16.12.2018

Repress Now, Mofo! (1)


Wir kommen nach einer fantastischen Reise durch technische Probleme aus Computerhausen, die selbst so einen wie mich zum wiederholten Male daran erinnerten, dass billiger Scheißdreck einfach billiger Scheißdreck ist, der sich "im Prinzip" (Franz Beckenbauer) niemals lohnt, nun also zum ersten Teil der Sonderedition "Reissue Now, Mofo!". Lesern, denen der allseits beliebte 1990er Jahre-Overkill aus den beiden vorangegangenen Postings auf die Nerven ging - und wenn dem so sein sollte, dann sei an dieser Stelle ein satt-liebevolles "Yuck Fou!" in den noch nicht gefallenen Schnee vor ihre Haustüren gestrullt - können sich etwas entspannen und die Spekuliereisen wieder zurechtrücken.

Die Sache mit den Reissues ist nämlich auch irgendwie die des Vinyl-Hypes der letzten zehn Jahre, in deren Verlauf zwar nicht nur alte Kotze von Springsteen, Dylan und den Beatles zum dreikommaviermillionsten Mal, sondern auch so mancher Undergroundklassiker aus der musikalischen Neuzeit, also aus diesem Jahrtausend, wieder veröffentlicht wurde. Sammler, Jäger und eine im Volumen grundlegend geradewegs explodierte Zielgruppe sorgten gleichzeitig auch dafür, dass die kleinen Auflagen von 300 bis 500 Stück (1) rasend schnell ausverkauft waren und (2) wenige Tage nach dem Releasetermin für den zehnfachen Ausgabepreis auf Discogs landeten. Und wer nicht schnell genug war, der....ja, der hört sich den Mist halt auf seinen alten CD's an oder bemüht das Streaming.

Oooooooder kauft den teuren Scheiß halt trotzdem. Weil man's kann. ES IST JA AUCH ALLES GAR NICHT SO SCHLIMM, beziehungsweise eben doch. Für mich. Und vielleicht für ein paar andere Menschen auch noch.

Was die paar anderen Menschen dazu zu sagen haben, dazu kommen wir auch noch. Später.

Für den Moment mach' ich hier mal weiter. Aus dem Weg, ich bin heißer und fettiger Arzt.


Die Wahrscheinlichkeitslegende:

5: Praktisch schon auf dem Weg zum Presswerk
4: Das Glas ist halbvoll. Licht am Ende des Tunnels. Eintracht Frankfurt Internationaaaaal.
3: Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Irgendwann mal. Auf jeden Fall später. Hm.
2: Don't hold your breath, Argentina!
1: LOL, bist' deppert?






VOIVOD - THE OUTER LIMITS


Das meistgesuchte Voivod-Album auf Vinyl - und auch für mich gibt es keine andere Platte, auf die ich SO RICHTIG ARG DOLLE warte wie auf "The Outer Limits" der kanadischen Science Fiction Metal-Legende. Wer mich etwas näher kennt, weiß, wie oft ich im Beisein von Menschen, die mich danach erfreulicherweise nicht komplett für verrückt erklärt haben, in einem vernebelten Fiebertraum umhertänzelnd davon spreche, dass mir bestimmt irgendwann mal die Hauptsicherung im Dachgeschoss durchkokelt und ich irgendeine von diesen 300 Euro teuren Scheißdingern von der Erstpressung auf Discogs kaufe. Aus Finnland. Oder Brasilien. Scheiß doch auf den Hunni für Versand und Zoll, #yolo, Fucker! Veröffentlicht im Sommer 1993 in überschaubarer Vinylauflage und seitdem in einem Spiegelkabinett aus eingestampften Plattenfirmen, Anwaltskanzleien und einer Band gefangen, der es mittlerweile wohl auch ganz grundsätzlich nicht mehr so irre wichtig ist, ergeht es "The Outer Limits" ähnlich wie dem Vorgänger "Angel Rat": ich bin mir sehr sicher, dass da noch was kommt, aber es wird noch ein paar Jahre dauern. Bis dahin muss man als Fan irgendwie versuchen, die Füße still zu halten. 


