VICIOUS RUMORS - WORD OF MOUTH
“My best advice to anyone who wants to raise a happy, mentally healthy child is: Keep him or her as far away from a church as you can.” (Frank Zappa)
Musik aus einer komplett anderen Welt. Ich bin eventuell ein ganz kleines bisschen pathologisch dazu veranlagt, meine Wahrnehmung über eine Band wie Vicious Rumors stets in epischer Breite und Penetranz darzulegen - und könnte dabei unmöglich darauf verzichten, die ganz großen Fässer "US Metal" und "Power Metal" ins historische Bild zu rollen. Ich weiß allerdings auch, dass es für meine geschätzten Leserinnen und Leser interessanter ist, Farbe beim Trocknen zuzuschauen, als sich die sowieso schon am Rande der Kapazitätsgrenze dampfende Festplatte mit all dem uralten Remmidemmi weiter vollnageln zu lassen. Aber wir kommen hier sonst nicht weiter, es muss einfach raus.
Was vielleicht gleich zu Beginn mal raus muss: Vicious Rumors existieren auch heute noch und tingeln auf der kleinstmöglichen Sparflamme durch die Welt. In den letzten dreißig Jahren gab es eine unüberschaubare Anzahl von Besetzungswechseln, eine Sammlung weitgehend egaler Studioalben und zwischen fragwürdig und indiskutabel hin und her pendelnde Interviewaussagen von verschiedenen Bandmitgliedern. Zuletzt erregten Postings des Schlagzeugers Larry Howe auf Social Media Aufmerksamkeit, in denen er sich als rechtes MAGA-Arschloch outete. Nach einigem Gezerre und angedrohten Konzertabsagen seitens der Veranstalter wurde Howe schließlich aus der Band geworfen, aber man wird das Gefühl nicht los, es hier in erster Linie mit einer Businessentscheidung zu tun zu haben, als mit einer ehrlichen Abgrenzung von rassistischem Scheißdreck. Ich bin mir daher auch nach Monaten des Abwägens immer noch nicht sicher, ob es eine schlaue Entscheidung ist, Vicious Rumors in meinen Countdown aufzunehmen. Jetzt sind wir zwar hier, aber der Zweifel bleibt - story of my life.
Then again: das ist nicht nur Musik aus einer anderen Welt, das war auch mal eine völlig andere Band. Im Rückblick erscheint es mir manchmal so, als wäre die ganze frühneunziger Zeitachse aus einem Bizarro-Paralleluniversum herausgeplumpst. Vicious Rumors gehörten zu einem sehr kleinen Kreis von Bands, die Genres wie US Metal und Power Metal zugeordnet wurden, und die über einen kurzen Zeitraum von maximal drei Jahren plötzlich Verträge mit Majorlabels an Land ziehen konnten. Betrachtet man den musikalischen Zeitgeist zum Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre, ist der Umstand mit "kurios" noch sehr zurückhaltend beschrieben, aber in den Chefetagen von Epic, Atlantic und Elektra gab es offensichtlich Menschen, die es Bands wie Metal Church und eben Vicious Rumors zutrauten, genau das Publikum abzuholen, das sich noch unbewusst eine Mischung aus Metallica und Bon Jovi wünscht. Und für jene bei Temu gekaufte Horror-Definition von Power Metal bekomme ich von nächstbesten Szenefossil garantiert den Arsch versohlt, aber wer weiß, vielleicht steh' ich ja drauf?! Ha!
Vicious Rumors waren mit ihrem 1985 erschienenen Debut "Soldiers Of The Night" und dessen Nachfolger "Digital Dictator" aus dem Jahr 1987 bereits eine Kultband: die Kritiker überschlugen sich, und eine kleine, aber überaus loyale Fanbase wich der Band fortan nicht mehr von der Seite. An einen Erfolg im Mainstream war indes nicht mal im Traum zu denken: ihre Musik war nicht nur zu gleichen Teilen (zu) heavy und (zu) verspielt, sie hatten zudem ab "Digital Dictator" mit Carl Albert einen zwar wirklich überragenden Sänger in ihren Reihen, dessen Stimme aber eher etwas für den fortgeschrittenen Kenner als für den klassischen Ottonormalrocker war. Und wie man eine von den immerhin offensichtlichsten Metal-Klischees befreite Musik vor allem in Amerika hätte vermarkten wollen, würde mich auch im Jahr 2026 noch immer sehr interessieren.
Das selbstbetitelte dritte Album (1990) sowie das nur ein Jahr später veröffentliche "Welcome To The Ball" erschienen dann tatsächlich auf dem Majorlabel Atlantic Records. Qualitativ hatte die Band bis dahin eine makellose Diskografie zu bieten, die aber im Zuge des Triumphzugs von "Nevermind" praktisch über Nacht wertlos wurde. Wer auch immer dem Kreis von Unterstützern bei Atlantic zuzurechnen war, verlor den Job und wurde mit Managern ersetzt, die erstens den Auftrag erhielten, die nächsten Nirvana zu finden und die zweitens mit progressiv angehauchtem Power Metal mal so gar nichts an der Frisur hatten - und haben durften. Vicious Rumors waren in Rekordgeschwindigkeit zu ärgerlichem Ballast geworden - und Ballast muss entfernt werden. Was folgerichtig das Ende ihres kurzen Major-Intermezzos bedeutete.
