23.10.2013

OOOOOOOOOOOOOOOOOHHHHHHHHHH, CRIKEY!



LAWNMOWER DETH - OOH CRIKEY IT'S...LAWNMOWER DETH


Ich hatte gestern den gesamten Tag über einen (musikalischen) Ohrwurm im Schädel, den ich kurioserweise bis zum Verlassen des Büros nicht eine Sekunde hinterfragte, im Sinne von "was hörst Du denn da schon wieder für einen Mist?". Erst beim tatsächlich ersten Schritt vor die Tür dämmerte es mir: das ist die "Kids In America" Coverversion der britischen Moshcoreler von Lawnmower Deth. Der sich direkt daran anschließende "Wie geil ist das denn?"-Gedanke konnte mir zwar auch nicht erklären, wie ich nach jahrelanger Bandabstinenz plötzlich gerade auf die Chaostruppe kam, aber es war total super, an eine Platte erinnert zu werden, die meine Jugend maßgeblich begleitete.

Lawnmower Deth standen für ihre drei Langspielplatten und die "Kids In America"-Maxi bei der englischen Death'n'Grind-Labelinstitution Earache unter Vertrag und es war vor allem das Debut "Ooooohhhh Crikey It's...Lawnmower Deth!", das mich begeistern konnte. Die Bandmitglieder nannten sich Qualcast "Koffee Perkulator" Mutilator, Concorde Faceripper, Schizo Rotary Sprintmaster, Mightymo Destructimo und Explodin' Dr Jaggers Flymo, auf dem Cover machten ein paar wildgewordene Rasenmäher Supermann fertig, und Titel wie "Can I Cultivate Your Groinal Garden" oder mein persönlicher Favorit "Icky Ficky" waren selbst (oder besser: ganz besonders) für einen vierzehnjährigen Pubertätsbolzen genau das richtige. Ich meine, come on?!

Auch musikalisch hätte man die fünf Irren auch gleich ins entsprechende Haus einliefern lassen können - man wusste irgendwie nicht so richtig, wie man dieses Hardcore, Punk und Thrash-Klamaukgemisch nehmen sollte. Dabei lag die Antwort auf der Hand: am besten mit einem Zwerchfellriss. Im Grunde ist das Debut mit Hits, Hits und Hits gespickt - manchmal einfach nur sekundenlanger Trash, ein ander Mal patent gespielter, naiver und ungestümer Thrash. Ihre Unbeschwertheit fanden Lanmower Deth nach "Oooh Crikey..." nur noch selten. 1994 war nach dem deutlich konventionelleren Album "Billy" Schluss.










Die Band hat sich 2009 für ein paar Auftritte reformiert und gehört seitdem fast schon zum Inventar des Download-Festivals, was nicht verwundert, wenn man sich die Reaktionen des Publikums anschaut. Dabei ist es gleichfalls nicht wenig überraschend, dass die Truppe sich tatsächlich in exzellenter und lebhafter Form präsentiert. Keine Spur von den erwartbaren alten Männern. Hier habe ich euch eine Version von "Icky Ficky" beigefügt (es gab mal noch eine Aufnahme auf Youtube, die diesen Wahnsinn besser ins Bild brachte, aber sie ist dummerweise verschwunden), die total großartig finde:




Und zum Abschluss noch das eingangs erwähnte Cover von "Kids In America":





Auch solche Band werden heute irgendwie nicht mehr gebaut.

Erschienen auf Earache, 1990.

17.10.2013

Tout Nouveau Tout Beau (9)

