22.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #161: Dead Can Dance - Aion (1990)




DEAD CAN DANCE - AION


"Music is a place to take refuge. It's a sanctuary from mediocrity and boredom. It's innocent and it's a place you can lose yourself in thoughts, memories and intricacies." (Lisa Gerrard)


Dead Can Dance kamen spät in mein Leben. Als die Herzallerliebste und meine Wenigkeit sich im Dezember 1999 dazu entschlossen, fortan gemeinsam durchs Leben zu ziehen, verbrachte ich die Wochenenden der nächsten Monate zumeist in Alinas Zweieinhalbzimmerwohnung in Nürnberg. In den noch kalten und schneereichen Wintermonaten, bei Kerzenschein, Kaffee und Räucherstäbchen, versuchten wir, soviel wie möglich über uns herauszufinden und zusammenzuwachsen. Alina verbrachte bereits viele Jahre vor unserem Zusammentreffen in der schwarzen Szene, zunächst in Kiel, später dann im fränkischen Städtedreieck Nürnberg - Erlangen - Fürth, und ihre CD-Sammlung belegte das eindrucksvoll. Für mich war das eine neue Welt. Zwar waren mir die Namen vieler Bands und Musiker des Gothic- und Dark Wave-Milieus geläufig, nicht zuletzt aufgrund der bestehenden Schnittstellen mit der Metalszene, daher waren mir auch Dead Can Dance ein Begriff - auch wenn es an dieser Stelle lohnenswert ist darauf hinzuweisen, dass die beiden Gründer Lisa Gerrard und Brendan Perry in recht strenger Opposition zu der Einsortierung ins Genre des Gothic Rocks stehen. 

Ihre Musik hörte ich hingegen abseits dessen tatsächlich zum ersten Mal in einer kalten und verschneiten Dezembernacht, womit wir wieder bei der Bedeutung des "Set & Setting" angekommen wären: ich befand mich also in einer Stadt, deren mittelalterliche Architektur mit Kaiserburg, gotischen Kirchen, Fachwerkbauten und den engen, unterirdischen Felsengängen mich ohnehin schon schwer beeindruckte, war Hals über Kopf verliebt und ausnahmsweise bereit, mich künftig ohne Sicherheitsnetz auf alles Neue einzulassen. Es waren wilde, intensive Zeiten. Die musikalische Begleitung durch Dead Can Dance wurde obligatorisch. Manchmal liefen ihre Alben wie "Spleen And Ideal" und "Within The Realm Of A Dying Sun" ab meiner Ankunft am Freitagnachmittag bis zu meiner Abfahrt am frühen Montagmorgen über das gesamte Wochenende hindurch, selbst in der Nacht; höchstens hier und da mal kurz von unseren samstäglichen Besuchen in der Nürnberger Rockfabrik unterbrochen. So entstanden sehr eindrückliche, intime und bis heute unvergessene Momente mit ihrer Musik. 


In jenen Zeiten kam es dann auch zu den ersten Begegnungen mit "Aion". Das im Juni 1990 erschienene Album legte im Unterschied zu den vorangegangenen Arbeiten einen Schwerpunkt auf mittelalterliche Musik im Übergang zur Renaissance, und auch wenn man mit der Einlassung gesichertes Terrain betritt, ihrer Musik sei bereits ab Tag 1 eine sakrale, feierliche Qualität inhärent gewesen, so ist die sich auf "Aion" verstärkt zeigende Aneignung orientalischer und europäischer Volksmusik und deren Verschmelzung mit dem Mittelalter vor allem in der atmosphärischen Anschauung zu früheren Werken bestimmend. Brendan Perry äußerte sich über das Songwriting für "Aion", dass er und Gerrard über zwei Jahre hinweg nur wenig anderes als Troubadour- und Trouvère-Musik gehört hätten, eine Musikrichtung, die sich im Frankreich des 12. und 13. Jahrhunderts entwickelte und aus einer Verschmelzung europäischer weltlicher Volksmusik mit orientalischen Instrumenten und Einflüssen der Kreuzfahrer entstand.  


