung eines aber auch ansonsten nahezu makellosen Albums: die angejazzten Gitarrenakkorde, die ganz dem Songinhalt entsprechend den Boden doppelt und dreifach auslegen, Rollins' fantastisch arrangierte Sprechstimme, die funkigen Bassläufe - und dann der brachiale Übergang in ein Meer aus Blitz und Donner, aus Pech und Schwefel. Als würden Fugazi mit Motörhead Nirvanas "In Utero" hören und sich dabei gegenseitig an die Gurgel gehen. Ein großartiges Stück mit einem ebenso großartigen Video. Aber "Weight" ist alles andere als ein One-Hit-Wonder-Album:"Disconnect", "Fool", "Civilized" und "Volume 4" sind erfreulich unkonventionelle Musikgranaten, die von den Fähigkeiten jedes Musikers getragen und geprägt werden. Vom ungeheuer vielseitigen Gitarrenspiel eines Chris Haskett beispielsweise, der funky und jazzy Licks ganz selbstverständlich zwischen dampfenden Riffkeulen unterbringt, der es federleicht vor sich hin wedelnd kann und im nächsten Augenblick tiefergelegtes Bratzenschrot auf der gerifften Riffgitarre anschmort. Oder der mit massivem Punch ausgestattete Melvin Gibbs am Bass, der sich mit Drummer Sim Cain die wie improvisiert wirkenden, federnden Groovewolken und supertighten Megabreaks zuspielt, als sei es so einfach und unbeschwert wie Erdbeerkuchen. Und Eisenheinrich? Der presst sich sympatische Lyrik zum empathischen Weltuntergang aus dem baumstammdicken Halsgeschwulst:
now. what the fuck is going through your tiny little mind? I'm gonna show ya how fragile you really are... yah. yeah! I think I'm gonna fuck with you, I think I'm gonna fuck with you yeah you, yeah you! yeah you, motherfucker!
Und ein wenig differenzierter in "Disconnect":
all the things that they're saying & doing when they pass me by it just fills me up with noise it overloads me I wanna disconnected myself pull my brains damn out, unplug myself I want nothing right now, I want to pull it out
Das hat alles eine enorme Wucht und Durchschlagskraft, die sogar soweit geht, dass man meint, Henry singe ausschließlich mit Schaum vorm Mund. Aber es hat eben auch Ausdruck, es hat Charme, im besten Fall. Im weniger guten Fall schreit die blanke Verbitterung aus ihm heraus, eine große Enttäuschung, die Wut - liest man das eine oder andere Interview mit Rollins, könnte man zu dem Schluss kommen, er sei über sich selbst am meisten wütend. Einerseits erscheint er als überzeugt und überzeugend, tough und diszipliniert, andererseits grollt ihm auch immer unterschwellig der Ekel vor sich selbst aus seinen Worten - der Mann kämpft nicht nur gegen die anderen, er stellt sich auch mit Vorliebe gegen sich selbst. Dennoch: kann mir bitte jemand seine "Support The Troops"-Scheiße erklären?
Ich bin jetzt etwas "abgeschwiffen" (Urban Priol), komme aber hier und jetzt zum eigentlichen Thema zurück:"Weight" ist ein verdammt starkes Album.
Einen ganz wunderbaren Northern Shore-Mix mit dem Titel "Lost In Smallville" gibt es bei Soundcloud zum Anhören und sogar zum Downloaden. Für Sommernächte und bekifft-sedierte Balkonabende nach dem Tanzrausch. Es fließt und wabbert - und das immerhin über 90 Minuten lang. Und es geht mir trotz der Länge noch nicht mal auf den Keks.
Dreikommaviernull und Christian "Pogromstimmung" Wulff präsentieren: den (hoffentlich) regelmäßigen 7-Inch/Single/45rpm-Rundumschlag mit den besten Singles der letzten Wochen, Stunden, Jahre. Wir beginnen, schön aufpassen.
Nice Nice - Sea Waves
Die "Chrome"-LP aus dem Jahr 2003 (damals noch via Temporary Residence erschienen) brachte mich auf dieses sympatisch angeschrägte Duo aus Portland - mittlerweile sind Jason Buehler und Mark Shirazi auf Warp gelandet und legten vor wenigen Wochen mit "Extra Wow" ihr dortiges Debut vor. "Sea Waves" ist die erste Singleauskoppelung und klingt, als hätten die Einstürzenden Neubauten 80er Jahre Discofuzz mit einem Sack Aufputschmittel gemampft. Es brizzelt, es fiept, es groovt wie Drecksau - und ist trotz aller oberflächlicher Zerissenheit wunderbar eingängig. "We Stayed" auf der Flip ist großer, schwebender Elektrofiep-Ätherpop. Etwas gemäßigter in der Anlage, aber unverkennbar clubtauglich.
Geiles, politisches Postcore-Brett mit manischem Sänger (Sonny Kay, u.a. Angel Hair) irgendwo zwischen Fugazi und früh 80er Hardcore mit seltsam sublimer Wave/Goth-Schlagseite und depressiver Wut- und Verzweiflungskante.
Ziemlich apokalyptisches und verdrehtes Gestampfe in "Police Yourself" trifft auf intensiven, mit leichten Screamo-Elementen angereichterten Zappendustercore im Titeltrack. Textlich kommt intellektuelles Futter für Menschen hinzu, die nicht wissen, wo sie mit ihrer Wut noch hinsollen, ohne sich gleich strafbar zu machen (obwohl...). Hat durchaus etwas Versöhnendes, im Sinne von "Verbindendes". Nix für Sonnenanbeter.
