I MOTHER EARTH - DIG
"Franz Beckenbauer, die Schlichtgestalt des deutschen Fußballs." (Volker Pispers)
Wer kennt sie nicht, die sehnsuchtsvollen Kommentare auf Youtube unter jenen Videos, die auch nur entfernt etwas mit dem Programm des ehemaligen Musiksenders MTV aus den 1980er und 1990er Jahren zu tun haben; irgendwas mit "Als das 'M' in MTV noch für Musik stand!" (nebenbei, für was steht's denn eigentlich heute?) oder, noch ein bisschen bescheuerter "Als das Fernsehen noch gut war!" - da pflügt die kognitive Dissonanz mal wieder mit einer Armee von Mähdreschern durch die Faszienplantage im Dachgeschoss. Nicht, dass ich den nostalgischen Reflex dahinter nicht verstehen könnte, ich bitte Sie, schauen Sie sich doch hier mal bitte um?! Dennoch war MTV für die besser informierten unter uns, oder passender: für die pessimistischen, überkritischen Armleuchter, für die selbst die rosaroteste Wolke des Universums nie den richtigen Farbton treffen konnte, der Klassenfeind. Industrie, Kommerz, Manipulation, Konsum, Verdrängung von Subkulturen und derer Schutzräume, mediale Gleichschaltung, ein von vorne bis hinten korruptes und verlogenes Investoren-Monstrum, das ein paar potemkinsche Dörfer aus Musikvideos vor die verwüsteten Landschaften aus Werbeblöcken setzt. Andererseits: wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten, und interessanterweise ist das in Sachen MTV damals wie heute eine Wahrheit. Damals gab es für viele von uns nun mal nicht viel anderes, heute gibt es hingegen irrsinnig viel, und irrsinnig viel Irres (i.S.v. absurd durchgedrehtes) obendrein. Dass man sich angesichts desolater Zustände heutiger Kulturräume an die vermeintlich "gute, alte Zeit" zurückerinnern möchte, weil's in den letzten 35 Jahren qua Kapitalismus, Rentenlücke, RTL 2 und zur schlechter Letzt auch noch Fotzenfritz, wir lassen auch echt nichts aus, intellektuell wie moralisch in den Keller ging, ist so verständlich wie erwartbar. But it's the system, stupid.
Und genau dieses System sagte mir und vielen anderen in den frühen neunziger Jahren, die Sendung "Headbangers Ball" auf MTV anzuschauen, es habe sich schließlich so viel Mühe gemacht, mir diesen fantastisch funkelnden Glitzerstaub in die Augen zu streuen, ich soll doch mal bitte nicht so undankbar sein. Die haben da immerhin Vanessa Warwick in ein mit Totenköpfen und schwarzen Kerzen verziertes Fernsehstudio oder eine matschige Festivalwiese hingestellt, die für die maximal analysierte und also vor allem männliche Fokusgruppe nicht nur attraktiv, sondern auch charmant - Schnittmengen, so wichtig! - für viele Jahre DAS Gesicht MTVs für die europäischen Metalfans wurde. Die Amerikaner bekamen stattdessen in der populärsten Phase der Show zwischen 1990 und 1995 den Dude Riki Rachtman, wegen Identifikation auf Augenhöhe oder sowas.
Und eines schönen Sonntags, Florian war 16 und durfte immerhin noch die erste Stunde des erst spätabends ausgestrahlten Programms sehen, stellte Vanessa I Mother Earth vor, eine neue Band aus Kanada, die just ihr Debutalbum "Dig" veröffentlichte. Es gab ein kleines, vielleicht fünfzehnminütiges Feature (Capitol Records ließen sich bestimmt nicht lumpen) mit Interviews und Hintergründen, außerdem das Video zur ersten Single "Rain Will Fall". Ich will nicht übertreiben, das war kein "Smells Like Teen Spirit"-Moment, in dem mir gleich der ganze Sicherungskasten durchknallte, aber es marschierte deutlich in jene Richtung musikalischer Blattschüsse, die einen zunächst sprachlos vor der Glotze sitzen ließen und anschließend einen umgehenden Besuch im Frankfurter Musikladen nach sich zogen. Über das funkige Hauptriff, den entfesselten Drive, einen ikonischen Refrain und einen bemerkenswert talentierten Sänger kann man sprechen, worüber allerdings ganz sicher gesprochen werden muss ist das nach zwei Minuten gesetzte Break, das in einen mit perkussiven Latin-Elementen zugeballerten Mittelteil übergeht, der die Temperatur stetig in Richtung Saunaaufguss mit Grillanzünder eskalieren lässt, bis die Auflösung schließlich im erneut alles überstrahlenden Refrain endet.