Als das Duo 1984 mit ihrem selbstbetitelten Debutalbum auf dem englischen Label 4AD (u.a. Heimat der Cocteau Twins und von This Mortal Coil) auf der Bildfläche erschien, wurde ihr Name schnell zum Synonym der aufkeimenden Alternative-Bewegung, die im Streben nach Authentizität den Kontrapunkt zum Mainstream der kommerziellen Musikindustrie setzen wollte. Die vor allem in England zur Mitte der 1980er Jahre sich aus dem (Post-)Punk entwickelnde Gothic-Szene mit Bands wie Bauhaus oder Christian Death konnte als fatalistische Gegenbewegung zur sich immer rasanter zeigenden Industrialisierung der modernen Welt interpretiert werden; ein Rückzugsort für alle, die sowohl von der Leere und Oberflächlichkeit, als auch der schieren Boshaftigkeit und Kälte der Neuzeit überwältigt waren. Wo weite Teile dieser Szene die abrasiven Elemente jenes Protests verstärkten und ins Groteske, Abgründige eintauchten, verschob sich der Ansatz bei Dead Can Dance hin zum Exotischen und Spirituellen. Nach der US-Amerikanischen Musikwissenschaftlerin Kirsten Yri nahmen Gerrard und Perry damit auch die ab den 1990er Jahren außerordentlich erfolgreichen Entwicklungen der Weltmusik vorweg, eine Ära, die von den gregorianischen Gesängen bei Enigma, Deep Forest und der Wiederentdeckung der Musik von Hildegard von Bingen geprägt war. Die Ablehnung der modernen Welt einerseits und der Enthusiasmus für das romantisch-idealisierte Mittealter zeigt sich darüber hinaus in Interviewaussagen der beiden Musiker. So sprach Gerrard über die zeitgenössische Gesellschaft von "einer Kultur, die unentwegt Roboter produziert". Perry, befragt zu seiner Faszination für das Mittelalter, wird wie folgt zitiert: 

"I'm very interested in medieval society because the actual structure was very simple to understand. The relation of music and religion and other aspects portrayed more Things simply. We live in a world now which is far more complex."


Das Kernstück auf "Aion" hinsichtlich der mittelalterlichen Einflüsse ist "The Song Of The Sibyl", einem im iberischen Raum seit des Mittelalters bekannten und bis heute aufgeführten Stück. 

"Der noch heute an einigen Orten in katalanischen Dialekten vorgetragene Gesang geht auf lateinische Manuskripte aus Klosterbibliotheken des 10. Jahrhunderts zurück. Diese Texte entstanden ihrerseits aus Voraussagen, von denen man im Mittelalter annahm, dass sie von antiken vorchristlichen Seherinnen stammten. (…) In ihrem Gesang sagt die Sibylle die Wiederkunft eines christlichen Erlösers und das Ende der Welt voraus. Sie betont, dass in diesen Tagen des apokalyptischen Gottesgerichtes nur die treuen Diener Gottes ohne Rücksicht auf sozialen Status belohnt, andere aber vom Zorn Gottes bestraft, wehklagen und untergehen würden." (Wikipedia)


In Kirsten Yris sehr lesenswerter Abhandlung über die seitens der Band verarbeiteten mittelalterlichen Elemente in ihrer zwischen 1988 und 1991 erschienenen Musik, wird auch auf die auffällige Nähe der Version von Dead Can Dance zu einer Aufnahme des Stücks vom Kollektiv Ars Musicae De Barcelona aus dem Jahr 1974 hingewiesen. Dead Can Dance machen jedoch zugleich Gebrauch von modernen Aufnahmetechniken und führen ihrer Interpretation mehr Hall und Echo zu, was den spirituellen Kontext des Auftritts weiter vergrößert, weil der Eindruck entsteht, man höre den Musikern beim Vortrag in einer großen Kathedrale zu. Die Wirkung des Albums ist von diesem Fokus auf Spiritualität direkt beeinflusst. Wo die gesamte ästhetische Architektur von Dead Can Dance, hier vor allem auf den ersten drei Platten, von der Bearbeitung und Darstellung überwiegend dunkler und geheimnisvoller Themen abhängig war, zieht auf "Aion" eine hellere Aura ein. Das ist kein Optimismus; sowohl Ober- als auch Untertöne ihrer Musik sind immer noch überwiegend ernst und intensiv. Aber die wahrnehmbare Transzendenz zum stärker als zuvor umrissenen Eskapismus entledigt sich dem Druck, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit. Für mich ist "Aion" damit der Abschluss jener mit "The Serpent's Egg" (1988) eingeleiteten transzendentalen Ära und außerdem ihr letztes wirklich herausragendes Werk.   
 


