Thievery Corporation - Radio Retaliation
"Any American who is prepared to run for president should automatically, by definition be disqualified from ever doing so."
Gore Vidal
"I believe that banking institutions are more dangerous to our liberties than standing armies. If the american people ever allow private banks to control the issue of their currency, first by inflation, then by deflation, the banks and corporations that will grow up around [the banks] will deprive the people of all property until their children wake up homeless on the continent their fathers conquered. The issueing power should be taken from the banks and restored to the people, to whom it properly belongs."
Thomas Jefferson
"Let fury have the power, anger can be power, d'you know that you can use it?"
Joe Strummer
"If our torment is to end, if liberty is to be restored, we must grasp the nettle even tho it makes hands bleed."
The Prisoner
"A modern revolutionary group heads for the television station."
Abbie Hoffmann
"You're only as young as the last time you changed your mind."
Timothy Leary
"The propagandist's purpose is to make one set of people forget that certain other sets of people are human."
Aldous Huxley
"This land is no one's land"
John Lee Hooker
"The conscious and intelligent manipulation of the organized habits and opinions of the masses is an important element in democratic society. Those who manipulate this unseen mechanism of society constitute an invisible government which is the true ruling power of our country."
Edward Bernays
"Those who make non-violent revolution impossible only make violent revolution inevitable"
Dr.Martin Luther King Jr.
"Anyone who has the power to make you believe absurdities has the power to make you commit injustices."
Voltaire
"Music is the weapon."
Fela Kuti
"Radio Retaliation" von Thievery Corporation ist 2008 auf ESL Music erschienen.
Die hier aufgeführten Zitate wurde dem Booklet von "Radio Retaliation" entnommen.
03.08.2009
Revolution & A Riot
30.07.2009
Zwischenruf (1)
GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR
Wer heute, sieben Jahre nach dem letzten Studioalbum "Yanqui U.X.O." und gut vier Jahre nach dem offiziell eingelegten Dämmerschlaf der einzig wahren Postrock Band Godspeed You! Black Emperor deren frühe Platten hört, dem wird einerseits auffallen, wie leicht und lässig es sich auf die Knie sinken lässt, wie lässig und leicht sich die funkelndsten Freudentränen ihren Weg in die Außenwelt bahnen können und wie leidenschaftlich und kraftvoll instrumentale Musik sein kann. Dem wird andererseits aber leider auch klar werden, wie unfassbar uninspiriert, leidenschaftlos, plump, platt, banal, oberflächlich, stillos, orientierungslos und schlicht sacköde all die Legionen an gesichtlosen Nachahmern sind, die Jahre später und bis zum heutigen Tag all das so furchtbar frech wiederkäuen, was diese kanadische Ausnahmeband vor langer Zeit an das Klangfirmament pinselte.
Und weil das alles so schön ist gibt es als Geschenk des Tages von mir für Euch unter folgendem Link einen Radiomitschnitt des Godspeed You! Black Emperor Gigs des 18.April 2002 im Paradiso zu Amsterdam, freundlich bereitgestellt durch den Mixing Desk-Blog
GYBE Live In Amsterdam
Viel Spaß!
28.07.2009
Die Ruhe Vor Dem Sturm
Bobby McFerrin - The Voice
Den meisten Menschen ist Bobby McFerrin sicherlich durch seinen 1988er Welthit "Don't Worry Be Happy" bekannt und nicht zuletzt dank dieses Songs befindet er sich bei wiederum den meisten Menschen eher in der "Humor"-Schublade abgelegt. Was zunächst nicht grundsätzlich verkehrt ist; nur die abgefeimtesten Lachknochen kommen angesichts McFerrins halsbrecherischer Stimmartistik nicht wenigstens von Zeit zu Zeit ins Schmunzeln. Fatal wäre es dennoch, würde man den Musiker auf das "Ein bisschen Spaß muss sein, beste Grüße ihr Roberto Blanco"-Klischee des immerfrohen Negers (Anfeindungen und Belehrungen bitte an zivilisiertewelt@silvioberlusconi.it schicken) reduzieren.
In den Liner-Notes zu diesem auf McFerrins erster Solotournee durch Deutschland aufgenommenen Livealbum berichtet der 1950 geborene Sänger, dass er erst im Alter von 27 Jahren auf die Idee kam, allein mit seiner Stimme eine Bühne zu betreten:"I heard a voice inside my head telling me to be singer." McFerrin stammt aus einer sehr musikalischen Familie: sein Vater war der erste afro-amerikanische Opernsänger in der Metropolitan Opera in New York, und der Sprössling richtete in jungen Jahren seinen Lieblingsplatz unter des Vaters Piano ein, wenn jener Gesangsunterricht gab. Mit sechs Jahren erhielt Bobby Klavierunterricht, außerdem lernte er Flöte und Klarinette. Mit verschiedenen Gruppen tingelte er in den siebziger Jahren als Pianist jahrelang durch die Bay Area von San Francisco. Nach dem Wechsel zum Gesang konnte er sich im Rahmen seiner Combo Astral Projections künstlerisch nicht weiterentwickeln, woraufhin er sich zum kompletten Bruch entschied und alle Instrumente aus seiner musikalischen Vision entfernte.
"The Voice" ist ein beeindruckendes Zeugnis seiner stimmlichen und gedanklichen Virtuosität. Mithilfe von Schlägen auf seine Brust und seinen Kehlkopf baute McFerrin ein rhytmisches Gerüst, auf dem er mit schier wahnwitzigen Sprüngen zwischen Bass- und Sopranpartien herumtollte. Hinzu kamen Geräusche wie das hörbare ein- und ausatmen, Schnalzen, Rascheln und Zischeln, die sich in die Stimmcollagen nicht nur eingliederten, sondern zu einem fundamentalen, klangfärbenden Bestandteil seiner Musik wurden. Ralf Dombrowski stellte in seiner Rezension zu "The Voice" noch einen weiteren Faktor in den Fokus: McFerrins umfassende musikalische Bildung. "Sie erlaubte es ihm, an der Personalstilistiken anderer Musiker an zu knüpfen, sie zu imitieren, (...), zu integrieren und zu kommentieren." So konnte er beispielsweise "Blackbird" der Beatles "arpeggiohaft auseinander" nehmen, in "I Feel Good" die typischen Schreie von James Brown persiflieren, frühe HipHop-Elemete in "I'm My Own Walkman" anreißen, und im Bebop-Medley (unter anderem mit "Donna Lee" von Charles Parker) die Charakteristik des Saxofonspiels nachahmen.
Dass McFerrin seinen Vortrag immer wieder mit wirklich lustigen Elementen würzte, was das Publikum zu spontanen Lachanfällen mit Szenenapplaus verführte, ist nur ein weiteres dickes Plus einer Platte, die ein sympatisches, positives und musikverrücktes Flair versprüht.
"The Voice" von Bobby McFerrin ist 1984 auf Elektra erschienen.
25.07.2009
Die Welle

Exile - Stay Tuned EP
Mein Schnupperkurs in Sachen Exile. Diese Single stammt aus dem im Frühjahr 2009 erschienenen Album "Radio" und war mein Guiding Light, das nach mehrfacher Rotation mittlerweile ein sattes grasgrün anzeigt.
Radioland re-visited. Aleksander Manfredi hat für seine Musik Stimmen und Sounds aus dem Radio gesammelt und sie in Verbindung mit Flying Lotus'scher Beatästhetik zusammengeführt. Es macht durchaus Sinn, die eigene Erwartungshaltung dieser Musik an zu passen, zumal hier nicht nach einem Durchgang alles gesagt ist. Exiles Musik hat Tiefe und Kompexität, vor allem in der unergründlichen, mystischen Klangbasis, als auch - und das ist viel interessanter - in der Wirkung. Ich wusste anfangs nie, in welchen Teil des mit Ether getränkten Wattebauschs Exile mich gerade hinführt, und ich konnte folgerichtig nie die verschiedenen Optionen erkennen, die Manfredi für mich bereithält. Und Hölle: es gibt viele Optionen in diesem Sound: Türen, die anfangs fest verschlossen waren, stehen wenige Momente später sperrangelweit offen, Gesichter, die eben noch hinter Masken schliefen, schweben plötzlich hellwach in den Wolken.
"Stay Tuned", nebst den beiden ebenfalls auf dem Album vertretenen Songs "It's Coming Down" und "Were All In Power", ist wie eine große, wirre Betäubung. Nebulöse und verschwommene Collagen aus Jazz-, Soul- und Funktunes münden in das große Becken der versammelten Hip Hop-Durchgeknallten wie Prefuse 73, Madlib oder eben Flying Lotus und fassen sich unsittlich an.
In diesem Zusammenhang: Marvin Gaye war ja pornosüchtig. 
Die "Stay Tuned EP" und das Album "Radio" von Exile ist 2009 auf Plug Research erschienen.
21.07.2009
Neunziger (3)
Nudeswirl - Nudeswirl
Erneut eine Platte, die in dieser Form nur in den neunziger Jahren erscheinen konnte. Auch wenn sich das Quartett aus New Jersey schon 1988 zusammenschloss und ein Jahr später mit einem Indie-Release debütierte, ist dieses 1993 veröffentlichte offizielle Debut der Kapelle ganz klar ein Kind der Alternative- und Grunge-Welle. Und ein verdammt Hübsches noch dazu. Der Geburtshelfer hieß übrigen Johnny Zazula, der die Burschen zum Megaforce-Label lotste.
"Nudeswirl" gilt unter Eingeweihten durchaus als Großtat einer Bewegung, die schon ein Jahr später mit Soundgardens "Superunknown" einen angemessenen Grabstein erhalten sollte. Die Band hatte einen unerhörten Drive und mischte zusammen, was zu jener Zeit auf den musikalischen Gassen zu finden war. Wolfgang Schäfer aus dem Rock Hard fasste es in seiner 9,5 Punkte-Review überraschend gut zusammen:"(...) vereinen NUDESWIRL die Gitarrenpower von Sonic Youth ('Three', 'Ringworm'), den Groove von Mindfunk ('Gordon's Corner', 'F Sharp'), das Feeling von Pearl Jam ('Disappear') sowie die punkige Attitüde von Nirvana ('Dogfood') mit Refrains der Güteklasse Warrior Soul und Saigon Kick ('Sooner Or Later')." Das darf ich trotz der grundsätzlich wenig pfiffigen Aufzählung so stehen lassen.
Also alles nur geklaut? Au contraire, Chérie! Es ist unbestritten, dass Nudeswirl auf den damaligen Szenesound bezogen keinen goldenen Originalitätspreis einheimsen konnten, dennoch waren sie alles andere als plumpe Copycats. Das leicht nasale Timbre von Sänger Shane M. Green, die psychedelische Grundausstattung ihrer Songs mit freien, teils gar noisigen Elementen, Feedback und verwehtem Wah-Wah-Gewaber in Kombination mit erfrischenden, gar nicht düsteren oder gar depressiven Melodien und einem federnden Groove ließen das Album unüberhörbar mit eigener Stimme sprechen.
