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15.08.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #146: The Cardigans - Gran Turismo (1998)





THE CARDIGANS - GRAN TURISMO


"The reality is invented for you by people who choreograph it. There's gotta be an office in Washington at some place where a bunch of people you never heard of choreograph reality. It's not just what the next photo-op is gonna be. It's what is the interpretation of a given international event. And this has to be generally dispensed through the media. With no questions asked." (Frank Zappa)


Um der Wahrheit die Ehre zu geben, werde ich gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass der Einzug der Cardigans in beide meiner Herzkammern in erster Linie der Herzallerliebsten zu verdanken ist, die mir recht zügig nach unserem Kennenlernen nahelegte, mich mit der Option auseinanderzusetzen, mein Leben, auch das musikalische, künftig also nicht nur mit ihr, sondern auch mit der Musik fünf schwedischer Musiker*innen zu teilen. Es war das damals gerade aktuelle Album "Gran Turismo", das vor allem in der ersten Phase jenes Zusammenseins zu Beginn des Jahres 2000 in schwerer Rotation war und einen bleibenden Eindruck hinterließ. Es stehen berechtigte Zweifel im Raum, ob ich ein gutes Jahr früher und ohne Alinas Zuspruch schon bereit für diese Musik gewesen wäre, und ich bin zur Veranschaulichung schon wieder kurz davor, meine schlimmsten Verwirrtheitszustände jener Zeit in aller Öffentlichkeit auszubreiten. Lassen sie es mich so sagen: ich hielt es 1998 für eine gute Idee, eine Autogrammstunde von Manowar - die Band, nicht die Qualle - zu besuchen und den lendenbeschurzten Intelligenzdetonationen eine Bootleg-CD zum Unterschreiben auf den Tisch zu legen. Alles an diesem Satz macht intellektuell impotent. 


Andererseits hätte es selbst für den delirierenden Kuttel-, quatsch: Kutten-Flori der späten neunziger Jahre kein besseres Einstiegsalbum als "Gran Turismo" geben können. Das Quintett aus dem schwedischen Jönköping machte stilistisch für ihr viertes Werk einen großen Sprung. Der freundliche, etwas süßliche, gitarrenorientierte Indiepop ihrer Anfangszeit bekam auf "Gran Turismo" ein mutiges Elektronik-Upgrade verpasst, zusammen mit einem deutlich wahrnehmbaren Drang, das Licht zu dimmen. Schon der ungewöhnliche Einstieg "Paralyzed" überrascht nach balladeskem Beginn mit knarzigen Beats und Bässen, gründlicher Low-Fi-Ästhetik und schleifenden Gitarrenfeedbacks und klopft damit immerhin zaghaft an die Tür jener grüblerischen Trip-Hop-Buden, in denen Lamb oder Portishead schon seit ein paar Jahren Kette rauchen. Damit war nach den leichtfüßigen Alben wie "Life" oder "First Band On The Moon" nicht zu rechnen. Wohin die Reise mit "Gran Turismo" aber tatsächlich geht, bleibt mit "Paralyzed" noch offen. Dafür sorgt alleine Sängerin Nina Persson, die erstens ein exzellentes Melodiegespür mitbringt und zweitens, und das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint, weder eine Beth Gibbons ist noch sein will. Persson singt hier mit typischer reservierter 90er Coolness, beinahe beiläufig, formal, beobachtend - und versteht es dennoch keinerlei Distanz aufkommen zu lassen. Ich weiß nicht, welcher Teil meines Reptiliengehirns damit angesteuert wird, aber es bleibt ein bemerkenswerter Ansatz - der außerdem schon beim nächsten Song die anfängliche Irritation über die Ausrichtung auflöst. "Erase/Rewind" ist einer der beiden großen Hits von "Gran Turismo" und hisst unmissverständlich die in melancholisches Sepia getauchte Pop-Flagge - und wer möchte, findet unter der selbst unter heutigen Maßstäben noch erstaunlich knusprig wirkenden Produktion sogar ein paar Spurenelemente der großen wehmütigen Hits der 1980er Jahre in der Herznote. 


Die Cardigans bleiben auch im weiteren Verlauf von "Gran Turismo" bei dieser Strategie, mal etwas lebhafter wie in Hit Nummer 2 "My Favourite Game", textlich ein abgründiger Einblick in Abhängigkeitsverhältnisse toxischer Beziehungen, was immer noch zu einigen bemerkenswerten Dissonanzen mit dem beschwingten Upbeat-Charakter des Songs führen kann, mal zaubern sie ein elegisches Glow-Panorama wie in der Ballade "Higher", channeln in "Junk Of The Heart" Fleetwood Mac auf Ketamin und verlieren bei "Do You Believe", musikalisch ein kleiner Gruß aus Björks isländischer Walfettküche, jede Hoffnung: 


Do you really think
That love is gonna save the world?
Well, I don't think so
I just don't think so


"Gran Turismo" ist Sonnenuntergangs-Pop, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Wenn schon das Licht ausgeht, ist's wenigstens schön warm. 




Vinyl und so: Die Erstpressung war ums Jahr 2008 herum noch für 20 Euro zu haben und kostete nur vier Jahre später schon supersahnige 300 Schleifen. Es ist wirklich völlig balla-balla - genauso wie die mittlerweile aufgerufenen Preise für die in kleiner Auflage produzierten ersten Reissues aus den Jahren 2000 und 2001. Band und Label ließen sich anschließend bis 2019 Zeit, um dem gesamten Backkatalog auf Vinyl zu veröffentlichen. Die Nachpressung von "Gran Turismo" klingt gut und ist schön gemacht und ist immer noch für um die 30 Euro zu bekommen. Kann man machen. Obacht jedoch mit "Super Extra Gravity", von der ich zwei Exemplare im Besitz hatte, die beide einen signifikanten Seitenschlag hatten (das heißt, die Rillen wurden nicht mittig auf die Scheibe gepresst) und leider retourniert werden mussten. Ebenso Obacht mit "Long Gone Before Daylight" - die war schon 2019 aus mir völlig rätselhaften Gründen einfach scheißteuer - und ist es leider immer noch.  


Weiterhören: "Long Gone Before Daylight" (2003), "Super Extra Gravity" (2005)






Erschienen auf Stockholm Records, 1998.