27.06.2010

Blues And Beyond

Joëlle Léandre & Akosh S. - Kor

"Jazz is taught now in conservatoires along the same lines as classical music, with concours [competitive exams] at the end of the year and all that.. We're producing a generation of old young people who know it all at age 27. It's sterile, antiseptic; there's no danger, no experimentation. I'm completely against it."
Leandre ist wütend. Wütend über eine verkrustete, unbewegliche Szene, die einerseits jede Sekunde den Non-Mainstream feiert, weil's halt so schön anspruchsvoll und unangepasst wirkt, andererseits aber all das, was sie nicht versteht, als "schwierig" und "abgehoben" verdammt. Über Konzertveranstalter, die Musik wie jene auf "Kor" am liebsten in 10qm großen Toiletten live präsentieren würden, weil sie es ihrem "geliebten Publikum", ergo: der goldenen Kuh, die man 24/7 melken muss, zur Primetime nicht zumuten können.

Die französische Bassistin, deren eindrucksvoll umfangreiche Diskografie ein Buch füllen würde, und die bereits mit Größen wie Hamid Drake, Marilyn Crispell, Anthony Braxton, John Zorn oder Evan Parker zusammen spielte, zelebriert auf "Kor" mit dem ungarischen Saxofonisten und Multiinstrumentalisten Szelevényi Akos ein gut 50-minütiges, improvisiertes Set, live aufgenommen im Olympic Cafe in Paris. Ich wurde durch den großartigen Freejazz-Blog auf dieses Album aufmerksam, das ebendort die Höchstwertung erhielt. Die Zusammenstellung Bass/Saxofon fand ich darüber hinaus ebenfalls sehr spannend, womit für genügend Kaufanreize gesorgt war. Ich habe es nie bereut und hätte, ehrlich gesagt, schon sehr viel früher über "Kor" schreiben sollen, wo nicht müssen. Genau genommen hätte "Kor" ohne Zweifel in meine "Best Of 2008"-Liste gehört. Ich glaube, Lloyds "Rabo De Nube" hat ihm in letzter Sekunde den Rang abgelaufen. Sei's drum.

Allein die Ausgangssituation bringt Begriffe wie "spröde", "rissig" oder "Zerfasert" in die Diskussion, und das, ohne vorab auch nur einen Ton gehört zu haben. Dabei ist es mitnichten ausschließlich der knarzende Bass, der für die Breite und den unbeweglichen Krunsch (wtf?) sorgt und der außerdem in so manchem Moment klingt, als würde er mit Leandre spielen und nicht umgekehrt. Das Ding lebt doch?! Leandre zieht alle Register: mal schmeckt es nach Mutterboden, nach rauchigem Holz, nach porösem Lavagestein, mal nach einem indischen Spiritual oder den Eislandschaften eines Thomas Köner. Auch Akoshs Spiel nimmt Leandres Grundmotive dankbar auf, ohne nicht auch hier und da in ein sattes Grasgrün zu tauchen und es Melodien regnen zu lassen. Ihre Kommunikation ist beeindruckend zu verfolgen, sie sind Seite an Seite und mit unsichtbaren Seidenfäden miteinander verbunden. Selbst wenn sie sich voneinander entfernen, treffen sich ihre Wege in dem großen Synapsen-Schaltkasten. Weil sich jeder auf den anderen einlassen kann, weil sie sich blind vertrauen können. Das hört man tatsächlich, und das gibt über die Musik hinaus einfach ein sehr starkes, positives und helles, leichtes Gefühl.

Besonders beeindruckend: Leandres tiefes Gebrüll über Akoshs in Fetzen fliegendes Saxofon in "Part 2". Ist das schon Avant-Blues? Es zieht einem die Kehle zu, man ist angewidert und fasziniert in einem. Katharsis ist ein Scheiß dagegen. Und trotzdem: "Kor" ist zu keiner Zeit abgehoben oder verkopft, ich empfinde es im Gegenteil als sehr geerdet und verwurzelt.

"People are there, they listen, they're moved. Who says this is difficult music?!" - Ja, wer eigentlich?

Erschienen auf Leo Records, 2008

23.06.2010

Viel tiefer wird's nicht mehr gehen, Junge!


FLYING LOTUS - Cosmogramma

Ich begreife es nicht. Ich begreife eigentlich gar nichts.

Da mal ein Fetzen, der vertraut erscheint, danach wieder into the void. Die Kombinationen sind's, die orientierungslos machen, wie Netzschwankungen beim örtlichen Stromdienstleister die Heliumlampe - quatsch - die Halogenlampen durcheinander wirbeln. "Cosmogramma" soll Steve Ellingtons "Space Opera" sein und die Aufsätze, die seit Erscheinen dieser Platte erschienen sind, dokumentieren natürlich genau jene Assoziationen, die ein solcher Begriff eben mit naturgemäß mit sich bringt - vor allem in der jungen, hippen, unangepassten Szene, die in der Spex die verlorengegangenene "bohemistische Geste" des Rauchens beklagen darf, wenn der Glimmstengel zwischen Mittel- und Ringfinger vor sich hin qualmt, beziehungsweise eben nicht (mehr). Wo raucht eigentlich Annett Louisan, wenn man sie mal braucht?

Herr, vergib' mir, denn ich trank White Russian und bin jetzt mindestens genauso unangepasst wie Karl Dall oder Kader Loth. 

Okay, okay..."Cosmogramma" ist ein Koloss. Viel monumentaler als das Durchbruchsalbum "Los Angeles" aus dem Jahr 2007, das auch nicht gerade arm an monumentalen Entwürfen war - wenn auch viel futuristischer. "Cosmogramma" ist des Weiteren viel anspruchsvoller als der Erstling "1983", der, Sie ahnen es bereits, jetzt auch nicht so super anspruchslos war. Ich kann die Durchläufe mittlerweile nicht mal mehr erahnen und so langsam, so ganz langsam steckt Herr Sinn den Kopf aus den Lautsprechern und zeigt mir den ein oder anderen Weg. Wobei das nicht angemessen formuliert ist: er zeigt mir keinen Weg, er zeigt mir immer öfter das Große.

Das Ganze. 

Wenn nach den gefühlten zwei Stunden die finale Auslaufrille erreicht ist, und ich zurückgelehnt und mit einem Gesichtsausdruck, der "Hatte ich eben einen Orgasmus, Baby?" fragt, versuche rückblickend und aus der hohen Ferne des Walsertals das saturngroße Zirkuszelt zu überblicken, das all diesen Irrsin einfängt und umspannt, luftdicht verpackt und dokumentieren will, dann wird mir immer öfter eine Idee geschenkt, die "Cosmogramma" zu etwas sehr Bedeutsamen und Epochalem werden lässt. Weil es da Nanofunken gibt, die mir aufgeregt und hektisch gestikulierend beweisen wollen, dass das alles tatsächlich zusammenhängt. Dass da eine Methode existiert, die nicht "Zufall" oder "Glück", sondern "Disziplin", "Märchen", "Respekt" oder "Demut" heißt. Vielleicht heißt sie auch "Rebellion" und "Aufruhr" - vielleicht erging es den Menschen 1960 ähnlich, als sie "Free Jazz" hörten und nicht wussten, was da gerade über sie hineinbricht. Wird "Cosmogramma" denn überhaupt von einer politischen oder gesellschaftlichen Message getragen, die mit den großen Meilensteinen des Jazz zu vergleichen ist? Natürlich nicht direkt, wir haben heute 2010 und die Welt wird von Tag zu Tag zynischer und obszöner - auch wenn wir gerne darüber diskutieren können, wie zynisch und obszön sie 1960 für Afro-Amerikaner in den USA ausgesehen haben mag. 


Aber gibt es hier ein vergleichbares Brodeln, dass Dir ohne Worte zeigt, aus welchem Wahnsinn es sich speist? Oder ist es am Ende gar kein Brodeln, ist es nicht viel mehr eine Umarmung, ein sanftes und gütiges Lächeln, dass Dir im tiefstem Innern versichern will, dass alles gut ist und noch besser wird? Oder ist "Cosmogramma" doch eher ein simpler Hedonismus, der eitel und selbstgefällig alle vierzehn Sekunden nachschauen muss, ob die Frisur sitzt, weil er es sich leisten kann?

Und jetzt, wo ich all das schreibe, kommt mir das doch wieder alles viel zu groß und viel zu pathetisch vor - wir reden schließlich immer noch und nur von Musik. Andererseits - und das glaube ich wirklich: ich könnte mich "Cosmogramma" gar nicht anders nähern, als über die Frage nach der Vision und dem Motiv. Und ich könnte mir "Cosmogramma" nicht anders erklären, als über die Frage nach der Einheit und nach der Spritualität, der Erhabenheit und der Ergebenheit.

Das ist keine banale Sammlung von Noise und Beats, keine wahllose Aneinanderreihung und Überhäufung von Schichten und Ebenen. Das ist das große Lexikon der Musik, der Spiritualität und des Lebens. Im Zeitraffer und in Milliarden kleiner Splitterfragmente ausgebrütet und dargelegt von einem, der dieses ganze Scheißspiel offenbar verstanden hat.

Und ich darf zum Ende und in diesem Zusammenhang den unvergessenen Bill Hicks zitieren:
"How about a positive LSD story, that would be news-worthy. Don't you think...? Anybody think that...? Just once, to hear a positive LSD story...? Today a young man on acid realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration, that we are all one consciousness experiencing itself subjectively, there is no such thing as death, life is only a dream, and we are the imagination of ourselves... Here's Tom with the weather.
"

Kapitulation? Niemals!

Erschienen auf Warp, 2010

20.06.2010

Neunziger (4)


ROLLINS BAND - Weight


Rollins Band-Alben sind für gewöhnlich nicht die schlechteste Wahl, mag man es sophisticated, kraftvoll, und ungewöhnlich genug, um nicht nach nur einem Durchlauf in den Dornröschenschlaf zu fallen. Vor diesem Hintergrund erscheint es etwas schade, dass sich Rollins zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts und mit Scheiben wie "Get Some Go Again" und "Nice" für den schnörkellosen und vergleichsweise banalen Rotzrock anstelle des groovigen, leicht verfrickelten und nie so richtig klar zu bestimmenden Sounds entschieden hat, der insbesondere zwischen 1993 und 1998 das klangliche Bild seiner Band ausmachte. "The End Of Silence" (1992), "Weight"(1994) und "Come In And Burn" aus dem Jahr 1997, alle eingespielt mit einer beeindruckenden Truppe von großartigen Musikern, zählen zu den von mir unterbewertesten Scheiben - und ich kann es nicht so recht erklären, woran das liegen mag. 

