08.09.2008

Lauschglück



Am kommenden Freitag, 12.9.2008 findet in der Bessunger Knabenschule zu Darmstadt ein ausgesprochen interessantes Konzert statt:

Michael Wertmüller
(Drums, u.a. Brötzmann, ), Rainer Lind (Gitarre, Künstler aus Darmstadt, u.a. Brötzmann) und Joe Sachse (Gitarre, u.a. John Tchicai, Brötzmann) stehen gemeinsam auf einer Bühne.

Beginn ist um 20:30 Uhr. 

Weitere Informationen gibt es HIER.


26.08.2008

Zebra Streifen



Ein wildes Gezappel, da rund um den Springbrunnen. Die Rosen wachsen auf den braunen Betonplatten. Nicht so, wie andere Rosen wachsen, aber das sind auch keine normalen Betonplatten. Eigentlich bestehen sie aus ganz vielen, kleinen Steinen. Die passen gar nicht zusammen, aber man hat sie passend gemacht. Ob die wissen, dass Rosen auf ihnen wachsen? Naja, wahrscheinlich nicht.

"Das ist wie...wie ein Vogelschwarm, irgendwie. Einer fliegt nach...na, da raus halt, und die anderen fliegen sofort mit."

"'Die anderen' ist ja Quatsch; 's sind ja nur zwei."

"Aber immerhin klingen die zwei wie ein ganzes Rudel."

"Rudel? Eben warst Du noch beim Schwarm."

"Ja, Verzeihung. Wie's halt gerade passt."

"Rudel klingt nach Raubtieren."


Freies, attackierendes Chicago. Ist es noch hell oder schon wieder Frühstück? Eine große Tasse Kaffee, dazu Kornetthörnchen und Getrommel. Geht ja auch, wenn es erst wieder hell werden soll. Also irgendwann, wenn es noch dunkel ist.


"Und wie schön das klingelt. Wie Wasserperlen an den Badezimmerfliesen, nach dem Duschen."

"Wasserperlen, die klingeln?"

"Du weißt schon, wie ich das meine."

"Dann sag's halt."


phase out....another level of consciousness...push Away...posT...close your eyes...play, just play...aBility...FREe...another level of consciousneSs...agree....rock...disagree...


"Hat die nicht der Tortoise-Typ produziert?"

"Kann schon sein. Aber sowas interessiert doch nur Giganerds, weil sie das Wichtigste nicht kapieren wollen."

"Hast Du mich gerade Giganerd genannt?"

"Interessiert's dich wirklich?"

"Nö."

"Ich geh' ein bisschen schwimmen."


"In Praise Of Shadows" des Chicago Underground Trios ist im Jahre 2006 auf ThrillJockey erschienen. 



21.08.2008

"Even he can't play what he plays..."

Ein launiger Ausschnitt aus einem Noel Gallagher-Interview. Der Gitarrist von Oasis spricht gut fünf Minuten über The Smiths, Johnny Marr und Morrissey. Großartig!

19.08.2008

Halb zog es ihn, halb sank er dahin...



Auch das ansonsten so geschmackssichere Blue Note-Label erlaubt sich hier und da einen Ausrutscher. Auch wenn jener, der sich auf Lee Morgans "The Procrastinator" bezieht, nicht in erster Linie ein musikalischer, sondern zunächst mal ein geschäftlicher Lapsus ist. Das Label konnte auf dieser, im Juli 1967 aufgenommenen Scheibe unverschämterweise keinen Hit entdecken und verstaute die Aufnahmen im Giftschrank, ehe das Werk 1978 zum ersten Mal den Weg in die Läden fand. Ganze 17 Jahre später wurde es als limitierte Edition wiederveröffentlicht, auf der dann aber unsinnigerweise die Hälfte der Originalausgabe fehlte, nämlich eine Session aus dem Jahre 1969, unter anderem mit Julien Priester (Posaune) und George Coleman am Saxofon. Zumindest kann man damit den Gegenbeweis für die These antreten, früher sei in Sachen Musikbusiness alles besser gewesen. War es nicht.

Lee Morgan, der in den Jahren zuvor unter anderem bei Art Blakeys Jazz Messengers, der Band von Dizzy Gillespie und auf letztlich wegweisenden Klassikern wie Grachan Moncurs "Evolution" mitwirkte, hat für diese Platte die crème de la crème des Mid-60s Jazz und nicht weniger als drei Musiker der damaligen Miles Davis Band um sich versammelt. Gemeinsam mit Herbie Hancock (Piano), Wayne Shorter (Tenor Sax), Bobby Hutcherson (Vibraphon), Ron Carter am Bass und Billy Higgins am Schlagzeug präsentiert er sich im Vergleich zu seinen erfolgreichsten Jahren mit Werken wie "The Sidewinder" oder "The Rumproller" deutlich gereift, ja geradewegs zurückhaltend und bietet einen Hard Bop an, der in seinen besten Momenten die Schwelle zur Avantgarde streift und ansonsten mit erstaunlicher Tiefe und gehörigem Swing ausgestattet ist. Die vier Morgan- und zwei Shorter-Kompositionen (die wunderbare Ballade "Dear Sir" und der Bossa Nova "Rio") sind in ihrer Geschlossenheit und ihrer Souveränität ungeschlagene Perlen des modalen Jazz, zu gleichen Teilen beschwingt und hypnotisierend. Besonders letztgenannte Komponente dürfte sich in den meisten Morgan-Alben der sechziger Jahre wiederfinden.

Dass "The Procrastinator" moderner klingt als Morgans frühere Arbeiten liegt für meinen Geschmack explizit an der Beteiligung Bobby Hutchersons. Besonders sein Spiel führt die bluesigen Ansätze des Trompeters in einen tiefroten Rau(s)ch, wärmt sie und verleiht ihr einiges an mystischem Flair, das sich durch die komplette Aufnahme zieht. Dazu passt Shorters ebenfalls sehr überlegtes, zurückgenommenes Spiel und das kluge, begleitende Drumming von Billy Higgins, der sich nie in den Vordergrund drängt, sondern sich perfekt den Songs anpasst und sie abrundet.

Möglicherweise wäre Lee Morgan, der Zeit seines Lebens wie viele seiner Musikerkollegen dem Heroin nicht immer abschwören konnte, heute eine der bekanntesten und schillerndsten Figuren des Jazz, wäre er nicht 1972 während eines Streit mit seiner damaligen Freundin vor dem New Yorker Jazzclub Slug's von ebenjener erschossen worden. Aber spekulieren wir nicht weiter wild herum, lassen wir lieber den trivialen Quatsch beiseite und freuen uns, dass es von diesem Mann noch eine ganze Reihe fantastischer Platten zu entdecken gibt. "The Procrastinator" ist einfach viel zu gut, um es dem großen Nichts, dem großen Vergessen anzuvertrauen.


"The Procrastinator" ist im Jahre 1978 auf Blue Note Records veröffentlicht worden. Der hier präsentierte Re-Release erschien im Jahre 1995 ebenfalls auf Blue Note Records.

13.08.2008

Playlist 12.8.2008

Wie immer an dieser Stelle: das haben Sie gestern Abend verpasst. Oder gehört. 

01 Mice Parade - In The Land There Are Lakes
02 The Life And Times - Muscle Cars
03 I'm Not A Gun - Blue Garden
04 Do Make Say Think - Chinatown
05 Thomas Dybdahl - Love's Lost
05 Vetiver - You May Be Blue
06 Sofa Surfers - White Noise
07 Joyce Hotel - Falling/Laughing
08 Triosk - Headlights
09 IMPS - Bubble And Squeak
10 Jackie McLean - Love And Hate
11 Joe Henry - Love You Madly
12 Ostinato - Convolution
13 Jud - The Hands
14 Human Bell - Outposts Of Oblivion
15 Joanna Newsom - Cosmia
16 David Murray Octet - India
17 Mad Season - Long Gone Day
18 The Heavy - Doing Fine
19 Black Rebel Motorcycle Club - Rifles
20 Boards Of Canada - Sixtyniner
21 Rafael Anton Irrisari - Fractal
22 Anders Ilar - Color Of Rain
23 EFDEMIN - Further Back
24 Shuttle 358 - Lyndon Song
25 Yume Bitsu - Surface I

Vielen Dank fürs Zuhören!

09.08.2008

In eigener Sache: Nachtgedanken




Der lange herbeigesehnte Urlaub ist endlich da, also kann ich ihn auch gleich mit einer kleinen Radiosendung freudig begrüßen:

Am Dienstag, 12.8.2008 ab 20:30 Uhr gibt es unter folgendem Link ein bisschen Musik zur Nacht zu umarmen:

Hans-Joachim Kulenkampff freut sich über deine pinkfarbenen Waschlappen

Und das ist ja auch ganz schön so.


P.S.: Man findet schon einen geradewegs käferblöden Mist, wenn man (relativ) harmlos die Google-Bildersuche für "Nachtgedanken" anschmeißt, oder? 

25.07.2008

I Feel New Beats, I Hear New Sounds



Eine ganz und gar bemerkenswerte Platte, und das gleich in mehrfacher Hinsicht, ist "Home For An Island", das zweite Album der New Yorker Band The Exit, und es stimmt mich von Zeit zu Zeit etwas nachdenklich, dass ich dieses Juwel ohne mein ehemaliges Dasein als Hobby-Musikjournalist wohl niemals entdeckt hätte.