Wahrscheinlichkeit 3/5




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GRACE JONES - HURRICANE


Nicht wenige hätten "Hurricane", das immer noch großartige Comebackalbum von Grace Jones aus dem Jahre 2009, wohl eher in der "First Time"-Rubrik verortet, tatsächlich gibt es aber bereits eine Schallplatte: das britische Nischenlabel The Vinyl Factory hat das Album etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung in einer Auflage von 500 Exemplaren auf Vinyl gepresst und mit allerlei geilem Schnickschnack aufgepimpt: pink-fluoreszierendes Artwork, custom made inner sleeves, beigelegte Kunstdrucke von Jones-Intimus Chris Levine, Vinylmastering von Bob Ludwig, all das auf einer alten und wahrscheinlich mundgeblasenen EMI Pressmaschine in England auf zwei 200g Scheiben gepresst und von der Diva höchstpersönlich signiert. 



Das kann man jetzt natürlich elitär, prätentiös, grotesk, größenwahnsinnig und nerdy as fucking fuck nennen. Und angesichts der 300 Pfund Sterling, die das Label pro Exemplar aufrief, erscheint's fast ein bisschen naheliegend. Man kann aber auch sagen: ganz schön geil! Mittlerweile liegt der mittlere Verkaufspreis bei ca. 350 Euro. Dubios: "Hurricane" hatte Anfang des Jahres 2010 sogar schon einen via Einzelhandel und Amazon festgelegten Veröffentlichungstermin für eine Vinyl-Standardversion. Ich weiß das, weil ich bereits vorbestellt hatte - nach einigen Wochen Vertrösterei wurde ich darüber informiert, dass die Veröffentlichung gestoppt sei, woran sich bis heute nichts geändert hat. Ein kleiner Silberstreif am Horizont war die 2011 erschienene "Hurricane Dub"-LP mit wuchtigen und abgedunkelten Dub-Remixes der "Hurricane" Songs in einer 500er Auflage mit umwerfendem Artwork und einer exzellenten Pressung. Hierfür müssen aktuell zwichen 120 und 150 Euro bezahlt werden. 


Wahrscheinlichkeit 1/5




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THE BRONX - THE BRONX


Das hier kann man kurz machen: "The Bronx I" ist nicht nur eines der drei besten Punkalben der letzten 20 Jahre, es ist auch bis heute ziemlich uneinholbar das beste Werk dieser kalifornischen Band - und außerdem eine meiner meistgesuchten Platten. Gleichzeitig ist es auch einer der Hauptakteure des großen Rätsels, warum so mancher Titel mit größerer Nachfrage nicht einfach als stinknormaler Reissue wenigstens mal kontinuierlich verfügbar gemacht wird. Im vorliegenden Fall erschien 2017 ein australischer Repress und im vergangenen Jahr ein neuerlicher für die Vereinigten Staaten von diesem irrwitzigen und mit unschlagbaren Hits gespickten Debut ("The Bronx II" und "The Bronx III" jeweils mit identischem Release Plan, by the way). Beide Versionen waren innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft und werden seitdem, der Originalpressung von 2003 nicht unähnlich, hoffnungslos überteuert auf Discogs angeboten. Es ist zum verrückt werden. Wenn wir jetzt nochmal 15 Jahre warten müssen, flipp! ich! aus!


