27.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #148: Sigur Rós - Ágætis Byrjun (1999)





SIGUR RÓS - ÁGÆTIS BYRJUN


"Thank God that we didn't die young" (Kevin Morby)



Ich höre "Ágætis Byrjun" heute zum ersten Mal seit über 24 Jahren. Und ich tu's mit großem Widerwillen. Denn eigentlich hatte ich "Ágætis Byrjun" aus meinem Leben verbannt und mit der Entscheidung auch irgendwann meinen Frieden gemacht. Ich habe nichts gegen Sigur Rós, gar nichts.  Ich bin für Sie sogar mal nach Hamburg gefahren, um sie live bewundern zu können, und bis zur Mitte der 2000er Jahre war es völlig selbstverständlich, ihre Platten nicht nur zu kaufen, sondern sie auch noch zu hören. Womit sich nun aber erst recht die Frage stellt: warum taucht eine Platte, die ich seit fast einem Vierteljahrhundert (uff!) nicht hören wollte, in meiner Bestenliste der Neunziger auf? Das klingt ja absurd. Als ob nicht noch locker 50 Alben Schlange stehen würden, um in meine Hall Of Fame zu rutschen - und dann schreibe ich stattdessen lieber über ein vermeintliches Album Non Grata? Zunächst mal: von "lieber" kann hier nicht die Rede sein. Tatsächlich würde ich lieber reich bebilderte Aufsätze über eitrige Geschlechtskrankheiten oder über die Vorzüge eines Atomkriegs schreiben, ganz ehrlich. 


Um sogleich den naheliegendsten Gedanken zur möglichen Begründung zu versenken, hier ginge es dann ja sicherlich um eine Art objektiver Chronistenpflicht, weil "Ágætis Byrjun" eben ein wichtiges und wegweisendes Album ist, das in derlei Kontexten einfach erwähnt werden müsse: Objektivität mein Arsch, wir sind hier schließlich nicht bei Springers Musikexpress. Tatsächlich liegt der Grund für diese sehr ungewöhnliche Situation auf der genau gegenüberliegenden Seite der Objektivität - es wird persönlich. Strenggenommen wird es gar zu persönlich.  


Das zweite Album Sigur Rós' erreichte die Welt der Herzallerliebsten und meiner Wenigkeit irgendwann im Herbst des Jahres 2000, und wir waren uns sicher, eine solche Musik bis dato noch nie gehört zu haben. Es verdrehte uns die Köpfe. "Ágætis Byrjun" klang wie aus einer anderen Welt. Buchstäblich außerirdisch und damit nicht zu decodieren. Ihre Musik wirkte märchenhaft und fremdartig auf uns. Die in der erfundenen Sprache "Hopelandic" gesungenen Töne, Laute, und im weiteren Sinne "Worte" spielten hinsichtlich jener Wahrnehmung sicherlich eine große Rolle, aber auch darüber hinaus hatte die Band eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt. Jayson Greene schrieb in seiner 2019er Besprechung auf Pitchfork.com, das Album sei in erster Linie ein Siegeszug durch die Arrangement- und Engineering-Fakultäten, bevor Greene anschließend ein wenig pseudowissenschaftlich wurde, als er die ornamentalen Sounds als "special effects" bezeichnete, die mit dem Gehirn ausschließlich über eine Dopamin-Flutung kommunizierten. Das ist immerhin mehr, als mir einfiele; ich würde es bis heute nicht mal auf ein unteres Level irgendeines "pseudos" bringen, sondern mich beim Versuch, den Mechanismus von "Ágætis Byrjun" nebst seiner Wirkungsweise auf die tiefer liegenden emotionalen Schichten zu beschreiben, im dunklen Esoterik-Märchenwald verlaufen. Offen gesagt bin ich damit auch schlicht überfordert. Ich habe eine vage Ahnung von der Verbindung, die "Ágætis Byrjun" ins Innere aufbaut, aber mir fehlen die Kapazitäten, dafür die angemessenen Worte zu finden - ein starkes Stück für jemanden, der seit dreißig Jahren über Musik schreibt. Aber weil ich der Überzeugung bin, die Kapitulation vor der eigenen Ahnungslosigkeit sollte öfter eine echte Alternative zu besinnungslosem Gequalle sein, lass ich den vorangegangenen Satz mal so stehen. 