Die Band gab indes nicht auf, sondern kam für ihr nächstes Album "Word Of Mouth" beim kleinen deutschen Label Rising Sun Productions unter, das zu jener Zeit eine Art Auffangstation für die aufs Abstellgleis verfrachteten ehemaligen Majorbands wie Metal Church und Riot wurde. Aus geschäftlicher Sicht war das freilich eine Bruchlandung, und zusammen mit dem damaligen Zeitgeist, der alles, was sich auch nur entfernt nach Metal anfühlte als lächerliches Relikt eines untergegangenen Zeitalters in die nächstbeste Senkgrube ballern wollte, war die Band kommerziell mausetot. Künstlerisch betrachtet erschienen zu jener Zeit aber einige der besten Metalalben aller Zeiten, und "Word Of Mouth" hat sich seinen Platz in dieser Liste verdient. Es ist tragisch, wie wenige Metalfans das 1994 noch mitbekommen haben.
"Word Of Mouth" ist trotz (oder gerade wegen) der widrigen Umstände ein sensationelles Album. Die Band hat den Härtegrad ihrer Musik nochmal deutlich nach oben geschraubt - ich bestaune auch nach über dreißig Jahren noch immer das dicke Brett, das das Riff von "All Rights Reserved" bohrt, Heilig's Blechle! - was gemeinsam mit den heruntergestimmten Gitarren, den ungewöhnlichen Gesangsharmonien und einem bemerkenswert aufgefrischten Melodieverständnis den Vibe der Aufnahmen zwar dezent, aber spürbar in modern wirkende Bereiche des Alternative Rocks verschiebt, ohne dabei weder den einzigartigen Stil der Band noch die Virtuosität ihrer Musiker auch nur im Ansatz zu beschädigen. Zwischen tiefergelegten Erdkern-Groovern wie eben "All Rights Reserved" und "Thinking Of You" platzieren sich ganz selbstverständlich melodische Diamanten wie "Thunder And Rain Part 2", das unnachahmliche "The Voice" und das stimmungsvolle und absolut brillant gesungene "Dreaming", womit es der Band gelingt, den so ubiquitär ins Feld geführte "Spagat zwischen Tradition und Moderne" mühelos zu vollführen. "Word Of Mouth" ist die Meisterklasse des Power Metals der neunziger Jahre - und sogar darüber hinaus.
Sänger Carl Albert verstarb im Jahr 1995 im Alter von 32 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Ein Schock, von dem sich die Band, allen voran Geoff Thorpe, vermutlich bis heute nicht erholt hat. Dass Thorpe trotzdem niemals aufgab und kontinuierlich neue Alben veröffentlicht und Tourneen spielt, nötigt mir durchaus Respekt ab, denn der Absturz, den die Band nach Alberts Tod verkraften musste, war in seiner Tragweite absolut beispiellos. Wer sich das erste Album nach der Tragödie "Something Burning" (1996) angehört hat, oder die Artworks der nachfolgenden Alben kennt, weiß vermutlich, wovon ich spreche. Vielleicht ist es ein bisschen zu dicke, "Word Of Mouth" nicht nur hinsichtlich der Bandkarriere, sondern auch im größeren Kulturkontext als das Ende einer Ära zu bezeichnen. Andererseits: welches Power Metal Album - zur Klarstellung: ich rede von KLASSISCHEM Power Metal der späten 80er bis frühen 90er Jahre; kommt mir hier bloß keiner mit dieser Kinderliedscheiße, die seit den 2000ern unter Power Metal läuft, sonst kotz' ich mich voll! - hat seitdem eine ähnliche Klasse und einen vergleichbaren Impact gehabt? Eben.
Vinyl und so: Das Spezialistenlabel The Night Of The Vinyl Dead veröffentliche 2019 eine auf 555 Stück limitierte Vinylfassung dieses Klassikers, die heute für etwa 75 Euro zu haben ist. Es ist davon auszugehen, dass hier schlicht die CD-Files auf das Vinyl gezogen wurden, aber immerhin hat man sich bei der Gestaltung des Gatefolds einiges einfallen lassen und einen "Fold-Out"-Mechanismus eingebastelt. Das ist ein nettes und schön gemachtes Gimmick. Nicht so schön: die originale Farbgebung des Artworks in lila und violett und das Bandlogo wurden verändert - und nicht zum Positiven, wie ich anfügen möchte.
Weiterhören: "Vicious Rumors" (1990), "Digital Dictator" (1987), "Welcome To The Ball" (1991), "A Tribute To Carl Albert" (1996 - Bootleg-Liveaufnahmen der letzten Europatournee mit Carl aus dem Jahr 1994 plus drei bislang unveröffentlichte Bonustracks)
Erschienen auf Rising Sun Productions, 1994.

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