Bullion - Say Goodbye To What
Manch einer wird sich dunkel erinnern: Bullions "Get Familiar" war 2008 einer meiner Lieblingssongs und man kann nicht sagen, dass Nathan Jenkins seither untätig gewesen wäre. Seine Remixfinger sind immer da, wo die Musik spielt. Ich entschied mich für die aktuelle "Say Goodbye To What"-Single, die dank der Vocalsamples deutlich freundlicher erscheint, als das etwas nokturne "Get Familiar". Die Kinderchor-Hookline ist brilliant, der Beat lässt Köpfe und Gliedmaßen (sch)nicken. "Crazy Over You" ist dagegen fast schon bierernst, gar traurig, mit wunderbarer Soul-Verzierung und der verhallt-verzerrten Aura dunkler Dubstep-Produktionen. Erinnert mich brutal an irgendwas, respektive irgendwen und ich komme zum Fick nicht auf den Namen. Tipps und Vorschläge bitte an Horst Köhler, Erdloch 17, 49983 Woderpfefferwächst.
Das fünfte Studioalbum der "Locker wie Frischkäse"-Buben aus Kalifornien sorgte für die ersten Haarrisskratzer auf der bis dahin strahlenden Fassade, ist allerdings in meinen Augen lediglich um Nanopartikelchen schwächer als die vier Vorgänger.
Hatte die Band bis dato nicht einen nur-beinahe-perfekten Song geschrieben, gab es auf "V" das erste ganz, ganz kleine Stirnrunzeln. Gewohnt-geniale Tracks wie das mit massiven Hooklines ausgestattete "At The End Of The Day", das einem schon nach erstmaligem Hören schon nicht mehr aus dem Kopf fallen will oder der 26-Minuten-Klumpen "The Great Nothing", der locker in einer Reihe mit "The Water" oder "The Light" steht, hätten gleichfalls auf den Vorgängern für Begeisterung gesorgt. Die Problemchen beginnen hingegen mit dem für Beard-Verhältnisse tonnenschweren "Revelations" und dem "Thoughts"-Nachglüher "Thoughts Part 2", die beide erstmals etwas im Klischee festgeleimt wirken. Besonders "Thoughts Part 2" wirkt wie eine bloße Frickel-Schau, die Spock's Beard bis dahin niemals nötig hatten. Fraglos waren sie technisch immer mehr als nur state-of-the-art, aber sie mussten nie die Muskeln spielen lassen, sie überdeckten ihre brillianten Fähigkeiten eben lieber mit überlebensgroßen Songs.
"Revelation" andererseits ist in der Stimmung und Anlage fast schon zu sehr Metal, zwangsläufig zu deutlich und offensichtlich und damit in der Wirkung einfach zu plump. Das kannte man bisher nicht von Morse - aber andererseits: da sich die Anhängerschaft, zumindest in Europa, fast ausnahmslos aus der Metalszene rekrutierte, wollte man dem Mob eben ein bisschen Fresschen hinwerfen, das weitgehend problemlos verarbeitet werden konnte. Die beiden Beard-typischen Ohrenschmeichler "All On A Sunday" und "Say Goodbye To Yesterday", die das Album komplettieren, sind solides, wenn auch nicht überragendes Futter für die Fangemeinde.
Was sich im Vergleich mit den Vorgängern wie ein Verriss liest, ist bei Licht betrachtet ein immer noch sehr, sehr starkes Album mit einigen echten Höhepunkten und eineinhalb minimalen Absackern. Heißt in Gänze: Mein fünftliebstes Spock's Beard-Album.
Den Verriss könnte ich für den überambitionierten und deswegen ganz schön in die Hose gegangenen Nachfolger "Snow" schreiben, nach dessen Erscheinen Neal Morse seinen Hut nahm und die Band verließ. Da Verrisse aber stinklangweilig sind, lass ich's bleiben. Lieber die ersten fünf Sahnealben in Endlosschleife hören.
Den Durchbruch auf breiterer Front erreichten Spock's Beard mit ihrem vierten Studioalbum "Day For Night". Die Verkäufe zogen nochmals an, die Konzerthallen wurden größer, waren immer öfter ausverkauft und entließen nicht selten ein freudentrunkenes Publikum in die Nacht.
"Day For Night" ist im Rückblick das wohl ausgereifteste Werk des Fünfers, das hier wirklich alle Stärken bündeln und in vollem Umfang ausspielen konnte. Mit dem Titeltrack gelang es Morse sogar, das Thema des Iron Maiden-Klassikers "Caught Somewhere In Time" unter zu bringen, "Gibberish" bot irrwitzigen Satzgesang der Marke Gentle Giant, "Distance To The Sun" ist nach "June" auf dem Vorgängeralbum eine weitere Megaballade, "Crack The Big Sky" ein typischer Beard-Track im Stile von "Walking On The Wind" mit unfassbarem Drumming von Nick D'Virgilio, während "The Gypsy" mit seiner schrägen Stimmung und ungewohnter Härte etwas aus dem Rahmen fällt. Bis dahin also alles wie gehabt: sieben Übersongs, mal eben mit links aus dem Handgelenk geschüttelt.