Das sind wohl die guten Seiten eines Jobs, bei dem ich mir manchmal nicht sicher bin, ob ihm überhaupt auch nur eine gute Faser einer nicht ganz so schlechten Seite innewohnt, und dabei beziehe ich mich ausdrücklich sowohl auf die Rolle des Lesers, als auch auf die des Schreibers selbst. Aber das ist wieder so ein ganz anderes Thema, darüber können wir uns gerne auf der nächsten Popkomm unterhalten, wenn die halbnackten Bitches, sorry: Hostessen, uns am Visions-Stand die Caipi-Schirmchen ins Haar flechten. Jedenfalls: meine grundlegende Skepsis gegenüber aktueller Rockmusik hat mich seit einiger Zeit so fest im Griff, dass sie mich heutzutage, ganz salopp geschrieben, eigentlich einen Scheiß interessiert. Ich suche auch nicht mehr danach. Wenn mir jedoch mehr oder weniger zufällig etwas vor die Füße rutscht, das mich totz meiner "Iiiih, Du bist immer so anti"-Haltung zunächst verwirrt und dann umso stärker mitreißt, so dass ich selbst zwei Jahre nach der Veröffentlichung dieses kleinen Wunders noch ein helles Funkeln in die Augen bekomme und in himmelhochjauchzende Lobhudeleien verfalle, die sogar mit jedem weiteren Durchlauf noch himmelhochjauchzender Lobhudeln, dann bin ich ein sehr glücklicher Mensch.

The Exit spielen auf "Home For An Island"...Rockmusik. Rockmusik, zu der mir interessanterweise jeder Vergleich fehlt, obwohl die Assoziationen zu der Musik des Trios nur so aus den Poren sprühen. Rockmusik, die sich zwischen The Police, The Clash und den Wurzeln des Punkrock bewegt. Rockmusik, die so sackperfekt produziert wurde, dass ich seit Jahren keinen besseren Sound mehr auf einer Rockplatte gehört habe. Rockmusik, die angesichts ihrer durchaus mainstreamigen Ausrichtung das Zeug dazu gehabt hätte, zu einem legendären Klassiker zu werden, selbst in einer Zeit, in der die Menschen selbige gar nicht mehr fänden, um einen Meilenstein überhaupt noch als solchen zu erkennen/entdecken/feiern. Hausfrauen hätten "Let's Go To Haiti" oder den Titeltrack nach monatelanger Heavy Rotation in Funk und Fernsehen mitpfeifen, ach was: mitsingen können, Schulkinder würden ihre Eltern nicht eher in Ruhe lassen, bis sie Gitarren-, Bass- und Schlagzeugunterricht gleichzeitig bezahlt bekämen, und der große alte Mann des Fickel-Hardrocks, Jon Bon Jovi, der immer noch so jung aussieht und so wunderbare Schmuseballaden schreibt, die ans Herz und in die Hose gehen, würde seinen Fotografen zuraunen:"Make me look like The Exit."

Und dann wache ich auf und sehe, dass alles ganz anders kam. The Exit haben eine vergleichsweise niedrige Anzahl von MySpace-Profilaufrufen, ihre Major-Homepage ist vom Netz genommen, sie wurden trotz des ulkigen Label-Stickers, der sie groß als "Must Hear Artist" deklarierte, zu einem "Must Be Dropped Artist", und diese Platte hier, die ist fast vergessen. Ich möchte an dieser Stelle nicht wie einer der furchtbaren Zeitgenossen klingen, die jeden zurecht unbekannten Schmonz mit einem "In einer besseren Welt wären diese Jungs hier Superstars" kommentieren; dass eine mit solchem Potential gesegnete Scheibe jedoch nahezu keine Sau juckt...das darf mich einfach nur ein bisschen Erstaunen. Darf es nicht?

"Home For An Island" von The Exit ist im Jahre 2005 bei Wind-Up Records erschienen.

15.07.2008

It's In The Mix, Stupid!



Für gewöhnlich bin ich den Arbeiten von Kieran Hebden ja durchaus wohlgesonnen: seine Postrock-Spielwiese Fridge, seine vielseitigen Four Tet-Tüfteleien, die mitunter sehr respektvoll die Einflüsse des 29-jährigen Musikers in den Vordergrund rücken, oder eben sein seit einigen Jahren laufendes Projekt mit dem Jazzdrummer Steve Reid, all das konnte mich im Grunde immer überzeugen. Vor allem das Hebden/Reid-Debut "The Exchange Sessions Vol.1" hat mich seinerzeit kräftig mitgerissen. Hebden hatte schon zu schwebenden Fridge-Zeiten großen Wert auf vertrackte Rhythmuskonstruktionen gelegt, und "Everything Ecstatic", seine großartige Four Tet-Platte aus dem Jahr 2005 baute diesen Groove-Fokus gar noch weiter aus, umgarnte ihn mit seinen typischen Wuschi-Deluxe-Sounds, frisch gemopst aus der großen Rappelkiste eines Musikverrückten. Die Kollaboration mit Steve Reid, einem freien Geist des Jazz, der in den sechziger und siebziger Jahren mit Sun Ra genauso arbeitete wie mit Miles Davis, lag als nächster logischer Schritt auf der Hand.

Während die ersten beiden Ergebnisse dieser Partnerschaft "The Exchange Sessions 1+2" sich ausbreitenden, diffusen Electro-Freejazz boten, wählte man für das dritte Werk "Tongues" offensichtlich einen luftigeren Ansatz. Durchschnittlich viereinhalb Minuten benötigen die beiden Musiker, um zu demonstrieren, dass improvisierte Musik eben auch mal bedeuten kann, dass es - Pardong! - in die Hose geht. Was grundlegend völlig in Ordnung ist. Aber mein Gefühl sagt mir auch nach dem achten Durchlauf, dass Hebden und Reid sich hier leicht verhoben haben. Reids afrikanisch beeinflusstes Schlagzeugspiel rückt auffallend weit in den Hintergrund, die Schnittstellen mit Hebdens Gezischel und Gerappel wurden so unkenntlich gemacht, dass sich bei Licht betrachtet hier nur einer austobt, und das ist Kieran Hebden. Trotzdem pendelt er lediglich zwischen zwei Extremen umher: einerseits wummert er viel Potential überraschend uninspiriert in Grund und Boden, andererseits lässt er hier und da süßliche Melodien durchblitzen, die viel zu undefiniert sind, als dass sie eine Stimmung erzeugen können, die die Songs tragen kann. Und wer jetzt irritiert die Augenbrauen anhebt und sich fragt "Moment mal, Songs??", der fragt sich das mit Recht: mir erschließt sich schon der grundlegende Gedanke hinter "Tongues" nicht, vierminütige Momentaufnahmen in einen ursprünglich uferlosen Kontext zu pressen. "Tongues" wirkt dadurch unangenehm unfertig, beeindruckend trivial und zerstäubt schneller aus dem Gedächtnis als eine Bundestagsrede von Dirk "Wirsing" Niebel.

"Tongues" von Kieran Hebden und Steve Reid ist im März 2007 auf Domino Records erschienen.

06.07.2008

(R)evolution



"When ever I have a conversation about what's wrong with the jazz business, I always start out by saying, 'Where is Grachan Moncur?'"

Jackie McLean

Manche Wahrheiten benötigen Zeit. Manche Musik benötigt Zeit. Und wenn Wahrheit und Musik aufeinandertreffen, dann können schon mal ein paar Dekaden vergehen, bevor sie aus nebligem Dickicht gezerrt und entdeckt werden. Eine sehr scheue Kombination, scheinbar. Bei Grachan Moncur III stießen die beiden Faktoren mehr als nur einmal aufeinander, und es macht den Eindruck, als habe sich in nahezu gleicher Frequenz sein Image als merkwürdiger Kauz immer weiter in die Jazzwelt hineingebohrt. Sowas kann zu einem prächtigen Boomerang werden.

Als einer der wenigen Posaunisten, die sich in der Free Jazz/Avantgarde-Welt bewegen, erscheint er mir besonders in den letzten Monaten als einer der inspiriertesten Jazzmusiker aller Zeiten. Auch wenn sich Moncur nach eigener Aussage gar nicht in der Avantgarde-Ecke zuhausefühlt ("To me, it wasn't avant-garde per say for what the avant-garde was really standing for at that time to me. The avant-garde at that time was dealing with the idea of being revolutionary music. I had no thoughts in my mind of this being revolutionary."), so gelten besonders sein Blue Note-Debut als Leader "Evolution",  und das mit Jackie McLean als Leader aufgenommene "Destination...Out!"(beide 1963 erschienen) als sehr außergewöhnlich und innovativ. Für mich begann das Phänomen Moncur mit einer Aufnahme aus dem Jahr 1969, "New Africa", aufgenommen im Rahmen einer Session für das legendäre französische BYG Actuel-Label. Die hier enthaltenen vier Songs zählen für mich mittlerweile zu den großen Sternstunden des Jazz: der ausufernde, aber zu jeder Sekunde mit glasklarer Struktur versehene Titeltrack, der sich in den ersten Minuten so traumhaft durch eine simple Klaviermelodie schleppt, das nervös-sirrende, dunkle und unheilverkündende "Space Spy", oder "Exploration", das seinem Name mit sehr freien Solos alle Ehre macht, und zu guter Letzt "When", einem mit dunklen Swing ausgestatteten Wohlfühlmonster; Moncurs Songwriting ist zu jeder Sekunde eine glatte Offenbarung, sein Stil völlig einzigartig. Zugegeben, ich bin immer noch nicht vollständig hinter sein Geheimnis gekommen. Dafür ist der Mann viel zu wendig, seine Brüche und Sprünge so fix, sein Motive so strange & beautiful, das ich sie - ganz ehrlich gesagt - auch einfach nur genießen möchte. In einem Interview mit Allaboutjazz.com sagte er über seine Art Songs zu schreiben:"I was trying to look at writing at that point the way a painter would paint. You put your thing on the easel and you sketch something and you come back to it the next day or a couple of days. That's how I was trying to think musically. I wasn't trying to finish anything. I still don't do that. I don't try to write anything that I consider a complete piece, especially now. It is always a work in progress. I don't change anything, but I add." Moncur balanciert für meine Begriffe genau an der Schnittstelle eines eher traditionellen Jazzmodells wie dem Hardbop und den Anfängen des Free Jazz in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Hier hat er seinen Platz gefunden, fokussiert sich aber in Sachen Songwriting besonders auf Stimmungen und Kontraste. 
Möglicherweise ist speziell dieses Merkmal der springende Punkt seiner 
Musik.