Nudeswirl lösten sich 1995 auf. Seit einiger Zeit kursieren unglücklicherweise Gerüchte über eine angebliche Reunion....ich möchte davon ja nichts hören.
"Nudeswirl" von Nudeswirl ist 1993 auf Megaforce Entertainment erschienen.
17.07.2009
"Ich Bin Kein Tag Für Eine Nacht...
...Ein Abend In Holz"
So lautet der Titel des aktuellen Kabarettprogramms von Jochen Malmsheimer. Der Hausmeister aus Urban Priols und Georg Schramms ZDF-Sendung "Neues Aus Der Anstalt" betrat am 28.5.2009 die Bühne des Neuen Theaters in Frankfurt-Höchst.
Der Kulturkanal des Hessischen Rundfunks strahlt am kommenden
Sonntag, 19.7.2009 ab 17:05 Uhr
eine Aufzeichnung dieses Abends aus. Zu empfangen über den Livestream des HR2.
Hier ist die Ankündigung des Senders, in der rechten Spalte ist auch der Link zum Webstream zu finden:
14.07.2009
My Pills...Quick
Thought Industry - Eine Werkschau
Flower don't cry tonight. Raspberries kissed your
melting face. Flower please hold me tight. Caress my
skin, blended as one. All wrong. My lover's gone. All
wrong. I’ve lost her in the cornerstone of time. Tart meat
cuts emerald lips. Parts and slits. Flower is sky.
Raspberry feels cannot heal. Bleeds his soul. Kicks in her
teeth. All wrong. My lover's gone. All wrong. I've lost her
in the cornerstone of time. Love? All wrong. My lover's
gone. All wrong. I've lost her in the cornerstone of time.
All wrong. My mind is gone. All wrong. I've splattered it
to the stars to the grave. All wrong.
(Thought Industry, "Cornerstone", 1992)
Thought Industry sind für mich eine der obskursten und interessantesten Bands der letzten 20 Jahre. Die Truppe aus dem Städtchen Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan debütierte nach ihrem selbstbetitelten Demo von 1990 zwei Jahre später mit ihrem ersten vollständigen Longplayer, dem wahnsinnigen Techno-Speed-Gewitter "Songs For Insects". Stilistisch mit Bands wie Watchtower oder den begnadeten Realm vergleichbar, bot das Quintett höllisch abgedrehten, vertrackten und breaklastigen Speed/Thrash Metal. Die originelle Stimme von Brent Oberlin, der sowohl die höheren Tonlagen meisterte, als auch von Zeit zu Zeit in einen wirren Sprechgesang abdriftete, in Verbindung mit poetischen und abstrakten "stream of consciousness"-Texten verlieh der Band ein akademisches, intellektuelles Gesicht. Dazu gab es mit den zehnminütigen "The Chalice Vermillion" oder dem Titeltrack variantenreiche Kompositionen mit Überlänge, die für einen ordentlichen Information-Overload im Oberstübchen sorgten. Ich glaube mitnichten, dass ich dieses Album bis heute auch nur im Ansatz verstanden habe, aber es macht - zumindest für eine Weile - immer noch einen tierischen Spaß, sich derart den Kopf verdrehen zu lassen.
Das Konzept wurde auf dem 1993er Nachfolger "Mods Carve The Pig: Assassins, Toads, And God's Flesh" weitgehend beibehalten, bevor das 1995 erschienene "Outer Space Is Just A Martini Away" einen ersten Bruch im Klangbild darstellte. Die Band öffnete ihren Sound für Hardcore, Noise, Punk, Indie und Alternative-Einflüsse, was auf den ersten Blick für die damalige Zeit nicht unbedingt etwas ungewöhnliches war. Das interessante daran: Thought Industry schafften es, mit dieser Neuausrichtung nicht etwa ihren eigenen Sound zu verwässern oder ihn in einer weichgespülten, gefälligen Soße zu ertränken, sondern ihnen gelang es tatsächlich, ihr gesamtes Auftreten weiter zu entwickeln. Die wesentlichen, abstrakten Elemente, sowohl musikalisch als auch textlich, waren immer noch eindeutig zu identifizieren, nur mit dem Metal hatten sie nun nicht mehr all zu viel am Hut, eher erinnerten sie besonders auf dieser Platte in einigen Momenten an eine unpeinliche Faith No More-Version. Dabei ist "Outer Space Is Just A Martini Away" wie seine Vorgänger alles andere als leichtverdaulich, im Gegenteil: es ist anstrengend wie Sau, sich durch dieses Monstrum zu kämpfen. Vor allem im hinteren Drittel wimmelt es nur vor undurchsichtigen Strukturen, von Krach und von völligem Wahnwitz. Dem gegenüber stehen die wohl bekanntesten, weil im Ansatz eingängigsten Songs dieser Band:"The Squid", "Jack Frost Junior" oder "Love Is America Spelled Backwards".
Me be itsy silly fluffy boy. Golly folly. Skippy
Trippie pixie slippy toy. Lolly polly. Shoot me.
(Thought Industry, "Boil", 1993)
Danach vollzogen Thought Industry eine weitere Richtungserweiterung mit dem melancholischen "Black Umbrella"-Werk, das seinen Schwerpunkt eindeutig auf Indie- und Alternative-Sounds setzte und in Grundzügen gar mit einer Band wie Pavement vergleichbar war. Heftige Eruptionen gehörten hier bis auf eine Handvoll Ausnahmen in der zweiten Albumhälfte der Vergangenheit an. Aber auch für "Black Umbrella" gilt: no one said it was easy! Was alle Thought Industry-Platten zumindest in meiner Wahrnehmung gemein haben: sie fordern dem Hörer vieles, wenn nicht alles ab. So kann ich sie - bei aller hier auch zur Schau gestellten Liebe - unter fast keinen Umständen am Stück und komplett durchhören. Ich mag diese Songs, ich mag diese Platten, ich mag diese Band. Aber ich bin nach einer gewissen Zeit schlicht mit ihrem Wahnsinn überfordert.
Mit dem nachfolgenden, opulenten Schwanengesang "Short Wave on a Cold Day", der nur in Amerika erschien und vor dessen Entstehung sich weite Teile des Line-Ups aus dem Staub machten und nur noch Oberlin seine Vision nun mit Vollgas verwirklichen konnte, änderte sich die Kapitulation nicht, obgleich es sich dabei möglicherweise um die versöhnlichtste Aufnahme der Band handelt. Waren die zwei Vorgänger vor allem durch Bitterkeit und Zynismus geprägt, erschien der Abschluss eine Spur freundlicher. Hinsichtlich der Qualität könnte man durchaus der Meinung sein, es handele sich um das beste Album der Band. Oberlin holt hier alles aus sich heraus und bündelt seine Stärken auf einem mit knapp 72 Minuten erneut viel zu langen Album: kompakte Songs mit großartigen Melodien, stringentes und klares Songwriting, dabei immer auf der Grenze zum Noise- und Schrammelrock balancierend und niemals kitschig oder sinnlos aufgepompt. Dafür mit wirklichen Songperlen wie dem 80er Jahre angehauchten "A Week And Seven Days", dem melancholischen "Lovers In Flames" oder dem poppigen Quasi-Radiofutter "Kiss Judy Fly". Die Dichte an fantastischen Songs ist wahrlich beeindruckend, was mir sogar etwas dabei hilft, die überlange Spielzeit etwas zu kompensieren. Mit "Short Wave On A Cold Day" entzogen sich Thought Industry darüber hinaus endgültig jeden Kategorisierungsversuchen, ihr Sound wurde nochmals einzigartiger. Der Kohleklumpen war nun definitiv ein echter, funkelnder Diamant. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Oberlin ausgerechnet nach diesem Meisterwerk das Licht ausknipste.
"Man, he's so punk. Writes his own 'zine. Does basement
shows. Plays in three bands; and he still finds time to
love his Mom's wallet." - Coffee House Leech
(Thought Industry, "Pinto Award In Literature", 1995)
Interessant über die eigentliche Musik hinaus finde ich außerdem folgende Punkte:
Erstens blieb die Band über all die Jahre mit all den Neuerfindungen immer beim selben Label, nämlich bei Metal Blade. Spätestens ab "Black Umbrella" werwundert es schon, dass dieses eigentlich reine Metal-Label der Band noch die Stange hielt, trotz der vermutlich durchaus überschaubaren Albumverkäufe einerseits und einer Abkehr von typischen Metalsounds andererseits.
Zweitens sind Thought Industry zwar seit einigen Jahren in den ewigen Jagdgründen, aber dennoch präsenter als zu ihren aktiven Zeiten, zumindest was die Verfügbarkeit ihrer Alben betrifft. Sowohl bei Ebay, als auch in jedem halbwegs akzeptablen Second Hand-Shop sind ihre Alben haufenweise auch für den kleinsten Geldbeutel zu finden, vielleicht mit Ausnahme des wie erwähnt nur in den USA erschienenen "Short Wave On A Cold Day". Vor allem "Outer Space Is Just A Martini Away" lehnt praktisch an jeder Straßenecke. Möchte nicht wissen, wie viele Scheiben Metal Blade davon noch im Keller stehen hat.
Drittens: die Fangemeinde. Thought Industry erreichten nie die große Masse, selbst für eine kleine Masse war ihr Sound wohl einfach zu abgedreht. Und als ihr Auftreten zugänglicher wurde, war das Kind schon in den Brunnen gefallen, da wussten vor allem große Teile der Metal-Gemeinde: Finger weg, wir raffen es eh nicht. Diesem Umstand ist es wohl zu zu schreiben, dass der eigentlich übliche Ruf nach einer Reunion hier verstummt. Nichtsdestotrotz gab und gibt es sehr wohl eine eingeschworene Gruppe von Fans der Band...ich stelle mir nur manchmal die Frage: wo sind sie geblieben?
Zumindest einer davon schreibt Thought Industry für einen kurzen Moment in die Erinnerung zurück.
Strange & Beautiful.
11.07.2009
Bienenflügel
Stephan Mathieu - Radioland
Geöffnete Fenster, Mettigel-Alarm. Es ist heiß und der Rauhaardackel versucht vergeblich, diese Linsensuppe zu zerschneiden, die seit Tagen durch ihr Zimmer erbst. Es ist noch Bärchenwurst draußen. Wenn es ja nach ihr ginge, sie würde alle Öffnungen zur Herrensauna zumauern lassen. Sie ist kein Fenchelblättchen, aber sie braucht die Radmuttern, sie braucht die Hütchenspiele, selbst am Amen. An einem solchen Zebra wie heute fühlt sie sich immer gefetzt und frisiert. "Habe ich was Wichtiges gegessen? Klingelt es gleich an der Klobrille? Ich hätte ganz bestimmt noch den Batcave kacheln machen müssen, was?! Aahahaha!"