Freilich ist es in solchen Fällen umso verlockender, sich den Allgemeinplätzen hinzugeben, aber kein Mensch will doch heute noch was über den Cellobogen lesen, mit dem Jón Þór Birgisson seine Gitarre spielt. Und niemand will 2026 noch das ubiquitäre Gefasel über Postrock, das unvermeidliche "Kopfkino" und den aufgepompten Kitsch, der manches Mal perfekt zur emotional anrührenden Schlusszene eines Walt Disney-Films passen würde - auch das eine Wahrheit dieses Albums - reingedrückt bekommen. "Ágætis Byrjun" ist wirklich das theatralische, wunderliche, immersive, visionäre Wunderwerk, für das es die Mehrheit derer halten, die selbst im Jahr 2026 noch ganz bei Trost sind, sowas soll's geben. Es ist dabei in seinen aufmunternden und erhebenden Grundtönen mehr Dur als Moll, eine fürs umklammernde Genre eher ungewöhnliche Charakteristik. Sigur Rós ließen kurz vor dem Release der Platte über einen Eintrag auf ihrer Website mitteilen, sie würden dann mal schnell die Musikwelt aus den Angeln heben: 


"We are simply gonna change music forever, and the way people think about music.” 


- und ich denke, sie hatten einen Punkt. Aber solche Geschichten haben wir in den letzten 27 Jahren nun schon wirklich tausendfach gesehen und gehört. Was über "Ágætis Byrjun" geschrieben werden musste, wurde geschrieben. Womit der Zeitpunkt gekommen ist, in den persönlichen Teil dieses Beitrags einzutreten. 


"Ágætis Byrjun" war im Januar 2002 der Auslöser für den wohl größten emotionalen Kollaps meines Lebens. Der Krebs war zurück, ich hatte zu jeder wachen Sekunde Schmerzen, seit Monaten nicht mehr als drei Stunden pro Nacht geschlafen und wegen anhaltender Blutarmut einen Teint wie Porzellan. Ich war also rundherum ein völliges Wrack - das sich zur vermeintlichen Linderung von all jenen Malheurs täglich für eine Stunde in die heiße Badewanne legte und dabei laute Musik hörte. Sich in derlei desolaten Verfassungen ausgerechnet mit Klängen zu konfrontieren, die ob ihrer Intensität und Dramatik schon bei optimistischeren Darstellungen der mentalen Wandbemalung eine Herausforderung fürs Gemüt sein können, ist aus heutiger Sicht eine durchaus zweifelhafte Entscheidung, aber damals hatte ich den Eindruck, es wäre vor allem die Musik von Sigur Rós, die mir, für was auch immer, helfen könne. Ich kann heute nicht mehr so recht einsortieren, was genau passierte, aber als eines Nachmittags in der Badewanne ihr Song "Viðrar Vel Til Loftárása" lief, bekam ich jeden Boden unter den Füßen weggezogen und durchlebte einen kapitalen Meltdown. Mit viel (verlogener) Zuversicht könnte ich mich im Abstand von 24 Jahren eventuell dazu hinreißen lassen, von einer Katharsis zu sprechen, aber eigentlich war alles rock bottom. Und das Gefühl, was bis heute beim Gedanken an diesen Tag vorherrscht ist ebenfalls rock bottom. Da gibt es absolut nichts darunter - und auch absolut nichts darüber. 


Das war also das letzte Mal, dass ich "Ágætis Byrjun" hörte. 

Bis heute. 

Dabei wird es bleiben.




Vinyl und so: Es herrscht weitgehend Konsens, dass die Pallas-Pressung aus dem Jahr 2021 über das bandeigene Label Krúnk mit dem originalen Coverartwork die ultimative Version dieses Albums ist. Klanglich stimme ich in den Chor der bewusstlos Begeisterten ein, "Ágætis Byrjun" klingt hier wirklich absolut fantastisch. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass wenigstens meine Kopie auf der ersten Hälfte der D-Seite einige größere Probleme mit Non-Fills aufweist, die nur schwer zu ignorieren sind. Das Album ist in allen noch erhältlichen Vinyl-Versionen teuer (das heißt: über 40 Euro), daher empfehle ich den Kauf bei einem Händler, der Retouren und Ersatzlieferungen unkompliziert über die Bühne bringt. Vor wenigen Tagen erschien zum 50.Geburtstag von Rough Trade ein ebenfalls von Pallas hergestelltes 4-LP Set, das neben dem regulären Album auch noch das in Reykjavík mitgeschnittene "Live at Íslenska Óperan"-Konzert aus dem Jahr 1999 beinhaltet. Für schlappe 85 Euro seid ihr dabei. ¯\_(ツ)_/¯



Weiterhören: "Takk" (2005), "()" (2002)





Erschienen auf Smekkleysa, 1999.



