Posts mit dem Label deep space network werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label deep space network werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

09.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #166: Deep Space Network - Big Rooms (1993)




DEEP SPACE NETWORK - BIG ROOMS


"Comforting lies deliver more clicks, viewers, listeners and profits than uncomfortable truths” 
(James O'Brien)


Die 2000er Jahre waren hinsichtlich meines Musikkonsums eine Zäsur. Was in den vorangegangenen 15 bis 20 Jahren gekaufte Tonträger waren, also in erster Linie Vinyl und CDs, und zwar nur so viele, wie es zunächst Taschengeld und später Gehalt erlaubten, geriet nun vor allem quantitativ etwas - und das ist die Untertreibung des Jahrzehnts - aus den Fugen. Das lag nicht an den sagenumwobenen Tauschbörsen wie Napster oder Emule - die habe ich tatsächlich nie genutzt. Viel mehr war die Community des ehemaligen Leserforums des Visions-Magazins dafür verantwortlich, dessen Nutzer nach einem völlig in den Sand gesetzten Relaunch der Website und damit des Forums auf selbst- und also nachgebaute Replikate der zur damaligen Zeit durchaus bahnbrechenden Forumsstruktur umzogen. Und was schon zu Zeiten des originalen Visions-Forums eine sehr, nennen wir es "eigenwillige" Gemeinschaft war, wurde mit dem Umzug auf kaum moderierte Plattformen in den folgenden Jahren zur Anarchie.  Das sind jene Zeiten, von denen early adopter heute schwärmen, wenn sie vom "alten Internet" reden. 


Jedenfalls: was die Community damals vereinte und über eine überraschend lange Zeit am Leben hielt, war eine tiefe Verbundenheit zur Musik und zum Kontext, der sie jeweils umgab. Als Musikjournalismus noch nicht mausetot in der Kiste lag, Playlisten noch Mixtapes hießen, Musik nicht in der Hintergrundberieselung elendig verreckte und noch niemand ahnte, welcher infektiöse Klärschlamm uns die künstliche Intelligenz zwanzig Jahre später in den Rachen ballern wird, kurz: als noch nicht alles wirklich komplett scheißegal war, gab es ein großes Interesse am gemeinschaftlichen Austausch. Das passierte nicht nur übers geschriebene Wort, sondern auch über die Digitalisierung des ehemaligen Phänomens des Tapetradings. Was früher auf Kassetten überspielte Musikalben waren, waren nun auf CD gebrannte Musikalben. Das Brennen ging jetzt nicht nur schneller und billiger, es konnte nun auch ein ganzer Sack CDs in einem gefütterten Briefumschlag versendet werden. So bekam ich manchmal bis zu 50 CDs mit neuen Musikalben in der Woche zugeschickt, was je nach Lesart entweder glücklicher- oder dummerweise parallel zu meinem sich erweiternden Korridor für neue Stilrichtungen verlief. Um es etwas weniger neutral zu formulieren: es öffneten sich die Tore zur Hölle des Überkonsums. Man merkt derlei eher ungünstige Entwicklungen oftmals nicht unmittelbar, weil sie von der Euphorie über neue Musik und den sich damit materialisierenden frischen Eindrücke und Perspektiven überlagert werden. 


 Irgendwann aber kamen die ersten Zweifel - und das war unangenehm, weil man sich selbst dabei zusehen musste, wie sich das Engagement, also die bewusste Hinwendung zur Musik langsam zersetzte. Was vor ein paar Jahren undenkbar schien, war nun Realität: Coverartworks und Linernotes verschwanden, damit gab es keine Informationen über die beteiligten Musiker und Produzenten, keine Songtitel, kein Erscheinungsjahr, keine Plattenfirma, kurz: null Kontext. Manchmal vergaß man sogar die Titel der Alben, bevor schon wieder das nächste Päckchen mit zehn neuen Platten im Briefkasten lag. Wir hörten unglaublich viel Musik aus allen möglichen Genres und Epochen - und nahmen fast nichts davon mit. Wir übernahmen nichts, wir bauten nichts ein, nichts konnte sich mehr wirklich mit dem Innern verbinden. Wir häuften irrsinnig viel Wissen an - und wussten nichts mehr. Es erscheint mit Blick auf die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre fast unmöglich, nicht im Brackwasser des Kulturpessimismus unterzugehen. 


Es war aber auch nicht alles Doom & Gloom. Ich lernte einerseits unglaublich viel neue Musik kennen, die ich ohne diesen Overkill sehr wahrscheinlich niemals gehört hätte, andererseits blieb auch ohne den oben beschriebenen Rahmen eine ganze Menge davon in meinem Leben, und das nun schon über Jahrzehnte hinweg. Eine dieser Platten ist "Big Rooms" von Deep Space Network, einem Projekt von David Moufang aka Move D und Jonas Grossmann. Ihr Debut aus dem Jahr 1993 gilt in eingeweihten Kreisen als Klassiker der frühen Ambient Techno und IDM Bewegung. Freund Jens, der in den neunziger Jahren und nach dem ersten Abebben der großen Alternative-Welle seine zumindest vorübergehende Erfüllung in elektronischen Sounds fand und sich von Downbeathelden wie Nightmares On Wax, Kruder & Dorfmeister, Red Snapper und Morcheeba die Pappen reichen ließ, machte mich in den besagten Nullerjahren auf "Big Rooms" aufmerksam, als ich gerade meine ersten Gehversuche mit stilverwandten Bands und Platten von Jazzanova und Thievery Corporation unternahm. 


"Big Rooms" arbeitet tief im Nervensystem, und das schon ab dem ersten Kontakt. Es ist eine dieser Platten, die praktisch ab dem ersten Ton auffällig anders sind. Denen man einfach zuhören muss. Und die, auch das muss erwähnt werden, mit dem von re:discovery herausgebrachten Vinyl-Release aus dem Jahr 2020 sogar nochmal zusätzlich Gravitas zulegen, weil im konkreten Fall dank eines wirklich sensationellen Masterings die Weite des Raums (pun intended) zur beinahe körperlich spürbaren Erfahrung gerät. Moufang und Grossmann rollen auf dem 75 Minuten dauernden Trip durch Raum und Zeit vom kargen Mondgesteinrauschen bis zum glühenden Milchstraßen-Gangbang auf Steroiden die ganz große Tapete elektronischer Musik aus, verwenden Einflüsse östlicher Musik, weben mystische Sprachsamples in bizarre Fantasiewelten ein, verlegen einen staubigen und von Grasrauch schwer gezeichneten Downbeatteppich, werfen mit links eine Prise reinstes Hochland-Koks auf die Klobrille vom Club und lassen die Kick von der Leine, dösen in einer warmen Augustnacht nackig im Kornfeld, besuchen die Plasmastürme in den Badlands und haben auf dem Rückweg ein Tässchen Ketamin mit Shai-Hulud auf Arrakis. "Big Rooms" verschenkt eine multidimensionale Reise durch spirituelle Welten, und Du bist der Pilot, Du übernimmst das Steuer. Es ist egal, wer Du bist oder woher Du kommst - und es ist auch egal, wohin Du gehst. Alles, was es braucht, ist Dein erster Schritt. 


Vinyl und so: Bitte einfach und ohne weitere Fragen den Vinyl Release aus dem Jahr 2020 von re-discovery kaufen und mir später danken. Für einen Fuffi ist man aktuell bei Discogs dabei. Shoot!


Weiterhören: Deep Space Network Meets Higher Intelligence Agency (1996), Deep Space Network & Dr.Atmo - Intergalactic Federation (1993)






Erschienen auf Source Records, 1993.