"Für jemand der keine Erfahrung mit dieser Musik hat kann die CD als durchaus genial empfinden." So formuliert es Amazon-Kunde "hanswurst" in seiner "Kritik" zu Thievery Corporations "The Cosmic Game" aus dem Jahr 2005. Und auch wenn man über die grammatikalische Qualität dieses kleinen Sätzchens sicherlich trefflich diskutieren, wo nicht schmunzeln könnte, vielleicht ist ja am Inhalt - sofern man ihn erahnen kann - tatsächlich eine Kleinigkeit dran.
Ich hatte es schon mal erwähnt, wenn ich nicht irre: 2005 war musikalisch ein einschneidendes Jahr für mich und innerhalb kurzer Zeit beschäftigte ich mich mit Musik, der ich zuvor nur sehr wenig Aufmerksamkeit zukommen ließ - wenn ich überhaupt wusste, dass es sie gibt. So stieß ich zur Veröffentlichung von "The Cosmic Game" auf Rob Garza und Eric Hilton und ihre Thievery Corporation, hatte von elektronischer Musik keinen sitzen und wollte nur eine kleine Horizonterweiterung genießen. Was dabei herauskam sehen wir hier und heute: eines der großartigsten Alben des letzten Jahrzehnts.
Mit der Unterstützung von den Flaming Lips, Perry Farrell, David Byrne und einer guten Handvoll weiterer Gastmusiker zaubern die beiden US-Amerikaner ein dubbiges Downbeat-Gestrüpp zurecht, in dem am einen Eck indische Psychedelica, am anderen rockiges Postpunk-Gestein gedeiht, während ihre lyrischen Attacken auf George W. Bush die revolutionären Dornen anspitzen. Zwischendrin wuseln Jazz- und Bossa Nova-Elemente umher, die das musikalische Spektrum nochmal erweitern. Und obwohl Reggae ja bekanntermaßen die schlimmste Musik der Welt ist, stören mich dessen Einflüsse zu meiner großen Überraschung auf "Cosmic Game" nicht die Bohne. Gut, der gewalttätig-homophobe Scheißdreck ist erfreulicherweise selbst mit der dicksten Kritikerlupe nicht zu hören/finden, dann reißt mir auch nicht die Halsschlagader.
Perfekt produziert, perfekt arrangiert, perfekt ausgerollt, perfekt ausgedacht. Möglicherweise sehen das die Cracks ein bisschen anders, aber ich kann mir auch nach nunmehr fünf Jahren mit ausgedehnter Erfahrung nur schwer vorstellen, dass man solch Musik besser inszenieren kann - inklusive der klaren und mutigen* politischen Positionierung. Deshalb nur eine logische Konsequenz, dass "The Cosmic Game" seinen Platz in dieser Liste findet.
*: Ob es besonders mutig war, zum Höhepunkt der Anti-Bush-Bewegung eine Anti-Bush-Platte zu veröffentlichen, ist zweitrangig. In erster Linie finde ich es durchaus bewundernswert in einer im Grunde sehr unpolitischen und weitgehend oberflächlichen Szene klar Stellung zu beziehen. Und dass sowas gerade im konservativen Teil Amerikas (also gut 95%) hier und da nicht so gut ankommen kann, mussten schon ganz andere Künstler lernen. Und wo ich es gerade schreibe, fällt mir auf: Thievery Corporation hörten trotz Obama-Euphorie auf ihrem Nachfolger "Radio Retaliation" aus dem Jahr 2008 nicht damit auf, die Revolution zu fordern und zu füttern. Insofern kann ihnen niemand vorwerfen, mit "Cosmic Game" eine Platte für politische Eintagsfliegen zusammengeschraubt zu haben. Im Presseinfo zur aktuellen Platte findet sich in diesem Zusammenhang die Aussage Garzas:"Radio Retaliation is definitely a more overt political statement [...] There's no excuse for not speaking out at this point, with the suspension of habeas corpus, outsourced torture, illegal wars of aggression, fuel, food, and economic crises. It's hard to close your eyes and sleep while the world is burning around you. If you are an artist, this is the most essential time to speak up."
Find' ich gut.
06.04.2010
2000-2009 #18: Thievery Corporation - The Cosmic Game
05.04.2010
2000-2009 #17: The Sea And Cake - Car Alarm
Wenn ich meiner in früheren Besprechungen geäußerten Beobachtung folgen will, muss "Car Alarm", das immer noch aktuelle Album von The Sea And Cake aus dem Jahr 2008 in dieser Bestenliste auftauchen - und nicht wie ursprünglich geplant "Everybody" aus dem Jahr 2007. Wann immer eine neue Scheibe der Postrock-Institution aus Chicago erscheint, ist es für mich auch gleichzeitig ihr bis dato bestes Werk, demnach wäre es inkonsequent, nun den Vorgänger zu erwähnen. Aber ich muss schon zugeben: ich habe innerlich den ein oder anderen Ringkampf gerungen.
Trotzdem ist es am Ende eine gute und stimmige Entscheidung, denn das Quartett klingt auf "Car Alarm" so perfekt wie noch nie - und das will was heißen. Natürlich sind auch überragende Songs wie "On A Letter" oder "Pages" gute Argumente für eine entsprechende Auswahl, aber im Grunde hatte auch "Everybody" brilliante Stücke im Gepäck, ich denke da nur an den Opener "Up On Crutches" oder das weich-schummrige "Coconut". Die Nasenlänge, die "Car Alarm" in Sachen Songwriting vorne liegt ist geschenkt, wir sprechen hier von winzigen Nuancen und die Bewertung derselben sind nicht selten tagesformabhängig. Was mich jedoch an "Car Alarm" nach diesmal etwas länger andauernden Eingewöhnungszeit so faszinierte (und mich außerdem bis heute fasziniert) ist wie es ihnen gelang, ihren unverwechselbaren Klang derart tadellos ein zu fangen. Aus produktionstechnischer Sicht ist "Car Alarm" eine Meisterleistung. Die Band schwebt selbst in den etwas ruppigeren Momenten nur so dahin, ist immer bei sich, megakompakt, kommuniziert ohne Unterbrechung miteinander, spielt sich die Bälle zu, nimmt andere auf, immer souverän aber nie abgeklärt, immer präsent aber nie aufdringlich. Ganz wie es ihrer Natur entspricht, vollzieht sich die Weiterentwicklung immer auf subtilstem Niveau, die harten Brüche und naiven Interpretationen überlassen sie anderen. Im Rückblick muss vermutlich die lange Pause zwischen "One Bedroom" (2003) und "Everybody" (2007) als Meilenstein der Sinn- und Soundsuche gefeiert werden. Wo die Frühwerke wie das selbstbetitelte Debut, "Nassau" oder das ebenfalls großartige "Oui" noch von einem spröden Selbstvernachlässiger-Charme getragen wurden, wo nicht selten eine immer leicht scheppernde, verzerrte Indie-Ästhetik im Vordergrund stand, konnte der auf "One Bedroom" geschärfte, aber weitaus elektronischere Ansatz in den vier Jahren bis zum Comeback auf ein Gitarrenkonzept umgesetzt werden. Gitarrist Archer Prewitt gab im Interview, das ich vor drei Jahren mit ihm führen konnte, auch folgerichtig zu, dass er mit der elektronischen Ausrichtung von "One Bedroom" nicht hunderprozentig einverstanden war - aus der Sicht eines Gitarristen, wie er schnell anfügte, weil er eben viel weniger zu spielen hatte als zuvor.
Irgendetwas muss also in diesen vier Jahren geschehen sein. The Sea And Cake klingen seit "Everybody" anders - nennen wir es professioneller, runder, stimmiger. Und die Entwicklung ist für "Car Alarm" nicht abgebrochen, ganz im Gegenteil. Sie schafften den größten Sprung auf den denkbar sublimsten und feinsten Pfaden. "Car Alarm" erstrahlt in Größe.
02.04.2010
2000-2009 #16: The Mars Volta - De-loused In The Comatorium
Ist das die Geburtsstunde des Prog-Core oder die Auferstehung des Progressive Rock? Aus der Asche der am Ende ver- und ausgebrannten Hardcore-Sensation At The Drive-In erschienen Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez und Wundersänger Cedric Bixler-Zavalas knappe 2 Jahre später mit ihrem Baby The Mars Volta auf der Bildfläche. Zunächst mit der reichlich wirren und un(ter)produzierten "Tremulant"-EP, im Sommer 2003 mit dem ersten Studioalbum "De-Loused In The Comatorium", definierten sie zusammen mit Produzent Rick Rubin ein ganzes Genre komplett neu - oder besser: sie stampften es aus dem Boden. 70er Jahre Progressive Rock (King Crimson!!!), Latin-Fusion-Jazz (Santana!!!), Hardcore (At The Drive In, Fugazi!!!), Krautrock (Can!!!) - sowas gab's noch nie! Und auch sieben Jahre später steht "De-Loused In The Comatorium" immer noch als ultimativer Fixpunkt am Firmament, Abnutzungserscheinungen gleich Null. Ich habe es gerade gestern nach längerer Abstinenz erneut getestet und wurde angesichts dieser explodierenden Virtuosität und Kreativität wie am ersten Tag einfach nur umgeblasen.
Betrachtet man die weitere Karriere von The Mars Volta mit schwerverdaulichen Alben wie "Frances The Mute" und besonders dessen ätherischen Nachfolger "Amputechture", für deren Produktion einzig Gitarrist Omar verantwortlich war, kann man ungefähr ermessen, wie groß der Einfluss Rubins auf dieses Debut gewesen sein muss. Wo die folgenden Alben noch kaputter und verrückter wurden, wo ein veritabler Single-Hit durch minutenlanges Froschzirpen absichtlich sabotiert wurde, wo die komplette Band außer Rand und Band erschien (und damit zumindest bei "Frances The Mute" einen weiteren glasklaren Volltreffer landen konnte), sind die ebenfalls alles andere als straight zu bezeichnenden Kompositionen von "De-Loused In The Comatorium" in ihrer Stringenz und Fokussierung überragende Beispiele für eine visionäre und schlicht perfekt gestaltete Songsammlung.