19.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #149: Autopsy - Mental Funeral (1991)




AUTOPSY - MENTAL FUNERAL


"You ever hear voices in your head that tell you to do really horrible Things like...I dunno, maybe go and see a Limp Bizkit reunion concert or something...DON'T LISTEN TO THOSE!" (Chris Reifert)



Mein Verhältnis zu Death Metal, ich hatte es bereits mehrfach angesprochen, lässt sich am besten mit "ambivalent" beschreiben. Wenn ich großzügig bin, könnte ich möglicherweise maximal 40 Bands des Genres aufzählen, die mich nachhaltig beeindruckten - und über 80% davon zählen zur so einflussreichen wie erfolgreichen ersten Welle, die ab dem Ende der 1980er Jahre bis in die frühen Neunziger hinein wirkte. Wenigstens jener letztgenannte Aspekt überrascht nicht, denn das vollständige Eintauchen in meine Metal-Sozialisation via der monatlichen Lektüre von Szenemagazinen wie dem Rock Hard oder dem Metal Hammer fällt exakt in dieses Zeitfenster. So bekam ich früh von allem Wind, was der Untergrund gerade so ausbrütete und spätestens, als der legendäre Redakteur des Metal Hammers namens "Death Metal Norberto" in seiner Rezension zu "Spiritual Healing" von Death davon schrieb, Slayers "South Of Heaven" sei im direkten Vergleich ein lauwarmer Furz über dem Donnerbalken des Heavy Metal, eine Einschätzung, die ich auch 36 Jahre später immer noch uneingeschränkt teile, war klar: ich musste das hören. So stand also eines Tages der zwölfjährige Florian in der Musikabteilung des hiesigen Neckermanns und ließ sich von der Dame hinter dem Reinhörschalter eben "Spiritual Healing" zum Antesten auflegen. Und es kam, wie es kommen musste: diese erste faszinierende Begegnung mit Death Metal führte zu einem weiteren Taschengeldverlust von achtzehn Mark und außerdem zur weiterführenden Prüfung von Familientherapieangeboten meiner Eltern. Und irgendwie macht sowas ja etwas mit einem Menschen, einem sehr jungen zumal. In meinem direkten Umfeld gab es absolut niemanden, mit dem ich meine Gedanken dazu teilen konnte, aber dafür hatte ich Typen wie Frank Albrecht aus dem Rock Hard, der mir nicht nur jeden Monat von allen neuen Death Metal-Bands und ihren Platten berichtete, sondern fast noch wichtiger: einen Einblick in diese so junge und florierende Szene gab. Ich habe den Aufstieg des Genres praktisch ab der Stunde Null live miterlebt, und selbst wenn ich bei Weitem nicht alles davon hören oder lieben konnte und ohnehin noch viel zu jung für Konzerte war, war es für meine Selbstfindung und Orientierung wichtig. Ich gehörte dazu, ohne wirklich dazu zu gehören. 


"Meine Jungs. Das sind meine Jungs!" (Wayne's World) 


Dass ich eben noch Death erwähnte, öffnet in gewisser Weise auch das Türchen zu Autopsy. Deren Gründer, Schlagzeuger und Sänger Chris Reifert trommelte nämlich sowohl auf dem 1986er Death-Demo "Mutilation" als auch auf dem ein Jahr später erschienenen Debutalbum "Scream Bloody Gore", einem der ersten Werke aus der Death Metal-Ursuppe. Die Wege von Death und Reifert trennten sich, als die Band von Kalifornien zurück nach Florida zog und Reifert in San Francisco blieb um dort 1987 Autopsy zu gründen. 