Rollins steht nie so wirklich auf meiner Agenda, dennoch lege ich die drei genannten Werke immer noch regelmäßig auf und bin jedes Mal auf's Neue erstaunt, wie gut sie sich anhören - bei Musik aus den neunziger Jahren alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Besonders erfreut werde ich vom 1994er Album "Weight", dank der Singleauskopplung "Liar", deren Video es in die Heavy Rotation bei MTV schaffte, vermutlich das erfolgreichste und bekannteste seiner Karriere. Und natürlich ist "Liar" die Krönung eines aber auch ansonsten nahezu makellosen Albums: die angejazzten Gitarrenakkorde, die ganz dem Songinhalt entsprechend den Boden doppelt und dreifach auslegen, Rollins' fantastisch arrangierte Sprechstimme, die funkigen Bassläufe - und dann der brachiale Übergang in ein Meer aus Blitz und Donner, aus Pech und Schwefel. Als würden Fugazi mit Motörhead Nirvanas "In Utero" hören und sich dabei gegenseitig an die Gurgel gehen. Ein großartiges Stück mit einem ebenso großartigen Video. Aber "Weight" ist alles andere als ein One-Hit-Wonder-Album:"Disconnect", "Fool", "Civilized" und "Volume 4" sind erfreulich unkonventionelle Musikgranaten, die von den Fähigkeiten jedes Musikers getragen und geprägt werden. Vom ungeheuer vielseitigen Gitarrenspiel eines Chris Haskett beispielsweise, der funky und jazzy Licks ganz selbstverständlich zwischen dampfenden Riffkeulen unterbringt, der es federleicht vor sich hin wedelnd kann und im nächsten Augenblick tiefergelegtes Bratzenschrot auf der gerifften Riffgitarre anschmort. Oder der mit massivem Punch ausgestattete Melvin Gibbs am Bass, der sich mit Drummer Sim Cain die wie improvisiert wirkenden, federnden Groovewolken und supertighten Megabreaks zuspielt, als sei es so einfach und unbeschwert wie Erdbeerkuchen. Und Eisenheinrich? Der presst sich sympatische Lyrik zum empathischen Weltuntergang aus dem baumstammdicken Halsgeschwulst:

now. what the fuck is going through your tiny little mind?
I'm gonna show ya how fragile you really are... yah.
yeah! I think I'm gonna fuck with you, I think I'm gonna fuck with you
yeah you, yeah you! yeah you, motherfucker!


Und ein wenig differenzierter in "Disconnect":

all the things that they're saying & doing
when they pass me by it just fills me up with noise
it overloads me
I wanna disconnected myself
pull my brains damn out, unplug myself
I want nothing right now, I want to pull it out


Das hat alles eine enorme Wucht und Durchschlagskraft, die sogar soweit geht, dass man meint, Henry singe ausschließlich mit Schaum vorm Mund. Aber es hat eben auch Ausdruck, es hat Charme, im besten Fall. Im weniger guten Fall schreit die blanke Verbitterung aus ihm heraus, eine große Enttäuschung, die Wut - liest man das eine oder andere Interview mit Rollins, könnte man zu dem Schluss kommen, er sei über sich selbst am meisten wütend. Einerseits erscheint er als überzeugt und überzeugend, tough und diszipliniert, andererseits grollt ihm auch immer unterschwellig der Ekel vor sich selbst aus seinen Worten - der Mann kämpft nicht nur gegen die anderen, er stellt sich auch mit Vorliebe gegen sich selbst. Dennoch: kann mir bitte jemand seine "Support The Troops"-Scheiße erklären? 

Ich bin jetzt etwas "abgeschwiffen" (Urban Priol), komme aber hier und jetzt zum eigentlichen Thema zurück:"Weight" ist ein verdammt starkes Album.

Erschienen auf Imago Records, 1994

14.06.2010

Zwischenruf (4)

Einen ganz wunderbaren Northern Shore-Mix mit dem Titel "Lost In Smallville" gibt es bei Soundcloud zum Anhören und sogar zum Downloaden. Für Sommernächte und bekifft-sedierte Balkonabende nach dem Tanzrausch. Es fließt und wabbert - und das immerhin über 90 Minuten lang. Und es geht mir trotz der Länge noch nicht mal auf den Keks. 

Walk this way --> *KLICK*

03.06.2010

Denkt denn niemand an die Kinder??? (1)

Dreikommaviernull und Christian "Pogromstimmung" Wulff präsentieren: den (hoffentlich) regelmäßigen 7-Inch/Single/45rpm-Rundumschlag mit den besten Singles der letzten Wochen, Stunden, Jahre. Wir beginnen, schön aufpassen. 


Nice Nice - Sea Waves

Die "Chrome"-LP aus dem Jahr 2003 (damals noch via Temporary Residence erschienen) brachte mich auf dieses sympatisch angeschrägte Duo aus Portland - mittlerweile sind Jason Buehler und Mark Shirazi auf Warp gelandet und legten vor wenigen Wochen mit "Extra Wow" ihr dortiges Debut vor. "Sea Waves" ist die erste Singleauskoppelung und klingt, als hätten die Einstürzenden Neubauten 80er Jahre Discofuzz mit einem Sack Aufputschmittel gemampft. Es brizzelt, es fiept, es groovt wie Drecksau - und ist trotz aller oberflächlicher Zerissenheit wunderbar eingängig. "We Stayed" auf der Flip ist großer, schwebender Elektrofiep-Ätherpop. Etwas gemäßigter in der Anlage, aber unverkennbar clubtauglich.

"Sea Waves" gibt es hier zum offiziellen Download.




Year Future - The Hidden Hand

Geiles, politisches Postcore-Brett mit manischem Sänger (Sonny Kay, u.a. Angel Hair) irgendwo zwischen Fugazi und früh 80er Hardcore mit seltsam sublimer Wave/Goth-Schlagseite und depressiver Wut- und Verzweiflungskante.

Ziemlich apokalyptisches und verdrehtes Gestampfe in "Police Yourself" trifft auf intensiven, mit leichten Screamo-Elementen angereichterten Zappendustercore im Titeltrack. Textlich kommt intellektuelles Futter für Menschen hinzu, die nicht wissen, wo sie mit ihrer Wut noch hinsollen, ohne sich gleich strafbar zu machen (obwohl...). Hat durchaus etwas Versöhnendes, im Sinne von "Verbindendes". Nix für Sonnenanbeter. 



Bullion - Say Goodbye To What

Manch einer wird sich dunkel erinnern: Bullions "Get Familiar" war 2008 einer meiner Lieblingssongs und man kann nicht sagen, dass Nathan Jenkins seither untätig gewesen wäre. Seine Remixfinger sind immer da, wo die Musik spielt. Ich entschied mich für die aktuelle "Say Goodbye To What"-Single, die dank der Vocalsamples deutlich freundlicher erscheint, als das etwas nokturne "Get Familiar". Die Kinderchor-Hookline ist brilliant, der Beat lässt Köpfe und Gliedmaßen (sch)nicken. "Crazy Over You" ist dagegen fast schon bierernst, gar traurig, mit wunderbarer Soul-Verzierung und der verhallt-verzerrten Aura dunkler Dubstep-Produktionen. Erinnert mich brutal an irgendwas, respektive irgendwen und ich komme zum Fick nicht auf den Namen. Tipps und Vorschläge bitte an Horst Köhler, Erdloch 17, 49983 Woderpfefferwächst.

"Say Goodbye To What" kann man hier hören.

23.05.2010

The Beard Is Out There! - V


Das fünfte Studioalbum der "Locker wie Frischkäse"-Buben aus Kalifornien sorgte für die ersten Haarrisskratzer auf der bis dahin strahlenden Fassade, ist allerdings in meinen Augen lediglich um Nanopartikelchen schwächer als die vier Vorgänger.

Hatte die Band bis dato nicht einen nur-beinahe-perfekten Song geschrieben, gab es auf "V" das erste ganz, ganz kleine Stirnrunzeln. Gewohnt-geniale Tracks wie das mit massiven Hooklines ausgestattete "At The End Of The Day", das einem schon nach erstmaligem Hören schon nicht mehr aus dem Kopf fallen will oder der 26-Minuten-Klumpen "The Great Nothing", der locker in einer Reihe mit "The Water" oder "The Light" steht, hätten gleichfalls auf den Vorgängern für Begeisterung gesorgt. Die Problemchen beginnen hingegen mit dem für Beard-Verhältnisse tonnenschweren "Revelations" und dem "Thoughts"-Nachglüher "Thoughts Part 2", die beide erstmals etwas im Klischee festgeleimt wirken. Besonders "Thoughts Part 2" wirkt wie eine bloße Frickel-Schau, die Spock's Beard bis dahin niemals nötig hatten. Fraglos waren sie technisch immer mehr als nur state-of-the-art, aber sie mussten nie die Muskeln spielen lassen, sie überdeckten ihre brillianten Fähigkeiten eben lieber mit überlebensgroßen Songs. 

"Revelation" andererseits ist in der Stimmung und Anlage fast schon zu sehr Metal, zwangsläufig zu deutlich und offensichtlich und damit in der Wirkung einfach zu plump. Das kannte man bisher nicht von Morse - aber andererseits: da sich die Anhängerschaft, zumindest in Europa, fast ausnahmslos aus der Metalszene rekrutierte, wollte man dem Mob eben ein bisschen Fresschen hinwerfen, das weitgehend problemlos verarbeitet werden konnte. Die beiden Beard-typischen Ohrenschmeichler "All On A Sunday" und "Say Goodbye To Yesterday", die das Album komplettieren, sind solides, wenn auch nicht überragendes Futter für die Fangemeinde.  

Was sich im Vergleich mit den Vorgängern wie ein Verriss liest, ist bei Licht betrachtet ein immer noch sehr, sehr starkes Album mit einigen echten Höhepunkten und eineinhalb minimalen Absackern. Heißt in Gänze: Mein fünftliebstes Spock's Beard-Album. 

Den Verriss könnte ich für den überambitionierten und deswegen ganz schön in die Hose gegangenen Nachfolger "Snow" schreiben, nach dessen Erscheinen Neal Morse seinen Hut nahm und die Band verließ. Da Verrisse aber stinklangweilig sind, lass ich's bleiben. Lieber die ersten fünf Sahnealben in Endlosschleife hören. 

Erschienen auf InsideOut, 2000

19.05.2010

The Beard Is Out There! - Day For Night

Den Durchbruch auf breiterer Front erreichten Spock's Beard mit ihrem vierten Studioalbum "Day For Night". Die Verkäufe zogen nochmals an, die Konzerthallen wurden größer, waren immer öfter ausverkauft und entließen nicht selten ein freudentrunkenes Publikum in die Nacht.

"Day For Night" ist im Rückblick das wohl ausgereifteste Werk des Fünfers, das hier wirklich alle Stärken bündeln und in vollem Umfang ausspielen konnte. Mit dem Titeltrack gelang es Morse sogar, das Thema des Iron Maiden-Klassikers "Caught Somewhere In Time" unter zu bringen, "Gibberish" bot irrwitzigen Satzgesang der Marke Gentle Giant, "Distance To The Sun" ist nach "June" auf dem Vorgängeralbum eine weitere Megaballade, "Crack The Big Sky" ein typischer Beard-Track im Stile von "Walking On The Wind" mit unfassbarem Drumming von Nick D'Virgilio, während "The Gypsy" mit seiner schrägen Stimmung und ungewohnter Härte etwas aus dem Rahmen fällt. Bis dahin also alles wie gehabt: sieben Übersongs, mal eben mit links aus dem Handgelenk geschüttelt. 