"Radioland" läuft. Sie hat Wundertüten über diese Küchenmaschine rauchen sehen, sie sei eine echte Ausnahmeverteilung. Für den HEY-HO-LET'S HUIUIUI fällt es zwar bumsi, sich schwubbern zu lassen und den Overschnick zu loosen, aber es ist ja auch noch Bärchenwurst. Und es könnte auch gleich an der DingDong korrespondieren, das darf man ja auch nicht verge...was? WAS?
...zielloses Herum-Max-Daxen. Hier ein Minzblättchen gerade schmücken, dort einen Mammut in den Obstkorb werfen. Wann muttert es endlich Rad? Warten...und dieser Scheißpanzer da unten, dieser Paul...in dieser Umgebung und unter diesen Vollidioten dieses leise Rauschen zu hören..."also manchmal raff' ich mich selbst nicht." Leises Kichern, dann Ruhe.
Dann noch mehr Bärchenwurst!
"Radioland" ist angekommen. Es steht mitten im Schlüpper, unscheinbar zunächst, aber sie kann durchaus spüren "wie Niebel das ist." Außerdem blendet der Lendenschurz aus Bisam. In einer Lichtsäule rotiert es um sich selbst, steigt auf und dehnt sich aus. Fleischwurstwärme, Mett und Liebe. Fingerfarben strömen aus, sie fließen nun durch ihren Körper.
Es wird suppig, ihre Milz kribbelt. Die Fenster schwitzen, der Feldsalat explodiert gemeinsam mit dem Panzer stumm in Millionen kleiner Glühwürmchen, die nun ihrerseits Cocktailstände eröffnen und kühle Erfrischungen mit Namen wie "Licht Und Finsternis Zum Auge" (Rum, Sahne, Leberwurst) oder "Auf Der Gasse" (Blue Curacau, Eierlikör, Paris Hilton, 1 ungelesene Ausgabe Cicero, geschreddert) darbieten. Ein Eichelhäher versorgt die anwesenden Gäste mit gesammelten Würmern aus der CDU-Parteizentrale und der ausgezeichneten Trockenpflaume von Philipp Mistfelder.
Heute war's die ganze Nacht hell.
"Radioland" von Stephan Mathieu ist 2008 auf Die Schachtel erschienen.
06.07.2009
"...And This Is A Microphone"
Ursprünglich wollte ich ja an dieser Stelle eine kurze Aufzählung der absoluten Highlights aus nachfolgendem Video vor- wenn nicht 'runterbeten, bevor mir beim wiederholten Angucken dieses Schnipsels aus einer scheinbar anderen Galaxie klar wurde: das ist ja alles zu "schön", um "wahr" zu "sein". Aus diesem Grunde sei nur der kleine Hinweis gestattet, dass ab 2:16 nichts als laute Jubelschreie durch Wiesbaden hallen...
03.07.2009
Der Delta-Quadrant Macht Das Licht Aus
Voivod - Infini
Der Vorhang fällt. Mit "Infini" begeben sich die Großmeister des Science-Fiction Metal auf eine letzte Rundreise durch ihr Revier. Mit im Gepäck: die finalen Gitarrenaufnahmen ihres 2005 verstorbenen Gitarristen Denis D'Amour aka "Piggy". Nach dem Vorgänger "Katorz" das zweite Album mit einer etwas anderen Arbeitsweise. Die Band zerrte Piggys Riffs in den Mittelpunkt und baute die Songs um seine typischen, schrägen und verwehten Shreds herum auf. So entstanden 13 neue Tracks für die kleine, aber eingeschworene Fangemeinde. Also auch für mich.
Zugegeben, meine Einschätzung des Vorgängers "Katorz" fiel im Nachhinein möglicherweise etwas zu euphorisch aus. So ist das eben im ersten Moment, wenn man als Fanboy etwas in den Händen hält, von dem man dachte, es würde niemals das Tageslicht erblicken. "Katorz" war aus heutiger Sicht von der wörtlich zu nehmenden Zerissenheit der Band und des grundsätzlichen Vorgehens hinsichtlich des Songwritings geprägt, ein Risiko, dessen sich die Band sicherlich bewusst war. Hinzu kommt, dass die Kanadier seit ihrem selbstbetitelten Comebackalbum aus dem Jahr 2003 die Redundanz zum Prinzip erkoren haben. Die Fixpunkte suchen sie nicht wie früher in der Zukunft (womit sie der Metal-Konkurrenz immer leicht und locker drei Schritte voraus waren), sondern in der eigenen Historie: "The Outer Limits" und "Angel Rat" mit ätherischen Nuancen des Klassikers "Nothingface" müssen seitdem als musikalische Salatbar herhalten. Es gibt beileibe schlechtere Auswahloptionen, aber von einer Band wie Voivod, die sich immer wieder so radikal und kompromisslos neu entdeckte, erwarte ich einfach kein Aufbrühen alter Schinken (wie das wohl schmeckt...?!).
Auch "Infini" bricht leider nicht mit dieser Entwicklung. Die Ausrichtung wird nachwievor von der frühneunziger Phase der Band bestimmt, dazu gesellen sich nun noch die beiden Vorgänger "Voivod" und "Katorz" als Referenz. Man weiß also mittlerweile sehr genau, was man bekommt. Diesem Umstand ist es letztendlich auch zu "verdanken", dass Voivod heute weitaus weniger abgefahren, innovativ und genresprengend klingen, wie es besonders in Szenekreisen immer wieder angeführt wird. Klar, im Vergleich zur tumben Power Metal Band ist das hier geradezu avantgardistisch, aber letzten Endes - machen wir uns nichts vor - reden wir immer noch von einer Metalband. Einer originellen Metalband, meinetwegen. Aber eben nicht mehr.
Folgerichtig sind es auf "Infini" in erster Linie die ob ihrer Anlage etwas aus der Reihe fallenden Songs, die eine Spur beeindruckender ausgefallen sind, als der Rest. Das zurückgenommene "Room With A V.U." beispielsweise, das vor allem soundtechnisch wie eine aufgepimpte Version eines "Angel Rat"-Songs klingt. In die gleiche Kerbe schlägt "In Orbit", bei dem es der Band hervorragend gelungen ist, eine melancholisch-entrückte Stimmung zu malen, ähnliches gilt für das klaustrophobische "Morpheus". Dazu gibt es noch zwei, drei gar nicht ungroßartige punkige, mit räudiger Motörhead-Note unterfütterte Brecher ("From The Cave", "Volcano"). Das klingt für den ersten Moment nicht schlecht, aber wir kommen ja noch zum Rest. Der ist in meinen Augen musikalisch durchschnittlicher Voivod-Metal von der Stange mit einem Spritzer Banalität, der mich eher kalt lässt, als dass er mich ärgert, textlich jedoch bisweilen kaum aus zu halten ist. Letztgenanntes ist vor allem deshalb unglücklich, weil man sich immer auf ihre spannenden Sci-Fi-Geschichten verlassen konnte, diesmal aber mit Banalitäten wie "Blah Blah Blah is all you say" oder "God Phones" abgespeist wird. Das ist schade. Musikalisch ist die Durchschnittsware allerdings pures Gift für das Gesamtbild des Albums: es ist viel zu lang. Insgesamt gibt es knappe 60 Minuten Musik zu hören, was gut 20 Minuten zu viel ist. Möglicherweise wollte man alle Reste, die Piggy hinterlassen hat auf diesem letzten Album verwenden, was einerseits legitim ist, andererseits der Sache einiges an Durchschlagskraft und Relevanz nimmt. Ein gerne unterschätzter Punkt, aber er ist der Nummer Eins-Kandidat bei der Beantwortung der Frage, was das Album als Kunstform an den Rande der Bedeutungslosigkeit getrieben hat.
Was bleibt ist ein bisschen Traurigkeit. Ich hätte der Band für ihr letztes Album ein glücklicheres Händchen gewünscht, andererseits habe ich zum Abschluss immerhin fünf, an guten Tagen gar sechs neue Voivod-Lieblingssongs geschenkt bekommen. Die verminderte Erwartungshaltung hat zudem für die Band gespielt: man erwartet heute einfach keine großen Voivod-Platten mehr. "Solide" wäre früher blanke Blasphemie gewesen, um eines ihrer Werke zu beschreiben, heute passt es. Schon verrückt, das alles.
"Infini" von Voivod ist 2009 auf Nuclear Blast erschienen.
30.06.2009
*brööööötz*
Paul Flaherty - Aria Nativa
Das geradewegs unanständig schöne Coverartwork von Ken Hill brachte mich in Verbindung mit dem abgebildeten rauschebärtigen Saxofonspieler auf dem Backcover zu dieser schönen Entdeckung. Paul Flaherty ging mir bis zu der Veröffentlichung von "Aria Nativa" durch die Lappen; angesichts der hier präsentierten Musik ist es andererseits kein Wunder, dass Flaherty bisher wohl nur einer überschaubaren Zuhörerschaft bekannt ist.
"Aria Nativa" ist freies Saxofonspiel. Sonst nichts. Das ist in diesem Fall schon eine ganze Menge: von einer Herausforderung zu sprechen, wäre sowohl für den Musiker selbst, als auch für den Hörer als Understatement zu werten. Stilistisch in seiner Attacke durchaus mit Peter Brötzmann vergleichbar, wirbelt der 1948 geborene Flaherty durch vier furiose Liveaufnahmen, freie Improvisationen, deren Ausdruck durch Unruhe, Hast und ansprechende Garstigkeit geprägt sind. Flaherty zieht sich nur selten in kurze, meist nur angedeutete und ruhigere Themen zurück, bevor er sich wieder aufbäumt und die Intensität nach oben schraubt. Keine Brüche. In Flahertys Spiel sind keine Brüche erkennbar, sein Spiel ist der Bruch. Viel Wut, viel Bitterkeit, aber auch viel Reflektion: seine Stimme zeigt eine Vision, die aus einer in Teilen versöhnlichen Weisheit emporwächst, die sich aber in gleichem Maße aus nackter Rebellion speist. Nicht umsonst sahen sich seine frühen, herben Improvisationen zu Beginn der siebziger Jahre heftiger Reaktionen des Publikums ausgesetzt, was Flaherty veranlasste, anstatt weiterer Band-Engagements mehr private Solo-Sessions zu spielen.
"Aria Nativa" ist völlig kompromisslos, aufbrausend, in manchen Teilen gar zerstörerisch. Der britische Wire schrieb über das Album:"(...), Flaherty starts with one melodic idea, and chases it at maximum speed, wherever it seem to lead him, channeling body and soul into his lines. It's thunderous, passionate, declamatory.".
Hier wird das Stück "I Don't Live Here Anymore" als kostenloser Download angeboten.
"Aria Nativa" von Paul Flaherty ist 2008 auf Family Vineyard erschienen.