Man muss kein Fan der von Rubin produzierten Bands sein, und man muss beileibe nicht alles kritiklos abnicken, was der irre Waldschrat so verbricht - schließlich betreut er immer wieder/noch die unerträglichen Red Hot Chili Peppers, was alleine ausreichen würde, um den Mann auf eine einsame Insel, mindestens jedoch auf eine Psychiatercouch zu wuchten. Dass Rubin nichtsdestotrotz ein umwerfendes und vor allem genreübergreifendes Gespür für die Stärken seiner Bands hat, ist schon einigermaßen beeindruckend. Auch für The Mars Volta lässt sich erahnen, dass er seine Finger in der väterlichen Rolle als Wegweiser und Chancenanbieter kräftig im Spiel hatte. Anders lässt sich der qualitative Quantensprung von der "Tremulant"-EP hin zum Debut kaum erklären. Die Band hatte plötzlich eine klar erkennbare Vorstellung, wie sie klingen will, sie erkannte sich selbst viel deutlicher als zuvor und ließ sich auch viel besser erkennen. Plötzlich machte alles Sinn: Omars verspultes und sich wie in Trance windendes Gitarrenspiel, Cedrics hoher, emotionaler, glasklarer Gesang, und die unbeschreiblich tighte Rhythmusabteilung mit einem Drummer von einem anderen Stern, dazu ein wahrer Orkan an Ideen und Eingebungen, einem Informationsoverkill gleich. Ein irrer Ritt. Mein Herzschlag beschleunigt sich und pendelt sich erst nach einigen Stunden wieder in normalen Gefilden wieder ein. Wahnsinn, im wahrsten Sinne.
Erschienen auf Universal, 2003
26.03.2010
2000-2009 #15: The Bronx - The Bronx I
Möglicherweise das beste Debut der letzten zehn Jahre: "The Bronx" des gleichnamigen Quartetts aus Los Angeles schlug beim Erscheinen vor nunmehr sieben Jahren ein wie eine Bombe. Angeblich unter dem Einfluss von Aufputschmitteln und hektoliterweise Kaffee im Wohnzimmer des ehemaligen Guns'n'Roses-Gitarristen Gilby Clarke eingespielt, durchschlägt alleine der Opener "Heart Attack American" bis heute (und vermutlich für die kommenden dreikommaneunsieben Milliarden Jahre ebenso) selbst meterdickes Panzerglas als sei es Marmeldade. Ich kann wirklich nicht mehr zählen, wie oft ich alleine den Beginn dieses Monsters auf voller Pulle durch die Lautsprecher gejagt habe und daraufhin das Mobiliar zertrümmerte, aus dem Fenster sprang (19.Etage) und auf dem Rückweg durch das Treppenhaus alle übrigen Butzen gleich mit verwüstete, bevor zunächst die Stadt, später das Land und am Ende der ganze Scheißplanet zu 'nem Häufchen Asche zusammengebröselt wurde. Dieser Paukenschlag verleiht keine Flügel, dafür aber endloses und fast kostenfreies Adrenalin und dazu Arme wie Vorschlaghammer und außerdem "Pranken wie ein Tischgrill"(O.Kalkofe). Hinterher sieht man dann so aus wie Sänger Matt Caughthran, der - ich erinnere mich als sei es gestern gewesen - beim ersten Gig, den ich von The Bronx im Vorprogramm der kanadischen Rocker Danko Jones im Jahr 2004 erlebte, wie vom Gnu geknutscht mit Füßen voran ins teils durchdrehende, teils verängstigte Publikum sprang und erstmal einen gepflegten Circle-Pit inklusive Fausttanz anzettelte, sich währenddessen die Seele aus dem Leib schrie und Granaten wie "Gun Without Bullets", "False Alarm", "Cobra Lucha", "I Got Chills" oder "They Will Kill Us All" wie Pech und Schwefel auf die Meute herabregnen ließ.
Das ist verkackt asozial, verschissen schnell, bekacktschissen laut und verpisst hart. Für Menschen, die sich Zahnpasta und Buttersäure durch die Nase ziehen.
OUUUUUUUUUUUUUUUUHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!
Erschienen auf White Drugs, 2003
20.03.2010
2000-2009 #14: Since By Man - Pictures From The Hotel Apocalypse
Zugegeben: Hardcore hatte für mich über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts einen ähnlichen Stellenwert wie die Abteilung "Desserts" in Restaurant-Speisekarten. Lecker und immer gerne genommen, aber mehr als vier oder fünf süße Köstlichkeiten gibt es nicht, Basta. Wenn am Wegesrande jedoch etwas hektisch um Aufmerksamkeit buhlte, konnte ich immer getrost zugreifen, ich mochte es fast immer. Aber im Dickicht von Greenhell-Katalogen und obskuren amerikanischen Blogs nach der nächsten Undergroundsensation zu forschen? Dafür fühlte ich mich dann doch in anderen musikalischen Gefilden immer etwas wohler. Eine Band, die das nachhaltig ändern konnte hieß Since By Man. Das US-amerikanische Durchgedrehten-Quintett nahm in seiner Karriere insgesamt drei Platten auf, darunter zwei Alben und eine EP, die zahlreichen Split-Singles nicht mitgezählt. "Pictures From The Hotel Apocalypse" ist ihr Schwanengesang. Ich war kurz versucht, ein "Leider!" an zu hängen, aber manchmal erscheint es mir angemessen, wenn eine Band nach drei fantastischen Scheiben den Laden einfach und ohne großes Brimborium zumacht. It's better to burn out than to fade away. Und auf wen würde dieser Satz besser passen, als auf die manischen Since By Man und ihr ausgesprochen labiles Bandgefüge?
Destruction is our mantra, you know it makes things easy - We shake it, we shake it, we shake it 'til it breaks - Creation is a killer so lets leave in this splinters - We scream and we scream until we all spit blood
Und ebenjener Schwanengesang begeisterte mich vor allem in den Jahren nach seiner Veröffentlichung derart, dass ich in Sachen Hardcore heute schon in Richtung "Hauptmenü" gewandert bin. Ähnlich wie bei dem vorgenannten SF Jazz Collective hat auch "Pictures From The Hotel Apocalypse" einige Türen für einen Zugang zu einem Genre geöffnet, das vorher höchstens ein Randthema war. Spätestens nachdem ich den Fünfer im Sommer 2005 live bewundern konnte, war ich in tiefer Liebe verbunden - schon mal 'ne explodierende Band gesehen? Das Spektakel dauerte nur um die 35 oder 40 Minuten, aber trotzdem waren hinterher ausnahmslose alle am Arsch. Als ich Sänger und Mastermind Sam Macon nach dem Gig anerkennend und freudetrunken auf die Schulter klopfte, spritzte mir einerseits der Schweiß entgegen, andererseits hatte ich Angst, der Mann würde im nächsten Augenblick umkippen. Tatsächlich sah ich ihn noch eine Stunde nach dem Auftritt vor der Halle auf der Bordsteinkante sitzen - zusammengekauert, fertig mit sich und der Welt. Das Publikum war indes zweigeteilt. Während die eine Hälfte nicht wusste, welcher Orkan ihnen eben gerade die letzten Synapsen durchschmurgelte und ihr Kleinhirn auf halb acht drehte, war die andere Hälfte von der Intensität der Show zwar begeistert, aber sowohl physisch als auch psychisch schwer gezeichnet. Das musste erstmal verdaut werden. Dieses Geschrei. Diese Hektik, als ob der Teufel persönlich hinter ihnen her wäre. Diese irren Verrenkungen, auf dem Boden wälzen, diese ehrlich durchlebten Emotionen. Klingt jetzt alles wie aus dem Starschnitt einer Teeniezeitschrift abgeschrieben, aber hey! - genau so war es.
This story came to me - How it all came to be - The Telling will set me free - Please kill me - I don't want to be something
Aber zurück zur Musik. Since By Man waren anfangs nicht weit von einer Band wie den Blood Brothers entfernt, boten aber neben den stilüblichen Zutaten wie dem markanten, hohen Kreischgesang, den verspulten Gitarrenläufen und der Amphetaminhektik auch einige Querverweise zum (Thrash) Metal und hatten überraschenderweise fantastische Hooklines, die folgerichtig in fantastische Songs mündeten. Technisch auf allerhöchstem Niveau, ballerte sich die Band mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit und einer ungeheuren Komplexität durch fast schon postmoderne, avantgardistische Hardcore-Eruptionen, die von einer toptighten und doch unglaublich lebendigen Produktion getragen wurden. Hand in Hand kam ein deutlich erkennbarer künstlerischer Anspruch hinzu, der sich in den großartigen Artworks und Fotos, aber auch in den ambitionierten und poetischen Texten niederschlug.
"Pictures From The Hotel Apocalypse" ist ein höchst intensiver, brachialer Donnerbatzen, der mich seit mittlerweile fünf Jahren nicht mehr loslässt und mich bei jedem Hördurchgang mehr und mehr fesselt und beeindruckt. Bombenfest in meine Dekaden-Top 3 einzementiert.
The horses have come for us - The serpents have lost their touch - The vultures will tear us apart - There's no way out, there's no way out - This last night my story will be told- With death in the air - The skies will unfold - Photograph what surrounds you- Please kill me.
Erschienen auf Revelation Records, 2005
17.03.2010
2000-2009 #13: Shuttle 358 - Frame
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...mUSSmANgEHÖRThABEN
Erschienen auf 12k, 2000
15.03.2010
2000-2009 #12: SF Jazz Collective - s/t
Wie bereits vor knapp zwei Jahren in meiner ersten Besprechung dieses Album erwähnt, wären die musikalischen Jahre 2005 bis 2009 sicherlich ganz anders verlaufen, hätte ich nicht im Sommer 2005 einen hellen (oder schwachen?) Moment gehabt und im Zuge dessen zu einer Platte gegriffen, die mir bis dato völlig unbekannt war. Und hier machte sich mein "Blindkauf"-Prinzip mal wirklich bezahlt: alles was ich hatte, war ein saucooles Artwork, "Jazz" im Bandnamen und eine Platzierung im Fach "Electronica". Letzteres war natürlich der Quadratbeklopptheit eines quatschblinden Mitarbeiters geschuldet, aber ich muss diesem Menschen bis heute dankbar sein, andernfalls hätte ich das Debut des San Francisco Jazz Collective wahrscheinlich nie gefunden, geschweige denn gehört. Und wo stünde ich heute ohne diesen Augenöffner?