Das dicke Ende sollte aber erst noch kommen: das knapp 25-minütige "The Healing Colors Of Sound" ist der wohl beste Longtrack, den die Band jemals geschrieben hat, auch wenn sich die Zutaten im Grunde nicht wesentlich von den anderen Göttergaben wie "The Water" oder "Time Will Come" unterscheiden. Morse flitzt durch all das, was sein Hirn in über 30 Jahren Musikverrücktheit aufgesaugt hat, perfekt ausgearbeitet, perfekt arrangiert, alles bis zum Ende und noch darüber hinaus gedacht. Hier sitzt einfach jede Note, jedes Wort, jedes Luftholen, jeder Klavier-, Bass-, und Gitarrenanschlag, jeder Beat. Jedes Umschalten von schleppenden Passagen in ein federndes "Sunny-California-Feeling" gelingt wie in Trance, jede Melodie berührt so tief, jede Akzentuierung löst Freudenschreie aus.

Gekrönt wird dieser Brecher von dem - ich lege mich fest - ergreifendsten und genialsten Gitarrensolo aller Zeiten: Alan Morse, der vor 20 Jahren mit seinem Bruder Neal wettete, ohne Plektrum schneller spielen zu können, als Neal mit Plektrum (und die Wette natürlich gewann), dieser Feeling-Gott mit seiner halb zerstörten Fender Stratocaster, grundsätzlich bis unter die Dachhaube zugekifft und im wahren Leben CEO einer amerikanischen IT-Firma, zeigt innerhalb von drei Minuten wie zum Heulen schön Musik sein kann. Die Luft vibriert, der Boden bebt, die Töne schweben, die Feedbacks lassen Felsmassive erzittern.

Oliver Klemm vergab vor 20 Jahren mal 8 von 7 Punkten für Aerosmiths "Pump"-Album und schloss seine Review mit den Worten "Was also tun? 8 Punkte geben? 'Pump' hat diese Ausnahmenote verdient.". Ich tue es ihm zumindest in der Sache gleich:"Day For Night" hat sich zweifellos die 11/10 verdient.

Erschienen auf InsideOut, 1999.

17.05.2010

Ronnie James Dio 1942 - 2010

Die ersten Jahre meiner Musikverrücktheit verbrachte ich Mitte der 80er Jahre mit Roland Kaiser und hessischen Lokalmatadoren wie den Rodgau Monotones oder Flatsch, bevor um 1986 herum die britische Metalband Iron Maiden den Thron der Florian'schen Nummer Eins erklommen konnten. Mein Bruder Dirk fungierte dabei als Plattenlieferant, und ich erinnere mich daran, dass ich in den folgenden Jahren eine Platte mindestens ebenso oft hörte, wie die ollen Maiden-Klassiker. Und das war Dirks Schuld. Es war "Holy Diver", das Solodebut des ehemaligen Rainbow- und Black Sabbath-Sängers Ronnie James Dio. 


Alleine das Cover hatte eine ungeheure Anziehungskraft auf mich (hier ist womöglich die Parallele zu Maiden zu ziehen) - ein Pfarrer, der unter dem gartig-glühenden Blick des kettenschwingenden Teufels, festgekettet in reißenden Fluten droht unter zu gehen. Es schockierte Mutti und wahrscheinlich eben auch mich selbst. Teufelsmusik. Das legendäre Intro zum Titelsong versetzte mich in Faszinationsstarre, die Hymne "Stand Up And Shout" oder das gigantische "Don't Talk To Strangers" - all diese Songs wurden zu völlig selbstverständlichen Begleitern für die nächsten Jahre. "The Last In Line", das zweite Album, reihte sich genauso ein wie das Drittwerk "Sacred Heart": diese drei Scheiben - wie soll ich's beschreiben - ich kann heute möglicherweise auf völlig anderen musikalischen Planeten aufhalten, mich in Jazz, Elektro und HipHop suhlen, aber diese Songs sind wie Heimkommen, mehr noch als alte Freunde, denn sie haben mich nie im Stich gelassen. Ich verbinde besonders die Songs des Debuts heute noch mit Gerüchen, wie ich sie damals in der Wohnung meiner Eltern wahrgenommen habe, als eben "Holy Diver" lief. Und es passiert bis heute regelmäßig, dass ich beispielsweise "Sacred Heart" aus dem Regal ziehe und nur die überragende erste Seite höre. Und ich schmunzle jedes Mal, wenn Dio seine beiden Lieblingswörter singt: Rainbow und Dragon. Und wer Dio-Platten kennt, der weiß: ich komme aus dem Schmunzeln im Grunde gar nicht mehr heraus.


Heute Morgen ist Ronnie James Dio gestorben. Ich wusste, dass er krank war, und als ich vor sieben, vielleicht acht Monaten die ersten Meldungen über seinen Kampf mit der Krankheit hörte - ich war...ist "besorgt" hier das richtige Wort? Es erscheint so distanziert, dabei schenkte ich dem schon mehr Aufmerksamkeit als anderen "besorgniserregenden" Nachrichten. Ich war vielleicht auch ängstlich - ich wünschte dem kleinen Mann einfach nur, dass er es packt, dass er dem Sensemann noch wenigstens ein paar Jahre entkommt. Nicht, weil ich unbedingt eine neue Platte brauchte oder eine neue Tournee - ich hatte Dios Schaffen in den letzten 10, wenn nicht gar 15 Jahren fast vollständig aus den Augen verloren. Aber ich wollte einfach, dass er noch bleibt - mein Gott, ich habe mit dem Typen mal mindestens meine Kindheit verbracht, verdammt.

Jetzt bin ich nicht mehr besorgt oder ängstlich, ich bin nur sehr traurig. Dio war ein herzensguter Mensch, ein Gentleman, ein bodenständiger, warmherziger Kerl. Keine Skandale, niemals. Gesegnet mit einer Stimme, die das Zeit-Raum-Kontinuum zusammenbrechen lassen konnte, eine der großartigsten Stimmen in der Geschichte der Rockmusik.

Das nimmt mich echt gerade ziemlich mit.

13.05.2010

The Beard Is Out There! - The Kindness Of Strangers

Das erste Album der Band, das die Ernte der überschwänglichen Berichterstattung des Rock Hard-Magazins einfahren konnte und Spock's Beard auf der Landkarte für deutsche Rockfans platzierte. Rock Hard-Schreiber Michael Rensen hatte seit "The Light" einen Narren an dem Quintett gefressen, schmiss (gerechterweise) mit 10-Punkte-Wertungen um sich und feierte Neal Morse schon zu jener Zeit in seiner Prog-Kolumne als den neuen Heiland. "The Kindness Of Strangers" wurde erstmals an exponierter Stelle präsentiert: auf den Dynamit-Seiten des Blattes nämlich, die bis heute die besten Alben eines Monats gesammelt präsentieren. Rensen schrieb und vergab, na klar, die Höchstnote.

Und hier geschah es (vielleicht): Metalfans verliebten sich in Spock's Beard. Und sie taten es in einem Ausmaß, das der Band für die nächsten Jahre ein gutes Stück Erfolg sicherte. Hinzu kamen weitere Lobeshymnen von Musikern, beispielsweise von Dream Theater-Schlagzeuger Mike Portnoy, der Spock's Beard als beste (Prog-)Band zur damaligen Zeit bezeichnete. Folgerichtig wurde die Kapelle von den New Yorkern gleich mehrfach als Supportact mit auf Tournee genommen, und Portnoy gründete etwas später mit Neal Morse, Pete Trawawas (Marillion) und Robin Stolt (The Flower Kings) das All-Star Projekt Transatlantic.

"The Kindness Of Strangers" bot wie gehabt die ergreifendste Musik aller Zeiten, es war manchmal schlicht zu schön, um wahr zu sein. "The Mouth Of Madness", ein durchgeknallter Song-Weirdo mit im warmen Sommerwind segelnden Schwerelospassagen, wurde gar zu einem kleinen Hit, die Monsterballade "June" bringt den nihilistischsten Black Metaller zum hemmungslosen Weinen, "Strange World" ist der vielleicht erste ernsthafte Versuch der Band in AOR-Fahrwassern nach einem Radio-Hit zu fischen, und die beiden Sternstunden "In Harms Way" und "Flow", beide jenseits der zehn Minuten Grenze, schenken dem Album wie schon auf dem Vorgänger dunklere Nuancen und damit ungeheuerlichen Tiefgang. Dazu gab's ungewohnte Riffhärte von Gitarrengott Alan Morse bei "Cakewalk On Easy Street" und dem genannten "The Mouth Of Madness".

"Perfekt" als Prädikat wäre wieder einmal eine bodenlose Frechheit.

Erschienen auf InsideOut, 1997

06.05.2010

The Beard Is Out There! - Beware Of Darkness


Eine Coverversion eines alten George Harrisson-Songs eröffnet Studioalbum Nummer Zwei und gibt ihm auch gleich noch den passenden Titel mit auf den Weg: mit "Beware Of Darkness" steigen Spock's Beard düsterer als zuvor in ein Album ein, das auch insgesamt mit einer dunkleren Aura schimmert. Der federleichte Stil ist angesichts von Songs wie "Walking On The Wind" oder dem Klassiker "The Doorway" natürlich immer noch durchgängig präsent, auf der anderen Seite stehen allerdings der Longtrack "Time Will Come", der erstmals sowas wie Frustration musikalisch transportiert oder das klassische, melancholische Gitarrenduo "Chatauqua". Auch "Thoughts", bekannt durch die Aufnahme beim 95er Progfest ("A song about a guy whose brain is on the fritz.") ist trotz des umwerfenden fünfstimmigen Satzgesangs nicht die pure Lebensfreude und der Hit "Waste Away" verströmt gleichfalls eher Melancholie als den Duft einer Sommerwiese, wobei das eine das andere in der Wirkung nicht ausschließen muss.

Trotzdem - oder gerade deshalb - ist "Beware Of Darkness" eines meiner Lieblingsalben der Band. Die oftmals subtil eingesetzten und im Untergrund dunklen Schattierungen der Songs helfen der Scheibe dabei, noch mehr Tiefe und noch mehr Dramatik zu entwickeln. Eine Platte, der man nur sehr schwer überdrüssig werden wird.

Erschienen auf InsideOut, 1996

02.05.2010

The Beard Is Out There! - The Official Live Bootleg


Spock's Beard hatten besonders in ihrer Anfangszeit die Angewohnheit, bei ihren Konzerten CDs zum Verkauf an zu bieten, die es niemals in den normalen Handel schaffen sollten. "The Official Live Bootleg" wurde während der ersten Deutschland-Tourneen verkauft und einige Jahre später dann doch offiziell unter dem Namen "The Beard Is Out There-Live" veröffentlicht - mit einem zusätzlichen Medley, das sich auf der Originalversion nicht finden lässt - und fasst die vier Songs des Debuts, sowie "Thoughts" vom "Beware Of Darkness"-Album zusammen, das zu dem Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht veröffentlicht war.