22.06.2009
Freedom Swing
Grachan Moncur III - Inner Cry Blues
"Inner Cry Blues", ein Tribut. Untertitel:"Dedication Album Vol.1". Moncur hat für Louis Armstrong, Sonny Rollins, Duke Ellington, seinen langjährigen Partner Jackie McLean und seine verstorbene Tochter komponiert und ihnen auf dieser sehr relaxten, ungewöhnlichen Session gedacht. Reichhaltig in Blues und Soul getränkt, an der Oberfläche manchmal jedoch heiter aufblitzender Swing. Ein Balanceakt für die Sensitiven.
Nach langen Jahren der Funkstille tauchte der Posaunist 2004 für viele überraschend mit einem großen Ensemble und dem feinen Album "Exploration" wieder auf. Moncur veröffentlichte seine Musik seit jeher sehr unregelmäßig, zumindest jene, die unter seinem eigenen Namen lief. Vor allem ließ er sich immer ausreichend Zeit: in den siebziger Jahren erschienen nach seiner Zeit beim französischen BYG Actuel-Label gerade mal zwei Alben, von denen eines sogar exklusiv in Japan veröffentlicht wurde (und heute einen halben Bausparvertrag verschlingt, wenn man die Originalversion käuflich erwerben möchte) und danach erstmal lange Zeit gar nichts. Dass drei Jahre nach seinem Comeback gleich das nächste Album erscheint, lässt für die Zukunft mit weiteren Soloplatten hoffen.
Ich muss zugeben, dass ich einige Zeit benötigte, um mir den musikalischen Ansatz von "Inner Cry Blues" zu vergegenwärtigen. Ich war zu geprägt von Moncurs freien Aufnahmen, von seinen beeindruckenden Songgemälden, die immer so ungewöhnlich, so unverwechselbar klangen und vor allem immer so monumental erschienen. "Inner Cry Blues" geht etwas auf Distanz zu seinem Image als Vertreter der Avantgarde (zu der er sich nach eigener Aussage ja eh nie zählte). Der Einstieg mit "G Train (for Duke Ellington)" gerät dermaßen laid back und swingend, dass ich mich in einem 35°C heißen Sommertag in einer Hängematte flözend auf der Veranda wähne. Der Sound ist ziemlich Low-Budget, wenn auch grundlegend präsent. Man könnte es vermutlich "authentisch" nennen. Trotzdem vermitteln die ersten Minuten ganz und gar nicht das, was ich mir von "Inner Cry Blues" erwartete.
Von Moncurs Begleitband dürfte Vibraphonist Ben Adams der bekannteste Musiker sein, veröffentlichte er doch bisher drei Alben auf seinem Lunar Module-Label, auf dem auch "Inner Cry Blues" erschien. Hinzu kommen Erik Jekabson (Trompete), Mitch Marcus (Tenor Sax), Lukas Vesely (Bass) und Sameer Gupta an den Drums. Die Buben müssen es draufhaben, schließlich weiß man von Moncurs Pingelichkeit hinsichtlich der Interpretationen seiner Songs. Und tatsächlich: sie swingen sich - Verzeihung! - den Arsch ab. Am besten gefällt mir diesbezüglich, na klar, die Rhythmusfraktion Vesely/Gupta. Vor allem ersterer slappt, tappt, schlurft und hüpft wie ein junges Reh durch den Percussionnebel Guptas, und wartet darüber hinaus in dem abschließenden "Sonny's Back (for Sonny Rollins)" mit einem coolen Solo auf.
Der Titeltrack stößt am ehesten in "alte" Gefilde vor, ein Bluesstück mit einem langgezogenen, fast kriechenden Thema und viel Platz und Freiraum. Leicht verdustert, aber immer noch megarelaxed und positv. "Hilda", Moncurs verstorbener Tochter gewidmet, ist überraschend hell und zuversichtlich, aber hier setzt dann der oben angekündigte Balanceakt in voller Pracht ein: die Dunkelheit schwingt immer mit, vor allem in Moncurs Ton. Ich habe manchmal den Eindruck, als wolle er mit aller Macht versuchen, nicht traurig zu klingen. Er kämpft regelrecht darum. Es gelingt ihm nicht, er klingt traurig.
Der beste Moment auf der Platte ist, abgesehen von Moncurs sehr, sehr coolen Gesangseinlagen (!!!) auf "A For Pops (for Louis Armstrong)" und "Sonny's Back", erwartbar seine Verneigung vor seinem langjährigen partner in crime Jackie McLean, der ein knappes Jahr vor den Aufnahmen zu dieser Platte verstorben ist. Die typischen Stop & Go Bläsersätze aus McLeans und Moncurs gemeinsamer Zeit Anfang bis Mitte der sechziger Jahre gipfeln in einem schnellen, die Fäden zusammenführenden Post-Hard Bop-Stück und dem damit eindeutig wildesten Song dieser Session.
"Inner Cry Blues" von Grachan Moncur III ist 2007 auf Lunar Module Records erschienen.
14.06.2009
Feel Like Making Love
The Life And Times - The Magician
The Life And Times sind für mich eine der coolsten Bands der letzten 10 Jahre und aus zwei Gründen mittlerweile etwas ganz Besonderes. Zum einen führte ich mein allererstes Interview als, ähem, Musikjournalist mit Allen Epley, seines Zeichen Gitarrist und Sänger des Trios aus Kansas City, zum anderen ist ihr Debutalbum "Suburban Hymns" (die "The Flat Of The Earth"-EP klammere ich an dieser Stelle aus) aus dem Jahr 2005 seit ihrem Erscheinen zu einem wirklich großen Album herangewachsen. Da solche Entwicklungen angesichts der Veröffentlichungsflut und der damit einhergehenden Unübersichtlichkeit und schlichten Durchschnittlichkeit immer seltener werden, ist es durchaus an der Zeit, die Kapelle kurz in den Fokus dieses Blogs zu zerren.
The Life And Times entstanden nach dem Split der Kansas-Institution Shiner, die Epley bis dato ein Zuhause als Gitarrist schenkte. Shiner standen bis dato für schweren und noisigen Indierock und wurden immer mit dem D.C.-Sound in Verbindung gebracht. Unter anderem veröffentlichte die Band 1997 eine Single auf Sub Pop ("Sleep it Off/Half Empty"), und spätestens jetzt sollte klar sein, welcher Sound hier zu erwarten ist. Epley formierte Anfang des Jahres 2005 The Life And Times zusammen mit Eric Abert am Bass und Chris Metcalf am Schlagzeug und nahm unter der Regie des ehemaligen Shiner-Bassisten die Songs für "Suburban Hymns" auf, die anschließend von J.Robbins fitgemischt wurden. Das Ergebnis ist eine dunkle, epische Verneigung vor einem Sound, den man nur noch selten zu hören vermag: er schrammelt, ist hymnisch, melancholisch, umarmend, wärmend, dabei alles andere als anspruchslos und ungeheuer kraftvoll in seinen Bildern. Vor allem letzte Komponente wird offensichtlich, wenn man sich mit den beiden zappendusteren Melancholiemonstern "Skateland" oder "Muscle Cars" beschäftigt.
"The Magician" ist nun eine 2006 nachgeschobene und nur in Japan veröffentlichte EP mit fünf Stücken, die die Qualität tatsächlich nochmal nach oben schrauben konnten. Nach Erhalt dieses Schätzchens war mein Plattenspieler für ein paar Tage beschäftigt. The Life And Times klingen auf "The Magician" einerseits eine Spur noisiger und dreckiger, haben es dabei aber andererseits geschafft, den hymnenhaften Charakter ihrer Songs zu bewahren und damit ihren sehr eigenen, originellen Sound noch weiter zu definieren. Das Trio wirkt erstaunlich selbstbewusst, aber sorry: kein Wunder bei diesen Songs! Über die komplette B-Seite mit den Sternstunden "Ave Maria" und "The Sound Of The Ground" könnte ich hysterisch kreischend Gänsehautpickel zählen. Dazu kommt mit "Killing Them Softly" eine mögliche Unterwasser-Aufnahme eines möglichen Alice In Chains-Songs, den die Alice allerdings möglicherweise niemals auf die, haha, Kette bekommen hätte. Kurz gesagt: ich heule vor Ergriffenheit.
Vor kurzem haben The Life And Times ihr neues Album "Tragic Boogie" veröffentlicht. Ich mache sowas normalerweise nicht, aber diesmal gibt's ne Ausnahme: bitte hier kaufen. Die Band steckt Vinyls in eine Pizzaschachtel einer Pizzeria aus Boston, bedankt sich artig für den Kauf und kann ein paar Kröten sicherlich ganz gut gebrauchen.
[pathos]Tut es für die Musik![/pathos]
"The Magician" von The Life And Times ist 2006 auf Stiff Slack Records erschienen.
11.06.2009
A Voice From The Past
Philip Jeck - Suite: Live In Liverpool
Vinyl-Langspielplatten sind selten auf dem britischen Avantgardelabel Touch Records, umso mehr freue ich mich, das aktuelle Werk des Tüftlers Philip Jeck in den Händen zu halten und an dieser Stelle präsentieren zu können. Sein Vorgängeralbum "Sand" war mir schließlich gar einen Eintrag in meine Bestenliste 2008 wert, und wie Menschen, die in der Metalszene groß wurden so sind, stehe ich offensichtliche auf mehr oder minder komplette Diskografien. Ich arbeite an diesem Makel, aber es könnte sich noch etwas ziehen. Das nur als Vorwarnung.
Dabei könnte man ebensogut und gerade vor diesem Hintergrund darüber diskutieren, ob es denn wirklich notwendig ist, ein weiteres Album von Jeck zu hören oder zu kennen, wenn er mit seiner Musik letztendlich in seinem abgesteckten Rahmen bleibt und man auch hier durchaus ahnt, wie "Suite: Live In Liverpool" klingen wird, wenn seine letzten Veröffentlichungen bekannt sind. Ohne die gefühlte Qualität der "Suite" zu bewerten: kann sie "Sand" etwas beifügen? Können wir von einem Schritt nach vorne sprechen, oder doch eher von einem zur Seite? Spricht "Suite" eine andere Sprache, zeigt es andere Wege, hat es eine andere Wirkung? Im Grunde hat all das nur wenig mit Philip Jeck zu tun, vielmehr sind es eher fragende Mosaiksteinchen in einem größeren Antwortbild von Musik und Musikern nebst deren Selbstverständnis, Erwartungshaltung und Hörverhalten.
Wer braucht alles von jedem?