Trotz seiner Zusammenarbeit mit Blue Note zählt Grachan Moncur III bis heute zu den eher unbekannteren Jazzmusikern, obwohl er bis heute Platten veröffentlicht, wenn auch in sehr unregelmäßigen Zeitabständen. In dem weiter oben erwähnten, sehr spannenden, Interview nimmt Moncur zu diesen und anderen Themen Stellung, oftmals auf eine Art und Weise, die mir alleine beim Lesen seiner Sätze den Herzschlag beschleunigt. Es ist, als könne ich seine Worte hören. Sie klingeln regelrecht in den Ohren.

"New Africa" von Grachan Moncur III ist 1969 auf BYG Actuel erschienen.

21.06.2008

"But this time, I wanna hear you scream. In pain." -"Play some Jazzrock."



Es gibt Momente, in denen ich die musikalischen siebziger Jahre gerne zusammengeknüllt in einer Biotonne liegen lassen würde, obgleich vieles aus dieser Dekade noch nicht mal kompostierbar, sondern geradewegs hochgiftig klingt. Das erste Album des hochgelobten Keith Jarrett Quartetts mit Chalie Haden (Bass), Dewey Redman (Tenor Sax) und Paul Motian (Drums) stammt aus dem Jahre 1971, und auch wenn man sich da gerade mal am Anfang des Jahrzehnts befand: "Birth" atmet bereits erstaunlich oft den Muff einer Dekade, in der so mancher Musiker auf Teufel komm raus in einer Art und Weise experimentierte, die man mit viel Wohlwollen gerade noch als naiv bezeichnen könnte, zumindest aus heutiger Sicht. "Birth" ist jedoch aus zwei Gründen nicht uninteressant, zeigt es doch erstens (nicht nur) mit Jarrett einen Musiker, der hörbar auf der Suche nach Herausforderungen war und mit vielen - ihm eigentlich fremden - Instrumenten nach einem neuen Sound forschte und zweitens einen überraschend sauberen Schnitt zwischen Tradition, Avantgarde und Jarretts künftigem ECM-Sound, der sich in erster Linie beim Opener und beruhigend-fließenden Titelstück zu erkennen gibt. Ein durchaus ungewöhnlicher Einstieg in eine ebenso ungewöhnliche, heterogene Platte, deren Ausrichtung im Folgenden wesentlich freier in Erscheinung tritt. Hier fallen besonders das rockige, fusionlastige "Mortgage On My Soul (Wah-Wah)", sowie das sehr freie, experimentelle "Spirit" auf. Während die Band bei letzterem mit allerlei Percussioninstrumenten hörbar entrückt knapp unter der Studiodecke herumfliegt, wenn nicht -albert, präsentiert sich "Mortgage On My Soul" als dick geknüpfter Rockteppich, der leider viel Charme in sich aufsaugt und ihn partout nicht mehr freigeben will, sodass ein verzerrter Charlie Haden-Bass unwidersprochen auf ihm herumtollen und noch einen Nachschlag in Sachen "Geschmacklosigkeit" bieten kann.

Damit hätten wir den Tiefpunkt dieser Platte auch schon hinter uns gelassen; danach geht es spürbar bergauf. Vor allem der Schlusspunkt "Remorse" (Jarrett an den Steel Drums und am Banjo) zeigt in seinen elf Minuten ein beeindruckendes Wechselspiel der Musiker und birgt insbesondere in Jarretts blitzschnell an- und abschwellenden Crescendos einen feinen Ausblick auf seine Arbeiten in den kommenden Jahren.

Eine seltsame Platte, auf der weißgott nicht alles Gold ist, was glänzt, die es jedoch problemlos auf drei Prachtstücke bringt. Reicht völlig aus.

"Birth" von Keith Jarrett ist im Jahre 1971 auf Atlantic Records erschienen.

13.06.2008

Lasst Es Baumeln



Auf einmal war es da, das dritte Soloalbum des Broken Social Scene-Gitarristen Jason Collett. Keine großen Ankündigungen, kein großes Trara. Damit steht die Veröffentlichungspolitik in einer Reihe mit der Musik des Kanadiers. Wie schon auf dem fantastischen Vorgänger "Idols Of Exile" steht die ungeheure Lässigkeit der Songs im Vordergrund: eine Band, die über die kompletten 47 Minuten klingt, als läge sie kollektiv in einer übergroßen Hängematte, findet man wahrlich nicht an jeder Straßenecke. Ich weiß auch beim besten Willen nicht, wie sie das immer wieder hinbekommen, zu jedem Zeitpunkt derart laid back zu agieren.

Collett und seine Buben bieten stilistisch nichts Neues zu den beiden Vorgängern und pendeln immer noch zwischen den Beatles (deren Einfluss einen fast schon körperlich anspringt), den Stones und kanadischem Folk- und Indierock hin und her und haben immer noch eine feine Nase für echte Highlights. Auch wenn für den Moment "Idols Of Exile" noch die Nase vorn hat, sind feine, mit sicherem Händchen geklöppelte Songs wie "Out Of Time", "No Redemption Song", "Papercut Hearts", "Not Over You" oder "Charlyn, Angel Of Kensington" überragende Beispiele für das Songwritingtalent Colletts. Dass er mit der Begleitband Paso Mino Musiker gefunden hat, die seine Songs mit soviel Hingabe und Selbstverständlichkeit spielen, ist jedoch sein größter Coup. Letztendlich ist diese Qualität für mich der springende Punkt an seinen Arbeiten. Die Songs rücken in die zweite Reihe, auf die sonnenüberflutete Veranda an einem Sonntagnachmittag. Es gibt Erdbeerkuchen und Kaffee. Und Strohhüte...Strohhüte gibt es auch.

"Here's To Being Here" von Jason Collett ist im Februar 2008 auf Arts & Crafts Productions erschienen.



01.06.2008

"Bei Christiansen musst du aufpassen....die wehrt sich!"



"Ein Autor, der nur ein einziges Theaterstück geschrieben hat, das nur ein einziges Mal auf dem seiner Meinung nach besten Theater der Welt, und genauso seiner Meinung nach nur von dem besten Inszenator auf der Welt, und genauso seiner Meinung nach nur von den besten Schauspielern auf der Welt aufgeführt werden durfte, hatte sich, schon bevor der Vorhang zur Premiere aufgegangen war, auf dem dafür am besten geeigneten, aber vom Publikum überhaupt nicht einsehbaren Platz auf der Galerie postiert und sein eigens für diesen Zweck von der Schweizer Firma Vetterli konstruiertes Maschinengewehr in Anschlag gebracht, und nachdem der Vorhang aufgegangen war, immer jenem Zuschauer einen tödlichen Schuss in den Kopf gejagt, welcher seiner Meinung nach an der falschen Stelle gelacht hat. Am Ende der Vorstellung waren nur noch von ihm erschossene, und also tote Zuschauer im Theater gesessen. Die Schauspieler und der Direktor des Theaters hatten sich während der ganzen Vorstellung von dem eigenwilligen Autor und von dem von ihm verursachten Geschehen nicht einen Augenblick stören lassen."(*)


Georg Schramms Wut, seine Radikalität, sein Mut, seine Verzweiflung, seine Brillianz, seine Moral und nicht zuletzt sein Humor haben mich erst innerhalb der letzten zwei Monate erreicht und begeistert. Seither verging kaum ein Tag, ohne seine Beiträge zu politischen oder gesellschaftlichen Schweinereien gehört oder gelesen zu haben. Das ist manchmal anstrengend, aber ich weiß auch um die reinigende Wirkung seiner Worte. Und ich weiß, dass ich nicht alleine bin.

"Thomas Bernhard Hätte Geschossen" von Georg Schramm ist im Jahre 2006 erschienen.



(*): "Ein eigenwilliger Autor" aus: "Der Stimmenimitator", Thomas Bernhard, 1978


16.05.2008

Nein, Diese Marimba...!



Ich wollte schon lange ein paar Sätze über dieses Album schreiben. Das SF Jazz Collective ist nämlich über Umwege für meine nunmehr seit drei Jahren anhaltende Jazz-Leidenschaft verantwortlich, und das war ursprünglich gar nicht so gedacht. Es war mal wieder ein Blindkauf, und ich hatte im Grunde keine Ahnung, wofür ich hier Geld ausgegeben hatte. Die Scheibe stand im "Electronica"-Regal des örtlichen Blödmannladens, hatte ein buntes, psychedelisches Cover, auf dem (unter anderem) das Wort "Jazz" stand. Ich zählte eins und eins zusammen und erwartete wohl einen den offensichtlichen Gegebenheiten entsprechenden Stilmischmasch, vielleicht etwas in der Jazzanova-Liga, zumal ich wenige Tage zuvor deren "In Between" kaufte und recht angetan war.

Als Teenager schaute ich nachts, nach dem Kneipenbesuch und vor dem Tiefschlaf, gerne noch ein wenig Fernsehen und immer wenn auf 3Sat vornehmlich alte, schwarze Männer Jazz spielten, blieb ich am Ball und war umgehend wieder hellwach (und nüchtern). Ich hielt nie nach solcher Musik ernsthaft Ausschau, in erster Linie, weil ich keinen blassen Dunst hatte, wo und wie ich danach suchen sollte. Aber ich war schon damals Feuer und Flamme.