Vinyl und so: Der nerdige (und nervige) Teil meiner Existenz möchte ganz grundsätzlich zu einer gut erhaltenen Originalausgabe des Albums raten, zumal man sich preislich im Vergleich zum Reissue aus dem Jahr 2017 erfreulicherweise nichts nimmt, beide Optionen kosten aktuell um die 20 Euro. Zugleich gebe ich zu Protokoll, dass die 2017er Nachpressungen offensichtlich von guter Klang- und Pressqualität sind. 


Weiterhören: "Dead Can Dance" (1984), "Spleen And Ideal" (1985), "Within The Realm Of A Dying Sun" (1987), "The Serpent's Egg" (1988) 





Erschienen auf 4AD, 1990. 


14.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #162: White Zombie - Astro-Creep: 2000 (Songs Of Love, Destruction And Other Synthetic Delusions Of The Electric Head) (1995)



WHITE ZOMBIE - ASTRO-CREEP: 2000 (SONGS OF LOVE, DESTRUCTION AND OTHER SYNTHETIC DELUSIONS OF THE ELECTRIC HEAD)


„Der Wettbewerb um die Gunst der Konsumenten zwingt die privatwirtschaftlichen Medien, alles zu unterlassen, was die Instinkte und Vorurteile der Leser, Hörer und Seher stören könnte.“ 
(Hermann L. Gremliza)


Das ist vielleicht die erste und sehr wahrscheinlich einzige Rezension dieser Reihe, die Gefahr läuft, in einer Rechtfertigungsorgie zu implodieren. Wir wissen schließlich alle, wie tief sich Traumata aus unserer Kindheit und Jugend in Herz und Seele manifestieren können. Da hilft keine Leberspülung mit Klosterfrau Melissengeist, kein Salbeirauch und auch keine Schweinehaxe mit Knoblauchpudding bei rechtsdrehendem Mondschein - was sich auch immer vor dreißig, vierzig Jahren den Weg in die leerstehende Aussichtsplattform in meinem Kopf gebohrt hat, lebt dort auch Jahrzehnte später zumeist immer noch mietfrei und schmiert mir zum Dank die schöne Fensterfront mit AA voll. Mit anderen Worten: wäre ich vor zehn oder fünfzehn Jahren auf die Idee gekommen, mir eine Liste mit den 200 besten Platten der 1990er auszuschnapsen, dann wären White Zombie auch dann nicht darin aufgetaucht, hätte ich aus der 2 eine 5 gemacht. Es kann viel Arbeit machen, sich zu öffnen.

Und ich möchte dann folgerichtig offen sprechen, auch wenn man mir anschließend vorwerfen kann, ein bisschen zu tief ins Glas mit dem Schwachstrom geschaut zu haben: ich war Rockhard-Leser. Und kein Visons-Leser. Es zählt nicht zu den schönsten Momenten des Lebens, das zuzugeben, aber wenn das soziale Umfeld, sofern man eines hat, ansonsten nur die Pet Shop Boys hört (wir berichteten) oder sich von "Freund Speckbulette und seiner schielenden Klobürste" (Kalkofe über Klaus & Klaus) eine Coverversion von "Cotton Eye Joe" vorsingen lässt, um sich dabei vor Freude einen Magendurchbruch zu ertanzen, dann liest man sehr genau mit, wenn Götz Kühnemosh und Sexdög Albrecht ins knallige Metalmagazin aus Dortmund Sachen reinschreiben, von denen man denken könnte, sie seien irgendwie....richtig?! Ich habe genau damit mein kleines und großes Metal-Einmaleins gelernt, irgendeine dick angerührte Suppe aus 'ner Stange Authentizität, zwei Kannen Loyalität, eine Prise Opferpathos und 42 Blätter vom Ichhassediemoderneweltbusch - und selbst wenn die neue Grave Digger-LP von Chris Bolzenstahl-Kahlenbolz so klingt, als hätte ein betäubtes Faultier Flatulenz: IMMER NOCH BESSER ALS DIESE GEHYPTE PISSE VON WHITE ZOMBIE, DiE uNsEeEn MeTaL zErStÖrT. 

