24.09.2007

"Oha!" im Sinne von "Uff!"




Es wird Zeit eine Platte zu erwähnen, die zu meinen großen Überraschungen dieses Jahres zählt. Niko Schabel, Jahrgang 1978 und gebürtiger Münchener, zog vor sieben Jahren nach Berlin, studierte dort Audio-Engineering und gründete ein Jazztrio, das bald zum "Niko Schabel Quartett" heranwuchs. Seit 2003 arbeitet er mit der indischen Sängerin Bajka an dem Projekt Radio Citizen, das im September 2006 auf dem amerikanischen Label Ubiquity das Debut "Berlin Serengeti" veröffentlichte.

"Berlin Serengeti" ist ein - Verzeihung - saucooles, stimmungsvolles Album zwischen Soul, Funk, Hip Hop, und Jazz der 60er Jahre. "Ich bin furchtbar gelangweilt von all dem öden Programming und dem Lounge-Overkill", sagt Schabel. Damit ist er wohl nicht alleine. Vor allem die stete Flut an seichter, belangloser Lounge Musik ist zu einem echten Ärgernis geworden. Radio Citizen haben damit nichts am Hut. Multiinstrumentalist Schabel legt Wert auf eine offene Ausrichtung seiner Musik, ohne jedoch den Fokus, das Ziel aus den Augen zu verlieren. Es scheint fast, als sei sein musikalisches Vorbild John Coltrane auf "Berlin Serengeti" als geistiger Mentor anwesend, als dirigiere er Schabel durch seine Tunes. Was er anpackt gelingt: "The Hop" ist ein derber, groovender Arschwackler-Hit, "Birds" ein dichter Latin-Lover, "Black Forest" huscht hektisch durchs Soundgestrüpp, "Championsound" ein Bananen-Smoothie mit Sahne, "Mondlicht" ein schwebendes Energieteilchen...ich könnte stundenlang so weitermachen.

Viele stilistisch ähnlich gelagerte Platten leiden oftmals an der zu seichten Umsetzung, an Ziellosigkeit, an den thematisierten Schlichtheiten. Schabels Debut ist anders. Dieses Album funktioniert immer, egal an welcher Stelle man den Laser auf die Reise schickt.

"Berlin Serengeti" ist immer und überall weit davon entfernt, banal oder oberflächlich zu sein. Stattdessen ist es mit Verlaub: völlig großartig.


"Berlin Serengeti" von RADIO CITIZEN ist im September 2006 auf Ubiquity erschienen.



23.09.2007

The All Seeing Shorter



Gut möglich, dass Wayne Shorter in naher Zukunft mehr als nur zweimal in meinem CD-Regal auftaucht. Dass der derzeitige Stand der Dinge dringend einer Überprüfung bedarf, liegt in erster Linie an einer Platte, die seit Tagen in meinem CD-Player klebt. "Juju" versprach alleine schon durch das Line-Up mit den beiden Coltrane-Sidekicks MyCoy Tyner (Piano) und Elvin Jones (Drums) eine spannende Angelegenheit zu werden, dass mich das Album aber derart in seinen Bann zieht war nicht eingeplant.

Es liegt sicher nicht nur an den genannten Musikerpersönlichkeiten, dass "Juju" manchmal als das "A Love Supreme" Shorters bezeichnet wird. Ich möchte diese Einschätzung gar nicht weiter kommentieren; dass Shorter auf seinem fünften Soloalbum allerdings alleine hinsichtlich des Tons seines Instruments unüberhörbar auf Tuchfühlung mit dem Sound Coltranes geht, steht außer Frage. Auch das Zusammenspiel des Quartetts, insbesondere im fantastischen Titelstück, zwingt ob seiner Intensität, der wie magisch ineinander verzahnten Struktur und dem wild vor sich hin brodelnden Feeling zu seelischen Überreaktionen. "When I wrote this tune, I was thinking of Africa [and]...was tyring to picture the old african rites.", schreibt Shorter in den Liner Notes zu "Juju", einer Reminiszenz an die Schlichtheit von afrikanischen Gesängen, wie er anmerkt.