Als die CD des von Joshua Redman angeführten Kollektivs in den Player schnurrte und ich gespannt darauf wartete, was ich mir da zusammenkaufte, und die ersten Marimba-Klänge von Bobby Hutcherson erklangen, die "Lingala" einleiten, hatte ich einerseits die Platte schon nach wenigen Takten ins Herz geschlossen und andererseits endlich einen Ansatzpunkt gefunden, wie ich an solche Musik komme. Ich hatte Namen, Songtitel und erstmals einen kleinen Schimmer von dem, was es da draußen noch geben könnte. Ich kannte zu dieser Zeit noch keinen Ornette Coleman, dessen Kompositionen "Peace", "When Will The Blues Leave" und "Una Muy Bonita" auf dieser Platte interpretiert werden, ich kannte keinen Joshua Redman und seinen Vater schon gleich gar nicht und keinen Bobby Hutcherson, der mit "March Madness" vertreten ist. Dennoch: ich war so glücklich.

Von hier aus entstand eigentlich alles. Heute kenne ich Bobby Hutcherson, Dewey Redman, Ornette Coleman und viele, viele mehr. Heute ist das Entdecken von alten Jazzplatten ein großes Abenteuer, das Hören derselben manchmal ein genüssliches Abtauchen, manchmal ein irrer Ritt. Immer ist es inspirierend.

So gesehen habe ich dieser Platte einiges zu verdanken, aber auch davon abgesehen ist dieses Debut eine launige Angelegenheit. Das erwähnte "Lingala" (Miguel Zenón) ist mittlerweile sicherlich eines meiner liebsten Jazzstücke, der Beitrag von Pianistin Renee Rosnes "Of This Day's Journey" ein gefühlvolles, sich prächtig entwickelndes Stück Modern Jazz, in dem die Kanadierin sich als wieselflinke und beseelte Musikerin zeigt, während vor allem die Coleman-Interpretationen, allen voran "Peace", nahezu perfekt den spröden Charme der Kompositionen einfangen und die trotzdem mit einiger Leichtigkeit in diese, ja, man darf es ruhig aussprechen, Big Band-Formation eingefügt werden. Ich empfinde es als durchaus respekteinflößend, wenn man Coleman-Songs erkennt, ohne zuvor das Original gehört zu haben. Man weiß einfach, dass diese kauzige Art, dieses wie-auf-stelzen-laufen nur von ihm kommen kann.

So gab also das San Francisco Jazz Collective den Startschuss in meine Jazzkarriere. Noch heute kehre ich gerne an diesen "Ursprung" zurück...für mich ist es eine ganz besondere Platte.


Das Debut des SF Jazz Collective ist im Jahre 2005 auf Nonesuch erschienen.

09.05.2008

"Verzeihung, ich wollte nicht stören...?!"


Ich bin untröstlich ob meiner mehrwöchigen, virtuellen Abwesenheit (ehrlich!), , habe aber gute Neuigkeiten: der Blog lebt noch, sein Autor erstrecht und hier geht es bald weiter.

Zugeschaut und mitgebaut!

05.04.2008

Neues Aus Den Anderen Räumen

Weil es möglicherweise den ein oder anderen Leser interessiert, möchte ich auf ein neues Radioprojekt von Frank Schindelbeck, dem Motor hinter den Seiten Jazzpages und Jazzblogger, hinweisen.

Das Musikportal Laut.de bietet neuerdings die Möglichkeit an, sich eine eigene kleine Radiostation zusammen zu basteln. Frank hat daraufhin das Jazzradio installiert, und vielleicht hat der ein oder andere ja Lust, mal ein Ohr zu riskieren.

Jazzradio


Und wo wir gerade bei Entdeckungen sind: Freund Phirnis schrieb einen schönen Nachruf auf Klaus Dinger, dem am 20.März verstorbenen Gründungsmitglied von NEU! und La Düsseldorf.

Nachruf auf Klaus Dinger


Der Ethik-Schniedel

Mir fiel kürzlich wieder die Polemik "Ein Mann Wird Kälter - Wenn Schniedel auspacken: Über den Erfolgsethiker Hans-Olaf Henkel" von Titanic-Redakteur Stefan Gärtner in die Hände, und ich nehme diesen freudigen Fund zum Anlass, mein "ich-schreibe-nur-und-ausschließlich-über-musik"-Konzept mal schön über den Haufen zu werfen, jedenfalls für den heutigen Tag.

Der Text ist einer meiner liebsten Sternstunden der Titanic und immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, lese ich ihn grundsätzlich von Anfang bis Ende durch und stehe dabei laut applaudierend auf dem Schreibtisch. Aus diesem Grund mache ich ihn an dieser Stelle für Euch verfügbar, vielleicht reicht es ja für einen amüsanten Lesespaß in den kommenden Minuten.

"Ich halte die Globalisierung neben Aufklärung und Menschenrechtserklärung für die größte Errungenschaft der Menschheitsgeschichte."




02.04.2008

Ridicule Is Nothing To Be Scared Of

Wenn es nicht so furchtbar egal wäre, dass sich die tattrigen 90er Jahre "Trip-Hop" (Musikexpress)-Rochen von Portishead "wiedervereinigt" (H.Kohl) haben, man müsste fast ein bisschen verärgert darüber sein, dass dieses "erbärmliche Gestümper" (Portishead, "Machine Gun") das Tageslicht erblickt hat. Spätestens bei der Terminator-Melodie zum Schluss hatte ich den schönsten "Lachflash" (Markus Maria Profitlich) seit dem Anblick eines Running Wild Bandfotos von 1998.

(Okay, ist gelogen. Lag schon nach 30 Sekunden unter dem Tisch.)


01.04.2008

Auf Einem Fuß



Als neulich mein Auge über den begehbaren CD-Schrank wanderte, fiel mir eine Platte auf, die ich schon seit längerem nicht mehr hörte. Das trifft sicherlich auf mehrere der dort herumstehenden Exemplare zu, und meine Ignoranz hatte auch ganz bestimmt und irgendwann mal einen Grund, aber mich ließ der Gedanke nicht mehr los: die musst du nochmal hören.

Charles Lloyd ist ein weiterer Musiker, dem ich eigentlich mehr Aufmerksamkeit schenken müsste, aber wie so oft benötigte ich einige Zeit, um mich in neuen, seltsamen Klanguniversen zurecht zu finden. Das heißt übersetzt: ich war anfangs nicht wirklich berauscht von "Sangam", übrigens Lloyds erstes Livealbum für das Münchener ECM-Label. Ich kann aus heutiger Sicht nur noch partiell nachvollziehen, was mich zu diesem Standpunkt brachte, vermute allerdings, dass ich mit den falschen Erwartungen an diese Platte herantrat, und auch das ist ja bekanntermaßen nichts Neues im Hause Florian. Aus heutiger Sicht ist vieles an "Sangam" ganz außergewöhnlich und spannend. Dazu zählt zum einen die Besetzung: Lloyd spielt mit dem zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade mal 28-jährigen Drummer Eric Harland und dem Tablaspieler Zakir Hussain mit zwei Perkussionisten zusammen, was sich auf dem Papier möglicherweise recht spröde liest, auf Plastik jedoch mit irrsinnigen Farben, Funken und Fischbrät überzeugt. Vielleicht flattert vor allem Hussains Solospiel dem ein oder anderen zu weit in die Schnittstelle World Music (für Diskussionen über den Genrebegriff bitte die 110 wählen) hinein, die Erwähnung seines Engagements in John McLaughlins Band Shakti reicht für die Zielgruppe vermutlich aus, um wundervolle Migräneattacken begrüßen zu dürfen. Davon abgesehen möchte man ein ums andere Mal kräftig mit der Zunge schnalzen (oder wenigstens die Hose öffnen): es gibt Momente, in denen sich das Trio förmlich ins Nirwana groovt, vor allem Harland weiß ganz genau, was er hier zu leisten hat. Das Webzine All About Jazz formulierte es in einem ungewohnten Ausbruch wie folgt:"This album captures the three grooviest motherfuckers in the world." und ich möchte ihnen nur ungern widersprechen. Lloyds Spiel hat eine unglaubliche Übersicht, ist hochspirituell und immer auf dem Sprung, immer auf der Suche nach neuen Pfaden. Der 1938 geborene Saxofonist trieb sich zunächst in der Bluesszene um B.B.King herum, bevor er in den 50er Jahren mit Avantgardisten wie Eric Dolphy, Ornette Coleman oder Bobby Hutcherson zusammenarbeitete. Ähnlich wie Sonny Rollins zog sich auch Lloyd zum Teil jahrelang komplett aus der Musikszene zurück und triumphierte in der Folge mit beeindruckenden Comebacks.

"Sangam" ist meines Wissens die erste und bis heute einzige Veröffentlichung des Trios. Aufgenommen bereits im Jahre 2004, ließen die drei Musiker direkt beim ersten Gig einfach mal das Band mitlaufen. Das Ergebnis ist nicht nur bedingt durch diesen Umstand eine mystische, nebulöse Musik. Klar von einer reißenden Spontanität geprägt, aber gleichzeitig auch geerdet und wohlüberlegt. Indes teilt sie ein Schicksal mit vielen anderen "neuen" Jazzplatten: "Sangam" ist mit über 70 Minuten Spielzeit einfach viel zu lang geraten. Vielleicht der einzige Makel an einer berauschenden Platte.

"Value For Money" ist ein Irrtum!


"Sangam" von Charles Lloyd ist im April 2006 auf ECM erschienen.

27.03.2008

Mac Benedikt mampft Whopper Knut



Weißes Grundrauschen und flimmern in der Kiste. Nix passiert, aber bloß nix verpassen.