Nun ist's neben meiner eingeschränkten Medienkompetenz aber auch so, dass bei White Zombie ein paar Faktoren ins Spiel kamen, die mir vor dreißig Jahren einfach schwer im Magen lagen. Zum einen wusste ich, dass die Band Anfang der 90er Jahre sowohl ihren Sound als auch ihr Image deutlich veränderten - und schwupps!, wurde damit aus der jahrelang weitgehend unbekannten Noiserock-Undergroundband aus New York ein weltweit erfolgreiches Phänomen auf einem Majorlabel. Ich habe keinerlei Interesse an Missgunst, bitte: jeder Ruhm und alles Geld dieser Erde an Musiker. Aber ich habe durchaus ein Interesse daran, designte Industriehypes erkennen zu können, das gibt nämlich Abzüge in der Authentizitätswertung - ob es tatsächlich so zutrug. spielte dabei keine Rolle. Fakten waren unwichtig; das Gefühl, dass es so gewesen sein könnte, reichte damals aus, um Abstand zu halten. Zum anderen war ich mental meilenweit von dieser Szene entfernt; alles zu breitbeinig, zu laut, zu macho, zu exzentrisch, zu aufgesetzt, zu orchestriert - und gleichzeitig war es auch einfach Trash. White Trash. Ich dachte mal ein paar Jahre lang, White Zombie seien die Kid Rock-Version von Ministry. 

"Ein Mann wird kälter." (Stefan Gärtner)

….kälter und älter. Und wenigstens mit dem Alter erhalten ganz allmählich Bewusstsein, Reflektion und Anschauung Einzug in die Gemächer der Denkmurmel, und wenn's ganz gut läuft, lassen sich die schlimmsten geistigen Fehlhaltungen auf dem Weg ins Gerontenheim noch irgendwie korrigieren. Das bedeutet nicht, später auch noch wirklich der allerpeinlichsten Scheiße die Absolution zu erteilen - Limp Bizkit, lol - aber es kommt der Moment, an dem die in der Eisenzeit und unter Hormonschwankungen gemachten Einlassungen mit ein bisschen Ab- und Anstand immerhin überprüft werden können. 

White Zombie wurden von der Herzallerliebsten in zunächst meine und später unsere gemeinsamen vier Wände gebracht. Sie kam mit der Musik des Quartetts aus New York nicht nur früher, sondern auch an Orten in Kontakt, die wie dafür gemacht sind, einen Seelenabdruck zu hinterlassen: in der Disko. Als Frau P. also durch die Clubszene Nürnbergs, Fürths und Erlangens flipperte, liefen White Zombie in jeder Zappelbude am Anschlag, manchmal auch gleich mehrfach am Abend, weil der DJ wusste: wenn ich White Zombie spiele, ist die Tanzfläche voll. Das ist weder Zufall noch Überraschung. Die beiden erfolgreichen, großen White Zombie-Alben "La Sexorcisto: Devil Music Vol.1" (1992) und eben "Astrocreep 2000" (1995) MUSS man laut hören, das ist im Prinzip ihre komplette Raison d'être. Rob Zombie fand nach langen Jahren des Experimentierens endlich den Sweetspot für diese Band: Riffs, Riffs, Riffs und Groove, Groove, Groove. Egal, wie groß die imaginierte Abneigung auch sein mag: wenn Du Hits wie "Thunder Kiss 65" oder "More Human Than Human" mit 130dB im Club hörst, werden sich mindestens Dein Kopf und Dein Fuß im Takt bewegen, ob Du willst oder nicht. Dazu gab es für die Außenwirkung mittels ausgefallener Frisuren und Klamotten Charaktere in der Band, die einerseits aussahen, als seien sie einem Alien-Space-Western aus der Zukunft entsprungen und die andererseits über die Identifikation, und sei es nur jene mit dem damaligen Zeitgeist, den Fans eine emotionale Verbindung lieferten.