Das dicke Ende sollte aber erst noch kommen: das knapp 25-minütige "The Healing Colors Of Sound" ist der wohl beste Longtrack, den die Band jemals geschrieben hat, auch wenn sich die Zutaten im Grunde nicht wesentlich von den anderen Göttergaben wie "The Water" oder "Time Will Come" unterscheiden. Morse flitzt durch all das, was sein Hirn in über 30 Jahren Musikverrücktheit aufgesaugt hat, perfekt ausgearbeitet, perfekt arrangiert, alles bis zum Ende und noch darüber hinaus gedacht. Hier sitzt einfach jede Note, jedes Wort, jedes Luftholen, jeder Klavier-, Bass-, und Gitarrenanschlag, jeder Beat. Jedes Umschalten von schleppenden Passagen in ein federndes "Sunny-California-Feeling" gelingt wie in Trance, jede Melodie berührt so tief, jede Akzentuierung löst Freudenschreie aus.
Gekrönt wird dieser Brecher von dem - ich lege mich fest - ergreifendsten und genialsten Gitarrensolo aller Zeiten: Alan Morse, der vor 20 Jahren mit seinem Bruder Neal wettete, ohne Plektrum schneller spielen zu können, als Neal mit Plektrum (und die Wette natürlich gewann), dieser Feeling-Gott mit seiner halb zerstörten Fender Stratocaster, grundsätzlich bis unter die Dachhaube zugekifft und im wahren Leben CEO einer amerikanischen IT-Firma, zeigt innerhalb von drei Minuten wie zum Heulen schön Musik sein kann. Die Luft vibriert, der Boden bebt, die Töne schweben, die Feedbacks lassen Felsmassive erzittern.
Oliver Klemm vergab vor 20 Jahren mal 8 von 7 Punkten für Aerosmiths "Pump"-Album und schloss seine Review mit den Worten "Was also tun? 8 Punkte geben? 'Pump' hat diese Ausnahmenote verdient.". Ich tue es ihm zumindest in der Sache gleich:"Day For Night" hat sich zweifellos die 11/10 verdient.
Die ersten Jahre meiner Musikverrücktheit verbrachte ich Mitte der 80er Jahre mit Roland Kaiser und hessischen Lokalmatadoren wie den Rodgau Monotones oder Flatsch, bevor um 1986 herum die britische Metalband Iron Maiden den Thron der Florian'schen Nummer Eins erklommen konnten. Mein Bruder Dirk fungierte dabei als Plattenlieferant, und ich erinnere mich daran, dass ich in den folgenden Jahren eine Platte mindestens ebenso oft hörte, wie die ollen Maiden-Klassiker. Und das war Dirks Schuld. Es war "Holy Diver", das Solodebut des ehemaligen Rainbow- und Black Sabbath-Sängers Ronnie James Dio.
Alleine das Cover hatte eine ungeheure Anziehungskraft auf mich (hier ist womöglich die Parallele zu Maiden zu ziehen) - ein Pfarrer, der unter dem gartig-glühenden Blick des kettenschwingenden Teufels, festgekettet in reißenden Fluten droht unter zu gehen. Es schockierte Mutti und wahrscheinlich eben auch mich selbst. Teufelsmusik. Das legendäre Intro zum Titelsong versetzte mich in Faszinationsstarre, die Hymne "Stand Up And Shout" oder das gigantische "Don't Talk To Strangers" - all diese Songs wurden zu völlig selbstverständlichen Begleitern für die nächsten Jahre. "The Last In Line", das zweite Album, reihte sich genauso ein wie das Drittwerk "Sacred Heart": diese drei Scheiben - wie soll ich's beschreiben - ich kann heute möglicherweise auf völlig anderen musikalischen Planeten aufhalten, mich in Jazz, Elektro und HipHop suhlen, aber diese Songs sind wie Heimkommen, mehr noch als alte Freunde, denn sie haben mich nie im Stich gelassen. Ich verbinde besonders die Songs des Debuts heute noch mit Gerüchen, wie ich sie damals in der Wohnung meiner Eltern wahrgenommen habe, als eben "Holy Diver" lief. Und es passiert bis heute regelmäßig, dass ich beispielsweise "Sacred Heart" aus dem Regal ziehe und nur die überragende erste Seite höre. Und ich schmunzle jedes Mal, wenn Dio seine beiden Lieblingswörter singt: Rainbow und Dragon. Und wer Dio-Platten kennt, der weiß: ich komme aus dem Schmunzeln im Grunde gar nicht mehr heraus.
Heute Morgen ist Ronnie James Dio gestorben. Ich wusste, dass er krank war, und als ich vor sieben, vielleicht acht Monaten die ersten Meldungen über seinen Kampf mit der Krankheit hörte - ich war...ist "besorgt" hier das richtige Wort? Es erscheint so distanziert, dabei schenkte ich dem schon mehr Aufmerksamkeit als anderen "besorgniserregenden" Nachrichten. Ich war vielleicht auch ängstlich - ich wünschte dem kleinen Mann einfach nur, dass er es packt, dass er dem Sensemann noch wenigstens ein paar Jahre entkommt. Nicht, weil ich unbedingt eine neue Platte brauchte oder eine neue Tournee - ich hatte Dios Schaffen in den letzten 10, wenn nicht gar 15 Jahren fast vollständig aus den Augen verloren. Aber ich wollte einfach, dass er noch bleibt - mein Gott, ich habe mit dem Typen mal mindestens meine Kindheit verbracht, verdammt.
Jetzt bin ich nicht mehr besorgt oder ängstlich, ich bin nur sehr traurig. Dio war ein herzensguter Mensch, ein Gentleman, ein bodenständiger, warmherziger Kerl. Keine Skandale, niemals. Gesegnet mit einer Stimme, die das Zeit-Raum-Kontinuum zusammenbrechen lassen konnte, eine der großartigsten Stimmen in der Geschichte der Rockmusik.