Ich für meinen Teil komme langsam ins Grübeln: will ich wirklich die zwanzigste Techno-/Houseplatte hören, die exakt so klingt, wie die neunzehn Exemplare davor? Will ich wirklich die x-te Touch Veröffentlichung hören, auf der angenehmes Rauschen mit unangenehmen Rauschen verbunden wird, wenngleich nicht selten sehr geschmackvoll und hochwertig? Vor einigen Jahren habe ich mir die Frage für Rockmusik selbst beantwortet: ich wollte es nicht. Oder wenigstens nicht mehr so oft. Ist es möglich, eklatante Unterschiede unter den Künstlern und ihrer Musik zu erkennen, oder ist es letztlich nur ein großer Haufen Instantsuppe, zu welcher jeder ein Körnchen beisteuert? Und welche Rolle spielen die Labels in dieser Diskussion? Ein "Labelsound" ist gut und schön, aber wird man mit der Zeit nicht einfach satt, fühlt es sich nach einigen Jahren nicht so fett und aufgeblasen und bequem an? Oder schützt hier am Ende die generelle Distinktion der veröffentlichten Musik, die die Abgrenzung als Deckmäntelchen für Stillstand und Bequemlichkeit deutet, gar missversteht?
Dabei ist es ziemlich unfair, das Thema angesichts der Jeck'schen "Suite" an zu schneiden, denn auch wenn das Album dem Vorgänger nicht wirklich neue Richtungen hinzufügt, sondern sich in den Grenzen dessen bewegt, was man rein klanglich gewohnt ist, kann ich mich nur schwer gegen die aus seiner Musik strömenden Faszination wehren. Wie gehabt modelliert Jeck seine Zusammenstellung in erster Linie auf eigentlich ausgemusterten alten Plattenspielern aus den sechziger Jahren zurecht, auf denen er schleierhafte 7-Inch Singles auf den Geschwindigkeiten 33, 45, 75 und 16rpm abspielt. Schleierhaft ist dabei ein gutes Stichwort: warum das alles dann so klingt, wie es klingt, bleibt wenigstens mir im Verborgenen und vielleicht ist das auch der magische Faktor seiner Musik. Nicht die Frage hinsichtlich des technischen Handwerks, sondern in Hinblick auf die Sounds, die Echos, die Verschiebungen und Verwischungen, der aufkommende Nebel, die plätschernden Glocken, die schwingenden und schleifenden Stürme und die schließlich einkehrende Ruhe.
Jeck spielt die Töne für das Leben und den Tod, für das Vergangene und Vergessene, für die Stimmen die verstummt sind und die Stimmen, denen er mit seinem Werk neues Leben einhaucht. Vielleicht ist es dieser schmale Grat, das Spiel mit dem was war und dem was wird, was die Auseinandersetzung mit "Suite: Live In Liverpool" so befriedigend macht. Demzufolge kann ich die Frage, ob es Sinn macht, sich mit dem Album eingehender zu beschäftigen, klar positiv beantworten.
"Suite: Live In Liverpool" von Philip Jeck ist 2008 auf Touch Music erschienen.
07.06.2009
Britzeln Und Brodeln
Clifford Thornton - Ketchaoua
Ich begann vor einiger Zeit damit speziell nach Jazz-Aufnahmen mit Beteiligung von Grachan Moncur III zu suchen. Sowohl seine Soloplatten, als auch die Werke, bei denen er als Sidekick auftritt (beispielsweise an der Seite von Jackie McLean), gehören für mich zu den großen Sternstunden des Jazz. Diese Suche trieb mich in die Arme von "Ketchaoua" des US-amerikanischen Trompeters Clifford Thornton, erschienen 1969 auf BYG Actuel. Moncur bildet hier gemeinsam mit Legenden wie Archie Shepp, Sunny Murray, Arthur Jones und Dave Burrell praktisch eine All-Star-Band.
Thorntons zweites Soloalbum (sein einziges für das französische Label) ist dabei ein durchaus guter Indikator für die Struktur von Jazzmusik zur damaligen Zeit. Gleich der Titeltrack und Opener ist Alles und Nichts: Jazz, kein Jazz, Kammerjazz und Folkjazz, Tradition und Moderne, Avantgarde und Roots. Ein zersplittertes, freies, gar psychedelisches, gut zwölfminütiges Werk, wie gemacht für einen Moncur. Seine Posaune setzt das erste Ausrufezeichen in einem flächigen, weit auseinanderdriftenden Ansatz. Diese Kraft und Dominanz. Diese Leidenschaft, dieses Selbstvertrauen. Wie üblich geht ihm nach einigen unfassbar fetten, langgezogenen Tönen die Luft aus....aber, mein Gott, dieser Einsatz!! Es klingelt noch Stunden später in den Ohren.
Die zweite Seite beginnt mit einem flackernden Orkan: "Brotherhood", diesmal mit Thornton, Jones, Beb Guerin, Earl Freeman, und Drummer Claude Delcloo, der alles aus sich heraus zu holen scheint, ist tosender Free Jazz, unbequem, überlagernd, höllisch laut und intensiv. Und es macht großen Spaß, diese Kakophonie zu hören. Wie Guerin am Bass und Delcloo harmonieren, wie sie sich letztendlich zu einem Ton formen und sich dabei auftürmen, wie sie zu einem ganz zentralen Element dieser Musik erwachsen. Großen Anteil an dieser Fokussierung hat sicher auch der Sound des Albums und besonders des Schlagzeugs: seltsam satt und dumpf, aber auch ungeheuer räumlich und offen. Bei dieser Bassdrum können Häuser einstürzen. Und wer abschließend eine knappe Zusammenfassung über "Ketchaoua" lesen möchte, was dieses Album darstellt, wie es sich anfühlt und schmeckt: der Rausschmeißer heißt "Speak With Your Echo (and call that a dialogue)" und besteht aus einem improvisierenden Bass-Duo (Freeman und Guerin) und einem solierenden Thornton an der Trompete. Das war's. Das hört sich nicht nur ungewöhnlich an, das klingt auch so. Und das fasst gut zusammen, was "Ketchaoua" ist: ungewöhnlich, suchend, und ziemlich mutig.
"Ketchaoua" von Clifford Thornton ist im Jahre 1969 auf BYG Actuel erschienen.
02.06.2009
Wattecouch
Flying Lotus & Declaime - Whole Wide World EP
Irrlichtes Flackern zwischen Dopebeats und -qualm. Flying Lotus zimmert für die kratzigen Raps von Declaime ein federndes, Valium-Dilla Schunkelamüsemang (sic!) zusammen, das bis jetzt tatsächlich der Track des Jahres sein könnte. Pattie Blingh steuert als Krönung ihre angriffslustige Soulstimme drauf. Es kann ja alles so einfach sein.
Die B-Seite schlägt mit "Lit Up" in die skizzenhafte Song-Kerbe von FlyLos "Los Angeles"-Longplayer aus dem letzten Jahr, ein kurzer Ausbruch mit einem ganzen Sampelarsenal und schwankendem Dröselbeat (7,3 Promille). "Keep It Turning" ist dann erheblich zugänglicher und angenehmer, mit feinem Souljazzvibe und schlurfendem, doch höchst präsentem Beat. Eine Single zum Reinlegen, echt jetzt.
"Whole Wide World" von Flying Lotus & Declaime ist 2009 auf Ramp erschienen.
24.05.2009
Neunziger (2)
Bad Religion - Recipe For Hate
Über Bad Religion Platten zu schreiben, mag auf den ersten Blick weder sonderlich originell noch anderweitig gewinnbringend sein. Seit über 25 Jahren werkelt die Band nun schon an ihrem Punkrock-Entwurf ("...what I think is Punkrock"- G.Graffin), und auch wenn ich die alte Leier von "die haben doch eh nur einen Song" mit Schmackes in die nächste Tonne treten könnte, wo nicht müsste, kann ich andererseits nur schwerlich behaupten, die Kapelle gehe mit maximaler Abwechslung vor. Man weiß eben, was man bekommt. Dass ihre Songs seit spätestens 1998 dabei immerhin qualitativen Schwankungen unterliegen, ist gemessen an den Großtaten Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre geschenkt. Dennoch ist die Tatsache bemerkenswert, dass in ihrem stilistisch sehr begrenzten Rahmen mit "Recipe For Hate" im Jahre 1993 eine durchaus ungewöhnliche Platte erschien, die trotz ihres Kontrasts zum sonstigen Oevre weitgehend unterschätzt, wenn nicht übergangen wird. "Recipe For Hate" ist ein Kind seiner Zeit, was man der Platte mit etwas Abstand geradewegs beeindruckend schnell anhören kann. Vor allem hinsichtlich der Produktion fällt eine zeitliche Zuordnung gar nicht so schwer: die Gitarren dick wie Sirup und verschwommen vor sich hin blubbernd, mit einem Weichzeichner in die Breite gedrückt und mit Feedback in Bob Mould-Sphären schwebend, eine extrem räumlich klingende, massiv im Vordergrund stehende Stimme Greg Graffins und insgesamt eine Soundästhetik, die zur Krönung in 1992er Alternative Rock-Gold getaucht wurde. So klangen Bad Religion nie wieder. Für meine Begriffe ist das klangliche Experiment geglückt und zu meiner großen Überraschung ist "Recipe For Hate" bei Weitem nicht so schlecht gealtert, wie es vielen anderen Alben aus den neunziger Jahren passiert ist. Auch das Songwriting stellt eine Zäsur zwischen den früheren Klassikern und dem Spätwerk dar. Zum einen gaben sich Bad Religion experimentierfreudig wie nie, öffneten ihren Sound passend zur Hochzeit Seattles für Grunge-Elemente ("Struck A Nerve"), ließen fast schon progressive Strukturen erkennen ("All Good Soldiers") und wagten sich für "Man With A Mission" gar auf Folk und Country-Terrain. Zum anderen klangen selbst die eher klassischen Uptempobrecher wie "Skyscraper" oder der fantastische Titelsong zwar immer noch klar nach Bad Religion, präsentierten sich aber viel durchdachter, gereifter, vielleicht auch abgeklärter. Es war plötzlich nahezu unmöglich, dass einer dieser Tracks auf einem der Vorgängeralben hätte stehen können, allerhöchstens "My Poor Friend Me" erweckt den gefühlten Anschein, ein Überbleibsel der "Generator"-Sessions zu sein. So positioniert sich "Recipe For Hate" rückblickend als (experimentelles) Bindeglied zwischen dem schnellen, unbekümmerten Punkrock eines "Against The Grain" und den späteren, kontrollierteren Alben wie "Stranger Than Fiction" oder "The Gray Race" und ist dennoch viel mehr als das. Seine eigene Substanz und Relevanz erhält "Recipe For Hate" gerade durch die deutliche Abgrenzung gegenüber den übrigen Bad Religion-Alben und der damit einhergehenden Polarisierung der Fans, die es auslöste. Im Grunde genommen alles klare Kennzeichen für einen Klassiker. So sei es.
"Recipe For Hate" von Bad Religion ist im Jahre 1993 auf Epitaph Records erschienen.
22.05.2009
Mittendrin
Sam Rivers - Dimensions & Extensions
Selten zuvor klang Atonalität wärmer. Den Satz habe ich mir zugegebenermaßen aus Robert Palmers Linernotes zu Sam Rivers' viertem Album für Blue Note stibitzt; er erschien mir als Einleitung durchaus angemessen. "Dimensions & Extensions" kann natürlich ziemlich viel mehr sein als lediglich "warm" und "atonal", als Zusammenfassung stehen die beiden Begriffe jedoch stellvertretend für einen Jazz, der sich zwischen der Avantgarde und dem Hardbop bewegt und angesichts seiner ausgerissenen, reduziert wirkenden Strukturen dennoch als erstaunlich zugänglich präsentiert.