Obwohl sich freilich ein paar deutliche Industrial-Elemente in ihrem Sound zeigten, das Mechanische, Stampfende im Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Gitarre, ein paar ausgesuchte Sample-Spielereien und die praktisch in jeden Winkel ihrer Musik eingebaute Monotonie, klangen White Zombie nicht kalt und abweisend, es ließ sich im Gegenteil der Schweiß riechen. Im Rückblick liegt man vermutlich nicht meilenweit daneben, die Behauptung aufzustellen, dass White Zombie viel mehr Rock'n'Roll und Heavy Metal waren, als man ihnen damals zugestehen wollte. Oder besser: "durfte", denn wer eine Band in den neunziger Jahren als Metalband ohne den Zusatz "New-" vermarkten wollte, hätte sein Geld auch gleich in die nächste Müllverbrennungsanlage bringen können. Das abseits der einfach unglaublich gut funktionierenden Songs dickste Brett der Band im Allgemeinen und "Astro-Creep: 2000" im Besonderen ist ihr Sound, und das wird sogar noch ein bisschen eindrücklicher, wenn wir uns vergegenwärtigen, über eine Produktion aus dem Jahr 1995 zu sprechen. Terry Date, der für Bands wie Deftones, Metal Church, Overkill, Slayer, Mindfunk und Prong arbeitete und in diesem Rahmen für einige der herausragendsten Produktionen aller Zeiten verantwortlich ist, hat sich auf "Astro-Creep: 2000" selbst übertroffen und den Vibe der Songs sowie der ganzen Band auf den Punkt getroffen: intensiv, dicht, modern, ungemein drückend und heavy, dabei aber trotzdem, vor allem im Vergleich mit den mittlerweile leider etablierten Soundstandards, überraschend schlank und ungemein effizient. Eine echte Sensation. Jede Metalband, die in den letzten zwanzig Jahren mit ihrer hoffnungslos unterproduzierten und hohlen Pseudo-Metalrotze dachte, besonders fett, breit und hip zu klingen, würde sich nach einem solchen Sound die Finger lecken. Wann genau sind wir eigentlich so krass falsch abgebogen?


Vinyl und so: Hallo! Kaufen Sie bitte sofort (SOFORT!) den Music On Vinyl Re-Release aus dem Jahr 2012 für um die 20 Euro und danken Sie mir später. Nicht fragen, einfach machen. Tschüss!


Weiterhören: "La Sexorcisto: Devil Music Vol. 1" (1992)




Erschienen auf Geffen Records, 1995. 


07.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #163: Seaweed - Weak (1992)




SEAWEED - WEAK


„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“ (Roger Willemsen)


Da will ich mit Schwung und Verve und veganem Heringssalat aus dem Tetra-Pack in den Rückblick auf Seaweeds Debutalbum "Weak" einsteigen, etwas vom "vergessenen Juwel", von "einer der besten Sub Pop-Platten aller Zeiten" und von "Also, dieser Endino - richtig schneidig!" schreiben und knall' stattdessen bei der Recherche frontal gegen die virtuell ausgestreckte Faust von Sänger Aaron Stauffer. Der findet "Weak" nämlich genau das: ziemlich schwach, außerdem zu schnell, zu gleichförmig und zu schlecht produziert. Sabotiert irgendwie den Punkt, den ich hier machen will; andererseits sind Musiker in Bezug auf ihre Arbeit, das weiß ich aus eigener Anschauung, nicht selten ein klitzekleines bisschen heikel. Um nicht zu sagen: komplett volldoof. Im Falle der Bewertung von "Weak" steht Stauffer immerhin recht alleine auf weiter Flur, denn für viele meiner Buddies aus der Generation X-Schicksalsgemeinde handelt es sich um Seaweeds bestes Album. 


Und gleichzeitig kann ich ein bisschen Verständnis für Stauffers Perspektive entwickeln. "Weak" ist vielleicht die punkigste Version von Grunge, die es jemals in den Katalog von Sub Pop (und darüber hinaus) schaffte, und in diesem Kontext ließe sich leicht die Frage stellen, ob das hier überhaupt noch Grunge ist, kurz nachdem wir mit Hilfe von einer Stange Zigaretten und achtzehn Liter schwarzen Kaffees darüber diskutierten, was GENAU Grunge denn überhaupt sein soll. Sowohl Geschichte als auch Rahmenbedingungen sind's jedenfalls schonmal: das Quintett aus Tacoma, Washington debutierte 1989 zunächst mit der "Inside"-Single auf Leopard Gecko, legte mit einer weiteren 7" "Deertrap" auf K nach und kam für die dritte Single "Just A Smirk" wieder zurück zu Leopard Gecko. Ihr Sound, der sich auf den Singles noch etwas langsamer und grundlegend garagiger zeigte, lockte das legendäre Label Tupelo Recordings an, das just unter anderem Nirvanas "Bleach" in Europa veröffentlicht hatte. Die dort erschienene Single-Zusammenstellung "Seaweed" ließ wiederum Sub Pop hellhörig werden, wo die Band im Jahr 1991 dann mit "Despised" debutierte. Weil sich Label und Band nicht auf das Format einigen konnten, Sub Pop wollten eine 7"-Single, Seaweed hingegen wollten ein Album aufnehmen, beschloss man kurzerhand, "Despised" offiziell als EP zu führen - bei einer Spielzeit von 28 Minuten scheint man sich hier allerdings an der Grenze zur Haarspalterei zu bewegen. "Despised", streng genommen auch eine Compilation, weil man u.a. Songs von Tupelo's "Seaweed" verwertete (was Tupelo wenig überraschend zum Ausflippen brachte), wurde von Jack Endino in dessen Studio Reciprocal Recording produziert und bietet Garagenrock, der sich in diesem besonderen Grunge-Sweetspot zwischen unprätentiösem Geschrammel und tighter Heaviness bewegt. Kennt und liebt jeder, wer sich mental eher im pre-"Nevermind"-Club mit Lederjacke, Bier und Marlboro zu Hause fühlt. 