Das erste Album der Band, das die Ernte der überschwänglichen Berichterstattung des Rock Hard-Magazins einfahren konnte und Spock's Beard auf der Landkarte für deutsche Rockfans platzierte. Rock Hard-Schreiber Michael Rensen hatte seit "The Light" einen Narren an dem Quintett gefressen, schmiss (gerechterweise) mit 10-Punkte-Wertungen um sich und feierte Neal Morse schon zu jener Zeit in seiner Prog-Kolumne als den neuen Heiland. "The Kindness Of Strangers" wurde erstmals an exponierter Stelle präsentiert: auf den Dynamit-Seiten des Blattes nämlich, die bis heute die besten Alben eines Monats gesammelt präsentieren. Rensen schrieb und vergab, na klar, die Höchstnote.
Und hier geschah es (vielleicht): Metalfans verliebten sich in Spock's Beard. Und sie taten es in einem Ausmaß, das der Band für die nächsten Jahre ein gutes Stück Erfolg sicherte. Hinzu kamen weitere Lobeshymnen von Musikern, beispielsweise von Dream Theater-Schlagzeuger Mike Portnoy, der Spock's Beard als beste (Prog-)Band zur damaligen Zeit bezeichnete. Folgerichtig wurde die Kapelle von den New Yorkern gleich mehrfach als Supportact mit auf Tournee genommen, und Portnoy gründete etwas später mit Neal Morse, Pete Trawawas (Marillion) und Robin Stolt (The Flower Kings) das All-Star Projekt Transatlantic.
"The Kindness Of Strangers" bot wie gehabt die ergreifendste Musik aller Zeiten, es war manchmal schlicht zu schön, um wahr zu sein. "The Mouth Of Madness", ein durchgeknallter Song-Weirdo mit im warmen Sommerwind segelnden Schwerelospassagen, wurde gar zu einem kleinen Hit, die Monsterballade "June" bringt den nihilistischsten Black Metaller zum hemmungslosen Weinen, "Strange World" ist der vielleicht erste ernsthafte Versuch der Band in AOR-Fahrwassern nach einem Radio-Hit zu fischen, und die beiden Sternstunden "In Harms Way" und "Flow", beide jenseits der zehn Minuten Grenze, schenken dem Album wie schon auf dem Vorgänger dunklere Nuancen und damit ungeheuerlichen Tiefgang. Dazu gab's ungewohnte Riffhärte von Gitarrengott Alan Morse bei "Cakewalk On Easy Street" und dem genannten "The Mouth Of Madness".
"Perfekt" als Prädikat wäre wieder einmal eine bodenlose Frechheit.
Eine Coverversion eines alten George Harrisson-Songs eröffnet Studioalbum Nummer Zwei und gibt ihm auch gleich noch den passenden Titel mit auf den Weg: mit "Beware Of Darkness" steigen Spock's Beard düsterer als zuvor in ein Album ein, das auch insgesamt mit einer dunkleren Aura schimmert. Der federleichte Stil ist angesichts von Songs wie "Walking On The Wind" oder dem Klassiker "The Doorway" natürlich immer noch durchgängig präsent, auf der anderen Seite stehen allerdings der Longtrack "Time Will Come", der erstmals sowas wie Frustration musikalisch transportiert oder das klassische, melancholische Gitarrenduo "Chatauqua". Auch "Thoughts", bekannt durch die Aufnahme beim 95er Progfest ("A song about a guy whose brain is on the fritz.") ist trotz des umwerfenden fünfstimmigen Satzgesangs nicht die pure Lebensfreude und der Hit "Waste Away" verströmt gleichfalls eher Melancholie als den Duft einer Sommerwiese, wobei das eine das andere in der Wirkung nicht ausschließen muss.
Trotzdem - oder gerade deshalb - ist "Beware Of Darkness" eines meiner Lieblingsalben der Band. Die oftmals subtil eingesetzten und im Untergrund dunklen Schattierungen der Songs helfen der Scheibe dabei, noch mehr Tiefe und noch mehr Dramatik zu entwickeln. Eine Platte, der man nur sehr schwer überdrüssig werden wird.
Spock's Beard hatten besonders in ihrer Anfangszeit die Angewohnheit, bei ihren Konzerten CDs zum Verkauf an zu bieten, die es niemals in den normalen Handel schaffen sollten. "The Official Live Bootleg" wurde während der ersten Deutschland-Tourneen verkauft und einige Jahre später dann doch offiziell unter dem Namen "The Beard Is Out There-Live" veröffentlicht - mit einem zusätzlichen Medley, das sich auf der Originalversion nicht finden lässt - und fasst die vier Songs des Debuts, sowie "Thoughts" vom "Beware Of Darkness"-Album zusammen, das zu dem Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht veröffentlicht war.
Aufgenommen 1995 im Rahmen des kalifornischen Progfests, flattern die Buben mit maximaler Lebensfreude durch ihre überlangen Kompositionen, oftmals unterbrochen von einem hörbar beeindruckten Publikum, das sich immer öfter zu spontanen Beifallsstürmen während der Songs hinreißen lässt. Im Verlauf von "Go The Way You Go" werde ich allein ob der offenbar völlig durchdrehenden Zuhörer von Gänsehautattacken durchschüttelt, und wenn Neals Bruder Alan gegen Ende seine traditionell-abgeranzte Stratocaster streichelt und ihr eines der ergreifendsten Gitarrensoli aller Zeiten entlockt, dann sind auch die Tränenschleusen offen.
