27.09.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #144: June Of 44 - Tropics And Meridians (1996)





JUNE OF 44 - TROPICS AND MERIDIANS


"Nobody asked, America delivered" (Garron Noone)


Die sich ab der Mitte der neunziger Jahre entwickelnde Noise- und Postrockszene mit dem Epizentrum im US-amerikanischen Louisville, Kentucky hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, selbst wenn die Verbindung erst ein paar Jahre nach dem Urknall zustande kam und die meisten Pioniere zu jenem Zeitpunkt das Rampenlicht schon wieder verlassen hatten. Mein Einstiegspunkt hieß auch nicht Louisville, sondern Chicago: The Sea And Cake, Trans Am, Tortoise und das legendäre Label Thrill Jockey öffneten mir knapp zehn Jahre später die Tür für diesen Sound, und weil all das für mich so aufregend und kopfverdrehend war, erweiterte sich das frisch zu beackernde Feld schnell in Richtung Kanada (Band: Godspeed You! Black Emperor, Label: Constellation Records) und eben Kentucky mit Bands wie Rodan und Slint. Diesem Ökosystem entsprangen auch June Of 44, die sich 1994 mit Musikern von Lungfish, Hoover, Rex und eben Rodan neu formierten. 

Ich schrieb im Rahmen der Vinyl-Reissues ihrer ersten beiden Alben "Engine Takes To The Water" (1995) und das ein Jahr später erschienene "Tropics And Meridians" schonmal davon, dass es ganz bestimmt kein schwaches June Of 44-Album gibt, aber vor allem jene zwei Werke von herausragender Qualität sind.  


In meinem ersten Review zu "Tropics And Meridians" aus dem Jahr 2012 heißt es:


"Es ist wie fünfunddreißig Jahre altes Gebäck, wie von Würmern, Käfern und Raupen durchbohrtes Holz, wie frisch gefallener Schnee, wie naive Malerei in Grau. Wer die Schritte leise zelebriert und die Pinselstriche verfolgt, der hört das Knarzen und das Kratzen. Das tumbe Ächzen unter dem Druck der eigenen Existenz im Angesicht der öden Leere, zerfasert und spröde, brechend und spleißend. Ein Königreich für mehr Luft und mehr Raum."


Und June Of 44 lieferten Luft und Raum. Erstens muss hier die Produktion von Bob Weston erwähnt werden, diesem Underground-Heiligen, der nicht nur mit Steve Albini die Noiserockband Shellac gründete, sondern später auch mit ihm an der Produktion von Nirvanas "In Utero" zusammenarbeitete. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte "Tropics And Meridians" vor allem hinsichtlich des so unmittelbaren und räumlichen Schlagzeugsounds locker als eine Arbeit von Albini durchgehen. Zweitens sind es die expansiven Songs des Quartetts, die ihren Kosmos so weit aufziehen, bis es im letzten freien Atom dann plötzlich doch wieder klaustrophobisch wird:


"Es ist einerseits die Dringlichkeit, andererseits die Unschuld in dieser Musik, die durch zerklüftetes Emotionsgebirge gleiten kann wie ein heißes Messer durch Butter. Die Band zieht keinen Pathos aus der verschrobenen und manchmal etwas theatralisch wirkenden Ästhetik, stattdessen pendelt sie manisch zwischen Rückzug und Attacke, zwischen klarer Linie und porösem Zaudern - und alle Räume werden ohne Rücksicht auf Verluste eingenommen."


Was für mich mit dem Siegeszug des Grunge begann - und ich rede hier in erster Linie von jenem Stil, der unter dem Radar solcher Pop-Produktionen von "Nevermind", "Ten" und "Dirt" existierte, also dem ruppigen, assigen, verschwitzten Garagenrock, für den Authentizität und Wahrhaftigkeit so selbstverständlich wie alternativlos waren - setzte sich mit dieser Spielart des Postrocks fort. Es wird nicht viel echter, reiner, wahrer als "Spiderland", "Rusty", "Engine Takes To The Water" und eben "Tropics And Meridians". June Of 44 sind zügellos, grüblerisch, künstlerisch, wild, introspektiv, intellektuell. In dieser Kombination vielleicht das beste, was Rockmusik werden kann. 



Vinyl und so: Nachdem die Erstpressung in den nuller und zehner Jahren zumindest in Europa rar und daher auch teuer war, hat der Repress aus dem Jahr 2020 offensichtlich zu einer Veränderung geführt: sowohl das Original als auch den Repress gibt's hierzulande mittlerweile für um die 25 bis 30 Euro. Aufgepasst bei der 1996er Version, der damals eine Sammlung von separat verpackten Briefmarken beilag: einige Second Hand-Anbieter schweigen sich darüber aus, ob die Briefmarken noch vollzählig (oder überhaupt) enthalten sind. Der 2020er Repress auf farbigem Vinyl kommt ohne Briefmarken aus, bekam als Ersatz allerdings ein Riesenposter als Beilage. 