Das SF Jazz Collective war meine erste direkte Auseinandersetzung mit Jazz und ich wäre ohne die Platte sicherlich nicht unbedingt auf die Idee gekommen, es beim nächsten Einkauf doch mal mit Coltranes "A Love Supreme" oder Colemans "The Shape Of Things To Come" zu versuchen. Wobei ich mich leicht korrigieren muss: meine erste Auseinandersetzung mit Jazz fand schon ein paar Wochen zuvor statt, als ich mir Jazzanovas "In Between" kaufte und außerdem die Norweger von Jaga Jazzist mit "A Livingroom Hush" im CD-Player rotierten. Gut, ein Jazz im Bandnamen macht noch keinen Jackie McLean, aber immerhin führten mich beide Scheiben ein bisschen näher an das Thema heran. Insofern war es nur logisch, dass der nächste Schritt mit dem SF Jazz Collective erfolgte - aber es passierte ungeplant und man mag mich nun pathetisch oder durchgeknallt nennen, aber: ich glaube ja nicht an Zufälle.
Um es kurz zu machen: schon nach der einsetzenden Marimba von Bobby Hutcherson im Opener war ich ihnen hoffnungslos verfallen und meine Begeisterung sollte in den nächsten 50 Minuten nicht nennenswert bröckeln, eher das Gegenteil war der Fall: je mehr ich in ihren megasouverän inszenierten Sound eintauchte und in den folgenden Monaten noch weitere Jazzmusiker kennenlernte und dadurch einen Vergleich erhielt, desto faszinierter war ich von ihrem atemberaubenden Aufbau, von ihrem Gefühl und ihren genialen Interpretationen. Vor allem die Versionen der Ornette Coleman-Stücke, deren krude, staksige Aura perfekt eingefangen, transformiert und neu geboren wurde, ließ mich mit einigen Freudenschreien zurück.
Für mich ist dieses Debut eines der wichtigsten Alben des zurückliegenden Jahrzehnts und ich frage mich manchmal wirklich, was passiert wäre, hätte ich diese Erfahrung nicht gemacht.
06.03.2010
2000-2009 #11: Nik Bärtsch's Ronin - Stoa
"Stoa" war die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt. Das ECM-Debüt des Schweizer Pianisten Nik Bärtsch erschien just zum Beginn meiner langsam anlaufenden Jazz-Leidenschaft und wie das eben so ist, wenn man noch nicht so recht weiß, wo oben und unten ist, nahm ich gierig alles auf, was sich mir in den Weg stellte. Zu jener Zeit war ECM noch ein faszinierendes Label für mich, mit durchweg tollen, ästhetischen Cover-Artworks, mit weitgehend nokturner, experimenteller Musik - schon irgendwie Jazz, aber nichts davon war mit dem vergleichbar, was ich bis dahin von alten Impulse- oder Blue Note-Aufnahmen kannte. Das war neu für den neugierigen Florian, aufregend, in ihrem nicht greifbaren Charakter fast schon mystische Angelegenheit. Eine Mischung aus Noise, Ambient, Avantgarde und Jazz, die Kritiker zu so manchem Kniefall vor dem Manfred Eicher-Altar verleiteten. Dass meine Faszination mit der Zeit etwas nachließ, weil vieles dann doch redundant und gleichförmig erschien, steht auf einem anderen Blatt.
"Stoa" fesselte mich im Sommer 2006 an den CD-Player. Nik Bärtschs Musik ist der vertonte Bauplan eines Design-Wolkenkratzers, die musikgewordene Architektur. Was nach Kälte, Sterilität und Emotionslosigkeit klingt, ist in Wahrheit genau das Gegenteil: ein watteweicher, tief im Dunkeln brodelnder Konstruktionstrip durch unterirdische Luftschächte, durch fünf-Sterne Kanäle, durch Bärtschs Zen-gestähltes Musikhirn. Scheinbar bedächtig baut das Quintett seine Musik auf, schichtet nach und nach Ton auf Ton, bis am Ende ein irres Manifest in der verdunkelten, grün-schimmernden Sonne glitzert. Die Stringenz, mit der sie vorgehen, widerspricht dabei prinzipiell ihrer ebenfalls zur Schau gestellten Ruhe, ihr Vorgehen ist unfassbar konkret und durchdacht, dominierend und fast schon aggressiv-fokussiert. Jedes "Modul" steht dabei für sich, sie alle präsentieren sich nach ihrem Abschluss als stolze, überlegene Bergmassive. Alle fünf zusammen formen aus "Stoa" keine banale Songsammlung, sondern vielmehr ein abgeschlossenenes, autistisches Ton- und Gedankensystem, dass jedoch ohne die pulsierende Außenwelt und die Interaktion mit mit derselben nicht existieren kann. Auch hier wird der Widerspruch im selben Moment seiner Präsenz umgehend aufgehoben und erneut ins Gegenteil verkehrt: wo die Zeit unbeeindruckt voranschreitet, ist die Lücke des Stillstands am deutlichsten spürbar. Schwerelos im Raum-Zeit-Kontinuum.
28.02.2010
2000-2009 #10: Napalm Death - The Code Is Red...Long Live The Code
Der Metal von heute ist nicht mehr der Metal von damals und auch wenn es einige Jahre dauerte, bis sich mein Hirn damit abgefunden hatte, dass es an der Zeit ist, etwas auf Distanz mit dem heutigen Getrümmer zu gehen, bin ich mittlerweile weitgehend immun gegen die aktuellen Verlockungen aus Headbangerhausen. In den letzten Jahren gab es selbstverständlich immer wieder positive Überraschungen, manchmal sogar von alten Helden, die man schon lange zuvor abgeschrieben hatte. Napalm Death hatte ich dagegen nie abgeschrieben, und damit sind sie eine große Ausnahme: immer wenn ein neues Napalm Death-Album ansteht, zögere ich keine Sekunde mit einem Kauf. Vorher reinhören? Mumpitz. Da die britische Grindlegende ihren Sound nur in Nuancen weiterentwickelt und verändert, zählt wenigstens für mich nur die einzigartige Energie und unbändige Kraft, die das Quartett immer wieder in der Lage ist, zu entfachen. Im Grunde gilt für Napalm Death-Songs dasselbe, wie für Marillion-Alben: mal gibt es eine Sternstunde, ein anderes Mal darf man es "solide" nennen, ein anderes Mal ist man vielleicht sogar leicht enttäuscht. Wovon ich hingegen niemals enttäuscht war, ist eben ihre unbeschreibliche Wucht. Da macht es sich durchaus bezahlt, dass dickes Hardcore-Blut in ihren Adern fließt. Niemand schreddert schöner, niemand sonst bringt so elegant Wände zum Einstürzen. Als sie vor 5 Monaten das Frankfurter Nachtleben auseinandernahmen, stand ich die knappe Stunde wie vom Honigkuchenpferd geknutscht in der Ecke und war seelig - während die vier Buben auf der Bühne mal mit links alles einäscherten.
Für "The Code Is Red...Long Live The Code" haben sie sich extragroße Mühe gegeben: so viele Klassiker haben sich schon länger nicht mehr auf einer Napalm Death-Platte versammelt. "Silence Is Defeaning" (Grundgütiger!!), "Instruments Of Persuasion", "The Great And The Good" (mit Jello Biaffra als Gastsänger), "Sold Short", "Pledge Yourself To You", "Vegetative State" - Hits, Hits, Hits. Nur diese Band bekommt Hardcore, Crust und Death Metal mit diesem höllischen Groove unter einen Hut, nur diese Band klingt nach über 20 Jahren inmitten stählerner Abrissbirnen immer noch so unverschämt taufrisch, wild und ungestüm. "The Code Is Red...Long Live The Code" ist trotz harter Konkurrenz aus dem eigenen Hause ("Utopia Banished", "Order of the Leech") ihr vielleicht beeindruckendstes Album, und eines der wenigen Metalalben aus dem letzten Jahrzehnt, das ich auch heute noch regelmäßig höre. Bevorzugt im Auto. Totale Apokalypse, echt jetzt.
13.02.2010
2000-2009 #9: Minus The Bear - Menos El Oso
Ein bei besonderen Alben immer wieder auftretendes Phänomen: Denkt man an eine bestimmte Platte nistet sich sofort die dazu passende Erinnerung im Oberstübchen ein und hört man auch nur einen winzigen Ton davon, ist man sofort wieder Teil dieser Erinnerung, mittendrin. "Menos El Oso", das dritte Studioalbum von Minus The Bear aus Seattle, ist beispielsweise bis an mein Lebensende mit dem Sommer 2005 verknüpft - und mit dessen Verlängerung. Meine Herzallerliebste und ich hielten uns Anfang Oktober für zwei Wochen an Spaniens Mittelmeerküste auf - genauer gesagt in Torremolinos, einem Touristenmoloch Deluxe, aber dennoch: zumindest ich liebte es. Es war traumhaft warm und trotz der Menschenmassen entspannt und friedlich, und unser Appartement, untergebracht in einem großen Betonklotz direkt am Strand, erlaubte uns einen direkten Blick auf das Meer, nebst angemessenem Soundtrack. Mit diesem Blick und diesem Klang schliefen wir ein, und so wachten wir auch wieder auf. Wer uns dabei die letzten und ersten Stunden eines Tages versüßte, war "Menos El Oso". Es ist, als habe sich diese Musik in die Seele gebrannt: noch heute ist es, als schmeckte ich die Meeresbrise oder als wehe gerade der Duft von Sonnencreme an meiner Nase vorbei. Es trifft mich immer noch wie ein Blitz, wenn die Platte läuft. Dieses Gefühl zu "Menos El Oso" war gar so stark, dass ich - obwohl ich spätestens nach dieser Platte völlig unterwürfig war - den Nachfolger "Planets Of Ice" erst zwei Jahre nach dessen Erscheinen hören wollte.
Wenn ich mich aufmache, den Kern ihrer Musik zu finden und zu beschreiben, bin ich im schlimmsten Fall ein paar Tage unterwegs - es ist nicht leicht. Da ist tatsächlich viel 70er Jahre Prog zu finden, da ist ein bisschen 90er Indie, da ist ein Hauch (Math)Core, und vor allem: ganz, ganz viel Gefühl. Minus The Bear haben einen ganz eigenen Ansatz für ihre Musik gefunden, der sie tatsächlich völlig einzigartig macht. Das ist die Kritikergewäsch-Sicht der Dinge. Die Fan-Sicht lautet: Das ist eine von vorne bis hinten unfassbar große Platte.
