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"Within The Realms Of A Dying Sun" von Dead Can Dance ist 1987 auf 4AD erschienen.
Spain - The Blue Moods Of Spain
Ein kleines Schmuckstück aus der Indiewelt: Josh Hadens Spain-Debut "The Blue Moods Of Spain" aus dem Jahr 1995 findet sich seit einigen Wochen regelmäßig im Player wieder. Warum also nicht ein paar Zeilen darüber bloggen, hm? Frage ich Sie!
Der Sohn des Jazz-Bassisten Charlie Haden (u.a. Keith Jarrett, Ornette Coleman) hat hier eine neun Songs umfassende Sammlung von dunklen, melancholischen Schleichfetzen aufgenommen, die zur großen Überraschung eigentlich in jeder meiner Lebenslagen funktionieren. Vor allem - riesige Überraschung - zur Nacht jedoch entfalten sich die sehr intimen Aufnahmen vollständig: eine angenehme, sanft dahinfließende Welle von Wohlklang, optional eine große Wolke Prozac, auf der man sich nackt und in Butterschmalz eingerieben verlustiert, vorzugsweise mit adäquatem Sexualpartner. Grob gesagt: Fickmusik für Suchtgestörte.
Nur die weniger gutgelaunten würden mit Begriffen wie "Monoton, öde und sacklangweilig" herumprotzen, aber die hören sowieso alle nur Onkelz und Wahlkampfreden von Angela Merkel und sind somit zu vernachlässigen. Wir Genießer vom Fach (Rumkugel, Sahne-Leberwurst, vermoderte Kniekehlen) indes kochen uns nachts um 3:00 Uhr nochmal 'ne schöne Kanne Stechapfeltee und starren wie in Stahlbeton eingesaugt in den mit Lack übergossenen Sternenhimmel, während die meist überlangen Tracks sich mit uns in die Lüfte schwabbern. Die beiden Highlights "World Of Blue", mit gerade mal vierzehn Minuten ein echter Smash-Hit, und das sogar von Johnny Cash gecoverte "Spiritual" (nicht, dass es ein Qualitätsmerkmal wäre, von Johnny Cash gecovert zu werden, aber ich habe noch 'ne Klammerbemerkung gebraucht und außerdem genug Nihilismus oder weiß ich was in mir, hier an dieser Stelle zu staten, dass keine Sau, also wirklich gar keine, irgendetwas von Johnny Cash hören, geschweige denn mögen muss, wüähä), reichen im Grunde für einen Rundflug völlig aus, das restliche Material ist schmückendes Beiwerk, das erst bei der Gesamtbetrachtung eine Rolle spielt. Die Platte ist furchtbar stimmig, die Songs hervorragend arrangiert, und es war 1995 sicherlich alles andere als "in", eine derart ruhig-sedierte Musik auf einen Markt zu hauen, der mit Alternative Rock und Crossover-Pissflitschen - natürlich nenne ich keine Namen, ich bin schließlich ein seriöser Blogger, der für Vodafone wirbt! - überfüllt war. Auch heute noch gewinnt "The Blue Moods Of Spain" genau aus dieser Haltung heraus sein Alleinstellungsmerkmal (OHO!) und seine Faszination (AHA!)
Eine kleine Platte mit großer Wirkung (TSEHE!).
"The Blue Moods Of Spain" von Spain ist 1995 auf Restless Records erschienen.
Wer ein wenig Lust auf neue Musik hat, wird sich mit diesem Blogeintrag etwas autoben können.
Der ganze Downloadkack kann mir zwar grundsätzlich mal schön den Hoppel ausblasen, aber zum Entdecken der nächsten Sensation, deren Platten man sich dann mit desaströser Umweltbilanz aus Malaysia oder der Antarktis zuschicken lässt, ist es dann doch ganz hübsch.
Das kanadische Indielabel Arts & Crafts bietet einen Labelsampler mit unveröffentlichten Songs ihrer Bands zum kostenlosen Download an. Hier zuschlagen --> Arts & Crafts
Und auch No Idea Records haben einen "Pretend Record"-Sampler 'rausgehauen --> No Idea Records
Gefunden auf yakyaks "Reeling Sichern"
Now Playing, übrigens: Hard-Ons - Yummy *schwelg*
Jackie McLean - 'Bout Soul
Es kostete mich einigen Schweiß - und ganz nebenbei auch noch ein paar Euros: Jackie McLeans "'Bout Soul"-Album wurde bisher noch nicht im Rahmen der Rudy van Gelder-Re-Issue-Serie wiederveröffentlicht, sodass ich auf einen LP-Import aus den USA angewiesen war. Und wo ich schonmal die amerikanische Wirtschaft ankurbeln sollte - der Dow Jones stieg tatsächlich am Tag meiner Überweisung um exakte 3,2% - dachte sich der Weltgeist: dann soll auch der deutsche Zoll noch sein Glück auf dem Rücken meines Kontos finden. Und zack, nochmals herzlichen Dank dafür. Ich nehme übrigens ab sofort Wetten hinsichtlich des Release-Datums der dann für 8,99 € feilgebotenen CD-Wiederveröffentlichung entgegen, es kann sich jetzt wirklich nur noch um Tage handeln.
Genug genörgelt. "'Bout Soul", aufgenommen in den den van Gelder-Studios am 8.September 1967, ist die vorletzte Session McLeans für das Blue Note Label, bevor er die Company nach der fantastischen "Demon's Dance" vom 22.Dezember desselben Jahres verließ.
McLean begann schon in den frühen sechziger Jahren damit, sich in freien Gefilden um zuschauen, wohl unter dem Einfluss von Coleman einerseits (mit dem er auch später noch die "New And Old Gospel"-Session spielen sollte) und seiner damaligen Line-Ups andererseits. Besonders seine Arbeiten mit dem auf diesem Blog schon mehrfach erwähnten Posaunisten Grachan Moncur III - und hier vor allem in Kombination mit Bobby Hutcherson und Tony Williams - hatten in erster Linie hinsichtlich der Strukturen und Stimmungen die Nase in vielfacher Weise vorne, beziehungsweise oben. In diesem Zusammenhang sei auch auf die vor kurzem wiederveröffentlichte Aufnahme "One Step Beyond" aus dem Jahr 1963 hingewiesen, auf der McLean mit ebenjener Besetzung (am Bass spielt Eddie Khan) der Zeit schon meilenweit vorausgeeilt erscheint. Eine zähe, in manchen Passagen förmlich auseinanderfallende Platte, die mindestens so rätselhaft flackert wie "'Bout Soul". Auch hier findet man alte Bekannte: Moncur ist dabei, dazu gibt es den großartigen Woody Shaw an der Trompete, Lamont Johnson am Piano, Scott Holt am Bass und den unvergleichlichen Rashied Ali an den Drums. Es wäre sicher spannend zu erfahren, ob McLean besonders durch Alis Arbeiten mit Coltrane auf dessen späteren Alben auf den Drummer aufmerksam wurde. In den Linernotes lässt sich Jackie lediglich zu einem "[Ali is] especially interested in immediate improvisation and that's why he was perfect for that date. He can let himself go and can be continually inventive." hinreißen.
Das Album hat auf mich eine mystische, kaum greifbare Faszination. Dabei ist "kaum greifbar" durchaus wörtlich zu nehmen: das Sextett ist irrsinnig schnell, nicht nur in seinen Sprüngen und Brüchen, sondern auch in den wendigen Themen, in seinen Andeutungen und Umrissen. So schnell, dass die Stücke wie vom Teufel getrieben an mir vorbei flitzen. Eine zerfledderte Grachan Moncur-Komposition eröffnet den Reigen, und "Soul" ist ein immer wieder von Barbara Simmons Gedichtrezitation diagonal durchkreuztes Stück Soul-Free-Jazz. Im Thema und im Klang durchaus Moncur-typisch in der Tradition verwurzelt, geht es aber hinsichtlich der Struktur und des gesamten Arrangements sogar weit über das hinaus, was ich "frei" nennen würde. Das Stück macht mich an schwachen Tagen fast wahnsinnig: es swingt an den unmöglichsten Stellen, es bricht abrupt ab, meist just in den Momenten, in denen man der Illusion erlegen ist, einen kleinen Strohhalm ergattert zu haben. Dazwischen jauchzt Simmons ihr eigens für Jackie McLean geschriebenes Gedicht und geht dabei immer wieder schöne Verbindungen und Ausbrüche mit der Musik ein.
Die beiden folgenden Tunes "Conversion Point" (von McLean) und "Big Ben's Voice" (von Lament Johnson) haben sich über die letzten Monate zu meinen Favoriten entwickelt. Vor allem erstgenanntes, laut Jackie der Ursprung für ihre hier praktizierte Art der Improvisation, ist für mich tatsächlich eine Art Blaupause für seine Musik in den Sechzigern: frei und wild, immer auf der Suche, niemals stillstehend, immer weiter dei energetischen und tonalen Grenzen auslotend, verflixt schnell und sehr einig: wie ein Zirkel, der alle Musiker umschließt, der ihnen Sicherheit und Freude schenkt. Aber auch die Lament Johnson-Kompositionen (es folgt später noch sein "Erdu") und Scotty Hills Tribut an Nicky Hill, einen Saxofonisten aus Chicago, und John Coltrane, der nur gut sechs Wochen vor den Aufnahmen verstarb, das balladeske "Dear Nick, Dear John", fügen sich nahtlos in die gebündelte Aura dieses Albums ein. Und ich muss an dieser Stelle unbedingt nochmal Rashied Ali erwähnen: was macht der Mann da eigentlich mit seiner Bassdrum? Die Fußmaschine muss nach den Aufnahmen geglüht haben...
