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22.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #161: Dead Can Dance - Aion (1990)




DEAD CAN DANCE - AION


"Music is a place to take refuge. It's a sanctuary from mediocrity and boredom. It's innocent and it's a place you can lose yourself in thoughts, memories and intricacies." (Lisa Gerrard)


Dead Can Dance kamen spät in mein Leben. Als die Herzallerliebste und meine Wenigkeit sich im Dezember 1999 dazu entschlossen, fortan gemeinsam durchs Leben zu ziehen, verbrachte ich die Wochenenden der nächsten Monate zumeist in Alinas Zweieinhalbzimmerwohnung in Nürnberg. In den noch kalten und schneereichen Wintermonaten, bei Kerzenschein, Kaffee und Räucherstäbchen, versuchten wir, soviel wie möglich über uns herauszufinden und zusammenzuwachsen. Alina verbrachte bereits viele Jahre vor unserem Zusammentreffen in der schwarzen Szene, zunächst in Kiel, später dann im fränkischen Städtedreieck Nürnberg - Erlangen - Fürth, und ihre CD-Sammlung belegte das eindrucksvoll. Für mich war das eine neue Welt. Zwar waren mir die Namen vieler Bands und Musiker des Gothic- und Dark Wave-Milieus geläufig, nicht zuletzt aufgrund der bestehenden Schnittstellen mit der Metalszene, daher waren mir auch Dead Can Dance ein Begriff - auch wenn es an dieser Stelle lohnenswert ist darauf hinzuweisen, dass die beiden Gründer Lisa Gerrard und Brendan Perry in recht strenger Opposition zu der Einsortierung ins Genre des Gothic Rocks stehen. 

Ihre Musik hörte ich hingegen abseits dessen tatsächlich zum ersten Mal in einer kalten und verschneiten Dezembernacht, womit wir wieder bei der Bedeutung des "Set & Setting" angekommen wären: ich befand mich also in einer Stadt, deren mittelalterliche Architektur mit Kaiserburg, gotischen Kirchen, Fachwerkbauten und den engen, unterirdischen Felsengängen mich ohnehin schon schwer beeindruckte, war Hals über Kopf verliebt und ausnahmsweise bereit, mich künftig ohne Sicherheitsnetz auf alles Neue einzulassen. Es waren wilde, intensive Zeiten. Die musikalische Begleitung durch Dead Can Dance wurde obligatorisch. Manchmal liefen ihre Alben wie "Spleen And Ideal" und "Within The Realm Of A Dying Sun" ab meiner Ankunft am Freitagnachmittag bis zu meiner Abfahrt am frühen Montagmorgen über das gesamte Wochenende hindurch, selbst in der Nacht; höchstens hier und da mal kurz von unseren samstäglichen Besuchen in der Nürnberger Rockfabrik unterbrochen. So entstanden sehr eindrückliche, intime und bis heute unvergessene Momente mit ihrer Musik. 


In jenen Zeiten kam es dann auch zu den ersten Begegnungen mit "Aion". Das im Juni 1990 erschienene Album legte im Unterschied zu den vorangegangenen Arbeiten einen Schwerpunkt auf mittelalterliche Musik im Übergang zur Renaissance, und auch wenn man mit der Einlassung gesichertes Terrain betritt, ihrer Musik sei bereits ab Tag 1 eine sakrale, feierliche Qualität inhärent gewesen, so ist die sich auf "Aion" verstärkt zeigende Aneignung orientalischer und europäischer Volksmusik und deren Verschmelzung mit dem Mittelalter vor allem in der atmosphärischen Anschauung zu früheren Werken bestimmend. Brendan Perry äußerte sich über das Songwriting für "Aion", dass er und Gerrard über zwei Jahre hinweg nur wenig anderes als Troubadour- und Trouvère-Musik gehört hätten, eine Musikrichtung, die sich im Frankreich des 12. und 13. Jahrhunderts entwickelte und aus einer Verschmelzung europäischer weltlicher Volksmusik mit orientalischen Instrumenten und Einflüssen der Kreuzfahrer entstand.  