10.02.2010
2000-2009 #8: Marillion - Marbles
Zugegeben, es gibt coolere Bands und Alben, die man in dieser Aufstellung erwähnen könnte - aber es gibt kaum bessere. Ganz in echt: würde man mir die Knarre auf die Brust setzen und mich fragen, was denn meiner Ansicht nach DAS herausragende Album dieser Dekade gewesen sei, verbunden mit der Warnung, ich solle bloß nicht auf die Idee kommen zwei oder gar drei Scheiben zu nennen, sondern nur eine einzige, weil man andernfalls
den nervösen Zeigefinger am Abzug bewegen müsste, und zwar in eine Richtung, die mir ganz bestimmt nicht gefiele, dann bliebe mir selbst nach sorgfältigstem Abwägen keine andere Wahl, als leise "Marbles" zu stottern. Die britischen Prog-Rocker bündeln offensichtlich einmal pro Jahrzehnt alle verfügbaren Kreativkräfte und schreiben einen Meilenstein. In den achtziger Jahren war es das geniale Debut "Script For A Jester's Tear", die Neunziger bekamen das unglaubliche "Afraid Of Sunlight", während die Nuller also ein Geschenk namens "Marbles" erhielten. Dazwischen gab es mal Hochklassiges wie "Anoraknophobia" oder "Holidays In Eden" und auch mal den ein oder anderen Griff ins Katzenklo. Wie es eben so läuft. Zu ganz besonderen Anlässen jedoch reißt sich der Fünfer mächtig am Riemen und haut die perfekte Platte raus. Also so richtig perfekt, nicht nur halb-, dreiviertel oder fünfsechstel-perfekt.
Die Standardversion von "Marbles" enthält folgerichtig 11 perfekte Kompositionen, die Deluxeversion, die es exklusiv für jene Fans gab, die das Album bezahlten, bevor sie einen Ton davon hörten (und der Band damit die Produktion möglich machten) bringt es gar auf vier Songs mehr. Und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, zu jubeln. Beim Opener "Invisible Man", vielleicht? Einem 14-minutigen Monster, das viel näher an Pink Floyd als an - wie früher - Genesis erinnert und sich dabei anfühlt, als sei der Spuk bereits nach dreieinhalb Minuten vorbei? Das meine ich mit perfekt: die Band hat auf "Marbles" einen einzigartigen Fluss für ihr Songwriting gefunden, sie hält ihre Musik zu jeder Sekunde dramatisch, einfühlsam, bewegend, spannend und immer am Laufen. In Interviews erzählte Sänger Steve Hogarth von den Writingsessions und darüber, dass sie manchmal zwei Tage mit der Entscheidung verbrachten, ob der nächste Ton ein A oder doch lieber ein C sein sollte. Nun könnte man angesichts solcher Gruselgeschichten dem Vorurteil erliegen, dass damit ja jede Spontanität geradezu zwangsläufig auf der Strecke bleiben musste, aber es ist alles ganz anders: alleine "Invisible Man" schlägt am laufenden Band Haken und spurtet in eine Richtung, um innerhalb weniger Augenblicke wieder eine ganz andere Spur zu verfolgen.
Die Popsingle "You're Gone" ist schönster Melancholiekitsch mit leiser Housenote, "Angelina" ein sphärischer Dunkel-Schummel-Rotlicht-Schunkler, "Fantastic Place" eine sich stetig nach oben schraubende Sternstunde, die gegen Ende in einer hellen Supernova verglüht und eine der ergreifendsten Gesangsleistungen von Steve Hogarth aufbietet. Und apropos Hogarth: der Mann singt völlig (VÖLLIG!) fehlerfrei. Ich meine damit nicht ausschließlich den technischen Aspekt, sondern in erster Linie seine Melodielinien. Man darf diese Songs gar nicht anders singen, sie würden kaputtgehen. Sie würden auseinanderfallen, sie wären nur zur Hälfte da, der Rest wäre weggebröckelt. Hogarth trifft immer (IMMER!) die richtige Entscheidung, die richtige Stimmung, die richtige Klangfarbe. Wie soll ein Mensch den knapp zwölfminütigen Abschlussklumpen "Neverland", vielleicht das Größte und Ergreifendste, was es in diesem Jahrzehnt zu hören gab, besser singen? Es.ist.nicht.möglich.
Marillions möglicherweise größter Pluspunkt ist ihre Souveränität. Sie müssen niemandem mehr etwas an den Instrumenten beweisen, weswegen die Prog-üblichen Frickeleien komplett ausbleiben. Sie schreiben Songs, das ist alles. Und sie tun das mit der Erfahrung von fast 30 Jahren. Sie achten auf den Sound, sie achten auf das Wort, sie achten auf den Ton, sie achten auf die Stimmung. Und sie hegen und pflegen ihre Sprösslinge. Das mag auf den ersten Blick furchtbar spießig wirken, aber das Ergebnis gab ihnen Recht: "Marbles" war für fast ein komplettes Jahr mein täglicher Begleiter. Bis heute kein Funken Langweile in Sicht.
04.02.2010
2000-2009 #7: Justin Timberlake - Futuresex/Lovesounds
Ende 2005 tat sich aus musikalischer Sicht eine ganze Menge in meinem Leben. Es reifte die Erkenntnis: "So kann das alles nicht weitergehen."(Uwe Barschel). Stichwort Orientierungslosigkeit. Die krude Mischung aus zuvor gehörtem Indiepop und Postrock wurde wieder einmal zu langweilig und ich wusste: wenn ich jetzt nicht einen Schritt mache, höre ich in drei Monaten nur noch die Singles Top 40, und damit also den Feind. Solange wollte ich nicht warten, also erkor ich die Feindberührung zum ersten Schritt und beschäftigte mich mit dem Antichristen per se: Justin Timberlake. Gut, ich muss zugeben: ein Arbeitskollege schummelte mir schon zwei Jahre vorher Timberlakes Debut "Justified" unter die Mütze und ich musste zerknautscht zugeben, dass mindestens die Hälfte der Tracks echte Hits waren. Ich war also nicht gänzlich unvorbereitet. Allerdings war ich auf die Weiterentwicklung und den Einschlag von "Futuresex/Lovesounds" tatsächlich nicht gefasst. Timberlake holte sich die Unterstützung von Producerlegende Timberland und formte ein Disco-/Club-Album, das vor Funk, Sex, Soul und Love nur so übersprudelte, das zu gleichen Teilen souverän und ausgelassen den Floor beherrschte. Wegweisende Zappelphillip-Groover wie die Single "Sexy Back", dumpf-pumpendes Beat-Geäst im Titelsong, durchgestylten Prince-Funk in "Damn Girl" oder die überdeutliche Jacko-Kampfansage in "Lovestoned": Timberlake ist immer Herr der Lage und ich war so hingerissen, dass ich mir sogar eine Konzertkarte kaufte. Dass der Abend dann trotz warmer Mai-Temperaturen "ein Kalter" war, wie mein Vater immer zu sagen pflegte, steht auf einem anderen Blatt. "Futuresex/Lovesounds" hingegen war und ist ein wichtiger Meilenstein meiner musikalischen Entwicklung und hinterher war wenn auch nicht alles, aber doch so einiges anders.
31.01.2010
2000-2009 #6: Jud - The Perfect Life
Musikalisch gesehen war ich zu Beginn des Jahrzehnts ganz schön orientierungslos, und es ist schon einigermaßen auffallend, wieviel unerhörten Mist ich gerade in jener Zeit kaufte.
Gerade das Jahr 2001 war im Rückblick vielleicht das Mieseste der ganzen Dekade: viele Enttäuschungen, Trends habe ich entweder verpennt (The Strokes) oder verweigert
(Rest). Und die alte Garde war just im Auflösungsprozess.
Dann kamen Jud. Drei Jahre musste ich auf den Nachfolger des genialen "Chasing California"-Albums warten, bevor das damals noch kalifornische Trio mit "The Perfect Life" mal mit links alles auf, naja, links eben krempelte. Härter und schneller als der Vorgänger, enthält "The Perfect Life" überlebensgroße Hymnen ("Breeze In The Morning", "Killing Time"), melancholische Melodie-Giganten ("The More I Love You", As Long As The Sun Is Out"), tonnenschweren Indie-Doom ("Flake"), schnörkellose Up-Tempo-Rocker ("Fast & Slow") und weise Worte:"Don't fuck the skinny girls, my mama said.". Ich glaube, ich habe in den kommenden Jahren bewusst versucht, solche Songs für meine damalige Band zu schreiben - und ging erwartungsgemäß baden. Was blieb ist ein Album, das mich als Menschen und als Musiker nachhaltig beeinflusst und geprägt hat.
30.01.2010
2000-2009 #5: Joanna Newsom - Ys
Die seltsame Frau mit der Harfe. Die, die 2006 so ziemlich jeden wortwörtlich verzauberte. Deren Platte von Steve Albini, Jim O'Rourke und Van Dyke Parks produziert wurde und die von letzterem den Vorschlag erhielt, die Werbeanzeigen für "Ys" einfach nur mit einem großen "MUSIC IS BACK" zu versehen. Die für fünf Songs 55 Minuten benötigt und die währenddessen große Geschichten erzählt, die wie Märchen betören und faszinieren. Ein zerzauselter Folksansatz mit Klassikelementen und Weirdo-Ästhetik. "Ys" ist darüber hinaus womöglich ein gutes Beispiel für erstklassige Produzentenarbeit: wie die einzelnen Teile zu einem großen Ganzen zusammengefügt wurden, mit welcher Raffinesse und Übersicht beispielsweise das Orchester in die überlangen Kompositionen eingepasst wurde ist aller Ehren wert und half aus meiner Sicht dabei, das Album zu einem modernen Klassiker zu formen. Und wo das gesagt ist, möchte ich hinzufügen, dass ich damit Joanna Newsoms Anteil an der Perfektion von "Ys" nicht schmälern möchte. Am Ende fließt das eine ins andere und ohne ihre unwirkliche Elfenstimme und ihren kruden Charme wäre "Ys" sicher nicht der Meilenstein des Jahrzehnts geworden, vor dem ich auch heute noch regelmäßig den Gebetsteppich ausrolle. Flawless.
28.01.2010
2000-2009 #4: I'm Not A Gun - We Think As Instruments
Ein ungleiches Paar: Techno-DJ John Tejada und der japanische Jazzgitarrist Takeshi Nishimoto lösen die Grenzen zwischen analoger und digitaler Musik mit einem Wisch auf und erschaffen mit "We Think As Instruments" einen träumerisch-beseelten Sound, der im großen Klang-Schmelzkessel leise vor sich hinköchelt. Getragen von der gemeinsamen Vision für ihre Musik, schlängeln sich die beiden durch Jazz-, Chicago Postrock-, Klassik- und Folk-Terrain, ohne sich dabei lediglich auf die Wirkung eines japanischen Gartens in den frühen Morgenstunden, kurz nach Sonnenaufgang und leichtem Nieselregen zu verlassen. Dass "We Think As Instruments" trotz der ätherischen Ausrichtung eine großartige Songsammlung ist, erkennt man auch gut im direkten Vergleich mit seinem zwei Jahre später erschienenen Nachfolger "Mirror", der zwar die selben Zutaten verwendete, aber um einiges schludriger und uninspirierter klang. Wer's nicht glaubt, hört einfach das wunderbar ausgewogene "Blue Garden", mit dem man jeden verdammten Frühlings-/Sommer-/Herbsttag aufstehen, frühstücken und Zeitung lesen möchte.