Unterstützt von einem erstklassigen Sound, einer um ihr Leben spielenden Band und dem erwähnt gierigen Publikum ist "The Official Live Bootleg" eine der fünf größten Liveplatten, die ich kenne.
Fast exakt zweieinhalb Jahre nach meiner letzten euphorisierten Spock's Beard-Phase schlägt die Göttertruppe erneut völlig unbarmherzig zu. Auslöser für meine nun schon seit zwei Wochen andauernde Verbeugung war wieder einmal Freund Marek, der kürzlich - mit seeligem Lächeln - die Liveversion des 24-Minuten-Hammers "The Water" auf seinem Notebook anspielte und mich damit in das Jahr 1997 zurück katapultierte. Das Ergebnis: ein wohliges Suhlen im Backkatolog der Kalifornier und die Erinnerung daran, warum Spock's Beard für mich zu jener Zeit der heißeste Scheiß unter der Sonne waren. Derart angefixt, stürzte ich mich auf jene sechs Scheiben, die in der zweiten Hälfte der Neunziger für ein Comeback des Progressive Rock sorgten.
Wir starten chronologisch mit dem Erstling "The Light". Stifte raus, alles schön mitschreiben!
Das überlebensgroße Debut. Soundtechnisch noch etwas schwach auf der Brust, dafür mit vier Longtracks vollgepackt, die vielleicht das endgültig Beste sind, was jemals unter dem Banner des Progressive Rock erschienen ist. Das mag übertrieben, beinahe sensationslüstern klingen, andererseits fällt es angesichts dieser Musik schwer, mildere Worte zu finden. Hier noch ohne die erst zur nächsten Platte eingestiegene Tastenmaus Ryo Okumoto, schüttelt die Band unter der spirituellen Leitung von Tausendsassa Neal Morse (Keyboard, Gitarre, Drums, Gesang, Wahnsinn, Wahnwitz, Irrsinn) die lockersten und zugleich ergreifendsten Passagen der Welt aus dem Ärmel: der 16-minütige Titeltrack durchflattert mal eben 40 Jahre Musikgeschichte und verknüpft das traditionelle Progsongwriting des Yes-Albums "Close To The Edge" mit…ja, mit was eigentlich? Vielleicht brachte die Band "lediglich" ihr ungeheures Talent und ihre Frische ins Spiel. Spock's Beard befanden sich immer in diesem wunderbaren Zwiespalt: einerseits eine tiefe Verneigung vor den klassischen Progressive-Epen aus den siebziger Jahren (Yes, Genesis, Gentle Giant) mit einer entsprechenden und allgegenwärtigen Zitatesammlung, andererseits eine Frische und Modernität, die am Ende fast zwangsläufig zu einer völlig neuen Betrachtung eines gesamten Genres führen musste. Denn auch wenn beispielsweise Dream Theater schon zum Ende der achtziger Jahre einigen Staub vom Kaminsims blasen konnten, in dem sie die Klassiker mit hartem Metal verbanden, oder eine Band wie Marillion dank des Fish-Nachfolgers Steve Hogarth ihre Idee des alten Genesis-Klons immer mehr zu einem sehr eigenständigen, gleichfalls sehr modernen Sound weiterentwickeln konnte, dachte Mitte des letzten Jahrzehnts, im Rausch von Alternative Rock und Crossover, wirklich niemand an Progressive Rock. Und dann machten Spock's Beard das Fenster auf: der alte Muff war komplett verschwunden, der grundsätzliche Ansatz der alten Tage war hingegen derart präsent, dass man fast den Eindruck gewinnen musste, Spock's Beard würden sich Ironie oder sogar eine Parodie ganz groß auf die Fahnen schreiben. Aber nix da: denn auch wenn die Band in den kommenden Jahren vor allem live eine große Portion Selbstironie präsentierte, war sie ihrem Sound sehr leidenschaftlich und aufrichtig verbunden. Die vier Perlen auf "The Light" sprühen nur so vor Lebensfreude, vor Dramatik, Pathos, Leichtfüßigkeit, Spielfreude, und explodierender Kreativität. Das bereits erwähnte Epos "The Water" ist dabei der theatralische Höhepunkt dieses Debuts, eine emotionale Achterbahnfahrt, eine große, spannende Erzählung des "Ocean King". Gänsehaut am laufenden Band.
Gestern fand ich dieses Kleinod in den Kommentaren, und ich bin versucht zu sagen, dass kein anderer Bot diesen Blog so wunderbar mit niedlicher Spamscheiße zumüllt wie "User" "Anonym":
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Zur Feier des hiermit 200.Blogeintrags seit Bestehen von 3,40qm, gibt's zweimal Leckerli mit Sahne: die jeweils vollständigen Albumstreams der neuen Alben von Broken Social Scene und der großartigen Nice Nice. N-Joy.
Ich habe nun schon wirklich oft genug die Größe von The Life And Times im Allgemeinen und "Tragic Boogie" im Speziellenauf diesem Blog erwähnt, und da dachte ich mir: ich mach's nochmal. Shoegaze, Indie und leichter Noise formen die Platte des Jahres, keine Diskussion.