Als das Duo 1984 mit ihrem selbstbetitelten Debutalbum auf dem englischen Label 4AD (u.a. Heimat der Cocteau Twins und von This Mortal Coil) auf der Bildfläche erschien, wurde ihr Name schnell zum Synonym der aufkeimenden Alternative-Bewegung, die im Streben nach Authentizität den Kontrapunkt zum Mainstream der kommerziellen Musikindustrie setzen wollte. Die vor allem in England zur Mitte der 1980er Jahre sich aus dem (Post-)Punk entwickelnde Gothic-Szene mit Bands wie Bauhaus oder Christian Death konnte als fatalistische Gegenbewegung zur sich immer rasanter zeigenden Industrialisierung der modernen Welt interpretiert werden; ein Rückzugsort für alle, die sowohl von der Leere und Oberflächlichkeit, als auch der schieren Boshaftigkeit und Kälte der Neuzeit überwältigt waren. Wo weite Teile dieser Szene die abrasiven Elemente jenes Protests verstärkten und ins Groteske, Abgründige eintauchten, verschob sich der Ansatz bei Dead Can Dance hin zum Exotischen und Spirituellen. Nach der US-Amerikanischen Musikwissenschaftlerin Kirsten Yri nahmen Gerrard und Perry damit auch die ab den 1990er Jahren außerordentlich erfolgreichen Entwicklungen der Weltmusik vorweg, eine Ära, die von den gregorianischen Gesängen bei Enigma, Deep Forest und der Wiederentdeckung der Musik von Hildegard von Bingen geprägt war. Die Ablehnung der modernen Welt einerseits und der Enthusiasmus für das romantisch-idealisierte Mittealter zeigt sich darüber hinaus in Interviewaussagen der beiden Musiker. So sprach Gerrard über die zeitgenössische Gesellschaft von "einer Kultur, die unentwegt Roboter produziert". Perry, befragt zu seiner Faszination für das Mittelalter, wird wie folgt zitiert: 

"I'm very interested in medieval society because the actual structure was very simple to understand. The relation of music and religion and other aspects portrayed more Things simply. We live in a world now which is far more complex."


Das Kernstück auf "Aion" hinsichtlich der mittelalterlichen Einflüsse ist "The Song Of The Sibyl", einem im iberischen Raum seit des Mittelalters bekannten und bis heute aufgeführten Stück. 

"Der noch heute an einigen Orten in katalanischen Dialekten vorgetragene Gesang geht auf lateinische Manuskripte aus Klosterbibliotheken des 10. Jahrhunderts zurück. Diese Texte entstanden ihrerseits aus Voraussagen, von denen man im Mittelalter annahm, dass sie von antiken vorchristlichen Seherinnen stammten. (…) In ihrem Gesang sagt die Sibylle die Wiederkunft eines christlichen Erlösers und das Ende der Welt voraus. Sie betont, dass in diesen Tagen des apokalyptischen Gottesgerichtes nur die treuen Diener Gottes ohne Rücksicht auf sozialen Status belohnt, andere aber vom Zorn Gottes bestraft, wehklagen und untergehen würden." (Wikipedia)


In Kirsten Yris sehr lesenswerter Abhandlung über die seitens der Band verarbeiteten mittelalterlichen Elemente in ihrer zwischen 1988 und 1991 erschienenen Musik, wird auch auf die auffällige Nähe der Version von Dead Can Dance zu einer Aufnahme des Stücks vom Kollektiv Ars Musicae De Barcelona aus dem Jahr 1974 hingewiesen. Dead Can Dance machen jedoch zugleich Gebrauch von modernen Aufnahmetechniken und führen ihrer Interpretation mehr Hall und Echo zu, was den spirituellen Kontext des Auftritts weiter vergrößert, weil der Eindruck entsteht, man höre den Musikern beim Vortrag in einer großen Kathedrale zu. Die Wirkung des Albums ist von diesem Fokus auf Spiritualität direkt beeinflusst. Wo die gesamte ästhetische Architektur von Dead Can Dance, hier vor allem auf den ersten drei Platten, von der Bearbeitung und Darstellung überwiegend dunkler und geheimnisvoller Themen abhängig war, zieht auf "Aion" eine hellere Aura ein. Das ist kein Optimismus; sowohl Ober- als auch Untertöne ihrer Musik sind immer noch überwiegend ernst und intensiv. Aber die wahrnehmbare Transzendenz zum stärker als zuvor umrissenen Eskapismus entledigt sich dem Druck, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit. Für mich ist "Aion" damit der Abschluss jener mit "The Serpent's Egg" (1988) eingeleiteten transzendentalen Ära und außerdem ihr letztes wirklich herausragendes Werk.   
 


Vinyl und so: Der nerdige (und nervige) Teil meiner Existenz möchte ganz grundsätzlich zu einer gut erhaltenen Originalausgabe des Albums raten, zumal man sich preislich im Vergleich zum Reissue aus dem Jahr 2017 erfreulicherweise nichts nimmt, beide Optionen kosten aktuell um die 20 Euro. Zugleich gebe ich zu Protokoll, dass die 2017er Nachpressungen offensichtlich von guter Klang- und Pressqualität sind. 