dEUS - FOLLOWING SEA

dEUS sind für mich die europäische, aufgeräumte, intellektuelle Version der kaputten Afghan Whigs. Der zweifellos in ihrer Musik zu erkennende Hedonismus ist im Gegensatz zu jenem eines Greg Dulli dabei weniger zerstörerisch, dafür introspektiv und eine Spur überlegter. Wo sich Dulli im Heroinnebel die Arme mit einer geplatzten Vodkaflasche zerschnippelt, sitzt dEUS-Fronter Tom Barmann in einem Pariser Café, trinkt - Überraschung - Kaffee (schwarz, stark) und raucht Gitanes, wenn er in einem Pariser Café noch rauchen dürfte. Und er verzehrt sich. Innerlich. Nach Liebe und Freiheit und Ficken und Emotion. Es geht um die Verbindung von Pimmel, Kopf und Bauch und dEUS kämpfen um jedes Neuron. Oder Spermium. Oder meinetwegen auch: jeden Ton. Wie so manches auf ihren Platten nach der Wiedervereinigung ist vieles völlig vockstark, um nicht zu sagen: vegeisternd, so manches schießt in seiner Banalität auch über das Ziel der offenen Hose hinaus. Der auf französisch gesungene (und in meiner Wahrnehmung alleine deshalb irgendwie obszöne) Opener "Quatre Mains" und der Rausschmeißer "One Thing About Waves" sind große Intesitätsmonster, letzteres wird sogar von der Herzallerliebsten goutiert; dagegen ist "Girls Keep Drinking" ein nicht irrsinnig spannender Abklatsch von "The Architect" (von "Vantage Point"), und "Crazy About You" wirklich nur Kitsch, und ist darüber hinaus sehr übersichtlich veranlagt. Das wichtigste Element von "Following Sea" ist aber die Geschlossenheit nicht nur dieser Platte, sondern dieser Band im Allgemeinen. dEUS wissen hundertprozentig, wie sie klingen wollen, und wie sie klingen müssen. Und das bleibt auch auf "Following Sea" ihr inspirierendstes Element.

Erschienen auf Play It Again Sam, 2012.




BVDUB & LOSCIL - EREBUS

Google verrät mir, dass bislang noch niemand in deutscher Sprache über diese Platte geschrieben hat, und selbst wenn "Erebus" erst seit Anfang dieser Woche erhältlich ist, kann, nein muss ich es ändern. Über Brock van Weys BVDUB und seiner Armee an veröffentlichter Musik im Laufe des Jahres wird an anderer Stelle und zu einem späteren Zeitpunkt noch zu reden und schreiben sein. Dass mich diese Kooperation mit Loscil (aka Scott Morgan) sehr kurzfristig wieder an exakt jene Wand schleudert, an der noch heute ein Abdruck meines zerschmetterten Körpers zu finden ist, weil ich sein "The Art Of Dying Alone"-Album vielleicht das ein oder andere Mal zu oft, zu laut und zu endorphinisiert gehört habe, will ich jetzt schon loswerden. Es gibt Momente auf dieser Platte, die mir schier die seelenlose Hülle meines irdischen Daseins sprengen. Es ist laut, manchmal nah an der Unerträglichkeit. Ich will, ach was: ich muss platzen. Ich bekomme körperliche Reaktionen. Schweißausbruch. Husten. Jetzt könnte man sagen, ich soll aufhören das Poster von Kristina Köhler anzuschauen, aber was alleine "Aether" mit mir anstellt, ist beeindruckend, beängstigend und macht einen am Ende des Tages dann eben doch zwei Köpfe größer, mindestens aber zu einem besseren Menschen. Genug der Lobhudelei, nur eins noch: "Erebus" erscheint auf Glacial Movements. Spätestens jetzt wissen die Eingeweihten, was zu tun ist. Genau, Fieberthermometer und Wadenwickel. 

Erschienen auf Glacial Movement, 2013.




BOARDS OF CANADA - TOMORROW'S HARVEST

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich mit "Tomorrow's Harvest" anstellen soll und ehrlich gesagt weiß ich es immer noch nicht so genau. Mein Gefühl zu dieser Platte ist völlig indifferent, und ich habe mich für diesen Blogpost kurzerhand dazu entschieden, dass ich jenes Gefühl als kein allzu gutes Zeichen werte. Wenn ich auch nach mehreren Wochen des ausgiebigen Hörens immer noch nicht weiß, was das hier alles soll, ist für gewöhnlich Ärger im Verzug.