Platz 2
SND - Atavism
Alleine im ersten hörbaren Sound von "Atavism" steckt mehr Tiefe und Wärme als in manch kompletter Banddiskografie. Mark Fells und Mat Steel knüpfen den Balla-Balla-Funkcore aus dem reinsten Weiß, das je ein Plattencover gesehen hat. Wo Frank Bretschneider auf "Rhythm" den Skelett-Funk entwickelte, tragen die Knochengerüste von SND Discokugeln im Schritt und die prächtigsten Pornoschnauzer seit YMCA. "Atavism" ist strategisch und verkopft, funky, aber nicht sexy und kann wohl deswegen nicht auf einem Label wie Warp, sondern muss eben zwangsläufig auf Raster Noton erscheinen. Manchmal denke ich mir, dass so eine neue Jimmy Edgar Platte klingen könnte, wenn der den ganzen Glitzer-Fummel mal im Körbchen liegen lässt und stattdessen Alpina Weiß schnüffelt. Macht nach einer Weile Kirre im Oberstübchen, aber so geht Leben, vermute ich.
Platz 3
Emeralds - What Happened?
Ein fürwahr faszinierendes Album. Ich kenne tatsächlich nur wenige Ambient-Platten, deren Einfluss auf Stimmung und Reizsensibilität trotz der sublimen und vernebelten Pfade ihrer präsentierten Musik so groß ist. "What Happened" berührt vom ersten Ton an, und das ist so beeindruckend, dass man die Aufmerksamkeit nur schwer auf etwas anderes lenken kann. Alleine der Opener "Alive In The Sea Of Information" kann in Sachen Aufbau und oszillierenden, sich wie Wellen auftürmenden Sounds, die ob ihrer Urgewalt beinahe physisch manipulieren, so dermaßen alles, dass nur ein vollkommen durchgeblödeter Zappelpiller gelangweilt abwinken würde. Das Trio aus Ohio ist alleine klanglich bisweilen auf einer qualitativ völlig anderen Ebene als die Konkurrenz: hier passiert nichts beiläufig, "What Happened?" ist durchgehend schmerzend relevant.
Platz 4
The Necks - Silverwater
Der britische Guardian bezeichnete sie im Zuge der Platte "Hanging Gardens" von 1999 als eine der besten Bands des Planeten, der Sydney Morning Herald adelte "Silverwater" als "the finest studio album in their 22-year history"und vermutlich haben beide Recht. Das Konzept des australischen Trios, improvisierte Musik im großen Stil und weitgehend barrierefrei durch eine Platte gleiten zu lassen, bis sie nach meistens 50 bis 70 Minuten wenigstens formal zum Stillstand kommt, trägt die Band auch auf "Silverwater" wieder in den Olymp. Ihr Jazz-Ambient Sound ist immer noch und wieder ein grandioser Ohrenschmeichler mit unfassbar viel Gespür für die richtige Option. Der Titel hätte angesichts dieses mysteriös fließenden Traumspiels nicht besser gewählt werden dürfen. Ein fantastisches Artwork gibt's obendrauf.
Platz 5
Propagandhi - Supporting Caste
Jaleckmichamarsch! Ist das noch Punk? Ist das Metal? Nein, es ist Superdingens! Diese Songs können töten. Politische Sprengkraft in den Texten gepaart mit den unglaublichsten Punk/Hardcore-Songs der letzten Jahre ergeben ein Album, das mich zu Beginn total überforderte. Kompletter Informationsoverkill. Und die Kanadier verdrehten mir nicht nur im übertragenen Sinne den Kopf. Nach ungefähr 287 Durchgängen raffte ich zwar immer noch nicht viel, aber ich kann die Ahnungslosigkeit wenigstens in Worte fassen: technisch brilliant, höllisch komplex und doch catchy, die Produktion ist eine Sensation, die Gitarrenarbeit WELTKLASSE, die Songs schon jetzt legendär.
Bevor der Listenquatsch nun aufhört: mir ist aufgefallen, dass ich zu wenig über die Platten des abgelaufenen Jahres geschrieben habe, und irgendwie muss ich diesbezüglich nachsitzen. Deshalb hier flott in Kurzform die 10 besten Scheiben 2009, aufgeteilt in zwei Portionen, zum besseren Verdauen. Tötö!
Platz 6
Malakai - Ugly Side Of Love
Bezirzendes Weirdo-Gerumpel aus englischen Garagen, in denen Nasarechner und Strohballen gemeinsam Kühe bumsen. Typ trägt vermutlich Dreads und einen grün-schwarz gestreiften Schlabberpullover. Soul und Funk treffen auf herrlich unprätentiöse Hip Hop-Beats, als Beilage wird eine Stimme gereicht, die seit Tagen nur Kaffee und Zigarettenqualm und die Spucke eines Crack rauchenden Stevie Wonder an sich vorbeischwimmen sah. Die FAZ brachte Beck als Vergleich ins Spiel, aber das hat Malakai nicht verdient. Die FAZ hingegen schon. Und trotz Bristol- und Portishead-Verbindung: macht richtig Spaß.
Platz 7
The Heavy - The House That Dirt Built
Nach dem Debutklassiker "Great Vengeance And Furious Fire" aus dem Jahr 2007 schmiss die Band aus dem Vereinten Königreich einen ebenso fantastischen Nachfolger auf die Tanzfläche. Ihr dreckiger, schmieriger Soul- und Bluesrock mit einem sehr feinen Händchen für großartige Hooklines und Melodien reifte auf "The House That Dirt Built" zu einem steppenden Monster voller Glückseligkeit, schmutzigem Sex, Drogen und Garagenrock. Modern und frisch, gefährlich und höllisch tanzbar. Eine der besten Bands der Gegenwart.