Es ist oft die Rede davon, dass man sich der Musik auf "'Bout Soul" öffnen müsse, um sie an sich heran zu lassen. Ich glaube, ich kann das bestätigen. Es fällt nicht unbedingt leicht, eine Verbindung zu ihren Songs und ihrem Ansatz zu finden, dafür sind beide Elemente schlicht zu vielschichtig, zu unkonventionell. Ich kam dahinter, als ich versuchte, hinter die Musik zu blicken, die Vision zu sehen, die Verbundenheit der Musiker zu spüren und zuletzt als ich mich ihnen einfach ergab: ich will das jetzt nicht mehr ausdiskutieren...trampelt bitte einfach nur über mich drüber, 's tritt sich schon fest.
"'Bout Soul" von Jackie McLean ist 1967 auf Blue Note Records erschienen.
Mr.Cooper - What Else There Is
Im Grunde ist das eine sympatische Platte: ein schickes, der Musik angemessenes, wenn auch nicht ungeheuer originelles Artwork mit nächtlichen Großstadtbildern, keine Songtitel, kein unnötiger Schnickschnack hinsichtlich Linernotes oder affiger Dankeslisten. Die Ausgangslage ist also so schlecht nicht, dennoch liegt mir "What Else There Is" etwas schwer im Magen.
Dabei ist es gar nicht so einfach, an die Ursache heran zu kommen. Die Scheibe kann durchaus Spaß machen, dieser Hybrid aus Ambient, Dubstep, Electronica und Hip Hop. In den besten Momenten ist Mr.Coopers Sound an die vielleicht nicht ganz so besten Momente von Boards Of Canada angelehnt, dabei aber präsenter (positiv) oder aufdringlicher (negativ). Was für meinen Geschmack in erster Linie an den Beats und den Sounds ebenjener liegt. Die futuristische, dunkel-schleichende, mystische Ausrichtung des Albums (angeblich war der Film "Bladerunner" der Ideengeber dafür - was jetzt auch nicht unbedingt die sensationellste Idee des Jahrtausends ist), wirkt durch die betont straight gehaltenen Beats etwas anachronistisch, was durch die gar nicht üblen Soundscapes nicht mehr aufgefangen werden kann. Dafür steht der Rhythmus ein ums andere Mal zu sehr im Vordergrund und wurde dazu noch in einen Klang gepackt, der mich - ich kann mir nicht helfen - immer daran denken lässt, das sei alles ein gut gemeinter Chillout-Quatsch für Großdisco-Jüngelchen. Also genau das richtige für mich...
Aber immer langsam: das liest sich jetzt furchtbarer, als es tatsächlich klingt, und ich tue dem Engländer auch sicherlich über Gebühr Unrecht, wenn ich für sein zweites Album die Blutgrätsche auspacke. Die Platte kann bei mir besonders zur Nacht gerne auch zweimal zur Berieselung durchlaufen, für mehr klingt mir "What Else There Is" letzten Endes etwas zu angestaubt und zu trivial.
"What Else There Is" ist 2008 auf Project Mooncircle erschienen.
Der weltbekannte (Free)Jazz-Schlagzeuger Rashied Ali ist gestern im Alter von 74 Jahren in New York an einer Lungenblutung gestorben.
Auf Frank Schindelbecks Jazz-Blog sind ein paar sehr sehenswerte Fotogalerien in einen Nachruf eingebettet:
Now Playing: John Coltrane - Meditations :(
Various Artists - Crunchouse
Ich gehöre für gewöhnlich nicht zu den Menschen, die kulturell vergangenen Tagen hinterhertrauern, auch wenn ich nicht bestreiten kann, zu einigen musikalischen Terrains meiner persönlichen Vergangenheit ein mehr als nur inniges Verhältnis zu pflegen, und sei es auch nur phasenweise. Wenn es mal soweit ist, kommt mir nur selten etwas anderes auf den Plattenteller als zwanzig Jahre alte Scheiben und in schwachen Momenten bricht auch mal ein "So geil war's nie wieder!" aus mir heraus. Solche Erlebnisse hindern mich gottseidank (noch) nicht daran, auch kneedeep in aktueller Musik herum zu stapfen und in starken Momenten "So geil war's noch nie!" heraus zu trompeten. Ich denke also, es hält sich letztlich die Waage. Auch wenn mich zugegebenermaßen das Phänomen, in schöner Regelmäßigkeit in verklärte Romantik zu verfallen, mehr fasziniert als ich es an dieser Stelle zugeben mag. Zumal wir dann auch nochmal darüber sprechen könnten, ob es sich wirklich um "verklärte Romantik" handelt, oder um ein stabiles Fundament, das auf immer die wertende Ausgangsgrundlage für jede neue Musik darstellen wird und zu dem man eben immer wieder wie ein Jojo zurückflitscht. Was gar nicht so ungruselig wäre.
Vermutlich muss man das im Einzelfall differenziert betrachten (sollte ich diese Formulierung nochmal benutzen, bitte eine formschöne Eisenstange an meinen Schienbeinen entlangschubbern; Firma dankt), aber dann sind's ja wieder Einzelfälle und was interessieren mich Einzelfälle? Im Grunde bin ich an stets gültigen Grundsätzen interessiert, "Ich will vollständige Tiere" (Jake Blues), oder wenigstens einen Cuba Libre, 'zefix!
"Crunchouse" ist eine Compilation des in Nordrhein-Westfalen beheimateten Glitterhouse Labels aus dem Jahr 1989. Glitterhouse lizensierten zur damaligen Zeit Bands von Labels wie SubPop, Amphetamine Reptile oder Treehouse für Europa und konnten dementsprechend für diese Zusammenstellung auf einen qualitativ formidablen Bandpool zurückgreifen. Neben mitunter bekannteren Kapellen wie den mächtigen Tad, Boss Hog, Mudhoney und Unsane gibt's hier auch Stoff für den fortgeschrittenen Undergroundler: Halo Of Flies, God Bullies, Surgery, Cows, Bastards, Helios Creed, First Things First und The Thrown Ups sind mit jeweils einem Song ihrer damals aktuellen Scheiben vertreten und können Romantikern schon das ein oder andere Tränchen in die Augen treiben. Hier schließt sich auch der Kreis zum oben kurz angerissenen Komplex: ich bin unzweifelhaft ein Kind des Grunge und mit Hilfe von "Crunchouse" nochmal an einen Zeitpunkt um 1989/90 zurück zu kehren, macht mich ehrlich gesagt gerade ziemlich wuschig.
Ein dröhnender, mumpfiger, tonnenschwerer Sound, dreckig, und stinkend, abgefahren und trippig. Es feedbackt, es wah-waht, es phased, es blubbert und zischt. Irgendwo zwischen Hardcore und versifftem Garagenrock, zwischen Psychedelica und Black Sabbath hatten es sich monoton vor sich hinschlürfende Krachcombos in schimmligen und feuchten Proberäumen bequem gemacht und schon lange vor "Nevermind" versucht, alles um zu krempeln. Die ganze Tragödie, dass die Musik und Aussage, ja ein ganzes Gefühl einer ganzen Generation schon ein paar Jahre später von einer alles korrumpierenden Business-Welle aus rücksichtlosen Geschäftemachern, talentfreien Stümpern und einer außer Kontrolle geratenen Medienlandschaft ausgelöscht wurde und damit ins schon nicht mehr ganz so grüne Gras beißen musste, wurde mir erst sehr viel später bewusst: als ich diesen Sound Jahre später wieder hören und wieder entdecken wollte und er einfach nicht mehr existierte.
Das mag auf den ersten Blick sehr wohl nach wehleidigem "Früher war alles besser!"-Gewimmer klingen, auch wenn ich es weiter oben eigentlich abgestritten habe. Aber ich lerne langsam aber sicher: ich will nicht die Zeit zurückhaben. Ich will noch nicht mal die Bands und Musiker zurückhaben. Ich will auch nicht mein Lebensgefühl von 1990 zurückhaben. Und schon gar nicht will ich mein altes Kinderzimmer bei Mama und Papa zurückhaben.
Es ist die Musik! Ich will die Musik wieder zurückhaben...Hände hoch!!! Rückt sie raus!!
"Crunchouse" ist 1989 auf Glitterhouse Records erschienen.
Anthony Braxton, William Parker, Milford Graves - Beyond Quantum
Nur für den Fall, dass sie es nicht wussten: der Autor dieses Blogs besitzt innerhalb seiner 3,40qm einen CD-Player, der Platz für insgesamt 25 dieser überteuerten kleinen Scheißerle bietet. Das ist zunächst mal nicht so tierisch spannend, sieht man mal davon ab, dass er so groß ist, dass nur noch 1,20qm Sitz- und Gammelfläche für mich überbleiben (Übertreibung!). Aber es ist auch für mich immer interessant zu beobachten, wie sich die Bestückung dieses Kastens zusammensetzt, sich ändert...oder eben nicht ändert. Und jene Überleitung aus der großen "Sammlung der Überleitungen" (1995, Seite 127 ff.) führt uns zum eigentlich Thema: Anthony Braxtons letztjähriges Gipfeltreffen mit dem Bassisten William Parker und dem Schlagzeuger Milford Graves konnte sich seit Dezember 2008 einen Stammplatz in der Abspielvorrichtung ergattern. Und fast immer, wenn ich große Lust auf Freejazz habe, dann kommt "Beyond Quantum" zum Einsatz.
"Beyond Quantum" ist im Grunde abstrakter, improvisierter Noise. Die drei Musiker spielen völlig frei und ohne jede kompositorische Einengung über fünf "Meetings" einen ungeheuer dichten Sound, der trotz Braxtons logischerweise oftmals im Vordergrund stehenden Spiels dem Hörer immer die Option lässt, sich auch andersweitig völlig losgelöst zu orientieren. Für mich liegt genau darin die Faszination: Braxton soliert fraglos furios, aber selbst in seinen lautesten und wildesten Passagen steht es mir immer frei zu switchen. Vielleicht zu Milford Graves, der einen manchmal architektonisch klaren Rhythmusteppich knüpft, manchmal aber auch (und hier besonders in Verbindung mit Parkers Bass) zu einem avantagrdistischen Brodelgewirr umkippt, das kaum zu durchdringen ist. Oder eben alleine zu William Parker, aus dessen Basssolo beispielsweise eine der interessantesten Teile dieses Albums entsteht: wenn in "Third Meeting" bei 7:08 Minuten Graves wieder einsteigt und kurz darauf auch Braxton den Startschuss gehört hat und beginnt, über Minuten hinweg zu schnattern und zu quaken, während Graves und Parker sich in schwirrenden Becken und Unterwasser-Toms mal vereinen, um gleich darauf wieder los zu lassen, wenn Parker um die Bassdrum herum massive Seifenblasen formt und sie scheinbar chaotisch herumblubbern lässt, wenn Graves hitzig vorwegstürmt, und Parker einem schleichenden Panther ähnelt.
