08.08.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #147: Helmet - Betty (1994)




HELMET - BETTY


Now I'm not dead I'm breathing in
Now I'm not sad, imagine it
Now I'm not there I'm over here
Now you preach fear and I don't care
(Leatherface, "Nutcase")


Vielleicht ist die Wahl von "Betty" ein Poser-Pick. Wer mehr Punkte als Styler sammeln möchte, greift zum Vorgänger und Durchbruchsalbum "Meantime", und damit zu einem anerkannten Klassiker der 1990er Jahre. Echte Glaubwürdigkeit ist ja oft alles. Wer hingegen Spaß an einem Viertel Edgelord-Ruhm hat, wird das 1997er Werk "Aftertaste" als beste Option für eine Neunziger-Bestenliste nennen wollen. Und ich komme jetzt also mit "Betty" um die Ecke, ein auf den ersten Blick besonders sicheres Plätzchen, an dem ich praktisch keinen Gegenwind befürchten muss. Was indes jede dieser möglichen Alternativen vereint: sie wären irgendwie alle richtig. Helmet hatten mit ihren drei zwischen 1992 und 1997 veröffentlichten Alben einen echten Lauf. Günstiger hätte der Zeitgeist für diese Band gar nicht erwachen können. 


"Betty" war in meinem Sommer des Jahres 1994 überall. Wirklich: überall! Abseits der Musik hatte man mit der Covergestaltung, eine Fotografie von Dennis Hallinan aus dem Jahr 1965 mit dem überraschenden Titel “Young woman with basket of flowers” und dem Entschluss, das Album in farbigen Jewel Cases zu veröffentlichen - Neongelb in Europa und Blau in Amerika - einige ungewöhnliche, aber goldrichtige Entscheidungen getroffen, die dem Album umgehend zu mehr Aufmerksamkeit verhalfen. Biohazard machten mit ihrem Album "State Of The World Address" ein Jahr später etwas ähnliches, und egal, wie viele Jahre  all das nun schon zurückliegt: es ist mir nicht nur immer noch präsent, es ist bis heute absolut prägend für die damalige Zeit. "Betty" steht für Sommer, Aufbruch, Revolution, Zitroneneis, meine wöchentlichen Besuche im alten WOM im Frankfurter Hertie-Kaufhaus sowie in meinem zweiten Wohnzimmer, den Musikladen unweit der Zeil, wo die Werbematerialien, die Pappaufsteller und übergroßen Poster über den Release von "Betty" informierten. "Betty" steht fürs pausenlose Herumhüpfen beim "Idiot Ballroom" in der alten Batschkapp in unbeschwerten Sommernächten. Für's musikalische Fachsimpeln mit Schulfreunden bei Kaffee und Kippe in der Cafeteria. Für's kollektive Headbangen bei der Autofahrt zum Kneipenabend. Bon, das ist alles alter, sentimentaler Scheiß. Und wenn man sich vergegenwärtigt, was davon übrig geblieben ist, wird's dramatisch. Der WOM ist längst Geschichte, genauso wie der Musikladen, die Batschkapp ist mittlerweile in einer sterilen Allerweltshalle untergebracht, der Diskoabend "Idiot Ballroom" ist eingestellt und Zitroneneis mag ich auch nicht mehr. Von Aufbruch und Revolution fange ich erst gar nicht an. Von unserem Hitzschlagsommer besser auch nicht. 


"Betty" ist eines der charakteristischsten Alben der 90er Jahre. Page Hamiltons einzigartiges Präzisionsriffing und seine zwischen melodischem Klargesang und aggressiven Geschrei herumoszillierende Stimme in Verbindung mit John Staniers unerbittlich nach vorne marschierendem Groove am Schlagzeug machen den Großteil der Faszination Helmets aus, und ihre Lust an breitwandig inszenierten, disharmonischen Noiseflächen einerseits sowie den mit Hooklines voll beladenen Refrains andererseits, die stets clever das Dauerfeuer brechen und für mehr Dynamik sorgen sollten, sind die unwiderstehlichen Kirschen auf der Torte. Absolut niemand klang wie Helmet. Ein paar Jahre später jedoch ließen sich ihre Ideen im Zuge des Nu Metal-Booms plötzlich an jeder Straßenecke hören. Nicht, dass ich ihnen vorwerfen wollte, einer totalen Scheißband wie Limp Bizkit den Weg geebnet zu haben - ich nagel' ja auch nicht Mudhoney an die Wand, weil sie irgendwie und irgendwann mal Nickelback ermöglichten. Helmet hatten in ihrem durch strenge Disziplin geprägten Sound eine unkonventionelle Distinguiertheit, die es Hamilton außerdem erlaubte, sich in eine Art "No Bullshit"-Aura einzuhüllen. Keine Gimmicks, kein Gelaber, kein Lametta. "Muss ich etwa wie ein Penner rumlaufen, nur weil ich harte Musik mache?" fragte er mal einen Interviewer, nachdem jener Hamiltons vermeintlich konservative Klamottenwahl zur Disposition stellte. Nichts passte ins moderne Jahr 1994 besser als dieser Ansatz mit Entschlossenheit, Reduktion und schonungsloser Härte, notfalls auch gegen sich selbst. Nie war Auspeitschen schöner. Wir waren im Freudentaumel. 




Vinyl und so: Unter 100 Euro ist weder die über Amphetamine Reptile erschienene 10" noch die deutsche 12" Fassung von 1994 zu bekommen. 2014 wurden über Back On Black/Let Them Eat Vinyl die ersten Represses auf farbigem Vinyl veröffentlicht, allerdings gebe ich zu bedenken, dass Back On Black zwischen 2008 und mindestens 2012 mit riesigen Problemen bei der Qualitätskontrolle zu kämpfen hatten. Wer sich auf charmantere Weise von seinem Geld trennen möchte, hält Ausschau nach der zum dreißigjährigen Jubiläum erschienenen Doppel-LP über Interscope Records auf hellblauem Vinyl. Nachteil 1: man hat's unnötig auf eine Doppel-LP aufgeblasen und auf der C-Seite fünf Bonustracks untergebracht. Ein Etching auf der D-Seite komplettiert den Quatsch. Ich bin da Purist, ich will die Originalfassungen. Nachteil 2: der Spaß kostet mittlerweile auch schon um die 70 Euro. Vorteil: die Pressung klingt hervorragend und ja, ich sag's jetzt: sieht halt auch arschgut aus. Isso. Als Gesamtpaket ist das schon wirklich schön gemacht. 
 

Weiterhören: "Meantime" (1992), "Aftertaste" (1997), "Size Matters" (2004; unterschätzt!)






Erschienen auf Interscope Records, 1994.