Shorters zweites Album für das Blue Note-Label lebt aber auch von den überwältigenden, einfühlsamen Melodien. Wenn nach kurzem Drum-Intro von Jones McCoy das Eröffnungsthema von "Mahjong" anspielt, Shorter kurz darauf mit seinem Tenor-Saxophon einsteigt, die Melodie aufnimmt und weiterspinnt, und das Quartett (am Bass: Reggie Workman) sich plötzlich in einer luftigen Höhe blind die Bälle zuwirft, bleibt mir meist nicht viel anderes übrig, als die Kinnlade ganz entspannt nach unten gleiten zu lassen. Das ist schlicht sensationell.

Die weitere Entwicklung Shorters, hin zu immer freieren und offeneren Strukturen hat ihren Ursprung möglicherweise exakt auf dieser Platte. Innerhalb von 18 Monaten nahm der Musiker nicht weniger als sechs Alben auf und spielte zudem seit 1964 noch im Miles Davis Quintett, in welchem er unter anderem an heute legendären Werken wie "In A Silent Way" oder "Bitches Brew" mitwirkte. Das Nachfolgealbum "The All Seeing Eye" (obgleich es vor der Veröffentlichung jenes Werks noch 2 weitere Aufnahmesessions gab), geht hinsichtlich des freieren Ansatzes konsequenterweise gleich mehrere Schritte weiter und präsentiert mit einem Oktett ein großes Ensemble (u.a. mit Herbie Hancock), das die Musik weiter entzerrt, sie aber deswegen nicht weniger intensiv erscheinen lässt.

"Juju" von WAYNE SHORTER ist im Jahre 1964 auf Blue Note erschienen.



16.09.2007

Lichtnahrung


SEAWORTHY - MAP IN HAND

Es ist ein purer Genuss, in einer Platte zu versinken, die den Gedanken und den Interpretationen soviel Raum zum Tasten und Forschen gibt, die einerseits in ihrer Philosophie so extrem und kompromisslos und andererseits in ihren Mitteln so minimalistisch, subtil und behutsam ist, dass ich selbst in der mit 45°C heißen und sicher etwas übertemperierten Herbst-Badewanne vor Ergriffenheit das Frösteln anfange. Wie erholsam und sogar heilsam ist es, diesen drei Musikern zuzuhören. Seaworthy aus Australien arbeiten auf "Map In Hand" mit Feedbacks, mit leisen, zögerlichen Gitarrendrones und -loops und Field Recordings. Ein leises Knacken hier und ein verhuschtes Rauschen dort.

Ursprünglich auf Kassette aufgenommen und erst im Nachgang am Computer minimal bearbeitet, ist es vor allem der Klang, der mitten ins Herz trifft. Er erdet, beruhigt, schützt und öffnet den Blick.

Auf Null zurückkommen.
Alles was zählt, liegt in diesem Moment...

Es scheint, als würde jeder Ton, jede Schwingung von "Map In Hand" tief in den Körper eindringen und ihn von innen erhellen.


"Map In Hand" von SEAWORTHY ist in November 2006 auf 12k erschienen.

08.09.2007

Nebel



Der amerikanische Pianist Andrew Hill wagte für sein viertes Album "Smoke Stack" ein Experiment, an dem sich vor ihm bereits Musiker wie Ornette Colemann und John Coltrane erfolgreich versuchten. Hill besetzte seine Rhythmusgruppe mit einem Schlagzeuger und gleich zwei Bassisten. Richard Davis und Eddie Khan agieren auf Hills
zweitem Album für das legendäre Blue Note Label indes nicht wie bei den eben erwähnten Vorreitern als eine unzertrennliche Stimme, sondern verdichten den Sound durch ihr freies, geteiltes Spiel zu einer manchmal nahezu undurchdringlichen Nebelbank. Dazu passt ein Schlagzeuger wie Roy Haynes mit seinem stets im Fluss befindlichen, ungeheuer leichtfüßigen und doch hochkomplexen Spiel natürlich formidabel. Herausragend das Titelstück, das nicht nur eine von Hill unverwechselbare Melodie geschenkt bekam, die er zum Schreien schön gegen Ende in den wild vor sich hin brodelnden Rhythmusdunst einwebt, sondern darüber hinaus auch als Blaupause für Hills Ansatz gelten darf, seine Musik mehrdimensionaler, freier und komplexer auf zu bauen und sich dennoch in definierten Strukturen zu bewegen.