Autopsy im Allgemeinen und Chris Reifert im Speziellen gehören in meinem Buch zu den großen Visionären des Death Metal. Es kommt nicht von ungefähr, dass Autopsy von einer Vielzahl damaliger Weggefährten wie beispielsweise Cannibal Corpse, Deicide, Pestilence oder Entombed als großer Einfluss auf die eigene Musik genannt werden, mit besonderem Fokus auf das 1991 erschienene zweite Album "Mental Funeral". Schon das zwei Jahre zuvor veröffentlichte Debut "Severed Survival" war im damaligen Klima und der Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden eine echte Ausnahmeerscheinung, weil es eben nicht Geschwindigkeit, sondern Atmosphäre in den Mittelpunkt rückte. Autopsy konnten zerstörerisch schnell und chaotisch sein, wenn sie wollten, aber ihr eigentlicher Shtick waren die zähen, fiesen, doomschlürfigen Ausflüge in abgründigste Sumpfgebiete mit ihren walzenden und disharmonischen Riffkaskaden, die die Stimmung auf ihren Alben so extrem unangenehm, morbide, trostlos und furchteinflößend machten. Obwohl die Band nach eigener Aussage keine Ahnung hatte, was sie im Nebel aus Alkohol und Marihuana bei den Aufnahmen zu "Mental Funeral" tatsächlich anstellte, gehört das Ergebnis zu den formvollendesten Beispielen des Gestörten-Metals. Möglicherweise haben wir hier sogar die Geburtsstunde von Sludge Metal und Death Doom. 


Ein Sound wie ein langsam im kalten Boden verrottender Sarg. Wie das berstende Holz eines verlassenen Piratenschiffs in der dunkelsten Nacht im Pazifik. Wie glühender Torf. Keine Kompromisse. Kein Licht. Keine Liebe. Stattdessen primitives Dachschadengeschepper, schleppendes Amöbengekrieche und verstörendes Kloakengeschrei über Nekrophilie. Selbst in der sich zwar damals noch entwickelnden, aber mit extremen Auswüchsen ja nun beileibe nicht unvertrauten Death Metal-Szene war "Mental Funeral" kurz nach Veröffentlichung alles andere als unumstritten. Wer sich vergegenwärtigt, wie im Vergleich die gerade erfolgreich werdenden Obituary zu jener Zeit klangen, wird davon kaum überrascht sein; im Vergleich mit "Mental Funeral" klingt Obituarys "The End Complete" wie ein pubertärer Messdienerpups. Als die Band auf den beiden Nachfolgern "Acts Of The Unspeakable" (1992) und dem berüchtigten "Shitfun" (1995) mit noch abstoßenderen Coverartworks und extremeren, von Punk, Hard- und Grindcore beeinflussten Sounds sogar noch weiter aufdrehte und sich im gleichen Maße von dem abgrenzte, was im Metal allmählich salonfähig wurde, wurde es nur noch offensichtlicher, was die echten Fans schon lange wussten: Autopsy sind the real deal. 



Vinyl und so: "Mental Funeral" wurde von Peaceville ab dem Jahr 2010 immer wieder mal neu aufgelegt. Der zuletzt erschienene Repress mit leicht verändertem Cover und einem Remastering von 2017 ist noch für um die 30 Euro zu haben. Wer die Originalpressung sucht, muss aktuell um die 100 Euro ausgeben. Ich weiß nicht, wie das Remaster klingt, aber wenn man mich fragt, sollte "Mental Funeral" grundsätzlich von derlei Eskapaden verschont bleiben. 


Weiterhören: "Severed Survival" (1989), "Acts Of The Unspeakable" (1992) 


P.S.: Die Band ist nach ihrer zwischenzeitlichen Auflösung im Jahr 1995 seit Ende der 2000er Jahre wieder aktiv, veröffentlicht neue Alben und tourt weltweit.


 



Erschienen auf Peaceville, 1991.


12.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #150: Tankard - Fat, Ugly & Live (1991)




TANKARD - FAT, UGLY & LIVE


"From Frankfurt to Frisco, we destroy every disco" (Tankard, "Disco Destroyer", 1999)