Aufgenommen 1995 im Rahmen des kalifornischen Progfests, flattern die Buben mit maximaler Lebensfreude durch ihre überlangen Kompositionen, oftmals unterbrochen von einem hörbar beeindruckten Publikum, das sich immer öfter zu spontanen Beifallsstürmen während der Songs hinreißen lässt. Im Verlauf von "Go The Way You Go" werde ich allein ob der offenbar völlig durchdrehenden Zuhörer von Gänsehautattacken durchschüttelt, und wenn Neals Bruder Alan gegen Ende seine traditionell-abgeranzte Stratocaster streichelt und ihr eines der ergreifendsten Gitarrensoli aller Zeiten entlockt, dann sind auch die Tränenschleusen offen.

Unterstützt von einem erstklassigen Sound, einer um ihr Leben spielenden Band und dem erwähnt gierigen Publikum ist "The Official Live Bootleg" eine der fünf größten Liveplatten, die ich kenne. 

01.05.2010

The Beard Is Out There! - The Light

Fast exakt zweieinhalb Jahre nach meiner letzten euphorisierten Spock's Beard-Phase schlägt die Göttertruppe erneut völlig unbarmherzig zu. Auslöser für meine nun schon seit zwei Wochen andauernde Verbeugung war wieder einmal Freund Marek, der kürzlich - mit seeligem Lächeln - die Liveversion des 24-Minuten-Hammers "The Water" auf seinem Notebook anspielte und mich damit in das Jahr 1997 zurück katapultierte. Das Ergebnis: ein wohliges Suhlen im Backkatolog der Kalifornier und die Erinnerung daran, warum Spock's Beard für mich zu jener Zeit der heißeste Scheiß unter der Sonne waren. Derart angefixt, stürzte ich mich auf jene sechs Scheiben, die in der zweiten Hälfte der Neunziger für ein Comeback des Progressive Rock sorgten.

Wir starten chronologisch mit dem Erstling "The Light". Stifte raus, alles schön mitschreiben! 




Das überlebensgroße Debut. Soundtechnisch noch etwas schwach auf der Brust, dafür mit vier Longtracks vollgepackt, die vielleicht das endgültig Beste sind, was jemals unter dem Banner des Progressive Rock erschienen ist. Das mag übertrieben, beinahe sensationslüstern klingen, andererseits fällt es angesichts dieser Musik schwer, mildere Worte zu finden. Hier noch ohne die erst zur nächsten Platte eingestiegene Tastenmaus Ryo Okumoto, schüttelt die Band unter der spirituellen Leitung von Tausendsassa Neal Morse (Keyboard, Gitarre, Drums, Gesang, Wahnsinn, Wahnwitz, Irrsinn) die lockersten und zugleich ergreifendsten Passagen der Welt aus dem Ärmel: der 16-minütige Titeltrack durchflattert mal eben 40 Jahre Musikgeschichte und verknüpft das traditionelle Progsongwriting des Yes-Albums "Close To The Edge" mit…ja, mit was eigentlich? Vielleicht brachte die Band "lediglich" ihr ungeheures Talent und ihre Frische ins Spiel. Spock's Beard befanden sich immer in diesem wunderbaren Zwiespalt: einerseits eine tiefe Verneigung vor den klassischen Progressive-Epen aus den siebziger Jahren (Yes, Genesis, Gentle Giant) mit einer entsprechenden und allgegenwärtigen Zitatesammlung, andererseits eine Frische und Modernität, die am Ende fast zwangsläufig zu einer völlig neuen Betrachtung eines gesamten Genres führen musste. Denn auch wenn beispielsweise Dream Theater schon zum Ende der achtziger Jahre einigen Staub vom Kaminsims blasen konnten, in dem sie die Klassiker mit hartem Metal verbanden, oder eine Band wie Marillion dank des Fish-Nachfolgers Steve Hogarth ihre Idee des alten Genesis-Klons immer mehr zu einem sehr eigenständigen, gleichfalls sehr modernen Sound weiterentwickeln konnte, dachte Mitte des letzten Jahrzehnts, im Rausch von Alternative Rock und Crossover, wirklich niemand an Progressive Rock. Und dann machten Spock's Beard das Fenster auf: der alte Muff war komplett verschwunden, der grundsätzliche Ansatz der alten Tage war hingegen derart präsent, dass man fast den Eindruck gewinnen musste, Spock's Beard würden sich Ironie oder sogar eine Parodie ganz groß auf die Fahnen schreiben. Aber nix da: denn auch wenn die Band in den kommenden Jahren vor allem live eine große Portion Selbstironie präsentierte, war sie ihrem Sound sehr leidenschaftlich und aufrichtig verbunden. Die vier Perlen auf "The Light" sprühen nur so vor Lebensfreude, vor Dramatik, Pathos, Leichtfüßigkeit, Spielfreude, und explodierender Kreativität. Das bereits erwähnte Epos "The Water" ist dabei der theatralische Höhepunkt dieses Debuts, eine emotionale Achterbahnfahrt, eine große, spannende Erzählung des "Ocean King". Gänsehaut am laufenden Band. 

Erschienen auf InsideOut, 1995

28.04.2010

Das spammen die anderen (1)

Gestern fand ich dieses Kleinod in den Kommentaren, und ich bin versucht zu sagen, dass kein anderer Bot diesen Blog so wunderbar mit niedlicher Spamscheiße zumüllt wie "User" "Anonym": 

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Jetzt mal ehrlich, ist das nicht total süß?

25.04.2010

Zwischenruf (3)

Zur Feier des hiermit 200.Blogeintrags seit Bestehen von 3,40qm, gibt's zweimal Leckerli mit Sahne: die jeweils vollständigen Albumstreams der neuen Alben von Broken Social Scene und der großartigen Nice Nice. N-Joy.


Broken Social Scene - Forgiveness Rock Record


Nice Nice - Extra Wow


22.04.2010

Best Of 2009 - Plätze 01 - 05


Platz 1


The Life And Times - Tragic Boogie

Ich habe nun schon wirklich oft genug die Größe von The Life And Times im Allgemeinen und "Tragic Boogie" im Speziellen auf diesem Blog erwähnt, und da dachte ich mir: ich mach's nochmal. Shoegaze, Indie und leichter Noise formen die Platte des Jahres, keine Diskussion.


Platz 2


SND - Atavism


Alleine im ersten hörbaren Sound von "Atavism" steckt mehr Tiefe und Wärme als in manch kompletter Banddiskografie. Mark Fells und Mat Steel knüpfen den Balla-Balla-Funkcore aus dem reinsten Weiß, das je ein Plattencover gesehen hat. Wo Frank Bretschneider auf "Rhythm" den Skelett-Funk entwickelte, tragen die Knochengerüste von SND Discokugeln im Schritt und die prächtigsten Pornoschnauzer seit YMCA. "Atavism" ist strategisch und verkopft, funky, aber nicht sexy und kann wohl deswegen nicht auf einem Label wie Warp, sondern muss eben zwangsläufig auf Raster Noton erscheinen. Manchmal denke ich mir, dass so eine neue Jimmy Edgar Platte klingen könnte, wenn der den ganzen Glitzer-Fummel mal im Körbchen liegen lässt und stattdessen Alpina Weiß schnüffelt. Macht nach einer Weile Kirre im Oberstübchen, aber so geht Leben, vermute ich.


Platz 3


Emeralds - What Happened?


Ein fürwahr faszinierendes Album. Ich kenne tatsächlich nur wenige Ambient-Platten, deren Einfluss auf Stimmung und Reizsensibilität trotz der sublimen und vernebelten Pfade ihrer präsentierten Musik so groß ist. "What Happened" berührt vom ersten Ton an, und das ist so beeindruckend, dass man die Aufmerksamkeit nur schwer auf etwas anderes lenken kann. Alleine der Opener "Alive In The Sea Of Information" kann in Sachen Aufbau und oszillierenden, sich wie Wellen auftürmenden Sounds, die ob ihrer Urgewalt beinahe physisch manipulieren, so dermaßen alles, dass nur ein vollkommen durchgeblödeter Zappelpiller gelangweilt abwinken würde. Das Trio aus Ohio ist alleine klanglich bisweilen auf einer qualitativ völlig anderen Ebene als die Konkurrenz: hier passiert nichts beiläufig, "What Happened?" ist durchgehend schmerzend relevant.


Platz 4


The Necks - Silverwater


Der britische Guardian bezeichnete sie im Zuge der Platte "Hanging Gardens" von 1999 als eine der besten Bands des Planeten, der Sydney Morning Herald adelte "Silverwater" als
"the finest studio album in their 22-year history"und vermutlich haben beide Recht. Das Konzept des australischen Trios, improvisierte Musik im großen Stil und weitgehend barrierefrei durch eine Platte gleiten zu lassen, bis sie nach meistens 50 bis 70 Minuten wenigstens formal zum Stillstand kommt, trägt die Band auch auf "Silverwater" wieder in den Olymp. Ihr Jazz-Ambient Sound ist immer noch und wieder ein grandioser Ohrenschmeichler mit unfassbar viel Gespür für die richtige Option. Der Titel hätte angesichts dieses mysteriös fließenden Traumspiels nicht besser gewählt werden dürfen. Ein fantastisches Artwork gibt's obendrauf.


Platz 5


Propagandhi - Supporting Caste


Jaleckmichamarsch! Ist das noch Punk? Ist das Metal? Nein, es ist Superdingens! Diese Songs können töten. Politische Sprengkraft in den Texten gepaart mit den unglaublichsten Punk/Hardcore-Songs der letzten Jahre ergeben ein Album, das mich zu Beginn total überforderte. Kompletter Informationsoverkill. Und die Kanadier verdrehten mir nicht nur im übertragenen Sinne den Kopf. Nach ungefähr 287 Durchgängen raffte ich zwar immer noch nicht viel, aber ich kann die Ahnungslosigkeit wenigstens in Worte fassen: technisch brilliant, höllisch komplex und doch catchy, die Produktion ist eine Sensation, die Gitarrenarbeit WELTKLASSE, die Songs schon jetzt legendär.


19.04.2010

Best Of 2009 - Plätze 06 - 10

Bevor der Listenquatsch nun aufhört: mir ist aufgefallen, dass ich zu wenig über die Platten des abgelaufenen Jahres geschrieben habe, und irgendwie muss ich diesbezüglich nachsitzen. Deshalb hier flott in Kurzform die 10 besten Scheiben 2009, aufgeteilt in zwei Portionen, zum besseren Verdauen. Tötö!