Weiterhören: "Engine Takes To The Water" (1995), "Four Great Points" (1998), "Live In Tokyo" (2026)






Erschienen auf Quarterstick Records, 1996. 




13.09.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #145: Nymphs - Nymphs (1991)




NYMPHS - NYMPHS


In Erinnerung an Inger Lorre. (1963 - 2024)


“It’s a man’s world and, every day, I get reminded of the fact. I’ve had to fight the record company every step of the way. I’ve had to constantly remind them that I’m an artist, not a blow-up doll. They’re always handing me this crap that we could sell a million right off the bat if we had done this and if I posed like that or if I had worn that.” (Inger Lorre)



Es ranken sich so viele wüste Mythen um diese legendäre Band, dass ich gar nicht weiß, mit welcher Geschichte ich zuerst beginnen soll. Und als wäre das nicht schon Herausforderung genug, sollten im besten Fall noch ein paar Worte über die Musik ihres Debuts verloren werden; wenn ich auf den Spuren Roger Willemsens wandeln würde, für den die Herstellung von Präzision beim Schreiben das vornehmste Ziel war, gäbe es Tage, an denen ich es einfacher fände, mit ebenjener Präzision einen technischen Bauplan für ein Atomkraftwerk zu entwickeln, als über "Nymphs" zu schreiben. Ich kann an die Sache freilich immer oberflächlich rangehen, aber hey - Wo bleibt da der Spaß? Und erst recht die Verzweiflung?


Die Nymphs wurden 1985 von Sängerin Inger Lorre und Bobby Belltower in New Jersey gegründet. Nach ihrem Umzug nach Los Angeles, der außerdem auch den Beginn von Lorres Heroinsucht markierte, und einer Reihe von überaus wilden Liveauftritten, die der Band einen so aufregenden Buzz wie zweifelhaften Ruf nebst Auftrittsverbote einbrachten, gewann das Majorlabel Geffen Records 1989 den Bieterwettbewerb um die Nymphs und legte zunächst 900000 Dollar für die Vertragsunterschrift und später eine glatte Million für die Produktion des Debutalbums auf den Tisch. Dass ihre Band überhaupt auf einem Majorlabel landete, war für Lorre stets ein Mysterium: 


“I was surprised that a band like the Nymphs got signed to a major label. It was hilarious considering that all of our songs have one or two chords and were all about drugs and suicide. At first, Tom Zutaut [A&R-Manager, Geffen] expected me to fire my whole band. Now, he’s apologizing. I want this to be a band, not me and a bunch of session players as was suggested so many times at the beginning."


"Nymphs" wurde 1989/1990 zusammen mit Produzent Bill Price aufgenommen, allerdings nicht ohne Probleme. Geffen's Tom Zutaut war so beeindruckt von Price' Arbeiten mit den Nymphs, dass er nicht nur zunächst Tapes davon an das Lager von Guns 'N Roses weiterreichte, sondern Price schließlich von der Nymphs-Produktion abzog und ihn stattdessen den Mix der beiden "Use Your Illusion"-Alben anvertraute. Die Nymphs wurden damit zum Nebenprojekt. Das ließ Inger Lorre nicht unbeantwortet:


“When I found out about the lies that Tom Zutaut had told me, I drank a six-pack before going into his office with Bryn and David from our management company, then I said – "Tom, can I show you an analogy?" He said – "Yeah." I made him sit 10 feet away from his desk. I took five poppies and put them on his desk. I said – This is my band. I crushed them all together and I said You see this? People are flesh and bone just like flowers are made up of atoms, but you can just crush them. I took all the flowers and put them in a pile. I just lifted up my dress, and I was wearing these crotchless fishnet stockings. I said – Tom, you’re fucking us in the back and pissing on our souls. So I pissed on the flowers, which ran off the desk into this big puddle."