Braxton folgt all dem nicht nur, er gibt auch mehr als nur einmal die Richtung vor. Er schnaubt und trotzt, ist ungestüm, aggressiv und kämpferisch, aber findet trotzdem immer wieder Wege, meditativ zusammen zu fallen und das Beatgeblubber seiner Mistreiter mit süßen Tönen zu umschmeicheln, es zu unterfüttern. Und genau hier setzt ein interessanter Punkt an: trotz der losgelösten Impulse dieser Musik wirkt es, als laufe das Trio stur auf Schienen. Eine Kontrolle im Chaos, eine Struktur, die weder die einzelnen Musiker, noch ihre Instrumente oder gar die gesamte Improvisation tangiert, sondern sämtliche Komponenten des Werks umschließt. Eine Struktur, die aus dem Ganzen geboren wurde, die keine Unterschiede macht, die Ausreißer zwar duldet, aber sie keineswegs Konsequenzen ziehen lässt. Mancher mag im Detail die fehlende Dynamik bemängeln, und daraus resultierend auch besonders Braxtons Spiel als nicht immer inspiriert werten, was ich durchaus als legitim bezeichnen würde. Andererseits fasziniert die Ausstrahlung dieser großen Käseglocke, die durchzogen ist von kursiven Linien, von sprudelnder Farbe, von einem autonomen, weitläufigen Wesen, das sie zwar kontrolliert aber dennoch kraftvoll und leidenschaftlich atmen lässt.
"Beyond Quantum" von Anthony Braxton, William Parker und Milford Graves ist 2008 auf Tzadik erschienen.
Thievery Corporation - Radio Retaliation
"Any American who is prepared to run for president should automatically, by definition be disqualified from ever doing so."
Gore Vidal
"I believe that banking institutions are more dangerous to our liberties than standing armies. If the american people ever allow private banks to control the issue of their currency, first by inflation, then by deflation, the banks and corporations that will grow up around [the banks] will deprive the people of all property until their children wake up homeless on the continent their fathers conquered. The issueing power should be taken from the banks and restored to the people, to whom it properly belongs."
Thomas Jefferson
"Let fury have the power, anger can be power, d'you know that you can use it?"
Joe Strummer
"If our torment is to end, if liberty is to be restored, we must grasp the nettle even tho it makes hands bleed."
The Prisoner
"A modern revolutionary group heads for the television station."
Abbie Hoffmann
"You're only as young as the last time you changed your mind."
Timothy Leary
"The propagandist's purpose is to make one set of people forget that certain other sets of people are human."
Aldous Huxley
"This land is no one's land"
John Lee Hooker
"The conscious and intelligent manipulation of the organized habits and opinions of the masses is an important element in democratic society. Those who manipulate this unseen mechanism of society constitute an invisible government which is the true ruling power of our country."
Edward Bernays
"Those who make non-violent revolution impossible only make violent revolution inevitable"
Dr.Martin Luther King Jr.
"Anyone who has the power to make you believe absurdities has the power to make you commit injustices."
Voltaire
"Music is the weapon."
Fela Kuti
"Radio Retaliation" von Thievery Corporation ist 2008 auf ESL Music erschienen.
Die hier aufgeführten Zitate wurde dem Booklet von "Radio Retaliation" entnommen.
GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR
Wer heute, sieben Jahre nach dem letzten Studioalbum "Yanqui U.X.O." und gut vier Jahre nach dem offiziell eingelegten Dämmerschlaf der einzig wahren Postrock Band Godspeed You! Black Emperor deren frühe Platten hört, dem wird einerseits auffallen, wie leicht und lässig es sich auf die Knie sinken lässt, wie lässig und leicht sich die funkelndsten Freudentränen ihren Weg in die Außenwelt bahnen können und wie leidenschaftlich und kraftvoll instrumentale Musik sein kann. Dem wird andererseits aber leider auch klar werden, wie unfassbar uninspiriert, leidenschaftlos, plump, platt, banal, oberflächlich, stillos, orientierungslos und schlicht sacköde all die Legionen an gesichtlosen Nachahmern sind, die Jahre später und bis zum heutigen Tag all das so furchtbar frech wiederkäuen, was diese kanadische Ausnahmeband vor langer Zeit an das Klangfirmament pinselte.
Und weil das alles so schön ist gibt es als Geschenk des Tages von mir für Euch unter folgendem Link einen Radiomitschnitt des Godspeed You! Black Emperor Gigs des 18.April 2002 im Paradiso zu Amsterdam, freundlich bereitgestellt durch den Mixing Desk-Blog
GYBE Live In Amsterdam
Viel Spaß!
Bobby McFerrin - The Voice
Den meisten Menschen ist Bobby McFerrin sicherlich durch seinen 1988er Welthit "Don't Worry Be Happy" bekannt und nicht zuletzt dank dieses Songs befindet er sich bei wiederum den meisten Menschen eher in der "Humor"-Schublade abgelegt. Was zunächst nicht grundsätzlich verkehrt ist; nur die abgefeimtesten Lachknochen kommen angesichts McFerrins halsbrecherischer Stimmartistik nicht wenigstens von Zeit zu Zeit ins Schmunzeln. Fatal wäre es dennoch, würde man den Musiker auf das "Ein bisschen Spaß muss sein, beste Grüße ihr Roberto Blanco"-Klischee des immerfrohen Negers (Anfeindungen und Belehrungen bitte an zivilisiertewelt@silvioberlusconi.it schicken) reduzieren.
In den Liner-Notes zu diesem auf McFerrins erster Solotournee durch Deutschland aufgenommenen Livealbum berichtet der 1950 geborene Sänger, dass er erst im Alter von 27 Jahren auf die Idee kam, allein mit seiner Stimme eine Bühne zu betreten:"I heard a voice inside my head telling me to be singer." McFerrin stammt aus einer sehr musikalischen Familie: sein Vater war der erste afro-amerikanische Opernsänger in der Metropolitan Opera in New York, und der Sprössling richtete in jungen Jahren seinen Lieblingsplatz unter des Vaters Piano ein, wenn jener Gesangsunterricht gab. Mit sechs Jahren erhielt Bobby Klavierunterricht, außerdem lernte er Flöte und Klarinette. Mit verschiedenen Gruppen tingelte er in den siebziger Jahren als Pianist jahrelang durch die Bay Area von San Francisco. Nach dem Wechsel zum Gesang konnte er sich im Rahmen seiner Combo Astral Projections künstlerisch nicht weiterentwickeln, woraufhin er sich zum kompletten Bruch entschied und alle Instrumente aus seiner musikalischen Vision entfernte.
"The Voice" ist ein beeindruckendes Zeugnis seiner stimmlichen und gedanklichen Virtuosität. Mithilfe von Schlägen auf seine Brust und seinen Kehlkopf baute McFerrin ein rhytmisches Gerüst, auf dem er mit schier wahnwitzigen Sprüngen zwischen Bass- und Sopranpartien herumtollte. Hinzu kamen Geräusche wie das hörbare ein- und ausatmen, Schnalzen, Rascheln und Zischeln, die sich in die Stimmcollagen nicht nur eingliederten, sondern zu einem fundamentalen, klangfärbenden Bestandteil seiner Musik wurden. Ralf Dombrowski stellte in seiner Rezension zu "The Voice" noch einen weiteren Faktor in den Fokus: McFerrins umfassende musikalische Bildung. "Sie erlaubte es ihm, an der Personalstilistiken anderer Musiker an zu knüpfen, sie zu imitieren, (...), zu integrieren und zu kommentieren." So konnte er beispielsweise "Blackbird" der Beatles "arpeggiohaft auseinander" nehmen, in "I Feel Good" die typischen Schreie von James Brown persiflieren, frühe HipHop-Elemete in "I'm My Own Walkman" anreißen, und im Bebop-Medley (unter anderem mit "Donna Lee" von Charles Parker) die Charakteristik des Saxofonspiels nachahmen.
Dass McFerrin seinen Vortrag immer wieder mit wirklich lustigen Elementen würzte, was das Publikum zu spontanen Lachanfällen mit Szenenapplaus verführte, ist nur ein weiteres dickes Plus einer Platte, die ein sympatisches, positives und musikverrücktes Flair versprüht.
"The Voice" von Bobby McFerrin ist 1984 auf Elektra erschienen.

Exile - Stay Tuned EP
Mein Schnupperkurs in Sachen Exile. Diese Single stammt aus dem im Frühjahr 2009 erschienenen Album "Radio" und war mein Guiding Light, das nach mehrfacher Rotation mittlerweile ein sattes grasgrün anzeigt.
Radioland re-visited. Aleksander Manfredi hat für seine Musik Stimmen und Sounds aus dem Radio gesammelt und sie in Verbindung mit Flying Lotus'scher Beatästhetik zusammengeführt. Es macht durchaus Sinn, die eigene Erwartungshaltung dieser Musik an zu passen, zumal hier nicht nach einem Durchgang alles gesagt ist. Exiles Musik hat Tiefe und Kompexität, vor allem in der unergründlichen, mystischen Klangbasis, als auch - und das ist viel interessanter - in der Wirkung. Ich wusste anfangs nie, in welchen Teil des mit Ether getränkten Wattebauschs Exile mich gerade hinführt, und ich konnte folgerichtig nie die verschiedenen Optionen erkennen, die Manfredi für mich bereithält. Und Hölle: es gibt viele Optionen in diesem Sound: Türen, die anfangs fest verschlossen waren, stehen wenige Momente später sperrangelweit offen, Gesichter, die eben noch hinter Masken schliefen, schweben plötzlich hellwach in den Wolken.