Platz 6


Malakai - Ugly Side Of Love

Bezirzendes Weirdo-Gerumpel aus englischen Garagen, in denen Nasarechner und Strohballen gemeinsam Kühe bumsen. Typ trägt vermutlich Dreads und einen grün-schwarz gestreiften Schlabberpullover. Soul und Funk treffen auf herrlich unprätentiöse Hip Hop-Beats, als Beilage wird eine Stimme gereicht, die seit Tagen nur Kaffee und Zigarettenqualm und die Spucke eines Crack rauchenden Stevie Wonder an sich vorbeischwimmen sah. Die FAZ brachte Beck als Vergleich ins Spiel, aber das hat Malakai nicht verdient. Die FAZ hingegen schon. Und trotz Bristol- und Portishead-Verbindung: macht richtig Spaß.


Platz 7



The Heavy - The House That Dirt Built

Nach dem Debutklassiker "Great Vengeance And Furious Fire" aus dem Jahr 2007 schmiss die Band aus dem Vereinten Königreich einen ebenso fantastischen Nachfolger auf die Tanzfläche. Ihr dreckiger, schmieriger Soul- und Bluesrock mit einem sehr feinen Händchen für großartige Hooklines und Melodien reifte auf "The House That Dirt Built" zu einem steppenden Monster voller Glückseligkeit, schmutzigem Sex, Drogen und Garagenrock. Modern und frisch, gefährlich und höllisch tanzbar. Eine der besten Bands der Gegenwart.


Platz 8

Fever Ray - Fever Ray

Die Hälfte der schwedischen Geschwisterbande The Knife dreht hier eigenständig frei: Karin Dreijer Andersson mit einem knisternden, nokturnen, sehr warmen Elektro Album für den Ambient-Club auf Psychopharmaka. "Fever Ray" hat eine erstaunliche Tiefe, ist zu gleichen Teilen umarmend und abweisend und einen großartigen Flow über Albumdistanz. Muss man auch erstmal "hinkriegen" (G.Schröder). Dauerbrenner 2009.


Platz 9


Pan American - White Bird Release

Neben der Emeralds-Platte das großartigste Stück Ambient 2009. Wunderbar zusammengestellt, kreiselnde Sounds, die mich immer wieder tiefer in den akustischen Wattebausch drücken, toller Spannungsaufbau. "White Bird Release" ist sehr subtil, die verhuschten Gitarrenloops hängen sich kaum merklich an dubbige Dürre und verschmelzen zu einem sehr organischen Klangkörper, der wenig mit Sterilität und klaren Konturen zu tun hat. Mark Nelson - früher übrigens mit der Postrock-Quasi-Legende Labradford unterwegs - weiß sehr genau, was er hier tut, und das meint nicht "souverän", sondern mit großem Weitblick und großer Neugier. Du spürst es nicht immer, wenn diese Musik läuft, aber wenn die Auslaufrille erreicht wurde, dann fehlt Dir was.


Platz 10


Black Dice - Repo

Teerschwarze Raupen, so groß wie die Hochhäuser Brooklyns, schrauben sich durch würmelnde Beatkrabbler, Fetzen von Silberfolie kontaminieren klares, kaltes Wasser. Vernoised und verhext von zwei durchgeknallten Soundchaoten mit Tourrettsyndrom aus New York, die mit "Repo" etwas erschaffen haben, das so klar ist wie die Wurzel aus 78842343748437483523783425478250257309. Ein Flow wie ein umherstolpernder Wolpertinger aus dem Kopftunnel von Karl Valentin, und mindestens genauso humorvoll. "Repo" schleppt sich nur so durch eine heruntergekommene Postmoderne, rotzt unentwegt Blut an die eigene Fassade, hinter der nichts als Egomanie und komplette Leere regiert. Eine angemessene Zustandsbeschreibung des vergangenen Jahres. 

13.04.2010

2000-2009 #20: Vladislav Delay - Whistleblower


"Whistleblower" ist flüssiges Dickicht. Gestrüpp, in Fetzen, trotzdem samtweich. Nicht besonders sentimental, dafür fundamentale Selbstsuche, sogar für den, der sich nicht ins tiefe Wasser traut. Über ein Jahr war dieses immer noch beeindruckende Album mein fast täglicher Begleiter, angestachelt von dem Drang, diesen so mysteriösen Sound zu entschlüsseln. Immer wieder die Frage was dahinter steht, eher gleitet, ach was: schleicht, fließt, schwebt. Was macht dieser pulsierende Atem mit mir, der sich nach wenigen in Watte verpackten Sekunden zu einem - ich will's gar nicht sagen, weil es selbst mit dem leisesten Adjektiv immer noch so zerstörerisch wirkt - hingehauchten Groove entwickelt? Sind das die tiefen, halligen Schluchten und Höhlen eines unbewohnten Planeten, oder ist der leise vor sich hinbrodelnde lake of fire, in dem die Verdammten und die Heiligen das letzte Mal die Wärme und die Liebe spüren können bevor es graue Asche regnet? Wahrscheinlich ist es beides, sowohl als auch. Des Teufels glühende Pfütze in der Untererde eines fremden Planeten, in einem fremden Universum, von dem selbst Gott nichts weiß, weil er nicht so weit gucken kann. Und da sitzen und schunkeln wir - unwirklich und so weit draußen, so nah beieinander und doch so unendlich entfernt von allem, was uns nach diesen 70 Minuten wieder in das zurückholt, was jeder, der das Aussteigen und das Träumen auf dem Weg zu seinen 40qm Deutschland verloren hat, als Realität bezeichnet, als eine Unfiktion in der es eben nur Nullen (und davon gibt's mit Verlaub 'ne Menge) und Einsen gibt, schwarz und weiß und das Wetter nach dem Heute-Journal. Ätherisch umherschwabbernd im Nichts, gemartert von grau-staubigen Blitzen, die eine Idee eines Bewusstseinsschleiers vorgaukeln. Die uns in Wahrheit sedieren und uns ausknipsen, damit die Chimären noch näher an uns herankommen und uns den leisen Hauch des Wahnsinns in die Memoiren drücken können. Das ist die Heilung, die das Feuer mit dem Feuer bekämpft. Lasst es Tote regnen, denn sie spüren den Aufprall nicht mehr.

Du wachst auf, und das Nichts hat seine Bedeutung verloren. "Don't be afraid, ever, because: it's just a ride."(Bill Hicks)

Erschienen auf Huume Records, 2007

11.04.2010

2000-2009 #19: Tomte - Hinter All Diesen Fenstern



Ein bisschen Zahnschmerzen habe ich schon dabei, Tomte im Jahr 2010 doch nochmal positiv zu erwähnen, aber es hilft alles nichts:"Hinter All Diesen Fenstern" war 2003 eine Sensation für mich und riss meine Vorurteile gegenüber deutschsprachiger Musik in die bodenlose Tiefe - nur um kurze Zeit später in exakt jener Tiefe darin bestärkt zu werden, einheimische Lyrik zu meiden wie Horst Köhler einen IQ oberhalb 40. Das hat erstmal nicht viel mit der Band um Saufziege Thees "Beck's" Uhlmann zu tun, aber spätestens mit dem aktuellen Album "Heureka" und dessen zum blanken Klischee verkommenen Sprachmischung aus trostloser Befindlichkeitslyrik und anschleimendem Szenegelaberdreck ist es mal sowas von vorbei, dass es fast schon vorbei ist.

Ich weiß noch, dass ich mich beim Erscheinen von "Hinter All Diesen Fenstern" mit Händen und Füßen dagegen wehrte, diese Band auch nur in Ansätzen zu nah an mich heran zu lassen. Nach dem "Genuss" eines Interviews in der Indie-Schmu-Postille Visions (natürlich wie bestellt von Krampfjournalist Armin Linder ans Kreuz genagelt), kam mir angesichts der zur Schau gestellten Milchsemmel-Mentalität mit Blümchen, Bienchen und Bierchen das ein oder andere unschöne Wort über die Lippen und ich beschloss, mir eher die Ohren mit Flüssigbeton aus zu gießen, als einmal Tomte zu hören - oder noch schlimmer: mir sogar die Platte zu kaufen. Mein Vorsatz hielt exakt 13 Tage. Dann lief der zuvor immer brav weggeskippte Track "Schreit Den Namen Meiner Mutter" von der Visions-CD dann doch mal während des Zwiebelschneidens über die Stereoanlage in der Küche und ich wusste plötzlich nicht mehr: heule ich vor Ergriffenheit oder wegen dieser verkackten Zwiebel?! Ich wehrte mich weitere zwei Wochen und dann knickte ich ein: die Platte muss her.

Was folgte war pure Ergebenheit. Das waren Texte, bei denen man sich fragte, warum man sie nicht selbst geschrieben hat und sich als Antwort entweder überlegte, dass man selbst eben bei Weitem nicht so weise oder wenigstens so betrunken sei wie Ulhmann oder - die Pathosantwort - dass es zu sehr schmerzte, hätte man sie selbst geschrieben. Als ich zum ersten Mal "Endlich Einmal" hörte, eine Geschichte über Uhlmanns Beziehung zu seinem Hund, musste ich ungelogen abwechselnd Lachen und Heulen. Und auch wenn es nicht besonders en vogue ist, zu zugeben, dass man bei Tomte-Songs heult: ich tat es. Um ehrlich zu sein tue ich es noch heute, wenn beispielsweise "New York" oder "Die Geigen Bei Wonderful World" vom Nachfolger "Buchstaben Über Der Stadt" laufen. Ich heule immer. Ich kann nichts dagegen tun, die Schleusen sind spätestens offen, wenn mir bestimmte Zeilen "ans Lauschgesims laffeln" (Olaf Schubert):

Wie die Straßen mäandern
Wie die Städte zerfallen
Wie meine Hoffnung sich erhebt in diesen heiligen Hallen
Wir heben einen Finger, um zu sehen
Aus welcher Richtung der Wind weht
Und der Wind steht gut, denn es ist nicht zu spät
Ich habe ein Gespür entwickelt, wie gut es mir geht
Oh, ein Kuss auf die Stirn und danke für die Stunden
Man fühlt sich, als habe man die Liebe erfunden
Ich will dich treffen, wo's am schönsten war
Ich will dich treffen in zehntausend Jahren
Am Reservoir


Da brech' ich zusammen.

Aber zurück zu "Endlich Einmal":

Ich und mein Hund,
wir mögen zusammen gehen,
da vorne könnte etwas passieren,
wir bleiben stehen.
Ich ziehe deine Anwesenheit
den meisten Menschen vor.
Du trägst immer eine Leine
und das nur wegen mir.

Denn ich würde töten,
wenn du stirbst
und das sage ich nur dir
in dieser Welt, die für uns
aus drei Sachen besteht.
eine Hand auf dem Bauch,
eine Stunde an der Luft,
eine Jagd auf den Geruch,
der Lust verspricht.

Endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält,
endlich einmal, etwas das länger als 4 Jahre hält.

Du jagst die Kronkorken,
die ich schmeiße.
du hast viel zu tun
in dieser zeit.
du wirst unruhig,
wenn du die Elbe riechst,
du weißt ich war nervös,
während dieser Monat verstrich.
das ist kein Urlaub,
das ist eine Reise,
das ist alles andere als
die gute Seite.
sie erreichen ihre Ziele,
für uns ist es unsagbar weit.

Endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält,
endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält.

Aber wir gehen unsagbar weit,
aber wir gehen unsagbar weit,
aber wir gehen unsagbar weit,
aber wir gehen unsagbar weit,
aber wir gehen unsagbar weit,
aber wir gehen unsagbar weit.

Endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält,
endlich einmal etwas, das länger als 4 Jahre hält.


Als dann der hier besungene Hund ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung tatsächlich im Hamburger Straßenverkehr sein Leben ließ und die Nachricht darüber die Runde machte, litt ich mit Thees Uhlmann und musste sofort an dieses Lied denken. Und es tat scheißeweh.

Ich könnte hier jetzt noch stundenlang über die schiere Größe von Hymnen wie "Du Bist Den Ganzen Weg Gerannt" oder "Die Schönheit Der Chance" mit seinen tollen Bläsern, der unbeschreiblichen Euphorie und der Textzeile "Das ist nicht die Sonne die untergeht, sondern die Erde die sich dreht" schreiben, reden und mich nassmachen, aber im Grunde ist eh alles gesagt. Nur noch das: es fühlt sich beinahe seltsam an, das heute so zu schreiben, weil in den letzten sieben Jahren eben doch eine Menge passiert ist und ich mich heute nur schwer in meine Gedanken- und Gefühlswelt
des Sommers 2003 hinein versetzen kann. Es fühlt sich fast ein bisschen falsch an, Tomte auch heute noch zu mögen. Dann höre ich dieses Album und sämtliche Zweifel sind verloren. Immer noch und in vollster Überzeugung: "Hinter All Diesen Fenstern" ist eine ganz riesige Platte.

Erschienen auf Grand Hotel Van Cleef, 2003

06.04.2010

2000-2009 #18: Thievery Corporation - The Cosmic Game


"Für jemand der keine Erfahrung mit dieser Musik hat kann die CD als durchaus genial empfinden." So formuliert es Amazon-Kunde "hanswurst" in seiner "Kritik" zu Thievery Corporations "The Cosmic Game" aus dem Jahr 2005. Und auch wenn man über die grammatikalische Qualität dieses kleinen Sätzchens sicherlich trefflich diskutieren, wo nicht schmunzeln könnte, vielleicht ist ja am Inhalt - sofern man ihn erahnen kann - tatsächlich eine Kleinigkeit dran.

Ich hatte es schon mal erwähnt, wenn ich nicht irre: 2005 war musikalisch ein einschneidendes Jahr für mich und innerhalb kurzer Zeit beschäftigte ich mich mit Musik, der ich zuvor nur sehr wenig Aufmerksamkeit zukommen ließ - wenn ich überhaupt wusste, dass es sie gibt. So stieß ich zur Veröffentlichung von "The Cosmic Game" auf Rob Garza und Eric Hilton und ihre Thievery Corporation, hatte von elektronischer Musik keinen sitzen und wollte nur eine kleine Horizonterweiterung genießen. Was dabei herauskam sehen wir hier und heute: eines der großartigsten Alben des letzten Jahrzehnts.

Mit der Unterstützung von den Flaming Lips, Perry Farrell, David Byrne und einer guten Handvoll weiterer Gastmusiker zaubern die beiden US-Amerikaner ein dubbiges Downbeat-Gestrüpp zurecht, in dem am einen Eck indische Psychedelica, am anderen rockiges Postpunk-Gestein gedeiht, während ihre lyrischen Attacken auf George W. Bush die revolutionären Dornen anspitzen. Zwischendrin wuseln Jazz- und Bossa Nova-Elemente umher, die das musikalische Spektrum nochmal erweitern. Und obwohl Reggae ja bekanntermaßen die schlimmste Musik der Welt ist, stören mich dessen Einflüsse zu meiner großen Überraschung auf "Cosmic Game" nicht die Bohne. Gut, der gewalttätig-homophobe Scheißdreck ist erfreulicherweise selbst mit der dicksten Kritikerlupe nicht zu hören/finden, dann reißt mir auch nicht die Halsschlagader. 

Perfekt produziert, perfekt arrangiert, perfekt ausgerollt, perfekt ausgedacht. Möglicherweise sehen das die Cracks ein bisschen anders, aber ich kann mir auch nach nunmehr fünf Jahren mit ausgedehnter Erfahrung nur schwer vorstellen, dass man solch Musik besser inszenieren kann - inklusive der klaren und mutigen* politischen Positionierung. Deshalb nur eine logische Konsequenz, dass "The Cosmic Game" seinen Platz in dieser Liste findet.

*: Ob es besonders mutig war, zum Höhepunkt der Anti-Bush-Bewegung eine Anti-Bush-Platte zu veröffentlichen, ist zweitrangig. In erster Linie finde ich es durchaus bewundernswert in einer im Grunde sehr unpolitischen und weitgehend oberflächlichen Szene klar Stellung zu beziehen. Und dass sowas gerade im konservativen Teil Amerikas (also gut 95%) hier und da nicht so gut ankommen kann, mussten schon ganz andere Künstler lernen. Und wo ich es gerade schreibe, fällt mir auf: Thievery Corporation hörten trotz Obama-Euphorie auf ihrem Nachfolger "Radio Retaliation" aus dem Jahr 2008 nicht damit auf, die Revolution zu fordern und zu füttern. Insofern kann ihnen niemand vorwerfen, mit "Cosmic Game" eine Platte für politische Eintagsfliegen zusammengeschraubt zu haben. Im Presseinfo zur aktuellen Platte findet sich in diesem Zusammenhang die Aussage Garzas:"Radio Retaliation is definitely a more overt political statement [...] There's no excuse for not speaking out at this point, with the suspension of habeas corpus, outsourced torture, illegal wars of aggression, fuel, food, and economic crises. It's hard to close your eyes and sleep while the world is burning around you. If you are an artist, this is the most essential time to speak up."

Find' ich gut.

Erschienen auf Rykodisc/Warner, 2005.

05.04.2010

2000-2009 #17: The Sea And Cake - Car Alarm


Wenn ich meiner in früheren Besprechungen geäußerten Beobachtung folgen will, muss "Car Alarm", das immer noch aktuelle Album von The Sea And Cake aus dem Jahr 2008 in dieser Bestenliste auftauchen - und nicht wie ursprünglich geplant "Everybody" aus dem Jahr 2007. Wann immer eine neue Scheibe der Postrock-Institution aus Chicago erscheint, ist es für mich auch gleichzeitig ihr bis dato bestes Werk, demnach wäre es inkonsequent, nun den Vorgänger zu erwähnen. Aber ich muss schon zugeben: ich habe innerlich den ein oder anderen Ringkampf gerungen.

Trotzdem ist es am Ende eine gute und stimmige Entscheidung, denn das Quartett klingt auf "Car Alarm" so perfekt wie noch nie - und das will was heißen. Natürlich sind auch überragende Songs wie "On A Letter" oder "Pages" gute Argumente für eine entsprechende Auswahl, aber im Grunde hatte auch "Everybody" brilliante Stücke im Gepäck, ich denke da nur an den Opener "Up On Crutches" oder das weich-schummrige "Coconut". Die Nasenlänge, die "Car Alarm" in Sachen Songwriting vorne liegt ist geschenkt, wir sprechen hier von winzigen Nuancen und die Bewertung derselben sind nicht selten tagesformabhängig. Was mich jedoch an "Car Alarm" nach diesmal etwas länger andauernden Eingewöhnungszeit so faszinierte (und mich außerdem bis heute fasziniert) ist wie es ihnen gelang, ihren unverwechselbaren Klang derart tadellos ein zu fangen. Aus produktionstechnischer Sicht ist "Car Alarm" eine Meisterleistung. Die Band schwebt selbst in den etwas ruppigeren Momenten nur so dahin, ist immer bei sich, megakompakt, kommuniziert ohne Unterbrechung miteinander, spielt sich die Bälle zu, nimmt andere auf, immer souverän aber nie abgeklärt, immer präsent aber nie aufdringlich. Ganz wie es ihrer Natur entspricht, vollzieht sich die Weiterentwicklung immer auf subtilstem Niveau, die harten Brüche und naiven Interpretationen überlassen sie anderen. Im Rückblick muss vermutlich die lange Pause zwischen "One Bedroom" (2003) und "Everybody" (2007) als Meilenstein der Sinn- und Soundsuche gefeiert werden. Wo die Frühwerke wie das selbstbetitelte Debut, "Nassau" oder das ebenfalls großartige "Oui" noch von einem spröden Selbstvernachlässiger-Charme getragen wurden, wo nicht selten eine immer leicht scheppernde, verzerrte Indie-Ästhetik im Vordergrund stand, konnte der auf "One Bedroom" geschärfte, aber weitaus elektronischere Ansatz in den vier Jahren bis zum Comeback auf ein Gitarrenkonzept umgesetzt werden. Gitarrist Archer Prewitt gab im Interview, das ich vor drei Jahren mit ihm führen konnte, auch folgerichtig zu, dass er mit der elektronischen Ausrichtung von "One Bedroom" nicht hunderprozentig einverstanden war - aus der Sicht eines Gitarristen, wie er schnell anfügte, weil er eben viel weniger zu spielen hatte als zuvor.

Irgendetwas muss also in diesen vier Jahren geschehen sein. The Sea And Cake klingen seit "Everybody" anders - nennen wir es professioneller, runder, stimmiger. Und die Entwicklung ist für "Car Alarm" nicht abgebrochen, ganz im Gegenteil. Sie schafften den größten Sprung auf den denkbar sublimsten und feinsten Pfaden. "Car Alarm" erstrahlt in Größe.

Erschienen auf Thrill Jockey, 2008

02.04.2010

2000-2009 #16: The Mars Volta - De-loused In The Comatorium


Ist das die Geburtsstunde des Prog-Core oder die Auferstehung des Progressive Rock? Aus der Asche der am Ende ver- und ausgebrannten Hardcore-Sensation At The Drive-In erschienen Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez und Wundersänger Cedric Bixler-Zavalas knappe 2 Jahre später mit ihrem Baby The Mars Volta auf der Bildfläche. Zunächst mit der reichlich wirren und un(ter)produzierten "Tremulant"-EP, im Sommer 2003 mit dem ersten Studioalbum "De-Loused In The Comatorium", definierten sie zusammen mit Produzent Rick Rubin ein ganzes Genre komplett neu - oder besser: sie stampften es aus dem Boden. 70er Jahre Progressive Rock (King Crimson!!!), Latin-Fusion-Jazz (Santana!!!), Hardcore (At The Drive In, Fugazi!!!), Krautrock (Can!!!) - sowas gab's noch nie! Und auch sieben Jahre später steht "De-Loused In The Comatorium" immer noch als ultimativer Fixpunkt am Firmament, Abnutzungserscheinungen gleich Null. Ich habe es gerade gestern nach längerer Abstinenz erneut getestet und wurde angesichts dieser explodierenden Virtuosität und Kreativität wie am ersten Tag einfach nur umgeblasen.

