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17.05.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #154: I Mother Earth - Dig (1993)




I MOTHER EARTH - DIG


"Franz Beckenbauer, die Schlichtgestalt des deutschen Fußballs." (Volker Pispers)


Wer kennt sie nicht, die sehnsuchtsvollen Kommentare auf Youtube unter jenen Videos, die auch nur entfernt etwas mit dem Programm des ehemaligen Musiksenders MTV aus den 1980er und 1990er Jahren zu tun haben; irgendwas mit "Als das 'M' in MTV noch für Musik stand!" (nebenbei, für was steht's denn eigentlich heute?) oder, noch ein bisschen bescheuerter "Als das Fernsehen noch gut war!" - da pflügt die kognitive Dissonanz mal wieder mit einer Armee von Mähdreschern durch die Faszienplantage im Dachgeschoss. Nicht, dass ich den nostalgischen Reflex dahinter nicht verstehen könnte, ich bitte Sie, schauen Sie sich doch hier mal bitte um?! Dennoch war MTV für die besser informierten unter uns, oder passender: für die pessimistischen, überkritischen Armleuchter, für die selbst die rosaroteste Wolke des Universums nie den richtigen Farbton treffen konnte, der Klassenfeind. Industrie, Kommerz, Manipulation, Konsum, Verdrängung von Subkulturen und derer Schutzräume, mediale Gleichschaltung, ein von vorne bis hinten korruptes und verlogenes Investoren-Monstrum, das ein paar potemkinsche Dörfer aus Musikvideos vor die verwüsteten Landschaften aus Werbeblöcken setzt. Andererseits: wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten, und interessanterweise ist das in Sachen MTV damals wie heute eine Wahrheit. Damals gab es für viele von uns nun mal nicht viel anderes, heute gibt es hingegen irrsinnig viel, und irrsinnig viel Irres (i.S.v. absurd durchgedrehtes) obendrein. Dass man sich angesichts desolater Zustände heutiger Kulturräume an die vermeintlich "gute, alte Zeit" zurückerinnern möchte, weil's in den letzten 35 Jahren qua Kapitalismus, Rentenlücke, RTL 2 und zur schlechter Letzt auch noch Fotzenfritz, wir lassen auch echt nichts aus, intellektuell wie moralisch in den Keller ging, ist so verständlich wie erwartbar. But it's the system, stupid. 


Und genau dieses System sagte mir und vielen anderen in den frühen neunziger Jahren, die Sendung "Headbangers Ball" auf MTV anzuschauen, es habe sich schließlich so viel Mühe gemacht, mir diesen fantastisch funkelnden Glitzerstaub in die Augen zu streuen, ich soll doch mal bitte nicht so undankbar sein. Die haben da immerhin Vanessa Warwick in ein mit Totenköpfen und schwarzen Kerzen verziertes Fernsehstudio oder eine matschige Festivalwiese hingestellt, die für die maximal analysierte und also vor allem männliche Fokusgruppe nicht nur attraktiv, sondern auch charmant - Schnittmengen, so wichtig! - für viele Jahre DAS Gesicht MTVs für die europäischen Metalfans wurde. Die Amerikaner bekamen stattdessen in der populärsten Phase der Show zwischen 1990 und 1995 den Dude Riki Rachtman, wegen Identifikation auf Augenhöhe oder sowas. 


Und eines schönen Sonntags, Florian war 16 und durfte immerhin noch die erste Stunde des erst spätabends ausgestrahlten Programms sehen, stellte Vanessa I Mother Earth vor, eine neue Band aus Kanada, die just ihr Debutalbum "Dig" veröffentlichte. Es gab ein kleines, vielleicht fünfzehnminütiges Feature (Capitol Records ließen sich bestimmt nicht lumpen) mit Interviews und Hintergründen, außerdem das Video zur ersten Single "Rain Will Fall". Ich will nicht übertreiben, das war kein "Smells Like Teen Spirit"-Moment, in dem mir gleich der ganze Sicherungskasten durchknallte, aber es marschierte deutlich in jene Richtung musikalischer Blattschüsse, die einen zunächst sprachlos vor der Glotze sitzen ließen und anschließend einen umgehenden Besuch im Frankfurter Musikladen nach sich zogen. Über das funkige Hauptriff, den entfesselten Drive, einen ikonischen Refrain und einen bemerkenswert talentierten Sänger kann man sprechen, worüber allerdings ganz sicher gesprochen werden muss ist das nach zwei Minuten gesetzte Break, das in einen mit perkussiven Latin-Elementen zugeballerten Mittelteil übergeht, der die Temperatur stetig in Richtung Saunaaufguss mit Grillanzünder eskalieren lässt, bis die Auflösung schließlich im erneut alles überstrahlenden Refrain endet. 