Zugegeben, der Hype um die Veröffentlichung dieses Comebacks der beiden Schotten Michael Sandison und Marcus Eoin Sandison machte es mir zunächst schwer, überhaupt vorurteilsfrei an "Tomorrow's Harvest" heranzutreten - dieser ganze Quatschhaufen aus limitierten LPs und Maxis, Streamingsessions in der Wüste, rätselhaften Zahlenkombinationen und dieser ganz grundlegend elitäre Dreck kann mich mal kreuzweise. Natürlich lebt der Mythos Boards Of Canada auch und insbesondere genau davon, aber trotzdem wäre man noch vor wenigen Jahren einhellig der Meinung gewesen, dass gerade die Musik dieser beiden Phantome all das nicht notwendig hat. Im Jahr 2013 gehört das Klappern aber eben auch (und insbesondere) zur Hipster-Internet-Welt der Pitchfork-Generation, und die erzielten Chartpositionen beweisen zumindest die geschäftliche Relevanz dieser Taktik.

Die künstlerische Seite ist schon eine Spur heikler, zumal die Platte den Hype im Prinzip zu keiner Sekunde rechtfertigt. Aber so ist es ja irgendwie immer. Welche Platte rechtfertigt schon einen übertriebenen Hype? Talking about Erwartungshaltung. Zumal es ja im Grunde auch keinen mehr interessiert, wenn die Platte mal im Schränkchen steht. Insofern passt "Tomorrow's Harvest" bestens in die heutige Zeit der Verschleierung und des Plastikwahns. Dabei stricken die beiden Brüder ihre Musik zwar immer noch eindeutig nach altbewährtem Muster, haben die interessanten, experimentelleren und tief eingegrabenen, verschlungenden Pfade der Vergangenheit mittlerweile aber weitgehend verlassen und setzen hinsichtlich Stimmung und Atmosphäre auf haudünn ausgerolltes musikalisches Butterbrotpapier. Vieles auf "Tomorrow's Harvest" ist für meinen Geschmack viel zu anschmiegsam, zu gefällig und in der Konsequenz genau so trüb wie die Skyline San Franciscos auf dem Coverartwork. Manches ist besser ("Nothing Is Real"), manches geradezu gruselig ("Split Your Infinities", "New Seeds"), während der vor sich hin dümpelnde Mittelteil der eindrücklichste Beweis dafür ist, dass einer wie Four Tets Kieran Hebden die beiden Brüder in Sachen Kreativität, Spielwitz und Tiefe mit Karacho rechts überholt hat.

"Tomorrow's Harvest" ist die generationsangepasste Light-Version der Boards Of Canada - man kann den jungen, wilden, kreativen Latte Macchiato Menschen von heute einfach nicht mehr zumuten. Sehen wir's ein. Marketing took over.

Erschienen auf Warp, 2013.

08.10.2013

06.10.2013

Blank When Zero support Sea Shepherd



Im japanischen Taiji läuft auch in diesem Jahr das große Abschlachten von Walen und Delfinen. Sea Shepherd ist erneut mit einem Team vor Ort und dokumentiert die Ereignisse.

Ich schrieb es erst vor kurzem, dass ich mich normalerweise nicht durch diese Schreckensbilder/-videos klicke, weil ich damit schlicht nicht klarkomme. Hier habe ich ein paar Minuten überlegt, mich dann am Ende dafür entschieden. Ich kann es im Grunde niemandem empfehlen, sich das wirklich anzuschauen, andererseits dann aber eben doch. Es ist manchmal nicht so schlecht, sich darüber Gedanken zu machen, zu was der Mensch fähig ist. Und wenn ich sage "der Mensch", dann meine ich damit uns. Uns alle. Wir sind das. Und es wird endlich mal Zeit, auch dafür Verantwortung zu übernehmen.

Der Nachteil: man fühlt sich sofort schuldig. Und mit was? Mit Recht.


Blank When Zero, unsere kleine Punkband mit den kleinen Songs und großen Vinylschallplatten, unterstützt seit einiger Zeit Sea Shepherd, eine Umweltschutzorganisation, die sich den Schutz der Meere zum Auftrag gemacht hat. Ich hatte Sea Shepherd schon im letzten Jahr auf diesem Blog erwähnt.

Nun ist's so, dass sich Simon, Marek und meinereiner dazu entschlossen haben, unsere letzte und immer noch aktuelle Platte via Bandcamp zum Download anzubieten. Bislang war der Download exklusiv mit einem Kauf der Schallplatte verbunden.