"Stay Tuned", nebst den beiden ebenfalls auf dem Album vertretenen Songs "It's Coming Down" und "Were All In Power", ist wie eine große, wirre Betäubung. Nebulöse und verschwommene Collagen aus Jazz-, Soul- und Funktunes münden in das große Becken der versammelten Hip Hop-Durchgeknallten wie Prefuse 73, Madlib oder eben Flying Lotus und fassen sich unsittlich an.
In diesem Zusammenhang: Marvin Gaye war ja pornosüchtig. 
Die "Stay Tuned EP" und das Album "Radio" von Exile ist 2009 auf Plug Research erschienen.
Nudeswirl - Nudeswirl
Erneut eine Platte, die in dieser Form nur in den neunziger Jahren erscheinen konnte. Auch wenn sich das Quartett aus New Jersey schon 1988 zusammenschloss und ein Jahr später mit einem Indie-Release debütierte, ist dieses 1993 veröffentlichte offizielle Debut der Kapelle ganz klar ein Kind der Alternative- und Grunge-Welle. Und ein verdammt Hübsches noch dazu. Der Geburtshelfer hieß übrigen Johnny Zazula, der die Burschen zum Megaforce-Label lotste.
"Nudeswirl" gilt unter Eingeweihten durchaus als Großtat einer Bewegung, die schon ein Jahr später mit Soundgardens "Superunknown" einen angemessenen Grabstein erhalten sollte. Die Band hatte einen unerhörten Drive und mischte zusammen, was zu jener Zeit auf den musikalischen Gassen zu finden war. Wolfgang Schäfer aus dem Rock Hard fasste es in seiner 9,5 Punkte-Review überraschend gut zusammen:"(...) vereinen NUDESWIRL die Gitarrenpower von Sonic Youth ('Three', 'Ringworm'), den Groove von Mindfunk ('Gordon's Corner', 'F Sharp'), das Feeling von Pearl Jam ('Disappear') sowie die punkige Attitüde von Nirvana ('Dogfood') mit Refrains der Güteklasse Warrior Soul und Saigon Kick ('Sooner Or Later')." Das darf ich trotz der grundsätzlich wenig pfiffigen Aufzählung so stehen lassen.
Also alles nur geklaut? Au contraire, Chérie! Es ist unbestritten, dass Nudeswirl auf den damaligen Szenesound bezogen keinen goldenen Originalitätspreis einheimsen konnten, dennoch waren sie alles andere als plumpe Copycats. Das leicht nasale Timbre von Sänger Shane M. Green, die psychedelische Grundausstattung ihrer Songs mit freien, teils gar noisigen Elementen, Feedback und verwehtem Wah-Wah-Gewaber in Kombination mit erfrischenden, gar nicht düsteren oder gar depressiven Melodien und einem federnden Groove ließen das Album unüberhörbar mit eigener Stimme sprechen.
Nudeswirl lösten sich 1995 auf. Seit einiger Zeit kursieren unglücklicherweise Gerüchte über eine angebliche Reunion....ich möchte davon ja nichts hören.
"Nudeswirl" von Nudeswirl ist 1993 auf Megaforce Entertainment erschienen.
...Ein Abend In Holz"
So lautet der Titel des aktuellen Kabarettprogramms von Jochen Malmsheimer. Der Hausmeister aus Urban Priols und Georg Schramms ZDF-Sendung "Neues Aus Der Anstalt" betrat am 28.5.2009 die Bühne des Neuen Theaters in Frankfurt-Höchst.
Der Kulturkanal des Hessischen Rundfunks strahlt am kommenden
Sonntag, 19.7.2009 ab 17:05 Uhr
eine Aufzeichnung dieses Abends aus. Zu empfangen über den Livestream des HR2.
Hier ist die Ankündigung des Senders, in der rechten Spalte ist auch der Link zum Webstream zu finden:
Thought Industry - Eine Werkschau
Flower don't cry tonight. Raspberries kissed your
melting face. Flower please hold me tight. Caress my
skin, blended as one. All wrong. My lover's gone. All
wrong. I’ve lost her in the cornerstone of time. Tart meat
cuts emerald lips. Parts and slits. Flower is sky.
Raspberry feels cannot heal. Bleeds his soul. Kicks in her
teeth. All wrong. My lover's gone. All wrong. I've lost her
in the cornerstone of time. Love? All wrong. My lover's
gone. All wrong. I've lost her in the cornerstone of time.
All wrong. My mind is gone. All wrong. I've splattered it
to the stars to the grave. All wrong.
(Thought Industry, "Cornerstone", 1992)
Thought Industry sind für mich eine der obskursten und interessantesten Bands der letzten 20 Jahre. Die Truppe aus dem Städtchen Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan debütierte nach ihrem selbstbetitelten Demo von 1990 zwei Jahre später mit ihrem ersten vollständigen Longplayer, dem wahnsinnigen Techno-Speed-Gewitter "Songs For Insects". Stilistisch mit Bands wie Watchtower oder den begnadeten Realm vergleichbar, bot das Quintett höllisch abgedrehten, vertrackten und breaklastigen Speed/Thrash Metal. Die originelle Stimme von Brent Oberlin, der sowohl die höheren Tonlagen meisterte, als auch von Zeit zu Zeit in einen wirren Sprechgesang abdriftete, in Verbindung mit poetischen und abstrakten "stream of consciousness"-Texten verlieh der Band ein akademisches, intellektuelles Gesicht. Dazu gab es mit den zehnminütigen "The Chalice Vermillion" oder dem Titeltrack variantenreiche Kompositionen mit Überlänge, die für einen ordentlichen Information-Overload im Oberstübchen sorgten. Ich glaube mitnichten, dass ich dieses Album bis heute auch nur im Ansatz verstanden habe, aber es macht - zumindest für eine Weile - immer noch einen tierischen Spaß, sich derart den Kopf verdrehen zu lassen.
Das Konzept wurde auf dem 1993er Nachfolger "Mods Carve The Pig: Assassins, Toads, And God's Flesh" weitgehend beibehalten, bevor das 1995 erschienene "Outer Space Is Just A Martini Away" einen ersten Bruch im Klangbild darstellte. Die Band öffnete ihren Sound für Hardcore, Noise, Punk, Indie und Alternative-Einflüsse, was auf den ersten Blick für die damalige Zeit nicht unbedingt etwas ungewöhnliches war. Das interessante daran: Thought Industry schafften es, mit dieser Neuausrichtung nicht etwa ihren eigenen Sound zu verwässern oder ihn in einer weichgespülten, gefälligen Soße zu ertränken, sondern ihnen gelang es tatsächlich, ihr gesamtes Auftreten weiter zu entwickeln. Die wesentlichen, abstrakten Elemente, sowohl musikalisch als auch textlich, waren immer noch eindeutig zu identifizieren, nur mit dem Metal hatten sie nun nicht mehr all zu viel am Hut, eher erinnerten sie besonders auf dieser Platte in einigen Momenten an eine unpeinliche Faith No More-Version. Dabei ist "Outer Space Is Just A Martini Away" wie seine Vorgänger alles andere als leichtverdaulich, im Gegenteil: es ist anstrengend wie Sau, sich durch dieses Monstrum zu kämpfen. Vor allem im hinteren Drittel wimmelt es nur vor undurchsichtigen Strukturen, von Krach und von völligem Wahnwitz. Dem gegenüber stehen die wohl bekanntesten, weil im Ansatz eingängigsten Songs dieser Band:"The Squid", "Jack Frost Junior" oder "Love Is America Spelled Backwards".
Me be itsy silly fluffy boy. Golly folly. Skippy
Trippie pixie slippy toy. Lolly polly. Shoot me.
(Thought Industry, "Boil", 1993)
Danach vollzogen Thought Industry eine weitere Richtungserweiterung mit dem melancholischen "Black Umbrella"-Werk, das seinen Schwerpunkt eindeutig auf Indie- und Alternative-Sounds setzte und in Grundzügen gar mit einer Band wie Pavement vergleichbar war. Heftige Eruptionen gehörten hier bis auf eine Handvoll Ausnahmen in der zweiten Albumhälfte der Vergangenheit an. Aber auch für "Black Umbrella" gilt: no one said it was easy! Was alle Thought Industry-Platten zumindest in meiner Wahrnehmung gemein haben: sie fordern dem Hörer vieles, wenn nicht alles ab. So kann ich sie - bei aller hier auch zur Schau gestellten Liebe - unter fast keinen Umständen am Stück und komplett durchhören. Ich mag diese Songs, ich mag diese Platten, ich mag diese Band. Aber ich bin nach einer gewissen Zeit schlicht mit ihrem Wahnsinn überfordert.
Mit dem nachfolgenden, opulenten Schwanengesang "Short Wave on a Cold Day", der nur in Amerika erschien und vor dessen Entstehung sich weite Teile des Line-Ups aus dem Staub machten und nur noch Oberlin seine Vision nun mit Vollgas verwirklichen konnte, änderte sich die Kapitulation nicht, obgleich es sich dabei möglicherweise um die versöhnlichtste Aufnahme der Band handelt. Waren die zwei Vorgänger vor allem durch Bitterkeit und Zynismus geprägt, erschien der Abschluss eine Spur freundlicher. Hinsichtlich der Qualität könnte man durchaus der Meinung sein, es handele sich um das beste Album der Band. Oberlin holt hier alles aus sich heraus und bündelt seine Stärken auf einem mit knapp 72 Minuten erneut viel zu langen Album: kompakte Songs mit großartigen Melodien, stringentes und klares Songwriting, dabei immer auf der Grenze zum Noise- und Schrammelrock balancierend und niemals kitschig oder sinnlos aufgepompt. Dafür mit wirklichen Songperlen wie dem 80er Jahre angehauchten "A Week And Seven Days", dem melancholischen "Lovers In Flames" oder dem poppigen Quasi-Radiofutter "Kiss Judy Fly". Die Dichte an fantastischen Songs ist wahrlich beeindruckend, was mir sogar etwas dabei hilft, die überlange Spielzeit etwas zu kompensieren. Mit "Short Wave On A Cold Day" entzogen sich Thought Industry darüber hinaus endgültig jeden Kategorisierungsversuchen, ihr Sound wurde nochmals einzigartiger. Der Kohleklumpen war nun definitiv ein echter, funkelnder Diamant. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Oberlin ausgerechnet nach diesem Meisterwerk das Licht ausknipste.