Vielleicht ist der Drops auch nach dieser Platte einfach gelutscht: viel besser mag man es sich kaum vorstellen. Und dieses Cover....ALSO DIESES COVER!!!!
Erschienen auf City Centre Offices, 2006
24.01.2010
2000-2009 #3: Godspeed You! Black Emperor - Yanqui U.X.O.
Auch wenn sich für das vorerst letzte Godspeed You! Black Emperor-Album der dank beeindruckender Werke wie "f#a#infinity" oder "Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven" in den Jahren zuvor mächtig aufgewirbelte Staub wieder etwas gelegt hatte, und einige Quatschköppe den Kanadiern gar Wiederholung und zunehmende Irrelevanz vorwarfen, ist "Yanqui U.X.O." für mich ein weiterer, wenn nicht sogar der definitve Meilenstein im Schaffen dieser außergewöhnlichen Band, und damit gleichzeitig das letzte wirklich wichtige und große Postrock-Album. Danach gab es für dieses Genre keine offenen Fragen mehr, sondern nur noch in Granit eingemeißelte und für jeden immer und überall sicht- und hörbare Antworten. Die Band erfand das Rad auf ihrem vierten Album natürlich nicht neu, aber sie perfektionierte es. Und sie tat es mit einer gewaltigen Wucht und Wut, mit großer Leidenschaft und großer Verachtung für diejenigen, die diese Welt in den Dreck ziehen. Sowohl der Titel (Yanqui ist das spanische Wort für Yankee, U.X.O. steht für "unexploded ordnance", also nicht zur Explosion gelangte Bomben oder Granaten), als auch das komplette Artwork mit den auf der Rückseite abgedruckten Verflechtungen großer Major-Labels mit der Rüstungsindustrie, verdeutlichen den politischen Anspruch des Kollektivs. Die instrumentalen, überlangen Kompositionen sind noch mächtiger und bedrohlicher als zuvor und scheinen einer Bestimmung zu folgen, die schon feststeht, noch bevor sich die Band mit schwerem Flügelschlag in die Lüfte erhebt. "Yanqui U.X.O." zeigt eine zwischen Aufopferung und Resignation gespaltene Band, die nicht mehr entscheiden konnte, ob die Wut oder die Ohnmacht die Oberhand behalten sollte. Und ich finde, dass die 2005 offiziell eingelegte Pause diesen Zwiespalt bis heute anschaulich illustriert und am Leben hält - was einiges über die Band, also ihre (Selbst)Wahrnehmung, ihr Selbstverständnis und ihre Reflexion der bestehenden Verhältnisse aussagt.
Das ist kein Egoismus, das ist ein knallharter Kampf. Und dass sie gekämpft haben für diese Platte - man hört es ihr an.
Erschienen auf Constellation Records, 2002
21.01.2010
2000-2009 #2: Burial - Burial
Burials Debut kam meiner Idealvorstellung von elektronischer Musik geradewegs gefährlich nahe: zappenduster, obskur, futuristisch, inspirierend und trotz so manchem Querverweis im Oberstübchen und Vergleichen zu Science Fiction Filmen wie Blade Runner wunderbar klischeefrei. "Burial" glüht pechschwarz, seine fremdartigen und unheilverkündenden Beats peitschen matte Asche durch eine tote Stadt, in der das einzige Licht einer flackernden Neonröhre von einer längst verlassenen Bar stammt. Jeder Schritt auf dieser Asche knarzt und hallt sekundenlang nach. Luft anhalten, immer wieder umdrehen, immer auf der Hut. Das ist in der Stringenz riesig und versüßte so manchen Spaziergang im Augustregen des Jahres 2006. Schade, dass Burial in der Folge etwas den Fokus verlor und für den Nachfolger "Untrue" mit noch mehr Vocal- und Soul-Elementen experimentierte. Damit wurde er zwar massentauglicher, die ängstliche Aufregung seines Debuts wich dagegen leider einer konstruiert wirkenden, melancholischen Mainstreamsoße, in der sich bald jeder Piefke wiederfinden konnte, der in der Großraumdisse keine "Ficke" (J.Riewa) mehr abbekommen hat. Du weißt, dass es vorbei ist, wenn selbst die Arschgeigen der Qualitätsblätter FHM oder Men's Health über Deine Musik losrülpsen ("Toller Soultechno vom großen Unbekannten. Perfekt für das Runterkommen nach der durchtanzten Nacht." - 5 von 5 Sternen von Europas härtester Musikredaktion).
"Aber Flo, sowas kannst Du doch nicht schreiben, das macht doch die Musik nicht schlechter...!" - Okay, lass mich das detailliert und ausgiebig überdenk...huch, fertig: DOCH!
Get over it.
17.01.2010
2000-2009 #1: Bohren Und Der Club Of Gore - Black Earth
Als ich im Winter 1999 mit meiner heutigen Ehefrau zusammenkam und eine Wochenendbeziehung das Maß aller, weil eben auch das Einzige aller Dinge war, verbrachten wir die meisten Wochenenden innerhalb ihrer vier Nürnberger Wände und, sagen wir es ruhig offen: im Bett herumlungernd, wenn nicht -gammelnd. Es gab Zeiten, in welchen von Freitag- bis Sonntagabend "Within The Realms Of A Dying Sun" von Dead Can Dance lief. Durchgehend, am laufenden Band. Ich glaube, wir ließen es sogar dann laufen, wenn wir draußen das Nachtleben erkundeten und drückten auch dann nicht die Stopptaste, wenn wir tatsächlich schlafen wollten. Es war kalt, der Schnee fiel und durch das große Schlafzimmerfenster konnten wir in den Hinterhof blicken, der sich langsam in eine Winterlandschaft verwandelte. Dead Can Dance war unser Soundtrack für diese Stunden. Drei Jahre und drei Wohnungen später residierten wir gemeinsam in Hessen-Hitler-City, der Autor war gesundheitlich schwer angeschlagen und hatte viele gute Gründe, viel und gut im, richtig: Bett, zu liegen. Diesmal lieferten Bohren und der Club Of Gore den Soundtrack für eine ungleich schwierigere, bedrückendere Zeit und spendeten doch Hoffnung und Trost: ihr Doom-Jazz schleppte sich ebenfalls stundenlang wie ein schwarzer Schleier durch die Wohnung, beruhigte aber eher, als dass er aufwühlte. Die extreme Langsamkeit ihrer Musik manipulierte meine Wahrnehmung von Zeit, und ich glaube, dass dies genau der Schlüssel war, dem ich das passende Schloss entgegensetzte. Eine wichtige und einschneidende Zeit, weshalb "Black Earth" den Vorzug vor dem ebenfalls völlig beeindruckenden Nachfolger "Geisterfaust" aus dem Jahr 2005 erhält.
16.01.2010
Unter Tage
Puh, lange nicht mehr gesehen. Wie geht's? Alles gut?
Ein frohes neues Jahr, natürlich noch. Nachträglich. Hörte zwar kürzlich, man dürfe das nach dem, äh, sechsten Januar nicht mehr wünschen, aber gut...geschenkt.
Wie der ein oder andere ja vielleicht schon weiß, startete ich vor drei Monaten gemeinsam mit meinem neuen Job in eine hellrosaleuchtende Zukunft, die mich abseits des Büros jedoch und von Zeit zu Zeit ziemlich mürbe macht. Das also ist der Grund für eine ungewöhnlich lange Funkstille, und während Euch jeder bloggende Piepmatz zum Jahresende mit Jahres- und Dekadenlisten verwöhnte, stand hier: nix. Da haben wir alle nochmal Glück gehabt. "Verstehen Sie bloß, diese Verantwortung!" (V.Pispers), jedenfalls: wenn's jeder macht, isses langweilig.
Jaja, diese Dekadenlisten. Kann man ja schon machen. Mit so ein bisschen Verspätung aber erst. Ist eigentlich wie früher als Teenager, als ich stylishe Accessoires wie rote Jeans oder komplett schwarze Turnschuhe erst dann kaufte, als sie schon locker zwei Jahre völlig out waren. Nicht aus einer Anti-Haltung heraus (und selbst wenn, du glaubst doch wohl nicht, dass ich das hier zugeben würde?!), mir gefielen rote Jeans 1991 eben einfach noch nicht. Genauso wie mir King's X 1991 noch nicht gefielen. Oder Käse in Scheiben - unerträglich, widerlich! "Man wächst ja auch rein."(Mutti). Bin gespannt was passiert, wenn die ganzen lobotomierten Neandertaler, die letztes Jahr Ed Hardy-Shirts trugen in diesem Jahr aus ihnen wieder rauswachsen. Wobei, ich sollte wohl still sein, nach meiner eben aufgestellten Regel trage ich die Fetzen in knapp 2 Jahren selber. Und dann habe ich auch noch einen Ed Hardy-Schaltknüppel im mit Ed Hardy-Schriftzug verzierten Gefährt und den Ed Hardy-Taucheranzug für die romantischen Stunden zu zweit. "Wie man an solche Hirnschäden kommt ist mir nicht bekannt."(wieder Pispers), und ich will nun ganz ehrlich zu euch sein: ich habe schon im April 2009 mit der Auswahl für die DEKADENLISTE begonnen, Einsendeschluss 33.21.2014, Stichwort "Hirnschaden". Wer weggucken will, meinen Glückwunsch, so stark ist nicht jeder, wer den Gaffer geben will, der sollte trotzdem dran denken: immer zügig vorbei fahren, die Rettungskräfte nicht bei ihrer Arbeit behindern und immer mit offener Hose direkt in den Fuchsbau brettern. Tollwutimpfung nicht vergessen.
Wo das gesagt ist: wisst ihr eigentlich, wie scheiße Tollwut ist? Tollwut ist RICHTIG SCHEISSE!
So, dann. Ne?! Gebiss festhalten und Fahrerflucht einplanen! Die besten Alben der Viss, quatsch, WC-Ente, nee, der 00er Jahre. Ja. Jetzt. Törö!