1992 schlug dann die Stunde für das erste, wirklich offizielle Album "Weak" - mit einer genau 2 Minuten längeren Spielzeit als die EP "Despised", go figure! Tatsächlich präsentierten sich Seaweed mit einem neuen Soundbild: sie waren wirklich deutlich schneller als zuvor und erinnerten mich damit seit jeher ein bisschen an die ersten Alben der kanadischen Punkband Doughboys, vornehmlich weil eine neue Wurschtigkeit Einzug in ihr Spiel gefunden hatte, ein bisschen etwas außer Kontrolle geratenes, das man nicht aufhalten will. Besonders in diesem Zusammenhang ist eine neue Freiheit an den Gitarren wahrnehmbar, die hier schon die Weichen auf das zu stellen scheint, was auf ihren späteren Alben, vor allem auf den beiden direkten Nachfolgern "Four" und "Spanaway", als klare Post Hardcore-Merkmale erkennbar werden sollte, mit ungewöhnlichen Akkordfolgen, ein bisschen Dissonanz und dem Mut zum knarzigen Ausreißerton. Die erneut von Jack Endino, dieses Mal aber außerhalb dessen Komfortzone in den Bear Creek Studios in Woodinville geleitete Produktion, von Aaron Stauffer mit den Worten "really poor" ordentlich gedisst und außerdem mit dem Zusatz versehen, Endino hätte abseits seines eigenen Studios Probleme gehabt, seine Produktionsroutinen erfolgreich zur Anwendung zu bringen, hat gleichfalls großen Anteil am veränderten Klangbild der Band. Die Kritik am Sound von "Weak" ist immer wieder mal aufzuschnappen, aber ich teile sie nicht. Für mich hört es sich eher so an, als wäre Endinos Soundauswahl keine technische Limitierung, sondern vielmehr eine bewusste Entscheidung, eine Reaktion auf den neuen Vibe dieser Songs gewesen. Das dicke, sludgy Fundament, das seine frühen Produktionen in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren im Allgemeinen prägte, ist hier kaum auffindbar. Und mit Verlaub, das ist gut so. Dafür klingt "Weak" schlanker, schärfer, klarer - was den Songs damit genau den benötigten Raum zur Entfaltung gibt. It's not a bug, it's a feature!


An meiner Beurteilung von "Weak" zeigt sich darüber hinaus erneut meine ausgeprägte Schwäche für eine Musik, die ich in Ermangelung von ausreichender Kompetenz immer ein bisschen stumpf als "Bilderbuch-Indie" bezeichnet habe. Aufs erste Hör immer ein bisschen hingeschludert, offen und frei vibrierend, kompromisslos die blinden Flecken als Überzeugung ins Schaufenster stellend. Courage und Überzeugung stehen über dem Marketingplan. So hab' ich's gelernt, so wird's auf immer geliebt und umarmt. Don't you fuckin' dare calling it nostalgia. 

Viva Geschepper!




Vinyl und so: Sub Pop hat in den letzten Jahren viel Wert darauf gelegt, ihren Backkatalog nach und nach erneut auf Vinyl zu verfügbar zu machen, allerdings ging "Weak" bislang leer aus. Das US-Original auf grünem Vinyl gibt's aktuell ab 80 Euro aufwärts, die deutsche Version auf schwarzem Vinyl kostet um die 50 Euro.
 

Weiterhören: "Four" (1993), "Spanaway" (1995). Bonus: Seaweed-Sänger Aaron Stauffer ist seit 2020 bei Ghost Work aktiv, praktisch einer Indie All-Star Band mit ehemaligen Mitgliedern von Minus The Bear, Snapcase und Milemarker. Zu finden und hören --> HIER 





Erschienen auf Sub Pop, 1992.