"Man, he's so punk. Writes his own 'zine. Does basement
shows. Plays in three bands; and he still finds time to
love his Mom's wallet." - Coffee House Leech
(Thought Industry, "Pinto Award In Literature", 1995)
Interessant über die eigentliche Musik hinaus finde ich außerdem folgende Punkte:
Erstens blieb die Band über all die Jahre mit all den Neuerfindungen immer beim selben Label, nämlich bei Metal Blade. Spätestens ab "Black Umbrella" werwundert es schon, dass dieses eigentlich reine Metal-Label der Band noch die Stange hielt, trotz der vermutlich durchaus überschaubaren Albumverkäufe einerseits und einer Abkehr von typischen Metalsounds andererseits.
Zweitens sind Thought Industry zwar seit einigen Jahren in den ewigen Jagdgründen, aber dennoch präsenter als zu ihren aktiven Zeiten, zumindest was die Verfügbarkeit ihrer Alben betrifft. Sowohl bei Ebay, als auch in jedem halbwegs akzeptablen Second Hand-Shop sind ihre Alben haufenweise auch für den kleinsten Geldbeutel zu finden, vielleicht mit Ausnahme des wie erwähnt nur in den USA erschienenen "Short Wave On A Cold Day". Vor allem "Outer Space Is Just A Martini Away" lehnt praktisch an jeder Straßenecke. Möchte nicht wissen, wie viele Scheiben Metal Blade davon noch im Keller stehen hat.
Drittens: die Fangemeinde. Thought Industry erreichten nie die große Masse, selbst für eine kleine Masse war ihr Sound wohl einfach zu abgedreht. Und als ihr Auftreten zugänglicher wurde, war das Kind schon in den Brunnen gefallen, da wussten vor allem große Teile der Metal-Gemeinde: Finger weg, wir raffen es eh nicht. Diesem Umstand ist es wohl zu zu schreiben, dass der eigentlich übliche Ruf nach einer Reunion hier verstummt. Nichtsdestotrotz gab und gibt es sehr wohl eine eingeschworene Gruppe von Fans der Band...ich stelle mir nur manchmal die Frage: wo sind sie geblieben?
Zumindest einer davon schreibt Thought Industry für einen kurzen Moment in die Erinnerung zurück.
Strange & Beautiful.
Stephan Mathieu - Radioland
Geöffnete Fenster, Mettigel-Alarm. Es ist heiß und der Rauhaardackel versucht vergeblich, diese Linsensuppe zu zerschneiden, die seit Tagen durch ihr Zimmer erbst. Es ist noch Bärchenwurst draußen. Wenn es ja nach ihr ginge, sie würde alle Öffnungen zur Herrensauna zumauern lassen. Sie ist kein Fenchelblättchen, aber sie braucht die Radmuttern, sie braucht die Hütchenspiele, selbst am Amen. An einem solchen Zebra wie heute fühlt sie sich immer gefetzt und frisiert. "Habe ich was Wichtiges gegessen? Klingelt es gleich an der Klobrille? Ich hätte ganz bestimmt noch den Batcave kacheln machen müssen, was?! Aahahaha!"
"Radioland" läuft. Sie hat Wundertüten über diese Küchenmaschine rauchen sehen, sie sei eine echte Ausnahmeverteilung. Für den HEY-HO-LET'S HUIUIUI fällt es zwar bumsi, sich schwubbern zu lassen und den Overschnick zu loosen, aber es ist ja auch noch Bärchenwurst. Und es könnte auch gleich an der DingDong korrespondieren, das darf man ja auch nicht verge...was? WAS?
...zielloses Herum-Max-Daxen. Hier ein Minzblättchen gerade schmücken, dort einen Mammut in den Obstkorb werfen. Wann muttert es endlich Rad? Warten...und dieser Scheißpanzer da unten, dieser Paul...in dieser Umgebung und unter diesen Vollidioten dieses leise Rauschen zu hören..."also manchmal raff' ich mich selbst nicht." Leises Kichern, dann Ruhe.
Dann noch mehr Bärchenwurst!
"Radioland" ist angekommen. Es steht mitten im Schlüpper, unscheinbar zunächst, aber sie kann durchaus spüren "wie Niebel das ist." Außerdem blendet der Lendenschurz aus Bisam. In einer Lichtsäule rotiert es um sich selbst, steigt auf und dehnt sich aus. Fleischwurstwärme, Mett und Liebe. Fingerfarben strömen aus, sie fließen nun durch ihren Körper.
Es wird suppig, ihre Milz kribbelt. Die Fenster schwitzen, der Feldsalat explodiert gemeinsam mit dem Panzer stumm in Millionen kleiner Glühwürmchen, die nun ihrerseits Cocktailstände eröffnen und kühle Erfrischungen mit Namen wie "Licht Und Finsternis Zum Auge" (Rum, Sahne, Leberwurst) oder "Auf Der Gasse" (Blue Curacau, Eierlikör, Paris Hilton, 1 ungelesene Ausgabe Cicero, geschreddert) darbieten. Ein Eichelhäher versorgt die anwesenden Gäste mit gesammelten Würmern aus der CDU-Parteizentrale und der ausgezeichneten Trockenpflaume von Philipp Mistfelder.
Heute war's die ganze Nacht hell.
"Radioland" von Stephan Mathieu ist 2008 auf Die Schachtel erschienen.
Ursprünglich wollte ich ja an dieser Stelle eine kurze Aufzählung der absoluten Highlights aus nachfolgendem Video vor- wenn nicht 'runterbeten, bevor mir beim wiederholten Angucken dieses Schnipsels aus einer scheinbar anderen Galaxie klar wurde: das ist ja alles zu "schön", um "wahr" zu "sein". Aus diesem Grunde sei nur der kleine Hinweis gestattet, dass ab 2:16 nichts als laute Jubelschreie durch Wiesbaden hallen...
Voivod - Infini
Der Vorhang fällt. Mit "Infini" begeben sich die Großmeister des Science-Fiction Metal auf eine letzte Rundreise durch ihr Revier. Mit im Gepäck: die finalen Gitarrenaufnahmen ihres 2005 verstorbenen Gitarristen Denis D'Amour aka "Piggy". Nach dem Vorgänger "Katorz" das zweite Album mit einer etwas anderen Arbeitsweise. Die Band zerrte Piggys Riffs in den Mittelpunkt und baute die Songs um seine typischen, schrägen und verwehten Shreds herum auf. So entstanden 13 neue Tracks für die kleine, aber eingeschworene Fangemeinde. Also auch für mich.
Zugegeben, meine Einschätzung des Vorgängers "Katorz" fiel im Nachhinein möglicherweise etwas zu euphorisch aus. So ist das eben im ersten Moment, wenn man als Fanboy etwas in den Händen hält, von dem man dachte, es würde niemals das Tageslicht erblicken. "Katorz" war aus heutiger Sicht von der wörtlich zu nehmenden Zerissenheit der Band und des grundsätzlichen Vorgehens hinsichtlich des Songwritings geprägt, ein Risiko, dessen sich die Band sicherlich bewusst war. Hinzu kommt, dass die Kanadier seit ihrem selbstbetitelten Comebackalbum aus dem Jahr 2003 die Redundanz zum Prinzip erkoren haben. Die Fixpunkte suchen sie nicht wie früher in der Zukunft (womit sie der Metal-Konkurrenz immer leicht und locker drei Schritte voraus waren), sondern in der eigenen Historie: "The Outer Limits" und "Angel Rat" mit ätherischen Nuancen des Klassikers "Nothingface" müssen seitdem als musikalische Salatbar herhalten. Es gibt beileibe schlechtere Auswahloptionen, aber von einer Band wie Voivod, die sich immer wieder so radikal und kompromisslos neu entdeckte, erwarte ich einfach kein Aufbrühen alter Schinken (wie das wohl schmeckt...?!).
Auch "Infini" bricht leider nicht mit dieser Entwicklung. Die Ausrichtung wird nachwievor von der frühneunziger Phase der Band bestimmt, dazu gesellen sich nun noch die beiden Vorgänger "Voivod" und "Katorz" als Referenz. Man weiß also mittlerweile sehr genau, was man bekommt. Diesem Umstand ist es letztendlich auch zu "verdanken", dass Voivod heute weitaus weniger abgefahren, innovativ und genresprengend klingen, wie es besonders in Szenekreisen immer wieder angeführt wird. Klar, im Vergleich zur tumben Power Metal Band ist das hier geradezu avantgardistisch, aber letzten Endes - machen wir uns nichts vor - reden wir immer noch von einer Metalband. Einer originellen Metalband, meinetwegen. Aber eben nicht mehr.