Wir möchten im Zuge der Ereignisse in Taiji Sea Shepherd mit einer Spende unterstützen und bieten deshalb auf unserer Bandcamp Seite unser "Einerseits..."-Album als "Name Your Price"-Download an. Das heißt: ihr bestimmt, wieviel Geld ihr bereit seid, für die digitale Version der Platte zu zahlen und wir übergeben den kompletten Erlös dieser Aktion an Sea Shepherd. Der Minimalbetrag pro Download ist 1 Euro.


Blank When Zero - Bandcamp

Die Aktion wird bis zum 31.12.2013 laufen. Alle eingegangenen Beträge werden über Bandcamp direkt auf das Konto von Sea Shepherd geleitet. Das heißt, wir fallen als Durchlauferhitzer weg. Damit habt Ihr mehr Transparenz (und die Paypal-Ficker weniger von ihren Scheißgebühren).

Was Ihr nun tun müsst, wenn Ihr wollt: teilt diesen Blog-Link und den Bandcamp-Link mit Euren Freundinnen und Feunden. Meinetwegen auch mit irgendwelchen anderen Menschen. Ist uns egal.

Spread the word. Und saugt uns kaputt.

P.S.: Natürlich könnt ihr auch weiterhin das blaue DIY Vinyl für 10 Euro inklusive Versand bei uns bestellen. Ihr könnt dafür auch Bandcamp verwenden - oder kontaktiert uns direkt via Facebook, oder unter flow [at] dreikommaviernull [dot] de. Bitte verwendet diese Kontaktdaten auch dann, wenn Ihr Fragen zu dieser Aktion habt, oder wenn irgendwas auf Bandcamp nicht funktionieren sollte.

Vielen Dank von
Simon, Marek & Flo

04.10.2013

Four Tet - Beautiful Rewind


Ich hatte Kieran Hebdens Four Tet-Moniker nach dem ziemlich schwachen "Pink"-Album aus dem Jahr 2012 etwas aus den Augen verloren. Die Magie, die er auf dem immer noch fantastischen "There Is Love In You" entfesselte, konnte ich auf "Pink" nicht heraushören - zu zerfasert und orientierungslos erschienen mir die Tracks, die mir bisweilen auch hinsichtlich der ausgewählten Sounds faustgröße Löcher in mein Nervenkostüm frästen.

Das in den kommenden Tagen erscheinende neue Werk "Beautiful Rewind" macht nach den ersten Durchläufen einen bedeutend besseren Eindruck auf mich und spielt sich damit in die Kandidatenreihe für die Jahres-Top 20. Neu-Deutsch und Alt-Behindert heißt sowas im Jahr 2013: es ist shortlisted.

Hebden hat für eine begrenzte Zeit den kompletten Albumstream auf Soundcloud gewuchtet. Viel Spaß beim Hören (und gebt dem dusseligen Soundcloud-Geschwerrl hier unten drunter ein paar Sekunden Zeit zum Laden).

Anmerkung: hier war mal eine Soundcloud-Box mit dem Komplettstream des neuen Four Tet Albums hinterlegt. Mittlerweile ist das Album offiziell digital verfügbar, weshalb Hebden den Soundcloud-Link wieder von Netz nahm. Ihr findet die Platte, sowohl physikalisch als auch digital bei den einschlägigen Mailorders.

03.10.2013

Urban Haschisch


BRAZZAVILLE - EAST L.A. BREEZE

Ich weigere mich ja noch standhaft, die Heizung anzuknipsen, wenngleich es hier und da schon etwas arg frisch in der just neu bezogenen Höhle werden kann. Ehrlich gesagt wäre ich unter normaleren Umständen schon vor zwei Wochen zum ersten Mal im Keller vor dem Heizboiler aufgetaucht, aber die drei Millionen Kubik an Pressspanplatten aus der Vormieterwohnung versperren den Weg dahin. Das habe ich superclever gemacht, ich weiß. Aber hey, es war Ende Juli, als ich den Kellerraum zurammelte, wer denkt da schon an den Herbst?! Wer dem Sommer jedenfalls noch die ein oder andere Träne nachweinen möchte, sich mit aller Gewalt auch noch im Oktober in Badeshorts und -latschen schießen und sich einen eiskalten Cuba Libre in die Unnerbüx gießen will, dem kann geholfen werden, wenigstens hinsichtlich des Rubrums "vom Feeling her hab ich ein gutes Gefühl": Brazzavilles "East L.A. Breeze" aus dem Jahr 2006 macht selbst aus meinem Keller eine stickige, schummrige Strandbar. Hochsommer, drei Uhr in der Nacht, Strohhut, weißer Rum. Und draußen schwappt das halbe Klärwerk durchs Mittelmeer.