In Anlehnung an die sogenannten Big 4 des US-amerikanischen Thrash Metals, also die sowohl erfolgreichsten als auch einflussreichsten Acts Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax, hat auch der deutsche Thrash-Kosmos mit Kreator, Sodom, Destruction und Tankard seine vier großen Vertreter mittlerweile im Szenekanon etabliert - die sich hinsichtlich der Verkaufszahlen im Vergleich mit ihren Kollegen aus Übersee ganz bestimmt in einer völlig anderen Dimension bewegen, deren Einfluss, vor allem auf die skandinavische Death Metal- und Black Metal-Szene hingegen kaum zu unterschätzen ist. Egal, wer sich seit Beginn der neunziger Jahre in Schweden, Norwegen und Finnland in einem Proberaum traf und zu einer Band zusammenschloss, sie alle haben ihre DNA-Stränge mit dem primitiven Gebolze und der unberechenbaren Chaos-Ästhetik von "Pleasure To Kill" (Kreator), "Obsessed By Cruelty" (Sodom) und "Sentence Of Death" (Destruction) tapeziert. Im Vergleich mit einem Ruhrgebiet-Assi wie Tom Angelripper galten Typen wie James Hetfield oder Dave Ellefson als geleckte und durchgestylte Schönlinge, ganz zu Schweigen von den arschfidelen Anthrax in den berüchtigten bunten Bermudashorts und mit ihren musikalischen Ausflügen in den Hip Hop. Wer den frühen Black Metal in erster Linie als Gegenbewegung zur professionellen Vermarktung von Heavy Metal-Bands begreift, wird nur mäßig davon überrascht sein, dass die emotionale Verbindung zur als außer Rand und Band und "gefährlich" wahrgenommenen deutschen Thrashszene eine herausragende Bedeutung hatte.  


Tankard fremdelten mit dieser Gesellschaft ein wenig - und sie tun es streng genommen bis heute. Einerseits entschied sich die Band trotz des überraschenden Erfolgs ihres vierten Studioalbums "The Meaning Of Life" (1990) schon früh dazu, keine professionelle Musikerkarriere zu verfolgen und es also geschäftlich insgesamt etwas gemächlicher angehen zu lassen, was eine grundsätzlich geringere Präsenz im Metalzirkus bedeutet. Sie MÜSSEN also nicht wie viele andere jeden Scheiß mitmachen, sie suchen sich aus, welchen Scheiß sie mitmachen WOLLEN. Und diese daraus resultierende Glaubwürdigkeit kann man hören. Zum anderen setzten die Frankfurter ab der Stunde Null auf ein komplett anderes Image als viele ihrer (nicht nur) deutschen Weggefährten. Keine Lederfummel und schwere Patronengurte, keine Kriegs- und Kampf-Ästhetik, keine Weltuntergangsszenarien - stattdessen: Saufen und gude Laune, oleee, oleee. Der Titel ihres zweiten Demotapes aus dem Jahr 1985 hieß "Alcoholic Metal", und damit war die eingeschlagene Richtung für die nächsten Jahrzehnte eigentlich erschöpfend auserzählt. Selbst wenn immer wieder mal ernste gesellschaftliche oder gar politische Themen in ihren Texten auftauchten, und ich will das auf keinen Fall unter den Tisch fallen lassen, blieben Tankard immer der eher heiteren, unbeschwerten Seite des Lebens zugeneigt. Unterstützung bekam das Bild von den stilprägenden Artworks von Sebastan Krüger, der in Tankards Blütezeit von 1987 bis 1994 für einige ihrer bis heute legendären Cover verantwortlich war. 


All das fügt sich auf "Fat, Ugly & Live" zusammen, in meinem Buch eines der besten Livealben aller Zeiten. Und gleichzeitig ist die 1991 veröffentlichte LP eines der unterschätztesten Livealben aller Zeiten, denn das ist die Sache: mit einem solchen Image hat man es in Metalkreisen traditionell schwer, wirklich ernstgenommen zu werden, und es wird nicht einfacher, wenn sich die Protagonisten selbst alles andere als ernst nehmen. Tankard wurden wegen ihres Auftretens, ihrer Texte und ihrer Musik von der oftmals unfreiwillig komischen Szenepolizei belächelt, und ganz vielleicht war genau das der Band am Ende des Tages gar nicht so irre unangenehm, weil es ihnen die Freiheit gab, genau so zu sein, wie sie eben waren. Nur wenig bildet Tankards Attitüde einerseits und die Atmosphäre innerhalb der deutschen Metalszene zu Beginn der 1990er Jahre andererseits so gut ab wie "Fat, Ugly & Live". Das auf Konzerten in Bochum und Frankfurt mittgeschnittene Album fängt die bombastische Stimmung in den Clubs perfekt ein und spiegelt das sowohl rebellische als auch identitätsstiftende "Wir gegen die"-Gefühl ab dem ersten Ton. Symbolisch sei auf die Ansage Gerres zum Song "We Are Us" verwiesen:


"Ihr habt sicherlich alle mitbekommen, in den Medien findet im Moment eine unglaubliche Hetzkampagne gegen Heavy Metal und insbesondere Thrash Metal statt. Was haltet ihr davon?"