Weiterhören: "Dead Can Dance" (1984), "Spleen And Ideal" (1985), "Within The Realm Of A Dying Sun" (1987), "The Serpent's Egg" (1988) 





Erschienen auf 4AD, 1990. 


20.09.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #180: Paradise Lost - Shades Of God (1992)




PARADISE LOST - SHADES OF GOD


„Ich mache mich stark für die Wiedereinführung der europäischen Gurkenkrümmungsverordnung. Das Parlament hat sie 2009 abgeschafft, weil zu viele Leute darüber gelacht haben. Ich möchte die Verordnung für den Export von deutschen Waffen, von dem es ja zur Zeit wieder sehr viel gibt, wiedereinführen. Ich will, dass jeweils zehn Zentimeter Lauf zwei Zentimeter Krümmung aufweisen müssen.“ (Martin Sonneborn)


Paradise Lost waren für mich schon immer eine schwierige Band. Mittlerweile steht außer "Shades Of God" aus dem Jahr 1992 kein einziges ihrer Alben mehr im Schrank, und offen gesagt habe ich mich nach dem 1993 erschienenen "Icon" weitgehend absentiert. Denn soviel warme Worte ich für ihren Mut aufbringen kann, ein paar Kuttenadolfs mit dem zwar sicher gut gemeinten, aber nicht wirklich gut gemachten Depeche Mode-Klon "Host" (1999) auf die Barrikaden gebracht zu haben, so unwürdig erscheint mir ihre wenige Jahre später eingeleitete Rückkehr ins Altenheim des Metal, weil's dann doch irgendwann dämmerte, dass nur die loyalen und in Teilen offensichtlich dementen Metalfans mit dem dicken und in den neunziger Jahren gewonnenen Stein im Brett diese Band künftig am Leben halten können. Ich habe im Prinzip keinerlei emotionale Bindung mehr zu Paradise Lost. 

Und doch hat all das "Shades Of God" in meiner Welt keinen Kratzer zugefügt. Platziert zwischen den zwei im Metalkanon als Klassiker geführten Werken "Gothic" (1991) und eben "Icon", erschien mir das Album dabei im Vergleich immer ein bisschen unterrepräsentiert zu sein. Bei näherer Betrachtung mag das Gründe haben, die über das Classement hinaus gehen: die Band fummelte sich einen herausfordernden Stilmix aus Doom, Thrash, Goth und Progressive Rock zusammen, der für das Jahr 1992 eine kleine Revolution war und den ich in dieser Form bis heute für ziemlich einzigartig halte. So sind vor allem die vier Longtracks "Crying For Eternity", "No Forgiveness", "Daylight Torn" und das überragende "Your Hand In Mine" monumentale, stimmungsvoll inszenierte Kompositionen mit von Schwarzlicht reich bestrahlten Melodien, so unvermittelt wie clever gesetzten Breaks und einem Nick Holmes, der tatsächlich mal sowas wie einen Charakter aus seiner Stimme herausholt, weil er sich im mutmaßlichen Sweetspot zwischen derbem Growling aus der Frühphase und dem Doom-Hetfield auf "Icon" bewegt und damit an der klanglich ausgefransten Aura des Albums perfekt andocken kann. "Shades Of God" ist ruppig und wirkt vor allem wegen der oft holzig wirkenden Schlagzeugarbeit ungewöhnlich kantig - und dennoch strömt aus diesen Songs eine äußerst anziehende Geschmeidigkeit; eine weichgezeichnete Melancholie, die mich bis heute berührt. 

Bei allem Verständnis für die Faszination, die von "Gothic" und "Icon" ausgeht, ist "Shades Of God" als Verbindungsstück, als Brücke, das tiefgründigere, vorausschauendere, zeitlosere Album. Außerdem, und das ist nicht zu unterschätzen: was für ein wunderbares Coverartwork!


Vinyl und so: "Shades Of God" ist einer jener höchst unerfreulichen Fälle, in denen die Wiederveröffentlichungen preislich mindestens auf dem Niveau der Erstpressung, wenn nicht sogar darüber liegen. Plattensammlern muss man eigentlich 24/7 eine paddeln. Die im obigen Text geäußerte Einlassung, "Shades Of God" sei "unterrepräsentiert", erfährt auch hinsichtlich der Vinyl-Verfügbarkeit Bestätigung: Die 2011 von Peaceville und 2015 von The End Records veröffentlichten Reissues liegen nicht selten im unteren dreistelligen Bereich, für ein gut erhaltenes Original reicht die Spanne von 80 bis 120 Euro. 2016 brachten Music For Nations als bis heute letzte Version eine Picture Disc heraus, die etwas günstiger ist und auch schön aussieht - aber wer hört sich eine Picture Disc an?!





Erschienen auf Music For Nations, 1992.