Dabei machte "East L.A. Breeze" eine erstaunliche Metamorphose durch. Das sechste Studioalbum der Band mit dem im selbstauferlegten spanischen Exil lebenden Sänger, Gitarristen und Songwriter David Brown sorgte zunächst alleine ob des schwer in den Vordergrund gerollten Gesangs für mittelschwere Skepsis, die Herzallerliebste rümpfte aufgrund der Intonation und des bassigen, extra_extra_extralässigen Timbres Browns gar ausgiebig die Nase. Der Gewöhnungseffekt arbeitet jedoch gemeinsam mit der Aura dieses Albums erfolgreich daran, die Stimme nicht nur als Teil des Ganzen, sondern als fundamentalen Bestandteil dessen zu sehen, was diese Musik in erster Linie ausstrahlt. Wer sich darauf einlässt bekommt einen tiefenentspannten, zu gleichen Teilen emotionalen und gar hedonistischen Seelenschmeichler geschenkt, der introvertiert und reflektiert von der Liebe und von der Welt erzählt. Brown, der seit Ende 2003 seine Zelte in Barcelona aufgeschlagen hat, begeistert dabei mit seiner beeindruckenden Lebenserfahrung und -weisheit, die aus nahezu jedem Ton rinnt. Sein Leben als Ausreißer auf den Straßen von Hollywood, seine musikalischen Erfahrungen (u.a. als Saxofonist in der Tourband von Beck), sein völker- und kulturverbindendes Leben und Schaffen lassen sich in seinen Kompositionen, seinem Gesang und seinem Auftreten wieder entdecken.

Heute ist "East L.A. Breeze" fester Bestandteil der Sammlung, hat bislang jede große Verkaufsrunde überstanden, und ist mittlerweile sogar bei meiner Mitbewohnerin zumindest respektiert. Ich erinnere mich daran, wie wir im letzten, schon viel zu lange zurückliegenden Urlaub, diesen hyperleicht vor sich hin groovenden Track zum Aufwachen hörten, während draußen sich das Meer an die Küste kräuselte. Wunderbare Tage in Clichy.





Brown, der Brazzaville im Mai 2009 auflöste, bevor er sie im Juni (!) des gleichen Jahres wiederbelebte, feiert mit seiner Musik seit Jahren größere Erfolge in Russland und in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, nachdem der Radio-DJ und Kritiker Artemy Troitsky die Band für sich entdeckte und immer öfter in seiner Radioshow spielte. Auch in der Türkei sind Brown und Brazzaville längst keine Unbekannten mehr. Brown ist Lebemann, Kreativexplosion, Macher, Romantiker, Utopist in einem. In wenigen Wochen erscheint das via Kickstarter vorfinanzierte Konzeptalbum "Morro Bay", im Sommer 2014 wird die Band auf der Wolga und auf dem vielleicht eigens umgebauten und eigenen Schiff für Waisenkinder und Senioren spielen, und im Bandmanifest heißt es:

Brazzaville is dedicated to the naïve idea that the world is a beautiful place filled with wonder. We believe that there is another reality, just below the surface of our waking world, in which all is well. This is the true reality for us. We are committed to becoming less afraid of the world around us by helping others whenever possible. We love playing music and we dream of having a ship that runs on waste oil so that we may travel the seven seas making new friends and eating salted cod and mangosteen.





Man kann das alles nun wirklich schlechter machen.

Erschienen auf Vendlus Records, 2006.