Folgerichtig sind es auf "Infini" in erster Linie die ob ihrer Anlage etwas aus der Reihe fallenden Songs, die eine Spur beeindruckender ausgefallen sind, als der Rest. Das zurückgenommene "Room With A V.U." beispielsweise, das vor allem soundtechnisch wie eine aufgepimpte Version eines "Angel Rat"-Songs klingt. In die gleiche Kerbe schlägt "In Orbit", bei dem es der Band hervorragend gelungen ist, eine melancholisch-entrückte Stimmung zu malen, ähnliches gilt für das klaustrophobische "Morpheus". Dazu gibt es noch zwei, drei gar nicht ungroßartige punkige, mit räudiger Motörhead-Note unterfütterte Brecher ("From The Cave", "Volcano"). Das klingt für den ersten Moment nicht schlecht, aber wir kommen ja noch zum Rest. Der ist in meinen Augen musikalisch durchschnittlicher Voivod-Metal von der Stange mit einem Spritzer Banalität, der mich eher kalt lässt, als dass er mich ärgert, textlich jedoch bisweilen kaum aus zu halten ist. Letztgenanntes ist vor allem deshalb unglücklich, weil man sich immer auf ihre spannenden Sci-Fi-Geschichten verlassen konnte, diesmal aber mit Banalitäten wie "Blah Blah Blah is all you say" oder "God Phones" abgespeist wird. Das ist schade. Musikalisch ist die Durchschnittsware allerdings pures Gift für das Gesamtbild des Albums: es ist viel zu lang. Insgesamt gibt es knappe 60 Minuten Musik zu hören, was gut 20 Minuten zu viel ist. Möglicherweise wollte man alle Reste, die Piggy hinterlassen hat auf diesem letzten Album verwenden, was einerseits legitim ist, andererseits der Sache einiges an Durchschlagskraft und Relevanz nimmt. Ein gerne unterschätzter Punkt, aber er ist der Nummer Eins-Kandidat bei der Beantwortung der Frage, was das Album als Kunstform an den Rande der Bedeutungslosigkeit getrieben hat.
Was bleibt ist ein bisschen Traurigkeit. Ich hätte der Band für ihr letztes Album ein glücklicheres Händchen gewünscht, andererseits habe ich zum Abschluss immerhin fünf, an guten Tagen gar sechs neue Voivod-Lieblingssongs geschenkt bekommen. Die verminderte Erwartungshaltung hat zudem für die Band gespielt: man erwartet heute einfach keine großen Voivod-Platten mehr. "Solide" wäre früher blanke Blasphemie gewesen, um eines ihrer Werke zu beschreiben, heute passt es. Schon verrückt, das alles.
"Infini" von Voivod ist 2009 auf Nuclear Blast erschienen.
Paul Flaherty - Aria Nativa
Das geradewegs unanständig schöne Coverartwork von Ken Hill brachte mich in Verbindung mit dem abgebildeten rauschebärtigen Saxofonspieler auf dem Backcover zu dieser schönen Entdeckung. Paul Flaherty ging mir bis zu der Veröffentlichung von "Aria Nativa" durch die Lappen; angesichts der hier präsentierten Musik ist es andererseits kein Wunder, dass Flaherty bisher wohl nur einer überschaubaren Zuhörerschaft bekannt ist.
"Aria Nativa" ist freies Saxofonspiel. Sonst nichts. Das ist in diesem Fall schon eine ganze Menge: von einer Herausforderung zu sprechen, wäre sowohl für den Musiker selbst, als auch für den Hörer als Understatement zu werten. Stilistisch in seiner Attacke durchaus mit Peter Brötzmann vergleichbar, wirbelt der 1948 geborene Flaherty durch vier furiose Liveaufnahmen, freie Improvisationen, deren Ausdruck durch Unruhe, Hast und ansprechende Garstigkeit geprägt sind. Flaherty zieht sich nur selten in kurze, meist nur angedeutete und ruhigere Themen zurück, bevor er sich wieder aufbäumt und die Intensität nach oben schraubt. Keine Brüche. In Flahertys Spiel sind keine Brüche erkennbar, sein Spiel ist der Bruch. Viel Wut, viel Bitterkeit, aber auch viel Reflektion: seine Stimme zeigt eine Vision, die aus einer in Teilen versöhnlichen Weisheit emporwächst, die sich aber in gleichem Maße aus nackter Rebellion speist. Nicht umsonst sahen sich seine frühen, herben Improvisationen zu Beginn der siebziger Jahre heftiger Reaktionen des Publikums ausgesetzt, was Flaherty veranlasste, anstatt weiterer Band-Engagements mehr private Solo-Sessions zu spielen.
"Aria Nativa" ist völlig kompromisslos, aufbrausend, in manchen Teilen gar zerstörerisch. Der britische Wire schrieb über das Album:"(...), Flaherty starts with one melodic idea, and chases it at maximum speed, wherever it seem to lead him, channeling body and soul into his lines. It's thunderous, passionate, declamatory.".
Hier wird das Stück "I Don't Live Here Anymore" als kostenloser Download angeboten.
"Aria Nativa" von Paul Flaherty ist 2008 auf Family Vineyard erschienen.
Grachan Moncur III - Inner Cry Blues
"Inner Cry Blues", ein Tribut. Untertitel:"Dedication Album Vol.1". Moncur hat für Louis Armstrong, Sonny Rollins, Duke Ellington, seinen langjährigen Partner Jackie McLean und seine verstorbene Tochter komponiert und ihnen auf dieser sehr relaxten, ungewöhnlichen Session gedacht. Reichhaltig in Blues und Soul getränkt, an der Oberfläche manchmal jedoch heiter aufblitzender Swing. Ein Balanceakt für die Sensitiven.
Nach langen Jahren der Funkstille tauchte der Posaunist 2004 für viele überraschend mit einem großen Ensemble und dem feinen Album "Exploration" wieder auf. Moncur veröffentlichte seine Musik seit jeher sehr unregelmäßig, zumindest jene, die unter seinem eigenen Namen lief. Vor allem ließ er sich immer ausreichend Zeit: in den siebziger Jahren erschienen nach seiner Zeit beim französischen BYG Actuel-Label gerade mal zwei Alben, von denen eines sogar exklusiv in Japan veröffentlicht wurde (und heute einen halben Bausparvertrag verschlingt, wenn man die Originalversion käuflich erwerben möchte) und danach erstmal lange Zeit gar nichts. Dass drei Jahre nach seinem Comeback gleich das nächste Album erscheint, lässt für die Zukunft mit weiteren Soloplatten hoffen.
Ich muss zugeben, dass ich einige Zeit benötigte, um mir den musikalischen Ansatz von "Inner Cry Blues" zu vergegenwärtigen. Ich war zu geprägt von Moncurs freien Aufnahmen, von seinen beeindruckenden Songgemälden, die immer so ungewöhnlich, so unverwechselbar klangen und vor allem immer so monumental erschienen. "Inner Cry Blues" geht etwas auf Distanz zu seinem Image als Vertreter der Avantgarde (zu der er sich nach eigener Aussage ja eh nie zählte). Der Einstieg mit "G Train (for Duke Ellington)" gerät dermaßen laid back und swingend, dass ich mich in einem 35°C heißen Sommertag in einer Hängematte flözend auf der Veranda wähne. Der Sound ist ziemlich Low-Budget, wenn auch grundlegend präsent. Man könnte es vermutlich "authentisch" nennen. Trotzdem vermitteln die ersten Minuten ganz und gar nicht das, was ich mir von "Inner Cry Blues" erwartete.
Von Moncurs Begleitband dürfte Vibraphonist Ben Adams der bekannteste Musiker sein, veröffentlichte er doch bisher drei Alben auf seinem Lunar Module-Label, auf dem auch "Inner Cry Blues" erschien. Hinzu kommen Erik Jekabson (Trompete), Mitch Marcus (Tenor Sax), Lukas Vesely (Bass) und Sameer Gupta an den Drums. Die Buben müssen es draufhaben, schließlich weiß man von Moncurs Pingelichkeit hinsichtlich der Interpretationen seiner Songs. Und tatsächlich: sie swingen sich - Verzeihung! - den Arsch ab. Am besten gefällt mir diesbezüglich, na klar, die Rhythmusfraktion Vesely/Gupta. Vor allem ersterer slappt, tappt, schlurft und hüpft wie ein junges Reh durch den Percussionnebel Guptas, und wartet darüber hinaus in dem abschließenden "Sonny's Back (for Sonny Rollins)" mit einem coolen Solo auf.
Der Titeltrack stößt am ehesten in "alte" Gefilde vor, ein Bluesstück mit einem langgezogenen, fast kriechenden Thema und viel Platz und Freiraum. Leicht verdustert, aber immer noch megarelaxed und positv. "Hilda", Moncurs verstorbener Tochter gewidmet, ist überraschend hell und zuversichtlich, aber hier setzt dann der oben angekündigte Balanceakt in voller Pracht ein: die Dunkelheit schwingt immer mit, vor allem in Moncurs Ton. Ich habe manchmal den Eindruck, als wolle er mit aller Macht versuchen, nicht traurig zu klingen. Er kämpft regelrecht darum. Es gelingt ihm nicht, er klingt traurig.
Der beste Moment auf der Platte ist, abgesehen von Moncurs sehr, sehr coolen Gesangseinlagen (!!!) auf "A For Pops (for Louis Armstrong)" und "Sonny's Back", erwartbar seine Verneigung vor seinem langjährigen partner in crime Jackie McLean, der ein knappes Jahr vor den Aufnahmen zu dieser Platte verstorben ist. Die typischen Stop & Go Bläsersätze aus McLeans und Moncurs gemeinsamer Zeit Anfang bis Mitte der sechziger Jahre gipfeln in einem schnellen, die Fäden zusammenführenden Post-Hard Bop-Stück und dem damit eindeutig wildesten Song dieser Session.
"Inner Cry Blues" von Grachan Moncur III ist 2007 auf Lunar Module Records erschienen.
The Life And Times - The Magician
The Life And Times sind für mich eine der coolsten Bands der letzten 10 Jahre und aus zwei Gründen mittlerweile etwas ganz Besonderes. Zum einen führte ich mein allererstes Interview als, ähem, Musikjournalist mit Allen Epley, seines Zeichen Gitarrist und Sänger des Trios aus Kansas City, zum anderen ist ihr Debutalbum "Suburban Hymns" (die "The Flat Of The Earth"-EP klammere ich an dieser Stelle aus) aus dem Jahr 2005 seit ihrem Erscheinen zu einem wirklich großen Album herangewachsen. Da solche Entwicklungen angesichts der Veröffentlichungsflut und der damit einhergehenden Unübersichtlichkeit und schlichten Durchschnittlichkeit immer seltener werden, ist es durchaus an der Zeit, die Kapelle kurz in den Fokus dieses Blogs zu zerren.