Rivers war ein Jazz-Spätstarter. Erst mit 41 Jahren nahm er seine erste Platte als Leader für Blue Note auf ("Fuchsia Swing Song", 1964), womit er gleichzeitig zu einer der letzten Neuentdeckungen der klassischen Label-Ära gehörte. Als Blue Note 1966 an Liberty Records verkauft wurde, saß dessen Gründer Alfred Lion zwar noch in der Produktionskette, und obwohl er diese letzte Aufnahmesession Rivers' für das Label im Jahr 1967 noch begleitete, ihr einen Titel, eine Katalognummer und gar ein Cover auf den Leib schneiderte, blieb "Dimensions & Extensions" für viele Jahre unveröffentlicht. Erst 1987/88 durfte das Werk als eigenständige Ausgabe das Licht der Welt erblicken, nachdem es bereits 1976 an ein Andrew Hill-Album ("Involution") gekoppelt war und als Doppel-LP-Set erschien.
Ob Alfred Lion sein Veto einlegte und damit für die Verzögerungen sorgte, weil ihm einige neue Strömungen im Jazz, wie kolportiert wird, nicht mehr zusagten, ist mir nicht bekannt. Schließlich ist "Dimensions & Extensions" eine echte Herausforderung. Alleine der Blick auf die Zusammensetzung der Band sorgt für die ein oder andere hochgezogene Augenbraue: ein Sextett ohne Piano, dafür aber mit nicht weniger als vier Bläsern, deren Auswahl ebenfalls überraschen musste, wenngleich sie ein guter Indikator für Rivers Hardbop-Verwurzelung auf der einen und seinen konzeptionell-freien Ansatz auf der anderen Seite ist: Donald Byrd (Trompete), Julian Priester (Posaune), James Spaulding (Altosaxofon, Flöte) und Sam Rivers selbst an der Flöte und am Alto- und Tenorsaxofon. Hinzu kommen Cecil McBee am Bass und Steve Ellington am Schlagzeug.
Und es ist in erster Linie das Brass-Quartett, das dem Affen ordentlich Zucker gibt. Spätestens im wilden, ungestümen "Effusive Melange" brechen alle Dämme, ein Gebrodel aus Überblasungen, aus ineinander verwirbelten Stimmen, aus animalischen Schreien. Dazu ein entfesselter Ellington, der die Töne seiner Becken wie Gischt durch eine dunkle Nacht sprühen lässt und der sich an manchen Stellen sicherlich selbst fragt, ob er schon im Speed Metal angekommen ist. Dagegen erscheint das Eingangsduo "Precis" und "Paean" fast schon handzahm, obwohl auch hier die Funken sprühen: das gebrochene Solo Byrds im Opener, die schiere Wahnsinnsposaune von Julian Priester im Eröffnungssolo von "Paean" und die Komplexität in den atonalen Bläserarrangements mit vielen versteckten Harmonien (besonders in Verbindung mit den harmonischen Sprüngen eines McBee) machen großen, großen Spaß. Hier zahlt sich die Entscheidung Rivers' aus, auf das Piano zu verzichten. Die so entstandenen Freiheiten werden von den Musikern beeindruckend genutzt. Außerdem hilft der Tastenrückzug dabei, die Konturen dieses Albums zu schärfen. "Dimensions & Extensions" klingt reich und voll, die Themen und Motive sind klar und trotz all des freien Spiels mit Raum und Zeit, in denen sich Rivers übrigens im verwehten und suchenden "Afflatus" fast verläuft, handelt es sich um ein homogenes, versöhnliches Werk. Springlebendig, rasant, risikoreich und ungemein kraftvoll.
16.05.2009
Welcome To The End
Wie sehr mich dieser Name schon zur Verzweiflung trieb. Mittlerweile ist es einfacher, die Internet-Suchmaschine mit dem Begriff "The Music" zu füttern und umgehend auf der Homepage der Band zu landen. Noch vor ein paar Jahren war es nahezu unmöglich, ihre Videos auch nur auf Youtube zu finden. Vergleichbar mit der Frankfurter Punkband "Pornoheft", da gestaltet sich die Suche ähnlich abenteuerlich, wenn auch - je nach Neigung - etwas frivoler.
Ist man nach nervenaufreibenden Youtube-Minuten dann endlich auf Videos dieser britischen Kapelle gestoßen und liest dazu die Kommentare der User - was man jedoch und ganz grundlegend niemals tun sollte, wenn einem die eigene Magenschleimhaut lieb ist - stößt man nicht selten auf Äußerungen wie
"Most underrated band EVER!!!"
oder
"It's a shame no one notices how awesome this band is!"
Immerhin: mir ist es aufgefallen. Seit ihrem selbstbetitelten Debut bin ich quasi "Fan", und wenn ich tief in mich gehe, dann erscheinen mir The Music als die talentierteste Disco/Rave/New Wave-Band der letzten fünfzehn Jahre. In erster Linie liegt das an Sänger Robert Harvey, einem schmächtigen Spargeltarzan, der gemessen an den Bandvideos die Ausstrahlung eines offenen Frischepacks mit Trockenpflaumen besitzt und im besten Fall als schüchtern durchgeht, hinsichtlich seiner Stimme und vor allem seiner immer wieder umwerfenden Gesangslinien jedoch locker in der Weltklasse mitmischt. Dass seine Stimmfarbe nicht jedermanns Sache ist, und sich die einschlägigen Musikmagazine besonders auf Harvey einschossen, bevor sie sich in spektakulären Verrissen suhlten, muss man wohl hinnehmen. Fallhöhe und so.
Das musikalische Gerüst im Hintergrund ist britischer, stylisher Rave-Pop für den Club, hoch melodisch, leicht psychedelisch, (fast) immer mitreißend und mit einem gar nicht mal so dünnen House-Pinselstrich verfeinert. Dabei sind The Music nicht dirty, dark und cool wie ihre Kollegen von Kasabian, oder zumindest deren Debut, geben sich stattdessen melancholischer, vielleicht auch etwas ernster und erdiger als die Konkurrenz. Vor allem auf dem schlimm unterbewerteten zweiten Album "Welcome To The North" aus dem Jahr 2004 enttarnte sich darüber hinaus auch ein veritabler Led Zeppelin-Vibe in ihrer Musik. Auf "Strength In Numbers", der dritten Langspielplatte nach einer gut zweijährigen Pause, ist der Geist von Robert Plant und Jimmy Page immer noch wenigstens als homöopathische Dosis, in der Aura des Albums, verfügbar. Allerdings straffte das Quartett hörbar seine Kompositionen, die jetzt noch straighter, melodisch noch ausgereifter und grundlegend tanzbarer erscheinen. Und auch wenn man blöderweise mit dem Titeltrack die durchschnittlichste Nummer als erste Single veröffentlichte, haben The Music allerspätestens mit "Strength In Numbers" ihren tatsächlich sehr eigenen Sound gefunden.
Trotz meiner Einschätzung, dass es sich bei "Strength In Numbers" um das bis dato beste Album der Band aus Leeds handeln könnte, habe ich den Eindruck, als ginge den Burschen langsam die Luft aus. Nicht unbedingt qualitativ, aber die Frage, ob ein viertes Album wirklich und unbedingt notwendig ist, schwebt einigermaßen unheilvoll im Raum. Hat man mit den drei Scheiben alles gesagt, oder geht da noch mehr? Die Entwicklung der Band ist zweifellos bemerkenswert, und es schlummert sicherlich noch Potential in den Köpfen und Finger der vier Briten, aber ich bezweifle, dass The Music ihrem Gesamtwerk künftig tatsächlich noch ein entscheidendes Stückchen hinzufügen können. Da kann sich auch mal die Erkenntnis durchsetzen, dass es genug ist. Zumal die Band auf ihr bisheriges Schaffen durchaus mit Stolz zurückblicken darf.
Update 2016: Ich hatte leider recht, die Band hat sich 2011 aufgelöst. Es gab kein viertes Album. "Strength In Numbers" ist eines der zehn besten Alben der 2000er Jahre.
"Strength In Numbers" von The Music ist im Juni 2008 auf Polydor erschienen.
01.05.2009
Form über Funktion
Couch - Profane
Jeder kennt die ...But Alive-Textzeile mit Musik und Architektur und tanzen und schreiben und auch wenn es mittlerweile vielleicht eine Spur zu peinlich ist, den vollständigen Satz im Wortlaut in einem Text über Musik unter zu bringen (file under "Kopfkino"), braucht's für "Profane" zumindest einen kleinen Schubser in diese Richtung. Das vierte Studioalbum der Münchener Band ist sowas wie die Antithese zu obigem Fast-Zitat: hier tanzt man tatsächlich zur Architektur. Und man fühlt sich gut dabei.
Es ist verblüffend, welche Assoziationen sich ergeben. Jeder Song scheint sich sein eigenes Heim zu bauen. Es geht um Linien und Strukturen, es geht um eine große Klarheit, um Begrenzungen, um Halt, um Stil und Design. Luft und Raum, ohne eine Leere zu entwickeln. Es geht um orangene Plastikschalenstühle, es geht um einen Sommerurlaub auf Cran Canaria im August 1975. Keine Ausschweifung. Eher eine gewisse Rohheit, die sich aus einer freien Disziplin speist. "Was Alles Hält" zeichnet im Zeitlupentempo aus Strichen und Skizzen ganze Studentenwohnheime zusammen. Maximal minimaler Postrock, Reichtum im Verzicht. Immer nur vage Andeutungen, aber sie erschaffen im Kontext Großes.
Rational musikalisch (wtf?) eher an Chicago als an Montreal orientiert, dabei den Tortois'schen Jazz-Anteil durch einen stärkeren Fokus auf Notwist'schen Indierock ersetzend, entfernten sich Couch auf ihrem fünf Jahre später erschienenen Nachfolger "Figur 5" von ihren klaren Gebilden und ließen stickige Heizungsluft in ein deutsches Eiche-Rustikal-Wohnzimmer des Jahres 1978. Das war schwer, das war bemüht und das war damit das genaue Gegenteil von der kühlen Brise, die dank "Profane" durch das Oberstübchen weht.
"Profane" von Couch ist im Jahre 2001 auf Kollaps erschienen.
