THE CINEMATIC ORCHESTRA - MOTION
"In meinen
glücklichen
Augenblicken
fühle ich mich
vom Aussterben
bedroht."
(Wolf Wondratschek)
Das Debutalbum dieser Ende der 1990er Jahre von Jason Swinscoe gegründeten britischen Band ist nicht nur ihr bis dato bestes Werk, sondern in seiner Radikalität in der Verschmelzung von Jazz, Hip Hop und Electronica ein einzigartiger Höhepunkt eines Genres, das eigentlich gar nicht existieren dürfte. Swinscoes Idee, eine echte Band aus Jazzmusikern zusammenzustellen, ihnen zunächst einen riesigen Haufen Samples zum Einüben vor die Füße zu werfen und sie anschließend in stundenlangen Sessions darauf herumimprovisieren zu lassen, bevor er, Swinscoe, sich mit virtueller Schere und Tesafilm an die eigentliche Produktion setzte, indem er Teile jener Sessions auseinanderrupfte und zu einer komplett neuen Einheit zusammensetzte, nachdem er sie mit neuerlichen Samples bearbeitet hatte, war revolutionär - und zugleich so weit von meiner durch Rockmusik bestimmten Sozialisation entfernt, dass mir streng genommen jedes Verständnis dafür fehlt, wie sowas geht.
Bon, das ist ein bisschen geflunkert; mit beinahe 49 Jahren hat sich der Tunnelblick glücklicherweise mittlerweile eher erweitert als verengt. Aber wenn mir der jahrzehntelange Konsum von Rockmusik nebst ihrer medialen Sprachrohre eines beigebracht hatten, dann war es das Dogma, dass nur im Rock 'n' Roll die "echten" Musiker zu finden seien, die unter Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen ihr Leben dafür opferten, echte, wahre, reine, handgemachte Musik spielen zu dürfen. Verglichen mit dem Musikverständnis eines Jason Swinscoe, seiner musikalischen Weitsicht und seiner Vision, seinem Gespür für Bewusstsein, Geschichte und Auftrag, für Schattierung, Reflexe und Ambiance, erscheint das Rambazamba von der anderen Seite fast wie Trump'sche Höhlenmalerei.
Ich saß vor vielen Jahren mal mit dem freien Journalisten Jan Künemund in einem Berliner Kneipenboot beim Absacker; unsere Wege kreuzten sich in Frank Schindelbecks Jazzforum über unsere Begeisterung und Faszination für den Jazz - über den Jan übrigens so gut schreiben kann, wie sonst niemand in der Republik, es ist fast schon demütigend, uff. Jedenfalls, auf meine Einlassung hin, just im absoluten Hardcorefieber zu sein, weil mir mein MP3-Player auf der Zugfahrt in die Hauptstadt ein Album der US-amerikanischen HC-Band Since By Man reinshuffelte, hörte ich ein sich offensichtlich unter Schmerzen herausgequältes "aber das ist doch so stumpf?!" von der anderen Seite des Tischs an mein Ohr dringen. Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Stumpf is my house! Forever Stumpf und Stumpf Forever!
Aber es sind jene Momente wie das bewusste Zuhören bei "Motion", die mich an diese Situation denken lassen. Weil hier jeder Pianoanschlag, jedes Beckenrascheln, jedes Schnarren einer Basssaite, jedes staubige Sample einer kratzenden, alten Schallplatte, jede davon ausgelöste Soundreflektion ein Universum ist.
Als ich "Motion" nach langen Jahren der erfolglosen Suche nach einer bezahlbaren Vinylversion im Jahr 2020 endlich auf dem Plattenteller liegen hatte und dem Album im Rahmen meiner leider nur kurzlebigen "Die besten Second Hand-Funde"-Serie einen erneuten Besuch abstattete, schrieb ich:
"Mein erstes Zusammentreffen mit "Motion" muss wie bei "In Between" des Berliner Kollektivs Jazzanova etwa zur Mitte der nuller Jahre stattgefunden haben; einer sehr turbulenten Zeit, in der sich mein Leben praktisch alle zwei Wochen neu erfand - und neu erfinden musste. Ich entdeckte elektronische Musik, ich entdeckte Jazz und irgendwie entdeckte ich mich dabei selbst mehr und besser als in den vorangegangenen 28 Jahren. Die innere Befreiung, dass es mehr zu sehen, denken und fühlen gab, öffnete mich im Außen für Inspiration und Neugier. Es brauchte in diesem Zustand keine besondere Anstrengung, mich in einem Album wie "Motion" gleichermaßen zu spiegeln und zu verlieren. Die Atmosphäre aus verdichtetem cut-and-paste Jazz und grobkörniger Electronica entwickelt eine unnachahmliche Dringlichkeit und wirkt spätestens beim Höhepunkt "Night Of the Iguana" wie ein Film Noir-Soundtrack from outer space: fremdartige Bewegungen aus der Tiefe der Nacht, des Raums und der Zeit. Fanfaren, Drama, Kontemplation und Exzess."
Es wird niemals kein Erlebnis sein, diese Platte hören zu dürfen.
Vinyl und so: "Motion" wurde nach der 1999er Erstpressung in den Jahren 2013 und 2020 erneut auf Vinyl veröffentlicht. Die Aufmachung mag etwas minimalistisch sein (ich gönne so einer Platte gerne ein bisschen mehr Lametta), aber der Klang ist super. Für um die 30 Euro sind die Represses aktuell noch zu bekommen.
Weiterhören: "Every Day" (2002), "Ma Fleur" (2007)
Erschienen auf Ninja Tune, 1999.
