AUTOPSY - MENTAL FUNERAL
"You ever hear voices in your head that tell you to do really horrible Things like...I dunno, maybe go and see a Limp Bizkit reunion concert or something...DON'T LISTEN TO THOSE!" (Chris Reifert)
Mein Verhältnis zu Death Metal, ich hatte es bereits mehrfach angesprochen, lässt sich am besten mit "ambivalent" beschreiben. Wenn ich großzügig bin, könnte ich möglicherweise maximal 40 Bands des Genres aufzählen, die mich nachhaltig beeindruckten - und über 80% davon zählen zur so einflussreichen wie erfolgreichen ersten Welle, die ab dem Ende der 1980er Jahre bis in die frühen Neunziger hinein wirkte. Wenigstens jener letztgenannte Aspekt überrascht nicht, denn das vollständige Eintauchen in meine Metal-Sozialisation via der monatlichen Lektüre von Szenemagazinen wie dem Rock Hard oder dem Metal Hammer fällt exakt in dieses Zeitfenster. So bekam ich früh von allem Wind, was der Untergrund gerade so ausbrütete und spätestens, als der legendäre Redakteur des Metal Hammers namens "Death Metal Norberto" in seiner Rezension zu "Spiritual Healing" von Death davon schrieb, Slayers "South Of Heaven" sei im direkten Vergleich ein lauwarmer Furz über dem Donnerbalken des Heavy Metal, eine Einschätzung, die ich auch 36 Jahre später immer noch uneingeschränkt teile, war klar: ich musste das hören. So stand also eines Tages der zwölfjährige Florian in der Musikabteilung des hiesigen Neckermanns und ließ sich von der Dame hinter dem Reinhörschalter eben "Spiritual Healing" zum Antesten auflegen. Und es kam, wie es kommen musste: diese erste faszinierende Begegnung mit Death Metal führte zu einem weiteren Taschengeldverlust von achtzehn Mark und außerdem zur weiterführenden Prüfung von Familientherapieangeboten meiner Eltern. Und irgendwie macht sowas ja etwas mit einem Menschen, einem sehr jungen zumal. In meinem direkten Umfeld gab es absolut niemanden, mit dem ich meine Gedanken dazu teilen konnte, aber dafür hatte ich Typen wie Frank Albrecht aus dem Rock Hard, der mir nicht nur jeden Monat von allen neuen Death Metal-Bands und ihren Platten berichtete, sondern fast noch wichtiger: einen Einblick in diese so junge und florierende Szene gab. Ich habe den Aufstieg des Genres praktisch ab der Stunde Null live miterlebt, und selbst wenn ich bei Weitem nicht alles davon hören oder lieben konnte und ohnehin noch viel zu jung für Konzerte war, war es für meine Selbstfindung und Orientierung wichtig. Ich gehörte dazu, ohne wirklich dazu zu gehören.
"Meine Jungs. Das sind meine Jungs!" (Wayne's World)
Dass ich eben noch Death erwähnte, öffnet in gewisser Weise auch das Türchen zu Autopsy. Deren Gründer, Schlagzeuger und Sänger Chris Reifert trommelte nämlich sowohl auf dem 1986er Death-Demo "Mutilation" als auch auf dem ein Jahr später erschienenen Debutalbum "Scream Bloody Gore", einem der ersten Werke aus der Death Metal-Ursuppe. Die Wege von Death und Reifert trennten sich, als die Band von Kalifornien zurück nach Florida zog und Reifert in San Francisco blieb um dort 1987 Autopsy zu gründen.
Autopsy im Allgemeinen und Chris Reifert im Speziellen gehören in meinem Buch zu den großen Visionären des Death Metal. Es kommt nicht von ungefähr, dass Autopsy von einer Vielzahl damaliger Weggefährten wie beispielsweise Cannibal Corpse, Deicide, Pestilence oder Entombed als großer Einfluss auf die eigene Musik genannt werden, mit besonderem Fokus auf das 1991 erschienene zweite Album "Mental Funeral". Schon das zwei Jahre zuvor veröffentlichte Debut "Severed Survival" war im damaligen Klima und der Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden eine echte Ausnahmeerscheinung, weil es eben nicht Geschwindigkeit, sondern Atmosphäre in den Mittelpunkt rückte. Autopsy konnten zerstörerisch schnell und chaotisch sein, wenn sie wollten, aber ihr eigentlicher Shtick waren die zähen, fiesen, doomschlürfigen Ausflüge in abgründigste Sumpfgebiete mit ihren walzenden und disharmonischen Riffkaskaden, die die Stimmung auf ihren Alben so extrem unangenehm, morbide, trostlos und furchteinflößend machten. Obwohl die Band nach eigener Aussage keine Ahnung hatte, was sie im Nebel aus Alkohol und Marihuana bei den Aufnahmen zu "Mental Funeral" tatsächlich anstellte, gehört das Ergebnis zu den formvollendesten Beispielen des Gestörten-Metals. Möglicherweise haben wir hier sogar die Geburtsstunde von Sludge Metal und Death Doom.
Ein Sound wie ein langsam im kalten Boden verrottender Sarg. Wie das berstende Holz eines verlassenen Piratenschiffs in der dunkelsten Nacht im Pazifik. Wie glühender Torf. Keine Kompromisse. Kein Licht. Keine Liebe. Stattdessen primitives Dachschadengeschepper, schleppendes Amöbengekrieche und verstörendes Kloakengeschrei über Nekrophilie. Selbst in der sich zwar damals noch entwickelnden, aber mit extremen Auswüchsen ja nun beileibe nicht unvertrauten Death Metal-Szene war "Mental Funeral" kurz nach Veröffentlichung alles andere als unumstritten. Wer sich vergegenwärtigt, wie im Vergleich die gerade erfolgreich werdenden Obituary zu jener Zeit klangen, wird davon kaum überrascht sein; im Vergleich mit "Mental Funeral" klingt Obituarys "The End Complete" wie ein pubertärer Messdienerpups. Als die Band auf den beiden Nachfolgern "Acts Of The Unspeakable" (1992) und dem berüchtigten "Shitfun" (1995) mit noch abstoßenderen Coverartworks und extremeren, von Punk, Hard- und Grindcore beeinflussten Sounds sogar noch weiter aufdrehte und sich im gleichen Maße von dem abgrenzte, was im Metal allmählich salonfähig wurde, wurde es nur noch offensichtlicher, was die echten Fans schon lange wussten: Autopsy sind the real deal.
Vinyl und so: "Mental Funeral" wurde von Peaceville ab dem Jahr 2010 immer wieder mal neu aufgelegt. Der zuletzt erschienene Repress mit leicht verändertem Cover und einem Remastering von 2017 ist noch für um die 30 Euro zu haben. Wer die Originalpressung sucht, muss aktuell um die 100 Euro ausgeben. Ich weiß nicht, wie das Remaster klingt, aber wenn man mich fragt, sollte "Mental Funeral" grundsätzlich von derlei Eskapaden verschont bleiben.
Weiterhören: "Severed Survival" (1989), "Acts Of The Unspeakable" (1992)
P.S.: Die Band ist nach ihrer zwischenzeitlichen Auflösung im Jahr 1995 seit Ende der 2000er Jahre wieder aktiv, veröffentlicht neue Alben und tourt weltweit.
Erschienen auf Peaceville, 1991.

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