24.04.2009
Von Versunkenen Und Vergessenen
Various Artists - Spiritual Jazz
"As far as spirituality is concerned, I feel that I want to be the force which is truly for good."(John Coltrane)
Der Untertitel dieser Jazzman-Zusammenstellung aus dem vergangenen Jahr lautet "Esoteric, Modal And Deep Jazz From The Underground 1968-77", womit die etwas weitläufige "Spiritual Jazz"-Überschrift etwas unterfüttert wird. Am Beispiel von insgesamt zwölf Titeln versuchen die Initiatoren Malcolm Catto, Hugo Mendez und Gerald Short ein Bild der Jazzszene nach der Ära John Coltrane zu zeichnen, das nicht in erster Linie vom gleichfalls spirituellen Free Jazz eines Pharaoh Sanders oder einer Alice Coltrane geprägt wird. Die hier präsentierten Stücke orientieren sich stärker an Groove und Funk und setzen viele Elemente traditionell-afrikanischer oder -indischer Musik in den Vordergrund. Darüber hinaus eint sie eine bisweilen traurige Tatsache: alle blieben sowohl von Kritikern, als auch vom Publikum weitgehend unbeachtet.
In einer Zeit, in der sich Jazz immer mehr zum musikgewordenen Inbegriff für einen Kampf für die Rechte der Afro-Amerikaner entwickelte und hier besonders der Free Jazz mit seinen radikalen Umbrüchen und Herausforderungen als favorisierte Waffe galt, ging es der spirituellen Post-Coltrane-Szene um Aufbruch, um eine Neubetrachtung der Seele, des Geistes und der Gesellschaft. Sie speiste sich aus denselben historischen Quellen, die schon frühere Formen des Jazz beeinflussten. Eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, zurück nach Afrika und den mittleren Osten. Ein Streben nach persönlicher, innerer Veränderung, die die Umwelt mitreißen konnte.
In den hochinteressanten Linernotes von Francis Gooding kreisen die weiteren Erläuterungen vor allem um die beiden Fixpunkte John Coltrane und Sun Ra. Vor allem Sun Ra sei es gewesen, der eine große Inspiration nicht nur für die Musiker, sondern für die ganze Szene war. Die Geburt lokaler Kommunen und winziger Labels, selbstaufgenommene, -gepresste und -vertriebene Schallplatten: Ra verkörperte "the economic collective, the spiritually ancient, the musically daring. (...) He showed a pathway back to ancient africa."
Nicht nur vor diesem Hintergrund ist "Spiritual Jazz" eine der schönsten Veröffentlichungen der letzten Jahre. Auch und vor allem musikalisch sind noch nie zuvor gehörte Sterne am Funkeln, von obskuren und wahnsinnigen Funkjazzern wie Leon Gardner, der in den sechziger Jahren sein eigenes Igloo-Label hatte, auf dem er einige, heute superrare 7-Inches veröffentlichte (die bei Auktionen mehrere tausend Dollars erzielen), und der heute als Obdachloser auf den Staßen von Los Angeles leben soll. Oder das Morris Wilson Beau Bailey Quintet, das als Kneipenband 1970 eine fantastische Single ("Paul's Ark") unter der Leitung des Bassisten Bobby Jackson aufnahm. Oder die vielen traditionell afrikanischen Songs wie "Ayo Ayo Nene" des senegalesischen Perkussionisten Mor Thiam, der hier mit dem späteren Art Ensemble Of Chicago-Mitglied Lester Bowie (Trompete) zusammenarbeitete. Zu "Neveen" von Salah Ragab & The Cairo Jazz Band gibt es eine besonders schöne Geschichte: Salah Ragab war ein Armeehauptmann, Schlagzeuger und Jazzfan und wurde Ende der sechziger Jahre zum Leiter der ägyptischen Militärmusik-Abteilung ernannt. Gemeinsam mit dem deutschen Avantgardisten Hartmut Geerken, der zu jener Zeit am deutschen Kulturinstitut in Kairo arbeitete, heckte er den Plan aus, die erste ägyptische Jazzband zu gründen. Ragab stellte sich seine Band zusammen und Geerken (gemeinsam mit Edu Vizvari, einem Prager Bassisten) schulte die Neunankömmlinge, die teils keinen blassen Dunst von Jazz hatten mit Partituren und Platten von Albert Mangelsdorff und Joki Freund. Die Band brachte es nur auf zwei Veröffentlichungen, die nie zuvor außerhalb Ägyptens zu hören waren. 1983 nahm man zusätzlich eine LP mit dem Sun Ra Arkestra auf, veröffentlicht auf dem griechischen Praxis-Label. Und wo wir gerade bei Sun Ra sind: ein weiteres Highlight stammt von dem langjährigen Bassisten (1958 - 1966) des Arkestras Ronnie Boykins, der in überwältigenden zwölfeinhalb Minuten den beeindruckend schweren Brocken "The Will Come, Is Now" ausbrütet und wie in einer Meditation in einem Bassloop herumgeistert. Er erinnert mich in dieser Hinsicht bisweilen an den New Yorker Bassisten William Parker und seiner Arbeit im Rahmen der "Double Sunrise Over Neptune"-Performance. Um Boykins herum schwirrt eine ausgelassene Brass-Section mit Joe Ferguson, Monty Waters, James Vass und Daoud Haroom und eine erweiterte Percussiontruppe, die es schwer-tastend grooven lässt.
Und auch wenn jedes Stück eine eigene Betrachtung verdient hätte: es soll ja auch noch etwas zu entdecken geben.
"Spiritual Jazz - Esoteric, Modal And Deep Jazz From The Underground 1968-77" ist im Jahre 2008 auf Jazzman-Records erschienen.
17.04.2009
Außer Japan Nix Gewesen
Disc System Meets Inner Science - s/t
Besser hätte der Projektname im Grunde nicht passen können. Die Oberfläche, das stählerne System frisst sich in die Tiefe, ins Innere und entdeckt dort wieder und wieder...sich selbst. Das japanische DJ-Duo Disc System trifft auf Inner Science aka Masumi Nishimura und damit auf ein (ehemaliges) Mitglied der Hip Hop Szene Tokyos. Gemeinsam bündeln sie viele verschiedene Ansätze elektronischer Musik zu einem großen Ansatz elektronischer Musik.
Ihr Sound steht nicht in Reihe, er ist die Reihe. Hier findet sich so ziemlich alles: von aufgekratzten Frickelbeats zu dicken Hip Hop-Stampfern, von ätherischen Boards Of Canada-Sounds zu flickigem Four Tet-Geklimper, von der durchschreitenden Techno-Bassdrum zu wärmenden Sci-Fi Ambientflächen. Das macht Spaß zu hören, vor allem ob der hörbaren Abenteuerlust, die das Trio zu jeder Sekunde durchblinzeln lässt. Dabei ist das Album gar nicht so heterogen, wie die Aufzählung der unterschiedlichen Elemente möglicherweise vermuten lässt, was an der deutlich wahrnehmbaren Soundzäsur zwischen der A- und B-Seite liegen mag (auf der letztgenannten lässt man es durchaus relaxter und introvertierter angehen), aber sicher auch dem Bestreben geschuldet ist, eine gemeinsame Stimme zu finden, die diese Musik zusammenhält und ihr die Türen öffnet, auf der anderen Seite ihr aber auch die Grenzen zeigt.
Das ist wichtig und das ist ihnen ganz ausgezeichnet gelungen.
"Disc System Meets Inner Science" ist im November 2007 auf ROMZ RECORD (Japan only) erschienen und wurde am 13.2.2009 von Project: MoonCircle auf Vinyl weltweit veröffentlicht. Zu beziehen unter diesem Link.
13.04.2009
Fleckenteufel
Gene Coleman/Franz Hautzinger/Sachiko M/Otomo Yoshihide - Concert in St.Louis
Wer das Getöse überhört, den stört die Ruhe nicht. Seismographischer Wert: 10,6 (gefühlt), 0,9 (wissenschaftlich, streng). Die Wissenschaft der Stille, ein freies Spiel mit Nuancen, Brisen, und...Höllenschlunden. Und -qualen. Tiefe, weit aufgerissene Mäuler, die den Pesthauch auf dem Silbertablett (im Ohrensessel) servieren.
Unangenehme Musik. Silence my ass, "Concert In St.Louis" dreht am Ängste-Lautstärkeknopf und das ist furchteinflößender als sägendstes Geratter. Gene Coleman spielt seine Bassklarinette, wie ein Zwei-Meter-Grizzly atmet. Er schnaubt, er balanciert zwischen unerhörter Kraft und einer natürlichen Scheu. "Übrigens, ich bin da. Ich habe das hier alles im Griff. Und wenn ich ein einziges Mal die Pranke hebe, fliegt dein Kopf weg." Ich mach' besser mal ein bisschen leiser. Noch leiser?
Ich teile die Auffassung nicht, dass das hier alles einem relaxenden Ringelpiez gleicht. Sachiko M weiß schon ganz genau, welcher Regler auf Anschlag stehen muss, damit die Ohrflusen den Rückzug ans Großhirn funken. Ja sicher ist das leise. Aber es tut weh. Und wenn es wehtut und der Schmerz trotzdem nicht spürbar ist, dann beginnt die Suche, nicht? Die zwei Improvisationen, aufgenommen im Jahre 2002 in - Überraschung! - St.Louis sind ausgesprochen abstrakt zusammengefügte, in Jetztzeit geflackerte Formen, Noise, Slow Noise. Ha, apropos Formen...geht es um Formen? Um Umrisse? Genauer: um EINE Form und EINEN Umriss? Die Struktur, die aus den knarzenden Gitarrensaiten von Otomo Yoshihide springt, das süße, unendliche Klingeln vom Sinus-Unrat Sachiko Ms, die hektischen Trompetenwespen...? Das macht ja was mit einem. Das malt Bilder, das dreht Filme, das säuselt Krach. Es geht nicht um die 65 Minuten Musik. Es geht nicht um ein Statement. Es geht nicht um das, was es sein soll.
"Concert In St.Louis" von Gene Coleman/Franz Hautzinger/Sachiko M/Otomo Yoshihide ist im Jahr 2004 bei GROB erschienen.
11.04.2009
Neunziger (1)
Revolver - Baby's Angry
Vermutlich ist eine ganze Generation junger Menschen Rock Hard-Herausgeber Holger Stratmann auf ewig dankbar, dass er die Grunge/Alternative/Crossover-Welle zu Beginn der neunziger Jahre nach Deutschland schwappen ließ. Jane's Addiction, Mudhoney, Nirvana, Rage Against The Machine: Stratmann berichtete darüber, während eine Bürotür weiter Death Metal auf den Thron geschrieben wurde und man sich ein Magazin weiter noch mit Guns'n'Roses befasste. Aus heutiger Sicht noch unvorstellbarer: auf sein Urteil war Verlass. So endete seine Plattenbesprechung zum Debut von Rage Against The Machine mit der Aussicht "Demnächst garaniert in jeder guten Alternative-Zappelbude" und potzblitz: der Kram lief zwei Monate später sogar in jeder schlechten Alternative-Zappelbude.