20.11.2009
The Wonderful Thrash Metal-Gewinnspiel
Die richtige Antwort geht entweder in die Kommentarfunktion oder an dreikommaviernull[at]yahoo[dot]de
Einsendeschluss ist der 1.12.2009
Tätätätääää!
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08.11.2009
Verstaubt und Liegengelassen - Die Nachlese


Es ist immer dasselbe: man blickt zurück, schaut sich die endgültige Auswahl nochmal an und ist umgehend am Hadern. Wäre es nicht besser gewesen, vielleicht doch diese eine Wrath-Scheibe zu erwähnen? Was ist mit der ersten Indestroy, was mit den megaobskuren Haunted Garage, was mit dem Debut der räudigen Kanadier von D.B.C.? Oftmals sind eben nur Nuancen zwischen Platz 10 und Platz 11 zu erkennen, die den Ausschlag für die Top Ten-Platzierung geben. Ich hoffe dennoch, die letztendlich richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Vielleicht hat der ein oder andere meiner Leser ja einen unentdeckten Schatz bergen können.
Ein weiterer Stolperstein waren Platten bekannterer Combos, die aber in der Bewertung der Bands keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielten, die streng genommen eben auch "Verstaubt & Liegengelassen" sind. Bestes Beispiel: das Debut der Bay Area-Legende Vio-Lence. Vio-Lence sind in erster Linie wegen ihres Gitarristen Robb Flynn bekannt, der später Machine Head gründete, an zweiter Stelle steht das Major-Debut "Oppressing The Masses", das 1990 einige Aufmerksamkeit erhielt. Nur wenige kennen jedoch "Eternal Nightmare", das erste Album der Band aus den Jahr 1988, das zweifellos zu den zehn besten Thrashplatten aller Zeit zählt, ein regelrechter Orkan von einem Album. Wäre das hier nicht ein angemessener Platz gewesen, um darauf hin zu weisen? Ich entschied mich am Ende dagegen, aber vielleicht ergibt sich in der Zukunft nochmal die Gelegenheit, dieses Album zu besprechen.
Falls sich darüber hinaus jemand über die Fokussierung auf die Jahre 1990-1992 gewundert haben sollte: die Skepsis ist auf den ersten Blick durchaus legitim. Besonders vor dem Hintergrund, dass Anfang der Neunziger der Stern des Thrash Metal langsam aber sicher zu sinken begann - nicht zuletzt durch die Machtübernahme des Death Metal. Und wenn man schon von Old-School-Thrash spricht, dann sollte man meinen, man redet in erster Linie von den frühen Anfängen 1983-1985, wenigstens jedoch von der als Blütezeit des Genres bewerteten Phase in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. In meiner Wahrnehmung beginnt die Blütezeit später, eben etwa um 1990 herum. Für die nächsten zwei bis drei Jahre sollten hier auch von den bekannten Acts die für mich besten Alben des Thrash Metal erscheinen. Allen voran das Abschiedsalbum von Dark Angel "Time Does Not Heal", Slayers "Seasons In The Abyss", Forbiddens "Twisted Into Form", der Cyclone Temple-Klassiker "I Hate Therefore I Am", die beiden Demolition Hammer-Meisterwerke "Tortured Existence" und "Epidemic Of Violence", der Höhepunkt in der Karriere von Sepultura ("Arise"), oder auch Nachzügler wie die Underground-Sensation Invocator, die 1993 mit "Weave The Apocalypse" tatsächlich noch zu vorgerückter Stunde einen Meilenstein 'raushauten. Der musikalische Unterschied zu den rauhen Anfangstagen liegt bei all diesen Scheiben auf der Hand und es ist letztlich eine reine Geschmacksfrage, welche Phase besser schmeckt. Die Spätphase des Genres beeindruckt einerseits durch technische Raffinessen, transparentere Produktionen, komplexeres Songwriting und mit einem durch gedrosseltes Tempo nach oben geschraubten Härte- und Intensitätslevel. Andererseits ergaben sich durch die Schnittpunkte zum aufkeimenden Death Metal interessante Vermischungen, wie sie auf den beiden erwähnten Demolition Hammer-Scheiben zu hören sind. Hier entfällt dann allerdings das "gedrosselte Tempo", dainsbesondere "Epidemic Of Violence" ob seines wahnsinnigen Geschwindigkeitsrausches nur noch verbrannte Erde hinterlässt.
An dieser Stelle sei abschließend noch bemerkt, dass ich für Tipps in dieser Richtung sehr empfänglich bin. Wer also noch weitere vergessene Perlen in seinem CD-Schrank hortet und sie mit mir und der Welt teilen will: immer her damit!
"Schönen Sonntag!"(Peter Weihnacht)


P.S.: Stay Tuned for the wonderful Thrash Metal-Gewinnspiel!
07.11.2009
Entropy - Ashen Existence (1992)
Zugegeben, "Ashen Existence" war der größte Wackelkandidat für diese Top Ten-Aufstellung. Dabei machten Entropy aus Ontario, Kanada ziemlich viel - wenn nicht gar alles - richtig. Die Produktion ist womöglich einer der besten Thrash-Produktionen aller Zeiten, kristallklar und ultraheavy, die Riffs gleichen nicht selten einem wahren Orkan, die Songs sind vertrackt und doch nachvollziehbar, und ich habe mich mittlerweile selbst an den Gesang gewöhnt. Der wechselt nämlich wie aus dem Nichts von tiefen Death-Grunts, die ein bisschen an Chuck Billys "Demonic"-Performance erinnern, zu einem hohen, leicht heiseren Thrashgesang, der wie ein aggressiver David R. White der Bay Area-Legende Heathen klingt. Und wieder zurück. Und wieder hin. Und zurück. Das verwirrt mich. Was mich zusätzlich verwirrt: "Ashen Existence" erschien 1992 und ist mal sowas von Un-Old-School, dass ich zunächst skeptisch war. Das Quartett klingt unterkühlt und trotz der furiosen Ausrichtung ihrer Songs, die niemals auch nur im Ansatz schlapp werden, leicht steril. Ich habe das Gefühl, dass Entropy mit ihrem Sound gar ein paar Jahre zu früh dran waren (welch Abwechslung in einer Reihe von zu spät gekommenen...). "Ashen Existence" klingt eher nach einem Metal, der in der zweiten Hälfte der Neunziger gute Chancen auf den Durchbruch gehabt hätte. Mir geistern die ganze Zeit Fear Factory durch den Kopf, was ein Zeichen für die klangliche Verbindung zum Spätneunzigersound darstellen könnte. Dass "Ashen Existence" trotzdem in dieser Liste auftaucht liegt schlussendlich einfach daran, dass das Album schlicht viel zu eindrucksvoll ist, als dass ich darum herumkomme, es nicht zu erwähnen. Warum die Band an sechster Stelle einen reinen Death Metal-Track auf das Album gepackt hat, der klingt, als sei er direkt von einer angeschimmelten, 20 Jahre alten Demokassette gezogen worden, bleibt ihr Geheimnis. Aber den Schund kann man ja leicht wegskippen.
"Ashen Existence" von Entropy ist 1992 auf Inazone Records erschienen.
03.11.2009
Denial - Antichrist President (1991)
Und noch eine Band, die Opfer ihrer eigenen Verspätung wurde. Denial tauchten Ende 1990 in der Szene auf und veröffentlichten 1991 auf Colossal Records ihr einziges Album "Antichrist President". Was für eine Verschwendung an Talent: eine taufrisch agierende Band, eine rohe, drückende Produktion, komplexe, qualitativ weit über dem Durchschnitt liegende Thrasher in Verbindung mit einem damals nicht gerade untypischen Comic-Cover sowie regierungskritischen, rebellischen Texten, die unter dem Eindruck des Einmarschs der Bush-Administration in den Irak entstanden sein müssen, hätten ein paar Jahre früher ausgereicht, um Denial einen gar nicht so üblen Platz in der Thrash-Geschichte zu überlassen. Heute weiß man: es kam alles ganz anders. Wer ein bisschen über den Tellerrand des Thrash-Mainstreams schauen möchte und auf die etwas ausufernden Songstrukturen des Frühneunziger-Thrash abfährt, es aber dennoch gerne rauh und wild mag, kann ruhigen Gewissens mit "Antichrist President" beginnen.
"Antichrist President" von Denial ist 1991 auf Colossal Records erschienen.
24.10.2009
Savage Thrust - Eat 'em Raw (1990)
Auch wenn der Bandname Savage Thrust wenigstens im Untergrund etwas geläufiger sein dürfte als so manch andere Kapelle, handelt es sich immer noch um eine reichlich obskure Band. Das liegt weniger an der geringen Verbreitung von "Eat 'Em Raw", sondern an der tatsächlichen Musik, bei der ich mich nie ganz entscheiden kann, ob es sich dabei lediglich um größtenteils recht generischen Speed/Thrash Metal handelt, oder ob das ziemlich abgefahrenes Zeug ist. Einerseits erinnern die New Yorker vor allem dank der extrem hohen Stimme von Michael Smith an die frühen Agent Steel-Werke, sie gehen aber weitaus weniger straight als die kalifornische Speed Metal-Sensation vor und haben durch die krude Zusammensetzung ihrer Riffs und die verschrobenen Songstrukturen einen Vorsprung in Sachen Originalität. Savage Thrust bewegen sich zweifellos im Speed/Thrash-Umfeld, aber mir fällt partout keine andere Band ein, die so klingt wie sie: nichts scheint zu passen, die Songs wirken nicht stimmig, bestehen eher aus vermeintlich wahllos aneinandergeklatschen Riffs und Breaks. Erst nach ein paar Durchläufen kommt man hinter das Geheimnis dieses Albums. Denn auch wenn es einen Riesenspaß macht, "Eat 'em Raw" zu hören, und die schiere Ausgelassenheit der Band fast schon physisch spürbar ist, ist die alte Metal-Losung "Headbangen und Bier trinken" hier nicht angebracht. So gerät die Auseinandersetzung mit dieser Platte zu einer kleinen Herausforderung, und das in einer Umgebung, die es mit Herausforderungen für gewöhnlich ja nicht so hat. Das finde ich spannend und deshalb steht "Eat 'em Raw" auch zurecht in dieser Liste. Not your average Speed Metal band, indeed!
"Eat 'em Raw" von Savage Thrust ist 1990 auf Avanzada Metalica Records erschienen.