Von den krampfhaften Versuchen abgesehen, in solch euphorisierten Zuständen halbwegs die Contenance zu bewahren, kommen darüber hinaus, und nicht zuletzt wegen der enormen Dynamik des Songs, zwei Aspekte ins Sichtfeld. Erstens: I Mother Earth reihen sich nicht nur in die Liste jener technisch herausragend guter Bands der damaligen Zeit ein, sie setzen sich in meiner Rangliste locker in die Top 3. Sie spielen und singen wie die Teufel. Das immer noch gerne gesetzte Narrativ der Boomer-Musikerpolizei, das Gros der Alternative Bands der 90er Jahre hätte nicht richtig spielen können, war und ist einfach ein großer Irrtum. Zweitens: Das ist eine Referenzproduktion. Der Grund: Produzent Mike Clink, der 1993 nicht zuletzt durch seine Arbeiten mit Guns 'N Roses auf "Appetite For Destruction" und den beiden "Use Your Illusion"-Alben mittlerweile in die Champions League der Klangmagier aufgestiegen war. Und Clink hatte auf "Dig" eine ganze Menge zu sortieren, denn bei aller Modernität ihrer Musik sind I Mother Earth vor allem im Kontext der damaligen musikalischen Großwetterlage ungewöhnlich komplex und verspielt. Ich bin mir sicher, dass Clink einige schlaflose Nächte mit der Frage verbrachte, wie sich die Virtuosität dieser Band, die so selbstverständlich Funk, Latin, Metal und Psychedelia vermischte, halbwegs unter Kontrolle bekommt, ohne sie ihrer Energie zu berauben. "Alternative Progressive" hat sich als Genrebezeichnung offensichtlich nicht durchgesetzt, und zugegeben: so wahnsinnig viele passende Vertreter wären hier auch nicht einzusortieren gewesen. I Mother Earth hingegen schon - und das nicht nur auf "Dig". Auch ihre späteren Alben "Scenery And Fish" (1996, Doppel-Platin in Kanada), "Blue Green Orange" (1999, erstmals mit dem neuen Sänger Brian Byrne) und "The Quicksilver Meat Dream" (2003, ein komplexes und leider ziemlich untergegangenes Meisterwerk mit atmosphärischen Parallelen zu Tool - kein Wunder: als Produzent fungierte David Botrill) bekamen allesamt deutliche Elemente des Progressive Rock eingehäkelt. 


Das fanden wohl auch die Progressive Rock-Dinos von Rush, die sich bei den 1994 stattfindenden Juno Awards in der Kategorie "Best Hard Rock Album" ihren Landsmännern geschlagen geben mussten und die Band in der Folge gleich mehrfach als Support-Act für ihre Tourneen einlud. I Mother Earth-Sänger Edwin bekam außerdem von Rush-Gitarrist Alex Lifeson für sein Mittneunziger Projekt Viktor das Mikrofon in die Hand gedrückt, und Geddy Lee spielte auf dem Album "Blue Green Orange" seinen Bass für den Song "Good for Sule".


I Mother Earth lösten sich zur Mitte der 2000er auf, um sich 2012 für Liveshows und kurze Tourneen wieder zusammen zu finden. Neue Musik darf man von der Band abseits von zwei im Jahr 2015 erschienenen Singles wohl nicht mehr erwarten, ebenso wenig Hoffnung dürfte es für die handgezählten 17 Fans aus Europa geben, das Quartett mal live zu bestaunen. Wir müssen uns also mit ihren vier durchweg fantastischen Alben begnügen. Keines davon wurde in den letzten 25 Jahren langweilig, und ich denke, wir sind auch für die nächsten 25 Jahre ganz gut gewappnet. 