02.10.2013

Ich habe Sex mit Rosenkohl

"Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Tür zu ist, damit ja nicht der Hund hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen."
Albert Schweitzer

Fast vierzehn Monate sind's, um wenigstens halbwegs genau zu sein - eigentlich wollte ich diesen Text bereits zum einjährigen, hrrrch, Jubiläum geschrieben haben, aber das haute aus den bekannten Gründen nicht hin. Ich weiß jedenfalls noch, was das letzte Lebensmittel war, in dem Spuren von Tieren enthalten waren: ein Nutellabrot. So lautete nämlich meine Abmachung mit mir selbst. Das offene Nutellaglas wird noch leergemacht, danach ist Schluss damit. Schluss mit Käse, Milch, Joghurt. Auf Eier hatte ich schon knapp zwei Jahre zuvor verzichtet. Fleisch wurde ab 1.1.2010 vom Speiseplan gestrichen. Dass Nutella ebenfalls in den Orkus des Vergessens wanderte, ist doppelt prima: Ferrero und ihr CDU-Spendensumpf können mich seitdem mal gepflegt sonstwo. Nik-Nak.

Die Entscheidung, den wenigstens für mich logischen Schritt vom Vegetarier zum Veganer zu gehen, fällte ich in Rekordzeit, praktisch im Affekt. Und das, obwohl ich furchtbar schlecht im Entscheiden bin. Was deutlich untertrieben ist, denn Entscheidungen sind der Teufel. Ich kann soviel logisch abwägen, wie ich will, mein Herz macht mir meistens einen Strich durch die Rechnung. Diesmal hielt es erstaunlicherweise die, haha: Klappe. Ich lag also mit der Herzallerliebsten an einem Samstagnachmittag auf unserem Bett (wir hatten unsere Klamotten noch an, das nur für die Freaks unter meinen Lesern, die sowas gerne in eine Exceldatenbank einpflegen), ich sinnierte ein paar Minuten vor mich hin und plötzlich, richtigerweise von jetzt auf gleich, war ich davon überzeugt, dass ich jetzt vegan leben will. Beziehungsweise muss. Sobald dieses vermaledeite Nutellaglas leer ist, geht's los. Die Moral: wenn's wichtig wird, geht's halt auch ohne wochenlang andauernde Mehrheitsentscheidung. Die Diktatur des Herzens, ein dolles Ding.

Meine Gewissensbisse als Fleischesser waren enorm, tatsächlich wurden sie von Jahr zu Jahr größer. Aber es ist, vor allem nachträglich, verblüffend zu erkennen, zu welchen absurden Verhaltensweisen einen das eigene Bewusstsein bringen kann. Man schiebt einfach alles weg. Es ist alles egal. Solange einem die Fleischbrühe nur das Kinn runterläuft, ist alles gut. Wie es sich so lebt, in Saus und Braus, als selbstgerechtes Arschloch. Ich wusste das alles, ich wusste, wie es in Schlachthäusern zugeht, wie wir als Gesellschaft grundlegend mit Tieren umgehen, wie viele von ihnen wir knöcheltief in der eigenen Scheiße stehen lassen und dann in große Transporter einpferchen. Und je deutlicher und plastischer die Bilder in meinem Kopf wurden, umso mehr hat es mich zerrissen. Es hat so wehgetan, dass mein Kopf den "Erase All"-Schalter drückte. Was ich nicht sehe, existiert nicht. Alles ist gut, weitermachen.


Ich habe oft versucht, Earthlings zu schauen. Ich hielt es nie länger als zehn Minuten aus.


Dann wird anschließend mit traurigem Blick die eigene Katze geherzt und geknuddelt, ich bin ja schließlich Tierfreund - Was essen wir heute Abend eigentlich? Hack! Super! Und mit noch viel traurigerem Blick höre ich mich heute noch sagen:"Ich komm' einfach nicht davon los. Ich komm' von der Scheiße einfach nicht los." Und es stimmt ja auch, es ist nicht einfach, sich aus dieser hierzulande manifestierten Fleischkultur herauszuziehen. Fleisch ist immerhin ein Stück Lebenskraft. Und wer kein Fleisch isst, wird krank. Oder schwul. Am Ende gar beides, da müssen wir nochmal die CDU fragen. Oder Ferrero.