Als "Nymphs" endlich im Oktober 1991 erschien, wurde es vom Hype um Metallicas schwarzem Album, den beiden "Use Your Illusion"-Alben, Soundgardens "Badmotorfinger", "Blood Sugar Sex Magik" der Red Hot Chili Peppers und natürlich Nirvanas "Nevermind" erbarmungslos weggespült. In den ersten sechs Monaten nach der Veröffentlichung verkaufte sich das Debut trotz guter Kritiken nur 40000 Mal. Die Nymphs lösten sich Ende 1992 auf, nachdem Lorre zunächst ihrem damaligen Freund Rodney Eastman während eines Konzerts in Anaheim, Kalifornien auf der Bühne einen Blowjob gab und sich kurz darauf weigerte, bei einem Konzert in Florida im Vorprogramm von Peter Murphy auf die Bühne zu gehen. Lorre wurde gefeuert, was auch das Ende der Nymphs besiegelte. Man käme nicht auf Idee, die Karriere der Nymphs mit all den Exzessen, Besetzungswechseln und einer zwischen Genie und Wahnsinn herumflippernden Frontfrau einen Spaziergang zu nennen, aber die Situation geriet insbesondere gegen Ende ihres Bestehens ganz offensichtlich immer weiter außer Kontrolle.


So blieb "Nymphs" das einzige Album dieser fantastischen Band. Am besten traf es vielleicht Mike Gitter im englischen Kerrang-Magazin, der die Musik der Nymphs als "Black Sabbath jamming with Siouxie Sioux and the Banshees" beschrieb. Ein Album voller labyrinthischer Zwischenwelten, falscher Fährten, Wut und Verzweiflung. Dabei taucht so mancher Genreverweis nur in Spurenelementen auf und wird dennoch wie von Geisterhand zur bestimmenden Identität; in erster Linie wird's eher die blanke Hilflosigkeit gewesen sein, irgendeine Schublade für diesen so besonderen Sound zu finden. Für Allmusic's Brian Flota war "Nymphs" beispielsweise das letzte echte gute Glamrock-Album, andere versuchten sich mit Grunge, Postpunk und Gothic Rock weiterzuhelfen. Vielleicht ergeben auch die manchmal ins Spiel gebrachten Parallelen zu den ersten beiden Warrior Soul-Alben (für die im Prinzip die ganze eben gemachte Genre-Aufzählung auch stimmig wäre) einen Sinn. Es ist immer verlockend, bei solch abenteuerlicher, kaum akkurat zu dechiffrierender Musik davon zu schreiben, dass die Zeit einfach noch nicht reif gewesen wäre, um damit den ausgebliebenen Erfolg zu rechtfertigen - das klingt bei aller Verkürzung immer gut, weil es sich so anfühlt, als hätte man tatsächlich eine Ahnung und nicht nur einen Hang zur Überheblichkeit. Im Falle der "Nymphs" und im Kontext der sich zum Zeitpunkt der (verspäteten) Veröffentlichung so gravierend verändernden Musik- und Kulturlandschaft neige ich allerdings eher zu einem "sie waren vielleicht ein Jahr zu spät dran" und verweise außerdem auf "Facelift" von Alice In Chains und Mother Love Bones "Apple", die beide im Jahr 1990 erschienen und auf denen sich gleichfalls eine markante Glam-Note finden ließ. Andererseits wäre es selbst dann immer noch zu bezweifeln, ob dieses auch textlich so abgründige Album der Nymphs über ertrinkende Achtjährige ("The River"), Liebesbeziehungen von Minderjährigen mit Serienmördern ("The Highway"), Depressionen, Selbstmordgedanken und die zu jener Zeit sicherlich noch stärker als heute ausgeprägte Misogynie angesichts einer unberechenbaren Frontfrau zu einem größeren Erfolg geführt hätten. Die Nymphs waren ganz bestimmt keine einfache Band, keine stabile Band. Sie existierten allerdings auch nicht in einfachen, stabilen Zeiten. 


Inger Lorre arbeitete nach dem Ende der Nymphs noch (unter anderem) mit Jeff Buckley zusammen, der sie mal als "patron saint of fucked over musicians" bezeichnete. Das Ergebnis dieser Kollaboration ist auf seinem posthum erschienenen Album "Sketches For My Sweetheart The Drunk" zu hören. Sie veröffentlichte 1999 das ebenfalls herausragende Soloalbum "Transcendental Medication". Inger Lorre starb im Oktober 2024 an einer Krebserkrankung. 


Weiterhören: Inger Lorre - "Transcendental Medication" (1999).


Vinyl und so: Für die Erstpressung in gutem Zustand bezahlt man mittlerweile um die 45 Euro. Im Jahr 2016 wurde das Album von Rock Candy auf CD (mit einem Remastering) neu aufgelegt. 


Sonst noch was?: Iggy Pop singt auf dem Song "Supersonic" die Backing Vocals.


Imitating Angels
 


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Sad And Damned



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Special Bonus-Bonbon: Nymphs Live in San Francisco


 



Erschienen auf Geffen Records, 1991.