18.10.2009
Impact - Take The Pain (1991)
Das muss eine der meistgesuchtesten Thrash-Platten aller Zeiten sein. Impacts Debut erschien 1991 auf dem legendären mexikanischen Label Avanzada Metalica Records (u.a. Morbid Saint), als sich die Firma praktisch schon mit eineinhalb Beinen in der Insolvenz befand. Daher gelangten nur wenige Exemplare in den Handel. Zudem geschah dies zu einer Zeit, in der der klassische Thrash Metal schon in den letzten Atemzügen lag. Diesen Faktoren mag es geschuldet sein, dass "Take The Pain" nicht wie eine Bombe einschlug, an der Musik kann es unmöglich gelegen haben. Impact spielen einen furios nach vorne preschenden Speed/Thrash Metal, der zweifellos seinen Platz in der zweiten Reihe der Thrash-Garde gefunden hätte. Der Opener "In The Flesh" hat gar das Zeug zum Genreklassiker: für diese Riffs würden andere Bands töten. Großen Anteil an der Qualität von "Take The Pain" hat zudem Sänger/Gitarrist Nathan Kane, der mit klarer und kraftvoller Stimme überrascht und für einige Querverweise in Richtung Agent Steel oder frühe Vicious Rumors sorgt. Angesichts des Erscheinungsjahres ist man darüber hinaus ob der sehr räumlichen, harschen Produktion durchaus überrascht. Regierten 1991 die unter dem Eindruck von Metallicas "...And Justice For All" entstandenen, komprimierten "Mitten Raus"-Sounds, die einerseits zwar fast immer sehr heavy waren, andererseits aber etwas poliert klangen, ist der Sound von "Feel The Pain" deutlich direkter, roher und wilder und damit besser als 90% aller übrigen Low-Budget-Releases.
Wer nun Appetit auf dieses kleine Juwel bekommen hat, sollte sich Gedanken um die Auflösung des Bausparvertrags machen: für "Take The Pain" muss tief (und mit einem mittleren dreistelligen Eurobetrag meine ich wirklich tief!) in die Tasche gegriffen werden.
"Take The Pain" von Impact erschien 1991 auf Avanzada Metalica Records.
16.10.2009
Fantom Warior - Fantasy Or Reality (1987)
Eine reichlich mysteriöse Thrash Band aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ist diese aus New Jersey stammende Formation. Alleine der Bandname und das furchtbare Cover von "Fantasy Or Reality" sind eigentlich ein gutgemeinter Hinweis darauf, einen weiten Bogen um diese Veröffentlichung zu machen, aber weit gefehlt: dieses 1987 erschienene Debut von Fantom Warior entpuppt sich als ganz klassischer Vertreter authentischen Thrash Metals mit großartigem Riffing und schnodderigen, leicht an Overkills Blitz erinnernden Vocals. Die New Yorker Institution ist darüber hinaus auch hinsichtlich der Songs kein schlechter Vergleich. Insbesondere der Rausschmeißer "Kill Rip Destroy" erinnert in der ausufernden Anlage an die immer leicht pathetischen "Overkill"-Feger oder auch an das erste, fantastische Hallows Eve-Album "Tales Of Terror". Vereinzelt lassen sich ergänzend dazu ein paar punkige Fetzen im Sound erkennen, die einen an frühe Nuclear Assault oder auch frühe Anthrax denken lassen ("Don't Criticize") und dem sympatischen Spirit dieser Scheibe natürlich bestens in die Karten spielen. Flüssiger, zügig auf den Punkt gespielter Thrash Metal, hörbar von der Ostküste der USA, der ohne ziellose Riffkaskaden auskommt und hier und da gar an klassischen US-Metal erinnert.
Leider ist der Sound von "Fantasy Or Reality" recht bescheiden, echte Genre-Fans werden jedoch angesichts von Killertracks wie "Final Call" oder "E.R.C." gerne darüber hinwegsehen.
15.10.2009
Sacrament . Haunts Of Violence (1992)
Da war ich jahrelang der Auffassung, dass die Reihenfolge der zehn besten Thrash-Platten aller Zeiten eigentlich seit spätestens 1995 tief in mein angestaubtes Metal-Fundament einzementiert ist und plötzlich trifft mich dieses Album mit der sprichwörtlichen Wucht einer Abrissbirne und ich weiß: da muss ich nochmal nachdenken. "Haunts Of Violence" von den Christenthrashern Sacrament erhielt von classicthrash.com - das Paradies für jeden (Underground) Thrash-Fan - die Auszeichnung "the best thrash metal release that most people never heard of" und könnte tatsächlich die Nachfolgescheibe zu Forbiddens "Twisted Into Form" sein, wenn man deren Hitpotential mal ausblendet. Für einen Hit ist "Haunts Of Violence" viel zu vertrackt, viel zu technisch. Ein wahnsinniges Riffmassaker reiht sich an das nächste, die schwindelerregenden Breaks sind für selbst für geübte Ohren harter Tobak und nur dann nachvollziehbar, wenn man sich wirklich voll auf dieses Thrashfest einlassen mag. Dazu passt die knochentrockene, brettharte Produktion, die ihren Teil dazu beiträgt, dass Sacrament das Intensitätslevel über die gesamte Spielzeit am oberen Limit halten können. Das ist zweifellos anstrengend, aber es ist auch unfassbar geil.
"Haunts Of Violence" von Sacrament ist 1992 auf R.E.X. Records erschienen.
14.10.2009
Swineflu Over The Kuckucksnest
Wir unterbrechen unsere Übertragung für eine wichtige Mitteilung.
Blitz a-t vom 25.8.2009:"Schweinegrippe: Alles im Griff? (I)"
Blitz a-t vom 25.9.2009:"Schweinegrippe: Alles im Griff? (II)"
Und wie es der Zufall will, wurde mir just heute Morgen dieses Video von Youtube empfohlen:
Wie das mit den beiden obigen Dokumenten in Zusammenhang steht? Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wirklich.
11.10.2009
Overthrow - Within Suffering (1990)
Ein wunderbar rohes Stück blutigen Hi-Speed-Thrash Metals aus Kanada mit einer bewährt brutalen Produktion von the one and fucking only Scott Burns aus den Morrissound Studios in Tampa, Florida. Ich dachte nicht, dass ich tatsächlich nochmal ein derart obskures Juwel hören darf, bei denen Burns seine Finger im Spiel hatte, aber "Within Suffering" ist ein solch seltener Fall. Und er leistete auch hier selbstverständlich ganze Arbeit. Overthrow liefern dem Mann allerdings auch eine hervorragende Vorlage: an extreme Sadus-Bolzereien erinnerndes Gebretter mit weitgehend simplen, aber ungemein effektiven Riffs, eine höllische Geschwindigkeit und aggressive, rauhe Schreivocals von Nick Sagias, die "Within Suffering" in die Nähe der ersten Demolition Hammer-Großtat "Tortured Existence" und damit folgerichtig in das Grenzgebiet von Thrash und Death Metal rücken. Die Unbekümmertheit des Quartetts und die schiere Raserei der Musik sind neben der Produktion die beiden größten Pluspunkte dieses Albums. Im Dezember 2007 wurde "Within Suffering" von NHR Records neu aufgelegt und zusätzlich mit dem "Bodily Domination"-Demo aus dem Jahr 1989 versehen. Da die Originalversion auf Epidemic Records nur sehr schwer auf zu treiben ist, eine durchaus lohnenswerte Anschaffung.
"Within Suffering" von Overthrow ist 1990 auf Epidemic Records erschienen.
10.10.2009
Hellbastard - Natural Order (1990)
Britischer Thrash Metal konnte qualitativ nur selten vollends überzeugen und fristete damals wie heute ein Außenseiterdasein. Die bekanntesten (und besten) Vertreter waren sicherlich Onslaught, Sabbat und die immer wieder unterbewerteten Xentrix, die zweite Reihe mit Formationen wie Slammer, Acid Reign oder D.A.M hatte außerhalb Britanniens nur wenig zu melden. Das hätte alles anders laufen können, wenn die ursprünglich aus der Punk und Hardcore-Szene stammenden Hellbastard etwas mehr Glück gehabt hätten und stilistisch etwas berechenbarer gewesen wären. Ihr drittes Album "Natural Order" aus dem Jahr 1990 ist mit seinem reinrassigen, an Bay Area-Großmeister angelehnten Thrash Metal sozusagen das Außreißer-Album der Band, die ansonsten einen weiten Bogen um diesen Sound machte. Ironischerweise handelt es sich zumindest in meinen Ohren bei diesem "Betriebsunfall" um eines der fünf geilsten britischen Thrash-Scheiben aller Zeiten, und ich war bereits beim ersten Durchlauf völlig baff, wie es mir möglich war, dieses wirklich überdurchschnittliche Album jahrelang zu übersehen. Die Gitarrenarbeit ist insbesondere hinsichtlich der Soli locker reif für die Champions League, im Rhythmusbereich regiert ein nachhaltiges, stringentes Riffing mit vielen kleinen Details und einem überfließenden Ideenreichtum, hinzu kommt eine absolute state-of-the-art-Produktion, die umso mehr wiegt, wenn man das Aufnahmejahr bedenkt. "Natural Order" ist in seiner ganzen Ausstrahlung eine fast perfekte Symbiose aus erfrischender Schlichtheit und souveräner Raffinesse.
Hellbastard haben sich 2007 reformiert und spielen heute als "legendary metal crust punks" sogar US-Touren. Man lernt nie aus.
"Natural Order" von Hellbastard ist 1990 auf Earache erschienen.
09.10.2009
Acridity - For Freedom I Cry (1991)
Zu einer kleinen Überraschung hat sich diese kleine Platte entwickelt. Ursprüglich 1988 aufgenommen, aber erst 1991 veröffentlicht, teilen auch Acridity das Schicksal vieler Bands aus der fünften oder sechsten Reihe, die mit ihrer Musik ein paar Jahre zu spät dran waren und in der Folge keine Aufmerksamkeit mehr erhielten. "For Freedom I Cry" ist ein unerwartet intensives Album, das etwas unter seiner zu leisen und dünnen Produktion leidet, aber einige bärenstarke Thrasher mit dichtem Riffing und "...And Justice For All"- Melodieläufen bietet. Selbst der Gesang von Darrin Carroll erinnert hier und da entfernt an James Hetfield. Zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit "For Freedom I Cry" hätte ich das Album nicht unbedingt als besonders herausragend bezeichnet, selbst wenn ich den Enthusiasmus und den Charme von Acridity schon früh nur schwerlich übergehen konnte. Nach einer Handvoll Durchläufen jedoch wurde ich angesichts großartiger Songspassagen und gar nicht mal unoriginellen Riffs immer öfter hellhörig. Mit einer besseren Produktion und dem tatsächlichen Release im Jahr 1988 hätte die Band aus dem texanischen Corpus Christi sicherlich mehr reißen können.
