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27.07.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #148: Sigur Rós - Ágætis Byrjun





SIGUR RÓS - ÁGÆTIS BYRJUN


"Thank God that we didn't die young" (Kevin Morby)



Ich höre "Ágætis Byrjun" heute zum ersten Mal seit über 24 Jahren. Und ich tu's mit großem Widerwillen. Denn eigentlich hatte ich "Ágætis Byrjun" aus meinem Leben verbannt und mit der Entscheidung auch irgendwann meinen Frieden gemacht. Ich habe nichts gegen Sigur Rós, gar nichts.  Ich bin für Sie sogar mal nach Hamburg gefahren, um sie live bewundern zu können, und bis zur Mitte der 2000er Jahre war es völlig selbstverständlich, ihre Platten nicht nur zu kaufen, sondern sie auch noch zu hören. Womit sich nun aber erst recht die Frage stellt: warum taucht eine Platte, die ich seit fast einem Vierteljahrhundert (uff!) nicht hören wollte, in meiner Bestenliste der Neunziger auf? Das klingt ja absurd. Als ob nicht noch locker 50 Alben Schlange stehen würden, um in meine Hall Of Fame zu rutschen - und dann schreibe ich stattdessen lieber über ein vermeintliches Album Non Grata? Zunächst mal: von "lieber" kann hier nicht die Rede sein. Tatsächlich würde ich lieber reich bebilderte Aufsätze über eitrige Geschlechtskrankheiten oder über die Vorzüge eines Atomkriegs schreiben, ganz ehrlich. 


Um sogleich den naheliegendsten Gedanken zur möglichen Begründung zu versenken, hier ginge es dann ja sicherlich um eine Art objektiver Chronistenpflicht, weil "Ágætis Byrjun" eben ein wichtiges und wegweisendes Album ist, das in derlei Kontexten einfach erwähnt werden müsse: Objektivität mein Arsch, wir sind hier schließlich nicht bei Springers Musikexpress. Tatsächlich liegt der Grund für diese sehr ungewöhnliche Situation auf der genau gegenüberliegenden Seite der Objektivität - es wird persönlich. Strenggenommen wird es gar zu persönlich.  


Das zweite Album Sigur Rós' erreichte die Welt der Herzallerliebsten und meiner Wenigkeit irgendwann im Herbst des Jahres 2000, und wir waren uns sicher, eine solche Musik bis dato noch nie gehört zu haben. Es verdrehte uns die Köpfe. "Ágætis Byrjun" klang wie aus einer anderen Welt. Buchstäblich außerirdisch und damit nicht zu decodieren. Ihre Musik wirkte märchenhaft und fremdartig auf uns. Die in der erfundenen Sprache "Hopelandic" gesungenen Töne, Laute, und im weiteren Sinne "Worte" spielten hinsichtlich jener Wahrnehmung sicherlich eine große Rolle, aber auch darüber hinaus hatte die Band eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt. Jayson Greene schrieb in seiner 2019er Besprechung auf Pitchfork.com, das Album sei in erster Linie ein Siegeszug durch die Arrangement- und Engineering-Fakultäten, bevor Greene anschließend ein wenig pseudowissenschaftlich wurde, als er die ornamentalen Sounds als "special effects" bezeichnete, die mit dem Gehirn ausschließlich über eine Dopamin-Flutung kommunizierten. Das ist immerhin mehr, als mir einfiele; ich würde es bis heute nicht mal auf ein unteres Level irgendeines "pseudos" bringen, sondern mich beim Versuch, den Mechanismus von "Ágætis Byrjun" nebst seiner Wirkungsweise auf die tiefer liegenden emotionalen Schichten zu beschreiben, im dunklen Esoterik-Märchenwald verlaufen. Offen gesagt bin ich damit auch schlicht überfordert. Ich habe eine vage Ahnung von der Verbindung, die "Ágætis Byrjun" ins Innere aufbaut, aber mir fehlen die Kapazitäten, dafür die angemessenen Worte zu finden - ein starkes Stück für jemanden, der seit dreißig Jahren über Musik schreibt. Aber weil ich der Überzeugung bin, die Kapitulation vor der eigenen Ahnungslosigkeit sollte öfter eine echte Alternative zu besinnungslosem Gequalle sein, lass ich den vorangegangenen Satz mal so stehen. 


