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07.03.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #160: My Bloody Valentine - Loveless (1991)




MY BLOODY VALENTINE - LOVELESS


"Volume is an experiment, not a crutch." (Kevin Shields)


Wenn den Quatsch hier jemand ernst nehmen, oder zumindest lesen würde, dann könnte ich mich auf ein paar in meine Richtung abgefeuerte Giftpfeile gefasst machen, weil "Loveless" es nicht mal in die Top 100 geschafft hat. Ich möchte wirklich nicht in die wirklich hinterletzte Kloake hinabsteigen und über Gebühr die grundsätzliche Irrelevanz von "LiStEn" und "pLaTzIeRuNgEn" diskutieren; ich weiß freilich, dass Bestenlisten in Publikationen wie Pitchfork oder Rolling Stone in erster Linie Gefühle der Nostalgie und gleichzeitig des heiligen Zorns bei gleich ganzen Generationen von Musikfans treffen sollen, und das weiß ich, weil ich mich ebenfalls nur zu gerne davon treffen lasse. Das sind Reflexe. Und das ist ja auch ganz schön so. Wenn Pitchfork in einer ihrer 90er Bestenlisten Holes "Live Through This" über Nirvanas "Nevermind" setzen, dann ist das weniger eine mit Geodreieck, Elektronenmikroskop und Forensik fein justierte Einordnung, sondern vor allem ein Statement. Das kann man anerkennen - und trotzdem wie ein Rohrspatz darüber schimpfen. Macht Spaß. Und macht vielleicht auch nochmal ein paar neue Gedanken in der Denkmurmel. Ist mittlerweile sowieso völlig unterschätzt. 


Wie ich in meinem Eröffnungsposting bereits ausführte, sollte es im besten Fall wirklich niemanden jucken, ob "Loveless" auf Platz 160, 99 oder 11 steht. Ich selbst fühle mich von Zeit zu Zeit genötigt auszuführen, dass es mir selbst manchmal ziemlich egal ist. Ich sitze hier ja auch nicht in meinem Sossenheimer Kiez herum und füttere eine Exceltabelle mit Zahlen, Daten, Fakten, um später eine mit "chirurgischer Präzision" (Dabbelju) abgefeuerte Liste in den Blog zu rollen, denn alles ist Kontext. Ziehen wir die Tangente zum eben genannten "Statement", dann gilt das eben auch für Pitchfork, wenn sie "Loveless" in ihrer aktuellen 90er Liste aus dem Jahr 2023 auf Platz 1 setzen - für den Rahmen, in dem Pitchfork operiert, also Exklusivität, Intellektualität, Individualität, gibt es kaum eine bessere Nummer 1. 


Für den Rahmen, den die Redaktion von 3,40qm abgesteckt hat - Liberté, Egalité, Schwarzer Kaffé - reicht's dann eben leider nur für die 160, aber ich kann es erklären. Ich kam spät zu "Loveless", mein Erstkontakt kam erst zur Mitte der nuller Jahre zustande. Und mir fehlte der oben angesprochene Kontext, weil es eben einen Unterschied macht, ob man solche Alben als Bestandteil der Gegenwartskultur begreift oder sie sich mit dem Abstand einer späteren Generation durch einen Nebel aus neu formulierten Werten, Grenzen und Erfahrungen erarbeiten muss. Dabei ist "Loveless" aufgrund seines Status außergewöhnlich gut dokumentiert; so gut sogar, dass sich locker die Frage stellen lässt, wie spannend es im Jahr 2026 noch sein kann, dem bestehenden Kanon noch neue Gedanken hinzufügen zu wollen. Oder auch nur zu können. Denn was gesagt, geschrieben und gedacht werden musste, wurde gesagt, geschrieben und gedacht, und zwar tausende Male. Das Ding ist aber auch: die Faszination, die "Loveless" ausstrahlt, wird sich niemals kaputtreden lassen. Der Mythos überlebt uns alle. 


Über zwei Jahre verbrachte Gitarrist und Sänger Kevin Shields mit der Produktion von "Loveless", und er brachte damit nicht nur seine Plattenfirma Creation Records an den Rand des Ruins, sondern sich selbst gleich mit. Und streng genommen auch die ganze Band. Was der ganze Spaß am Ende wirklich gekostet hat unterscheidet sich je nach der genutzten Informationsquelle, aber man liegt vermutlich nicht ganz arg daneben, wirft man eine Größenordnung von 350.000 Pfund in den Ring - eine für die damalige Zeit, für eine Indieband und ein Indielabel zumal, unfassbare Summe. Alan McGee, Labelchef von Creation Records, verkaufte ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Loveless" sein Geschäft an Sony Records. Noch Fragen?


