STEREOLAB - TRANSIENT RANDOM-NOISE BURSTS WITH ANNOUNCEMENTS
In Erinnerung an Mary Hansen (1966 - 2002)
Guten Tag zusammen, hier ist Werner Schulze-Erdel, ein herzliches Willkommen bei einer neuen Ausgabe von Familienduell. Auch heute treten wieder zwei Familien gegeneinander an und versuchen mit der höchsten Punktzahl ins Finale einzuziehen. Wir begrüßen Familie Bratwurst aus Erfurt *applaus* und natürlich unsere Titelverteidiger vom letzten Mal Familie Sack aus Gesicht am Rhein *gelächter**applaus*. Jetzt geht's los, starten wir gleich mit der ersten Runde.
Gesucht werden die sechs häufigsten Antworten. Wir haben einhundert Personen gefragt: Welches Wort fasst am besten die musikalischen Strömungen der 1990er Jahre zusammen?
*UMPF* - "Heinrich war am schnellsten, Deine Antwort!" - "Innovation" - "Heinrich sagt: Innovation."
*blingblingblingblingbling* - "Joaaaaa, auf Platz 3 der meistgenannten Antworten, nicht schlecht. Angelika kann das aber mit ihrer Antwort schlagen - Angelika, wie lautet Deine Antwort?" -"Vielseitigkeit" - "Angelika sagt "Vielseitigkeit". Schauen wir mal."
*blingblingblingblingbling* - "Oooooh, Platz 1, sehr gut - dann geht's jetzt mit der Familie Sack auf in die nächste Runde!"
Korbinian, Du bist gerade erst 37 Jahre alt geworden und spielst in Deiner Freizeit am liebsten mit den Unterhosen Deiner Oma. Wir spielen jetzt mit Dir weiter. Biste aufgeregt? Musste nicht, wir sind hier alles Familie, ehehehe. Also: Gesucht werden nun die fünf am häufigsten genannten Antworten auf die folgende Frage; einhundert Personen haben wir wieder gefragt: Welche Band oder welches Musikprojekt verkörperte in den 1990er Jahren Innovation und Vielseitigkeit in ihrer Wahrnehmung am besten? - uuuund die Zeit läuft!
"Hmmmm…." - "Jetzt aber schnell, Korbinian - die Zeit läuft." "Mmmhhhmmmm…." - "KORBINIAN...."
- "STEREOLAB!"
Korbinian sagt "Stereolab" - *blingblingblingblingbling* - "OOOOOHHHH - Stereolab auf Platz 1 bis 5 - damit gewinnt Familie Sack den goldenen Plattenspieler vom Fass, herzlichen Glückwunsch! Liebe Zuschauer, das war's für heute, schalten sie demnächst auch bloß nicht wieder ein. Tschüss!
*zu Korbinian* "Sag mal, hast Du noch so eine Unterho *sendeschluss*
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Ich vergesse immer ein bisschen, wie viele große, populäre Trends in den 90er Jahren außerhalb der von mir bewohnten Alternative-Bubble noch ins gesellschaftliche Kollektiv- und Konsensbewusstsein einbrachen und damit jene kulturellen Weichen stellten, die bis heute für Transport und Kommunikation neuer musikalischer Entwicklungen Verwendung finden - Techno und House, RnB und Hip Hop, Britpop und Eurodance - und wenn wir ein Stockwerk runterfahren und ganz kühn sein wollen, fügen wir noch Postrock hinzu - transformierten die ehemals kruden Anfänge der häufig nicht mal abgesteckten Genres in Massenphänomene und schufen damit nicht nur global wirkende Identifikationsräume, sondern damit auch zwangsläufig ein hochdiversifiziertes Ökosystem von Subkulturen. Mir ist schon klar, dass derlei Verkürzungen für Organschäden und Wutausbrüche bei meinen Leserinnen und Lesern sorgen können, aber wir sind hier ja auch nicht in einer von Teddy Adornos Vorlesungen, sondern auf einem Deppenblog aus Deppenheim, dessen Depp vom Dienst gerade manisch damit kämpft, diese einigermaßen unerklärliche Band zu dechiffrieren.
Denn die 1990 von Tim Gane (Gitarre und Keyboard) und Lætitia Sadier (Gesang, Keyboard und Gitarre) in London gegründeten Stereolab sind ein Universalphänomen. Im Opener "Tone Burst" klingt's, als würden Sonic Youth im frühen 20.Jahrhundert die Monster & Mutanten-Show eines Jahrmarkts musikalisch begleiten, im Hit "Pack Yr Romantic Mind" nehmen Stereolab gleich eine Handvoll Postrock Alben aus Chicago vorweg, in "Golden Ball" schrauben sich Velvet Underground - mit Nico, klar - und die Frühneunziger-Ausgabe von Monster Magnet gemeinsam ins Nirvana, nachdem alle eine Opium-Hochdosistherapie ins Frühstück gemischt bekamen. Der über 18-minütige Frontalangriff "Jenny Ondioline" versammelt bei fast durchgängig und stoisch durchgepeitschtem Uptempo alle großen Hypnoseartisten unserer Zeit, angefangen bei My Bloody Valentine über Sonic Youth und Neu! bis hin zu The Cure, gönnt sich aber mit Sadier's französisch-englischem Kauderwelsch melodisch sehr eindrücklich inszenierte Pop-Momente, die den dunklen Vibe des Songs immer wieder brechen.
Eigentlich bekommt man das alles nicht so richtig auf die Reihe, diesen Wahnsinn aus dieser albern zischenden Farfisaorgel, dem das ganze Werk durchziehenden kosmischen Retro-Futurismus, den kantigen Gitarrenrock, den naiv-kindlichen Pop-Gesang der beiden Sängerinnen Sadier und Mary Hansen, bei dem man sowieso stets ins Zaudern gerät, ob hier Distanz oder Zugang entstehen soll. Und obwohl hier eigentlich alles "NEUNZIGER!" kreischt, das experimentelle Element, die Courage, die Unberechenbarkeit, die Slacker-Attitüde und nicht zuletzt auch das Coverartwork, hat "Transient Random-Noise Bursts With Announcements" auch 32 Jahre später seinen Biss nicht verloren - zeigt es doch auf geradewegs schockierende Weise, wie viel Innovation, Diversität und mit Verlaub: Aufbruchstimmung wir in den letzten Jahrzehnten an die Gleichmacher verloren haben. Sowas darf einfach nicht in Vergessenheit geraten.
Vinyl und so: Warp hat 2019 insgesamt sieben Stereolab Alben als Deluxe-Editionen wiederveröffentlicht, darunter auch "Transient Random-Noise Bursts With Announcements". Die 2019er Version kommt als Dreifach-LP im Gatefold mit dickem PP-Sleeve und großem Poster und beinhaltet neben der Originalversion des Albums auch noch alternative Songversionen, Demos und bislang unveröffentlichte Mixe. Diese Ausgabe ist noch für um die 35 bis 40 Euro zu bekommen. Im Februar 2025 hat WARP mit einem neuen Reissue nachgelegt, dieses Mal allerdings ohne die Deluxe-Zusätze. Auch hierfür sollten 35 bis 40 Euro einkalkuliert werden. Ich selbst habe erstgenannte Version und halte sie für eine sehr empfehlenswerte Anschaffung.
Weiterhören: "Emperor Tomato Ketchup" (1996), "Dots And Loops" (1997)
Erschienen auf Duophonic Ultra High Frequency Disks/Elektra, 1993.

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