Alles ist aus Blut, Gedärm und Tier. Wenn wir Springbrunnen bauen könnten, aus denen abwechselnd Schmelzkäse und Leberwurstsaft emporsprudelt, unsere Kinderspielplätze wären voll davon. Wir würden's tun, logisch. Damit auch die Kleinen schon lernen, wie man wie die Klingonen alles vollfurzt und zukackt. Am besten fragen wir dazu mal die beiden kleinen Bälger, die in der Fernsehwerbung dem Journalistendarsteller Jörg "Fleischwurst" Pilawa (Disclaimer: Link führt zu einem Youtube-Video und zu Werbung, wenn Du das nicht sehen willst, dann klick' den Mist nicht an) an irgendeinem zugeschissenen aber irrsinnig idyllischen See entgegengerannt kommen, weil der liebe Onkel mit Süßigkeiten Frikadellen in der Plastikhdose in der Gegend rumwedelt. Vielleicht wäre es ja aber auch viel eher angemessen, Hänsel und Gretel nebst ihren Scheißeltern mal für einen Tag in einem Geflügelmastbetrieb einzuschließen und ihnen die Augenlider am Hinterkopf festzutackern, damit sie bloß nicht auf die Idee kommen, angesichts dieser abgrundtiefen Schweinereien die Matzelaugen zu schließen. Einfach mal zwei Stunden an den Schredderautomaten anbinden, in den lebende männliche Küken zu Tausenden reingefeuert werden, dann ein Leben lang eine schöne Verhaltenstherapie.

“I don't mean to sound bitter, cold, or cruel, but I am, so that's how it comes out.”
(Bill Hicks)

Der Auslöser, zu Beginn des Jahres 2010 endlich auf Fleisch zu verzichten, war eine Verkehrsdurchsage im Radioprogramm des Hessischen Rundfunks. Es war ein Freitagabend im Dezember 2009, und ich kann mich noch daran erinnern, ziemlich lange im Büro gewesen zu sein. Auf der Heimfahrt berichtete die Frau im Radio über einen Stau auf irgendeiner Autobahn, es sei ein Viehtransporter verunglückt. Bis hierhin nimmt man das vielleicht noch bräsig-dampfend hin, ohne sich in die nächste Familienpackung Rasierklingen zu stürzen; wie gesagt, das Hirn kann ganz schön viel wegstecken, im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann fuhr die Stimme aber fort:"150 Kälber überlebten das Unglück, 150 Kälber wurden getötet." Der Tag war lang, wahrscheinlich war er auch gar nicht so erfüllend, und ich war im Grunde auch gar nicht mehr aufnahmebereit, für was auch immer. Aber die Information konnte ich dann glücklicherweise noch verarbeiten: 300 Kälber. Dreihundert Kälber? Auf einem LKW? Etwa zwanzig Minuten später schloss ich die Wohnungstür hinter mir und mein erster Satz zur Herzallerliebsten lautete:"Ich höre auf mit Fleischessen." Und dann wurde ich krank. Und schwul. Wenn nicht gar beides. Und ich treibe es mit Rosenkohl.


Was ich eigentlich mit all dem sagen wollte: von mir wird es kein "Mir geht's so gut wie noch nie!" geben, ich laufe neuerdings auch nicht nackig durch die Straßen und schmeiße mit Räuchertofu um mich, und ich gebe mir auch Mühe, Fleischesser nicht in die moralische Strafecke zu stellen, jedenfalls solange sie nicht immer noch die Grünen wählen. Mein Körperbewusstsein hat sich nicht so irrsinnig geändert, auch wenn ich seit der Umstellung von vegetarisch zu vegan knappe neun Kilo abgenommen habe. Der geistige Wandel ist indes viel deutlicher zu spüren, und das ist mir bereits nach wenigen Tagen aufgefallen. Es mag sich nach der Verarbeitung eines bösen Klischees anhören, aber ich empfinde unseren gesellschaftlichen Umgang mit Tieren aus ethischer Sicht, inklusive der ökonomischen Potenz der Massentierhaltung, des Konsums und der medialen Aufbereitung durch Werbung, Redaktionen und auch politischer Meinungshoheit praktisch mit jedem Tag abstoßender, bizarrer, verantwortungsloser und inakzeptabler. Franz Alt, zugegebenermaßen keine gute Quelle für allzu Hellsichtiges, sagte mal, dass er der festen Überzeugung sei, es käme der Tag, an dem sich die Menschheit kollektiv bei den Tieren entschuldigen würde. Ich weiß nicht, ob ich diesen Tag noch erlebe, auch wenn ich gleichfalls daran glaube, dass er auf jeden Fall kommt.

Aber ich stände mittlerweile vermutlich in der ersten Reihe.