Das Berliner Trio Rechenzentrum um Marc Weiser, Christian Conrad und den Videokünstler Lillevan hat mit dieser DVD eine ganz schön harte Nuss veröffentlicht, die sich nicht damit knacken lässt, dass man sie hier und da mal durch die Lauscher kullern lässt und auf den lieben Gott wartet, der einem dann mal schön den Weg zum Licht weist. Wobei, Gott ist gar nicht so verkehrt: "Silence" ist inspiriert von den Heiligendarstellungen des russischen Ikonenmalers Andrej Rjublev und versteht sich mit Lillevans meist schwarz-weiß gehaltenen Visuals als nach innen blickendes, meditatives Energieknäuel, das sich langsam seinen Weg durch den Raum kugelt. Der Sound ist elektronisch, mal noisig-verpixelt, perkussiv-jazzig, mal reichlich, opulent und (fast ein bisschen zu sehr) füllend. Erinnerungen an Dead Can Dance werden besonders in den ersten Tracks geweckt, wenn sich die Band sehr sakral und majestätisch einen Überblick über das weite Feld verschafft. Indes, nicht immer gelingt die Fortführung der Stille. Es gibt Momente, in denen mir Rechenzentrum völlig ohne Not zu schroff werden, etwa, wenn in "Rublevs Refugium" nach eineinhalb Minuten des Schwebens plötzlich ein deplatzierter Clubbeat Konservendosen zusammennagelt.

Anfangs war ich davon überzeugt, dass die Musik untrennbar mit den Bildern verbunden ist. Zu beeindruckend war das Zusammenspiel der Klänge mit Lillevans Visionen und Strukturen, zu dicht war die Naht, die dieses ganze Projekt am Laufen zu halten schien. Mit der Zeit jedoch wich meine Fixierung auf das tête-à-tête von Bild und Klang und verschob sich tatsächlich eher in Richtung der Musik, die plötzlich auch ohne die Krücken der Visualisierung laufen konnte. Und dennoch halte ich das Gesamtkonzept für überaus lobenswert: "Silence" ist in dieser Form und mit dieser Voraussetzung ein angemessener Gegenspieler in einer kulturellen Landschaft, die den Kunst- und Künstlerbegriff am liebsten in ein vor sich hin fettendes Cheeseburger-Tütchen einwickeln würde. Alles für einen Euro, und die Tüte ist der Star. Rülpsihasi.


"Silence" ist im Oktober 2007 bei Weiser Musik erschienen.

17.03.2008

Wir haben einen Gewinner!

Wenn nicht sogar drei davon!

Meine Glücksfee zog heute Abend drei Glückspilze, die von mir umgehend über ihren Gewinn benachrichtigt werden.

Ich danke allen für's Mitmachen!

Bis zum nächsten Mal... :o)

11.03.2008

Verlosung!


 
Als The Fullbliss im Januar 2008 im Frankfurter Bett Station machten, kam ich auf die Idee, der Band ein paar CDs mehr als üblich abzukaufen, um meinen Blog mit einer schönen Verlosung zu schmücken...

Wenn Ihr die folgende Frage richtig beantwortet, habt Ihr die Möglichkeit, eins von zwei Exemplaren des immer noch aktuellen Albums "Yes Sir!", oder eine von David Clemmons erstellte DVD mit allen Videos der Band zu gewinnen.

Die Frage lautet:

In welchem Jahr erschien das erste Jud-Album "Something Better"?



Schreibt Eure Antwort an dreikommaviernull[at]yahoo.de

Einsendeschluss ist der kommende Sonntag, 16.3.2008, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden nach der Auslosung von mir benachrichtigt.

Viel Erfolg!!!

03.03.2008

I Hope We Both Die



I hope that our few remaining friends
Give up on trying to save us
I hope we come up with a failsafe plot
To piss off the dumb few that forgave us
I hope the fences we mended
Fall down beneath their own weight
And I hope we hang on past the last exit
I hope it's already too late
And I hope the junkyard a few blocks from here
Someday burns down
And I hope the rising black smoke carries me far away
And I never come back to this town
Again in my life
I hope I lie
And tell everyone you were a good wife
And I hope you die
I hope we both die

I hope I cut myself shaving tomorrow
I hope it bleeds all day long
Our friends say it's darkest before the sun rises
We're pretty sure they're all wrong
I hope it stays dark forever
I hope the worst isn't over
And I hope you blink before I do
Yeah I hope I never get sober
And I hope when you think of me years down the line
You can't find one good thing to say
And I'd hope that if I found the strength to walk out
You'd stay the hell out of my way
I am drowning
There is no sign of land
You are coming down with me
Hand in unlovable hand
And I hope you die
I hope we both die


P.S.: The Mountain Goats - No Children (aus dem Album "Tallahassee", 2003). Es geht kaum größer. Das wollte ich 
nur mal gesagt haben.

24.02.2008

"Haste Schon Gehört?"


Auflistungen mit dem Titel "Beste Songs des Jahres" sind schon so immer einer Sache: meist lassen sich dort ja doch nur die vermeintlich besten Tracks aus den jeweils besten Alben des Jahres blicken, und das wirft schon ein wenig die Sinnfrage auf. Dennoch gab es zumindest in meiner Wahrnehmung dieses Jahr den ein oder anderen Tune, der auf diesem Blog bisher noch keine Erwähnung erfuhr, mir aber dennoch sehr oft durch den Gehörgang rauschte. So oft sogar, dass ich nicht umhinkomme, eine kleine Auswahl in meiner Bestenliste zu präsentieren.

Danach ist aber wirklich Schluss mit dem Listenkram, versprochen.



01 Apparat (feat. Raz Ohara) - Hold On (Chris De Luca Vs. Phon.O-Remix)
"Get Off"-Prince trifft "Sexy Back"-Timberlake. Muss man laut hören, am besten nachts um vier, mit klatschnassen Klamotten, auf der Tanzfläche. Hätte sowas wie der ultimative Sommerhit 07 werden können, und das nicht nur für meine geschätzten Leser.


02 Yoko Ono  - Every Man Every Woman
Jeder meiner selbst zusammengestellten Sampler des Jahres 2007 begann mit diesem Song: Yoko Ono hat für ihre aktuelle Platte "Yes, I'm A Witch" ihre teils bis zu 25 Jahre alten Songs von aktuellen Künstlern remixen lassen. Das einzige Element, das bleiben durfte, ist ihr Gesang. "Every Man Every Woman" verwandelte sich unter der Bearbeitung von Blow Up zu einem hippen, taufrischen Dancefloorstomper, der den Innovationswillen der Künstlerin eindrucksvoll untermauert. Ein beeindruckendes Statement.


03 Battles - Atlas
Das Lied der Schlümpfe in einer atemberaubenden Neufassung. Battles schaffen es seltsamerweise nie, mich mit ihren Alben zu überzeugen, aber "Atlas" ist ein großartiger, verwirrter, selbstbewusster Ohrwurm Deluxe.


04 Brazzaville - 1983
Wenn man die Definition von "Tolle, aber völlig untergegangene Platte" benötigt, sollte man "East L.A. Breeze" der Exil-Spanier Brazzaville etwas näher betrachten. Traumhafter, souveräner Indiepop, dazu mit "1983" einen Song im Köcher, der an endlos lange, weiße Sandstrände und mächtige, schattenspendende Palmen erinnert. Perfekt.


05 Gudrun Gut - Rock Bottom Riser
Auch über "Rock Bottom Riser" wurde meinserseits schon so einiges gesagt. Für mich ist die flirrende, leicht angeschrägte Coverversion des Smog-Songs das Highlight auf Gudruns Debut-LP "I Put A Record On". Landete ebenso auf praktisch jeder meiner Song-Zusammenstellungen des Jahres.


06 Black Rebel Motorcycle Club - Weapon Of Choice
Das Album "Baby 81" schlitterte haarscharf an meiner Top 20 vorbei, nichtsdestotrotz lassen sich auf dem nunmehr vierten Album einige saucoole, schnoddrige Songperlen finden. "Weapon Of Choice" ist nur ein Beispiel dafür.


07 Redshape - Alone On Mars
Mir ist Redshape bishweilen etwas zu direkt und straight, aber "Alone On Mars" entwickelt sich über knapp neun Minuten zu einem trippigen und treibenden Vorzeigetrack, der sich zwischen futuristischen Sci-Fi-Sounds und einer mystischen Schwebeästhetik entlang schlängelt. Genau dieser Gegensatz macht "Alone On Mars" so besonders und wertvoll.


08 David Judson Clemmons & The Fullbliss - Our Houses
Auch hier würde ich so langsam Eulen nach Athen tragen, würde ich nochmals auf die Größe von Clemmons aktueller scheibe "Yes Sir" hinweisen. Also machen wir's es kurz:"Our Houses" ist Melancholie in Vollendung, gespielt von einem, der ganz genau weiß, was er tut.


09 Claude VonStroke - Who's Afraid Of Detroit (Deepchord Remix)
Ein zusammengebrutzelter, knietiefer Technotrack, der sich herrlich reduziert durch ein im Nebel liegendes, 150 Quadratkilometer großes Maisfeld (in Downtown Detroit, natürlich) kämpft. Irgendwie verschwommen, urban und dunkel. Für zwölf Minuten und eine Handvoll Pillen.


10 Gui Boratto - Beautiful Life
Ich wiederhole mich, aber alles egal jetzt: "Beautiful Life" ist vertontes Zitroneneis mit Sahne. Ein strahlender, positiver, lebensbejahender Song, eine der absoluten Sternstunden des Jahres.


Und jetzt, auf zu neuen Ufern!


21.02.2008

Platz 1



Vladislav Delay - Whistleblower

Noch nie zuvor fiel mir die Wahl zum Album des Jahres so schwer wie in 2007. Ich schreibe das nur schonmal vorab, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie rastlos ich in den letzten Tagen mit dieser Frage umging. Theoretisch hätte 2007 zwei erste Plätze verdient gehabt, aber praktisch ist das ja ein ziemliches Herumgeeiere, ein fauler Kompromiss. Also, Augen zu und durch.