Shields verschliss in diesen zwei Jahren Studiozeit eine Unmenge von Sound Engineers. Alan Moulder war einer von ihnen, und der sagte später in einem Interview, dass die Entstehung des Albums alles andere als eine Gemeinschaftsarbeit war. Obwohl Shields sich in seinem Kopf sehr klar darüber war, wie "Loveless" zu klingen hat, sah er sich außerstande, seine Vorstellungen in Richtung der übrigen Bandmitglieder zu artikulieren. Im Ergebnis spielte Shields nahezu alle Instrumente selbst ein. Für die finalen Schlagzeugspuren verwendete er Samples von Drummer Colm Ó Cíosóig, und obwohl Gitarristin/Sängerin Bilinda Butcher als auch Bassistin Debbie Googe in den Liner Notes des Albums mit ihren Instrumenten erwähnt werden, hatten sie mit seiner Entstehung fast nichts zu tun. Fürs gute Gefühl innerhalb der Band waren das offensichtlich keine guten Rahmenbedingungen, und auch dass Shields, ähnlich wie Brian Wilson von den Beach Boys nach dessen "Pet Sounds"-Martyrium, in den kommenden Jahren allmählich seinen Verstand verlor, war nicht hilfreich. Trotz der überschwänglichen Kritiken verkaufte sich das Album zunächst nur sehr schleppend. Gleichzeitig war Shields überzeugt davon, mit "Loveless" ein derart überragendes und unübertreffliches Werk erschaffen zu haben, dass es sich gar nicht mehr lohnen würde, jemals wieder ins Studio zu gehen. Nach einer Reihe von Liveshows, die Berichten zufolge zu den lautesten aller Zeiten zählten, zerfiel die Band zur Mitte der neunziger Jahre und löste sich 1997 offiziell auf. Shields zog sich komplett zurück und verschwand für Jahre von der Bildfläche. 


Zieht man die Berichte von Zeitzeugen in Betracht, ist es naheliegend anzunehmen, dass die Mehrheit derer, die mit "Loveless" im Jahr 1991 konfrontiert wurden, zu gleichen Teilen überwältigt wie überfordert waren. Smashing Pumpkins Sänger und Gitarrist Billy Corgan berichtet davon, das Album zum ersten Mal gemeinsam mit Butch Vig im Aufnahmestudio gehört zu haben. Beide waren der Vision von Kevin Shields nicht gewachsen, beide hatten einen solchen Sound bis dahin einfach noch nicht gehört. 

"What is he doing?" (Billy Corgan)

Corgan verweist darauf, dass Shields, der als Jugendlicher zehn Jahre in den USA lebte, die "Larger Than Life"-Ästhetik der US-amerikanischen Rockmusik in den von Punk und Wave dominierten Sound Englands überführte und damit diesen undurchdringlichen, zähen Smog von "Loveless" entwickeln konnte. Als die Pumpkins später mit Alan Moulder zusammenarbeiteten, erzählte dieser davon, wie Shields täglich über acht Stunden an einem einzigen Gitarrensound herumfummelte. Shields holte sich sogar einen Hund ins Studio, um an dessen Reaktion zu erkennen, wie er die Einstellungen des Equalizers anpassen und verändern musste - bevor er anschließend den Song in einem Take aufnahm. Und als wären Shields' individuelle Spieltechnik, die den fast durchgängigen Einsatz des Tremolos zwingend erforderlich machte sowie sein ausgeprägter Hang zum fettesten Reverb des Universums nicht schon genug, legte er im folgenden Mix Tonspur über Tonspur, Layer über Layer, verschob Sequenzen im Millisekundenbereich, ließ die sowieso schon diffusen Stimmen im musikalischen Treibsand versinken, versteckte Feedback und Loops wie Ostereier bis in den allerletzten Winkel des Songs, wo sie ein seltsam entrückt wirkendes Eigenleben aus angedeuteten Melodien und Harmonien entwickelten. "Loveless" bekommt damit einen unnachahmlichen Edge, ein scheuerndes, von metallischen Texturen gekennzeichnetes Element, das mindestens so wichtig ist wie dieser tongewordene LSD Trip und seine sich immer weiter ausdehnenden Nebelbänke. Es kann zu einer Herausforderung werden, "Loveless" laut zu hören. Es ist nicht lieblich, nicht cozy, nicht weich. Es ist auch 35 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer das ungezähmte Monster des Indierock. Und in dieser Gestalt bis heute, man muss das so klar sagen, unbesiegbar. 



Vinyl und so: Ich lege wirklich jeder Leserin und jedem Leser das hier verlinkte Interview mit Kevin Shields über dessen Arbeit mit den Vinyl-Remasters ans Herz. Shields Ansinnen war es, ein komplett analoges Remaster von "Loveless" zu erstellen. Es erscheint mir zu ausufernd, das alles hier im Detail wiederzugeben, aber in aller Kürze darf ich mit folgendem Text teasern:

"To do a version of "Loveless" entirely in the analog domain is a tricky thing, because back in 1991, when the record was mastered for CD, LP, and cassette, digital methods were used in its final editing and mastering stages. "Loveless" is defined by its sequencing and flow, and the brief transitions and interludes between tracks are part of what makes the album special. Those transitions were created at least in part using computers, so to re-create them using purely analog technology meant going back to the original tapes and reconstructing them by hand using tape splices.

That was part of Shields’ task for the new vinyl reissue—to create an analog master that didn’t have a single digital stage. But it was only one part. From there, Shields had to find a disc-cutting apparatus that didn’t have a digital process, a rarity in the current landscape. Finding the right facility and making sure its sound was up to snuff turned out to be another expensive and time-consuming proposition."


Und ich meine das jetzt wirklich nicht böse, oder so - aber wenn Dich das nicht dazu bewegt, sofort dem obigen Link zu folgen, bist Du hier irgendwie falsch. 

 
Weiterhören: "Isn't Anything" (1988), "m b v" (2013)





Erschienen auf Creation Records, 1991.