Posts mit dem Label Mazzy Star werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mazzy Star werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

25.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #164: Mazzy Star - So Tonight That I Might See (1993)




MAZZY STAR - SO TONIGHT THAT I MIGHT SEE


"Leichtes Leben, Schwermetall" (Tocotronic)


Inmitten der Teenage Angst der frühen 1990er Jahre, mitten in der lauten, breitbeinigen, männlich dominierten Hochphase des Grunge und Alternative Rocks, zündeten Hope Sandoval und David Roback der Vereinzelung eine Kerze an. Paisley-Tücher verdunkeln die seit 1971 nicht mehr geputzten Fenster, ein dicker, mit Staub vollgesogener Fransenteppich erzählt Geschichten von emotionalen Tiefdruckgebieten, von übervollen Aschenbechern und umgestoßenen Rotweinflaschen. Vom gemeinsamen Rückzug. Von Schutzräumen. Hier sind wir sicher. 


In Zeiten, in denen sich vermutlich das zeigte, was in anderen Lebenslinien Pubertät genannt wird, war dieser Rückzug für mich ein Ritual. Ich war nicht offensiv kratzbürstig, ich war nicht laut. Keine angezettelten Machtkämpfe, keine öffentliche Inszenierung. Meine Revolution spielte sich im Innern ab. Und ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wüsste ich nicht ganz genau, damit eine Art Notausgang entdeckt zu haben. Denn das Laute, das Öffentliche, das Extrovertierte war mir, ob bewusst oder unbewusst, abtrainiert worden. Ich konnte es freilich immer noch empfangen, wenn es von außen in meine Welt kam. Ich mochte Krach, ich mochte Aufruhr, ich liebte den Tumult, das Konfrontative - das war meine Verbindung auf die andere Seite jener künstlich gezogenen Grenze; zur verbotenen Seite, wo einerseits Chaos und Anarchie herrschten, andererseits aber auch eine Idee davon existierte, sich selbst zu kennen. Wie fühlt es sich eigentlich an, im eigenen Ich zu sein?! 


Wer das herausfinden will, müsste dieses fremde, gesetzlose Land betreten. Und wenn das nicht geht, macht man es sich im Land der Einzelgänger gemütlich und zelebriert das Abtauchen in die eigenen vier Wände, sowohl wortwörtlich, als auch im übertragenen Sinne. Mazzy Star lieferten dafür Inspiration und Identifikation, für die Momente, in denen ich glaubte, mir nahe zu sein - und die zeitgleich die Melancholie vom Kummer abtrennten. Für jene entrückten Momente, in denen das Herz vibriert. Ihre eingekapselte Folk/Blues/Goth-Kammermusik kam über Hochebenen auf das Feld, das wir Mauerblümchen unser Zuhause nannten. Wo wir existierten. Sowohl Sandoval als auch Roback waren Individualisten, die sich in Musik verlieren konnten, stundenlang, tagelang. World off, Music on. Beide hatten Verbindungen zur in den 1980er Jahren aufblühenden "Paisley Underground"-Bewegung in Los Angeles, eine Szene um Bands wie Rain Parade oder The Dream Syndicate, die den Psychedelic Pop aus den sechziger Jahren wiederbelebten. Roback als aktives Mitglied bei Rain Parade, während Sandoval sich nachts heimlich in die Konzerte in den angesagten Clubs schlich. Das Zusammentreffen dieser zwei Sonderlinge gerät zur Meisterklasse der Intuition, beide bewegen sich in einem gemeinsamen Mikrokosmos, beide spüren diese Musik, kennen ihr Fundament, ihre Geschichte - und ihre Richtung. Das wird paradoxerweise vor allem in jenen Momenten deutlich, die so zerfranst und schwebend sind, dass ihnen jeder Boden unter den Füßen zu fehlen scheint: "Mary Of Silence" ist eine pechschwarze Seance, reduziert auf zwei wie in Trance gespielten Bassläufe, einem mysteriös durch den Raum gleitenden Orgelakkord, zerschlissenem Gitarrenfeedback und Sandovals entrückt wirkenden, außerweltlichem Vortrag über verzehrende Sehnsucht nach Verbindung: Oh Mary of silence, You pick my heart with a smile / Oh sweet Mary, Come inside for a while / Help me get a hold on you, Or I look in the night / I thought of myself beside you, Take me into your Skin. 


Im über sieben Minuten dauernden Titelsong verfolgen Mazzy Star einen ähnlichen Ansatz und channeln über ein hypnotisierendes Riff nebst stimmungsvollen Schellen und schamanischem Trommeln eine Art 60's Folk Version von Dead Can Dance auf Psilocybin. Alles fiept, alles zwitschert, alles zischelt. Sandoval's Stimme klingt hier wie eine Heimsuchung, wie ein Geist aus einer anderen Dimension. Bei "Into Dust", dem am spärlichsten arrangierten Stück des Albums, singt Sandoval lediglich über eine gezupfte Akustikgitarre vom Untergang der Liebe, und eigentlich ist man hier in all der Dürre, all der Verwahrlosung final am Nullpunkt angekommen - und doch versucht die zerbrechliche Schönheit und Eleganz, sich den Weg durch dieses abgründige Zwielicht zu bahnen und die Oberhand zu gewinnen. Es ist Ergebenheit und Kapitulation in einem.  


"So Tonight That I Might See" wurde zum melancholischen Resonanzraum für die Entdeckung der eigenen Identität - und damit zugleich eine Grenzerfahrung; im besten Fall vielleicht sogar eine Grenzerweiterung. Weil man erkannte, wie sehr sich das Leben selbst dann vertiefte, wenn es in der inneren Anschauung verschwand. 



Vinyl und so: Die Verfügbarkeit des Albums auf Schallplatte ist auch im Jahr 2026 gesichert, denn was sich verkauft, wird schließlich auch gepresst. Die Pressqualität scheint indes stark zu variieren. Meine Version von 2017 (180g, schwarz) klingt großartig und hat weder Probleme mit verbogenem Vinyl noch mit Hintergrundrauschen. Die zuletzt veröffentlichte Version im Rahmen des Record Store Day kommt auf wirklich wunderbar aussehenden Purple und Black Smoke Vinyl, soll aber immerhin vereinzelt die eben genannten Probleme haben. Für 25 bis 35 Euro hat man jedenfalls in jedem Fall eine neue Mitbewohnerin.



Weiterhören: "Among My Swan" (1996)





Erschienen auf Capitol Records, 1993.