Freilich ist es in solchen Fällen umso verlockender, sich den Allgemeinplätzen hinzugeben, aber kein Mensch will doch heute noch was über den Cellobogen lesen, mit dem Jón Þór Birgisson seine Gitarre spielt. Und niemand will 2026 noch das ubiquitäre Gefasel über Postrock, das unvermeidliche "Kopfkino" und den aufgepompten Kitsch, der manches Mal perfekt zur emotional anrührenden Schlusszene eines Walt Disney-Films passen würde - auch das eine Wahrheit dieses Albums - reingedrückt bekommen. "Ágætis Byrjun" ist wirklich das theatralische, wunderliche, immersive, visionäre Wunderwerk, für das es die Mehrheit derer halten, die selbst im Jahr 2026 noch ganz bei Trost sind, sowas soll's geben. Es ist dabei in seinen aufmunternden und erhebenden Grundtönen mehr Dur als Moll, eine fürs umklammernde Genre eher ungewöhnliche Charakteristik. Sigur Rós ließen kurz vor dem Release der Platte über einen Eintrag auf ihrer Website mitteilen, sie würden dann mal schnell die Musikwelt aus den Angeln heben: 


"We are simply gonna change music forever, and the way people think about music.” 


- und ich denke, sie hatten einen Punkt. Aber solche Geschichten haben wir in den letzten 27 Jahren nun schon wirklich tausendfach gesehen und gehört. Was über "Ágætis Byrjun" geschrieben werden musste, wurde geschrieben. Womit der Zeitpunkt gekommen ist, in den persönlichen Teil dieses Beitrags einzutreten. 


"Ágætis Byrjun" war im Januar 2002 der Auslöser für den wohl größten emotionalen Kollaps meines Lebens. Der Krebs war zurück, ich hatte zu jeder wachen Sekunde Schmerzen, seit Monaten nicht mehr als drei Stunden pro Nacht geschlafen und wegen anhaltender Blutarmut einen Teint wie Porzellan. Ich war also rundherum ein völliges Wrack - das sich zur vermeintlichen Linderung von all jenen Malheurs täglich für eine Stunde in die heiße Badewanne legte und dabei laute Musik hörte. Sich in derlei desolaten Verfassungen ausgerechnet mit Klängen zu konfrontieren, die ob ihrer Intensität und Dramatik schon bei optimistischeren Darstellungen der mentalen Wandbemalung eine Herausforderung fürs Gemüt sein können, ist aus heutiger Sicht eine durchaus zweifelhafte Entscheidung, aber damals hatte ich den Eindruck, es wäre vor allem die Musik von Sigur Rós, die mir, für was auch immer, helfen könne. Ich kann heute nicht mehr so recht einsortieren, was genau passierte, aber als eines Nachmittags in der Badewanne ihr Song "Viðrar Vel Til Loftárása" lief, bekam ich jeden Boden unter den Füßen weggezogen und durchlebte einen kapitalen Meltdown. Mit viel (verlogener) Zuversicht könnte ich mich im Abstand von 24 Jahren eventuell dazu hinreißen lassen, von einer Katharsis zu sprechen, aber eigentlich war alles rock bottom. Und das Gefühl, was bis heute beim Gedanken an diesen Tag vorherrscht ist ebenfalls rock bottom. Da gibt es absolut nichts darunter - und auch absolut nichts darüber. 


Das war also das letzte Mal, dass ich "Ágætis Byrjun" hörte. 

Bis heute. 

Dabei wird es bleiben.




Vinyl und so: Es herrscht weitgehend Konsens, dass die Pallas-Pressung aus dem Jahr 2021 über das bandeigene Label Krúnk mit dem originalen Coverartwork die ultimative Version dieses Albums ist. Klanglich stimme ich in den Chor der bewusstlos Begeisterten ein, "Ágætis Byrjun" klingt hier wirklich absolut fantastisch. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass wenigstens meine Kopie auf der ersten Hälfte der D-Seite einige größere Probleme mit Non-Fills aufweist, die nur schwer zu ignorieren sind. Das Album ist in allen noch erhältlichen Vinyl-Versionen teuer (das heißt: über 40 Euro), daher empfehle ich den Kauf bei einem Händler, der Retouren und Ersatzlieferungen unkompliziert über die Bühne bringt. Vor wenigen Tagen erschien zum 50.Geburtstag von Rough Trade ein ebenfalls von Pallas hergestelltes 4-LP Set, das neben dem regulären Album auch noch das in Reykjavík mitgeschnittene "Live at Íslenska Óperan"-Konzert aus dem Jahr 1999 beinhaltet. Für schlappe 85 Euro seid ihr dabei. ¯\_(ツ)_/¯



Weiterhören: "Takk" (2005), "()" (2002)





Erschienen auf Smekkleysa, 1999.