Von den krampfhaften Versuchen abgesehen, in solch euphorisierten Zuständen halbwegs die Contenance zu bewahren, kommen darüber hinaus, und nicht zuletzt wegen der enormen Dynamik des Songs, zwei Aspekte ins Sichtfeld. Erstens: I Mother Earth reihen sich nicht nur in die Liste jener technisch herausragend guter Bands der damaligen Zeit ein, sie setzen sich in meiner Rangliste locker in die Top 3. Sie spielen und singen wie die Teufel. Das immer noch gerne gesetzte Narrativ der Boomer-Musikerpolizei, das Gros der Alternative Bands der 90er Jahre hätte nicht richtig spielen können, war und ist einfach ein großer Irrtum. Zweitens: Das ist eine Referenzproduktion. Der Grund: Produzent Mike Clink, der 1993 nicht zuletzt durch seine Arbeiten mit Guns 'N Roses auf "Appetite For Destruction" und den beiden "Use Your Illusion"-Alben mittlerweile in die Champions League der Klangmagier aufgestiegen war. Und Clink hatte auf "Dig" eine ganze Menge zu sortieren, denn bei aller Modernität ihrer Musik sind I Mother Earth vor allem im Kontext der damaligen musikalischen Großwetterlage ungewöhnlich komplex und verspielt. Ich bin mir sicher, dass Clink einige schlaflose Nächte mit der Frage verbrachte, wie sich die Virtuosität dieser Band, die so selbstverständlich Funk, Latin, Metal und Psychedelia vermischte, halbwegs unter Kontrolle bekommt, ohne sie ihrer Energie zu berauben. "Alternative Progressive" hat sich als Genrebezeichnung offensichtlich nicht durchgesetzt, und zugegeben: so wahnsinnig viele passende Vertreter wären hier auch nicht einzusortieren gewesen. I Mother Earth hingegen schon - und das nicht nur auf "Dig". Auch ihre späteren Alben "Scenery And Fish" (1996, Doppel-Platin in Kanada), "Blue Green Orange" (1999, erstmals mit dem neuen Sänger Brian Byrne) und "The Quicksilver Meat Dream" (2003, ein komplexes und leider ziemlich untergegangenes Meisterwerk mit atmosphärischen Parallelen zu Tool - kein Wunder: als Produzent fungierte David Botrill) bekamen allesamt deutliche Elemente des Progressive Rock eingehäkelt.
Das fanden wohl auch die Progressive Rock-Dinos von Rush, die sich bei den 1994 stattfindenden Juno Awards in der Kategorie "Best Hard Rock Album" ihren Landsmännern geschlagen geben mussten und die Band in der Folge gleich mehrfach als Support-Act für ihre Tourneen einlud. I Mother Earth-Sänger Edwin bekam außerdem von Rush-Gitarrist Alex Lifeson für sein Mittneunziger Projekt Viktor das Mikrofon in die Hand gedrückt, und Geddy Lee spielte auf dem Album "Blue Green Orange" seinen Bass für den Song "Good for Sule".
I Mother Earth lösten sich zur Mitte der 2000er auf, um sich 2012 für Liveshows und kurze Tourneen wieder zusammen zu finden. Neue Musik darf man von der Band abseits von zwei im Jahr 2015 erschienenen Singles wohl nicht mehr erwarten, ebenso wenig Hoffnung dürfte es für die handgezählten 17 Fans aus Europa geben, das Quartett mal live zu bestaunen. Wir müssen uns also mit ihren vier durchweg fantastischen Alben begnügen. Keines davon wurde in den letzten 25 Jahren langweilig, und ich denke, wir sind auch für die nächsten 25 Jahre ganz gut gewappnet.
Vinyl und so: Alle Alben erschienen ausnahmslos auf CD und bislang gibt es leider keinerlei Anzeichen, dass sich dieser Umstand in absehbarer Zeit mal ändern könnte. Wer die Musik von I Mother Earth auf Vinyl genießen möchte, muss auf eine 10"-EP (1993) und eine 10"-Single (1996) ausweichen, aber aufgepasst: auf der US-Version der 1993 erschienenen EP stehen nur drei Songs, während die europäische Variante immerhin sechs Titel bietet, allerdings mit zwei Überschneidungen. Komplett bescheuert. Ich habe freilich beide Versionen im Schrank stehen, aber ich bin ja gleichfalls bescheuert.
Weiterhören: "Scenery And Fish" (1996), "Blue Green Orange" (1999), "The Quicksilver Meat Dream" (2003)