Wahrscheinlichkeit 3/5





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MARK HOLLIS - MARK HOLLIS


Ein mysteriöses Werk eines mysteriösen Musikers mit exakt zwei mysteriösen Vinylveröffentlichungen. Der ehemalige Sänger von Talk Talk veröffentlichte 1998 sein beeindruckend intimes Debut - und verschwand danach (fast) vollständig von der Bildfläche. Keine Auftritte, keine Aufnahmen, keine Interviews. Einfach weg. Fünf Jahre später schob Polydor eine Vinylversion nach, die gerüchteweise durch einen Pressfehler durch verunreinigtes Vinyl-Rohmaterial der deutschen Pallas-Presswerke bis auf wenige Exemplare eingestampft wurde und aus diesem Grund sehr selten ist. Das hindert natürlich trotzdem weder die einen, im Mittel zwischen 150 und 200 Euro aufzurufen, noch die anderen daran, das auch tatsächlich zu bezahlen. Im Jahr 2011 schwang sich das New Yorker Badabing Label zu einem neuen Versuch auf und ging damit ebenfalls komplett badadingbaden: die Vinyloberfläche glich jener eines Golfballs, was zu Verzerrungen und lautem Knacksen führte, ganz zu schweigen von einem schwachen Vinylmastering, das der subtilen Dynamik dieser sehr leisen Platte nicht gerecht wurde. Und das war es seitdem. Überflüssig zu erwähnen, dass auch letztgenannte Doofie-Pressung mittlerweile zwischen 70 und 100 Euro kosten kann. Neben der Frage, ob sich künftig nochmal jemand an das Projekt "Repress" wagt, dürfen aber auch Zweifel angemeldet werden, ob "Mark Hollis" wirklich für die Vinylschallplatte gemacht und gedacht ist. Um die Frage abschließend zu beantworten, wäre indes eine fehlerfrei gepresste und perfekt gemasterte Schallplatte notwendig. Ich habe es bereits an anderer Stelle geschrieben, aber ehrlich: es kann doch wirklich nicht so fucking schwer sein?!


Wahrscheinlichkeit 2/5




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THE TEA PARTY - SPLENDOR SOLIS


Die gute Nachricht gleich zu Beginn: der Repress von "Splendor Solis", dem Debut der Tea Party, wird in den kommenden Tagen erscheinen. Die Band scheint daraus überraschenderweise ein kleines Geheimnis zu machen: auf allen offiziellen Kanälen ist kein Sterbenswörtchen über die Veröffentlichung zu finden. Ich selbst kam der Neuigkeit nur durch eine sehr verwinkelte Recherche zu dieser kleinen Serie auf die Schliche - und erhielt heute die Bestätigung von niemand geringerem als Schlagzeuger Jeff Burrows, der meine Anfrage auf seinem Instagram positiv beantwortete. "Splendor Solis" feiert in diesem Jahr den 25.Geburtstag und es scheint, als habe die Truppe, ähnlich dem 20-jährigen Jubiläum des "Transmission" Meisterwerks aus dem Jahr 2017, dem endlich Rechnung getragen. Das Debut rangiert in meiner persönlichen Tea Party Rangliste und angesichts vollendeter Klassiker wie "The Edges Of Twilight", "Triptych" und dem erwähnten "Transmission" zwar lediglich an vierter Stelle, aber ich bin, wie auch die Herzallerliebste, ernsthaft aus dem Häuschen über die Aussicht, dieses kleine Album endlich auf Schallplatte genießen zu können. Es sind neben dem Bandklassiker "Save Me" vor allem die ruhigen Töne, die bis heute Begeisterung auslösen, beispielsweise die romantischen "Midsummer Day" und "Winter Solstice" und die Ballade "In This Time". Ich kann es kaum erwarten. 

Einen Schocker hält indes auch diese Veröffentlichung bereit: die bislang aufgerufenen Vorbestellerpreise schwanken zwischen 50 und 60 Euro und liegen damit nochmal deutlich über den schon damals sehr frechen 40 Euro für "Transmission". Mir sind die Gründe dafür nicht bekannt, daher kann ich nur über einen fehlenden deutschen, oder gar europäischen Vertrieb spekulieren. Die Band existiert aus kommerziellen Gesichtspunkten gesehen praktisch nur noch in ihren beiden Hauptmärkten Kanada und Australien, wo sie bisweilen vor mehreren tausend Besuchern auftritt.


Wahrscheinlichkeit 5/5





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