Vinyl und so: Alle Alben erschienen ausnahmslos auf CD und bislang gibt es leider keinerlei Anzeichen, dass sich dieser Umstand in absehbarer Zeit mal ändern könnte. Wer die Musik von I Mother Earth auf Vinyl genießen möchte, muss auf eine 10"-EP (1993) und eine 10"-Single (1996) ausweichen, aber aufgepasst: auf der US-Version der 1993 erschienenen EP stehen nur drei Songs, während die europäische Variante immerhin sechs Titel bietet, allerdings mit zwei Überschneidungen. Komplett bescheuert. Ich habe freilich beide Versionen im Schrank stehen, aber ich bin ja gleichfalls bescheuert. 



Weiterhören: "Scenery And Fish" (1996), "Blue Green Orange" (1999), "The Quicksilver Meat Dream" (2003)





Erschienen auf Capitol Records/EMI Canada, 1993. 


03.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #158: Saigon Kick - Saigon Kick (1991)




SAIGON KICK - SAIGON KICK


"Humour goes under the door where other emotions rattle the handle." (G.K. Chesterton)


Manche Erinnerungen nehme ich mit ins Grab. Mai 1991, ein sonniger, heller Frühlingstag. Florian ist 13 Jahre alt, hat gerade sein Rollkunstlauftraining (wir berichteten) im Frankfurter Stadtteil Rödelheim beendet und hat ein bisschen Taschengeld im Portemonnaie. Das Ziel: die Frankfurter Hauptwache. Genauer gesagt die kleine Einkaufspassage am alten Europa-Palast Kino. Dort hatte mit dem "Musikladen" der feinste Plattenladen der Stadt sein Hauptquartier bezogen, oder besser sein Hauptquartierchen, denn wenn fünf Menschen im Verkaufsraum standen, wurde der Sauerstoff knapp. Ich ging an diesem Tag mit zwei Schallplatten nach Hause: Heathens "Victims Of Deception" und, schlaue Füchse werden es bereits geahnt haben, dem Debut von Saigon Kick. Die "10x Dynamit"-Rubrik meines damaligen Lieblingsmagazins Rock Hard made me do it. Denn wo jeden Monat die zehn herausragenden Veröffentlichungen auf einer Doppelseite prominent rezensiert wurden, fanden sich in der Märzausgabe die euphorischen Reviews zu jenen zwei Alben. Ich hatte dabei großes Vertrauen in die Redaktion: ein feiges Reinhören vor dem Kauf, um sicher zu gehen, sich bloß nichts Falsches ins Haus zu holen? Nicht mit mir! Ich will die Experience, selbst wenn sie scheiße ist. 


Saigon Kick kamen aus dem Nichts, aber immerhin aus Florida, dem wirklich hinterletzten Deppenstaat eines Landes, das nicht gerade arm an Deppenstaaten ist. Dort konnte sich das Quartett seit der Gründung im Jahr 1988 ein derart großes Following erspielen, dass kurze Zeit später mit Atlantic Records sogar ein Majorlabel an die Tür klopfte, wo auf dem von Schauspieler Kirk Douglas gegründeten Sublabel Third Stone Records anschließend das von Starproduzent Michael Wagner klanglich betreute Debut erschien. In eingeweihten Kreisen gilt "Saigon Kick" bis heute als eines der besten Debutalben aller Zeiten und wie das üblicherweise mit jenen "eingeweihten Kreisen" so ist, sind deren Mitgliederzahlen meist sehr überschaubar. Gemessen an der Ambivalenz dieser Band und ihrer Musik ist das nicht überraschend, denn eigentlich passt hier hinsichtlich des Image, der Songs und dem Vibe nichts so wirklich zusammen. Derlei Gedanken brachten mein dreizehnjähriges Ich sicher nicht um den Schlaf, ich hörte "Saigon Kick" und war sofort schockverliebt. Soviel Spaß mir es heute bereitet, den ganzen Kladderadatsch irgendwie zu dechiffrieren und einzuordnen, so wenig interessierte mich 1991 eine Diskussion übers Genre. Ich hörte einen schlicht umwerfenden Gitarrensound, ich hörte absolute Hits wie "What You Say" und "Love Of God" mit ihren süchtig machenden Hooklines und Gesangsharmonien, ich hörte so unwiderstehliche Groove-Giganten wie "Coming Home" und "New World", Diabetes-Kitsch in der Ballade "Come Take Me Now", ich hörte das skurrile "My Life" mit seinem albernen und gleichzeitig mit voller Überzeugung reingeschmissenen Kazoo-Solo, das mich ab Tag 1 an die Soundtracks der Bud Spencer & Terrence Hill-Filme aus den 70er Jahren erinnert - und war einfach überglücklich. Es gab ab diesem Zeitpunkt schlicht kein einziges verdammtes Mixtape, auf dem nicht mindestens ein Song dieser Platte auftauchte. Und wo das gesagt ist, gab es künftig auch keine Saigon Kick Platte, die ich nicht kaufte. Einmal verliebt, immer verliebt. So will es das Gesetz. 