06.10.2009
The Crucified - The Crucified (1989)
Im Zuge des Thrash Revivals mit jungen Bands wie Municipal Waste oder Fueled By Fire könnten die Christen-Thrasher von The Crucified heute etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten als zur Zeit Ihres Bestehens. Die Wiederveröffentlichung ihrer beiden Alben (neben dem selbstbetitelten Debut erschien zwei Jahre später der Nachfolger "The Pillars Of Humanity") in einer Box mit unveröffentlichtem Material und beiliegender Live-DVD ist sicherlich ein guter Anreiz, sich im Jahr 2009 mit dem Quintett erstmals zu beschäftigen. Zumal ihr Sound heute durchaus wieder gefragt ist: The Crucified stürmen auf ihrem Debut durch vierzehn rasende Thrashcore-Attacken, die etwas weniger chaotisch als die Songfetzen von Cryptic Slaughter sind, qualitativ aber locker auf D.R.I. oder auch Acrophet(!!!)-Niveau liegen. Einzig Sänger Mark Salomon fällt mit seinem seltsam komprimiert klingenden Organ manchmal etwas ab, was durch die Masse an stürmischen Riffs mit Slayer-Touch aber locker wettgemacht wird. Und auch wenn der Sound durchaus mehr Schmiss und weniger Vakuum vertragen könnte: es riecht nach Schweiß, Moshpits und gebrochenen Nasen. Gott mit Dir!
"The Crucified" ist 1989 auf Tooth And Nail Records erschienen.
05.10.2009
Verstaubt & Liegengelassen
- Musik, die keine Sau interessierte
Früher oder später musste es ja so kommen. Ich oute mich hiermit als Anhänger des klassischen Thrash Metal aus der Zeit von 1985 bis 1993 und bekenne, dass meine Faszination für diesen Stil bis heute ungebrochen ist. Genau genommen befindet sie sich seit etwa drei Jahren sogar auf dem Höhepunkt, was sich besonders darin äußert, dass ich meine Thrash-Sammlung seit jener Zeit "sukzessive" (Bruno Labbadia) ausbaue und mit einiger "Wonne" (Veronica Ferres) tief in Internet-Archiven und längst vergessenen Labelkatalogen wühle, um übersehene oder aus dem Gedächtnis gestrichene Perlen dieses Genres zu entdecken. Das führt ab und an zwangsläufig zu kleinen Dummheiten, wenn es etwas kostspieliger wird als erwartet, aber der daraus gewonnene Spaß ist sowieso unbezahlbar.
Vor einiger Zeit entstand vor diesem Hintergrund die Idee, die zehn besten "ungehörten" Thrash-Alben dieser Epoche zu präsentieren. Die Genre-Klassiker wie Dark Angels "Darkness Descends" oder Slayers "Reign In Blood" sind in den letzten 20 Jahren bereits zur Genüge (tot)diskutiert worden, also erschien mir das als wenig lohnenswert. Aber wer kümmert sich um die vergessenen, die Anti-Klassiker? Ich streifte also mein Thrashman-Supercape über und sprang aus dem Fenster.
Unten angekommen musste zunächst der Rahmen definiert werden. Wer ist "ungehört"? Wer ist vergessen? Und habe ich wirklich zuviel Zeit, wenn ich mir jetzt ein Projektmodell ausdenke? Absolut!
Erste Reihe, auch bekannt unter dem Namen "Die großen 4", unantastbar, einzementiert, selbst wenn es aus heutiger Sicht bei drei dieser vier Bands ja völlig absu*auf die Faust beiß*: Slayer, Metallica, Anthrax, Megadeth
Zweite Reihe: Exodus, Testament, Forbidden, Overkill, Dark Angel u.a.
Dritte Reihe: Xentrix, Sadus, Devastation, Sacrifice u.a.
Vierte Reihe: Mortal Sin, Wargasm, Cyclone Temple, Forced Entry u.a.
Disclaimer, bitte keine Morddrohungen schicken, lieber zu Hause darüber diskutieren: die kleine Auflistung soll keine Qualitätsabstufung darstellen, sondern in erster Linie eine Kategorisierung hinsichtlich des subjektiv gefühlten Bekanntheidsgrads der genannten Thrashbands erlauben. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Diese vier Reihen waren also für mein kleines Projekt tabu. Was mich interessierte waren die nachfolgenden Reihen fünf und sechs - wenn man sich anstrengt und beispielsweise Bands mit einbezieht, die ausschließlich Demo-Veröffentlichungen vor zu weisen haben und nicht über dieses Stadium hinaus gekommen sind,kann man sicher noch eine siebte und achte und neunte und zehnte Reihe entwickeln, aber dann stehen wir am Ende in einer Pisspfütze in Süd-Arkansas und schauen Mini-Amöben beim Musizieren zu. Außerdem wird dann mein Cape dreckig. Also lasse ich den Vorhang nach der sechsten Reihe fallen. Ich hoffe, das geht für Dich in Ordnung?! Ja? Na, ist doch super!
Als nächsten Schritt ging es um eine entsprechende Eingrenzung der in Frage kommenden Platten und die anschließende Auswahl, die mich eigentlich am meisten Nerven kostete. Wer darf mit, wer muss draußen bleiben? Vielleicht werde ich die (nun wahrscheinlich endgültig vergessenen) restlichen Werke in einiger Zeit nochmal gesondert vorstellen.
Für die nächsten Tage gilt jedoch: die Top Ten der vergessenen Thrash-Perlen! Live! In Farbe!
Nobody really gives a damn, but me!
*standing ovations*
30.09.2009
Du Darfst
Mokira - Persona
Die ersten Minuten von "Persona" kommen meiner sprichwörtlichen Traumvorstellung von Ambient ziemlich nahe und lassen sich in Teilen durchaus mit Vladislav Delays "Whistleblower" aus dem Jahr 2007 vergleichen. Auch wenn Andreas Tilliander auf das erste Hören weniger Kratzer und Risse einsetzt und erst mit zunehmender Spieldauer etwas lebhafter wird, sind es in erster Linie die warmen Sounds, die mich wie Wellen langsam und sanft umspülen und in dieser Hinsicht an Delays Meisterwerk erinnern. Das klingt toll, und ich hätte absolut nichts dagegen, mit diesem Sound auf den Ohren entweder ein zu schlafen, oder ihn tagelang in Endlosschleife um mich herum zu haben. Das ist gar so einschmeichelnd und im besten Sinne einlullend, dass ich erst nach Minuten bemerke, wie sich die Platte verändert hat. Da ist plötzlich ein Bass, und ich weiß auch nach mehreren Durchläufen ums Verrecken nicht, woher der gekommen ist. Er spielt ein wenig mit einem Rhythmus, gibt einen kleinen Beat vor. "Persona" wird an dieser Stelle zum ersten Mal ein Stückchen konkreter und gibt eine schemenhafte Richtung vor.
Tilliander bleibt bei dieser Richtung und weitet sie in den folgenden Tracks noch aus. Der pulsierende Unterwasser-Bass gibt den Herzschlag zu sirrenden Obertönen und geloopten Feedbacks, eine Kombination, die "Persona" überraschend hell und entmystifiziert erscheinen lässt. Und spätestens mit dem klinischen "Oscillations And Tremolos" ist jeder Schleier, jede Dunkelheit und jeder Zweifel verschwunden. Ironischerweise passiert das mit einem Stück, der angesichts seines im Vergleich eher schroffen Klangs den Schleier über die ganze Platte werfen könnte - und es letztendlich auch tut. Hier verzettelt sich Tilliander für meinen Geschmack ein wenig, "Persona" wirkt nicht mehr schlüssig und das abschließende "Invitation To Love" geistert wie eine halbfertige und nicht ernstgemeinte Remeniszenz an die Anfangsminuten umher, nur um irgendwie noch die Kurve zu kriegen.
Ich lege "Persona" nichtsdestotrotz immer noch sehr gerne auf.
"Persona" von Mokira ist 2009 auf Type erschienen.
17.09.2009
Tango Fandango
The Life And Times - Tragic Boogie
Auch wenn ich nun schon mehrfach auf dieses wundersame Trio aus Kansas aufmerksam machte: ich könnt' schon wieder. Und mit Verlaub: ich tu's auch schon wieder. Nur kurz immerhin, aber ich kann nicht anders.
"Tragic Boogie" ist Musik aus einer anderen Zeit. Ins Musikjournalisten-Gequalle übersetzt hieße das wohl sowas wie "Sie stehen über der Zeit". Aber wer will sowas schon lesen? Sie? Ich nicht. Andreas "Kanzler" Kohl vom Exile On Mainstream-Label jedenfalls frohlockte neulich über das Jesus Lizard-Konzert in Berlin "Solche Bands werden heute einfach nicht mehr gebaut.", und ich könnte dasselbe über The Life And Times sagen. Ihre komplette Herangehensweise an ihren mit einiger Dramatik aufgeputschten Indierock ist getränkt mit 80er- und 90er-Jahre-Ästhetik: komplex, melancholisch, verweht. Dass das verwehte Element auch daher rührt, dass der Sound nicht zu knapp Volumen mit sich herumträgt und sich gefühlte 180 Gitarrenspuren die Klinke in die Hand geben, bon. Aber sie vergessen den Song dahinter nicht. Diese musikalischen, ich sag's jetzt einfach mal, weil's halt so doll richtig ist: Meilensteine schälen sich ganz zielsicher aus dem dichtesten Geknäuel empor und präsentieren sich besonders auf der komplett anbetungswürdigen B-Seite mit der Strahlkraft ganzer Säuglingsstationen. Ein behutsamer Aufbau, der den Weg als Ziel definiert, der sich gar nicht weiter aufblähen muss, weil die Stimmung es sowieso richten wird. Dann schlängelt sich "The Lucid Dream" eben mal minutenlang in einer rotglühenden Lavazunge unter der Erde entlang. Und Dir bleibt nichts anderes über, als bei 'ner Tasse Tee (ich weiß, es ist furchtbar klischeehaft, aber da müssen wir jetzt "gemeinsam"(A.Merkel) durch) die Augen zu schließen und - ja mein Gott, lass' es Dir halt gut gehen.
"Tragic Boogie" von The Life And Times ist 2009 auf Hawthorne Street Records erschienen.





