Das durch die Hinzunahme eines weiteren Bassisten zum Quartett erweiterte Klaviertrio hat noch mehrere magische Momente auf "Smoke Stack" verewigt. Beispielsweise das von Davis fantastisch gestrichene Basssolo in "Wailing Wail", das den Klang der Gruppe innerhalb dieser knapp sechs Minuten entscheidend prägt und der Melancholie ungewohnt deutlich Tür und Tor öffnet. Oder das komplexe "30 Pier Avenue", bei dem der ansonsten im Hintergrund spielende Eddie Khan ein Solo beisteuern darf, und Hill durch sein variantenreiches und unkonventionelles Spiel beeindruckt.

Andrew Hill ist im April diesen Jahres im Alter von 75 Jahren verstorben. Ein Jahr vor seinem Tod erschien sein letztes Album "Time Lines". Hill kehrte mit dieser Veröffentlichung in den Blue Note Hafen zurück.

"Smoke Stack" ist im Dezember 1963 auf Blue Note erschienen.

05.09.2007

Playlist 4.9.

Wer am gestrigen Dienstagabend ein Ohr riskierte und sich einen Überblick über das verschaffen möchte, was gespielt wurde, ist mit dieser Playlist wohl bestens aufgehoben.

01 Scott Taylor - Vespers
02 Tomboy - Synchronize
03 Richard Davis - Last Time
04 Plaid - Porn Coconut Co
05 Prefuse 73 - Keeping Up With Your Quota
06 Gudrun Gut - Rock Bottom Riser (with Uta Heller & Matt Elliott)
07 Apparat feat. Raz Ohara - Hold On (Chris De Luca Vs.Phon.o Remix)
08 Konono No.1 - Ungudi Wele Wele
09 Jamie Lidell - A Little Bit More (Luke Vibert Remix)
10 Whitehouse - Mouthy Battery Beast
11 Boards Of Canada - Corsair
12 Benfay - Quick Drifter
13 Frank Bretschneider - The Moon Is A Hole In The Sky
14 Gabriel Ananda - Sweet Decay
15 Gui Boratto - Beautiful Life

Ich danke fürs Zuhören!

02.09.2007

In Eigener Sache Vol.1: Tanzradio

Am Dienstag, den 4.September 2007, findet eine Fortsetzung meiner kleinen DJ-Reihe statt. Unter dem unten stehenden Link können Sie ab 20 Uhr etwa eineinhalb Stunden lang das Beste aus dem Bereich der elektronischen Musik hören. Alles was Sie dafür benötigen ist eine aktuelle Version des Winamp-Players, die Sie hier kostenlos herunterladen können.

Viel Spaß beim Hören!

Tanzradio

01.09.2007

Hold On




Wer auch im September des Jahres 2007 immer noch verzweifelt auf der Suche nach DEM Sommerhit ist und bisher außer Disco-Plattheiten wie "Hot Summer" nichts spannendes auftreiben konnte, dem sei hiermit wärmstens Apparats (feat. Raz Ohara) "Hold On" im Chris De Luca Vs. Phon.O-Remix ans Herz gelegt. Der Track ist ein blanker Wahnsinn zwischen Prince-Funk aus den frühen Neunzigern und aktuellem Timberlake-Sex.

Ich bin zwar gerade Dank eines Meniskusschadens tanztechnisch etwas auf verlorenem Posten, mit diesem Song auf den Ohren hingegen könnte ich auch locker nackig aus dem zweiten Stock hüpfen und auf der Straße Laternen austreten.

Bisher klarer Sieger im "Song des Jahres"-Wettbewerb.

"Hold On" ist am 11.5.2007 auf Shitkatapult erschienen.