The Life And Times entstanden nach dem Split der Kansas-Institution Shiner, die Epley bis dato ein Zuhause als Gitarrist schenkte. Shiner standen bis dato für schweren und noisigen Indierock und wurden immer mit dem D.C.-Sound in Verbindung gebracht. Unter anderem veröffentlichte die Band 1997 eine Single auf Sub Pop ("Sleep it Off/Half Empty"), und spätestens jetzt sollte klar sein, welcher Sound hier zu erwarten ist. Epley formierte Anfang des Jahres 2005 The Life And Times zusammen mit Eric Abert am Bass und Chris Metcalf am Schlagzeug und nahm unter der Regie des ehemaligen Shiner-Bassisten die Songs für "Suburban Hymns" auf, die anschließend von J.Robbins fitgemischt wurden. Das Ergebnis ist eine dunkle, epische Verneigung vor einem Sound, den man nur noch selten zu hören vermag: er schrammelt, ist hymnisch, melancholisch, umarmend, wärmend, dabei alles andere als anspruchslos und ungeheuer kraftvoll in seinen Bildern. Vor allem letzte Komponente wird offensichtlich, wenn man sich mit den beiden zappendusteren Melancholiemonstern "Skateland" oder "Muscle Cars" beschäftigt.
"The Magician" ist nun eine 2006 nachgeschobene und nur in Japan veröffentlichte EP mit fünf Stücken, die die Qualität tatsächlich nochmal nach oben schrauben konnten. Nach Erhalt dieses Schätzchens war mein Plattenspieler für ein paar Tage beschäftigt. The Life And Times klingen auf "The Magician" einerseits eine Spur noisiger und dreckiger, haben es dabei aber andererseits geschafft, den hymnenhaften Charakter ihrer Songs zu bewahren und damit ihren sehr eigenen, originellen Sound noch weiter zu definieren. Das Trio wirkt erstaunlich selbstbewusst, aber sorry: kein Wunder bei diesen Songs! Über die komplette B-Seite mit den Sternstunden "Ave Maria" und "The Sound Of The Ground" könnte ich hysterisch kreischend Gänsehautpickel zählen. Dazu kommt mit "Killing Them Softly" eine mögliche Unterwasser-Aufnahme eines möglichen Alice In Chains-Songs, den die Alice allerdings möglicherweise niemals auf die, haha, Kette bekommen hätte. Kurz gesagt: ich heule vor Ergriffenheit.
Vor kurzem haben The Life And Times ihr neues Album "Tragic Boogie" veröffentlicht. Ich mache sowas normalerweise nicht, aber diesmal gibt's ne Ausnahme: bitte hier kaufen. Die Band steckt Vinyls in eine Pizzaschachtel einer Pizzeria aus Boston, bedankt sich artig für den Kauf und kann ein paar Kröten sicherlich ganz gut gebrauchen.
[pathos]Tut es für die Musik![/pathos]
"The Magician" von The Life And Times ist 2006 auf Stiff Slack Records erschienen.
Philip Jeck - Suite: Live In Liverpool
Vinyl-Langspielplatten sind selten auf dem britischen Avantgardelabel Touch Records, umso mehr freue ich mich, das aktuelle Werk des Tüftlers Philip Jeck in den Händen zu halten und an dieser Stelle präsentieren zu können. Sein Vorgängeralbum "Sand" war mir schließlich gar einen Eintrag in meine Bestenliste 2008 wert, und wie Menschen, die in der Metalszene groß wurden so sind, stehe ich offensichtliche auf mehr oder minder komplette Diskografien. Ich arbeite an diesem Makel, aber es könnte sich noch etwas ziehen. Das nur als Vorwarnung.
Dabei könnte man ebensogut und gerade vor diesem Hintergrund darüber diskutieren, ob es denn wirklich notwendig ist, ein weiteres Album von Jeck zu hören oder zu kennen, wenn er mit seiner Musik letztendlich in seinem abgesteckten Rahmen bleibt und man auch hier durchaus ahnt, wie "Suite: Live In Liverpool" klingen wird, wenn seine letzten Veröffentlichungen bekannt sind. Ohne die gefühlte Qualität der "Suite" zu bewerten: kann sie "Sand" etwas beifügen? Können wir von einem Schritt nach vorne sprechen, oder doch eher von einem zur Seite? Spricht "Suite" eine andere Sprache, zeigt es andere Wege, hat es eine andere Wirkung? Im Grunde hat all das nur wenig mit Philip Jeck zu tun, vielmehr sind es eher fragende Mosaiksteinchen in einem größeren Antwortbild von Musik und Musikern nebst deren Selbstverständnis, Erwartungshaltung und Hörverhalten.
Wer braucht alles von jedem?
Ich für meinen Teil komme langsam ins Grübeln: will ich wirklich die zwanzigste Techno-/Houseplatte hören, die exakt so klingt, wie die neunzehn Exemplare davor? Will ich wirklich die x-te Touch Veröffentlichung hören, auf der angenehmes Rauschen mit unangenehmen Rauschen verbunden wird, wenngleich nicht selten sehr geschmackvoll und hochwertig? Vor einigen Jahren habe ich mir die Frage für Rockmusik selbst beantwortet: ich wollte es nicht. Oder wenigstens nicht mehr so oft. Ist es möglich, eklatante Unterschiede unter den Künstlern und ihrer Musik zu erkennen, oder ist es letztlich nur ein großer Haufen Instantsuppe, zu welcher jeder ein Körnchen beisteuert? Und welche Rolle spielen die Labels in dieser Diskussion? Ein "Labelsound" ist gut und schön, aber wird man mit der Zeit nicht einfach satt, fühlt es sich nach einigen Jahren nicht so fett und aufgeblasen und bequem an? Oder schützt hier am Ende die generelle Distinktion der veröffentlichten Musik, die die Abgrenzung als Deckmäntelchen für Stillstand und Bequemlichkeit deutet, gar missversteht?
Dabei ist es ziemlich unfair, das Thema angesichts der Jeck'schen "Suite" an zu schneiden, denn auch wenn das Album dem Vorgänger nicht wirklich neue Richtungen hinzufügt, sondern sich in den Grenzen dessen bewegt, was man rein klanglich gewohnt ist, kann ich mich nur schwer gegen die aus seiner Musik strömenden Faszination wehren. Wie gehabt modelliert Jeck seine Zusammenstellung in erster Linie auf eigentlich ausgemusterten alten Plattenspielern aus den sechziger Jahren zurecht, auf denen er schleierhafte 7-Inch Singles auf den Geschwindigkeiten 33, 45, 75 und 16rpm abspielt. Schleierhaft ist dabei ein gutes Stichwort: warum das alles dann so klingt, wie es klingt, bleibt wenigstens mir im Verborgenen und vielleicht ist das auch der magische Faktor seiner Musik. Nicht die Frage hinsichtlich des technischen Handwerks, sondern in Hinblick auf die Sounds, die Echos, die Verschiebungen und Verwischungen, der aufkommende Nebel, die plätschernden Glocken, die schwingenden und schleifenden Stürme und die schließlich einkehrende Ruhe.
Jeck spielt die Töne für das Leben und den Tod, für das Vergangene und Vergessene, für die Stimmen die verstummt sind und die Stimmen, denen er mit seinem Werk neues Leben einhaucht. Vielleicht ist es dieser schmale Grat, das Spiel mit dem was war und dem was wird, was die Auseinandersetzung mit "Suite: Live In Liverpool" so befriedigend macht. Demzufolge kann ich die Frage, ob es Sinn macht, sich mit dem Album eingehender zu beschäftigen, klar positiv beantworten.
"Suite: Live In Liverpool" von Philip Jeck ist 2008 auf Touch Music erschienen.
Clifford Thornton - Ketchaoua
Ich begann vor einiger Zeit damit speziell nach Jazz-Aufnahmen mit Beteiligung von Grachan Moncur III zu suchen. Sowohl seine Soloplatten, als auch die Werke, bei denen er als Sidekick auftritt (beispielsweise an der Seite von Jackie McLean), gehören für mich zu den großen Sternstunden des Jazz. Diese Suche trieb mich in die Arme von "Ketchaoua" des US-amerikanischen Trompeters Clifford Thornton, erschienen 1969 auf BYG Actuel. Moncur bildet hier gemeinsam mit Legenden wie Archie Shepp, Sunny Murray, Arthur Jones und Dave Burrell praktisch eine All-Star-Band.
Thorntons zweites Soloalbum (sein einziges für das französische Label) ist dabei ein durchaus guter Indikator für die Struktur von Jazzmusik zur damaligen Zeit. Gleich der Titeltrack und Opener ist Alles und Nichts: Jazz, kein Jazz, Kammerjazz und Folkjazz, Tradition und Moderne, Avantgarde und Roots. Ein zersplittertes, freies, gar psychedelisches, gut zwölfminütiges Werk, wie gemacht für einen Moncur. Seine Posaune setzt das erste Ausrufezeichen in einem flächigen, weit auseinanderdriftenden Ansatz. Diese Kraft und Dominanz. Diese Leidenschaft, dieses Selbstvertrauen. Wie üblich geht ihm nach einigen unfassbar fetten, langgezogenen Tönen die Luft aus....aber, mein Gott, dieser Einsatz!! Es klingelt noch Stunden später in den Ohren.