Seit sage und schreibe März steht "Whistleblower" nun im CD-Wechsler, und die Frage, dieses bewundernswerte Album ins Regal zu stellen, stellte sich seitdem nicht ein einziges Mal. "I Saw A Polysexual" war vorab der Auslöser für meine Neugier auf diese Musik: seltsam gebrochene Beats, die eigentlich keine Beats waren, vielleicht ein Puls, aber eben doch eine Art Groove ergeben, wie ich ihn noch niemals zuvor hörte. Der endlos tiefdröhnende Bass, der seinen Platz wie ein König einnahm und die Vasallen in unterirdischen Minen dirigierte, drangsalierte, ja möglicherweise gar folterte. Und nach sieben Minuten verschmilzt dieser schemenhafte Geist aus Feuer, Glut und ätzendem Qualm in eine Figur aus Fleisch und Blut, plötzlich ist alles klar. Und wir wissen trotzdem nicht, wie der König das jetzt hingezaubert hat.

Man weiß sowieso so wenig.

Woher die teils gar nicht mal so unterschwellige Aggressivität in Delays Musik herkommt, beispielsweise. Der sich durch die überlangen Tracks (Delay benötigt für sieben Songs knappe 70 Minuten) ziehende Soundteppich, das Grundrauschen beruhigt die Musik eher, als dass er die Säbel rasseln lässt. Und dennoch kommen mir bisweilen Bilder in den Kopf, die nichts von Blümchensex bei Schwebemusik erzählen, sondern recht martialisch und kämpferisch erscheinen, die von harter Arbeit berichten. Ein sehr persönliches Erlebnis geschah im Frühjahr des letzten Jahres, als ich zu der Musik von "Whistleblower" in der warmen Badewanne hinwegdöste und in meinem Halbschlaf Bilder von kleinen Gestalten in einem menschlichen Körper entdeckte, die mit kleinen Spitzhacken und elektrischen Bohrern und anderen Gerätschaften Krebszellen abbauten und bekämpften. Hier manifestierte sich das weiter oben beschriebene Bild von Minenarbeitern in diesem Traum und auch wenn es sich für den ein oder anderen reichlich far-out anhören mag: das war eines der schönsten und wichtigsten Erlebnisse mit Musik der letzten 10 Jahre. Nicht nur aus diesem Grund ist Vladislav Delays "Whistleblower" für mich das strahlendste, großartigste Album des letzten Jahres, und eines der bemerkenswertesten Scheiben des bisherigen Jahrzehnts.

18.02.2008

Platz 2



The Sea And Cake - Everybody

Ich könnte The Sea And Cake gar nicht genug in den Himmel loben. Seitdem ich vor fünf Jahren zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Musik des Quartetts machte, sind sie mir mehr als nur ans Herz gewachsen. Meine Einstiegsplatte hieß "Oui" und hatte mit "All The Photos" einen Song an Bord, der künftig stellvertretend für meine Verehrung stand. Nach vier langen Jahren Pause kehrte die Band aus Chicago im Mai dieses Jahres mit einem neuen Album zurück ins Rampenlicht. "Everybody" entpuppte sich nach der üblichen, kurzen Eingewöhnungszeit nicht nur als ungewöhnlich rockige Platte, sie stellt auch nahezu alles in den Schatten, was die Musiker in ihrer an Höhepunken sicher nicht armen Karriere veröffentlichten. Ihr Anspruch, in dem zugegebenermaßen begrenzten stilistischen Rahmen um die Fixpunkte Jazz, Indie und Pop, immer wieder die besten Songs aufzunehmen, die sie zur Zeit in der Lage sind zu schreiben, findet hier seine Vollendung. "Everybody" ist atmosphärisch geradezu beängstigend stimmig und bekam tatsächlich die schönsten, wärmsten, straightesten und zeitgleich vielschichtigsten Songs geschenkt, die je auf einer Sea And Cake Platte zu finden waren. Sänger Sam Prekop, der erneut mit seiner halb-lasziven, halb-schüchternen, gehauchten Stimme zu jeder Sekunde die passenden Worte und Melodien findet, betonte in Interviews zu "Everybody";"It's a rock album.". Was man eben in Sachen Rock von dieser Band erwarten kann.

Als ich kürzlich im Rahmen dieses Countdowns die Scheibe nochmal in den Player schob, um sicher zu gehen, dass ich hier auch bloß keinen Blödmist erzähle, waren Songs wie "Exact to Me" mit seinen perkussiven, afrikanisch-angehauchten Gitarrenfiguren, die laue Sommerabend-Hymne "Middlenight" und der unbeschwerte, lebensfrohe Opener "Up On Crutches" um ein Haar dafür verantwortlich, dass "Everybody" mit meiner eigentlich gesetzten Nummer eins die Plätze tauschte. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich diese durch und durch fantastische Platte höre.

Hört mehr The Sea And Cake!

14.02.2008

Platz 3



Seaworthy - Map In Hand

Eine der großen Entdeckungen des Jahres 2007. Ein musikalischer Balsam, der sich über jede Nervenbahn deines Körpers legt, streichelnd und zärtlich. Und das mit minimalstem Aufwand, möchte man meinen: das australische Trio hat im Grunde lediglich rings um hin- und herwogende Fieldrecordings, sowie Natur- und Windgeräusche spartanische Bambushütten aus dürren Gitarrenimprovisationen und surrenden Feedbacks erbaut, das war's. Das Ergebnis hingegen ist so erfüllend, so reich an Stimmungen und Gefühlen und geradezu überschwenglich bildhaft, wie man es von der beschriebenen Methodik gar nicht recht erwarten möchte. "Map In Hand" fließt unaufhaltsam, geradezu sirupartig zur Körpermitte und entfaltet hier seine heilende Kraft, seine schützende Wärme. 'Natürliche Schönheit kommt von innen', lautete vor Jahren ein Werbeclaim eines Kosmetikherstellers, den man ohne Weiteres auch auf dieses wunderbare, leise Stückchen Musik anwenden könnte.

Es ist für mich immer wieder verblüffend, wie präsent diese eigentlich ätherische Musik ist, wie sie zu jeder Sekunde strahlt, wie intim sie werden kann, wie sie ohne ein Wort zu sagen Geschichten voller Liebe erzählt. Pure Poesie.

10.02.2008

Platz 4



Fennesz/Sakamoto - Cendre

Schon im Mai 2007 war klar, dass "Cendre" einen der vorderen Plätze meiner Jahrescharts einnehmen wird. Die zweite Kollaboration des japanischen Pianisten Ryuichi Sakamoto mit dem Elektronik-Minimalisten Christian Fennesz nach der gemeinsamen "Sala Santa Cecilia"-EP aus dem Jahre 2005 hat mich praktisch ab der ersten Sekunde an den Kopfhörer gefesselt. Es überrascht, wie sehr sich die Pianoarbeit Sakamotos und der hier zerrupft-noisige, da sanft fließende Fennesz'sche Klangteppich auf Augenhöhe begegenen, ohne jemals in einen eitlen Konkurrenzkampf um die Vorherrschaft ein zu treten. Mal tupft der Pianist seine Töne nur vage in das funkelnde Hintergrundsurren des Österreichers ("Kokoro", "Glow"), mal lässt er mit seiner linken Hand kleine Melodieminiaturen erkennen ("Haru"), die von Fennesz empfangen und in den Gesamtsound weitergeleitet werden. Das Ergebnis bleibt indes gleich: die beiden Künstler sprechen durchgängig eine Sprache, sie teilen eine Vision einer zutiefst melancholischen Musik, die meilenweit von Kitsch einerseits und Hoffnungslosigkeit andererseits entfernt ist. "Cendre" ist introspektiv, hört hinein, erkennt Schatten und will sie ausdrücklich nicht auflösen. "Cendre" will erstmal, dass Du sie überhaupt annimmst. Das ist der erste Schritt.


P.S. Und ist dieses Artwork von Jon Wozencroft nicht zum Schreien schön?


05.02.2008

Platz 5



Gudrun Gut - I Put A Record On

Jedesmal, wenn ich das Solodebut der Berlinerin Gudrun Gut auflege, fällt mir auf, was für ein elend starkes Album "I Put A Record On" ist. Vor allem atmosphärisch ist der Longplayer der blanke Wahnsinn. Die erste Single "Move Me" gibt mit Tango-Flair den Startschuss in eine schwüle, verschwitzt-flirrende Musik, die schwerelos durch wabbelndes Soundgesumme hindurchschwebt, über Clubbeats stolpert und mit Boogie-Woogie einen One Night Stand in einem Berliner Abrisshaus hat. Bei aller Vielseitigkeit der insgesamt elf Songs (darunter eine atemberaubende Coverversion des Smog-Songs "Rock Bottom Riser") behält Gudrun stets einen vibrierenden, flimmernden Großstadtvibe bei, ohne dabei penetrant den mittlerweile ärgerlichen Berlin-Hype zu bedienen. "I Put A Record On" ist stylish, dabei aber sympatisch und sehr natürlich. Ganz selbstverständlich geil.

02.02.2008

Platz 6



!!! - Myth Takes

Meine Sommerplatte 2007 kam von dem Musikerkollektiv !!! und selbst jetzt, im kalten und grauen Januar kommt einem beim Anhören von "Myth Takes" nur ein Bild in den Sinn: ein angesagter, stylischer und voller Club in einer heißen Julinacht, zuckende Leiber und das gute Gefühl, dass nichts, aber auch so rein gar nichts unsere Euphorie bremsen kann. Wir sind jung und wir leben. Und scheißrein: es geht uns gut.

