17.10.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #142: Squarepusher - Music Is Rotted One Note (1998)




SQUAREPUSHER - MUSIC IS ROTTED ONE NOTE



“Anybody can play. The note is only 20 percent. The attitude of the motherfucker who plays it is 80 percent.” (Miles Davis)



Das schwarze Schaf in Squarepushers Diskografie. Vielleicht weiß man selbst fast dreißig Jahre später nicht so ganz genau, was das hier alles soll. In manchen Kreisen gilt das dritte Album des britischen Elektrofummlers zwar als Klassiker der 90er Jahre, aber seien wir ehrlich: derlei Kreise halten sich bevorzugt außerhalb dessen auf, was mit einem "Genre-Kanon" in Verbindung gebracht werden könnte. Das sind Freaks. 


Nun ist Herr Dreikommaviernull nicht exakt die Blaupause für einen "Freak"; ich fahre schließlich seit zwanzig Jahren Golf. Aber es gab immerhin Phasen in meinem Leben, in denen es nicht abgedreht und abseitig genug zugehen konnte. Vor allem in der zweiten Hälfte der 2000er stapfte ich im Rückblick durch eine Art zweiter Pubertät, inklusive all jener fragwürdigen Begleiterscheinungen, die sie mit sich bringt. Während dieser Zeit standen die Türen für eine Platte wie "Music Is Rotted One Note" sperrangelweit offen. Wenn zusätzlich noch davon berichtet wird, das Album sei "schwierig" und "kompliziert" und hätte Squarepushers Fans, also jene, die durch seine ersten Arbeiten wie "Feed Me Weird Things" oder der "Conumber EP" auf ihn aufmerksam wurden (nur damit wir uns richtig verstehen: konventionell ist bereits hier nicht das Wort der Wahl), "vor den Kopf gestoßen", dann lass' ich besser ein ganzes Sprengkommando anrücken, um gleich die komplette tragende Wand wegzuballern, weil: wer braucht schon Türen?! 


Squarepusher hatte einen Plan für "Music Is Rotted One Note". Erstens: weg vom Sequencer, weg von Programmieren. Er wollte Öffnung, Erweiterung, Fortschritt. Das alte elektronische Korsett aus Drum'N'Bass, Breakbeats und IDM war ihm zu eng, er musste ausbrechen. Das Resultat war ein weitgehend live aufgenommenes Album, auf dem er alle Instrumente selbst spielte. Zweitens: die Melodien mussten in die Abstellkammer. Squarepusher empfand es als zu billig, damit Fans auf seine Seite zu ziehen:

"It disgusted me that it was so easy to appeal to people and I thus introduced arbitrary rules to make it harder."


Kommentatoren betonten in den letzten drei Jahrzehnten immer wieder die Nähe von "Music Is Rotted One Note" zur Fusion-Phase eines Miles Davis mit Alben wie "Jack Johnson" oder "Bitches Brew", aber die Parallelen zeigen sich womöglich mehr in der grundsätzlichen Ausrichtung der beiden Protagonisten, also vorsätzlich mit dem Rücken zum Publikum zu spielen, sowohl metaphorisch als auch buchstäblich, als in ihrer Musik. Wenngleich es unstrittig ist, dass sich die bereits früher deutlich wahrnehmbaren jazzigen Elemente in Squarepushers Sound auf "Music Is Rotten One Note" das Heft in die Hand genommen haben. Das Fender Rhodes wurschtelt sich durch das Gestrüpp aus manischem Schlagzeuggeflacker. Die baufälligen Arrangements werden allerhöchstens mit ein bisschen Spucke zusammengehalten. In den hier und da eingestreuten Interludes wie "Curve 1" nimmt uns Kosmische Musik auf eine Fahrt ins Blaue zum Ambient-Jupiter. Das wilde, virtuose Bassspiel kann sich nicht zwischen funkiger Ökonomie und entrückter Improvisation entscheiden. Und so windschief, zerschossen, abstrakt und dystopisch all das inszeniert ist, so verlässt doch kein Soundmolekül jemals dieses sich ständig erweiternde, multidimensionale Ökosystem. Es ist geordnete und gleichzeitig grenzenlose Anarchie. Squarepusher verdichtet diesen Raum, indem er ihn sich öffnen lässt: was sich zunächst durch wahlloses Getöse zu manifestieren scheint, wird im nächsten Moment ätherisch und flüchtig. Was sich umgekehrt in kaum erkennbaren Ebenen zu verlieren droht, wird plötzlich Gestalt. Ohne Atempause. Ohne Kompromisse. Ohne Grenzen. 



Vinyl und so: WARP hielt es bislang nicht für notwendig, "Music Is Rotted One Note" mit einer Wiederveröffentlichung auf Schallplatte zu beschenken. Für die Originalpressung in gutem Zustand müssen 70 Euro aufwärts eingeplant werden. Wer hinsichtlich der Beschaffenheit von Second Hand-Schallplatten nicht ganz so analfixiert ist, kann auch etwas weniger Geld in die Hand nehmen und sich das auf meiner ziemlich durchgenudelten Kopie zeigende Knistern als zusätzliches Feature dieses Albums umarmen. Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich passend. Das ist keine saubere Musik, da braucht's auch nicht zwingend eine saubere Schallplatte. 


Weiterhören: "Feed Me Weird Things" (1996), "Just A Souvenir" (2008)





Erschienen auf Warp Records, 1998.



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