Genau in jener Zeit erschien mit "Baby's Angry" das Debut der Londoner Band Revolver und es war erneut Stratmann, der hektisch mit dem Zeigefinger wedelte. Zwar verirrte er sich diesmal in seinen Ausführungen wenig nachvollziehbar in Richtung Nirvana und The Police (sic!), möglicherweise war es aber genau das, was ich als damals 15-jähriger Cobain-Fan lesen und vor allem hören wollte. Seitdem gehört "Baby's Angry" zu meinen wertvollsten Schätzen.
Der melancholische, dramatische Gitarrenrock des Trios ist einerseits musikalisch geprägt von punkigen Vibes und gar noisigen Ausbrüchen ("Molasses"), die jedoch von großen, romantischen Melodien in Schach gehalten werden und vermittelt gleichzeitig genau durch diese Gegensätze auch ein emotionales Stimmungsbild der damaligen Zeit. Andererseits standen Revolver ebenso in der Tradition britischer Legenden wie beispielsweise den Smiths, The Cure, My Bloody Valentine oder The Jesus And Mary Chain, weshalb die Band nicht selten in die Shoegazer-Schublade einsortiert wurde.
Nach dem nicht minder großartigen "Cold Water Flat" (1993) löste sich die Band auf. Sänger/Gitarrist Mat Flint gründete in den Folgejahren mit Hot Rod und Death In Vegas weitere Formationen, während Basser Hamish Brown und Schlagzeuger Nick Dewey von der Bildfläche verschwanden.
"Baby's Angry" von Revolver ist im Jahre 1992 auf Caroline Records erschienen.
04.04.2009
Garden Of Eden
Alice Coltrane - Journey In Satchidananda
Jazz ist Nischenmusik. Und in dieser Nische gibt es womöglich hunderte kleiner Extranischen, die sich jeder für sich selbst eingerichtet hat. Das ist eben der Nachteil einer selbsternannten Elite: Konsens wird ganz schwierig. John Coltrane ist vielleicht einer, Miles Davis sowieso. Wer danach Gemeinsamkeiten finden will, muss an vielen Türen klingeln. Was sich bis zu dieser Stelle wie ein mies geschriebener Focus-Artikel zum Thema "Klopapier beidseitig benutzen, hot or not?" liest, ist in Wahrheit aus einer einzigen Frage entwachsen: warum ist Alice Coltrane derart off the map? Ist es das Lennon/Ono-Prinzip, die verhasste Ehefrau an der Seite eines musikalischen Giganten? Die Zeit schrieb anlässlich ihres Todes am 12.Januar 2007, ihre opulente, orchestrale Anlage sei wohl "zu sentimental, zu überladen für die klare männliche Linie der Improvisationskunst.". Tatsächlich sind Ihre Alben aus den späten sechziger Jahren und den frühen Siebzigern eine Abkehr vom mehr oder minder traditionellen Jazzkanon, der großen Wert auf eine gewisse Wendigkeit, eine Virtuosität legt. Sie bewegte sich nicht nur musikalisch mit ausufernden Sounds und einem dichten Klangteppich in die Fläche, sie schenkte ihrem Jazz mehr und offensichtlichere Spiritualität und machte ihn so wärmer und umarmender. "Journey In Satchidananda" ist diesbezüglich ein sehr herzliches, freundliches Beispiel.
Aufgenommen im Dezember 1970, versammelte Alice einige Stars der damaligen Zeit um sich: am Bass spielen Charlie Haden und Cecil McBee, Rashied Ali sitzt hinter dem Schlagzeug und Pharaoh Sanders, der sicherlich nicht ohne Grund eine "Featuring"-Extraerwähnung auf dem Cover erhielt, am Sopransaxofon. Hinzu kommen Tulsi (Tamboura), Vishnu Wood (Oud) und Majid Shabazz an "Bells & Tambourine". "Journey In Satchidananda" ist damit der Nachfolger zum unglaublichen "Ptah, The El Daoud" (aufgenommen im Januar 1970) und entwickelt den Sound folgerichtig einen oder gar zwei Schritte weiter. Wo auf dem Vorgänger noch Querverbindungen zum modalen Jazz der sechziger Jahre zu hören waren, und sei es nur durch das konventionelle Setting hinsichtlich der Instrumentierung, ist das folgende Album musikalisch flächiger, sanftmütiger, versöhnender. Dennoch: "Journey In Satchidananda" wäre ohne "Ptah, The El-Daoud" vermutlich nicht möglich gewesen. Die Wurzel...die Quelle, aus der sich dieses Album ergießt, ist deutlich zu hören.
Besonders die zweite Seite mit den beiden Longtacks "Something About John Coltrane" (mit einem ergreifenden Cecil McBee) und dem fantastischen "Isis And Osiris" ist mir mehr als nur eine Erwähnung wert. Puristen mögen die Nase rümpfen und angesichts des dicht surrenden Tambouranebels, Coltranes Harfe, der fernöstlichen Einflüsse und der allgegenwärtigen glückseligen Harmonie im Oberstübchen das Wörtchen Kitsch zusammenbasteln, aber sie könnten nicht falscher liegen: Coltranes Spiritualität manifestiert sich eben nicht nur im reinen Klang. Sie ist beinahe stofflich greifbar, sie spricht, sie kommuniziert, auch ohne Worte. Sie ist von Liebe und Verständnis getrieben. Das ist aufrichtig und das muss so sein.
Ein Seelenkosmos von Königen.
31.03.2009
Nix Hält Mehr...

01 Grace Jones - Corporate Cannibal
"I don't want to say much more but - Grace Jones is in the house." Ein taufrisches Comeback nach über 20 Jahren, das die mittlerweile 60-jährige gebürtige Jamaikanerin in einem aufgerissenen Leopardenschlund feiert. "Corporate Cannibal" ist eine Sensation, ein angedubbter TripRockHopPop-Wahnsinn, sexy...geradewegs tödlich sexy. "I'll consume my consumers." Mami, ich hab' Angst!

02 Bullion - Get Familiar
Reichlich irreführend von einigen Tölpeln in die Portishead-Ecke gesteckt waren Bullion ein bisschen der 2008er Underground-Hit aus England: die Single zu "Get Familiar" war nach wenigen Tagen ratzeputz ausverkauft, und Gilles Peterson nahm den Song auf die dritte Ausgabe seiner Brownswood Bubblers-Zusammenstellung. Etwas verspulte Beats in leicht psychedelische Tinte getaucht, dazu Flying Lotus Marihuana in der Blutbahn. Zwei Minuten und achtundvierzig Sekunden Kopfnicken.

03 Weezer - Pork & Beans
I hate fuckin' Weezer. Vielleicht die schlimmste Band der Welt. Ich fand die übrigens schon immer unsagbar schlimm. Und jetzt ist "Pork & Beans" so großartig, dass ich mir tatsächlich die Blöße gebe, das auch noch zuzugeben. "Die Bette Davis is' ja aach tot." Gna.

04 Stacy Epps - Floatin'
Ein aufgehender Stern am Soul und RnB-Himmel: Stacy Epps aus Atlanta hat 2008 mit "The Awakening" ein sehr spirituelles Debut veröffentlicht. Auch wenn mir die Platte insgesamt noch etwas unausgegoren erscheint, ist "Floatin'" ein rollendes Hip-Hop-Soulmonster mit einer prachtvollen Sonnenstimme, die das ganz bestimmte Funkeln, diesen kleinen, besonderen Kniff transportiert, der immer und überall aufhorchen lässt.

05 Four Tet - Ringer
Krautrock meets Elektrogefummel, und wer sonst wenn nicht Kieran Hebden wäre der passende Mann dafür? Der Aufbau des Titelstücks von Four Tets aktuellem Album sprengt mich aus meinem Sakko und reißt mir das geliebte rosafarbene Polohemd gleich mit von der Brust: acht Minuten klöppeln Sample-Fruchtzwerge einen Loop nach dem anderen zurecht, bevor ein kurzer Beatausbruch die Leitplanke an der A66 bedrohlich näher rücken lässt. Wenn schon Tinnitus, dann damit.

06 Henrik Schwarz And Amampondo - I Exist Because Of You
Zehn Minuten Groove und Extase von einer Hälfte des DJ-Duos Tiefschwarz zusammen mit der südafrikanischen Percussiontruppe Amampondo, die neben den Marimba und Djembe-Tribalgrooves außerdem noch die Vocals beisteuern. Ein überraschend behutsamer Aufbau, aber der Track läuft und läuft und läuft und läuft...solange die Füße (und die Europalette Red Bull) tragen. Sehr erfrischend und seeeehr mitreißend.

07 Warrior Soul - The Fourth Reich
Die nicht für möglich gehaltene Wiederauferstehung einer Legende. Trifft genau meinen Rocknerv: ein schweres, psychedelisches Megariff, eine Scheißwut in Kory Clarkes Stimme, ein Text, der für heutige Verhältnisse womöglich eine Spur zu kindisch oder meinetwegen naiv ist, aber mir aus allen verfügbaren Seelen schreit. Ich bin ja nicht ohne Grund noch mittendrin, in der Pubertät.

08 Vladislav Delay - Recovery Idea
Selbst einer wie ich, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, merkt nach wenigen Sekunden, wer hier am Werk ist: Vladislav Delay, der mit "Whistleblower" das Album des Jahres 2007 veröffentlichte, haut seine Soundblitze und seine reißenden Schrammen über einen flockigen Beat und flechtet noch seine bekannten Synthieflächen nebst sanften Melodietupfern ins Gestrüpp.

09 The Bronx - Minutes In Night
Mich hat das dritte Album der Punkrocker aus Los Angeles überraschenderweise nicht so hart gekickt wie die beiden Vorgänger (wobei: "II" brauchte auch einige Zeit, um sich zu entfalten), aber trotz des etwas müden Schleiers, der über "III" bisweilen liegen mag, hat das Quintett einige wunderbare Brecher aufgenommen. "Minutes in Night" ist einer davon. Ein übergroßer Refrain, ein großartiges, an "Rape Zombie" erinnerndes Gitarrenriff und dieser berüchtigte Schuss The Bronx-Wahnsinn in der Stimme.

10 Tribute To Nothing - Day In Day Out
Kumpel Olli legte mir die Scheibe der Briten mit den Worten "Wie Hot Water Music, nur besser" wärmstens ans Herz und ich fackelte nicht lange: mit Punkrock kann man nur ganz selten etwas falsch machen. Ich habe es nicht bereut und das liegt in erster Linie an diesem kleinen Songjuwel: "Day In Day Out" ist tatsächlich angenehm angerauhter und souveräner Punkrock, der zwar weder besonders heavy noch übermäßig aufsehenserregend ist, in besagtem Track aber all die Komponenten auffährt, die auch nach fünfzigfacher Behandlung noch immer für eine schöne Gänsehaut sorgen. Eine leidenschaftliche Stimme, die das angespannte und bebende Zittern nicht verbergen kann und will und ein Text, der mich vor meinem geistigen Auge schon wieder mit erhobener Faust vor dem Wasserwerfer stehen lässt. Blutdruck is rising.



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