Dass das legendäre WARP-Label seit einigen Jahren nicht nur einen weiterhin guten Riecher für elektronische und experimentelle Musik hat, sondern auch in Sachen Indierock expandiert, dürfte spätestens seit Maximo Park bekannt sein. !!! platzieren sich stilistisch zwischen Funk, Elektronica und ebenjenem Indierock, mit so manchem Querverweis zum Soul und zur Post-Punk Szene der frühen achtziger Jahre und deren "Anführern" The Talking Heads. Die drei Singles "Must Be The Moon", "Heart Of Hearts" und "Bend Over Beethoven" stechen zweifellos heraus, aber nicht nur jene Highlights sind frisch und sexy wie Sau: schon das Eröffnungsduo mit dem schrägen Opener und Titeltrack und dem hektisch-flirrenden "All My Heroes Are Weirdos" lässt mich in der formschönen Feinripp-Unterhose über sämtliche Tische wackeln und das prickelnde Bad im Schampus nehmen. Selbst Sven "Feierei" Väth wackelt und badet mit; er bezeichnete den Vorgänger "Louden Up Now" als eine seiner Lieblingsplatten. Das läuft zugegebenermaßen unter der Rubrik "Vermischtes & Triviales", zeigt aber auch, dass !!! nicht nur für Rockfans interessant sind, die den letzten Trentemöller-Schnarchsack "The Last Resort" hören und sich dabei sehr open-minded fühlen.

01.02.2008

Platz 7



Gui Boratto - Chromophobia

Der Mitschnitt vom Gui Boratto-Set auf der Kölner Kompakt-Labelparty war der Anfang vom Ende meines Widerstands gegen ein Genre, für das ich früheren Zeiten keinerlei Verständnis aufbringen konnte. Im Wortsinn. Aber das...eine extatische, mitreißende Musik, die mich ab der ersten Sekunde mit positiv geladenen Teilchen beschoss und so hell und lebensbejahend wie drei Kugeln Zitroneneis bei 38°C schmeckte. Beim darauffolgenden Album "Chromophobia" war es dann ganz um mich geschehen, ich musste dem Techno "Guten Tag!" sagen.
Verblüffend, wie der Brasilianer eine Musik, die wahrlich nicht für den Tonträger gemacht wird, so lebhaft und spannend auf sage und schreibe 70 Minuten präsentiert, ohne dass einem, wie bei manch anderer Scheibe des Genres, die Füße einschlafen. Wo andere aufhören, fängt Boratto erst richtig an. Nicht nur die offensichtlichen Tanzflächenfeger "Terminal" "Mr.Decay" oder das absolute Highlight "Beautiful Life" treffen ins Schwarze, für mich sind insbesondere die ungewöhnlicheren Tracks wie das durch die Tiefsee tauchende "Acróstico", das aufgrund seiner geradezu opulenten Melodie haarscharf am Kitsch entlangschrammende, trotzdem subtil groovende "Xilo" oder der starke Titeltrack (Hypnose, verdammt!) die für dieses Album unverzichtbaren Helden, die letztendlich dafür verantwortlich sind, dass "Chromophobia" auch heute noch regelmäßig seine Runden im Player dreht. Ganz Außergewöhnlich.


29.01.2008

Platz 8



Xiu Xiu Larsen - ¿Spicchiology?

Ein klitzekleines bisschen geschwächelt hat sie im Jahresverlauf ja schon, die zweite Kollaboration der US-amerikanischen Avantgarde/Post-Pop-Band Xiu Xiu mit den Italienern von Larsen. Was zugegebenermaßen weniger an " ¿Spicchiology?", als an einer sehr starken zweiten Jahreshälfte lag. War das Album zur Jahresmitte sogar mal Anwärter auf den begehrten Thron, hat es sich nun immerhin noch souverän in den Top Ten platziert .

Das dunkel-schimmernde Werk ist sicherlich die zugänglichste Arbeit, die Xiu Xiu-Sänger und -Tausendsassa Jamie Stewart mit seinen Freunden bisher präsentierte. Auf Songbasis ist das wunderbare "Little Mouse Of The Favelas" das bestes Beispiel für diese Feststellung: ein verträumtes, flackerndes, engumschlungenes Duett Stewarts mit Xiu Xiu-Sidekick Caralee McElroy, das durchaus für mehr Aufsehen hätte sorgen dürfen, als lediglich unter einer Handvoll Connaisseuren heiß und innig geliebt zu werden. Die zweite Hälfte von "¿Spicchiology?" verlässt den Pfad der Versöhnung indes etwas und bietet besonders mit dem Ambient-Track "What About Dwarves?" und dem überlangen "The Tale Of Brother Cakes And Sugar Dust" (mit Klangschalen, Gongs und Akkordeon verfeinert) jene Art der Bewusstseinserweiterung, die man - wenn auch in weitaus schrofferer Form - von den frühen Xiu Xiu-Alben gewohnt ist. Vor allem letztgenannter Song ist der alles überstrahlende, sich unentwegt nach oben schraubende Schlusspunkt einer durch und durch sympatischen und famosen Platte.

24.01.2008

Platz 9



Frank Bretschneider - Rhythm

Ich begreife "Rhythm" mittlerweile für mich persönlich als wegweisend hinsichtlich meiner Aufnahme und Verarbeitung von elektronischer Musik. Der Berliner Künstler Frank Bretschneider verwebt auf seinem aktuellen Album mikroskopische elektroakustische Sounds zu einer Minimal-Matrix, detailliert und nackt zugleich. Zusammengeköchelt zu einer Essenz der Tanzmusik mehrerer Jahrzehnte, heruntergebrochen zu einer Miniatur der Beats, die trotzdem so clever eingesetzt werden, dass das Ergebnis groovt wie Hulle. "Rhythm" bietet höchst inspirierende, innovative und moderne elektronische Musik und hat seinen Platz in meinem Herzen schon sicher.


22.01.2008

Platz 10




David Judson Clemmons & The Fullbliss - Yes Sir

Wir steigen mit einem Album in die Top Ten 2007 ein, über das ich im Grunde nicht mehr viele Worte machen müsste. Bereits im Oktober des vergangenen Jahres schrieb ich einige Sätze über "Yes Sir" und lobte die Platte als die bisher vielleicht persönlichste Arbeit des Songwriters David Judson Clemmons mit seinen beiden langjährigen Freunden James Schmidt (Drums) und Jan Hampicke (Bass). Sicher, der Exil-Berliner ist einer meiner erklärten Lieblingsmusiker, aber auch ohne Fanboy-Brille ist sein drittes Werk unter dem Fullbliss-Banner ein originelles und intensives Singer/Songwriter-Album, das den Gitarristen vielleicht zum ersten Mal in seiner Karriere als wirklich vollständigen Künstler und gereifte Persönlichkeit präsentiert. Einen sonnigen Titel wie "Someday" oder das seiner Tochter gewidmete "The Miranda Song" hätte es vor drei Jahren sicherlich nicht auf einer seiner Platten gegeben, und "Red Hot Soul", eine heißblütige, tief unter die Haut gehende Sternstunde, hätte zu jener noch viel dunkler und verzweifelter geklungen. Ich bin sehr neugierig, ob David Judson Clemmons für seine künftigen Arbeiten "Yes Sir" als Neuanfang begreift, den hier mit dem großartigen "The Great Hereafter" liegen gelassenen Faden aufgreift und vielleicht noch den ein oder anderen Schritt weitergeht. Für den Moment gilt jedoch zweifelsfrei: "Yes Sir" ist das bis dato beste Fullbliss-Album. End of story.

21.01.2008

Platz 11 - Jessica Rylan - Interior Designs




JESSICA RYLAN - INTERIOR DESIGNS



Meine Metalphase hielt lange (im Grunde genommen: viel zu lange) an, die Indiephase ging spätestens 2005 den Bach 'runter, und ich stand (Achtung, Pathos!) vor den Scherben meines musikalischen Lebens. Alles Mist. Alles öder, kalkulierter Scheißdreck ohne Stil und Esprit, ohne den Funken einer Vision. Tumb und stumpf. Als Antidot macht man sich zunächst frei von der Maßgabe, "alles" kennen zu müssen, dann setzt man das Vorhaben in die Tat um und entscheidet, dass ein Interpol-Album in der Sammlung völlig ausreicht. Und dann sucht man nach etwas Neuem. Neue Musik, neue Sichtweisen, neue Ideen, neue Luft, neues Licht. Ich landete zunächst beim Jazz, dann bei elektronischer Musik. Und fand hier und da musikalische Wegweiser, die einem recht zuverlässig mitteilten, wenn etwas außergewöhnliches auf die Piste gerollt wurde. Ein solcher Wegweiser war 2007 die bereits erwähnte Geräuschmusik-Kolumne der Spex, durch die ich auch auf Jessica Rylans Quasi-Debut aufmerksam wurde. Unter dem Namen Can't veröffentlichte die Noise-Künstlerin aus Boston in den vergangenen Jahren zahlreiche LPs, CD-Rs und Tapes, bevor sie nun mit "Interior Designs" bei Important Records debutierte.

Rylans Musik ist schwer zu beschreiben: ihre selbstentworfenen und -zusammengebastelten Synthesizer knacken und blubbern in einem scheinbar abgeschlossenen System, das sie ihnen eigens für ihre Improvisation in genau diesem Moment auf den Leib schneiderte. Mit dieser Herangehensweise ist sie nicht wirklich weit vom Ansatz des Free Jazz entfernt, denn auch dort entsteht das Besondere im Moment des Spielens, symbiotisch und doch höchst individuell. Ich habe mich manches Mal gefragt, was mich dazu treibt, diese harsche Musik, die aufwühlt und pulsiert, immer wieder mit einiger Begeisterung auf zu legen; wo es doch eine auf den ersten Blick karge, öde und abweisende Landschaft ist, die hier präsentiert wird. Mich fasziniert die Vielschichtigkeit dieser Musik, die Anspannung und Dynamik, das seltsame Gefühl, dass hier tatsächlich ein Mensch durch Maschinen spricht und gar eins mit ihnen wird, und der vor allem im Titelstück hervortretende Humor, wenn Rylan über einen blassen und einlullenden Beat mit einer verstimmten Wandergitarre herumschrullt und damit die vorher in teils überlangen Tracks aufgebaute Spannung mit einem winzigen Grinsen auflöst. "Sometimes I do feel this psychic connection with machines", sagt sie. Ich glaube ihr.