Die zweite Seite beginnt mit einem flackernden Orkan: "Brotherhood", diesmal mit Thornton, Jones, Beb Guerin, Earl Freeman, und Drummer Claude Delcloo, der alles aus sich heraus zu holen scheint, ist tosender Free Jazz, unbequem, überlagernd, höllisch laut und intensiv. Und es macht großen Spaß, diese Kakophonie zu hören. Wie Guerin am Bass und Delcloo harmonieren, wie sie sich letztendlich zu einem Ton formen und sich dabei auftürmen, wie sie zu einem ganz zentralen Element dieser Musik erwachsen. Großen Anteil an dieser Fokussierung hat sicher auch der Sound des Albums und besonders des Schlagzeugs: seltsam satt und dumpf, aber auch ungeheuer räumlich und offen. Bei dieser Bassdrum können Häuser einstürzen. Und wer abschließend eine knappe Zusammenfassung über "Ketchaoua" lesen möchte, was dieses Album darstellt, wie es sich anfühlt und schmeckt: der Rausschmeißer heißt "Speak With Your Echo (and call that a dialogue)" und besteht aus einem improvisierenden Bass-Duo (Freeman und Guerin) und einem solierenden Thornton an der Trompete. Das war's. Das hört sich nicht nur ungewöhnlich an, das klingt auch so. Und das fasst gut zusammen, was "Ketchaoua" ist: ungewöhnlich, suchend, und ziemlich mutig.
"Ketchaoua" von Clifford Thornton ist im Jahre 1969 auf BYG Actuel erschienen.
Flying Lotus & Declaime - Whole Wide World EP
Irrlichtes Flackern zwischen Dopebeats und -qualm. Flying Lotus zimmert für die kratzigen Raps von Declaime ein federndes, Valium-Dilla Schunkelamüsemang (sic!) zusammen, das bis jetzt tatsächlich der Track des Jahres sein könnte. Pattie Blingh steuert als Krönung ihre angriffslustige Soulstimme drauf. Es kann ja alles so einfach sein.
Die B-Seite schlägt mit "Lit Up" in die skizzenhafte Song-Kerbe von FlyLos "Los Angeles"-Longplayer aus dem letzten Jahr, ein kurzer Ausbruch mit einem ganzen Sampelarsenal und schwankendem Dröselbeat (7,3 Promille). "Keep It Turning" ist dann erheblich zugänglicher und angenehmer, mit feinem Souljazzvibe und schlurfendem, doch höchst präsentem Beat. Eine Single zum Reinlegen, echt jetzt.
"Whole Wide World" von Flying Lotus & Declaime ist 2009 auf Ramp erschienen.
Bad Religion - Recipe For Hate
Über Bad Religion Platten zu schreiben, mag auf den ersten Blick weder sonderlich originell noch anderweitig gewinnbringend sein. Seit über 25 Jahren werkelt die Band nun schon an ihrem Punkrock-Entwurf ("...what I think is Punkrock"- G.Graffin), und auch wenn ich die alte Leier von "die haben doch eh nur einen Song" mit Schmackes in die nächste Tonne treten könnte, wo nicht müsste, kann ich andererseits nur schwerlich behaupten, die Kapelle gehe mit maximaler Abwechslung vor. Man weiß eben, was man bekommt. Dass ihre Songs seit spätestens 1998 dabei immerhin qualitativen Schwankungen unterliegen, ist gemessen an den Großtaten Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre geschenkt. Dennoch ist die Tatsache bemerkenswert, dass in ihrem stilistisch sehr begrenzten Rahmen mit "Recipe For Hate" im Jahre 1993 eine durchaus ungewöhnliche Platte erschien, die trotz ihres Kontrasts zum sonstigen Oevre weitgehend unterschätzt, wenn nicht übergangen wird. "Recipe For Hate" ist ein Kind seiner Zeit, was man der Platte mit etwas Abstand geradewegs beeindruckend schnell anhören kann. Vor allem hinsichtlich der Produktion fällt eine zeitliche Zuordnung gar nicht so schwer: die Gitarren dick wie Sirup und verschwommen vor sich hin blubbernd, mit einem Weichzeichner in die Breite gedrückt und mit Feedback in Bob Mould-Sphären schwebend, eine extrem räumlich klingende, massiv im Vordergrund stehende Stimme Greg Graffins und insgesamt eine Soundästhetik, die zur Krönung in 1992er Alternative Rock-Gold getaucht wurde. So klangen Bad Religion nie wieder. Für meine Begriffe ist das klangliche Experiment geglückt und zu meiner großen Überraschung ist "Recipe For Hate" bei Weitem nicht so schlecht gealtert, wie es vielen anderen Alben aus den neunziger Jahren passiert ist. Auch das Songwriting stellt eine Zäsur zwischen den früheren Klassikern und dem Spätwerk dar. Zum einen gaben sich Bad Religion experimentierfreudig wie nie, öffneten ihren Sound passend zur Hochzeit Seattles für Grunge-Elemente ("Struck A Nerve"), ließen fast schon progressive Strukturen erkennen ("All Good Soldiers") und wagten sich für "Man With A Mission" gar auf Folk und Country-Terrain. Zum anderen klangen selbst die eher klassischen Uptempobrecher wie "Skyscraper" oder der fantastische Titelsong zwar immer noch klar nach Bad Religion, präsentierten sich aber viel durchdachter, gereifter, vielleicht auch abgeklärter. Es war plötzlich nahezu unmöglich, dass einer dieser Tracks auf einem der Vorgängeralben hätte stehen können, allerhöchstens "My Poor Friend Me" erweckt den gefühlten Anschein, ein Überbleibsel der "Generator"-Sessions zu sein. So positioniert sich "Recipe For Hate" rückblickend als (experimentelles) Bindeglied zwischen dem schnellen, unbekümmerten Punkrock eines "Against The Grain" und den späteren, kontrollierteren Alben wie "Stranger Than Fiction" oder "The Gray Race" und ist dennoch viel mehr als das. Seine eigene Substanz und Relevanz erhält "Recipe For Hate" gerade durch die deutliche Abgrenzung gegenüber den übrigen Bad Religion-Alben und der damit einhergehenden Polarisierung der Fans, die es auslöste. Im Grunde genommen alles klare Kennzeichen für einen Klassiker. So sei es.
"Recipe For Hate" von Bad Religion ist im Jahre 1993 auf Epitaph Records erschienen.
Sam Rivers - Dimensions & Extensions
Selten zuvor klang Atonalität wärmer. Den Satz habe ich mir zugegebenermaßen aus Robert Palmers Linernotes zu Sam Rivers' viertem Album für Blue Note stibitzt; er erschien mir als Einleitung durchaus angemessen. "Dimensions & Extensions" kann natürlich ziemlich viel mehr sein als lediglich "warm" und "atonal", als Zusammenfassung stehen die beiden Begriffe jedoch stellvertretend für einen Jazz, der sich zwischen der Avantgarde und dem Hardbop bewegt und angesichts seiner ausgerissenen, reduziert wirkenden Strukturen dennoch als erstaunlich zugänglich präsentiert.
Rivers war ein Jazz-Spätstarter. Erst mit 41 Jahren nahm er seine erste Platte als Leader für Blue Note auf ("Fuchsia Swing Song", 1964), womit er gleichzeitig zu einer der letzten Neuentdeckungen der klassischen Label-Ära gehörte. Als Blue Note 1966 an Liberty Records verkauft wurde, saß dessen Gründer Alfred Lion zwar noch in der Produktionskette, und obwohl er diese letzte Aufnahmesession Rivers' für das Label im Jahr 1967 noch begleitete, ihr einen Titel, eine Katalognummer und gar ein Cover auf den Leib schneiderte, blieb "Dimensions & Extensions" für viele Jahre unveröffentlicht. Erst 1987/88 durfte das Werk als eigenständige Ausgabe das Licht der Welt erblicken, nachdem es bereits 1976 an ein Andrew Hill-Album ("Involution") gekoppelt war und als Doppel-LP-Set erschien.
Ob Alfred Lion sein Veto einlegte und damit für die Verzögerungen sorgte, weil ihm einige neue Strömungen im Jazz, wie kolportiert wird, nicht mehr zusagten, ist mir nicht bekannt. Schließlich ist "Dimensions & Extensions" eine echte Herausforderung. Alleine der Blick auf die Zusammensetzung der Band sorgt für die ein oder andere hochgezogene Augenbraue: ein Sextett ohne Piano, dafür aber mit nicht weniger als vier Bläsern, deren Auswahl ebenfalls überraschen musste, wenngleich sie ein guter Indikator für Rivers Hardbop-Verwurzelung auf der einen und seinen konzeptionell-freien Ansatz auf der anderen Seite ist: Donald Byrd (Trompete), Julian Priester (Posaune), James Spaulding (Altosaxofon, Flöte) und Sam Rivers selbst an der Flöte und am Alto- und Tenorsaxofon. Hinzu kommen Cecil McBee am Bass und Steve Ellington am Schlagzeug.
Und es ist in erster Linie das Brass-Quartett, das dem Affen ordentlich Zucker gibt. Spätestens im wilden, ungestümen "Effusive Melange" brechen alle Dämme, ein Gebrodel aus Überblasungen, aus ineinander verwirbelten Stimmen, aus animalischen Schreien. Dazu ein entfesselter Ellington, der die Töne seiner Becken wie Gischt durch eine dunkle Nacht sprühen lässt und der sich an manchen Stellen sicherlich selbst fragt, ob er schon im Speed Metal angekommen ist. Dagegen erscheint das Eingangsduo "Precis" und "Paean" fast schon handzahm, obwohl auch hier die Funken sprühen: das gebrochene Solo Byrds im Opener, die schiere Wahnsinnsposaune von Julian Priester im Eröffnungssolo von "Paean" und die Komplexität in den atonalen Bläserarrangements mit vielen versteckten Harmonien (besonders in Verbindung mit den harmonischen Sprüngen eines McBee) machen großen, großen Spaß. Hier zahlt sich die Entscheidung Rivers' aus, auf das Piano zu verzichten. Die so entstandenen Freiheiten werden von den Musikern beeindruckend genutzt. Außerdem hilft der Tastenrückzug dabei, die Konturen dieses Albums zu schärfen. "Dimensions & Extensions" klingt reich und voll, die Themen und Motive sind klar und trotz all des freien Spiels mit Raum und Zeit, in denen sich Rivers übrigens im verwehten und suchenden "Afflatus" fast verläuft, handelt es sich um ein homogenes, versöhnliches Werk. Springlebendig, rasant, risikoreich und ungemein kraftvoll.