Saigon Kick hatten stets mit der Wahrnehmung zu kämpfen, ihre Musik sei nicht kategorisierbar. Alleine jene via sämtlicher Musikmedien immerzu verstärkte Meinung ist sowohl für die Außenwirkung als auch für die Karriere - schon wieder: es gibt Schnittmengen! - tödlich. Gitarrist und Sänger Jason Bieler sagte mal in einem Interview mit einiger Resignation, dass seine Band von Metalfans schon immer gehasst wurde, weil sie zu alternativ klang, und die Anhänger der Alternative-Bewegung hassten sie, weil sie zu sehr Metal war. Die neunziger Jahre waren randvoll mit Bands und Platten, die aus allen möglichen Beweggründen ein Lied über "zwischen den Stühlen sitzen" singen konnten und alleine deswegen scheiterten, weil....tja, warum eigentlich?! Weil es die Hörer unvorbereitet traf? Weil die Musik derart alien war und damit keine Verbindung zum bestehenden Erfahrungsschatz hergestellt werden konnte? Weil die Zeit einfach noch nicht reif war? Aber, Freunde: Reif für was? Und Zeit - haben wir noch was volatileres auf Lager? Ich möchte offen sprechen: ich selbst habe im Prinzip bis heute keine Ahnung, was das hier ist. Oder sein soll. Es gibt Aspekte ihres Sounds, die zweifelsfrei auf dem Sunset Strip 1986 funktioniert hätten, irgendein vom Sleaze- und Glamrock stibitztes hedonistisches, unbekümmertes, ausgelassenes Element. Und gleichzeitig bin ich mir sicher, dass es überhaupt nicht funktioniert hätte, weil der ganze Vibe im Gesamtbild nicht passt. Manchmal klingt's in den Obertönen nach Janes Addiction und gleichzeitig klingt's in der Basis überhaupt nicht nach Janes Addiction. Manchmal schießen mir King's X als mögliche Referenz ins Gedächtnis, bevor ich's mit einem Kopfschütteln sofort wieder verwerfen muss. Punkrock auf Lithium? Bon Jovi mit bipolarer Störung? Alice In Chains' "Facelift" komplett in Dur statt Moll? 


Und vom transportierten Image wollen wir erst gar nicht anfangen - das Cover hat eine abgedunkelte Gothic-Schlagseite und könnte auch in der engeren Auswahl für ein neues Album von Danzig gewesen sein, inklusive des Backcovers. Aber dann geht's schnurstracks in den Käsekeller mit Texten wie "Even if you walked across the skies / I'll be with you Tonight / Even if you told a thousand lies / I'd still believe you / All alone along the sea I dream of you / You know I need you here with me / The emptiness inside my heart / You're an angel well within my / You're an angel well within my sight" - jedenfalls: als ich mich im Frühjahr 1999 und damit viel, viel zu spät auf eine Ausbildungsstelle bei der Frankfurter Rundschau bewarb und zu meiner großen Überraschung tatsächlich noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, eröffnete mein späterer Ausbilder unsere Plauderei mit dem Satz "Die Tatsache, dass sie sich im Februar auf diese Stelle beworben haben, bedeutet für mich, dass sie entweder sehr mutig oder sehr dumm sind", und ich finde, diese kleine Anekdote spannt den Bogen zu Saigon Kick ganz gut. Einfach eine der aufregendsten Bands der neunziger Jahre. 



Vinyl und so: sowohl die 1991er Erstpressung als auch den Rerelease von Real Gone Records auf weißem Vinyl (2021) bekommt man aktuell für um die dreißig Euro. Letztere soll etwas leise gemastert sein, ich rate also zu einer gut erhaltenen Originalausgabe.


Weiterhören: "Devil In The Details" (1995, ebenfalls eine umwerfend gute Platte!), "Water" (1993), "The Lizard" (1992)




  
Erschienen auf Third Stone Records, 1991.