Erschienen auf Important Records, 2007.

19.01.2008

Platz 12


VALET - BLOOD IS CLEAN

Fackeln an den Wänden, Hitze, Stimmen aus dem Off oder aus einer dreißig Meter tiefer gelegenen, verborgenen Kammer, Extase im Ritalinrausch: Honey Owens aus der Künstlerszene Portlands ist auf ihrem bei Kranky erschienenen Debutalbum "Blood Is Clean" die alles in ihren Händen haltende Voodoopriesterin mit Zusatzausbildung Schamanismus.

Auf freier Improvisation basierend, gleitet sie auf einem spirituellen Klangpolster durch unterirdische, in tiefes Rot getauchte Orte des Bewusstseins, der Katharsis, der Klarheit. "I wanted to be a medium, channeling sounds from an unknown place, opening up and spilling out on the computer tape", sagt Owens über ihre Vision für dieses spannende Stückchen Kunst. Hypnotisierend und einlullend auf der einen Seite, extatisch und losgelöst von jeder Struktur auf der anderen Seite schlägt Owens Brücken zur Mystik und Esoterik, lässt Flammen wild und unkontrolliert auflodern, vergräbt die Seele in eine ewige, warme und schmerzhafte Sinnsuche.

Höhepunkte des Trips: die stets nach vorne stolpernde, fantastische Gitarrenimprovisation im Titeltrack, das perkussive Meditationsmonstrum "Mystic Flood" und natürlich das eindringliche 13-Minuten-Epos "North".

Tame All The Lions, Tame All The Lions.






Erschienen auf Kranky, 2007.

14.01.2008

Platz 13



BJ Nilsen- The Short Night

Freund Kai hatte "The Short Night" in einer Ausgabe seiner stets inspirierenden Geräuschmusik-Kolumne in der Onlineausgabe der Spex präsentiert und mich vor allem ob seiner scheinbar aufgegebenen Zurückhaltung neugierig gemacht. Zwar ergaben sich nochmal kurzzeitig Verwirrungen hinsichtlich des seltsam klischeehaften Covers, das mich doch arg an phantasielosen Dronequatsch wie Sunn O))) erinnerte; die waren allerdings spätestens zum Ende des vierzehnminütigen "Front" in alle Winde (sic!) zerstreut. Mit großer innerer Ruhe inszeniert der 1975 in Schweden geborene Künstler seine Vision von Natur, Raum und Zeit. Feldaufnahmen aus Grönland, Schweden und Island geben in Sachen gefühlter Kälte die Richtung vor, taumelnde Eisbrocken, Wolkendonner, schnatternde Maschinen, ölverschmiert. Black Light goes Möwensonne, kratzende Flächen, Sirenen im Koma, Avantgarde my ass. "The Short Night" ist klar und deutlich, frisch und pur. "The Short Night" ist dunkel und verschwommen, mysteriös und verwinkelt. Eine vertonte Gletscherspalte.

12.01.2008

Platz 14



Moskitoo -Drape

Für mich, der in Sachen elektronischer Musik noch immer ein Neueinsteiger ist, ist die Entdeckung von sogenannten Kultlabels immer wieder wie Weihnachten und Ostern auf einen Schlag. Nach dem äußerst erfreulichen Seaworthy-Output ist Moskitoos Debut "Drape" die zweite Neuentdeckung des amerikanischen 12k Label für mich in diesem Jahr. Die Künstlerin Sanae Yamasaki aus Tokyo experimentiert auf "Drape" mit Gitarren, Orgeln, Xylophonen, Synthesizern und "nostalgic toy instruments" und schwebt geradezu durch ein Album voller Träume, skurriler Wolkenformationen, Wasserperlen und sich brechendem Licht. Hier und da überrascht Moskitoo mit schmeichelnden Melodielinien, die sich den Weg durch das Geflacker bahnen, und die selbst einem grauen Herbsttag Licht und Liebe schenken konnten. Yamasakis Gespür für zierliche und feingegliederte Beats und auf halber Strecke stehengebliebener, abstrakter Improvisation, die dann auch mal ein wenig ruppiger sein darf, ließ mich "Drape" vor allem in den frühen Morgenstunden, zur ersten heißen Tasse Kaffee, gerne auflegen.

10.01.2008

Platz 15



Ben Westbeech - Welcome To The Best Years Of Your Life

Die ersten drei Monate des Jahres gehörten Ben Westbeechs Debutalbum. Der von DJ-Legende Gilles Peterson entdeckte Brite präsentiert sich auf "Welcome To The Best Years Of Your Life" als souverän auftrumpfende, europäische, kühle Variante eines Justin Timberlake. Und obgleich ich die straighte, klare Ausrichtung dieses Soul/Funk/Jazz-Gemischs durchaus schätze, würde ich wohl einiges darum geben, entsprechende Remixe eines amerikanischen "Starproduzenten" zu hören. Trotzdem liefert Westbeech bis auf ein, zwei etwas zu lang geratene Tunes eine großartige Arbeit ab. Mir gefallen vor allem die ungeheuer leichtfüßigen Feelgood-Monster zu Anfang, sowie die tanzbaren Clubfeger wie "Dance With Me", "Get Closer", "Hang Around" und "Pusherman" (ich wiederhole mich zwar, aber egal: die Bassline!!!) zum Ende des Albums am besten, die alleine locker eine Nennung in dieser Auflistung rechtfertigen. Kaum aus zu denken, wohin es führt, wenn die Arrangements beim nächsten Mal noch ein wenig gestrafft werden können...

06.01.2008

Platz 16



Bodi Bill - No More Wars

Wenn ein Liveauftritt eine Platte qualitativ nach unten reißen kann, dann muss auf der Bühne schon so einiges schiefgelaufen sein. Bei Bodi Bills Gig im Darmstädter 603qm ging rein musikalisch eigentlich alles glatt, die doof-schüchterne Performance inklusive deplatziertem Herumgezappel und einiger, nun ja, "unglücklicher" Ansagen des Berliner Trios hingegen verdarb mir langfristig ziemlich die Lust an ihrem Debutalbum "No More Wars", das bei Licht betrachtet durchaus auch in meinen Top-Ten hätte auftauchen können. Ihr Ansatz, akustischen Songwriterstoff mit clubbigen Dancesounds zu verbinden, gefällt mir auch heute noch sehr gut. Besonders zur Mitte des Albums haben sie mit "Nothing", "Kilogramm", "Straw Hats" und "Be Home Before Dinner" einige echte Brüller untergebracht, bei denen nackte, tanzende Leiber ums Pfadfinder-Lagerfeuer herumhüpfen und bunte Pillen schlucken. Schade, dass ich nach dem Auftritt nur noch selten Bock hatte, die Scheibe auf zu legen.

04.01.2008

Platz 17



Strategy - Future Rock

Ende März 2007, Hamburg. Inmitten des Chaos seines Zimmers sitzend, zaubert Tinnitus-Chefredakteur Haiko aus aufeinandergestapelten CDs, LPs und Promo-Flyern plötzlich ein quietschbuntes Digi-Pack hervor. "Hier", spricht's der zerstrubbelte Endzwanziger mit einem Siegerlächeln, "das dürfte Dir gefallen. Auf Kranky erschienen. Strategy. Supergeil." Auch wenn ich hinsichtlich seiner Tipps (zu?) häufig den Spielverderber geben musste, in Sachen "Future Rock" lag der Scheff goldrichtig. Paul Dickows drittes Werk ist ein äußerst angenehmes, frisches und modernes Album zwischen relaxter Sonnendeck-Atmosphäre und flächigen, angefunkten Clubsounds, niemals larifari, sondern durchgehend spannend, knisternd und vor allem: hochklassig.

Funktioniert in allen Lebenslagen: "Future Rock" gibt morgens einen guten Start in den Tag und am Abend chillt es mit bizarren Bildern und Farben genüsslich "dampfend" (Stefan Gärtner) in Richtung schweißnasser Abendunterhaltung. Downbeat, Indie, Improvisation und Electronica vereint in einem verschnörkelten Gewächs. Versüßte mir ebenfalls eindrucksvoll den Sommer.



03.01.2008

Platz 18



Marillion - Somewhere Else

Als Ende 2006 das Veröffentlichungsdatum für das vierzehnte Marillion-Studioalbum feststand, rechnete ich durchaus damit, dass die Frage nach der Platte des Jahres bereits im April beantwortet werden könnte. Anfangs machte sich "Somewhere Else" auch gar nicht schlecht; erst mit der Zeit fiel die Scheibe etwas zurück. Gehört das Herzstück mit dem Titelsong, "The Wound", "Voice From The Past" und dem Schlüsselmoment "No Such Thing" auch am Jahresende mit zum Besten, was ich 2007 hörte, kommen die übrigen Songs (mit Ausnahme des wunderbaren "Faith") über den Band-Durchschnitt leider nicht so recht hinaus. Das ist zwar immer noch gut genug, aber nicht zuletzt dank des "Marbles"-Meilensteins aus dem Jahr 2004 weiß man eben, was diese Band zu leisten vermag. 

Sie legen die Messlatte eben doch alle Jahre wieder in derart schwindelerregende Höhen, dass sie bei der nächsten Veröffentlichung nur untendurch springen können. Selbst dann verweisen Marillion noch so manchen in die Schranken.