Betrachtet man die weitere Karriere von The Mars Volta mit schwerverdaulichen Alben wie "Frances The Mute" und besonders dessen ätherischen Nachfolger "Amputechture", für deren Produktion einzig Gitarrist Omar verantwortlich war, kann man ungefähr ermessen, wie groß der Einfluss Rubins auf dieses Debut gewesen sein muss. Wo die folgenden Alben noch kaputter und verrückter wurden, wo ein veritabler Single-Hit durch minutenlanges Froschzirpen absichtlich sabotiert wurde, wo die komplette Band außer Rand und Band erschien (und damit zumindest bei "Frances The Mute" einen weiteren glasklaren Volltreffer landen konnte), sind die ebenfalls alles andere als straight zu bezeichnenden Kompositionen von "De-Loused In The Comatorium" in ihrer Stringenz und Fokussierung überragende Beispiele für eine visionäre und schlicht perfekt gestaltete Songsammlung.

Man muss kein Fan der von Rubin produzierten Bands sein, und man muss beileibe nicht alles kritiklos abnicken, was der irre Waldschrat so verbricht - schließlich betreut er immer wieder/noch die unerträglichen Red Hot Chili Peppers, was alleine ausreichen würde, um den Mann auf eine einsame Insel, mindestens jedoch auf eine Psychiatercouch zu wuchten. Dass Rubin nichtsdestotrotz ein umwerfendes und vor allem genreübergreifendes Gespür für die Stärken seiner Bands hat, ist schon einigermaßen beeindruckend. Auch für The Mars Volta lässt sich erahnen, dass er seine Finger in der väterlichen Rolle als Wegweiser und Chancenanbieter kräftig im Spiel hatte. Anders lässt sich der qualitative Quantensprung von der "Tremulant"-EP hin zum Debut kaum erklären. Die Band hatte plötzlich eine klar erkennbare Vorstellung, wie sie klingen will, sie erkannte sich selbst viel deutlicher als zuvor und ließ sich auch viel besser erkennen. Plötzlich machte alles Sinn: Omars verspultes und sich wie in Trance windendes Gitarrenspiel, Cedrics hoher, emotionaler, glasklarer Gesang, und die unbeschreiblich tighte Rhythmusabteilung mit einem Drummer von einem anderen Stern, dazu ein wahrer Orkan an Ideen und Eingebungen, einem Informationsoverkill gleich. Ein irrer Ritt. Mein Herzschlag beschleunigt sich und pendelt sich erst nach einigen Stunden wieder in normalen Gefilden wieder ein. Wahnsinn, im wahrsten Sinne.

Erschienen auf Universal, 2003

26.03.2010

2000-2009 #15: The Bronx - The Bronx I


Möglicherweise das beste Debut der letzten zehn Jahre: "The Bronx" des gleichnamigen Quartetts aus Los Angeles schlug beim Erscheinen vor nunmehr sieben Jahren ein wie eine Bombe. Angeblich unter dem Einfluss von Aufputschmitteln und hektoliterweise Kaffee im Wohnzimmer des ehemaligen Guns'n'Roses-Gitarristen Gilby Clarke eingespielt, durchschlägt alleine der Opener "Heart Attack American" bis heute (und vermutlich für die kommenden dreikommaneunsieben Milliarden Jahre ebenso) selbst meterdickes Panzerglas als sei es Marmeldade. Ich kann wirklich nicht mehr zählen, wie oft ich alleine den Beginn dieses Monsters auf voller Pulle durch die Lautsprecher gejagt habe und daraufhin das Mobiliar zertrümmerte, aus dem Fenster sprang (19.Etage) und auf dem Rückweg durch das Treppenhaus alle übrigen Butzen gleich mit verwüstete, bevor zunächst die Stadt, später das Land und am Ende der ganze Scheißplanet zu 'nem Häufchen Asche zusammengebröselt wurde. Dieser Paukenschlag verleiht keine Flügel, dafür aber endloses und fast kostenfreies Adrenalin und dazu Arme wie Vorschlaghammer und außerdem "Pranken wie ein Tischgrill"(O.Kalkofe). Hinterher sieht man dann so aus wie Sänger Matt Caughthran, der - ich erinnere mich als sei es gestern gewesen - beim ersten Gig, den ich von The Bronx im Vorprogramm der kanadischen Rocker Danko Jones im Jahr 2004 erlebte, wie vom Gnu geknutscht mit Füßen voran ins teils durchdrehende, teils verängstigte Publikum sprang und erstmal einen gepflegten Circle-Pit inklusive Fausttanz anzettelte, sich währenddessen die Seele aus dem Leib schrie und Granaten wie "Gun Without Bullets", "False Alarm", "Cobra Lucha", "I Got Chills" oder "They Will Kill Us All" wie Pech und Schwefel auf die Meute herabregnen ließ. 

Das ist verkackt asozial, verschissen schnell, bekacktschissen laut und verpisst hart. Für Menschen, die sich Zahnpasta und Buttersäure durch die Nase ziehen. 

OUUUUUUUUUUUUUUUUHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!

Erschienen auf White Drugs, 2003

20.03.2010

2000-2009 #14: Since By Man - Pictures From The Hotel Apocalypse




Zugegeben: Hardcore hatte für mich über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts einen ähnlichen Stellenwert wie die Abteilung "Desserts" in Restaurant-Speisekarten. Lecker und immer gerne genommen, aber mehr als vier oder fünf süße Köstlichkeiten gibt es nicht, Basta. Wenn am Wegesrande jedoch etwas hektisch um Aufmerksamkeit buhlte, konnte ich immer getrost zugreifen, ich mochte es fast immer. Aber im Dickicht von Greenhell-Katalogen und obskuren amerikanischen Blogs nach der nächsten Undergroundsensation zu forschen? Dafür fühlte ich mich dann doch in anderen musikalischen Gefilden immer etwas wohler. Eine Band, die das nachhaltig ändern konnte hieß Since By Man. Das US-amerikanische Durchgedrehten-Quintett nahm in seiner Karriere insgesamt drei Platten auf, darunter zwei Alben und eine EP, die zahlreichen Split-Singles nicht mitgezählt. "Pictures From The Hotel Apocalypse" ist ihr Schwanengesang. Ich war kurz versucht, ein "Leider!" an zu hängen, aber manchmal erscheint es mir angemessen, wenn eine Band nach drei fantastischen Scheiben den Laden einfach und ohne großes Brimborium zumacht. It's better to burn out than to fade away. Und auf wen würde dieser Satz besser passen, als auf die manischen Since By Man und ihr ausgesprochen labiles Bandgefüge?

Destruction is our mantra, you know it makes things easy - We shake it, we shake it, we shake it 'til it breaks - Creation is a killer so lets leave in this splinters - We scream and we scream until we all spit blood

Und ebenjener Schwanengesang begeisterte mich vor allem in den Jahren nach seiner Veröffentlichung derart, dass ich in Sachen Hardcore heute schon in Richtung "Hauptmenü" gewandert bin. Ähnlich wie bei dem vorgenannten SF Jazz Collective hat auch "Pictures From The Hotel Apocalypse" einige Türen für einen Zugang zu einem Genre geöffnet, das vorher höchstens ein Randthema war. Spätestens nachdem ich den Fünfer im Sommer 2005 live bewundern konnte, war ich in tiefer Liebe verbunden - schon mal 'ne explodierende Band gesehen? Das Spektakel dauerte nur um die 35 oder 40 Minuten, aber trotzdem waren hinterher ausnahmslose alle am Arsch. Als ich Sänger und Mastermind Sam Macon nach dem Gig anerkennend und freudetrunken auf die Schulter klopfte, spritzte mir einerseits der Schweiß entgegen, andererseits hatte ich Angst, der Mann würde im nächsten Augenblick umkippen. Tatsächlich sah ich ihn noch eine Stunde nach dem Auftritt vor der Halle auf der Bordsteinkante sitzen - zusammengekauert, fertig mit sich und der Welt. Das Publikum war indes zweigeteilt. Während die eine Hälfte nicht wusste, welcher Orkan ihnen eben gerade die letzten Synapsen durchschmurgelte und ihr Kleinhirn auf halb acht drehte, war die andere Hälfte von der Intensität der Show zwar begeistert, aber sowohl physisch als auch psychisch schwer gezeichnet. Das musste erstmal verdaut werden. Dieses Geschrei. Diese Hektik, als ob der Teufel persönlich hinter ihnen her wäre. Diese irren Verrenkungen, auf dem Boden wälzen, diese ehrlich durchlebten Emotionen. Klingt jetzt alles wie aus dem Starschnitt einer Teeniezeitschrift abgeschrieben, aber hey! - genau so war es.

This story came to me - How it all came to be - The Telling will set me free - Please kill me  - I don't want to be something

Aber zurück zur Musik. Since By Man waren anfangs nicht weit von einer Band wie den Blood Brothers entfernt, boten aber neben den stilüblichen Zutaten wie dem markanten, hohen Kreischgesang, den verspulten Gitarrenläufen und der Amphetaminhektik auch einige Querverweise zum (Thrash) Metal und hatten überraschenderweise fantastische Hooklines, die folgerichtig in fantastische Songs mündeten. Technisch auf allerhöchstem Niveau, ballerte sich die Band mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit und einer ungeheuren Komplexität durch fast schon postmoderne, avantgardistische Hardcore-Eruptionen, die von einer toptighten und doch unglaublich lebendigen Produktion getragen wurden. Hand in Hand kam ein deutlich erkennbarer künstlerischer Anspruch hinzu, der sich in den großartigen Artworks und Fotos, aber auch in den ambitionierten und poetischen Texten niederschlug.

"Pictures From The Hotel Apocalypse" ist ein höchst intensiver, brachialer Donnerbatzen, der mich seit mittlerweile fünf Jahren nicht mehr loslässt und mich bei jedem Hördurchgang mehr und mehr fesselt und beeindruckt. Bombenfest in meine Dekaden-Top 3 einzementiert.

The horses have come for us - The serpents have lost their touch - The vultures will tear us apart - There's no way out, there's no way out - This last night my story will be told- With death in the air - The skies will unfold - Photograph what surrounds you- Please kill me.


Erschienen auf Revelation Records, 2005

17.03.2010

2000-2009 #13: Shuttle 358 - Frame

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...mUSSmANgEHÖRThABEN

Erschienen auf 12k, 2000


15.03.2010

2000-2009 #12: SF Jazz Collective - s/t


Wie bereits vor knapp zwei Jahren in meiner ersten Besprechung dieses Album erwähnt, wären die musikalischen Jahre 2005 bis 2009 sicherlich ganz anders verlaufen, hätte ich nicht im Sommer 2005 einen hellen (oder schwachen?) Moment gehabt und im Zuge dessen zu einer Platte gegriffen, die mir bis dato völlig unbekannt war. Und hier machte sich mein "Blindkauf"-Prinzip mal wirklich bezahlt: alles was ich hatte, war ein saucooles Artwork, "Jazz" im Bandnamen und eine Platzierung im Fach "Electronica". Letzteres war natürlich der Quadratbeklopptheit eines quatschblinden Mitarbeiters geschuldet, aber ich muss diesem Menschen bis heute dankbar sein, andernfalls hätte ich das Debut des San Francisco Jazz Collective wahrscheinlich nie gefunden, geschweige denn gehört. Und wo stünde ich heute ohne diesen Augenöffner? 