Platz 8
Fever Ray - Fever Ray
Die Hälfte der schwedischen Geschwisterbande The Knife dreht hier eigenständig frei: Karin Dreijer Andersson mit einem knisternden, nokturnen, sehr warmen Elektro Album für den Ambient-Club auf Psychopharmaka. "Fever Ray" hat eine erstaunliche Tiefe, ist zu gleichen Teilen umarmend und abweisend und einen großartigen Flow über Albumdistanz. Muss man auch erstmal "hinkriegen" (G.Schröder). Dauerbrenner 2009.
Platz 9
Pan American - White Bird Release
Neben der Emeralds-Platte das großartigste Stück Ambient 2009. Wunderbar zusammengestellt, kreiselnde Sounds, die mich immer wieder tiefer in den akustischen Wattebausch drücken, toller Spannungsaufbau. "White Bird Release" ist sehr subtil, die verhuschten Gitarrenloops hängen sich kaum merklich an dubbige Dürre und verschmelzen zu einem sehr organischen Klangkörper, der wenig mit Sterilität und klaren Konturen zu tun hat. Mark Nelson - früher übrigens mit der Postrock-Quasi-Legende Labradford unterwegs - weiß sehr genau, was er hier tut, und das meint nicht "souverän", sondern mit großem Weitblick und großer Neugier. Du spürst es nicht immer, wenn diese Musik läuft, aber wenn die Auslaufrille erreicht wurde, dann fehlt Dir was.
Platz 10
Black Dice - Repo
Teerschwarze Raupen, so groß wie die Hochhäuser Brooklyns, schrauben sich durch würmelnde Beatkrabbler, Fetzen von Silberfolie kontaminieren klares, kaltes Wasser. Vernoised und verhext von zwei durchgeknallten Soundchaoten mit Tourrettsyndrom aus New York, die mit "Repo" etwas erschaffen haben, das so klar ist wie die Wurzel aus 78842343748437483523783425478250257309. Ein Flow wie ein umherstolpernder Wolpertinger aus dem Kopftunnel von Karl Valentin, und mindestens genauso humorvoll. "Repo" schleppt sich nur so durch eine heruntergekommene Postmoderne, rotzt unentwegt Blut an die eigene Fassade, hinter der nichts als Egomanie und komplette Leere regiert. Eine angemessene Zustandsbeschreibung des vergangenen Jahres.
"Whistleblower" ist flüssiges Dickicht. Gestrüpp, in Fetzen, trotzdem samtweich. Nicht besonders sentimental, dafür fundamentale Selbstsuche, sogar für den, der sich nicht ins tiefe Wasser traut. Über ein Jahr war dieses immer noch beeindruckende Album mein fast täglicher Begleiter, angestachelt von dem Drang, diesen so mysteriösen Sound zu entschlüsseln. Immer wieder die Frage was dahinter steht, eher gleitet, ach was: schleicht, fließt, schwebt. Was macht dieser pulsierende Atem mit mir, der sich nach wenigen in Watte verpackten Sekunden zu einem - ich will's gar nicht sagen, weil es selbst mit dem leisesten Adjektiv immer noch so zerstörerisch wirkt - hingehauchten Groove entwickelt? Sind das die tiefen, halligen Schluchten und Höhlen eines unbewohnten Planeten, oder ist der leise vor sich hinbrodelnde lake of fire, in dem die Verdammten und die Heiligen das letzte Mal die Wärme und die Liebe spüren können bevor es graue Asche regnet? Wahrscheinlich ist es beides, sowohl als auch. Des Teufels glühende Pfütze in der Untererde eines fremden Planeten, in einem fremden Universum, von dem selbst Gott nichts weiß, weil er nicht so weit gucken kann. Und da sitzen und schunkeln wir - unwirklich und so weit draußen, so nah beieinander und doch so unendlich entfernt von allem, was uns nach diesen 70 Minuten wieder in das zurückholt, was jeder, der das Aussteigen und das Träumen auf dem Weg zu seinen 40qm Deutschland verloren hat, als Realität bezeichnet, als eine Unfiktion in der es eben nur Nullen (und davon gibt's mit Verlaub 'ne Menge) und Einsen gibt, schwarz und weiß und das Wetter nach dem Heute-Journal. Ätherisch umherschwabbernd im Nichts, gemartert von grau-staubigen Blitzen, die eine Idee eines Bewusstseinsschleiers vorgaukeln. Die uns in Wahrheit sedieren und uns ausknipsen, damit die Chimären noch näher an uns herankommen und uns den leisen Hauch des Wahnsinns in die Memoiren drücken können. Das ist die Heilung, die das Feuer mit dem Feuer bekämpft. Lasst es Tote regnen, denn sie spüren den Aufprall nicht mehr.
Du wachst auf, und das Nichts hat seine Bedeutung verloren. "Don't be afraid, ever, because: it's just a ride."(Bill Hicks)
Ein bisschen Zahnschmerzen habe ich schon dabei, Tomte im Jahr 2010 doch nochmal positiv zu erwähnen, aber es hilft alles nichts:"Hinter All Diesen Fenstern" war 2003 eine Sensation für mich und riss meine Vorurteile gegenüber deutschsprachiger Musik in die bodenlose Tiefe - nur um kurze Zeit später in exakt jener Tiefe darin bestärkt zu werden, einheimische Lyrik zu meiden wie Horst Köhler einen IQ oberhalb 40. Das hat erstmal nicht viel mit der Band um Saufziege Thees "Beck's" Uhlmann zu tun, aber spätestens mit dem aktuellen Album "Heureka" und dessen zum blanken Klischee verkommenen Sprachmischung aus trostloser Befindlichkeitslyrik und anschleimendem Szenegelaberdreck ist es mal sowas von vorbei, dass es fast schon vorbei ist.