Publikum: "Scheiiiiße!"  

"Waaaaas?"

"Scheiiiiiße!"

"Okay. Wir können nur eins dazu sagen: Wir scheißen auf diese ganze scheiß Spießermoral. Wer sind diese Leute überhaupt? Wir wissen, wer sie sind: Who are you? We Are Us!"


Und derart agitiert möchte mein Reptiliengehirn selbst heute noch während des anschließenden Songs am liebsten die komplette Inneneinrichtung meines 3,40qm großen Kartoffelackers zu Püree verarbeiten, denn es gibt beinahe keinen besseren Soundtrack dazu. Tankards Musik war nie für Komplexität und technische Raffinesse angelegt, stattdessen bekam man mit mindestens 300bpm immer ordentlich den Arsch versohlt und wurde ansatzlos umgewichst. Lieb gemeint, natürlich. "Fat, Ugly & Live" ist rowdyhaft, außer Kontrolle - und voller Leben. Es macht einfach unglaublich großen Spaß, diese Platte zu hören. 


Zu Dokumentationszwecken und damit das mal gesagt ist. schreibe ich es jetzt hier und heute und für alle Ewigkeit mal so ganz nonchalant hin: Tankard sind Deutschlands beste Thrashband. 



Vinyl und so: Die Erstpressung von 1991 im Gatefold-Cover und mit einem erneut wunderbaren Artwork von Sebastian Krüger ist für um die 30 Euro zu bekommen. Ein Repress ist weit und breit nicht in Sicht. Dass Noise "Fat, Ugly & Live" für das im Jahr 2022 erschienene Boxset "For A Thousand Beers" mit der kompletten Werkschau vom Debut "Zombie Attacke" bis hin zu "The Tankard" (1995) komplett unter den Tisch fallen ließen, ist ein absoluter Skandal.


Weiterhören: "The Meaning Of Life" (1990), "Chemical Invasion" (1987), "Disco Destroyer" (1999) 



Trivia: Zwischen 1997 und 2005 spielte Herr Dreikommaviernull in einer Frankfurt Band namens Broken zusammen mit zwei Urgesteinen der Frankfurter Thrashszene, die ein paar Jahre zuvor mit ihrer Band Think Of Misery im Untergrund einigen Staub aufwirbeln konnten; das Album "Poverty Is No Disgrace" gilt heute in eingeweihten Kreisen als äußerst obskure Perle des deutschen Thrash Undergrounds. Wir probten im Frankfurter Marbachbunker, wo auch Tankard jahrelang ihren Proberaum hatten. Meine beiden Mitstreiter hatten freilich unzählige Geschichten aus den gemeinsamen Zeiten auf Lager. Eine ganz besonders schöne davon möchte ich hier aus der Perspektive des Ich-Erzählers dokumentieren. Ich nenne (fast) keine Namen. 

"Tankard haben mal im Frankfurter Volkbildungsheim gespielt, und ich war an dem Abend der Roadie für'n Arnulf (Tunn, damaliger Tankard-Schlagzeuger). Ich hab alles uffgebaut, alles war ferddich. Dann bin ich mit so 'ner Alten auf die Empore im Vobi und hab' mit der rumgemacht und dabei gar nicht mitbekommen, dass Tankard schon angefangen hatten zu Zocken. Nach so 'ner dreiviertel Stunde denk ich auf einmal so "SCHEISSE! DE' ARNULF!" und renne runter zu ihm. Der sah nicht gut aus. Der hackt da rum und schreit mich an: "WASSER! WASSER!" und ich war so aufgeregt, dass ich zwei Flaschen Sprudel genommen hab und einfach über ihm ausgekippt hab'. Und dann sehe ich nur, wie die beiden Drumsticks *flup*...*flup* durch die Gegend flogen. Fand er net so geil, der Arnulf."





Erschienen auf Noise Records, 1991.