Das SF Jazz Collective war meine erste direkte Auseinandersetzung mit Jazz und ich wäre ohne die Platte sicherlich nicht unbedingt auf die Idee gekommen, es beim nächsten Einkauf doch mal mit Coltranes "A Love Supreme" oder Colemans "The Shape Of Things To Come" zu versuchen. Wobei ich mich leicht korrigieren muss: meine erste Auseinandersetzung mit Jazz fand schon ein paar Wochen zuvor statt, als ich mir Jazzanovas "In Between" kaufte und außerdem die Norweger von Jaga Jazzist mit "A Livingroom Hush" im CD-Player rotierten. Gut, ein Jazz im Bandnamen macht noch keinen Jackie McLean, aber immerhin führten mich beide Scheiben ein bisschen näher an das Thema heran. Insofern war es nur logisch, dass der nächste Schritt mit dem SF Jazz Collective erfolgte - aber es passierte ungeplant und man mag mich nun pathetisch oder durchgeknallt nennen, aber: ich glaube ja nicht an Zufälle. 

Um es kurz zu machen: schon nach der einsetzenden Marimba von Bobby Hutcherson im Opener war ich ihnen hoffnungslos verfallen und meine Begeisterung sollte in den nächsten 50 Minuten nicht nennenswert bröckeln, eher das Gegenteil war der Fall: je mehr ich in ihren megasouverän inszenierten Sound eintauchte und in den folgenden Monaten noch weitere Jazzmusiker kennenlernte und dadurch einen Vergleich erhielt, desto faszinierter war ich von ihrem atemberaubenden Aufbau, von ihrem Gefühl und ihren genialen Interpretationen. Vor allem die Versionen der Ornette Coleman-Stücke, deren krude, staksige Aura perfekt eingefangen, transformiert und neu geboren wurde, ließ mich mit einigen Freudenschreien zurück. 

Für mich ist dieses Debut eines der wichtigsten Alben des zurückliegenden Jahrzehnts und ich frage mich manchmal wirklich, was passiert wäre, hätte ich diese Erfahrung nicht gemacht.

Erschienen auf Nonesuch, 2005

06.03.2010

2000-2009 #11: Nik Bärtsch's Ronin - Stoa


"Stoa" war die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt. Das ECM-Debüt des Schweizer Pianisten Nik Bärtsch erschien just zum Beginn meiner langsam anlaufenden Jazz-Leidenschaft und wie das eben so ist, wenn man noch nicht so recht weiß, wo oben und unten ist, nahm ich gierig alles auf, was sich mir in den Weg stellte. Zu jener Zeit war ECM noch ein faszinierendes Label für mich, mit durchweg tollen, ästhetischen Cover-Artworks, mit weitgehend nokturner, experimenteller Musik - schon irgendwie Jazz, aber nichts davon war mit dem vergleichbar, was ich bis dahin von alten Impulse- oder Blue Note-Aufnahmen kannte. Das war neu für den neugierigen Florian, aufregend, in ihrem nicht greifbaren Charakter fast schon mystische Angelegenheit. Eine Mischung aus Noise, Ambient, Avantgarde und Jazz, die Kritiker zu so manchem Kniefall vor dem Manfred Eicher-Altar verleiteten. Dass meine Faszination mit der Zeit etwas nachließ, weil vieles dann doch redundant und gleichförmig erschien, steht auf einem anderen Blatt. 

"Stoa" fesselte mich im Sommer 2006 an den CD-Player. Nik Bärtschs Musik ist der vertonte Bauplan eines Design-Wolkenkratzers, die musikgewordene Architektur. Was nach Kälte, Sterilität und Emotionslosigkeit klingt, ist in Wahrheit genau das Gegenteil: ein watteweicher, tief im Dunkeln brodelnder Konstruktionstrip durch unterirdische Luftschächte, durch fünf-Sterne Kanäle, durch Bärtschs Zen-gestähltes Musikhirn. Scheinbar bedächtig baut das Quintett seine Musik auf, schichtet nach und nach Ton auf Ton, bis am Ende ein irres Manifest in der verdunkelten, grün-schimmernden Sonne glitzert. Die Stringenz, mit der sie vorgehen, widerspricht dabei prinzipiell ihrer ebenfalls zur Schau gestellten Ruhe, ihr Vorgehen ist unfassbar konkret und durchdacht, dominierend und fast schon aggressiv-fokussiert. Jedes "Modul" steht dabei für sich, sie alle präsentieren sich nach ihrem Abschluss als stolze, überlegene Bergmassive. Alle fünf zusammen formen aus "Stoa" keine banale Songsammlung, sondern vielmehr ein abgeschlossenenes, autistisches Ton- und Gedankensystem, dass jedoch ohne die pulsierende Außenwelt und die Interaktion mit mit derselben nicht existieren kann. Auch hier wird der Widerspruch im selben Moment seiner Präsenz umgehend aufgehoben und erneut ins Gegenteil verkehrt: wo die Zeit unbeeindruckt voranschreitet, ist die Lücke des Stillstands am deutlichsten spürbar. Schwerelos im Raum-Zeit-Kontinuum.

Erschienen auf ECM, 2006

28.02.2010

2000-2009 #10: Napalm Death - The Code Is Red...Long Live The Code


Der Metal von heute ist nicht mehr der Metal von damals und auch wenn es einige Jahre dauerte, bis sich mein Hirn damit abgefunden hatte, dass es an der Zeit ist, etwas auf Distanz mit dem heutigen Getrümmer zu gehen, bin ich mittlerweile weitgehend immun gegen die aktuellen Verlockungen aus Headbangerhausen. In den letzten Jahren gab es selbstverständlich immer wieder positive Überraschungen, manchmal sogar von alten Helden, die man schon lange zuvor abgeschrieben hatte. Napalm Death hatte ich dagegen nie abgeschrieben, und damit sind sie eine große Ausnahme: immer wenn ein neues Napalm Death-Album ansteht, zögere ich keine Sekunde mit einem Kauf. Vorher reinhören? Mumpitz. Da die britische Grindlegende ihren Sound nur in Nuancen weiterentwickelt und verändert, zählt wenigstens für mich nur die einzigartige Energie und unbändige Kraft, die das Quartett immer wieder in der Lage ist, zu entfachen. Im Grunde gilt für Napalm Death-Songs dasselbe, wie für Marillion-Alben: mal gibt es eine Sternstunde, ein anderes Mal darf man es "solide" nennen, ein anderes Mal ist man vielleicht sogar leicht enttäuscht. Wovon ich hingegen niemals enttäuscht war, ist eben ihre unbeschreibliche Wucht. Da macht es sich durchaus bezahlt, dass dickes Hardcore-Blut in ihren Adern fließt. Niemand schreddert schöner, niemand sonst bringt so elegant Wände zum Einstürzen. Als sie vor 5 Monaten das Frankfurter Nachtleben auseinandernahmen, stand ich die knappe Stunde wie vom Honigkuchenpferd geknutscht in der Ecke und war seelig - während die vier Buben auf der Bühne mal mit links alles einäscherten.

Für "The Code Is Red...Long Live The Code" haben sie sich extragroße Mühe gegeben: so viele Klassiker haben sich schon länger nicht mehr auf einer Napalm Death-Platte versammelt. "Silence Is Defeaning" (Grundgütiger!!), "Instruments Of Persuasion", "The Great And The Good" (mit Jello Biaffra als Gastsänger), "Sold Short", "Pledge Yourself To You", "Vegetative State" - Hits, Hits, Hits. Nur diese Band bekommt Hardcore, Crust und Death Metal mit diesem höllischen Groove unter einen Hut, nur diese Band klingt nach über 20 Jahren inmitten stählerner Abrissbirnen immer noch so unverschämt taufrisch, wild und ungestüm. "The Code Is Red...Long Live The Code" ist trotz harter Konkurrenz aus dem eigenen Hause ("Utopia Banished", "Order of the Leech") ihr vielleicht beeindruckendstes Album, und eines der wenigen Metalalben aus dem letzten Jahrzehnt, das ich auch heute noch regelmäßig höre. Bevorzugt im Auto. Totale Apokalypse, echt jetzt.

Erschienen auf Century Media, 2005

13.02.2010

2000-2009 #9: Minus The Bear - Menos El Oso


Ein bei besonderen Alben immer wieder auftretendes Phänomen: Denkt man an eine bestimmte Platte nistet sich sofort die dazu passende Erinnerung im Oberstübchen ein und hört man auch nur einen winzigen Ton davon, ist man sofort wieder Teil dieser Erinnerung, mittendrin. "Menos El Oso", das dritte Studioalbum von Minus The Bear aus Seattle, ist beispielsweise bis an mein Lebensende mit dem Sommer 2005 verknüpft - und mit dessen Verlängerung. Meine Herzallerliebste und ich hielten uns Anfang Oktober für zwei Wochen an Spaniens Mittelmeerküste auf - genauer gesagt in Torremolinos, einem Touristenmoloch Deluxe, aber dennoch: zumindest ich liebte es. Es war traumhaft warm und trotz der Menschenmassen entspannt und friedlich, und unser Appartement, untergebracht in einem großen Betonklotz direkt am Strand, erlaubte uns einen direkten Blick auf das Meer, nebst angemessenem Soundtrack. Mit diesem Blick und diesem Klang schliefen wir ein, und so wachten wir auch wieder auf. Wer uns dabei die letzten und ersten Stunden eines Tages versüßte, war "Menos El Oso". Es ist, als habe sich diese Musik in die Seele gebrannt: noch heute ist es, als schmeckte ich die Meeresbrise oder als wehe gerade der Duft von Sonnencreme an meiner Nase vorbei. Es trifft mich immer noch wie ein Blitz, wenn die Platte läuft. Dieses Gefühl zu "Menos El Oso" war gar so stark, dass ich - obwohl ich spätestens nach dieser Platte völlig unterwürfig war - den Nachfolger "Planets Of Ice" erst zwei Jahre nach dessen Erscheinen hören wollte. 

Wenn ich mich aufmache, den Kern ihrer Musik zu finden und zu beschreiben, bin ich im schlimmsten Fall ein paar Tage unterwegs - es ist nicht leicht. Da ist tatsächlich viel 70er Jahre Prog zu finden, da ist ein bisschen 90er Indie, da ist ein Hauch (Math)Core, und vor allem: ganz, ganz viel Gefühl. Minus The Bear haben einen ganz eigenen Ansatz für ihre Musik gefunden, der sie tatsächlich völlig einzigartig macht. Das ist die Kritikergewäsch-Sicht der Dinge. Die Fan-Sicht lautet: Das ist eine von vorne bis hinten unfassbar große Platte.

Erschienen auf Suicide Squeeze Records, 2005