Ich weiß noch, dass ich mich beim Erscheinen von "Hinter All Diesen Fenstern" mit Händen und Füßen dagegen wehrte, diese Band auch nur in Ansätzen zu nah an mich heran zu lassen. Nach dem "Genuss" eines Interviews in der Indie-Schmu-Postille Visions (natürlich wie bestellt von Krampfjournalist Armin Linder ans Kreuz genagelt), kam mir angesichts der zur Schau gestellten Milchsemmel-Mentalität mit Blümchen, Bienchen und Bierchen das ein oder andere unschöne Wort über die Lippen und ich beschloss, mir eher die Ohren mit Flüssigbeton aus zu gießen, als einmal Tomte zu hören - oder noch schlimmer: mir sogar die Platte zu kaufen. Mein Vorsatz hielt exakt 13 Tage. Dann lief der zuvor immer brav weggeskippte Track "Schreit Den Namen Meiner Mutter" von der Visions-CD dann doch mal während des Zwiebelschneidens über die Stereoanlage in der Küche und ich wusste plötzlich nicht mehr: heule ich vor Ergriffenheit oder wegen dieser verkackten Zwiebel?! Ich wehrte mich weitere zwei Wochen und dann knickte ich ein: die Platte muss her.
Was folgte war pure Ergebenheit. Das waren Texte, bei denen man sich fragte, warum man sie nicht selbst geschrieben hat und sich als Antwort entweder überlegte, dass man selbst eben bei Weitem nicht so weise oder wenigstens so betrunken sei wie Ulhmann oder - die Pathosantwort - dass es zu sehr schmerzte, hätte man sie selbst geschrieben. Als ich zum ersten Mal "Endlich Einmal" hörte, eine Geschichte über Uhlmanns Beziehung zu seinem Hund, musste ich ungelogen abwechselnd Lachen und Heulen. Und auch wenn es nicht besonders en vogue ist, zu zugeben, dass man bei Tomte-Songs heult: ich tat es. Um ehrlich zu sein tue ich es noch heute, wenn beispielsweise "New York" oder "Die Geigen Bei Wonderful World" vom Nachfolger "Buchstaben Über Der Stadt" laufen. Ich heule immer. Ich kann nichts dagegen tun, die Schleusen sind spätestens offen, wenn mir bestimmte Zeilen "ans Lauschgesims laffeln" (Olaf Schubert):
Wie die Straßen mäandern Wie die Städte zerfallen Wie meine Hoffnung sich erhebt in diesen heiligen Hallen Wir heben einen Finger, um zu sehen Aus welcher Richtung der Wind weht Und der Wind steht gut, denn es ist nicht zu spät Ich habe ein Gespür entwickelt, wie gut es mir geht Oh, ein Kuss auf die Stirn und danke für die Stunden Man fühlt sich, als habe man die Liebe erfunden Ich will dich treffen, wo's am schönsten war Ich will dich treffen in zehntausend Jahren Am Reservoir
Da brech' ich zusammen.
Aber zurück zu "Endlich Einmal":
Ich und mein Hund, wir mögen zusammen gehen, da vorne könnte etwas passieren, wir bleiben stehen. Ich ziehe deine Anwesenheit den meisten Menschen vor. Du trägst immer eine Leine und das nur wegen mir.
Denn ich würde töten, wenn du stirbst und das sage ich nur dir in dieser Welt, die für uns aus drei Sachen besteht. eine Hand auf dem Bauch, eine Stunde an der Luft, eine Jagd auf den Geruch, der Lust verspricht.
Endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält, endlich einmal, etwas das länger als 4 Jahre hält.
Du jagst die Kronkorken, die ich schmeiße. du hast viel zu tun in dieser zeit. du wirst unruhig, wenn du die Elbe riechst, du weißt ich war nervös, während dieser Monat verstrich. das ist kein Urlaub, das ist eine Reise, das ist alles andere als die gute Seite. sie erreichen ihre Ziele, für uns ist es unsagbar weit.
Endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält, endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält.
Aber wir gehen unsagbar weit, aber wir gehen unsagbar weit, aber wir gehen unsagbar weit, aber wir gehen unsagbar weit, aber wir gehen unsagbar weit, aber wir gehen unsagbar weit.
Endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält, endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält.
Als dann der hier besungene Hund ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung tatsächlich im Hamburger Straßenverkehr sein Leben ließ und die Nachricht darüber die Runde machte, litt ich mit Thees Uhlmann und musste sofort an dieses Lied denken. Und es tat scheißeweh.
Ich könnte hier jetzt noch stundenlang über die schiere Größe von Hymnen wie "Du Bist Den Ganzen Weg Gerannt" oder "Die Schönheit Der Chance" mit seinen tollen Bläsern, der unbeschreiblichen Euphorie und der Textzeile "Das ist nicht die Sonne die untergeht, sondern die Erde die sich dreht" schreiben, reden und mich nassmachen, aber im Grunde ist eh alles gesagt. Nur noch das: es fühlt sich beinahe seltsam an, das heute so zu schreiben, weil in den letzten sieben Jahren eben doch eine Menge passiert ist und ich mich heute nur schwer in meine Gedanken- und Gefühlswelt des Sommers 2003 hinein versetzen kann. Es fühlt sich fast ein bisschen falsch an, Tomte auch heute noch zu mögen. Dann höre ich dieses Album und sämtliche Zweifel sind verloren. Immer noch und in vollster Überzeugung: "Hinter All Diesen Fenstern" ist eine ganz riesige Platte.